Westpol

Essay in Form eines Romans von Timm Wagenführ

Achtung beim Lesen: ВЫ ВЫЕЗЖАЕТЕ ИЗ АМЕРИКАНСКОГО СЕКТОРА

Prolog

Dr. Öhrlein stellt vor.

Ehe ich zu meinem eigentlichen Anliegen komme, erscheinen mir ein paar instruierende Worte für den geneigten Leser angebracht; denn zu seinem Verständnis muss er die Vorgeschichte kennen, die mich damals zu meinen Tagebuchaufzeichnungen veranlasst hat, auf die ich dann zurückkommen will.

Aber noch davor etwas über meine Schreibart. Ich werde durch das ganze Buch hindurch »am Ball bleiben« und ab und zu meinen (extra–) Senf dazugeben! Das hat sich inhaltlich als vorteilhaft erwiesen, weil ich ja nicht einfach Begebenheiten aneinanderreihen will, sondern dem Geist, allgemein und dem unter den Bewohnern meines »Webbhauses« nachspüren werde. Dazu will ich mir angewöhnen, kleiner und kursiv zu schreiben und am rechten Rand, wie hier. Der Leser möge sich nicht dadurch befremden lassen!

Einfach zitieren werde ich meine Aufzeichnungen wohl auch nicht mehr können, denn sie waren aus einem bestimmten Grunde – dem Nachspüren des Geistes, besonders in einer Gesellschaft – nur für mich selbst geschrieben und unter ganz anderen Voraussetzungen als nun, nachdem soviel Unvorhergesehenes passiert ist. Aber ich will alles der Reihe nach auseinandersetzen.

Ich bin Dr. Herrmann Öhrlein, amerikanischer Arzt für Allgemeinmedizin seit mehreren Jahrzehnten, zur Zeit der Anfänge des hier Beschriebenen mit bescheidener Praxis in N., einer kleinen Universitätsstadt im Osten der Vereinigten Staaten, aber geborener Deutscher. Gleich einmal zur Richtigstellung: Ich bin nur »M.D.« hinter den Namen zu setzen, »medical doctor«, nicht der deutsche »Dr. med.« der komplizierter ist und eine extra Doktorarbeit mit entsprechender Prüfung in Deutschland erfordert. Aber ich habe mein Studium in der Bundesrepublik, dem damaligen Westdeutschland, genauer an der »Freien.Universität« in Westberlin, meiner Heimatstadt, mit dem deutschen Staatsexamen abgeschlossen. Das war noch die Zeit, wo es hieß:

Lieb’ Vaterland, magst traurig syn, fest steht die Mauer in Berlin!

Ja, über die politischen Hintergründe und Begebenheiten, die in mein Leben hineinspielten, wird auch viel Gedankliches und Vorschlägiges in meine Blätter fließen..

Ich bin dann, noch gegen Ende meiner Facharzt-Ausbildungszeit in Chirurgie, ausgewandert, und war zu meiner Überraschung und Enttäuschung gezwungen, quasi von vorne anzufangen, zumindest mit der Facharzt-Ausbildung nach der allgemeinen Lizenzprüfung, die mich erst befähigte, wieder als Arzt tätig zu werden und endlich wieder etwas Geld zu verdienen. Es strömten nämlich um diese Zeit, gegen das abzusehende Ende des Vietnamkrieges unzählige vietnamesische Mediziner nach USA; und der Gerechtigkeit wegen musste die amerikanische Gesetzgebung eine striktere Kontrolle, zusätzliche Ausbildung und Prüfungen – selbst erst für eine Lizenz zur Ausübung des Arztberufes überhaupt – zur Pflicht für ausländische »Graduates« machen, und dann natürlich für alle, gleich welchen Herkunftlandes.

All die schwierigen Prüfungen, zunächst keine Arbeits- und Broterwerbsmöglichkeit und damit verbundene Humiliationen, das alles ist mir durchaus nicht leicht gefallen. Einmal hat man natürlich die Tausende Einzelheiten vergessen, zum anderen wächst die Medizin ja schon monatlich beträchtlich an. Ich habe Vieles, z.B. nur die neuen Entdeckungen über die Antikörper-Globuline, dann erst zum erstenmal kennengelernt. Zum dritten, und ganz besonders enttäuschend und ärgerlich, bestehen all die Prüfungen, zunächst auch nur die grundsätzlichen zur ärztlichen Lizenz, aus den berüchtigten »multiple choice« Fragen, die man gewöhnt sein muss und die dazu zu Missverständnissen Anlass geben, aber unanfechtbar gehalten werden.

Ausgewandert bin ich – in dem naiven Glauben, dass ich schon »wer« sei und eine abgeschlossene hochgeachtete Berufsausbildung besäße – zunächst einmal wegen Lucia aus Argentinien, meiner da noch neuen Ehefrau, die mir zuliebe wohl Deutsch gelernt hatte, aber natürlich mit Akzent sprach, und nun im damaligen Westdeutschland als »türkische Gastarbeiterin« erstaunlich unfair und schlecht behandelt wurde. Ihre Ausbildung hatte sie in einem Bible-College in USA erhalten; und ich hatte sie in einer amerikanischen Missionsgesellschaft kennengelernt, der ich mich für ein Jahr angeschlossen hatte. Sie fühle sich in USA viel wohler, hatte sie erklärt, »wo man ein Mensch sein dürfe, egal, von welchem Hintergrund«. – »Das merk’ ich!« hatte ich leicht sarkastisch erwidert, »besonders an dieser Mission.« (die uns beiden legalistisch und nun auch zu stur und voreingenommen geworden war.) Darauf sie: »Amerika ist nicht diese Mission!«

Aber sie irrte sich doch, wie ich zu meinem Kummer später feststellen musste. Diese Mission war Amerika, typisch und unverwechselbar und allgemein immer vom selben Geist! Wir befanden uns schon damals wohl alle, und nicht nur das Ehepaar Öhrlein – und ich fürchte, für viele noch nicht ernüchterte Deutsche wohl durchaus bis heute – in süßen Illusionen, was Amerika betrifft!

Ein anderer viel weniger bedeutender Grund zur Auswanderung, mir selbst damals wohl nicht voll eingestanden, war die Eitelkeit wegen meines immer belächelten Familiennamens, über den es schon in meiner Studentenzeit hieß, ich habe nun wohl eine gewisse Verpflichtung zur Oto-Rhino-Laryngologie! Ich habe dieses Fach auch zur Facharztausbildung erwogen, schon wegen des Werbeeffektes als der praktizierender Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. Öhrlein, fand es aber bei allem mir doch nicht zusagend.

Übrigens habe ich, seit ich Christ wurde, diesen meinen Familiennamen auch als einen Auftrag verstanden.

Also da gibt es das äußere Ohr, die Muschel, Stufe 1. Dann das Innerohr mit der Trochlea, Stufe 2, alles noch physikalisch der Schallleitung gewidmet. Nun aber, Stufe 3, heißt Wernickezentrum nach dem deutschen Entdecker. Das ist der Teil im Cortex, dem bewussten Computer in unserem Gehirn, wo die Schallsignale in artikulierte Begriffe übersetzt werden. Nehmen wir mal den Satz:

Ein Mensch, der Christ wird, muss von neuem geboren werden.

Bei Wernicke verstehen wir die Wörter als Sinn-Assoziationen. Unter der deutschen Besatzung Frankreichs blühte natürlich Spionage und Counterspionage. Unter anderem wurden Radioaussagen zur Geheimübertragung benutzt. Erklang also mehrmals am Tag der Satz: »Die Katze fängt heute Ölsardinen.«, so »verstand« jeder die einzelnen Wörter, aber nicht den Sinn dahinter, oder vieleicht soviel davon, dass eine verschlüsselte Spionageinformation zu vermuten war. Noch höher als Wernicke müssen wir Stufe 4 einsetzen, auch ohne zu wissen, was da genau geschieht, und wo im Gehirn wir ihre Behausung zu denken haben. Stufe 4, oft erst nach langem Nachdenken, entziffert die Allegorie für uns, die Sprache Jesu!

Jeschua meint nämlich immer noch etwas viel Tieferes, das wir hören sollen, wo nun auch Herr Wernicke nichts mehr nützt. Und da nun hilft der Geist. Ohne ihn können wir den Satz erfassen und etwa wiederholen, aber noch nicht richtig voll begreifen.

Eine Auswanderung in ein angelsächsisches Sprachgebiet würde nun das »Öhrlein« als solches nicht mehr erkennen lassen, nicht den allegorischen Auftrag, aber auch nicht diese lächerliche Verkleinerungs- und Verniedlichungsform! Mit diesem Gedanken habe ich auch mehr als richtig getroffen, denn nicht nur ist die Lächerlichkeit verschwunden, sondern ihre Aussprache meines Namens, »Orlin«, erinnert an etwas für sie Vornehmes aus der Alten Welt, sie denken wohl an das ursprünglich französische New Orleans dabei. Natürlich macht ihnen die Schreibweise des vermeintlichen i-Lautes dabei nicht das geringste Kopfzerbrechen! E, ee, ie, ei, oder gar ea sind ihnen alle einerlei! Alles geht, nur gerade das I selbst nicht, das wird zu einem Diphthong »Ai«, außer wenn ganz kurz!

Dazu stelle ich mir eine dicke amerikanische Küchenmamsell vor in einer mehr drittklassigen Speisestätte. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt und greift mit der allerdings plastik-behandschuhten Hand in einen Bottich mit »Sour kraut« und klatscht uns eine Portion auf den Teller. Da! Nun friss! Etwa wie beim Barras (den ich aber weder hier noch in der Heimat als West-Berliner durchzumachen hatte) in der Kleiderkammer: »Da, passt!« Ebenso werden Buchstaben einfach Mit-der-Hand-ins-Fass ergriffen: Da, nun mach dir was draus! Und frag nicht etwa nach richtiger Reihenfolge oder auch nur Buchstabenanzahl! Sie rühmen sich gar noch dieses Mangels! Da halten mir zwei »Linguisten« ein Schriftchen vor, in der jedes Wort nur noch Anfangs- und Endbuchstaben richtig hat, alle anderen des Wortes durcheinander. „Siehst du, unser Gehirn kann dennoch sofort richtg zusammenkombinieren, die Reihenfolge ist ganz unwichtig!« Sie irren! Bei Namen gibt es immer kleine Katastrophen!

Es macht ihnen gar nichts, in einer öffentlichen Stätte, etwa dieser drittklassigen Speisestätte, ein Pappschild anzubringen:

Tiolette to the right

Es merkt oder bemerkt die falsche Toilette auch keiner, genau wie bei Wörtern mit ie oder ei, wo ihnen ein möglicher Unterschied gar nicht erst in den Sinn kommt. Würste werden zum Beispiel fast nie als solche bezeichnet, sondern etwa »Frankfurters, Brownschwigers, Hot Dogs, Knockwurst, Kilbasa«, ja, und eben »Weiner«, aber eben oft auch mal zufällig richtig »Wiener« geschrieben! Es macht gar nichts, den Unterschied sieht oder beachtet einfach niemand.

Überhaupt sind im heutigen Alltags-Amerikanisch so viele Ungereimtheiten, soviel angesammeltes Gemüll, dass für mein preußisches Ermessen mal ein gründliches Großreinemachen und Abschneiden alter Zöpfe angezeigt wäre.Nehmen wir nur mal jeden einzelnen unserer ursprünglich römischen geschriebenen Vokale, herrliches Erbgut der Alten, auf dem unsere ganze, zunächst einmal nur europäische, und dann doch schon: Weltkultur beruht, wiedergegeben durch mittelalterliche Mönche im lateinischen Alphabet:

A – E – I – O – U

Fast alle Sprachen haben sie und fast alle auch als solche in der Aussprache. der Mund wird ja von erst weit gestellt immer enger. Aber in USA, wohl weil es sich so brüstet, nun nicht mehr europäisch zu sein, lauten sie so:

A hat, wie man herausgefunden hat, fünf verschiedene Aussprachen. Am häufigsten wohl: E oder Ä.

E wird zu I, ausgenommen wenn kurz.

I wird ebenso, außer wenn sehr kurz, zum Diphthong: Ai

O das doch, als es vor Urzeiten als Schrift erschaffen, so schön den Mund von vorn zu seiner Bildung anzeigt, wird zu langem breitem A! Da heißt unsere deutsche, bis jetzt: Bundeshauptstadt, »Bahn« oder die japanische Automarke »Hahnda« und ein Mädchen namens Monika – »Mahnicke«!

Unsere Ursprache, das Latein, allerdings aus dem Griechischen übernommen, und eigentlich von den Phöniziern, macht ja diese Aussprach-Anweisung bis heute unverkennbar noch anderweitig klar. Das E zeigt den offenen Mund von der Seite mit Lippen und der Zunge dazwischen. B, mit den geschlossenen Lippen, ist ebenso klar, aber auch C, der geschlossene Rachen, denn es war ja ursprünglich nur ein K-Laut, F gar mit der stilisierten Unterlippe an den Oberzähnen. Unser dabei vorgestellter Sprecher schaut dabei stets nach rechts, woraus auch gleich unsere Lesrichtung ihren Ursprung preisgibt.

U endlich, auch nicht ungeschoren, setzt gar allem die Krone auf, es wird ohne jede Nowendigkeit und höchst albern zu A, auch in Fremdwörten wie »Dschiesass« oder gar dem russischen »Spatnik«,aber natürlich auch nicht immer oder etwa gar verlässlich so! »Butcher«, ur-englisch, wird ganz unmotiviert mal richtig ausgesprochen im Vergleich zu »Butler«!

Jeder Vokal wird gegen das Wortende zu, sowieso halb mutiliert zu I oder Ä: »Ogastis« für den römischen Kaiser Augustus oder »Nickelis« für Nikolaus. Am »gemeinsten«, wie sich mal ein deutscher Studienfreund beklagte, klänge ihre Aussprache des Namens Lucius.

Über diesen amerikanischen »Vokalverschleiß« und nun gar auch schon Konsonantverschleiß sollten alle wir übrigen in der Welt uns einmal gründlich klar werden, ehe wir sie so wahllos nachäffen! »Rieder« für Rita, (man beachte das erhaltene lange I, gegen all ihre verkrüppelte Übereinkunft), »Änädemi« als die Lehre des Körperbaus, Presleys: Always true, »trudujuh«, gar Sinatras »fickle frien’ the win’er win’« oder »sch« für ci beim gerade erwähnten Lucius. Wir waren damals recht ausgelassene und unreife Medizinstudenten und malten uns gleich aus, wie sie wohl einen Namen »Dyncius«, der aber zum Glück bisher noch nicht vorkommt, aussprechen würden.

Nun mag einer fragen, wie das denn mit den Zahlen sei. Ich erinnere, dass wir da arabisches Gedankengut zu unserem welt-kulturellen Grundstock gemacht haben. Aber die Idee – und das sag’ ich nun wieder im Hinblick und im Widerspruch auf die amerikanische Kultur hier – wird ebenso klar: Es geht nach Winkeln! Eins mit seinem Aufstrich (hier wird es dagegen immer ohne ihn, wie ein großes »I« geschrieben) hat also einen Winkel. Zwei, zunächst also wohl wie unser Z geschrieben (und hier hatten wir eben deswegen einen triftigen Grund, die Zahl etwas anders zu schreiben) und Drei, wie ein Sigma mit den drei Winkeln. So geht es mit einiger Phantasie weiter bis acht und neun, die Uridee noch unleugbar erkennbar. Dabei wird die Sieben, wenn unsere Annahme stimmt, quasi als ihr verbrieftes Geburtsrecht, durchaus mit dem waagerechten Querstrich durch ihren Leib geschrieben, und eben also nicht wie hier üblich ohne ihn, als eine verschlampte Eins. Dazu muss man kombinieren, dass diese Ur-Sieben vielleicht mit einem verbindenden vertikalen Strich links zwischen dem Querstrich und dem »Dach« geschrieben wurde, um auf die sieben Winkel zu kommen.

Und gar nichts? Das ist eine Null (diese mathematische Idee wohl auch von den Arabern. Ein Hindu-Arzt, mein Freund, hält sie jedoch für eine Hinduidee!) Richtig, ein Oval oder Kreis, der eben durch seine dauernden Rundungen klar macht, dass er keinen Winkel und damit keinen Zahlenwert habe. Das schließt natürlich die neueste Computernull aus, die eigentlich auch schon verbraucht ist als norwegisches »Ø« (entspricht dem deutschen Ö) mit dem schrägen Durchstrich. Aber andere Kulturen kümmern sie hier wenig. Übrigens haben wir alle damals bis heute auch alle diese Idee nicht begriffen; die Alten nannten das Jahr von Christi Geburt »0«, das gibt bis heute Schwierigkeiten der Logik; denn 0 ist ja gar kein Jahr! Also wann fängt etwa das neue Jahrtausend an? Am 1. Januar 2001. Denn ein Jahrtausend sind 1000 Jahre, das erste Jahr ist 1, daher der Name, und so weiter. Wenn aber 0 ein Jahr ist, fängt das Neue Jahrtausend schon am 1. 1. 2000 an. So will es eh‘ schon die Menge haben, mit der neuen 2 am Anfang soll auch der neue Zeitabschnitt beginnen. Dann schreibt man aber nach genau zweitausend Jahren als Datum »2001« Man lege einem Kind eine Anzahl Äpfel vor mit der Aufforderung, sie zu zählen. Wird es wohl den ersten zur Seite legen mit dem stolzen Ausruf: »Null!« ?

Und wie schreiben wir auf amerikanisch das große I, ohne zu Verwechslungen Anlass zu geben? Nun, das gerade gibt hier gute Anlässe zu jeder Art Verwechslungen! Wir schreiben das I als Römisch-Eins, mit horizontalen Strichen, sogenannten Serifs. (Dies Wort kenne ich nur auf Englisch, finde es auch noch nicht in meinen älteren deutschen Wörterbüchern, auch wenn es doch aus dem Niederländischen Schreef, Strich oder Querstrich, kommen soll.) Diese Schreibweise für »I«, also mit zwei Serifs, als römische Eins wenden wir auch an, wenn die Schrift sonst eine klare gerade, seriflose und unverzierte Blockschrift ist. Warum? Wegen des albernen I = ich, was ja als einfacher vertikaler Balken nicht auffällig genug wäre! Und das wäre nun in unserer ICH-zentrierten Kultur hier eben durchaus unstatthaft und undenkbar! Erstens, so meint man da als Neutraler von der hergebrachten europäischen Kultur, sollten sie ihr geliebtes Ich als Diphthong phonetisch richtig schreiben, also »ai«, dann brauchten sie dies stilwidrige Manöver noch weniger. Und zweitens, wer schreibt denn sich selbst allein groß, wenn schon – und diese Unverschämtheit macht ihnen meines Wissens keine Kultur oder Sprache nach – alle anderen Pronomina, he, she, we, und so weiter, klein?! Auch über den Geist dieses verkrüppelten britischen Erbes wird noch mehr zu sagen sein.

Hier berühre ich gleich ein Thema, das eine wegweisende Idee dieser Blätter darstellt: unser aller in der nun allgemein gewordenen humanistischen Geisteskonstitution wieder umso nötiger gewordene Selbsterniedrigung.

Zu allem Überfluss hat das »I«, einmal korrekt, wenn auch natürlich nie etwa zuverlässig, geschrieben als unverzierter serifloser Vertikalstrich, hier aber noch eine dritte Funktion neben der Eins und dem großen I, einen Trennungsstrich will ich gar nicht einmal erwähnen.

Wir Amerikaner sind so weit vom Zentrum, von der Mitte, vom Kulturursprung entfernt, dass unsere Kunst des Schreibens hier sehr bröckelig geworden ist, quasi im westlichen Abendnebel versunken! Ich rede nicht einmal von den bis zu zwanzig Prozent Analphabeten, etwa in den Großstadtghettos oder West-Virginien. Wir schreiben, wenn wir das überhaupt noch können, groß und klein wahllos durcheinander! Und da macht sich mein Vertikalstrich ja so schön als L, denn, klein geschrieben, sieht er ja so aus. Aber nun schreibe ich wohl mal zur Betonung alles groß. Also, schäbig und ohne Raummaß auf eine Hauswand geschmiert, steht da etwa:

HAPPY HOIIIDAYS

(Hätte er’s orthographisch richtig geschrieben, würde man »Holl-days« lesen müssen!)

»Häppi Heuidäis«! Den Sinn kann man hier besonders um die Weihnachtszeit noch erraten. Aber sie machen’s ja mit Namen genauso! Und da kann man nichts raten. Sind doch unsere Familiennamen hier aus aller Herren Ländern. Schreibt also meine Praxishilfe auf die Patientenkartei oder, besonders auf den großen Roentgenumschlag, mit der Hand nach Landessitte groß und klein wahllos durcheinander: »ElBeRt«, so weiß ich nicht, ob sie nun Elbert oder Eibert meint. Das behindert mich in meiner sowieso knappen Praxiszeit. Stell ich sie zur Rede, kommt es vorwurfsvoll: »Ich habe immer so geschrieben!« Als wenn das eine Entschuldigung oder gar Erklärung wäre. Dazu hat die Demokratie hier das natürliche Autoritätsverhältnis ruiniert, weil ja nun der kleine Mann auf Deubel komm ‘raus möglichst immer recht haben soll, komme was wolle und ohne viel Betracht, was etwa richtig sei. Also wird so eine Bemerkung von mir nicht etwa, wie in noch kultivierten Gesellschaften, gleich als Aufforderung verstanden, solch schlampige Schreibweise etwa zu lassen. Erneut aufgefordert, erscheint möglicherweise die Trotzreaktion, nun gerade, obgleich, oder gerade weil, als falsch eigentlich eingesehen, es so weiter und besonders so zu halten. Verscherze man sich hier ja nicht den Rapport zu den »kleinen Leuten«! Sie sind als Plebs, nicht nur im privaten Rufmord, sondern eben auch offiziell vor der Krankenhaus-Verwaltung oder gar vor Gericht, immer die stärkeren. So eine demokratische Jury, möglichst aus kleinen Leuten einer Minderheit bestehend, hat immer recht, ist aber andersherum geradezu der Beweis, dass es hier auf das absolute Recht kaum noch ankommt. Nun ist ja die Idee, den kleinen Mann möglichst zu fördern, gut. Aber das muss doch einmal seine Grenze haben, wenn Ordnung oder Verständnis, oder gar Wahrheit, doch jeweils das höhere Gut, dadurch bedroht sind.

Aber was kümmern sie schon Namen! Wir haben da den Nachnamen Justus nicht allzu selten. Außerdem aber gibt es mehrere Familien »Justice«, beide gleich ausgesprochen! (– ich bin versucht zu schreiben: »ausgenuschelt«). Was ist das für den hier so gepriesenen gesunden Menschenverstand für ein unerträgliches Kauderwelsch! Wie oft ist das nicht schon verwechselt worden in der landesüblichen Schlamperei! Da fragt die Angestellte etwa in der Krankenhaus-Aufnahme den Patienten nach seinem Namen. Er sagt »Dschastis«, und sie schreibt, was sie will. Sie ist wohl noch nicht lange hier? meint man, fragen zu sollen. Aber nein, die Ausländer und Neuankömmlinge sind ja die genaueren! Man lächelt wohl hinter der Hand, wenn ich in meinen Arztbrief-Diktaten jeden der beiden Namen jeweils, und alle Namen überhaupt, phonetisch ausspreche, etwa Jus-ti-ke, durchaus mit phonetischem deutschem J und I wie i. Oder »Altizer«, kaum noch zu erkennen: Althäuser !

Eine andere Qual ist die Abkürzungssucht auf möglichst immer drei absolut unverständliche Buchstaben, die dann als ein neues wenn auch nicht genau erklärbares Wort genommen werden und auch verdolmetscht oft auch annähernd nicht den Sinn enthalten! Dabei kommt es natürlich zu aller Art Fehlern, etwa Überschneidungen verschiedener Fachrichtungen mit genau denselben drei Buchstaben völlig verschiedener Bedeutung. Ebenso wird auch in noch ausgesprochenen Wörtern sinnlos gekürzt. Da führe jemand Auto »unter dem Einfluss« heißt es etwa. Das einzig wichtige Wort zum Verständnis wird gerade, wohl weil schick, weggelassen: Alkohol! Fast möchte ich mich einmal nachts am Steuer erwischen lassen und zugeben, ich sei »unter dem Einfluss« gefahren. Würde ich dann wegen Trunkenheit verknackt, protestierte ich: Was denn? Ich stand unter dem Einfluss meiner Schwiegermutter!

Auch die Ärzte stehen nicht über solchem Unsinn. Die Silben »osteo« stehen für »auf Knochen bezogen« Also, nun ist etwa Sarkom ein bösartiger Tumor. Osteosarcoma hieße ein solcher des Knochens, Knochenkrebs. Osteoporosis ist der gutartige Knochensubstanzverlust meist älterer postmenopausaler Frauen. Ebenso gibt es mindestens 20 bis 30 Zustände, die sich auf den Knochen beziehen und daher im ärztlichen Slang mit »Osteo-« anfangen. Überflüssig zu sagen, dass ich mich über Kollegen ärgere, die als Diagnose zu Patientenüberweisungen und dergleichen »Osteo« als »alles erklärende Information« schreiben, oder gar »Gastro«, auf den Magen bezogen, aber eben nicht, was nun! Die ganze grundsätzliche schon als Kind schweigend gelernte Übereinkunft einer Sprache ist hier brüchig und löcherig geworden. In der kleinen Stadt gibt es einen schon lange gepleiteten Laden »Taylor Optical«. Das ist doch erst ein Adjektiv! Ich kann doch nicht als Titel einer Kirche nichts weiter als »Rechtgläubige« schreiben, über ein Lebensmittelgeschäft nicht »Reingehaltenes«, ehe man weiß, über was ich eigentlich rede, politische Partei, Rechtsanwaltsbüro oder was immer.

Wohlgemerkt, ich bin aber nicht dazu da, hier kleinlich zu meckern, sondern möchte einen Denkfehler, der bei ihrer Weltgeltung eine uns alle betreffende Wirkung hat, einen moralischen Defekt, daran dokumentieren. Die Konsequenzen sind nämlich horrende. In ihrer einst so hochstehenden Industrie fallen sie zurück wegen dieser Gedankenhemorrhagie, weil eben amerikanische Autos nun auch sichtbar in der Qualität nachhinken, weil nun auch da »mit der Hand blind ins Fass« gegriffen wird. Man vergleiche nur mal einen japanischen auch nur einfachen oder gar komplizierten industriegefertigten Gegenstand mit einem gleichen aus USA.

Mein Hauptanliegen aber ist das Christentum! Und daran gemessen wird alles andere wirklich trivial. Da erfordert es bis ins kleinste gehende Genauigkeit und Treue, da zählt eben kein: Wir haben aber schon immer so …Wer das Christentum auch nur teilweise oder unbewusst, als eine Tradition nimmt, liegt sicherlich falsch! So deuten Psalm 1 an oder die Gleichnisse vom Geld, wo Motten und Diebe nichts anhaben können, nämlich Geld, das vor Gott Weisheit und Vermögen im ursprünglichen Sinn bedeutet. Stundenlöhner findet Schatz im Grundstück, bringt ihn dann heimlich an sich, Hausherr verteilt »Talente« zum Wuchern an seine Knechte. »Wuchern«, damit kapitalistisch mehr herauskomme, ist das Symbol für eigene Arbeit, das Grübeln bei Tag und Nacht und also Vermehren des Vermögens, was übrigens bei Gott Verständnis oder Weisheit bedeutet.

Wir sollen fähig werden, dem Herrgott ein neues Lied zu singen.

Ich meine nun zusammenfassend, ein solches Kauderwelsch wie was sie aus unserem ursprünglichen Sächsisch gemacht haben, eignet sich – von irgendwelcher Ästhetik schon einmal ganz abgesehen – schon praktisch nicht als Welt-Umgangssprache!

Einmal, als ich, hier anfangs zurückversetzt als »Intern«, also schlecht bezahlter und überausgenutzter »Medizinalassistent«, wie das bei uns hieß, am Krankenhaus Krankengeschichten aufnahm, sagte eine Patientin zu mir: »Sie müssen Ausländer sein! Sie sprechen so deutlich!« Sie war eine Russin!

* * * * *

Aber zurück zu meinem eigenen Namen. Ich bin, geschrieben, für hier nun also Herman Ohrlein, M.D. Dabei sind nicht nur die Ö-Punkte gestrichen, sondern auch die verdoppelten Konsonanten im Vornamen. Ich bin ja noch im Hitlerreich geboren, und meine Nazi-sympathisierenden Eltern, wie damals ja viele, wählten einen »deutschen« Vornamen für mich, oder war’s gar im Hinblick auf Reichsmarschall Hermann Göring?

Überhaupt mein »Herrmann«! Was ich gar nicht erwartet hatte bei seinem Verlust der Lächerlichkeit, war der Preis, den ich dafür im Vornamen zahlen musste. Sie sagen nämlich so etwas wie »Höminn« dazu! Da, wo nun ein Ö hingehört, kennen sie’s gar nicht, selbst Freunde stellen sich bei dem Versuch, »Öhrlein« zu sagen, kindisch an, das gibt es nicht, ist »gar nicht gefragt«. Nun hat wohl jeder gebildete Mensch auf der Welt mindestens eine Ahnung von der Aussprache seiner großen Nachbarn in der lateinischen Schrift. Nicht wahr, wir wissen, wozu das italienische H steht, etwa in Michelangelo, »miekel« auszusprechen, ebenso wie das U im Französischen, Droguerie, nicht Droscherie.

Aber in USA? Sie regieren die Welt, und die hat sich nach ihnen zu richten! Der häufige polnische Name Lewandowski wird hier nirgends anders als Luändauski ausgesprochen, dabei böte doch die richtige Aussprache auch imbezilen Angelsachsen keine Hindernisse. Aber nein! Wir können uns schließlich doch nicht so erniedrigen, gar Polnisch zu sprechen!

Die vielen deutschen Einwanderer namens Hagemann haben nur die Wahl zwischen »Häidschmän« oder, wie sich nun die meisten nennen »Hagerman«, damit wenigstens ein bisschen von der korrekten Aussprache übrig bleibt. Das ist natürlich wieder unlogisch, denn sie müssten hier dann doch auch Häidschermän sagen. Vielleicht verliert das »e-r« hinter dem g seine Reibelautwirkung an eben dem g ? So dass man da allgemein doch wieder Hägermän sagt. Warum aber, genau, fragen Sie mich zuviel, vielleicht bin ich so altmodisch, dass ich, selbst bei Englisch, noch immer von Logik ausgehe.

Das kommt alles aus ihrer Fehlgeburtsaussprache des »r«! Denn da kann kein richtiges E mehr stehen, wenn Zunge und ganzer Mund schon auf die folgende Missgeburt R eingestellt sind. Also Höhm statt Herr-m!

Es ist Weihnachten. Das amerikanische Fernsehen habe ich mir wegen hochakutem und gleichzeitig doch jahrzehntelangem Mangel an Geschmack darin längst abgewöhnt. Ich drehe also etwas gelangweilt an meiner Rundfunk-Senderwahl. Was habe ich eigentlich erwartet? Natürlich ist überall abscheulichstes Weihnachtsgeheul. Halt, hier was anderes: Spanisch-indianische Volksmusik aus Südamerika! Nanu, das ist doch…? Richtig, der kleine Trommlerjunge, der für Jeschuas Geburtstag nichts anderes bringen kann als sein Getrommel, hier also gewöhnlich: »da - räbbabbäpp - bam, räbbaba bamm«. Nun also spanisch-amerikanisch kaum wiederzuerkennen. Aber am Ende kommt’s doch: Rattata ta, rattat tat da. Ha, mit richtigem A und Zungen-R, wie es all die Kulturen, die sich vom Römischen Latein herleiten, noch bewahrt haben. Das schnarrt klar und nun im Vergleich schön in den Ohren. Ich lausche aufmerksam bis zum Ende. Dann kommt aber auch Gequatsche, etwa Reklame, und mir eine Idee. Ich kann hier am Rande einer amerikanischen Großstadt etwa dreißig Rundfunkstationen empfangen. Irgendeine Untersuchung ist witzlos, denn wenn nicht Reklame, machen jetzt alle Weihnachtsgedudel. Aber ich will gerade deswegen einmal auf Jagd gehen. Wie oft kann ich ein bestimmtes Lied bei einem einzigen Wahlscheibendurchgang hören? Also gleich, ohne Warten! Nehmen wir gleich mal den Drummer Boy. Richtig, nur ein paar Megahertz weiter rechts tönt es: »I have no gifts to bring, dar-rabbap…« Schnell weiter, tatsächlich, innerhalb einer Minute auf drei Sendern! »Dar-rulllappapappa!‹ Am Ende meiner Exkursion Ann Murray, und die schleift dieses abscheuliche Halb-L auch noch so fürchterlich in die Länge! »Dal - rlluapp - apa - bam«.

In einem deutschen Sender, noch in der Heimat, Jahrzehnte her, trat in einem Kabarett ein »Chinese« auf, der also kein R aussprechen können sollte. Er spricht dem Ansager zum Gaudi des unsichtbaren Publikums also nach: »Lladlennfahlel« .Später, als ich wirklich Chinesen traf, fiel mir auf, dass dies ganze Kabarett auch schon eine angelsächsische Kulturvergewaltigung war. Chinesen haben Schwierigkeiten, diese amerikanische R- oder L-Missgeburt auszusprechen, aber nicht, das lateinische Zungenroll-R oder auch unser deutsches (oder auch das französische) Rachen-R! Kein Wunder, recht haben sie!

Amerikaner, auf der anderen Seite, haben gar kein Öhrlein für ausländische Laute, versuchen’s erst gar nicht!

Nur in klassischer Musik ist ein kleiner Lichtblick. Da haben sogar die Deutschen mal eine gewisse Geltung. (Sonst wär’s ja am Ende einmal folgerichtig!) Da weiß man sogar schon fast richtig, wie sich Beethoven ausspricht, oder gar Bachs Kantate »Allein ›su‹ Dir, Herr Jesu Christ«!

Aber dann, auf einmal haben sie den Ö-Laut dann doch bereit, natürlich, wo er gar nicht hingehört. Vielleicht sollte ich ihnen da, als Ausspracheregel klein unter meinem Namen »pronounce: erline« (fast schon wie »airline«?) dazugeben? Ich werde es nicht tun. Warum eigentlich soll nur ihnen immer die Welt entgegenkommen? Ich werde auch weiterhin »Lewandowski« sagen und »Herzberg«(!) Nur gut, dass ich meistens, wo alles nach dem Vornamen und bei Männern dann möglichst einsilbig geht, als »Herm«, wenn auch dann natürlich als »Höhm«, angesprochen werde, auch von meinen Studenten im Webbhaus.

Also den Laut Ö erkennen sie als etwas Ausländisches. Das braucht man also nicht zu wissen! Aber auf die Assoziation zu kommen, das sei etwa der Laut, den sie gebrauchen, wenn ein Wort mit Ir- oder Er- anfängt, dazu fehlt irgendwo etwas bei ihnen! Vielleicht klingt es zu grob, wenn ich kategorisch erkläre, in Amerika sei das Nachdenken nicht Mode. Ich kann aber bei allem Willen zur Gerechtigkeit auf keine andere Definition verfallen. In meinen Blättern hier wird ja schon das eine oder andere lebendige Beispiel anklingen. »Höhm« also mit dem Ö-Laut, aber »Orlin« ohne!

Da erscheint mir bei aller amerikanischen Bauernschläue der so weit verbreitete Mangel an Einfühlung oder der Fähigkeit, eine Sache aus anderem Blickwinkel zu betrachten. Man denke nur einmal an ihren überaus gefeierten Präsidenten Abraham Lincoln. Der wollte also nun 1861, als es auf einen Bürgerkrieg zuging, die Einheit der Nation um jeden Preis erhalten. Süd-Carolina, Florida, Georgia, Alabama, Mississippi, Louisiana und Texas hatten ihren Austritt aus der Union vor seiner Wahl zum Präsidenten bereits erklärt. Inzwischen wird er also inauguriert. Virginia erklärt sich nun bereit, den Sklaven die Freiheit zu geben und also beim Bund zu bleiben, wenn Lincoln den einzelnen Staaten Freizügigkeit in ihren Entscheidungen, besonders also gerade über die Sklavenfrage, garantiere. Nanu? Die berühmte Selbstbestimmung war doch schon in der constitution verankert?! Aber schon das merkte offenbar keiner.

Lincoln wollte –

a) den Zusammenhalt der USA, –

b) doch die Sklaven befreien, als deren Held er doch nun (fälschlich) in die Geschichte eingegangen ist?

Die Frage der so »menschlichen« Sklavenbefreiung machte sich im Laufe des Krieges aus Publicity so schön als nachträglich eingefügter »Zweck«, weil ja sonst die ganze Kriegskausalität sogar ihnen selbst zu hohl und bodenlos vorgekommen wäre. Und, um die freien Staaten der übrigen Welt möglichst auf ihre Seite zu ziehen, aber ja nicht auf die des Gegners, der bösen Südstaaten, die doch über sich selbst bestimmen sollten!

Lincoln sagt Nein zu Virginias Anfrage!

Also aus Uneinfühlvermögen – oder soll, muss, ich sagen: schlicht großer Dummheit? – schafft er beides zu Vermeidende auf einen Schlag: Nord-Carolina, Virginia, Arkansas und Tennessee treten daraufhin nun ihrerseits aus! Die Sezession ist komplett. Und die Freilassung der Sklaven wird wieder abgelehnt! Und der zu vermeidende Krieg entbrennt dennoch! Konnte er folgenden Gedankenschritt nicht tun?

Nur 85 Jahre früher hatten sie doch mit viel Wind ihren Austritt aus dem britischen Imperium erklärt! Begründung:

»Wenn es im Laufe menschlicher Begebenheiten für ein Volk nötig wird, die politischen Bande zu lösen, die sie mit einem anderen verbinden, und unter den Mächten der Erde die getrennte und gleichwertige Lage einzunehmen, zu denen sie die Naturgesetze und deren Gott sie ermächtigen, dann erfordert der nötige Respekt zur Menschheit, dass sie ihre Gründe darlegen, die sie zu dieser Trennung veranlassen.«

Das bezog sich doch auf England und war allerdings für das noch überall vorherrschende absolutistische Denken 1776 völlig neu und ein Schlag vor den Kopf. Aber 1861 und nun gerade in den jungen »Vereinigten Staaten« selber, 83 Jahre später, wo nun einige der Mitglieder aus »freiem Willen« sich wie schon gehabt, ebenso lossagen, nein, da war eine solche Freiheit auf einmal unmöglich! Wo kämen wir da hin? Da könnte ja jeder kommen! Es war doch nicht mehr neu und auch wegen des Geschehenen viel weniger unzumutbar! Wenn sie das nun damals mit einem postulierten Recht der »Selbstbestimmung« für sich selber zu begründen versucht haben, so versteht sich doch von selbst, dass sie nun gleiches Recht auch für alle anderen, besonders doch ihre eigenen bisherigen Mitglieder, anerkennen? Es scheint, man hätte an der richtigen Stelle kritisch herzlich laut lachen sollen – wie das unser Mischa formuliert hat – (man lese dazu die nächsten Kapitel.)

Ich schließe auf mehrere Tatsachen daraus:

1. Lincoln war, wie fast jeder andere Yankee, innerlich gar nicht an der Negerbefreiung interessiert, wie er auch vorher mehrmals hat durchblicken lassen. Sie ergab sich während des anfangs sehr auf der Kippe stehenden Krieges als politische Notwendigkeit für den Norden, nämlich wie in der Unabhängigkeitserklärung, der Welt, die nunmehr dicht an einer Blockade gegen das kriegerische Jänkieland war, ihre launischen Kapriolen als begründet vorzustellen.

2. Die große Ikone Lincoln war zu kurzsichtig, die auch nur nächstliegenden Zusammenhänge und politischen Konsequenzen zu sehen! – Wenn man schon einmal davon absieht, dass sie zur Unabhängigkeitserklärung nicht die große Gleichheit und Selbstbestimmung für alle einerseits trompeten können und gleichzeitig weiter auf unbestimmte Zeit die bequemen Sklavenhalter bleiben wollen!

3. »Common Sense« (den sie aber auch nicht haben) ist doch kein Ersatz für gründliches Denken und In-den-Gegner-Einfühlen! Im Gegenteil! Und das resultiert eben unter anderem doch aus langem Studieren und Gezwungensein, logisch nachzudenken, bis man einige Fertigkeit darin erlangt hat. Und genau das hatte der große Lincoln nicht.

4. Also war der self-made Jurist aus den Hinterwäldern für das »höchste Amt« auch schon damals durchaus nicht geeignet! Aber viel schlimmer, weil so eine Ikone, nämlich weil erschossen, wie später Kennedy mit dem gleichen Effekt, machen ihm nun alle Amerikaner schleunigst all seine Denkfehler nach, eben weil nun Nichtnachdenken die Mode wird!

Im ganzen kann ich als Einwanderer aus der deutschen Denkkonstitution – die ja spätestens bei Hitler auch einen gewaltigen Knick erlitten hat – doch sagen, man lernt über die Jahre hier den ganzen gefeierten Pathos der Amerikaner über sich selbst cum grano salis – und zwar einem gewaltigen Salzkorn! – zu betrachten und zu nehmen.

Übrigens gibt es noch eine Reihe anderer Beispiele solchen amerikanischen Uneinfühlvermögens bis heute. Ich erwähne nur stichwortartig das fast immer garantierbare Versagen amerikanischer Friedensbemühungen etwa zwischen Israel und den Arabern oder in Europa nach dem ersten Weltkrieg.

Man kann nicht religiöse Freiheit trompeten und dann eine Katz-und-Maus-Jagd auf die Mormonensekte veranstalten, kann nicht eine Monroedoktrin der generellen Nichteinmischung verkünden und dann aber auch in allen Kriegen daraufhin, die ja nie wieder in Usas Territorium tobten, sich in Spanien-Mexikos, Deutschlands, Japans, Koreas, Afghanistan-Russlands, Serbiens oder Vietnams Angelegenheiten brutal und blutig einmischen! Man kann auch nicht einem besiegten Volk unter dem Motto der »Selbstbestimmung« zwanghaft vorschreiben, was es zu wählen habe, indem man unliebsame Parteien einfach verbietet.

Dieser letzte Streich ging uns Deutsche persönlich an, und mir scheint, wir haben ihn selber nicht ganz begriffen. Nämlich dass Hitler durchaus von seiner Revolution sprach, wo ja nun genau wie in der französischen, russischen oder amerikanischen, neue Gesetze herrschen sollten, in diesem Falle also, die christlich-abendländischen Grundsätze der Nächstenliebe oder wenigstens der Achtung (als Volkszugehörige z.B.) zu verlassen – frei nach Nietzsche, wo »Gott tot« sein sollte. Es scheint, das hat Hitler selber nicht verstanden in aller daraus resultierender Konsequenz. Die deutschen Wähler hatten sie auch nicht begriffen, sage ich, nicht zu Hitlers Wahl und nicht 1946. Es gilt nun also in all der Verwirrung und Ratlosigkeit für uns Deutsche, eine neue Plattform, eine Konstitution im eigentlichen Sinne zu erarbeiten für das Einzelindividuum und mehr noch für ein Zusammenleben zwischen ihnen und den Völkern. Unser Freund Mischa wird im ersten Kapitel und später, wie ich berichten werde, auf mehrere dieser Punkte eingehen.

Diese meine Blätter sollen die Dringlichkeit und besonders die moralische Notwendigkeit für uns Deutsche zu einer solchen gedanklichen Neuordnung, und welche das sein könnte, aufzeigen.

Was ich da über Lincoln schreibe – das schreibe ich zur Erklärung der erwähnten »Tradition« im Denken – würde mir fast jeder Amerikaner sehr übelnehmen. Wenn ich dann auf die ja aus amerikanischen Geschichtsbüchern stammenden Tatsachen hinweise, hat er buchstäblich keine Antwort! Er fühlt dazu, Lincoln sei eine Ikone und sein Patriotismus verbiete ihm, da auch nur zweifelnde Fragen zu stellen. Er hasst daraufhin, nicht sich selber, weil er nichts zu antworten weiß, sondern mich noch umso mehr!

Und genauso darf unsere Liebe für Gott nie werden! Er lädt uns ja dauernd zur Diskussion und zum Nachdenken ein.

Man mag mir vorhalten, dass ich scheinbar die demokratischen Grundsätze befürworte, und nur ihre schlampige und inkonsequente Durchführung bemäkele. Gut. Auch, was der Kommunismus erträumte, war gut gemeint und idealistisch. Er verfiel nur, weil man seine Forderungen und Gebote nicht halten konnte. Und daran verfallen alle menschlich gemachten Ersatzreligionen. Es ist wie die Preise im Ökonomischen, sie sind ein Beweis, wenn nur im Markt selber eingespielt, dass die Erzeugnisse zum Verkauf wirklich so gut sind – aber, und da haben die Demokraten einmal recht, sie müssen für den kleinen Mann erschwinglich bleiben. Ebenso die Moralforderungen!

Als ich in N. meine Praxis eröffnete, sahen wir uns natürlich auch nach einer geeigneten Wohnung um. Gar nicht weit, in herrlicher, damals noch ländlicher Umgebung, in halbbewaldeten Hügeln, fand sich ein geeignetes Haus zum Kauf, von wo es keine zehn Autominuten bis zu meiner damaligen Praxis in der Stadt waren. Außerdem erwarben wir nach einiger Zeit ein kleineres Familienhaus in N. selber, das wir zum Geldgewinn weitervermieten wollten, eben das »Webbhaus«, weil in der Webb Road gelegen. Freilich wurde es mit dem Geldgewinn nicht viel, denn wir vermieteten in der Universitätsstadt an Studenten, und in Erinnerung an meine eigene armselige Studentenzeit hielt ich es für schäbig, in echter Kapitalistenmanier diesen armen Leuten Geld zum eigenen Gewinn aus der Tasche zu ziehen. Freilich hat das Webbhaus wenigstens zum größten Teil dennoch sein eigenes Darlehen abgezahlt. Und schon die erste Praxis warf reichlich genug zum Leben ab.

Wir wurden auch mit einem Pastor Dale Noomey bekannt, einmal, weil er theoretisch einer der Studentenpfarrer an der Uni war und dann, weil auch er ein Studentenwohnhaus in der Stadt zimmerweise vermietet. Dort gibt es eine strikte »Hausordnung« an der Wand aufgehängt, werden Männlein und Weiblein räumlich weit voneinander getrennt gehalten, werden morgendliche »Stille Zeiten« und tägliche Hausandachten, obligatorisch für jedermann, abgehalten, und dazu ist natürlich allsonntäglicher Kirchenbesuch oder gar mit baptistischen Traktaten proselytieren zu gehen, wenn nicht direkt befohlen, so doch dem Gewissen als »echter Christ« beengend nahegelegt!

Es war ein Fräulein Hong Li, buddhistischen Hintergrundes, aber im Rotchina um diese Zeit eigentlich ohne jede Gottesvorstellung aufgewachsen, die sich weinend bei uns beklagen kam. Wenn das Christentum sei, gab sie unter Tränen in ihrem noch mangelhaften Englisch zu verstehen, dann wolle sie nie und nimmer damit etwas zu tun haben! Man erwäge dazu die Geduld, Bescheidenheit und Freundlichkeit der einfachen Chinesen als quasi Nationaleigenschaft, um zu ermessen, wie tief ihr Ärger und ihre Enttäuschung gingen. Lucia und besonders ich hatten schon in unserer gemeinsamen Missionsgesellschaft an solch widerchristlichem Legalismus Anstoß genommen. Hier nun war wie zum Beispiel ja oft in der Medizin, ein Notfall, hier nun ein theologischer, der unbedingtes und möglichst rasches Handeln erforderte. Also erwarben wir das Webbhaus mit der ersten Mieterin Hong, freilich nie als einziger, denn der Bedarf war auch bei zunächst landesüblichen Preisen groß. Da verstand sich nun von selbst, dass wir jegliche der Noomeyschen Zwangsmätzchen in unserem Hause unterließen und uns dazu – ausgerechnet! – auf die amerikanische Freiheit und Selbstbestimmung beriefen.

Natürlich fielen wir auch nicht Fräulein Li etwa mit Ermahnungen und Drängen auf die Nerven! Da soll man den heiligen Geist arbeiten lassen! Denn ist Christentum so überzeugend, so lasse man das den jeweiligen Kandidaten allein herausfinden, wenn er – und darauf kommt alles an – selber nach Gott sucht, das wird dann gründlicher. So war es bei mir in meiner Nazifamilie.

Das wurde natürlich von unserem Konkurrenzhause als ein Affront aufgefasst, eigentlich aus deren Sicht nicht ganz unberechtigt. Die Freundschaft zwischen Öhrleins und Dale Noomey, wenn sie schon noch bestehen blieb, kühlte um einige Grade ab. Fräulein Li wurde von beiden Seiten nicht mehr direkt erwähnt, zeigte sich auch geflissentlich nicht, wenn etwa Dale zu Besuch im Webbhaus weilte. Einmal ließ er, anlässlich eines solchen Besuches im Garten des Webbhauses, wo es damals einen Swimming Pool gab, im ungezwungenen Privatgespräch mit mir, in Badehosen auf dem Gras sitzend, durchblicken, dass er sich unter anderem über den freien Stil der beiden Geschlechter zueinander im Webbhause »sehr wundere«, denn wir hatten keinerlei dort wohnenden Aufpasser, auch nicht, wie bei ihm, etwa die Geschlechter nach Stockwerken aufgeteilt. Es gibt ja im Webbhaus auch nur ein großes Badezimmer.

Es hat schon etwas Befriedigendes, aber eben letztendlich doch Aussichtsloses an sich, den Herren der Welt selber Lektionen über ihre »Freiheit« zu erteilen! Aber schließlich könnte man es ja ebenso als eine Chuzpe auffassen, andersherum gesehen, wenn ausgerechnet ein Dale Noomey wie damals auch unsere »Leiter« in der Mission, als notorische Amerikaner mir dem Deutschen über Disziplin predigten!

Da müsse Zucht und Ordnung herrschen, meinte er also. Junge Christen, wie alle jungen Menschen, bedürften der Führung und Leitung. Das Fleisch sei schwach, wenn auch der Geist willig. Besonders wichtig sei, dass man sich schon von früh an in seinem Christenleben an eine strikte Disziplin gewöhne, ohne welche niemand dem Herrn gefallen könne; denn der sei ein Gott der Ordnung. Das Christenleben sei ein dorniger Weg, aber wenn es nur für Feiglinge und Duckmäuser sei, die nicht »für den Herrn« und »an der eigenen Disziplin« hart arbeiten wollten, wem sollte das gefallen? Er gebrauchte das uns schon von der Mission zu gleichem Zweck gebrauchte Wort »Schokoladensoldat« dafür. Fast gewann ich dabei den Eindruck, dass er zu mir als einem verlorenen Schäflein oder krassen »Greenhorn« sprach, denn derartige Grundbegriffe, so deutete er an, seien doch jedem Christen ohne weiteres klar! Ich schwieg damals erst noch fein still, denn was ich dawider zu bringen hatte, war viel zu umfangreich und kompliziert und nun andersherum ihm, als einem naiven Neuling, der er immer blieb, leider durchaus unzugänglich, wie später dann ja auch ausführlich aus meinen Berichten hervorgehen wird.

 

* * * * *

Ich meinte also doch, es mit dem Webbhaus in demselben Geist weiterhalten zu können wie angefangen, nachdem ich mir Charakter, Wesen und Hintergrund meiner ersten Mieter genau angesehen hatte. Es scheint da meine medizinische, ich möchte sagen: Charakterausbildung, einen entscheidenden Ausschlag zu geben. Wir sehen ja den Menschen an und richten alles möglichst auf ihn aus, besonders den leidenden, gequälten, der sich nicht äußern kann, etwa wie ein vor Schmerzen schreiendes Kind nachts auf der Notstation.

Die andere gedankliche Schule, besonders vertreten in der Juristerei und eben auch Theologie, in den »Jugendarbeiten« christlicher Provenienzen etwa, sieht Rahmen, Dogmen und Prinzipien, in die der »Patient« eben hineinzupassen habe, wie der reichen Schwestern Fuß in Aschenputtels gläsernen Schuh, wobei ihm natürlich oft bares Unrecht geschieht, und auch der Behandelnde nie zur richtigen Diagnose kommt. Aber das ist es eben, was kümmert solche Leute eine richtige geistliche und seelische Diagnose – ja leider oft sogar: was die Wahrheit überhaupt? Damit will ich nicht sagen, dass auch gute Ärzte nicht auch auf Denkschablonen angewiesen wären – wir studieren ja Krankheiten und ihre Symptome durchaus als solche. Aber, und das ist die langwierige, unersetzliche Praxis in der Medizin; wir begreifen, wie unsere vorgefassten Schablonen im Nebel zerpuffen, der Kranke leidet weiter, und wir haben ihm die ganze lange Leidenszeit nicht geholfen! Wir müssen es sehen und eben auch nach Wochen falscher Behandlung uns neu bekehren und ehrlich bekennen: Ich habe mich geirrt.

Der Geist im Webbhaus hat sich erstaunlich gut selbst reguliert, ich kann nicht sagen: perfekt, aber zufriedenstellend; denn jeweils neue Mieter stießen auf ältere und übernahmen ganz ungezwungen, was sich etwa an ungeschriebener Hausordnung und was ich Denkkonstitution nenne, eingebürgert hatte. Nicht, dass es keine Pannen und sogar gröbere Missgriffe gegeben hätte – was mir gefiel war, wie sie darauf reagierten und als ein Herz und eine Seele eine Wieder-gut-Machung in Angriff nahmen.

Ein mich faszinierendes Phänomen! Ich fing aus dieser Fragestellung die Tagebuchaufzeichnungen an, aus denen ich nun schöpfe. Wie regulierte sich das eigentlich in unserem Hause so von selbst? Schön, meine Haltung war, besonders anfangs, etwa folgende. Ich war alter Missionar. Der Zweck des Hauses, da nun bei kaum mehr profitablen Mietpreisen, war fast unmerklich auf einen missionarischen umgewechselt. Damit war ich etwa in der gleichen Rolle wie zu meinen heranwachsenden Kindern, besonders als nicht ganz unreflektierender europäischer Einwanderer, dessen Aufgabe im neuen Lande ist, sorgfältig zu sieben und zu prüfen und von zwei widerstreitenden Tendenzen stets nur das beste zu behalten. Das Christentum in Amerika ist in einem, sagen wir, weniger als optimalen Zustande! Das ist dem neu Kommenden fremd, denn er sieht ja nur die Fassade vom vielen »Herr, Herr«-Geschrei, sieht etwa an Sonntagen in den Medien nichts als Predigten und Gottesdienste, wo etwa der Prediger so »geistlich« ist, dass er nicht mehr klares Englisch spricht, sondern einen »pfingstlichen« Singsang, oder erlebt in der Welt der Politik und Parteien, welch eine Macht Kirchen und eine »moralische Mehrheit« sind. Man muss schon ein gutes Ohr haben und länger hier leben, um die ganze Leere und das Fassadentum dahinter wahrzunehmen.

Es ist das etwa so wie ihre Wohnhäuser. Der besuchende Deutsche oder gar ehemalige Sowjetbürger ist zunächst erschlagen von soviel Reichtum und Größe. Es ist auch nicht etwa immer alles wertlos, was man da so sieht. Zunächst einmal sind unsere Grundstückspreise hier, auch nahe der Stadt, so, dass sie auch dem kleinen Mann nicht unerreichbar sind. Dann sind etwa neu zu erbauende Familienhäuser wohl teuer, aber nicht so unmöglich unerschwinglich wie zur Zeit im dichtbesiedelten Europa.

Schaut man sich aber solche Häuser hier näher an, so ist man doch wieder enttäuscht: Kein stabiler Dachstuhl, deswegen nur auf Ziegelaussehen geschnittene Dachpappe, Ziegelpfannen wären buchstäblich zu schwer! Die Zimmerwände auf Leisten genagelte Pappe, Fenster nur unisolierte dächerige Schiebefenster, die nicht dicht schließen, und so weiter. Ganz abgesehen von dem verheerenden Kitsch überall. Da gibt es »bayrische« Fensterläden, die aber nur eine angeklebte äußere Schale und natürlich nie zuklappbar sind, weil es doch von außen so viel »besser aussähe« – und gegen Aufpreis einen allerliebsten alten Ziehbrunnen aus der Kolonialzeit mit Eimer, Seil und Winde, aus echter »Plastikgemäuer-Attrappe«, die natürlich nie Wasser gesehen hat oder auch nur welches aushalten würde!

Bei all ihrem so ostentativen Christentum, könnte man zum Thema »Herr, Herr-Geschrei« sagen, haben sie doch gegen die anderen ehemals christlichen Kulturen, das schlechtere Teil erwählt!

Gott sagt: Oh, dass du warm oder kalt wärest! Weil du aber lau bist, will ich dich aus meinem Munde ausspeien.

Da hat sich die Sowjetunion mit aller ihr zu Gebot stehenden Macht bemüht, jedweden Gottesglauben als einen unbewiesenen Mumpitz abzuschaffen. Wie kommt es dann aber, dass mit all unseren schwülstigen Predigten hier, das moralische Benehmen der Bürger als ganzes, gemessen an Verbrechen und buchstäblich jedem denkbaren Laster, Drogen- und Kindesmissbrauch, Ehebruch und sexuellen Vergehen aller Art, Totschlag und Mord – mit der Schusswaffe etwa zehnmal häufiger als im viel dichter besiedelten Europa! – in Amerika den tiefsten Stand aller zivilisierten Länder hat? Und darin ist zum Vergleich die Sowjetunion als zivilisiert, natürlich eingeschlossen!

Ist es nicht so zu halten wie mit unseren genauen und scharf überwachten medizinischen Statistiken? Sind nicht alle Predigten und missionarischen Unternehmungen am Ende, wie in jedem anderen Beruf, an ihrem Erfolg zu messen? Sagt das nicht auch die Bibel in unmissverständlicher Sprache? Ja, wie wagen sie denn so lautstark und zahlreich die Welt zu missionieren, wenn es bei ihnen selbst so einen moralischen Misserfolg gibt?

Und einer solchen Kultur, die nun durch einen Erdrutsch ganz unverhofft die reichste und mächtigste der Welt geworden ist, wo nun kein anderes Land mehr aufzumucken wagt, wollen wir anderen uns so willentlich auch im Geistlich-Kulturellen fraglos unterwerfen? Und jede, aber auch jede, Unart schleunigst kopieren und ganz gedankenlos nachäffen?

Was immer gut, gerecht oder vernünftig ist, kreuzt den Atlantik nie oder so unzuverlässig und langsam wie die Vikinger. Aber was albern, geschmacklos und schädlich ist, das überfliegt ihn wie Düsenflugzeuge!

Das gilt leider für beide Richtungen!

Christlich sind die Amerikaner dem Rest der christlichen Welt durchaus nicht weit voraus, denn haben jene ihr Christentum im Laufe der letzten 150 Jahre einfach ganz aufgegeben, so sind diese – gegeben die Abwendung von Gott – den anderen der beiden möglichen Wege gegangen, den der Heuchelei: Sie halten die imposante Fassade wie ihre bayrischen Fensterläden, aufrecht, geben, auch relativ, das weitaus meiste Geld für aus- und auch inländische Mission aus, und bauen sich, fast wörtlich, an jeder Straßenecke eine Kirche. Nur, auch das ist Heuchelei, Kitsch und Fassade, die bayrischen Läden schließen, so zu sagen, nicht! Die Anzahl der wirklichen Christen, ist hier nicht größer als dort! Und doch, trotz alledem, Amerika hat Gottes Wohlwollen!

Dennoch hasst Gott alle Heuchelei und Unaufrichtigkeit. Da haben sich die zwei »Supermächte« an ihrem Berührungspunkt, dem Nabel der Welt, meiner Heimatstadt Berlin, ein beidseitig erniedrigendes Techtelmechtel geliefert. Eine von ihnen, von der anderen als »Reich des Bösen« apostrophiert, hat etwas getan, worüber ich frage, ist die andere Seite wohl auch jemals fähig und in der geistlichen Lage, ein gleiches zu tun? Nämlich dies einfache Wort auszusprechen:

»Wir haben uns geirrt! Unsere Kultur, auf Menschenweisheit und Gewalt gegründet, hat sich sichtlich von dem Absoluten, Eigentlichen, der Wahrheit, entfernt. Wir geben sie und unsere ›Supermacht‹ -Stellung auf!«

Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts fing es nach früheren Anfängen in Europa an zu wackeln. Das Alte, Bewährte, war nicht mehr in Mode! Wie hat uns der Teufel so verführen können? Was haben wir im Zeitalter der »Aufklärung« und dann Revolutionen und Demokratien nicht alles verloren! Jetzt war der Mensch emanzipiert und wollte sich nicht mehr von der Monarchie »aus Gottes Gnaden« – also eigentlich: von Gott selber – bemuttern und kommandieren lassen. Aber was haben wir gewonnen, was gegen Gott eingetauscht? Die Renaissance, bewusste und auch so genannte, Wieder-Hinwendung zu den alten Abgöttern, die doch nur Stein und lebloses Holz, oder dann neuerdings geistliche Götzen, sind? Der springende Punkt ist, dass diese falschen Götter ja als unser Machwerk uns immer untertan sind, wie die feindlichen Völker in Usas vielen Kriegen, und das auch bleiben sollen! Das wussten wir, das war ja im Humanismus einkalkuliert und gefordert, dass die Gottheit nun auch gar keine Macht über den frei gewordenen Menschen mehr haben sollte: Wir, Homo sapiens, das Große Ego, gönnen sie ihr nicht mehr! Ach, auch das war nicht neu! Der Teufel hat unsere Ur-Voreltern einst mit der Illusion verführt: Ihr werdet sein wie Gott! Alles ist abhängig, wie ich zeigen will, von der Sünde unseres für uns selber angenommenen »freien Willens«, der uns selbst zu Göttern macht.

Eine der Triebkräfte zum Empfang der Renaissance mit so offenen Armen war die Sturheit der Mönche und ganzer christlicher Kultur in sexuellen Fragen, wo nun die Verlockung wurde, es wieder mit Bacchus und Aphrodite zu halten, mit leichtem Herzen Trunk und Sex zu deren Ehren zu genießen! Schiller trinkt noch so Wein, wobei er den neu gefundenen Gott einfach an die Stelle der noch geläufigen alten Abgötter setzt, die Gott doch so hasst:

Den der Sterne Wirbel loben,

Den des Seraphs Hymne preist,

Dieses Glas dem guten Geist

Überm Sternenzelt dort oben!

Seraph, wenn auch noch griechisch geschrieben, bedeutet einen hebräischen Engel. Am Anfang dieser Hymne »An die Freude« betritt er noch einen Griechenhimmel, Elysium, einer Göttin genannt »Freude«. Diese ganze Hymne, jetzt in Beethovens Vertonung, ist seit dem Mauerfall zu einer Art europäischer Nationalhymne geworden. Na schön, sie beschreibt, wenn auch unbewusst und ungewollt, einen ganzen Gang und Irrgang europäischer Geschichte an unserem Verhältnis zu Gott.

Die erstgenannte Sturheit (mehr noch dann natürlich, die darauf angewandte »Medizin«) war, so hoffte die Reformation zu zeigen, ein Missverständnis der Bibel. Ach, wir müssen alle zurück zu ihrem besseren Verständnis!

Ganz sicher sitzt der Böse im Regiment, und nicht nur im »Reich des Bösen«! Eine Nation nach der anderen bröckelte ab und fiel in diesen bodenlosen Sumpf der Revolution und »Moderne«. Inzwischen ist es auch im kleineren Rahmen nicht mehr neu, und die Nationen fangen sogar schon an, unter den selbst heraufbeschworenen Ungerechtigkeiten zu leiden. Gibt es einen Weg zurück oder anderweitig heraus? Hat auch nur eine Nation einen Weg gefunden?

Die Deutschen haben echte und weitgehende Buße für ihre Version der humanistischen Renaissance und für ihren Revolutions-Irrweg getan – ja, aber nur unter dem Druck ihrer Sieger! Und dann auch wohl nicht tief gründlich und lang anhaltend genug, es fehlt ja noch der geistige Unterbau, und sie bleiben anfällig wie für die amerikanische Krankheit. Zum Beispiel hat sich ihre Haltung wie die ganz Europas zu den Juden wieder verschlechtert.

Russland hat es aus sich selbst getan oder jedenfalls den entscheidenden Schritt dazu und damit, behaupte ich, den Kalten Krieg geistig gewonnen! Noch hat ihnen keiner so etwas nachgemacht. Aber was wird nun weiter?

Wird es nicht Zeit, dass sich ein paar – und ich schäme mich des Wortes nicht – rechtschaffene Männer um unser sinkendes Kulturschiff, um das Erbe für unsere Kinder und Kindeskinder, besorgen? Wir können doch nicht einer scheiternden Kultur nachlaufen, die eher noch ratloser ist als wir selber. Oder, anders ausgedrückt, sind wir etwa selber schon mit dieser selben kranken Kultur identisch geworden?

* * * * *

Ich will nun also das Zepter dem Geschehen im Webbhaus übergeben und in den Hintergrund zurücktreten, weil ich selber schon so oft Gottes Geist gestört und hintertrieben habe. Ich glaube, ich habe jetzt neue Hoffnung zu diesem Kurs, besonders seit die Figur des russischen Studenten Michail Jewgenjewitsch Weizbinder aufgetaucht ist, der aber zunächst gar nicht bei uns wohnte. Ich traf ihn, den schon über Dreißigjährigen, auf der alljährlichen Universitätsmesse, der »Fair«, wo der ganze Rasen vor den alt und vornehm englisch aussehen sollenden Fakultätsgebäuden mit Ausstellern aller Art voll besetzt ist, kam mit ihm vor dem Stand einer aufdringlichen Pfingstgemeinde – wir gingen dann ein paar Schritte aus ihrem Lärm- und Einflusskreis heraus – in ein interessantes Gespräch, in dem ich viele Gemeinsamkeiten zu meinen eigenen Gedanken zu finden meinte, und lud ihn gleich einmal als Besucher ins Webbhaus ein, zunächst – und das war ein Fehler – ohne festen Termin. Er meldete sich auch lange Zeit nicht, und ich meinte schon bedauernd, ihn verloren zu haben.

Da rief er mich eines Tages aber doch an, (So ein ausländischer Name wie meiner ist einmalig im Telefonbuch!) und wir machten nunmehr gleich einen festen Abend für eine der dort so beliebten Stehgreifparties aus, so dass eine gewisse Scheu, die ich bei ihm trotz seines weltmännischen Wesens zu bemerken glaubte, gleich abgebogen würde. Er kam auch zu meiner großen Freude, wie ich beschreiben werde. Denn Amerika ist an geistigem Austausch so desinteressiert, dass ein amerikanischer Christ selbst zu so einer Einladung, wo wir ja nun praktisch sagten: Komm und lehre uns! – wohl kaum erschienen wäre, es sei denn, er sei eine Berühmtheit und man zahle ihm hoch dafür! Ehemalige Präsidenten erhalten für einen einzigen Vortrag Hunderttausende Dollars, nur weil sie einmal Präsident waren, sie können noch so dumm sein. In Amerika zählt auch in hohen Dollarbeträgen eben der Schein, sowohl der der äußeren Aufmachung als der aus Papier.

Über die Zeit vor ihm im Webbhaus ist eigentlich nicht viel mehr zu sagen. Ich war anfangs fasziniert, dass sich zwei werdende junge Ingenieure, Ron und Tim, die im Webbhause wohnten, soweit umkehrten, dass beide ihre Berufe aufgaben und Ron Pfarrer und Tim Missionar und Bibelübersetzer auf den Salomon-Inseln wurden. Das war, was ich im Rückblick als die erste Gruppe bezeichnen werde. Sie sind, was sie da gewählt haben, noch heute. Tim hat inzwischen aber geheiratet und schon zwei Schulkinder, das heißt, er erzieht sie dort in der Wildnis im Hausunterricht selbst.

Damals hatte ich an ein paar ihrer Bibeltreffen im Hause teilgenommen, die aus irgendeinem Grunde im ausgebauten und ganz gemütlichen Keller abgehalten wurden, wohl um die anderen im Hause – es war ja nie Zwang bei uns, teilzunehmen – nicht zu stören. Aber nun hatte es sich ergeben, dass ich ihnen eine Anregung über die Freiheit eines Christen gab, der im Idealfalle gar nichts mehr »muss« , weil er all seine Disziplin und Möglichkeit zu guten Taten Gott übergeben hat. Er tut, wie im Grunde ja jeder Mensch und immer – in »christlichen« Kreisen macht man sich oft etwas vor, was wieder in Richtung eines meiner Hauptanliegen geht, der eigenen menschlichen Güte! – Jeder Mensch macht also stets was er will, aber sein Wollen ist im Idealfall, von dem wir ja hier reden müssen, genau immer das, was Gott mit ihm will. Denn er ist ja in allem ganz auf Gottes Wellenlänge eingestellt. Genau darum müssen wir ja »wie die Kinder« werden als Gottes Nachfolger.

Ich kam sogar an den Punkt, die »Falle« zuzuklappen und zu behaupten, das sei nach dem Römerbrief nun der einzig mögliche Weg, Gott zu dienen, getrieben aus Liebe, denn jede auch nur Spur eigener »guter« Anstrengung zähle bei Gott nichts mehr, sei nach der Bergpredigt Heuchelei, also Lüge, Sauerteig der Pharisäer, vor dem sich gerade zu hüten sei. Wir wollen sehen, ob und wie etwas von dieser Denkart, die zu verbreiten ich für die einzige missionarische Aufgabe halte unter sogenannten Christen, jedenfalls hier in USA, Wurzel gefasst hat.