Zehntes Kapitel

Bobs Pamphlet

Am nächsten Morgen nach der Einlieferung hat sich Dale gleich früh auf die Reise begeben und kommt etwa um halb elf Uhr in der Klinik an.

Der behandelnde Arzt zeigt sich in dem Gespräch nicht so tief von Sam Rothmans Krankheit beeindruckt, wie Dale es ist und es von dem schon länger Bekannten erwartet hat.

»Unsere fachärztliche Untersuchung heute morgen hat ergeben, dass zur Annahme eines Anfallsleidens, wie Sie wohl mit Ihrem Ausdruck von der ›heiligen Krankheit‹ andeutungsweise gemeint haben, kein Anhaltspunkt vorhanden ist« sagt er. »Er schläft jetzt und erholt sich.

Ja, eine gewisse Tendenz zum manisch-depressiven Krankheitsbild ist vorhanden, aber das muss noch nicht einmal pathologisch sein. Anlagen dazu finden sich wohl bald mal bei ganz Gesunden. Der Verstand ist scharf und klar,  . . «

Was das für ein Krankheitsbild sei, will Dale wissen.

»Manisch depressives Irresein – der Ausdruck ist selber irreführend – ist eine Abnormalität der Stimmung, nicht des Geistes, wobei, wie hier, Verstand und Kritikfähigkeit klar bleiben können. Sie besteht in Schwankungen der Stimmung, ›Phasen‹, von manchmal überschäumender Freude, Hochstimmung und guter Laune bei lebhaftem Redefluss – zu tiefster Niedergeschlagenheit, Depression und Trauer, ohne dass ein besonderer Grund dazu vorhanden zu sein braucht. Dieser Wechsel findet nun manchmal selten, langsam und in großen Abständen statt, manchmal aber bei anderen Patienten, von einem Tag auf den anderen, und der dritte Tag kann wieder wie der erste sein.«

Ob in den depressiven Phasen Suizidgefahr bestehe, will Dale noch wissen.

»Eine gute Frage! Das hängt von vielen, größtenteils unvorhersehbaren Umständen ab.« erläutert der Psychiater,

»Wir behandeln deshalb jedenfalls nicht unbeaufsichtigt mit den neuen, sehr wirkungsvollen Antidepressiva, also stimmungsaufhellenden Drogen, weil wir wissen, dass zu einem solchen Schritt mehr Energie und Entschlusskraft gehören, als sie der Kranke in der Tiefe seiner depressiven Phase aufzubringen im Stande wäre. Aber anbehandelt kann es dazu kommen, ehe der Kranke noch genügend Abstand zu seinem Leiden gewonnen hat. Übrigens ist die Gefahr bei Sam, wegen seiner guten Kritik, sowieso gering, wenn auch nicht ganz ausgeschlossen.«

Dale nimmt sich vor, in seinen Predigten jedenfalls einfacher und konkreter zu Laien zu sprechen, bedankt sich und tritt dann mit Sam, für den kein weiterer Grund zur Stationierung vorhanden sei, die Heimfahrt an.

Es stimmt, wohl ist Sam auf der Fahrt noch bedrückt oder einfach nur müde, obgleich er angibt, gut und lange geschlafen und keine Kopfschmerzen mehr zu haben. Er bleibt, in Decken gewickelt, ungesprächig in dem sanften Luxusauto mit der Rücklehne seines Sitzes weit nach hinten gestellt. Dale fährt langsam, er beachtet jetzt jede Geschwindigkeitsbegrenzung. Das war auf der Hinfahrt nachts nicht der Fall. Erstens fährt Dale, um ein »Zeugnis« zu sein, mit jedem Besucher in seinem Wagen streng gesetzlich, zum anderen meint er nun wegen seines Schützlings langsam fahren zu sollen, und drittens war er auf der Hinfahrt auch nur aufgeregt und nahm sich vor, jedem möglichen Polizisten einen »Krankheitsnotfall« als ausreichenden Entschuldigungsgrund vorzuhalten, zusammen mit seinem Ausweis als Geistlicher auf dem Weg in ein Krankenhaus.

In Amerika isst man abends die Hauptmahlzeit, mittags nur wenig und meist in Hast.

Zum »Lunch« also hält Pastor Noomey bei einem kleinen Mc Donald-Restaurant am Wege. Sie bestellen sich »Hamburger« und Cole Slaw, das ist verkauderwelscht aus dem Holländischen, also auch nicht weit vom deutschen Hamburg, unser »Kohlsalat«, holen das an der Theke ab, wo Dale bezahlt und gehen damit an einen der Tische am Fenster. Bevor er aber zubeißt, erhebt Dale theatralisch und auch für ihn sonst ungewöhnlich, die Hände zum Himmel und betet noch so laut, dass alle verstörten Nachbarn es hören können, zum Herrn, Dem er für die Mahlzeit dankt. Sam ist etwas erschrocken, aber gezwungen, mitzumachen, was er verschwiegen und bescheiden und ohne erhobene Hände tut. Als sie essen, sagt Dale in Bezug auf die Nachbarn: »Siehst du, mein Junge, das ist nun ein Zeugnis für sie!«

Auf der Weiterfahrt, wieder in seine Decken gerollt, kann sich aber Sam nicht erwehren, über das Erlebte kopfschüttelnd nachzudenken. Nun gut, Dale ist ein Pastor und nimmt seinen Beruf sehr genau. Aber irgend etwas ist da störend und befremdlich. Er ist gar nicht warm geworden zu den »Nächsten«, während doch Gott gerade die Liebe als eigentlichsten Grundsatz etabliert hat, keiner hat ein Wort gesprochen, es leerten sich danach aber die Nachbarbänke in auffälliger Weise. Und ein »Zeuge« ist man am besten unbewusst, wie ein Kind, sonst wird es doch künstlich, absichtlich und Heuchelei! Natürlich ist Sam zu bescheiden, den Pastor deswegen zur Rede zu stellen, sondern denkt sich nur sein Teil. Das ist doch kein Zeugnis der Liebe und der überströmenden Freundlichkeit? Und natürlich! Er geht in Gedanken über die Bergpredigt:

»Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler; denn sie lieben es, in der Synagoge und an den Ecken der Straße stehend zu beten, damit sie von den Menschen gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber betest, so geh in deine Kammer, und nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.«

Und als Jude kommt ihm gar in den Sinn, auf welch gefährliches Pflaster sich Dale da begibt. Denn so betet er ja zu den fremden Leuten und im strikten Sinne nicht zu Gott allein! Wobei allerdings zu bemerken bleibt, dass Jeschua das Selber auch einmal macht, nämlich im Zusammenhang mit und vor der Auferweckung des Lazarus. Aber Jeschua tut das getrieben von dem Geist, nur nicht etwa selbst als der Starke dazustehen, Der solch unerhörtes Wunder wirken könnte. Denn Er kennt uns Menschen ja. Und Er betet bevor das Wunder geschieht, aus festem Glauben, wobei Er ja, menschlich gesehen, ein »Risiko« eingeht.

Ob nun aber bei Dale derselbe oder ein ähnlicher Geist herrscht – nun, das mag sich jeder selber beantworten.

 

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Für den kommenden Sonntag wird Bob an einem Projekt arbeiten, dessen Idee ihm in schlafloser Stunde gekommen ist, Sonnabendnacht, und er denkt belustigt in seinem Bett, ob das alles wohl als Ergebnis aufzufassen ist von Mischas Ermahnung, ja eigentlich nur kurzer Erwähnung, bei Tag und bei Nacht über den Herrgott und Sein Gesetz nachzudenken. Also eine Art Befehl in Hypnose oder wenigstens doch wegen der abgelenkten Aufmerksamkeit verminderter Kontrollkritik? Aber es ist ja ein fast wörtliches Zitat von Psalm eins!

Daraufhin hat er auch pflichtbewusst einige Zeit darauf verwendet, über das Rätsel nachzudenken, wie man die Sünde in der Welt mit der Idee aussöhnen könnte, dass Gott sowohl allmächtig als auch gut sei. Aber unzählige Beispiele, die er sich macht, laufen wie die von Mischa erwähnten immer entweder auf Gottes Güte und Ohnmacht einerseits oder Allmacht und Grausamkeit andererseits hinaus. Anders geht es wohl nicht. Basta! Oder doch?

Was meinte eigentlich Mischa mit seiner Bemerkung auf Rudis Einwurf, Gott für grausam zu halten sei ebenso schlimm wie Ihn für schwach zu halten: »Rudi, du bist dichte dran«? Dabei war es doch gerade Rudi, der uns über die unvergebbare Sünde aufgeklärt hatte, nämlich, Gott nicht alles zuzutrauen, Ihn also für schwach zu halten? Mischa, der doch bei der Enthüllung Rudis nicht dabei war, stimmt ihm also zu, wenn er Gott für schwach zu halten als Unglauben und die Ursünde herausstellt. Aber die Sünde, Ihn für grausam zu halten, ist offenbar nicht mit dieser höchsten Strafe befrachtet, also gar erlaubt? Aber nun weist Rudi, möglicherweise sich selbst widersprechend gerade auf diese andere Möglichkeit hin. Beide Male versuchen wir Gott einzustufen, Sein Wesen und Seinen Charakter zu ergründen und abzumessen. Das können wir doch nicht. Also ist die Antwort auf das ganze Rätsel vielleicht diese Idee, dass wir’s nicht können und also erst gar nicht versuchen sollen? Und daher sagte Mischa, der’s schon weiß, du bist dichte dran, also am Aufgeben aus Einsicht. Aber halt! Alles in der Bibel klar und verstandesmäßig Artikulierte, der ganze Liebesbrief an uns, ist für uns zu lesen da, und also zum Nachdenken; und das ist sogar auch ein direkter Befehl Gottes. Also sind wir nicht in Sünde, wenn wir also bei Tag und Nacht über Sein Gesetz meditieren, also alles Gesetzte, nicht Gesetz im Sinne von Strafgesetzbuch. Und hier doktern wir ja nicht an Gott selber herum, sondern in unserer Ichbezogenheit, wie wir Ihn nun zu verstehen haben, damit das Ganze einen Sinn macht. So gesehen also, Gott Dank für unsere Selbstsucht! Und dieser Gedanke ist so elementar und wichtig, dass er sich geradezu von Gott her uns aufdrängt.

Also wozu hat Gott das Böse erschaffen und erhält es jeden Tag in neuer Frische!? Die Lösung ist einfach die, dass Gott noch eine andere, uns bisher uneinsichtige Eigenschaft haben muss, die alles erklärt, und damit basta! Aber sich ganz von diesem Nachdenkthema lösen und einschlafen kann er deswegen doch nicht. Also, wenn auch unbeabsichtigt, geht seine einmal angekurbelte Denkmühle etwa so weiter:

Nun gut, das Böse hat einen Zweck auf der Welt und muss durchaus dafür von Gott so eingesetzt worden sein. Wer hat das Beispiel mit den Bakterien gemacht? Die sind zwar »böse«, verfaulen alles Eiweiß und greifen unseren Körper an, sind aber von Gott erschaffen und eingesetzt. Unser Organismus muss die größten Anstrengungen machen, in dem ewigen Kampf überhaupt nur Gleichgewicht zu halten, aber am Ende erwischen sie uns doch, wenn schon nicht als Krankheitserreger zum Tode, dann danach im Grab! Denn da als Leistung der Bakterien verfaulen wir doch schließlich alle einmal, wenn nicht vorher verbrannt. Und das muss auch so sein um der Ordnung der Welt willen, eine eingeplante Müllverarbeitung wieder zurück zu fruchtbarer Erde, Asche oder Staub, der wir einst alle waren. Aber wie kann die Sünde, die doch nun immer schädlich ist, mit solchen am Ende doch zweckvollen Bakterien und Mikroorganismen verglichen werden? Vielleicht doch so: Wie die Wölfe zerren sie das Schwache hervor, weil sie das zuerst erwischen, und fressen in einer Herde Rentiere daher das Schwächste und Kränkste heraus, stoßen also am Ende die Herde gesund und stark!

Also wenn die Sünde aus Gottes Herde ebenso das »Lebensunwerte« – na, das klingt ja ganz nationalsozialistisch und ist in den letzten fünfzig Jahre in Ungnade gefallen – ausmerzt? Aber wie passt das in die Vorherbestimmung, mit der sich Mischa so stark macht? Also kann er das wohl nicht gemeint haben. Halt, da denke ich ja schon wieder teleologisch, also mit dem unerlaubten Zweckmäßigkeitsgedanken, weil ich doch Gottes eigentlichen Zweck höchstens nur ahnen kann, also auf meinen Zweck gerichtet, wie »dem Lehrer zu gefallen«! Sagen wir: Wie man einen Obstbaum beschneidet, damit die verbleibenden Ästchen umso stärker wachsen können? Und das, andererseits, klingt ganz biblisch!

Dürfen und sollen wir Christen das eigentlich auch mit der Gemeinde tun? Ja klar, wenn einer Unsinn predigt, so ist es doch ein gutes Werk, ihn behutsam zurückzuleiten. Schließlich sagt Er zu dem Menschen Petrus doch: Weide meine Lämmer! Und was sonst könnte das bedeuten? Menschen, die kein Gras fressen, kann man doch nicht »weiden«? Das Ganze also wieder allegorisch gemeint. Klar, wir sind alle aufgerufen, so an der Gemeinde mitzuformen und mitzuarbeiten. Was taten die Reformatoren? Um diese Zeit war ja die ganze Gemeinde, ja die ganze Christenheit und ganze Welt, in die Irre gegangen! Gegen die Obrigkeit rebellieren mit den neuen Ideen? Nein, Luther hat sich streng dagegen verwahrt, er sah die Gefahr der gottlosen Revolutionen am Horizont heraufdämmern, dass wir uns selbst würden verwalten wollen und wie beim Turmbau zu Babel damit wieder in die Irre gehen würden. Es kommt auf die Demut und echte Niedrigkeit des Reformators an. Luther sagte daher, macht mir bloß keinen St.-Martin-Kult daraus! Also die Kirche sei eine »semper reformanda«, eine ständig neu zu reformierende. Fein gesagt, anders als Hitler, der meinte, nur er selbst sei groß genug, den Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen, der deshalb also noch zu seinen Lebzeiten gewonnen werden müsse, erniedrigte sich Luther aus Überzeugung und sagt quasi, nicht auf mich kommt’s an, ich habe meine Fehler und Irrtümer, sondern nur auf Gottes Wort. Also wer darf dann korrigieren? Wer ist Lehrer oder Hirte an der Gemeinde? Ha, der von Gott was zu sagen hat! Dabei fällt ihm ein, was jemand irgendwo zitiert hat. Ja, es war leicht zu merken, weil es ganz am Ende des Jakobusbriefes steht!

Diese Idee befeuert ihn, weckt ihn gänzlich auf, dass er sich im Bett vor Freude aufsetzt. Ja, er steht ganz auf, macht Licht und schlägt den Jakobusbrief ganz am Ende auf. Und da steht tatsächlich:

Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit abgeirrt ist und es bekehrt ihn jemand, der wisse: Wer einen Sünder von seinem Irrweg bekehrt, der wird seine [eigene] Seele vom Tode erretten und eine Menge Sünden zudecken.

Daher war also die Reformation gut und ein Gotteswerk. Was dacht’ ich da eben? Dass es nach Inhalt einer jeden Idee geht. Wenn die nun in einer Kirche oder christlichen Gesellschaft falsch ist, dann darf und muss man dagegen sein und aufbegehren. Ja, aber wer sagt das? Marx dachte doch auch, er hätte was aufregend Gutes der Welt mitzuteilen, Nietzsche, Hitler, und wie sie alle hießen. Na schön, das waren Weltkinder, die keinen Leitfaden hatten, daran den Inhalt ihrer Ideen zu messen. Aber wir haben einen solchen, den besten, den es gibt, Gottes Wort! Aber Josef Smith, Frau Baker-Eddie, Loyola und wie sie alle hießen?

Haben auch wir hier im Webbhaus etwa genug streng biblische Ideen, die uns Recht zu jeglicher missionarischen Tätigkeit gäben, wie es zum Beispiel schon Rudis Autoschild ist? Ja klar, schon Michail hat als einer von ganz anderer Kultur uns Amerikanern viel vorzuwerfen. Darüber kann man natürlich kalt lächelnd hinweggehen. Aber ist es nicht feiner, wenn wir selbst als Amerikaner unsere Mängel bemerken, ehe die wirklich fremden Ausländer Finger zeigen? Und dann dagegen angehen, das heißt, unsere eigenen Fehler erst einmal aufzeigen. Und was wäre da wohl? Bob hat in Rundfunk und Fernsehen schon viele Evangelisten gehört. Einige, ganz richtig, haben das Leben in Ungehorsam und Rebellion als gegen Gott im allgemeinen und mit einigen Beispielen anderer Zeiten und Kulturen angeprangert. Er hat fast atemlos, aber immer vergeblich, auf den zu erwartenden Absatz gewartet und dann auf die Anklage unserer eigenen amerikanischen Revolution und ihrer Auswirkungen, unseren Versuch, als Kinder Gottes zu leben und gleichzeitig unter humanistischen, aufklärerischen Menschenprinzipien, die wir emotionell so hoch verehren! Warum hat keiner den Mut, als ganz unabhängiger Bote nur die Wahrheit und was ihm dazu durch den Kopf geht, zu verkündigen ohne ein Pharisäerfilter der Angst vor möglichen Konsequenzen und der Mode? Was allerdings ja andersherum wieder einer Revolution gleichkäme. Ist das unsere Freiheit? Mit dieser Phrase schluckt und unterdrückt die alte sündige Revolution jede mögliche neuere bessere. Wirklich die Wahrheit, ohne Beachtung etwaiger politischer Besserwissereien, und nichts als sie, und ein Nein für ein Nein, das heißt, wo eines hingehört!

Was wäre da anzuprangern?

Na, zum Beispiel, unsere Verkommenheit in Ehe und allem Sexuellen, das uns nur selbst schadet, unsere Revolution mit dem resultierenden Einschwören unserer Präsidenten auf humanistische, revolutionäre Prinzipien. Gott hasst alle Revolutionen, und Seine Bibel ist durchaus absolut konterrevolutionär, wie schon am eingewinterten Pool gestreift. Also: Römer 13, 1-7 und 4. Buch Mose (»Numeri«), Kap.16, Korach! Ja, unsere ganze Kultur, die einerseits »Herr, Herr« schreit und »In God we trust« auf jeden Dollarschein druckt, oder eine so sehr fragliche »Allegiance to the Flag« den Schulkindern jeden Tag zur Aufgabe macht, wo es dann aber doch »one nation under God« über Usa heißt – aber doch nicht Seinen Willen tut, sondern eben, wie die anderen auch, über die wir die Nase glauben rümpfen zu können, wie die Sowjetunion, den Weg allen Fleisches gegangen ist, sprich der Revolution, das ist Renaissance und »Emanzipation« der Völker, am Ende also der Weg fern von Gott! Und wir können doch nicht zwei Herren dienen.

Das muss unbedingt hinein! Wo hinein? Nun, in eine zu schreibende Broschüre, ein Traktat, das Pep hat, erstmal an die gerichtet, die von sich bekennen, Christen zu sein, also die amerikanischen Kirchgänger.

»Au ja!« – Aufgekratzt verbringt er nun den Rest fast der ganzen Nacht mit der gedanklichen Ausarbeitung dieses Traktats, das soviel »Köder« christlicher Aussagen haben muss, dass sie alle erst mal gewonnen sind, ja, schon am Anfang! Und dann schön langsam, eins nach dem anderen, die Punkte, wo sie – wir alle – humanistisch geworden sind und eigentlich Gott verleugnen.

Nur kurz muss das Ganze sein, zu langen Predigten und Gedankenketten haben wir in Amerika allerdings keine Geduld. Alles Wesentliche auf einer Schreibmaschinenseite sagen? Und keinen verletzen! Oder eigentlich doch, ja, gerade. Er einigt sich auf Anstacheln, aber nicht so, dass sie das Traktat halb gelesen verärgert wegwerfen. Gegen Morgen erst fällt er in einen unerquicklichen aber bleischweren Schlaf mit dem Erfolg, dass er die Zeit zur Kirche verschläft. Das Haus ist still, sind wohl schon alle in ihre verschiedenen Kirchen gegangen. Ein Wink Gottes! Ja, wohl ein Wink Gottes, aber solche Winke sind selten so, wie wir erwarten! Gott hat manchmal anderes im Sinn. Nun hat er Zeit, Ruhe und große Lust, das noch frisch im Gedächtnis Haftende niederzuschreiben. Das soll auch ein Sonntagsgottesdienst werden!

Ohne sich erst zu duschen oder zu rasieren, setzt er sich im Schlafrock gleich an seinen Tisch und kritzelt heftig auf Zettel, streicht, zerknüllt und schreibt neu. Aber es kommt, er fühlt etwas Befriedigendes wachsen!