Zwölftes Kapitel

Sam Rothman betritt die Szene

Nachdem in den darauf folgenden Tagen Bob sein »Pamphlet« in der Uni auf einem Computer getippt, korrigiert und ins richtige Aussehen gebracht und auch auf zwei Computerseiten zusammengestaucht hat – die nur eine Nummer kleinere Schriftgröße hat mehr Raum eingespart als erwartet – und gleich ein paar Ausdrucke angefertigt – für später wird sich die Kopiermaschine als schneller und einfacher herausstellen – ist man nun im Webbhaus am allgemeinen Diskutieren. Jemand hat bemerkt, Bob solle nicht annehmen, dass alle Christen automatisch zu allen Punkten ja sagen würden. Darauf hat er geantwortet, natürlich, wohl kaum so! Aber, wie sie allem Gedruckten gerne folgen, würde er sie so dazu verlocken, denn Tatsache sei doch und auch schon vor ihm in entsprechenden Kreisen verlautbart, dass die Christen schon anfangen, besonders seit Vietnam, ihrer herrischen Regierung nicht mehr in allem so ergeben und kritiklos zu folgen.

›Und apropos herrische Regierung! Gebt’s nur zu: Es ist keine Revolte mehr. Wir sind ja nun durch unsere Revolution »befreit«. Uns ist nicht mehr wie bei Korach, verboten, sondern wir sind gar aufgerufen, kritikvoll an unserer Regierung demokratisch mitzuarbeiten.‹

Und mit den christlichen Aussagen auf der rechten Seite, von denen doch mindestens ein Teil sofortige Zustimmung erhielte, verlocke er sie unmerklich auch zu den anderen.

Darauf Rudi:

»Aber dann bleibt es dennoch eine Schufterei, sie so mit Gedrucktem zu ›verführen‹. Und Vorsicht! Man könnte argumentieren, du machst sie ihrer gottgegebenen Regierung abspenstig. Und ›Verführen‹ ist nicht absolut ehrlich; denn so etwas macht wohl die humanistische Führung, aber du willst dich doch gerade davon differenzieren!«

Da hat nun Rudi allerdings unbedingt recht! Man einigt sich nach einigem Hin und Her, dass Bob eine der fraglichen Stellen folgendermaßen umschreiben wird:

»Wer bestimmt denn dann, wem wir politisch folgen, wenn doch die Mehrzahl von uns den meisten meiner obigen Punkte zustimmen würde?«

Rudi bemerkt sarkastisch dazu:

»Gar keiner! Wir folgen einfach keiner menschlichen Hausordnung mit ganzem Gemüte mehr, punctum! Irgendwelchen ›Punkten‹ zustimmen ist eine Sache, aber einen vollen Gehorsam zu erwirken, dazu hat nichts Menschlichen genug Autorität! Und darum, ganz einfach, geht’s bei keiner Regierung am Ende ohne Gott. Aber gerade das wissen all die Demokraten durchaus nicht, weil die menschliche Größe schon so fest verwurzelt ist.«

Dann, wieder im Geist und Ton wie vorher, fährt er fort:

»Zum Punkt, ob Demokratie die bestmögliche Regierungsform auf Erden sei:

Da ist Deutschland doch ein Paradebeispiel. Sie hatten vergleichsweise gute und gottesfürchtige Monarchen, etwa in Preußen, bewegten sich trotz noch nationaler Zerspaltung auf eine Weltmachtstellung zu, geistig schon lange in Führungsposition. Da stach sie der Satansstachel aus Frankreich! Derjenige der Demokratie und des Massenegoismus! Gleich von da fing es an. Denn das war ja Nationalismus und gottferne Demokratie. Aber sie waren nicht nur selbst zersplittert, sondern auch mit ihren sämtlichen Nachbarn verwoben und verschwägert. Dazu nun die Kampfeslust des Nationalismus! Das gab Krieg und Kriege, denn die Nachbarn waren ja auch infiziert und reagierten ebenso! Nie wieder sind sie so frei und sie selbst geworden wie in den Jahren nach dem Wiener Kongress. Alle dann folgenden deutschen Demokratien, Weimarer, Hitler und DDR , sind eine traurige Schreckensbilanz. Beide große National- und das hieß Weltkriege haben sie verloren und sind in eine jämmerliche Sklaverei gefallen, unfrei unter unserer und der kommunistischen Knute, die sich zum Hohn beide selber betont demokratisch nennen, ein Drittel ihres Landes geraubt. Unser Leben schließt ein, dass wir immer an Grenzen stoßen müssen, wo unser Freiheitswille nachgeben muss. Soviel über Woodrow Wilsons berühmte Selbstbestimmung! Schon ein Tier, das etwa vom guten Braten nach Herzenslust fressen möchte, sagt sich, halt, der Rudelführer hat noch nicht gegessen, und wenn ich nicht warte, gibt’s für mich fatalen Krach! So hat es Gott auch mit uns gefügt. Zu den Deutschen und damit uns allen, sagt Er quasi: ›Meine kleine Unfreiheit, die nur dazu da ist, dass ihr Mich nicht vergesst, ist ein Paradies – ebenso wie das ursprüngliche – im Vergleich zu dem, was ihr ohne Mich nun habt, ebenso wie Israel und eine Reihe anderer Nationen, die Mich verlassen haben, wo ihr notgedrungen euch anderen Völkern als Sklaven ergeben müsst!‹«

»Wieso?« fragt Bob doch trotz auch seiner nächtlichen Gedanken, »Ihre Bundesrepublik, die du ausgelassen hast, ist eine erfreuliche Demokratie! Alle sind sich einig, dass sie gut funktioniert, und schon am längsten so!«

»Und der Treppenwitz ist,« sagt wieder Rudi, »dass das gar keine freiheitliche Demokratie ist, sondern ebenso wie die Ostzone, de facto von ihren Siegern aufdiktiert wurde! Und die Deutschen sind zu ihrem Glück – oder Unglück – in ihren Regierungen immer lieber ein Gehorchvolk. Denn auch diese Republik ist ja keineswegs durch Volksbestimmung und freie Wahl entstanden! Im Osten gerieten die Deutschen in die Sklaverei der Russen, im Westen in unsere, wohl besser kaschiert und mundgerechter gemacht. Würde wohl eine darin freie Wahl auch so schön genau die Zonengrenze und den nun feindlichen deutschen Nachbarstaat berücksichten?!

Und die Deutschen, nun so ganz kleinlaut geworden – und das ist das Wesentliche von Gott her, dass sie sich demütigten! – waren entweder im Glauben, das sei nun als echte Demokratie etwas Erstrebenswertes wie erst ihre Weimarer, oder im Durchschauen dieser ja noch gutmütigen Diktatur, heilfroh, dass man wieder kaufen und essen konnte, denn sie hatten ja sonst nichts mehr zu mucken in der Welt und auf dem verbleibenden Rest ihres Landes. Nur Gott fiel unmerklich unter’n Tisch dabei!

Die Bundesrepublik ist eine von den Siegern aufgestellte, aber im Ganzen erträgliche Diktatur! Sieh mal jetzt die Wiedervereinigung! Wahlen sind für jeden immer nur der möglichste Kompromiss. Bei der Wiedervereinigung war auf einmal möglich, was Monate vorher noch nicht denkbar war. Da hätten die Zonendeutschen auch in ›freien‹ Wahlen nicht für den Anschluss gestimmt, nicht stimmen können. Die Demonstrationen in der ›DDR‹ wie ›Neues Forum‹ oder ›Böhlener Plattform‹ zielten auch nur auf einen geläuterten und erträglicheren Kommunismus ab. Aber dann war auf einmal alles möglich, und da fielen ihnen wieder ihre tieferen, eigentlichen Wünsche ein, also, wie theoretisch ja in jeder Nation, die so lange und sehnsüchtig aber hoffnungslos erträumte Wiedervereinigung. Das war eine neue Atmosphäre, von Gott erschaffen, ein zeitweiliges Fenster, wo gerade die Wiedervereinigung, und nur sie, hindurchging. Es gibt solche Atmosphären bei Gott, wo man sich wieder bekehren kann, was ohne sie nicht geht, ›nein, [bei] auch nicht einem.‹

Und unmittelbar nach dem Kriege war’s die große Einschränkung. Da wussten sie umgekehrt, dass ihr vorher möglicher Traum eines machtvollen Nationalstaates nun unmöglich geworden war! Also so gesehen sind Wahlen nie ›frei‹, sondern ein meist sehr gequälter Kompromiss. Und wehe uns allen, wenn sie’s wären! Wie mit dem Raumschiff erörtert, brauchen wir unsere freundlichen Begrenzungen! Dazu waren ja bald auch in der westlichen Diktatur ›verfassungswidrige‹ Parteien einfach verboten! Schon das Wort ›verfassungswidrig‹ und die Behörde ›Verfassungsschutz‹ sind doch in einer Demokratie ein eigentliches Unding, eigentlich eine Verfassungsdiktatur! Schlimmer als ein oder mehrere menschliche Diktatoren, die doch wenigstens denken können, und gebe es Gott, theoretisch sich bekehren! Wie nun, wenn das Volk so eine Begrenzung oder ihre ganze so genannte Verfassung, oder wie sie gehandhabt und verbogen wird, gar nicht (mehr) will? Und das ist ja in mehr und mehr der traditionellen Demokratien der Welt von heute bereits der Fall.

Aber auch nun haben sie ihre Wiedervereinigung und wiedergeschenkte Souveränität nicht voll begriffen. Warte nur ab! Für die Zukunft sehe ich schwarz, wenn sie jetzt wieder ein wirklich selbständiges nationalistisches Volk werden und – Expansion der Wünsche wie plötzlich bei der Wiedervereinigung oder, früher, der Fress-, Reise- oder Sexwellen – manches wieder denkbar und möglich wird. Denn die ganze Bundesrepublik war ein stümperhafter naiver Fehlversuch, funktionierte nur so gut wie sie es tat, durch unsere ihnen aufgezwungene Tyrannei und Diktatur!«

Bob antwortet:

»Europäische Geschichte ist uns Amerikanern weithin unbekannt. Wir haben hier eine andere Erfahrung mit der Demokratie. Und die liegt ja so weit zurück, dass sich keiner mehr an ihre Bedingungen erinnert.« Da sagt Rudi:

»Aber ich schlage vor, dass du noch hineinnimmst, dass Nationalismus auch so eine giftige Blüte des Humanismus ist!«

Bob ist noch am Handschreiben auf den Rand einer der Ausdrucke, als die Tür aufgeht, und etwas verlegen Michail die Stube betritt und quasi zur Vertuschung eines gewissen peinlichen Vorfalls an eben derselben räumlichen Stelle, sagt:

»Hallo, ihr alle! Ich erlaube mir heute, jemanden mitzubringen, der mir schon in kürzester Zeit ein guter Freund geworden ist. Wir haben uns in der Uni, im Altsprachlichen Institut, getroffen, wo er mir eine Stelle aus den Sprichwörtern Salomos interpretiert hat. Er ist ein echter Christ, so wie ich mir das immer vorstelle, der sich nämlich gegen großen Widerstand bekehrt hat.«

Wie vorgesehen, wird nun Michails Wiedererscheinen abgelenkt durch Vorstellung der Webbhausbewohner und allgemeines Interesse auf die Person des neuen Besuchers, Samuel Rothman. Sam wirkt so unauffällig, dass man erst seine Stellung als Lehrer im Altsprachlichen Institut nicht begreift, und ihn eher für einen Gymnasiasten halten möchte, dem Mischa etwa Nachhilfeunterricht erteile. Das wird also wortlos am Benehmen klargestellt. Darauf natürlich fragen sie, wie von Mischa beabsichtigt, was er mit seinem »Bekehren wie ich’s mir vorstelle« meine und was der Widerstand sei. Mehr Mischa als Sam erklären über das streng jüdische Elternhaus, was Sam lieber gar nicht zur Sprache gebracht hätte. Übrigens ist Diane nicht dabei, sie verlässt kaum mehr ihr Zimmer, und Sonya ist in sich verschlossen und spricht heute kaum.

Darauf gehen sie wieder auf die angefangene Diskussion zurück, was natürlich erfordert, dass Bobs »Kampfschrift à la Lenin,« gerade neu revidiert, noch einmal genauestens vorgelesen und ihr Zweck, wider den (amerikanischen) Humanismus, und Entstehung Sonntagnacht erklärt und beschrieben werden.

Michail macht eine bemerkenswerte Aussage über die humanistische Gleichheit aller Menschen:

»Was sagt wohl die Bibel, also Gott, zu unserem Bestreben, untereinander gleich zu sein, wenn wir uns schon mal so weit zusammennehmen, nicht gleich wie Gott, also sogar Ihm selber gleich sein zu wollen? Römer 13, 1-7 wird ja richtig von Bob erwähnt, aber es gibt wie bei der Homosexualität außer im Römer jeweils eine alttestamentarische Referenz:

Das vierte Buch Mose, auch Numeri genannt, erzählt im Kapitel 16 – (Buch) 4 mal (Vers, s.u.) 4 = (Kapitel) 16, leicht zu merken, die Geschichte über den Aufstand Korachs. Sie sind da jahrelang in der Wüste umhergewandert, und Gott fängt schon an, Seine Idee, sie ins Gelobte Land zu führen, zu bereuen wegen ihres wiederholten Ungehorsams. Da setzen ein paar Männer um Korach, dem Leviten, allem die Krone auf mit einem echten Revolutionsversuch. Da sind mir ein paar Ähnlichkeiten zu unserer Zeit aufgefallen. Korach geht also zu Mose und sagt ihm etwa folgendes:

›Du und Aaron nehmt euch zu viel heraus! Wer sagt denn, dass ihr vor dem Herrn etwas Besonderes seid? Wir sind Sein Volk, und Er ist mit allen von uns!‹

Volksverführer sind oft schon widersprüchlich in sich selbst. Zu Korachs Revolutionsrotte gehören ja ›250 Principes‹, Vornehme. Wer anders konnten die sein als die von Gott bestimmten und von Mose erwählten Obersten von jeweils tausend, hundert, fünfzig und zehn? (Exodus, also 2. Buch Mosis, 18, 21). Also schon in Korachs Voraussetzung, wieder in Numeri 16, Vers 3, sind die Israeliten nicht gleich vor Gott. Vers 4, um bei meinem obigen Mnemogram zu bleiben, lautet:

Als Mose das hörte, fiel er [vor Schreck] auf sein Angesicht.

Also in anderen Worten sagen sie, schon damals: Wir sind alle gleich vor Gott! Sie erkennen dem Wortlaut nach Gott, gegen Den sie doch im eigentlichen revoltieren, noch an. Aber dazu sollen immer alle Menschen gleich sein! Das will Gott gar nicht, weil Er sofort sieht, was wir in vielen Jahren auszuprobieren nie die Zeit hatten, herauszufinden. Nämlich, dass es nicht geht und für uns Probleme und Kummer gäbe! So verfuhren wir ja in allen unseren zeitgenössischen Revolutionen, sogar noch etwas im Kommunismus, denn – und hier der Witz – Karl Marx hat ja gerade wieder diesen Mose, dem er auch gleich sein wollte, kopiert und sich auch noch auf dieselbe Person hin ebenso erhöht, sogar in der Haartracht nach dem berühmten Gemälde sieht man das, als der Prophet, der das arme geknechtete (Arbeiter-)Volk in die Freiheit führt.

Nehmt mal die geistige Führungsschicht aller christlicher Nationen damals. Die hören nun aus Frankreich von einer schrecklichen Revolution, wo scheinbar ganz neu und aufregend die Gleichheit verkündigt wird. die dann wichtig und irgendwie führend auf der ganzen Welt wird – und wussten doch auch da schon, dass Gott so etwas hasst. Da müsste doch bei ihnen allen die Warnlampe aufleuchten! Sie lesen in der Bibel weiter, wie Gott das hasst und schwer bestraft. Und doch findet keinerlei Gegenrevolution und Bestürmung Frankreichs zu deren Aufklärung statt, nichtmal hervorgeholt und diskutiert wird die Revolution, nichtmal da, als es so brannte. Wir fallen einfach alle ‘rein. Ich sage, Europa war da schon gar nicht mehr christlich!

Der echte Mose bringt die Sache vor den Herrn, und Der macht nun drastisch klar, was Er von so einer Revolution mit Selbsterhöhung und Gleichmacherei gegenüber Seinen auserwählten Propheten hält: Auf Moses Wort öffnet sich die Erde und verschlingt Korach und seine Gefährten mit Weib und Kindern vor ihren Zelten ›lebendig ins Totenreich‹. Und nun vergleicht ihren Sündenstarrsinn mit unserem! Nach diesem Schrecken geht die Revolte schon am nächsten Tage nämlich erst richtig los. Diesmal tötet der Herr 14 700 aufsässige Menschen durch sehr plötzliches lebendig Begraben! Wieder ein Mnemo: Numeri 17, Vers 14, wegen der Zahl der Toten, sagt gleich so: »Es waren 14 700 Israeliten getötet worden, zusätzlich zu den Anhängern Korachs, die am Tag zuvor umgekommen waren.«

Ich will nun nicht in den Aberglauben verfallen, aus Zahlen zuviel in die Bibel hineinzulesen. Zahlen sind nur von Bedeutung, wenn die Bibel das selber sagt, etwa im Daniel, ohne freilich schon da die Bedeutung hinzuzufügen, damit wir nämlich erst reif werden sollen. Wenn ich nun frage, was fällt euch bei der Zahl 14 700 auf, so nehme ich das als ein Mnemo, eine Gedächtnishilfe, wie oben meine 4 x 4 = 16. Die französische Revolution fing mit der Erstürmung des Staatsgefängnisses Bastille an, das wird bis heute als ein großer Feiertag in Frankreich begangen, ähnlich wie euer 4. Juli, nur ist es bei ihnen der 14. Juli, also der 14. 7.! (1789). Also, könnte man sagen, sie feiern den Verbrechertod der vielen Korach-Aufständischen des zweiten Tages, die da von den erst wenigen angesteckt worden waren. Und hier wieder ein Mnemo: Anfang französischer Revolution 1789, Hitlers Geburtsjahr 1889, und hoffentlich als Anfang zum Abschluss all der demokratischen Greuel, deutsche „Wende" 1989.

Wer nun alles von den Völkern in der Welt hat in einer oder der anderen Form die französische Revolution übernommen??«

Sam macht ein paar Viertelstunden später selber eine interessante Bemerkung zum Punkt der religiösen Freiheit, und Gott hasse unser Nachrennen nach fremden Göttern:

»Diesen Punkt in deinem Pamphlet wird man mit einigem Recht beanstanden! Nicht wegen des so gut dargestellten allgemeinen Humanismus, der keine Bevormundung mehr dulde, sondern weil es gerade christlich ist, Freiheit in diesem Bereich zu gewähren.«

»Aber wie meint dann Gott, dass wir keine fremden Götter haben sollen?«

verteidigt sich Bob.

Dabei ist interessant, dass sein Ton schon andeutet, er habe begriffen, dass es sich nun bei Sam um eine neue zu respektierende Führungsperson handele. Wie funktioniert so etwas bloß immer so prompt? (Das nur zur Frage unserer Pecking Order bei aller geforderter »Gleichheit«!)

»Dieser Befehl ist singularisch zu verstehen.« fährt Sam fort,

»Du sollst keine fremden Götter haben neben Mir! Jeder fange bei sich an und in diesem Falle, bleibe auch da.«

»Aber im Jakobusbrief, ganz am Ende, auf welche Aussage hin ich das ganze Pamphlet geschrieben habe, ermahnt uns Gott, einen von der Wahrheit Abgeirrten zu bekehren! Und wir sollen eines Sinnes sein. Also will Gott doch Sein ganzes Volk bei Sich und frei von Abgötterei! Wie sollen wir da anders jemanden bekehren?«

»Der Weg zu Gott ist der Glaube. Wir haben also keine andere Waffe als Überzeugung! Du kannst also nur jemanden ›bekehren‹, nicht, dass du ihn zwingst, sondern seinen Glauben aufbaust! Jeder Mensch benimmt sich jederzeit nach seinen inneren Überzeugungen, wenn nicht zur Heuchelei gezwungen! Hast du also seinen Glauben, seine Überzeugung, erst dann wird er sich verhalten wie er soll. Es ist ein Fehler bestimmter Kirchen, sich auf menschliche Entscheidungen zu verlassen, als auf einen immer neuen Offenbarungsfunken, die ja schon menschlich, damit Gott verlassen haben. Aber alle werden sich nie bekehren, darin ist die Bibel ja explizit. In diesem Sinne ist ja auch dein Pamphlet! Und ganz richtig so, du überzeugst ja damit auch nur. Sonst kriegen wir nämlich unter ›christlicher‹ Diktatur nur elende Heuchler, die, wie im Kommunismus, äußerlich gezwungen sind mitzumachen. Wartet nur! Gott selber – und das ist selten, Gott lässt doch seine Strafkriege immer von anderen Völkern besorgen – und nicht Elischa oder Mose, der Herr selbst schlägt hier drastisch Korach und die anderen Seiner Widersacher.

Der große Reformator Jean Calvin hat in Genf auf vorbereitetem Boden zusammen mit Wilhelm Farel eine christliche Diktatur gegründet! Zusammen gaben sie ein ›Bekenntnis des Glaubens und zur Disziplin heraus; dieser Zusatz wird heute meist weggelassen. Schön, da wurde mit dem eingefahrenen katholischen Schlendrian, dort üblich wie in aller Welt, gründlich aufgeräumt. Ein ganzes Viertel der Stadt, unter einer ›Reine du bordel‹ wurde abgeschafft und bereinigt. Aber dann kamen ausgewählte Älteste jeden Haushalt mindestens einmal jährlich kontrollieren auf strikteste Moral, wehe sie fanden etwa noch ein Heiligenbild oder Zeichen von Trunkenheit! Wer zu spät zur Predigt kam, wurde mit Bußgeld belegt. Katholizismus wurde gründlicher unterdrückt, als die es andersherum anfangs mit den ›Ketzern‹ selber getan hatten. Ohne eine kalvinistische Lizenz durfte niemand predigen. Auch kein eigenes Bekenntnis wurde geduldet, wenn jemandem die neue Zwangsreligion nicht gefiel, obgleich doch die ganze Reformation mit solch eigenem Denken begonnen hatte. Tanzen, ja ›unreligiöse‹ Lieder waren verboten, ebenso Theater, erst nur, wenn nicht christlich, und das hieß, strikt calvinistisch im Inhalt, später überhaupt. Die Bevölkerung fing an, über die neue Diktatur zu stöhnen und dagegen aufzubegehren.

Und wir heute, in unserer »christlichen« Demokratie? Schön. Wir sind nicht so tyrannisch, aber wenn du nicht auf Demokratie eingeschworen bist, dann bist du politisch erledigt! Das ist die Rede- und Denkfreiheit unserer großen freiheitlichen Errungenschaft, der »heiligen« Demokratie! Die Schweiz unter Calvin war wenigstens unter Gott so stur und tyrannisch. Hier nun, bei uns, brauchst du kein Christ zu sein, um in die höchsten Staatsämter zu kommen – aber nie und nimmer, wenn du den Idealen der Demokratie, und nur unserer Spielart, versteht sich! – kritisch gegenüberstehst! Du musst Schibbolet, das ist eine Getreideart, also Nahrung zum Leben, nicht zum Sofortmord, richtig aussprechen, sonst wirst du auf der Stelle politisch ermordet, wie die Kommunisten um 1950! »Sibbolet« fast genauso, reicht aber nicht – Kopf ab!

Da gab es im katholischen Bayern im vorigen Jahrhundert folgende Begebenheit, die sehr leicht auch meinem Ururgroßvater selber, der sie erzählt hat, hätte passieren können:

Die Kirche macht, wie dort üblich, einen Umzug. Dazu wird die Monstranz herumgetragen und zu bestimmten Gelegenheiten hochgehalten. Weil das nun Gott selber sei, habe sich in diesem Moment alles entblößten Hauptes zur Erde zu werfen! Ein Nichtkatholik sei dort gestanden und habe das aus verständiger Absicht nicht getan, sondern sei stehengeblieben und habe sogar den damals allgemein üblichen Hut nicht abgenommen! Er fiel natürlich als einzeln ragende Säule in einem Meer von gebeugten Leibern wie Mekka-Betern, sofort auf. Es erhob sich ein Geschrei, und die dabei gegenwärtige Polizei habe den Mann ›zu seinem Schutz‹ in Verwahrung nehmen müssen. Danach aber sei er ins Gefängnis geworfen worden. Er argumentierte, dass er sich als Gottgläubiger unmöglich vor einem toten Götzen verbeugen könne. Es half ihm aber nichts, denn ›jedermann wisse doch, dass das kein Götze, sondern der Allmächtige selber in der Form und Gestalt des Brotes‹ gewesen sei! Mein Ururgroßvater als Jude hat darauf gesagt, auch er hätte sich nicht verneigt und lieber das Gefängnis auf sich genommen, denn es ist von Gott als eine entscheidende Sünde schwer verboten, irgendwen oder irgendwas anderes als Ihn selbst anzubeten.

Ich gebe ihm recht, auch als Christ! Im Mittelalter hat man meine Vorfahren und viele andere, besonders in Spanien, verfolgt, die sich nicht zu Jeschua und nicht in der einzig von ihnen anerkannten Form bekannten! Wer so eine Verfolgung tut, handelt schon immer gegen Gottes Gebot der Liebe, denn man kann niemanden gegen seine Überzeugungen zwingen. Der Erfolg, der dann auch nicht ausblieb, sind ›Christen‹, die zwar äußerlich allen Ritus mitmachen, aber nicht glauben. Der Anfang der allgemeinen teuflischen Degeneration! Der ›Christliche Staat‹ wie der Calvins, wo nun alle bekehrt und eines Herzens sind, ist eine Utopie! Und wie in meinem Beispiel, die Verfolger selber kennen die Schrift nicht, nicht allein in dem erwähnten Punkt, sondern auch ihre Grundprinzipien und sind dann immer falsch, wie hier, zu gebieten, das Stück Brot anzubeten!«

Hier unterbricht Sonya mit etwas kratziger Stimme:

»Was gibt das dann eine fürchterliche Einsamkeit! Sollen wir alle und immer als Einzelne, stehenbleiben wie der Mann mit dem Hut und die doch zu erwartenden Prügel auf uns nehmen? Er bekehrt ja doch keinen, wo alles wie bei der Kreuzigung das Unrecht schreiend bekennt, macht sich unter der katholischen Menge nur verhasst! Er hätte sich doch zum Beispiel etwas abseits verdrücken können.«

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Michail antwortet:

»Aber was ist Recht?! Gut, ich weiß, was gerade du meinst. Ist das Christenleben eben doch der dornige einsame Pfad und nicht die große Freiheit? Beim aufmerksamen Lesen des zweiten Buches der Könige – da wird es fast langweilig!

Joram wird König von Israel. ›Er tat was dem Herrn missfiel.‹ Nach ihm folgt sein Sohn Ahasja auf den Thron. ›Er folgte dem Beispiel der ungerechten Ahabsippe und tat, was dem Herrn missfiel.‹ Und so geht es ständig weiter, kaum unterbrochen durch einen Herrscher, der halbherzig auch mal dem Herrn dient. ›Aber den Götzendienst auf den Höhen im ganzen Land schaffte auch der nicht ab.‹

Ich frage, was war bloß so verlockend an der Verehrung der Astarte oder des Baal, Moloch gar, der Kinderopfer verlangt? Wir machen doch speziell das jedenfalls nicht mehr heute? Die einzige Antwort ist: weil all die anderen Völker das machten! Was taten die Deutschen bei Hitler? Mitschreien, weil alle es so machen! Bei uns hat West-Virginia den höchsten Tabakmissbrauch. Dazu auch die meisten unehelichen Geburten bei Minderjährigen. Warum gerade da? Weil es nun einmal eingebrochen ist und es da alle so machen! Ein Christ hat sein eigenes Licht, ist ein Fremder in der Welt. Seine Kritik hat ihn ganz vereinsamt. Er macht nicht mit, woran sich alle so erfreuen. Wir müssen alle Gott höher stellen als das was die sündigen Nachbarn tun! Wir können ja auch nicht anders! Was tat ein Christ unter Hitler? Er siebte ständig in seinem Geist alles was er sah. Schön, der neue Führer schafft die Zersplitterung in Länder ab und zentralisiert Deutschland in der Gleichschaltung, wie die anderen darin stärkeren Nationen schon seit langem; schön, er organisiert Arbeitsdienste für herumlungernde Jugendliche für Pfennige Lohn. Schön, er senkt rapide die Arbeitslosen- und Selbstmordraten und bringt Deutschland wieder zu Ehren, etwa im Völkerbund. Aber dann veröffentlicht er, dass Juden keine Volksgenossen mehr sein sollen. Halt! Bis hierher und nicht weiter! Jeder konnte das mit der spanischen Inquisition von 1400 bis zum Anfang unseres Jahrhunderts vergleichen, wo nun Juden gleichzeitig mit Muselmanen gehasst und verfolgt wurden. Das Ergebnis für das so starke und bis dahin führende Spanien bis heute blieb nicht aus. Der Spitzeldienst besonders an den oberflächlich zum Katholizismus Bekehrten, die Flucht nach Verkauf ihres Hab und Guts für Pimperlinge – und keine Nation will sie aufnehmen und es mit dem mächtigen Spanien verderben – ähnlich und vorhersehbar, so kam es nun auch dort! Spanien wird zum armen, unterentwickelten Land.

Ja, eine solche Einsamkeit ist für einen Christen das Einzige in solcher Situation!«

Übernimmt Sam wieder:

»Und in der ›harmlosen‹ Prozession in Bayern kann kein Christ die Monstranz anbeten! Aber nie selber strafen und Gewalt tun! Denkt doch nur an Jeschua, als Seine Jünger um einen Regen von Feuer und Schwefel auf die Häuser derer beten wollen, die sie nicht beherbergen wollen! Oder, was das immer nötigerweise falsche Denken angeht derer, die ›von Gott her‹ strafen wollen:

›Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein‹ –- auf die von beiden Seiten als falsch anerkannte Ehebrecherin! Und auf das Mosaische Gesetz hin! Aber nichts dergleichen passiert in Gegenwart unseres Herrn! Uns stehen kein Feuer und Schwefel zu! Wir rechnen nämlich immer nur mit unserer eigenen Unfehlbarkeit und meinen, die anderen damit zwingen zu können! Wer aber richtig bekehrt ist, hat die Ruhe des verheißenen Kanaan schon in sich und verlässt sich auf Gott. Eine Hauptursache ist immer die eigene Angst, aus der so viel Unrecht keimt. Denkt euch die mal völlig weg für den, der ganz in Gott geborgen ist! Ich meine, das Resultat ist, dass für diesen Menschen das Himmelreich hier schon auf der Erde angefangen hat: Friede, Freude, echte tiefe Nächstenliebe – alles eben, weil auch kein Krümchen Angst mehr dabei ist.

Wenn ihr erlaubt, möchte ich euch eine kleine Geschichte erzählen – aber ich glaube, ich störe hier und reiße die ganze Konversation an mich? Das mache ich sonst eigentlich nicht, aber nun fühl’ ich mich bei euch schon so zu Hause  .  . «

Natürlich wird er daraufhin von allen Seiten zum Erzählen ermuntert.

»Die Skizze spielt im ausgehenden Mittelalter, also um die Zeit der Reformation. Wir sind in einer Schenke, wie sie damals so üblich waren: Alles rohes Holz, Fenster mit Butzenscheiben, dreckig-speckig das ganze, es riecht nach vergossenem dunklem Bier, die Leute roh und unzivilisiert. Zur Unterhaltung sind Geschichten beliebt, besonders aber auch Ansichten über die ›neue Religion‹, zu welchem Zwecke der jeweilige Sprecher gern zur größeren Beachtung auf einen der Tische springt. Die Straßen draußen sind ja nicht gepflastert; Transport geht meistens zu Fuß auch über weite Strecken, für ein paar Reiche aber mit einfachem Wagen oder direkt auf dem Pferd. Pferde sind überall, und ich sagte schon, die Straßen sind nicht gepflastert. Mit solchen Schuhen springt er also auf den Tisch . . .«

Hier entstehen einiges Räuspern und Äußerungen der aber noch amüsierten Abneigung. Sam fährt fort:

»In all der Unrast und dem Geschrei und lebhaftem Diskutieren in allen verschiedenen Dialekten findet jemand in einer Ecke, vergessen und verschmutzt, ein blaues Tuch. Das nehme man einmal als Symbol des Geistes Gottes und Seines Wortes. Er geht ungläubig näher und hebt das Tuch auf, breitet es aus, und erkennt, richtig, das ist also eine Offenbarung Gottes! Noch einmal zur Klarstellung: Dies ist eine Vergleichsgeschichte, nur ein Symbol. Nicht, dass das Tuch eine andere, wirkliche Gottesbeziehung habe, wie von der Monstranz da behauptet.

Die nächste Stunde bringt er nun damit zu, seine Genossen von diesem Fund und seiner Wahrheit zu überzeugen. Dazu setzt es wieder Geschrei, Auf-die-Tische-Springen, Bier-Vergießen und auch ein paar Prügeleien. Aber nehmen wir an, es gelingt ihm, die Mehrheit der versammelten Gäste überzeugt sich und bekehrt sich zu Gott auf Grund dieser Offenbarung des blauen Tuchs.

Da gründen sie eine neue Religion und sind nun voller Eifer, ihre seligmachende Wahrheit, aber nur in ihrer Version, der ganzen Welt kundzutun. Rasch wird einer der dicken Eichentische gereinigt und geschmückt. Auf ihn breiten sie voll Andacht und Furcht das blaue Tuch, die Offenbarung Gottes. Nun werden vier starke Kerle ausgesondert, die je ein Tischbein ergreifen und den Tisch, ›die heilige und einzige Kirche‹ Gott zu Ehren langsam emporheben. Sie wandeln damit unter Gesängen aus der Kneipe, ins Dorf und durch die ganze Welt, und wehe, wer nicht dem Tisch, dem einzig wahren Heiligtum und dem Behälter von Gottes Offenbarung, die angepasste Ehre zollt! Sonst, aus reinem Gottesdienst, versteht sich, Kopf ab! Da sind wir nicht zimperlich, schließlich geht es um höchste Wahrheiten hier!

Aber nun hat keiner gemerkt, dass das blaue Tuch schon in der finstersten Ecke der Schenke irgendwo mit einem Zipfel hängengeblieben ist, und schon beim zeremoniellen Heben des Tisches unter Chorälen sanft an der dunklen Hinterseite des Tisches herabgeglitten ist. Sie tragen da mit größter Feierlichkeit und striktem Anbetungszwang einen leeren Kneipentisch durch die Lande und wissen es nicht! Aber natürlich muss jeder genau auf ihre Art und nur ihre Kirche und Institution anbeten! Sonst kommt der Scheiterhaufen! Dabei kann doch jeder schon vom ersten Stock aus. ich meine im geistigen Sinn, einer etwas höheren Warte, sich überzeugen, dass gar keine ›Offenbarung‹ mehr auf dieser Kirche liegt! Keiner der Reformatoren und die katholische Kirche natürlich obenauf, waren mit dem Scheiterhaufen je zimperlich, und haben’s auch größtenteils praktiziert. Sogar Calvin selber hat mit Eifer und einer gewissen Freude den spanischen Ketzer Servetius möglichst grausam und langsam verbrannt. Das wahre Evangelium – und das ist stets nur meines oder unseres – muss hochgehalten werden, koste es was es wolle, sonst muss man eben eine so verworfene Seele vernichten!

Das Tuch liegt wieder in der Ecke der alten nun verlassenen Schenke, verdreckt und vergessen, bis es vielleicht dermaleinst wieder jemand finden wird.

Ist es nicht so immer gewesen in der langen Geschichte der Kirche Gottes auf Erden? Immer wollen wir endlich was Fassbares etablieren, wonach nun alle – aber auch alle! – ein- für allemal leben und selig werden sollen, und immer verdirbt es uns Gott. Denn jede Generation, ja, jedes Individuum für sich, muss Gott neu entdecken. Das ist der Unterschied und das große Plus, das Filter der wirklichen Ergriffenheit – verglichen mit jeder anderen Wissenschaft, es kann nicht weitergelehrt werden. Und wir enden nicht nur, Ihn lange irgendwo unbemerkt verloren zu haben, sondern auch im Verehren eines Goldenen Kalbes – in Unwissenheit und Verzweiflung. Lest nur einmal das Buch der Könige oder die Chronik! Wir Protestanten sind ohne unseren Willen von der Römischen Kirche getrennt worden und erkennen keine andere Offenbarung an als die Bibel. Damit geht es uns wie Bolschewismus und Menschewismus. Wir leiden Mangel an Autorität für schon alltägliche und einfache Fragen. Folglich gibt es Diskussionen ohne Ende, kaum Einigung, und daher nun schon über Hunderte von Abspaltungen und Sekten und möglichst noch Prügel. und durchaus Krieg! Es geht wohl nicht anders.«

In das anerkennende Gemurmel hinein sagt Bob, vielleicht unbewusst verstimmt, dass nicht mehr er und seine Kampfschrift im Mittelpunkt stehen:

»Die Geschichte ist noch zu gut! Da fangen sie ja noch wirklich mit Gott an. Wie nun die boshaften Sekten, die von vornherein auf Lüge und Betrug für ihre Zwecke bauen?«

»Oh, ich spreche nur über die Ehrlichen. Wir sind ja meist darin erstaunlich ehrlich, denn was hätte auch ein Boshafter von der Verbreitung eines ihm selbst falschen Evangeliums? Aber roh sind wir und entsetzlich dumm oder mehr: naiv und unwissend! Wenn du heute eine neue Idee von Gott hast und schleunigst in eine Bibliothek eilst, herauszufinden, ob sie nicht schon in der etablierten Gotteslehre längst bekannt ist – staunst du! Es gibt gar keine etablierte Gotteswissenschaft wie Physik oder Geschichte! Du schlägst in den Schriften berühmter Gottesmänner nach und findest in deiner Frage meist nur klägliches Gestümper, oder, dass der Schreiber bei ganz etwas anderem ist, auch wenn er erst einmal die gebräuchlichen Ausdrücke benutzt. Nein, es gibt wohl Kinder Gottes aber keine (automatischen) Enkelkinder!

Wer da boshaft oder lügnerisch ist, muss auch eine Veranlassung dazu haben, so dass er nicht anders kann. Aber das ist selten. Es kommt nur uns immer vor, als ob die anderen weil für uns so phantastisch in ihrem Glauben, unehrlich seien!

Ihr wisst doch, in den Sprüchen wird eine Verbindung gemacht zwischen Weisheit und Gott. Wir sind in unserer allgemeinen Trennung von Gott wirklich alle dümmer als wir selber glauben. Und Missionieren in den Kirchen, wo jeder schon ›alles weiß‹ gelingt deswegen nicht, weil sie wirklich das Evangelium nicht kennen, es aber weder sich selbst bewusst machen, noch die anderen wissen lassen wollen.

Hier ist eine wahre Begebenheit, wenn sie auch hergeholt und daher lächerlich klingt.

In einer fremden Kirche sprachen wir über den ›Freien Willen‹, und ich äußerte, dass es keinen gebe oder, wenn doch, wir ihn vor Gott aufgeben müssten . . .«

Hier wird er lebhaft unterbrochen. »Was, du auch? Das ist ja herrlich! Das haben wir uns erst neulich durch Mischas Anregung bewusst gemacht! Aber vom freien Willen ist doch sonst jeder der Christen hier felsenfest überzeugt!«

»Waren sie auch da! Der Pastor – und das war sogar noch eine Reformierte, also calvinistische, Kirche – sagte: ›Man kann von der Bibel beweisen, dass jeder Mensch freien Willen habe!‹ Darauf ich natürlich: ›Au ja, da bin ich gespannt, das wäre das erstemal!‹ oder so etwas. Er, in seiner – jawohl, Angst – und ganz tief innen doch wenigstens in Zweifel über den freien Willen des Menschen, sagt: ›Es ist mir jetzt entfallen! Außerdem sind wir jetzt bei der Taufe und können uns nicht in so lange Haarspaltereien verlieren!‹ – oder was immer sie als so ›wichtig‹ gerade besprachen. Und aus diesem mulmigen innerlichen Gefühl werden wir alle gern giftig! Die ›Haarspaltereien‹ zu mir, dem fremden Gast, waren da noch zahm und höflich. Schließlich hatte ich ihn ja mit meinem ›Gespanntsein‹ herausgefordert.

Genau so war’s! Ich übertreibe nichts und lasse auch nichts weg! Es war ihm ›entfallen‹ wie das heiligste blaue Tuch! Ich meine andersherum, aus der Bibel, wenn schon nicht wörtlich erwähnt, könne man ableiten, dass es keinen freien Willen gibt. Es scheint, diese Punkte habt ihr schon eingehend erläutert?«

Das bejaht man, und auch die fehlende Freiheit des Teufels, wenn natürlich »eingehend« in diesem Fall ein Fass ohne Boden bleibt.

Man einigt sich am Ende, dass Sam unbedingt wiederkommen müsse, er fehle gerade in dieser Gemeinschaft und habe offenbar selber sehr viel Interessantes beizusteuern. Bob würde eine neue Fassung seines Pamphlets in die Kirchen und Gemeinden bringen. Da sagt Michail, er habe etwas Ernsthaftes und wie er finde, sehr Wichtiges mitzuteilen. Dazu brauche er noch einige Vorbereitung und ob ihm jemand nicht einen Globus, eine Weltkugel, so lange ausleihen könne?

»Nanu, wird es ein Theaterstück?«

»Nein, sondern ich habe etwas an unserer Weltkugel aufzuzeigen.«

Es stellte sich dann heraus, dass man in Rudis Familie einen Tennisball-großen Reklameglobus hat, wo aber im Stillen Ozean die berühmte rote Scheibe mit »Enjoy Coca-Cola« prangt und darunter und ebenso im Südatlantik, noch zum Teil nach Afrika ragend und es verdeckend: »Coca-Cola in aller Welt!« Außerdem ist der Globus natürlich in seiner Reklameeigenschaft grob und ungenau, weil niemand erwartet, dass jemand daran Details studieren könnte. Man zeigt ihn Mischa, aber er findet ihn nicht ausreichend für seinen Zweck. Es kommt dann dazu, dass ich, Herrmann Öhrlein, gebeten werde und dann, mehrere Tage später, meinen alten, aber ausreichend detaillierten Globus zur Verfügung stelle.

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Nun fehlt noch, ein paar ergänzende Worte über den gewissen peinlichen Vorfall hinzuzufügen.

Obgleich sich Bob in ein verbissenes und verärgertes Schweigen hüllte. – Er hielt sich offenbar an dem peinlichen Vorfall für mitschuldig, zumindest doch, weil er ohne zu klopfen Dianes Intimsphäre verletzt hatte, was ja sonst im Hause niemanden störte, ebenso, auch einmal halbnackt gesehen zu werden, aber nun hier war die gesetzliche »Intimsphäre« auf einen Schlag hochaktuell! –

Es sickerte auch genug durch, dass man für nötig befand, mich zu verständigen und ich die mir unangenehme Aufgabe unternahm, da klärend und korrigierend einzugreifen. Ich lade also erst einmal Mischa, der ja nur Gast ist, in mein Haus zum Zwecke, den Globus zu übernehmen. Dabei will ich aber auch gleich über den Vorfall zu sprechen kommen.

Mischa macht mir den Eindruck völliger Ehrlichkeit, einschließlich seiner momentanen Schwäche auf und an der Treppe. Als sie oben im Zimmer waren, habe er sich gefangen gehabt und ihr liebevoll das Vorhaben auszureden versucht. Und es sei sicher und bei allem was ihm heilig sei, oben im Zimmer nichts Sexuelles vorgegangen! Dafür spricht auch Bobs Aussage, er habe sie nebeneinander auf dem Bett sitzend, nicht darin liegend angefunden.

Ich male mir also für mich die Umstände und Einzelheiten zusammen. Gut, Diane war in Eile, weil in etwa einer halben Stunde die ersten Kirchenheimkehrer wieder eintreffen würden, und bis dahin müsste, wenn alles unauffällig bleiben sollte, nicht nur Mischa aus dem Haus, sondern sein Wagen außer Sichtweite sein, auch wenn er mit der zurückgebrachten Bibel ja ein Alibi hätte. Daher ließ sie eine brutale Hast sehen, die in dem empfindlichen Mischa wohl primitive Sextriebe erweckte, aber eben auch wegen der unphysiologischen Eile, seine Abwehr.

Es scheint mir bei Homo Sapiens geradezu eine Perversion vorzuliegen, die nicht einmal mehr eine Andeutung der physiologischen Ehe mit ihrem langsamen Näherkommen hat. Ich denke da an das rinderhafte »Bespringen«, das doch wohl der Psyche von Weib und Mann nicht gerecht wird, ein so Verliebter am Anfang des Näherkommens geradezu wütend wird, sollte ein Freund wie Mephistopheles zu Faust eine Sexanspielung machen:

Nun, heute nacht?

Was geht’s dich an?!

Hab’ ich doch meine Freude dran!

Gegen meine Perversionstheorie spricht allerdings die Tatsache, dass auch Sex plötzlich und bei ganz Fremden hervorbrechen kann: Es haben doch ein Großteil aller Nationen und Gesellschaften auf Erden einen gewissen Bedarf an Prostitution? Also scheint es doch wie bei Juda mit der »Hure« Tamar, bei Männern zumindest, zwei nebeneinander laufende Linien zu geben, einmal was ich physiologisch nannte, langsames Verlieben und Näherkommen und alles für die Ehegründung, wo einem unzeitlicher Sex als ein störender Schmutz vorkommt, eben weil die Geliebte einem so sauber und rein ist – und eben andererseits der plötzliche Sex und Sex allein. Oder gilt das nur für Männer, also kaum wie im vorliegenden Fall? Oder hat die Frauen bisher nur in Ermangelung einer zuverlässigen Verhütungsindustrie nur das von solchem Stiersex abgehalten, dass sie am Ende mit dem Kind allein zurückbleiben würden?

Meine anfänglichen Zweifel über Mischas Darstellung, nämlich, dass die Verführung einseitig nur von Diane ausgegangen sei, werden dann im Gespräch mit Diane selber zerstreut.

Nie habe ich diese junge Frau jämmerlicher und zerbrochener angetroffen! Es geht mit viel Geheule vor sich und was denn nun mit ihr geschähe und welche »Strafe« sie erwarte. Als ich ihr genügend zugeredet und sie getröstet habe, es geschähe gar nichts, nur sei man bei aller sexueller »Freiheit« in diesem Lande damit widersprüchlicher Weise wohl aus Tradition sehr pingelig, man dürfe sich ja noch nicht einmal, wie das in Europa schon lange geht, an einem Strand ganz unbekleidet sehen lassen, was aber kaum zu Aktivitäten führe. Ich habe aber, als der »Landlord« vom Gesetz her die Pflicht, dieser Sache nachzugehen, was gar nicht meiner Neigung entspräche, ich sei für Selbstregulierung im Hause, wie an den erwähnten Stränden und logisch einsehbar so, denn manche Badeanzüge, in USA längst in Mode, sind ja sexier als vollkommene Nudität, und dergleichen mehr, hört sie auf zu weinen und wird etwas zutraulicher.

Aber andererseits kann man so etwas wirklich nicht einreißen lassen, fahre ich fort, sonst sei die ganze Haltung im Hause verdorben und kaum mit denselben Leute je wieder herzustellen, und wenn erst einer, dann würden alle glauben, man könne sich auf dem Gebiet derart gehen lassen. Das Endergebnis sei wüsteste Kreuz- und Querhurerei, die ja nun im eigentlichen niemandem, auch Nichtchristen nicht, gefallen könnte und noch dazu, eine gesellschaftliche Degeneration darstelle. Sie erwidert, sie hoffe, ich könne verstehen, eine Billigung ihres Verhaltens erwarte sie gar nicht.

Es scheint, fällt mir jetzt beim Niederschreiben dabei auf, dass entweder »Expansion« wie erwähnt, oder Einschränkung, kümmerliches den gegebenen Zwängen Gehorchen, ein wesentliches Menschenprinzip sind, wie gerade über Deutschlands Geschichte erörtert. Den einen gelüstet’s nach Macht, nach mehr Land und dergleichen, das ist Expansion. Der andere muss es in Ermangelung eigener Stärke oder Hilfe von außen, ertragen. Er kann nur hoffen, den Gegner oder andere zu gewinnen, zu überzeugen, wird aber als der Verlierer dagegen meist nur selber mit dem Ungeist der Macht des Gegners infiziert, den er gerade so vergeblich bekämpft hat. Oder, man vergesse das nicht: Er wird eine Anleihe an die Zukunft machen und auf Rache sinnen. Aber das alles findet hier im »Beichtgespräch« mit Diane keine Erwähnung.

Es verhielte sich so, erläutert sie nun, dass sie auf Grund dessen, was im Hause erörtert worden sei, auf die Idee gekommen sei, und sie wisse, das sei »sehr verderbt und verkehrt« gewesen, Freiheit sei, zu tun, was man wolle, sonst ist es nämlich im Grunde nur Heuchelei und keine Freiheit! Und sie sei jung und begehrt, warum müsse sie sich eigentlich immer verstellen, wenn sogar jedes Tier da tun dürfe und auch tue, was sein Schöpfer ihm eingegeben habe.

»Das sind doch keine Christen, die sich innerlich vor Lust verzehren und äußerlich kalt und ehrenwert tun!«

Da hat sie nun allerdings vollständig recht! Auch in einer Sprache ausgedrückt, die nun vielleicht unbeabsichtigt, genau meinen Gedanken entspricht. Nicht, dass ich im Entferntesten für freien Sex bin! Ich habe aber außer der beschriebenen Wüsterei, in der ich aber keine Zeugenerfahrung habe, im Grunde nur ein Argument dagegen: Das ist Gottes Gebot! Andererseits, wie uns Sam gerade belehrt hat, darf man doch niemanden gegen die eigenen Überzeugungen zwingen? Sonst werden wir die unleidlichsten Moralisten. Zugegeben, der Sex- und Liebestrieb ist ein starker und wirkt durch seine unwiderstehliche Süße! Jeder würde sich da gehenlassen, und das gesellschaftliche Tabu haben wir in den vergangenen Jahrzehnten so ziemlich abgeschafft, das war vielleicht gar nicht verkehrt. Nur haben wir nichts Brauchbares dafür eingetauscht. Die meisten nun sind auch gegen solch wilden Sex und stimmen Gottes Gebot zu – es sei denn, es erwischt sie selbst! Und dann, denken sie, warum nicht? Dank einer regen pharmazeutischen Industrie halten wir unerwünschte Resultate hintan, und wenn man den Partner halbwegs kennt, sei auch Aids kein Problem. Seien wir ehrlich. So denken wir doch? Um an Mischas Freiheitsideen anzuknüpfen, sage ich:

Ist das Freiheit, zu schlafen mit wer immer mir vor die Flinte kommt? Meine Freiheit wird zur Sklaverei unter meine eigenen Lüste, die aber in Ermangelung einer zukunftsorientierten Ordnung des Planers und Schöpfers zu Krebszellen werden.

Aber nun Gott! Er sagt: »An ihren Werken kann man sie erkennen.« Das heißt, das erwähnte Lippenbekenntnis, solange man nicht an einer Affäre beteiligt ist, genügt nicht. Sein Weg und Wille muss dir so vorrangig werden, dass es dich erst gar nicht mehr gelüstet, ja, dass du nicht mehr herumstreunen kannst. Alles aber durchaus kein Pharisäismus! Dahin zu kommen, dass man in der Seele keine Frau mehr ansieht ihrer zu begehren, ist wohl nur durch eine ganze Umerziehung der eigenen Seele zu erreichen. Der Schlüssel dazu ist, sich zu überzeugen, erstens, dass auch das kein selbstisches herrisches Gebot Gottes sei, sondern für uns das beste, und zweitens, dass wir alle hier am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts von unserer humanistischen »freiheitlichen« Atmosphäre gehörig versext und verhext, das heißt, verdorben sind! Man denke an die alten Zeiten, wo Sex auch unter Verheirateten selten bleiben musste und man kein anderes Verhütungsmittel als Enthaltung hatte. Und drittens, dass so eine Umerziehung bereits ein volles Wunder Gottes darstellt, das wir also nie allein an uns bewerkstelligen. Aber was, so hat Er’s ja versprochen!

So denke ich wenigstens. Ein Moralist war ich auch früher nicht. Vielleicht ist es nur mein Alter mit weniger dominant gewordenen Sextrieben, das mich so urteilen lässt. Ich will nicht »angeben« und mich moralischer, weiser oder beherrschter zeigen als ich wirklich bin. Man verzeihe mir also meine Unreife. Aber auch die wildesten Sexmenschen stimmen ja innerlich Gottes Gebot zu, denn sie machen ja alle das Heuchelspiel der Keuschheit äußerlich mit.

Und noch ein Gedanke: Wer endlich darin kein Sünder mehr ist, zeichnet sich durch eine überraschende Eigenschaft aus: Er verachtet keinen mehr, der diese Überzeugung nicht hat, sondern im freien Sex sein Glück sucht.

»Wer von euch ohne (diesbezügliche, also sexuelle) Sünde ist, der werfe den ersten Stein« [auf die ertappte Ehebrecherin – zum Tode!] Wer nun also dasteht, Stein schon in der Hand, voller Wut und Hass, anerkennt Gottes Gebot und hält es doch selber nicht! Ja, er hasst sich eigentlich selber! Darum ist er wohl so bitter, noch nicht im Status von Gottes Liebe. – Offenbar wussten sie das alle selber und verließen auf Jeschuas Bedingung verschämt die Szene. Wer darin ohne Sünde ist – ohne jede Angst – und davon steht auch Einer da – hat Liebe und Verständnis und keine Verachtung oder Hass auf die Sünderin und erst gar keinen Stein in der Hand! Und also bleibt sie ungesteinigt, aber ebenso bleibt auch das Gebot: Gehe hin und sündige nicht mehr!

Der christliche Weg ist kein dorniger, denn »Mein Joch ist leicht« – aber ein einsamer! Darin hat Sonya recht.

Je mehr du von Gott lernst, desto mehr entfernst du dich von der »Allgemeinheit«, der Welt.

Diane hat nichts Neues hinzugebracht, bezieht alle Schuld auf sich allein und bestätig die Aussage der anderen, dass oben nichts anderes passiert sei, als dass Mischa – und was für ein lieber Kerl das sei, und sie schäme sich ihres Vorhabens mit ihm! – ihr Sex liebevoll ausgeredet habe. Ich war eigentlich sehr erleichtert, dass alle, besonders auch sie, der es doch nun, wie es gekommen war, unendlich peinlich sein musste, so treu bei der Wahrheit, einem wirklich höchsten Kulturgut, geblieben waren und dass es offenbar zu nichts Verbotenem und kaum Anstößigem gekommen war. Seit dann war mir Diane viel lieber als vorher geworden – und skuriller Weise, ich alternder Mann ihr offenbar schon jetzt – ihr, die doch glauben musste, ich verachte sie nun. Man beachte das Groteske an der Situation und darin eine Spur, ein ganz kleines, aber erotisch tingiertes Signal ihrerseits! Aber nehmen wir es als den Versuch, gerade an mir, ihren gesellschaftlichen Stellungswert, und zwar in der Weiblichkeit, wo der vergiftete Pfeil saß, zu reparieren. Oder sie ist einfach einsam und satt, immer nur Vorwürfe und Tadel zu hören, sucht Geborgenheit und echte Liebe, die das weibliche Geschecht oft mit Sexuellem, ihrem schon außen sichtbaren Wert, wenn hübsch, erkaufen will. Irrte ich mich? War das kein sexuelles Signal? Doch, ich war sicher. Ich hatte doch in den Jahren des Beobachtens des Geistes gelernt. Leider kam ich erst Jahre später dazu, ihr meine Achtung, und neu gewonnene Liebe und Sympathie, auch fühlbar zu machen.

Allerdings blieb Sonya, wohl auf Grund ihrer Erziehung, lange verstimmt und verschlossen und offenbar tief enttäuscht, war auch nicht bereit, mit Diane zu sprechen, ihr zu vergeben oder sich auszusöhnen. Und die tieftraurige und zerbrochene Diane traut sich kaum mehr aus ihrem Zimmer, versäumt sogar Mahlzeiten. Sie hat in der ganzen Zeit an Gewicht verloren, eine Tatsache, die sie später bei wiedergewonnenem Selbstbewusstsein, begrüßen wird.

Das von Diane angeschnittene für die Jugend ja sehr wichtige Problem der christlichen Freiheit, wenn sie den Trieben widerspricht, bringe ich ohne unnötige Details des speziellen Falles Mischa vor und dem gerade anwesenden Sam, und beide versprechen, darüber nachzudenken und vor dem Kreis darauf einzugehen, um etwa verursachten Schaden wiedergutzumachen.

Dazu bemerke ich ihnen noch, dass wir uns alle da in einer Art Zwickmühle befinden. Denn einerseits ist Liebe das stärkste von Gottes Geboten. Apostel Johannes spricht in seinem ersten Brief aus, dass wir ohne Liebe uns eigentlich selbst betrügen, und das gilt für beide Arten von Liebe, meinethalben auch von zwanzig verschiedenen Variationen der Liebe.

»Wer nicht liebt, kennt Gott nicht, denn Gott ist Liebe.«

Das Nette ist, dass Johannes weit davon entfernt ist, unter »Gebot« so etwas zu verstehen, wie wir es immer annehmen wollen. Bei ihm ist der Status der Nichtsünde oder Erfüllung von Gottes Geboten ein Zustand, in den Gott den bisherigen Sünder versetzt, und wir sehen dann zu unserem Staunen, wie wir lieben müssen, aus innerer Logik, einem passiven Zwang, uns selber gar unbewusst!

Aber andererseits ist erotische Liebe gerade ein stacheliges Ding mit vielen Verboten und Tabus! Dennoch ist es richtig, dass wir auch da von Liebe sprechen, denn auch das ist sie ja. Nur können wir da unbewusst ins Gehege kommen. Jemand liebt aufrichtig aus reiner Agape, wie er meint, einen Menschen des anderen Geschlechtes, entweder er oder sie oder beide anderweitig verheiratet! Auf einmal findet es sich in seinen Gedanken und Empfindungen, dass er unbewusst über die feine Grenze getrudelt ist, besonders wenn ihm der andere darin schon vorgegangen ist. Und nun bewegt er sich erschreckend am Anfang der Sünde gegen das siebente Gebot, und was so rein und freudemachend angefangen hat, muss eingeschränkt, abgewürgt und »desinfiziert« werden, auch wenn der andere noch gar nichts Verbotenes empfindet. Und der andere wird enttäuscht und entfremdet und versteht die Welt oder die Gemeinde nicht mehr, denn offen zur Sprache gebracht werden kann es aus Scham meist ja auch nicht, besonders so, da ja noch gar nichts »passiert« ist..