Dreizehntes Kapitel

»Westpol«, Michails Vortrag

Die Ausdrucke und Kopien von Bobs Pamphlet »Über den Humanismus« werden an interessierte christliche Freunde und einige der Pastoren der umliegenden Kirchen verteilt. Dale Noomey bekommt eine Kopie persönlich von Rudi mit seinem beschilderten Auto in sein Studentenhaus geliefert. Aber auf die Frage, ob er noch einige für seine Studenten oder die Kirche dort dalassen dürfe, antwortet Dale, er wolle erst selbst das »Traktat« durchgehen.

Man ruft nach zwei Tagen wieder bei ihm an und konfrontiert ihn gleich mit der Frage, wieviele Kopien er in seiner Kirche wünsche. Dale zeigt sich sehr interessiert und lobt den »mutigen Standpunkt in unserer heutigen Welt«. Ja, wir Christen sollten uns zusammentun und »für unsere Prinzipien geradestehen.« Besonders habe ihm die Stellungnahme gegen Abtreibung und Homosexualität gefallen, nur sei der Ausdruck zur Kritik der letzteren wohl unglücklich gewählt. Man solle nicht vergessen, dass wir auch für diese bedauernswerten Menschen eine Mission haben.

Aber auf die unvorsichtiger Weise wiederholte Frage nach der Menge der in seiner Kirche zu verteilenden Kopien wird er einsilbig und verliert ganz seine aufgesetzte Liebenswürdigkeit. Nein, er wünsche gar keine Kopien dort! Die meisten Christen in seiner Kirche seien »noch nicht reif für solcherlei Gedankengänge.«

Ähnlich ergeht es der Zuschrift an die örtliche Zeitung mit der Anfrage zur Veröffentlichung. Das »Material« sei wohl sehr brisant, der Zeitungsherausgeber wolle nicht für den provokativen Inhalt einstehen, um nicht »die Mehrzahl unserer Abonnenten abzuschrecken«. Sonya verhandelt mit ihnen danach am Telefon. Sie macht darauf geltend, dass die Zeitung doch eine Sparte mit Leserzuschriften unterhalte. Ja, wird ihr geantwortet, da sei wohl eine Chance. Alle Zuschriften, die in dieser Sparte nicht honoriert würden, haben mit »Dear Editor« zu beginnen. Sonya schweigt fein still, dass ihr weder der unbekannte Editor »dear« sei, noch, dass es inhaltlich gar nicht an ihn gerichtet sei, und erhält daraufhin eine vage Zusage, man werde »das Manuskript« dem entsprechenden Editor zuleiten und sich wieder melden.

Das tut man aber für über zwei Wochen durchaus nicht, worauf Sonya wieder anruft und es ihr diesmal auch gelingt, wirklich den »lieben Editor« für die Leserzuschriften an die Leine zu kriegen. Nach über zwanzig Minuten Warten und mehrmaligem Verbinden mit anderen ist aber die endliche Antwort ein entschiedenes Nein, man habe für derartiges Material keinen Raum in der »Daily Post«.

Inzwischen ist schon der November zu guter Hälfte vergangen, und die Kirchen begehen den »Ersten Adventssonntag«. Das Wetter, wohl etwas kühler, das heißt, erträglicher geworden, hält sich nun in absoluter Unauffälligkeit, meist stark bedeckt, weder Regen, Sonne, Frost oder irgend sonst etwas Bemerkenswertem. Im Webbhaus geht alles seinen gewohnten Weg. Rudi ist nun beinahe sechs Wochen in seinem dekorierten Auto unbehelligt geblieben, so dass Bob und Michail von sich selbst und den anderen als Gewinner der Wette betrachtet werden. Nur hatte man vergessen, einen Termin zu setzen, bis zu welchem die Wette gelten sollte. Daher zögert man noch oder vergisst es einfach genauso, wie die Nachbarschaft offenbar das verzierte Auto vergessen hat.

Diane, die sich nicht erholt oder wieder die alte wird, kündigt ihr Mietverhältnis bei mir und wird bald darauf als Mieterin in Dale Noomeys Studentenwohnhaus bekannt! Mich erinnert das an die wenigen Flüchtlinge über die Berliner Sektorengrenze, die mal nach Osten flohen, weil auch sie sich im Westen gesellschaftlich oder politisch unmöglich gemacht hatten. Man vermutet im Webbhaus wohl nicht ohne Grund, dass das eine selbstgewählte Strafe sein soll. Dennoch entspricht wohl mehr der Wahrheit, dass man es trotz allem bei ihr mit einem einsamen Menschen zu tun hat, der gegen die ihm unbegreiflichen Regeln verstoßen hat und sich nun nach nichts weiter sehnt, als wieder aufgenommen und nicht mehr Paria, irgendwie auffällig oder Außenseiter zu sein in der Gesellschaft, sie, die doch vorher, wenigstens nach der Meinung einiger, zu ihrer Crème gerechnet werden konnte! Mir geht ganz privat durch den Kopf, dass was wir älteren Mediziner als Hypersexualität bezeichnet haben würden, vielleicht nichts anderes sei als eben dieser starke Wunsch, nun dazuzugehören und »etwas wert« zu sein. Freilich mag es dennoch, wie ja auch sonst allgemein, als ein Klosterersatz aufzufassen sein, zu welcher Meinung nun also auch ich tendiere, wo nun Diane hofft, sich in den Regeln dieser christlichen Gesellschaft ausbilden zu lassen, ehe sie endgültig allem Christentum aus Enttäuschung in ihrem Leben den Abschied geben wird. Offenbar wird der eigentliche Grund zu ihrem Hinüberwechseln weder Dale noch den dortigen Anwohnern je bekannt. Dale meint wohl, dass sich alle nach seiner Disziplin sehne.

Wie sieht es um diese Zeit in Dianes Gemüt aus? Ebenso wie das ein Abbild oder geformtes Resultat ihrer Umwelt ist, können wir von da auf die unmittelbare Umwelt, ja in Grenzen auf den Charakter der gesamten USA schließen. Ihre Schlappe und Blamage, ohne zum Ziel gekommen zu sein, ist ihr sehr schmerzlich, wie ja in ihrer Umgebung alles, wie in einem Sport, immer nicht auf die Absicht sondern den Erfolg ankommt. Wirklich versucht sie alles, sich wiederherzustellen und der verletzten Regeln »Herr zu werden«. Dieses Herrwerden – also hier eigentlich ganz auskneifen, move west, young man, move west, und ganz woanders möglichst ganz etwas anderes anfangen, etwa in neuer Ehe, Beruf oder Kirche, ist eine eingefahrene Verhaltensweise in der amerikanischen Psyche. Sobald sie diese Regeln beherrschen wird und nicht mehr sichtbar dagegen verstößt, wird sie sofort darauf sinnen, wie nun beides zu verbinden sei, die äußerliche Wohlanständigkeit mit der Lustbefriedigung! Dann wird sie in einer Lage sein, auf die kleinlichen Moralisten herabzublicken und sich von ihnen, ja eigentlich vom ganzen Christentum, mit hämischer Befriedigung abzusetzen! Und ich in meiner Rolle als Landlord habe sie noch tiefer in diese Sackgasse stoßen müssen. Es wird eines Wunders Gottes bedürfen, Diane daraus zu erlösen! Man darf solche »Wunder«, die nichts Unmögliches verlangen, wie dass Wasser bergauf fließe oder man frei in der Luft schwebe, sondern die eigentlich nur Zeichen sind, durchaus viel mehr von Gott erwarten. Er hat auch später ein so von mir postuliertes und erbetenes Wunder an Diane getan!

Wir sind hier an einer wesentlichen Essenz, die uns Europäern hier bisher, jedenfalls in dieser Variante, noch fremd war, dem amerikanischen Pharisäismus. Die Wurzeln sind in der Bewegung der durchaus calvinistischen Puritaner und amerikanischen Pioniere zu suchen. An denen – nicht an Calvin direkt – ist mit allem guten Willen nun wirklich nur eines zu loben: ihr ursprünglicher Eifer für Gott! Aber danach ist manches teuflisch verdrehter Selbstbetrug geworden. Ich werde dabei an die Futterselektion der Säugetiere erinnert: Sie lernen als Kleinkind, was essbar und was zu vermeiden sei, am Geschmack der Muttermilch! Ihr Geruchsinn ist so fein, dass sie erkennen können, was die Mutter gefressen hat, und erkennen das dann als bekömmlich in der Welt wieder, wenn sie selber sich ihr Futter suchen. Unser menschlicher Geruchssinn und Wiedererkennungsvermögen sind abgestumpft, aber derselbe Mechanismus ist noch vorhanden: Wir machen stur, wie wir’s als Kind gesehen haben, »wie wir’s mit der Muttermilch eingesogen« haben, wo’s also in dieser Phrase wieder auftaucht, und nicht nur beim Essen.

Als Arzt wundere ich mich über das fade und gesundheitsschädliche amerikanische Brot, das sie als Nation führend in Kolonkarzinomen macht, wo echtes Brot mit aller natürlichen Zellulose darin enthalten soviel besser schmeckt, mir jedenfalls, weil ich’s eben von früh an so kenne. Wie kommt es, dass sie in ihrer demokratischen Freiheit echtes Brot, das sonst alle Welt isst, verachten und ihre schädliche Imitation vorziehen? Irgendwann sind irgendwelche »Gründerväter« auf die Idee gekommen, Weißbrot zu »bleichen«, das heißt, die abgeschliffenen Zellulosehülsen, den Ballast, den unser Organismus aber dringend braucht, nach den ersten Minuten des Mahlvorganges, der deswegen also extra unterbrochen wird, wegzuwerfen, und das resultierende Weichbrot, das als Weizenbrot weißer aussieht, – in Amerika kommt alles aufs Aussehen an! – als »städtisch«, etwas besonders Hochkultiviertes und Fortschrittliches anzupreisen! Damit waren sie Autorität und laut und reich genug, sich durchzusetzen – gegen allen gesunden Verstand, der aber trotz aller Verehrung hier erstaunlich verkümmert ist! Aber was, sind wir nicht alle so? Rauchen ist nun allen als sehr schädlich bekannt. Aber dennoch fangen jedes Jahr neue Halbwüchsige (Kinder!) damit an. Aber nun unser »gesunder Instinkt«! Es schmeckt überhaupt nicht, ja, reizt den Uneingeweihten sofort zu größter Übelkeit und Erbrechen. Wann und wie, und vor allem: warum? fangen nun diese Kinder damit an? Sie fragen mich zuviel!

Also, Cave, Reisender! Kaufe kein Brot, das sich mit dem Daumen mühelos zusammedrücken lässt!

In den letzten Jahrzehnten nun hat sich erst richtig herausgestellt, was das für ein Fehlgriff das verfeinerte Brot ist und bleibt. In Usa gibt es als typische Ursache und Wirkung von allen Ländern bei weitem am meisten Darmkrebs und Divertikulosen. Aber nun, wo wir das wissen und die Ärzte auch angefangen haben, das die Leute zu lehren, findet man dennoch bisher kaum echtes gesundes Brot in amerikanischen Bäckereien und Supermärkten! Warum? Weil die Mühlen nun weiter sturweg in ›American tradition‹ das Mehl ›reinigen‹ und die Kleinkinder von früh an das resultierende Gelabber, das doch ›soviel besser aussieht,‹ gewöhnt sind. Sie landen dann daher im Alter und schon früher auf unseren Operationstischen. Und zu allem Hohn und Überfluss beeinflussen sie die Welt mit ihrer Unsitte! Was für Brot gibt es wohl in den inzwischen auch in Deutschland, Russland, gar China und überall etablierten McDonald Kleinrestaurants? Ja das, mit den Sesamsamen! Jeder kennt es ja nun inzwischen. Und die Gastländer sind ganz unschuldig-harmlos, weil sie daran als absurd gar nicht haben denken können. Und eines Tages hat wie üblich die Unsitte gewonnen! Dann schreit die Welt genauso nach dem Labberbrot wie nach der ihnen selbst (in der Demokratie mit freiem Willen und freien Wahlen) ursprünglich aufgezwungenen Labbersprache! Und alles aus einer durchaus unbewußten amerikanischen Naivität! Genau das heißt bei ihnen zu allem Überfluss Freiheit!

Eine ebenso falsche und noch schädlichere Gewohnheit ist nun ihr Pharisäismus, über den ich eigentlich spreche. Wie kommt es, dass ein Missionar, der ihn hier etwa anprangerte, so auf Granit beißt? Es ist und ist nicht auszutreiben! Dienst für Gott muss bei amerikanischen Christen wehtun und gegen unsere Triebe gerichtet wirken, etwa wie die ersten Rauchversuche, damit man, das ist das Teuflische daran, vor Gott als ein Durchhalter und Gutestuer etwas wert sei. Wie im Katholizismus! Damit man auch was zu beichten habe! Denn halten kann ja keiner dieses menschengemachte Kunstgespinnst, und so bleibt man in vertrauter Gesellschaft. Fragt man sie, was dann wohl Gottes Auftrag der Liebe bedeute, ob die wohl auch wehtun müsse, haben sie buchstäblich keine Antwort! Höchstens kommen manche mit dieser Unantwort der unbiblischen Dichotomie der Liebe in die »böse« triebhafte, (aber eben Freude machende,) die zu bekämpfen sei, was wehtun muss, wenn man bei Gott etwas verdienen will! Und die »reine«, gute, »Nächstenliebe«, die auch und erst recht, wehtut und das so muss! Wir damit unbeteiligte Christen nennen das mit Recht Heuchelei! Das bleibt bei ihnen auch immer so, weil Nachdenken als Zweifeln und Ungehorsam verpönt und daher außer Schwange sind. Ich übertreibe keineswegs oder höchstens unwesentlich und unbewusst. Echte Missionare haben dagegen den bedeutenden Vorteil, dass Gott und dem Evangelium Folgen so viel mehr Freude macht! Aber gerade das halten sie für verdächtig. Wie kam es zu solcher Kalamität? Ebenso: Sie haben’s mit »der Muttermilch« (die, auch schädlicher Weise, wörtlich das auch schon meist nicht mehr ist) eingesogen! Dazu kommt ihr Gefühl wegen ihrer vielen Siege, dass auf der Welt nur immer sie recht hätten. Und schließlich wisse doch jedes Kind (wie Dale), dass es ohne Bezahlung mit saurem Schweiß nirgends etwas gibt! Und dass – vermeintlich – wenn’s ans Sterben geht, man doch darin ein Guthaben bei Gott haben müsse.

Sie dulden hier keine ausländischen Missionare. Wohl gibt es solche die mit Akzent predigen. Aber die verkünden ausnahmslos wegen des kommerziellen Druckes auch nur amerikanischen Pharisäismus. Sie hätten sonst nicht die geringste Chance, weil Amerikaner von einem Ausländer schon gar keine Korrektur tolerieren, Sibbolet! (s. Kap. 12) Es geht immer um Macht; und so ein Nachäffer wird im Grunde ein Beweis, wie ihnen auch die ausländische Welt untertan sei. So wird das ganze eine Schau, dass es hier internationale Redefreiheit gebe, aber natürlich bei allen verständigen Menschen nur ihre Ansicht die richtige sei.. Außer mir selbst und nun Mischa, die wir ihnen mal ein »Neues Lied« Gottes vorzusingen versuchen, kenne ich keinen ausländischen Christen oder gar Missionar hier, der mal in wirklicher Freiheit eine andere Meinung, gar das Evangelium selbst, vertritt. Deswegen ist was selbst Bob als Amerikaner da in seinem Pamphlet schreibt über die amerikanische Revolution und Römer 13, ebenso ein zu kühner und wahrscheinlich schon zum Scheitern verurteilter Schritt! Denn es attackiert ja die heilige Gründertradition, hier zusammenfassend »Freiheit« missnannt. Die Psychologie dahinter ist bemerkenswert: Es läuft wegen des Webbhaushintergrundes, über den man ja bald bescheid weiß und sehr bald noch mehr wissen wird, wegen Mischas und meiner selbst, – gleich und sehr bequem als ausländisch, also minderwertig und daher abzulehnen!

Pharisäismus, verbessert durch die Teufelswaffe des Humanismus, dient nur sich selbst, versklavt seine Jünger in ein Knechtsdasein der abgequälten guten Werke und in die Illusion, damit Gott zu dienen. Aber sie dienen nur sich selbst und unbewusst dem Teufel. Sie haben »ihren Lohn dahin«. Daran entscheidet sich jede »Religion«: sie wird zum Massenegoismus, der nur dem Individuum selbst und seiner Kasse dient. Wozu machen wir uns Götter aus Holz und Farbe? Kein Geschöpf ist über seinen Meister! Sie erhalten uns das Image des frommen Menschen, aber reden nicht und tun uns nichts, und wir bleiben immer ihre Herren! Das ist der springende Punkt. Dabei bleibt die Frage, von Bob so richtig betont, von uralters her: Wer ist hier wirklich Herr in deinem Leben?

Man irre sich nicht: Wir sind ihnen den Ausweg aus falschem Denken schuldig. Helft mir, den Weg finden!

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Sobald Diane aus dem Webbhaus ausgezogen ist, finden sich sofort neue Aspiranten. Ich entscheide mich, natürlich nach Befragen der derzeitigen Bewohner, für einen deutschen Landsmann namens Boris Henckel. Schon bald bereue ich das als einen wahrscheinlichen Fehlgriff, denn Boris ist kein Christ und an solchen Gedanken gar nicht interessiert, nimmt aber wohl aus einer Neugier im neuen Land an unseren Treffen teil, vielleicht wie man ein exotisches Tier bewundert. Auch raucht er recht stark. Er spricht partout Englisch mit mir, obgleich seines als Neuankömmling verständlicherweise noch mangelhaft ist. Dabei kann ich mich durchaus rühmen, mein Deutsch sei noch ein sehr »formidables«, wie sich das als spaßhafte Redensart zwischen meiner Frau und mir eingebürgert hat.

Später zeigt Boris oft eine läppische gleichgültige Art, mit kurzem wegwerfenden und besserwisserischem Lachen auf Verbesserungsvorschläge zu reagieren, etwa, da er sich so gegen Luftverschmutzung engagiere, warum er dann so viel rauche, welche Reaktion von ihm absolut ungezogen wirkt. Ich muss mir schmerzlich klarmachen, dass er wohl symptomatisch für Viele der inzwischen herangewachsenen Generation in Deutschland steht, das ja getreulich in den Fußstapfen und unter der Hegemonie Amerikas seine eigene demokratische Dekadenz durchmacht. Immerhin ist ein kleiner Trost, dass wir an Boris vielleicht die Wirkungen unserer erarbeiteten Aussagen auf die ferner stehende Welt testen können.

Die Deutschen, vornehmlich meiner eigenen Generation, teile ich in folgende drei Gruppen:

A) Die nun langsam aussterbendenden Alten, die noch den Großteil des Hitlerabenteuers miterlebt haben und etwa noch in der Hitlerjugend waren. Sie sehen auch noch aus, mit Glatze und dickem Bauch, wie eben ein Mann im siebenten Lebensjahrzehnt vor den Hungerjahren noch aussah. Ihre Überzeugungen und ganze Erscheinungen sind auch noch fast ganz wie damals, sie sagen etwa noch »Wehrmacht« statt »Bundeswehr«, nur hat sich aus Notwendigkeit darüber eine Kruste erzwungener »Gerechtigkeit« gebildet, die aber nicht recht passen will. Sie reden pflichtschuldigst von Hitlers Verbrechen oder wie zur Entschuldigung, dass »der Krieg ja sowieso nicht zu gewinnen war.« Richtiges oder gar akzentfreies Englisch, trotz starkem Begehren, lernt diese Gruppe, wegen zu später Berührung damit, nie. Manchmal bilden sie untereinander eine unglaubliche Mischsprache aus, die ein Außenstehender, auch wenn er auf Deutsch und Englisch fließend ist, kaum verstehen kann. Einmal schnappte ich als Patient in einem Krankenhaus durch den Vorhang die »deutsche« Konversation eines Ehepaares auf. Einen Satz habe ich mir als Beispiel gemerkt:

»Da nimmste de Car und machste kei‘ Accident!«

(Das ist ja nun ganz wie der Beispiellehrsatz in »Rahns Deutscher Sprachlehre«, der folgenden Satz um 1950 bei den Pennsylvania-Deutschen und in gleichem Entstehungsmechanismus, zitiert: »De Katt is over de Fence gejumpt.«) Das »de« ist denselben Weg gekommen wie das ganz englische »the«: aus deutschem, speziell sächsischem, der, die, das.

B) Diese Deutschen sind bei weitem noch die überwiegende Mehrheit: Sie sind ganz von dem auch erst geläufigen und ihnen damals befriedigenden Hitlerunwesen, meist durch die elterliche Nazifamilie eingesogen, dann in das diametrale Gegenteil umgestiegen, weil sie in der Schule, wo solches nun gelehrt wurde, noch jung und aufnahmefähig genug waren. Bemerkenswerter Weise gibt es, besonders bei den nicht zu alten Jahrgängen, viel mehr Frauen in Gruppe B) als Männer.

Besonders die jüngeren Männer in dieser Gruppe – Frauen nicht, sie waren beweglicher, das Nichtdenken aber Mitmachen viel früher zu assimilieren – erinnern an das ungezogene Kind, das man zur Strafe vor die Tür verbannt hat, und nun wieder hereinholt mit der Frage, ob es »wieder artig« sein wolle. Es bejaht heftig und laut weinend, hat aber gar nicht begriffen, was man ihm zum Vorwurf gemacht hat, und will nur aus der Kälte und Schande, wie unsere Diane, wieder angenommen werden, denn die waren viel zu hart und lange.

Selbst unsere Feinde von damals wären ja auch nicht so grausam gewesen, wie wir’s durchmachen mussten. Also – und das meine ich durchaus ironisch – müssen wir die Schuld an unserer übermäßig harten Strafe auf etwas anderes schieben! Die Juden! Und so ganz tief drinnen, sich selbst strikte verboten, denken die B)-Leute nicht doch noch ein bisschen so? Eben, weil sie nicht denken? Waren die Juden erst bei Hitler die Opferböcke für all unser Pech, so sind sie’s nun wieder, andersherum! Natürlich! ›Weil sie doch Hitler zu seinen Verbrechen angeregt haben!‹ Die Kriege Hitlers waren ja, und das nun wirklich so, außer gegen die Sowjetunion, Verteidigung. Die B)-Leute käuen also gründlich nach, was uns am Ende und nach dem Kriege die Westmächte, wenn auch eigentlich ohne definitive Artikulation, vorgelogen haben, (Aber das hat USA lobenswerter Weise ganz aufgegeben! Die Deutschen genießen heute ein bewunderndes Ansehen in Amerika!) Die aliierte Lüge war also damals, dass nun die Deutschen von jeher die Wurzel allen Übels und aller Kriege seien und nun nur im dichten Anschluss an Amerika (und damit Verdammung alles Deutschen in einem selber,) überleben könnten. Man denke etwa nur an die Haltung zum Staat Preußen, was auch mir nur dadurch auffiel, dass seit den späten Siebzigern das verleumdete und so verhasste Preußen auf einmal, besonders auch in der Sowjetzone selbst, wieder an Gunst und Vaterlandsliebe gewann.

Ein Gutes sehe ich allerdings in der nun zögernd in Gang kommenden Emanzipation der Deutschen gegen die amerikanischen Kriegsverbrechen neuester Zeit. Das wird ein Genie wie Bismarck benötigen, die Herren der Welt nicht wieder gegen uns zu erzürnen, und dennoch aus der englisch-amerikanischen Mausefalle freizukommen! Eigenes Denken brauchen wir! Die neudeutsche Haltung gegen Israel z.B. ist nun in allen Punkten völlig kontraindiziert.

Was das Evangelium angeht, haben alle Deutschen schon wieder neu mit Gott gebrochen! Sonya brachte den Gedanken auf, dass Gott wohl grausam ist, wenn Er den Menschen nicht Seine Wege weist. Stimmt! In solch einem Klima wie jetzt schon wieder, kommt keiner zu Gott! »Nein, auch nicht einer!« Darum: »bis ins tausendste Glied .. ..«

C) endlich, fürchte ich, ist also nur erst mehr ein Wunschtraum. Mit ihnen werden wir uns brüsten (wieder: müssen) in kommenden Zeiten, wie mit den Stauffenberg-Leuten! Nur kläglich so? Weil so schwach, wenig und spät? Aber sei eines nur frei heraus gestanden: Ich rechne mich selbst zu ihnen! Rufer und Mahner erst nur an die, die Gott noch vage anerkennen.

C-Deutsche sind solche, die im einsamen jahrzehntelangen Nachdenken wie Mischa zu einer eigenen Meinung gekommen sind, dass weder alles in den zwölf Jahren von vornherein vom Übel war, und die wählende Generation nicht absolut dumm, wie nun auch die internationalen Historiker zugeben, noch dass unsere eigene bundesrepublikanische Konstitution (im Sinne Mischas:), also allgemeine Denkhaltung, von vornherein etwa gut sei! Wir sind ein armseliges Volk geworden, im Sinne von armer Seele, nun an einem Tiefpunkt wie vorher in all unseren zwölfhundert Jahren noch nicht. Wir stehen an einem noch tiefer einschneidenden Scheideweg als etwa zu Fichtes Zeiten, was damals nicht erkannt wurde, dass es wie von ihm versucht, mit der einfachen Übernahme der revolutionären Ideen unserer ehemaligen Feinde gar nicht getan sei. Das wüssten nur die C-Deutschen, meine ich nun. (Und eine erfreuliche, wachsende Anzahl auch bei den Westerns.) Selber Nachdenken müssen wir wieder lernen, und darin ist Amerika das absolute Un-vorbild, wie in beiden Kriegen bewiesen! Es ist der Westen, mit dem uns Gott so hart und lange prüft! Runde drei mit ihnen wird aber hoffentlich im Geistigen abgehen, statt wieder mit Waffen! Aus Gorbatschows Erinnerungen wird klar, dass die Russen nie an eine solche Hegemonie über Deutschland gedacht haben; sie wurde ihnen durch die westliche Angst aufgezwungen! Es ist aber auch dabei gar nicht sicher, ob wir wenigstens darin noch über die wirksameren Waffen des Geistes verfügen. Dann bliebe uns nur auch eingestandenes Versagen und deutsches Aussterben, das hieße, unseren ganzen deutschen Laden zu schließen!

Das ist, fällt mir gerade auf, auch der letzte Gedanke von Hitlers Buch, Mein Kampf!

Wir haben damals »das Ziel der Klasse nicht erreicht«, und nun schickt uns Gott also wieder in dieselbe Klasse des späteren Jahrganges! Die Situation ist mit einiger mutatio mutandis wieder die wie 1815 bis gar 1848, wir wursteln und gären in äußerlichem Wohlstand, aber gären in der falschen Richtung, fern von Gott! Es ist schärfer geworden, aber dafür haben wir den Vorteil des schon einmal – ja dreimal – Erlebten, dass wir hoffentlich dieselben Fehler vermeiden könnten. Mit dem einmal physisch gewonnenen und den zweimal, dazu auch geistig, verlorenen Kraftmessungen, sind wir also eigentlich nun schon dreimal sitzengeblieben!

Der uns befehdende Westen hat aber seine Klasse auch nicht bestanden. Die amerikanischen Studenten, die damals mehr an deutsche Universitäten kamen als an all anderen europäischen zusammen, haben mit uns selber als Lehrern, auch durchaus nicht gelernt, was uns allen so nützlich gewesen wäre, und Luther ist schon viel zu lange tot! Ach, wir ja selber – und bis heute noch immer – Und ich denke genau ans Christentum dabei,

wissen es ja auch nicht!

 

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Boris nun, um auf ihn zurückzukommen, ist das Produkt aus alledem, die nun nächste Generation, noch in viel Gemüll verwickelt, und wir werden mit ihnen zusammen uns an die neue Situation gewöhnen und hoffentlich einen wirklich neuen Anfang in Gott machen.

Zur Ruhe über Dianes Fall können bemerkenswerterweise weder Sonya noch Mischa kommen, wohl aus ganz verschiedenen Motiven, Hass und Wut – leider! – bei ihr und ein süßes ritterliches zu Herzen gehendes Mitleid für Diane bei ihm, das aber Sonya wiederum noch mehr in Rage bringt. Dennoch oder gerade deswegen, denn Mischa meidet geflissentlich auch jede Möglichkeit zur Sünde und traut sich nicht mehr an Diane heran, ist es dann gerade Sam, der mit einem längeren Gespräch später das Eis bei Diane bricht und ihr das verlorene Vertrauen und dazu ein besser fundiertes, zurückgibt. Absichtlich will ich dazu nicht »Selbstvertrauen« sagen. Ich werde berichten.

Zunächst einmal aber wird über Mischas vorbereiteten Vortrag zu berichten sein, zu dem außer Diane sonst alle anwesend sind einschließlich der beiden neuen, von denen Sam aber schon fest dazugehört, so wie meine Person.

Ach, und noch eine spaßhafte Episode! Rudi, dessen Auto mit der herausfordernden Aufschrift schon vergessen schien, und daher auch der doppelte Küchendienst, der auf Sonya allein hängenbleibt, die doch eigentlich nur aus Gutmütigkeit gegen Bobs Wette gesetzt hat – Gott hat aber doch anderes vor – wird nun doch das Opfer des Protestes und eines Attentates! Rudi also findet seinen Toyota, den er an der Uni geparkt hat, am Montag nach dem dritten Advent mit eingeschlagener Heckscheibe vor! Er nimmt es spaßhaft und als einen Erfolg. Es vergeht ihm aber das Lachen, als sich der Preis mit Einsetzen der neuen, bei der Winterwitterung ja nun umso nötiger werdenden Scheibe auf 600 Dollar belaufen soll! Zwar findet sich auf einem Schrottplatz ein Toyota gleichen Typs, aber der Besitzer weigert sich, so umständlich die alte Scheibe herauszunehmen und in Rudis Wagen einzusetzen. So etwas »mache man nicht mehr«, und es käme teurer als die neue.

Na, sie halten auch hier vorbildlich zusammen. Mischa, der ja nun einer der Verlierer wird, denn der Gewaltakt wird ohne Zweifel auf die herausfordernde Aufschrift bezogen, steuert das meiste Geld für die neue Scheibe bei, und der doppelte Küchendienst wird mit Spaß und Humor als etwas Besonderes von allen gemeinsam »gefeiert« mit lautem Singen und Gedichte-Vortragen, wobei, Glück im Spiel, die eigentliche und nun allein gebliebene Gewinnerin Sonya dennoch wieder schweigend die meiste Arbeit tut.

Zu Michails geplantem Vortrag hat man, das ist vornehmlich Sonya, wieder ein Abendessen geplant, aber Mischa, der davon hört, bittet, davon Abstand zu nehmen, weil er viel und wichtiges Material vorzutragen habe und die Zeit nicht reichen könnte und wohl auch, weil er die Ablenkung vermeiden möchte und er sich wohl vor der Abendessen Bereitenden und den anderen schämt, denn sein Vortrag sei nicht so feierlich zu nehmen.

Er kommt dann allein und unauffällig und ist schon im großen Wohnzimmer am Umräumen, als Sonya zufällig auf dem Weg in die Küche vorbeikommt. Er hat alle verfügbaren Sitzgelegenheiten auf die eine Seite zu einer Art Auditorium gegliedert, den kleinen Tisch nach vorn als Podium, neben dem schon eine Schreibtafel in einem Gestell aufgebaut ist, auf dem Tisch mein Globus zur Zierde so wie ein großer Atlas mit Weltkarten im Buchformat, schon aufgeschlagen auf das Nordmeer, weil es ein amerikanischer Atlas ist, »Northern Canada« betitelt. Drei der dort stets anwesenden Bibeln hat er zur Seite aufs Fensterbrett geräumt und sich nur selbst eine auf seinem Rednertisch gestattet.

Als nun auf Sonyas Betreiben wir anderen alle herbeigerufen und placiert sind, begrüßt uns der Vortragende zugleich mit der Bitte, man möchte etwaige Fragen und andere Unterbrechungen bis zum Ende aufsparen, Vieles ergäbe sich dann inzwischen schon von selbst. Dann fängt sein eigentlicher Vortrag an:

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»Meine lieben Freunde, von denen ich wirklich sagen kann, dass ihr mir alle, mehr und weniger, schon sehr ans Herz gewachsen seid und wir ein Forum bilden, so ganz anders als in meiner einsamen Sowjetzeit, wo ich kaum furchtlos meine Gedanken mit anderen teilen durfte, ja auch besser, als ich es bisher hier in USA erlebt habe!

Das gibt mir nun den Mut, Gedanken an euch heranzutragen, die nun neu sind und nicht mehr so unmittelbar mit Christentum oder der Bibel zu tun haben. Freilich sind sie von Gott nicht getrennt, denn das vermag ein Christ nicht in irgendeinem Bereich, aber ich will absichtlich nach der weltlichen Zukunft fragen, nun nach der großen Umwälzung, die der Fall des Weltkommunismus bedeutet, nach der Zukunft einzelner Länder und Staaten, ja unseres ganzen Kulturbereiches. Dazu erinnere ich daran, dass noch vor etwa fünf bis sechs Generationen, also bis zur Zeit der Französischen Revolution, jeder dieser christlichen Staaten ein bestimmtes Verhältnis zu Gott hatte. Dostojewski spricht etwas später da vom ›russischen‹, oder vom ›französischen Gott‹ als dem jeweiligen spezifischen Verhältnis zum Christengott jeder dieser Nationen.

Wir haben nun alle unseren jeweiligen ›Gott‹, eine nach der anderen, bedingt durch eben diese Revolution, fast vollständig verloren! Für die Sowjetunion spricht, dass sie allein in der Abschaffung auch ehrlich und konsequent war, denn Gott will ›kalt‹ oder ›heiß‹, aber hasst alle Heuchelei. Sie werden sich schneller erholen als Usa nach ihrem noch kommenden gewaltigen Sturz!

Übrigens ist mir genau Bericht erstattet worden, welch ›Geistesblitz‹ Rudi in eurem Gespräch am schon verpackten Swimmingpool hatte. Das mit der Beleidigung des Geistes wegen unserer eigentlichen Abgötterei, auch zum Teufel, ist ein enormer Gedankenkomplex mit langen und vielen ›Extremitäten‹ und brennend wichtig in unserer jetzigen Kultur! Ich selbst habe wohl in dieser Richtung gedacht, aber nicht so weit und noch nicht mit allen Konsequenzen.

Interessant auch, dass Gott sich in Seinen Bildern selbst erniedrigt, Er, Der doch das einzig Zuverlässige und Höchste im Universum ist. Dazu fällt mir noch Lukas achtzehn ein, Gott als Symbol für den ungerechten Richter! Da heißt es nun: [Wenn schon ein menschlich so ungerechter Richter am Ende nachgibt],

Sollte Gott nicht auch Recht schaffen Seinen Auserwählten, die zu Ihm

Tag und Nacht rufen? Und sollte Er’s bei ihnen lange hinziehen?

Ich sage euch, Er wird ihnen ihr Recht schaffen in Kürze!

Hier nun eigentlich ein Nebengedanke, und doch der Hauptgedanke des eben Zitierten. Betet! Betet ohne Unterlass Tag und Nacht zu dem einzig gerechten Richter. Und betet in der Gewissheit, als hättet ihr’s schon erhalten, ihr betet ja das Richtige; denn es heißt: ihr Recht schaffen. Fleht, ihr Auserwählten, um unser sinkendes Schiff Christenheit! Bittet, dass Deutschland wieder das Rechte tut nach all seinem Unfug und wieder zu seinen Territorien und seiner Achtung bei anderen Völkern kommt! Fleht für Usa, gerade weil’s ihnen scheinbar noch so gut geht! Und betet für England! Die werden es wohl am nötigsten haben.

Es ist in diesem Kreis der Meinung Ausdruck gegeben worden, wir sollten nicht alle mit der Modeansicht einfach mitschreien, Jeschua komme schon morgen oder nächstes Jahr wieder, deswegen seien alle anderen Anstrengungen um die einfachen Weltdinge oder auch die höheren, nichtig. Das ist nicht so. Vielleicht haben wir noch zweihundert oder auch mehr Jahre zu verbringen. Allerdings weiß niemand ›weder Tag noch Stunde‹. Aber auch, wenn Er morgen kommt, sollen wir heute gewissenhaft unsere Aufgaben tun, ja, in jedem Fall so wie ein Hausvater auf einen möglichen Einbruch einerseits oder auf die, auch langweilige Fortsetzung wie bisher, immer gefasst bleiben soll.

Mit höheren Dingen meine ich unser geistiges Leben! Davon soll die Rede sein! Denn es kommt mir so vor, als träten wir wie kaum vorher in der Geschichte, vielleicht seit dem Mittelalter, auf der Stelle, nun nach dem Zusammenbruch des Weltkommunismus, aber eigentlich schon seit dem zweiten Weltkrieg und vorher. Ich setze die Nation Japan als ein typisches Beispiel. Sie haben den großen Krieg gegen eine technische, finanzielle und zahlenmäßige Übermacht verloren, nachdem sie fieberhaft ihr bestes gegeben, man denke nur an die Kamikaze-Opfer. Sie hatten nun keine andere Wahl, als mit den Siegerwölfen zu heulen, wobei ihre Behandlung durch diese Sieger überraschend milde ausfiel. Amerika hat die Macht, da war nun nicht weiter daran zu rütteln. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre Anstrengungen, ja ihren Charakter und ganzes Nationalwesen in andere Bahnen zu lenken, und ebenso wie Deutschland, abgehärtet durch den geringen Arbeitsprofit während des Krieges für jeden Einzelnen, schossen sie danach, als die Opfer ihrer Arbeit für die Bewaffnung nicht mehr alles verschlangen, erstaunlich über das Ziel hinaus. Beide Nationen setzten die USA wie den Rest der Welt durch ihre Wirtschaftswunder in Erstaunen. Das schaffte hier wie dort zunächst die Befriedigung für die Verlierernationen, doch auch noch etwas wert zu sein. Aber es wurde zur Ablenkung, zum falschen Lebensziel, denn nun maß die ganze Welt nur noch nach Dollars und ökonomischem Erfolg. Beides eigentlich nach voraussehbaren Gesetzmäßigkeiten, durchaus kein Zufall.

Diese Epoche des Eifers aber scheint nun auf der ganzen Welt zu einem Ende gekommen zu sein. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die neue Generation hat den Krieg und die Entbehrungsjahre nicht mehr erlebt. Erlaubt mir, meine Eindrücke über den Wandel der allgemeinen Haltung, die zum guten Teil aus Deutschland kommt – da spricht ein Historiker vom ›Deutschen Jahrhundert‹ – aber sich in aller der ehemals christlichen Welt verbreitet hat, in Gestalt einer kleinen Anekdote zu veranschaulichen, eigentlich zweien.

Die erste soll vielleicht noch zu Napoleons Zeiten oder etwa in den dreißiger Jahren, oder spätestens während des Zweiten Weltkrieges, im Schwanz dieses Zeitalters spielen, als man verbissen und aufopferungsvoll für seine, wohl immer humanistischen, Ziele kämpfte. Voraussetzung dazu: Wir sind kleine Götter, und was immer wir uns vornehmen, müsse mit Fleiß und harter Arbeit doch endlich wahr werden!

Die zweite Szene oder Skizze soll dann die gegenwärtige Flaute charakterisieren.

Also Eins charakterisiert die Epoche des wilden Drängens, doch nun einen Sinn, ein Lebensziel als Ersatz für den verlorenen Gott aufzurichten, ein menschlich gemachtes Ideal, einen falschen Gott.

Es ist ein schneidend kalter klarer Frosttag. Zwei Nationen, Gruppen oder Parteien kämpfen bis aufs Blut miteinander auf tief vereistem Feld. Jemand schleicht durch den Harsch und wird von einem schon stiefel- und handschuhlosen halbverhungerten Krieger angesprungen und mit dem Messer erstochen. Es finden sich mehr Soldaten dieser zweiten Partei und feiern diesen Teilerfolg mit Böllerschüssen und patriotischen oder sonstigen fanatischen Reden.

›Kameraden So und So und So sind gefallen. Sie starben für einen hohen, den höchsten Zweck! Hoch lebe unser heroischer ..‹ – hier tönt ein ferner Kanonenschuss, so dass man nur: ›-ismus!‹ hört.

Szene Zwei, also nun unsere Zeit, als dies menschliche Ideal also segensreicher Weise an zu bröckeln fing, im Westen etwa schon seit den späten Siebzigern, aber nun überall in der westlichen und ebenso der vormals östlichen Welt, spielt, sagen wir, in einer wüsten Spelunke mit Rauschgift, freiem Sex und unsäglicher Langerweile. Bevor hat man sich noch geprügelt, jetzt ist man selbst dazu zu träge oder feige geworden. Einer hat Aids, das wissen alle. Es hindert aber weder ihn noch irgendeinen der anderen, an dem nun stattfindenden Gruppensex teilzunehmen! Das einzig Gute an diesem allgemeinen Gomorra aus Verzweiflung ist die Aufgabe der vorherigen Verbissenheit und dass es, so abgott-ekelig in sich selbst, vielleicht ein Rückweg zu Gott werden könnte! Übrigens verlief es anfangs in der Osthälfte der Welt noch etwas anders, wenn auch im eigentlichen Prinzip, wie ich sagte, ähnlich: Erst Versuch der Einführung des Kommunismus in der Restwelt mit dem verbissenen Eifer, was nur eine Frage der Zeit sei. Dann, gegen Ende, nur noch Schutzverlangen, Abschirmung und zähes Festhalten an der einmal eingeschlagenen Irrtradition: Mauerbau in Berlin nur noch zur Isolation der eigenen ›Kultur‹, nicht mehr Angriff, Eroberung der ganzen Welt für den Sozialismus! Und schließlich ein Mit-der-Hand-Abwinken – nichts mehr zählt, nichts sei mehr wichtig. Es gab keinen Gott, und es gibt keinen Sozialismus mehr!

Herm hier wird bestätigen, denn ich habe mich schon vorher von ihm unterrichten lassen, dass auch die Krankheiten, mit denen wir es zu tun haben, diesen Zeitschwingungen folgen. Krankheiten, sagt er, werden seit etwa dem Ersten Weltkrieg, also als wir anfingen, wirksame Medikamente zur Verfügung zu haben, und man nicht mehr so an Infektionen aus dem Blauen starb, inzwischen mehr und mehr verursacht durch unsere Lebensweise, ohne dass man immer genau sagen könnte, wie das im einzelnen zugeht.

Bis etwa zum Zweiten Weltkrieg starb man oft an Magenkrebs. Diese Todesursache ist seitdem in den Statistiken der ganzen Welt rapide mit den Jahren als solche gesunken, ohne dass man wüsste, warum! Antibiotika werden angeführt, die man seit Ende des Zweiten Krieges massenhaft und leichthin gegen viele verschiedene Krankheiten anzuwenden begann. Das hätte zur Folge, dass das Bakterium Helicobacter pylori gedämpft oder vernichtet wurde, das seinerseits in der Kette der Ursachen von Magenkrebs und Geschwür, was auch etwa erst seit den Siebzigern viel seltener geworden ist, maßgeblich beteiligt war. Oder die andere Lebensweise durch die aufkommenden Kühlschränke, die es nun ermöglichten, nicht mehr angeschimmelte und anderweitig verdorbene Nahrung zu essen. Aber nun, selbst mit dem Wissen seit der Entdeckung Helicobacters, erweist es sich als sehr schwer, dieses Bakterium etwa gezielt mit kombinierter Antibiotikatherapie zu beseitigen, so dass die Theorie der ungezielten Antibiotikaheilungen von Helikobakterinfektionen, quasi als Nebenwirkung, auch wieder fragwürdig wird.

In den Sechzigern, noch am Ende der atemlosen Verbissenheitsperiode, starb man an ›Managerkrankheit‹, dem Herzinfarkt, schon vom fünften Lebensjahrzehnt an. Dazu ist natürlich das damalige Kettenrauchen in erster Linie anzuschuldigen. Und nun, neben vielen anderen Krankheitsbeispielen, nicht zuletzt Aids – ist ösophageale Refluxkrankheit ›Mode‹ geworden! Das hat mit Kaffeetrinken zu tun, wahrscheinlich, weil aus fauler Tradition immer zu heiß getrunken. Ähnlich ergeht es uns mit den hier so häufigen überkarbonierten ›Soft Drinks‹, Cola, Pepsi, Sevenup, und wie sie alle heißen. Und doch weiß keiner genau, wie und warum es gerade jetzt so stark wird.

Ein alter britischer Film mit Alec Guinnes heißt ›Unser Mann in Havanna‹. Guinnes ist ein Spion für irgendeine Sache und Partei. Dort wird zum erstenmal diese neue Haltung charakterisiert. Er kümmert sich einen Dreck um die zu erspionierenden Fakten, sondern täuscht alles so gut vor, dass niemand etwas merkt und es auch keinerlei Unterschied macht, und verbringt sein Leben lieber gemütlich, unkompliziert und gefahrlos als Familienvater.

Oder nehmt die allgegenwärtige ›Sexwelle‹!

Zunächst einmal ein paar Worte zur Entstehung dieser Erscheinung und besonders des Wortes. Ich werde noch darauf zurückkommen: Deutschland hat stellvertretend für den Rest Europas und der Welt seine Niederlagen mit den übermächtig gewordenen vereinigten Angelsachsen bestehen müssen. Es traten die typischen Nachkriegsphänomene der Deutschen nämlich in fast allen Ländern auf, zum Beispiel das ›Halbstarken‹-Problem der Gruppe der Nachkriegsjugendlichen, die ohne Vater aufwachsen musste. Aber es gab sie im neutralen Schweden, wo keine Väter gefallen waren, bald noch schlimmer!

Oder denkt an unsere jetzt auch hier selbstverständlich gewordene Daylight Savings Time, obgleich sie ja nun hier so südlich, dass die Winter- und Sommertageslänge unwesentlich wird, nur umständlich ist und keinen Zweck mehr verfolgt. Aber nun ist es einmal Mode geworden, gegen die wir offenbar keine Independence haben! Denkt an die Sommerzeit, ja nun eben: zuerst der Berliner! Denn die hatten wirklich keine Energie und mussten sparen. Es gab vor der Einrichtung eines Westberliner Elektrizitätswerkes nur das ostdeutsche. Das war zur Zeit der Blockade, Kohle musste teuer mit Flugzeugen über die ›Luftbrücke‹ herbeigeschafft werden. Es gab Stromsperren und dann eben, weil’s ja im Sommer schon gegen 3 Uhr hell war, den Versuch, das späte Zubettgehen abzugewöhnen und dafür lieber früher aufzustehen.

Also 1948 hatten meine lieben sowjetischen Landsleute beschlossen, die westliche politische Insel Westberlin durch eine Blockade auszuhungern. Es kam nichts mehr über sowjetisch kontrollierte Straße, Bahn und Kanal, sondern nur via der westaliierten ›Luftbrücke‹. Die Hungerei und Entbehrungen von Heizmaterial und fast sonst allem wurde drückender als noch während des Krieges. Als die Blockade ihren politischen Zweck verfehlt hatte und im September 1949 aufgegeben wurde, trafen seit langer Zeit, eigentlich seit den schlimmsten Kriegsjahren, wieder frisches Gemüse, Fleisch und Früchte ein. Die Berliner holten nach, und benannten in ihrer Art – und nur daher weiß ich so verlässlich den geographischen Ursprung! Wo sonst in Deutschland oder auf der Welt hätte man denn dazu Fressen gesagt? – in was sie in ihrer ruppigen Sprache bald also als ›Fresswelle‹ bezeichneten. Das war der Anfang dieser Wortgruppe auf der ganzen Welt! Denn darauf folgte logischerweise die Kleidungs- und Reisewelle, und dann natürlich ebenso die berühmte ›Sexwelle‹! (Und wir wollen froh sein, dass sie die letztgenannte wenigstens nicht auch vergröberten!) Mal im Ernst, hier ist ein Problem des Anstandes, von uns immer ›Moral‹ genannt. Wohlgemerkt, Moral unterliegt selber keinem religiösem Gebot. Es ist, was wir aus Tradition oder Demonstration unserer Vornehmheit tun oder lassen. Und komischer Weise ist ein schlüpfriger Ausdruck unter einem beständigeren Tabu als die zugehörige unmoralische Tat! Also wir tun’s früher als wir’s aussprechen!«

Kurzer Einwurf von mir, Herm. Meine heranwachsende Tochter benutzte damals einen nicht ganz einwandfreien sexuellen Ausdruck, der eine Ermahnung von mir nach sich zog. – Nun, Kinder und Jugendliche können gute Lehrer sein! Ihre Antwort:

Wir (Christen) reden frei und öffentlich davon – aber tun es nicht. Die Welt tut es, aber schweigt!

So gut belehrt, schwieg danach auch ich!

»Man soll verstehen, dass beim Anblick der ersten Bananen oder Apfelsinen nun alles möglich schien. Das brachten die Amerikaner oder deren kapitalistische Wirtschaftsordnung, wenn man sich ihnen nicht mehr widersetzte, also meine beschriebene Laschheit! Wozu also auch? Dazu herrschte nach der allmählichen Aufgabe Gottes, Der ja nun versagt hatte, weil Er unsere selbsteigene Pein nicht belohnen wollte, und besonders auch dem Versagen aber auch jeden deutschen Regierungsversuches in Berlin, ein Zusammenbruch aller Werte, wie ihn, ich möchte sagen: die Welt, mindestens aber zunächst Europa, so noch nie gesehen hatte! Und hier nun schaute mindestens erst Europa auf Deutschland, präziser, auf Westberlin und erlebte es mit ihm zusammen. Was eben noch ›heilige‹ und verbissen verteidigte Wahrheit war, durchaus auch solche nach der Aufgabe Gottes, zum Beispiel eben sittliche, sexuelle Werte, galten unter der neuen von Westen herwehenden ›Ordnung‹ nichts mehr. Dazu kam dann um diese Zeit 1948 der gerade in Amerika erschienene Kinsey-Report, zunächst über das ›sexuelle Verhalten des Mannes‹. Diese neuen ›wissenschaftlichen‹ Aufklärungen hatten es so an sich, die neuen ›Freiheiten‹ unter das Volk zu schmuggeln, dass man es kaum merkte und für ein neues Evangelium unter dem Vorwand der Wissenschaft nahm. Zum Beispiel wurden also Umfragen gemacht. Eine der Fragen lautete, wie oft man sexuellen Verkehr habe, natürlich des Rahmens dieser Umfrage wegen, ohne jede Rücksicht auf eheliche Bindungen:

a) häufiger als dreimal in 24 Stunden? b) mindestens einmal täglich? c) etwa viermal die Woche? d) noch seltener?

So dass man sich der Formulierung wegen schon für abnormal hielt, wenn man d) beantworten musste! Denn es bestand ja in Deutschland noch die allgemeine Regel: › . . in der Woche zwier‹.

Auf kurze Formel gebracht lautete die neue Kultur: Ihr seid bisher in Unfreiheit gefangen gewesen! Die Deutschen sind an allem schuld! Also lohnt es gar nicht, auch für Deutsche selber, in irgendetwas auf sie oder irgend etwas in ihrer Kultur zu setzen! Das wäre ja nun eine enorme Formel gewesen, sein Leben neu auf Gott zu bauen. Aber so verlief es allgemein nicht, wohl, weil Humanismus und Selbstgerechtigkeit auch im christlichen Leben so stark geworden waren. Zu Gott findet man in naher Verzweiflung, dicht am Selbstmord, kaum aus fauler Laschheit. Man gab zusammen mit der vorherigen Verbissenheit auch überhaupt jede Anstrengung für Ordnung auf. Können wir es nicht, so bleibt es eben liegen! Und dann ebenso hier für Ungläubige, die bisher gezwungen waren, die allgemeinen Sitten mitzumachen: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert.

Die deutsche Schuld galt rückwirkend für alle erdenklichen Mängel und Sünden, zum Beispiel der ›preußische Militarismus‹ für alle europäischen Kriege von 1480 bis 1940. Man hat, nun auch gerade in Amerika, ausgerechnet – aber das wagte man erst fast fünfzig Jahre nach dem Krieg in Deutschland zu veröffentlichen! – dass Preußen-Deutschland mit der Kriegsbeteiligung in Europa nach England, Frankreich, Spanien und fünf anderen Staaten erst an neunter Stelle steht! Das schloss recht elegant Usa selbst aus, weil die Untersuchung von da ausging und die Frage der Kriegsbeteiligung in Europa aufwarf. Es fragte während dieser amerikanischen Allmachtsphase auch niemand nach solcher Usa-Rowdyhaftigkeit.

Gleichzeitig damit traten nun durch die Aliierten wirklich erstaunliche neue Freiheiten auf. Die Bars und das ganze Nachtleben, vorher unter Hitler als ›entartet‹ strikt zensiert und eingeschränkt, ebenso alle moderne Kunst, zogen mit Triumph wieder ein.

Ich, Herm, persönlich bin doch der Meinung, dass es entartete Kunst gerade in dieser Zeit nach unserem physischen und dann geistigen Zusammenbruch allenthalben gab, wie ja denn Kunst immer ein Abbild der allgemeinen Konstitution ist. Dass etwas »modern« war, machte es noch lange nicht kulturell wertvoll. Andererseits natürlich gab es viel Gutes, einmal neue Wege Einschlagendes, unter dem Bücherverbrennungshaufen. In der Kunst kann eben nicht Einer nun ein- für allemal bestimmen, was wertvolle Kunst sei. Aber ich sagte ja schon, das sage nur ich! Und ich bin auch nur ein Machwerk meiner Umgebung und Zeit. Sind das in mir nun Reste, ein Gemisch, von was ich oben als A) und B) bezeichnet habe, oder schon Ergebnis eines Neuen, C) ?

Die deutsche Devise um diese Zeit also schien zu lauten, habe ein momentan gutes Leben und kümmere dich nicht um Zukunft, irgendwelche Politik oder Kultur!

Auf solchem Hintergrund wird nicht nur das Wort, sondern das ganze Wesen der ›Sexwelle‹ verständlich! Deutschland hat aber die einstige Führungsrolle in Kunst und allen Wissenschaften, noch Anfang des Krieges, keineswegs ganz und dann auch nur langsam verloren, nämlich in dem Maße, wie sich die Deutschen selbst für dumm, schlecht und unbegabt zu halten gezwungen wurden. Vielleicht gelingt auf diesem Gedankenhintergrund das Verständnis, warum die ganze Welt in den nächsten Jahrzehnten ebenso wurstig und versext geworden ist wie wir, das heißt, zuerst die Berliner. Das ist kein Widerspruch zu dem gleichzeitig hochschnellenden Überlegenheitsgefühl und Humanismus, etwa das ansetzende Wirtschaftswunder, sondern ihre natürliche Ersatzbewegung.

Es ist erstaunlich, dass wir da im Bemühen, die neue Lebensart und Kultur zu verstehen und zu assimilieren, auf so ein Vakuum gestoßen sind!

Ein Deutscher begegnet Neuem. Er nimmt an, dass es seinen Sinn habe und lange durchdacht worden sein muss, wie in der Alten Welt, wo er herkommt. Er irrt sich aber. Es ist durchaus geistiges kulturelles Neuland, das er betritt, und nicht, etwa von Amerika vorausgesehen oder geplant. Der Amerikaner seinerseits sieht so etwas und nimmt es wiederum, wie bisher ja auch immer, als sei es in der Alten Welt erfunden, durchdacht und logisch begründet worden. Wie, das allerdings interessiert ihn nicht. Und so gehen beide, die um jeden Preis ›modern‹ sein wollen, einander auf den Leim zur Dekadenz und Sittenlosigkeit.

Ich sage Wir, weil ich deutschen Blutes bin und weil meiner anderen Hälfte jetzt, durch den Zusammenbruch des Kommunismus, nun dasselbe begegnet, was meine Landsleute, besonders in Berlin, zuerst durchzustehen hatten.

Noch eine andere Entstehungsart der ›Wellen‹ bezieht sich aus ganz anderen Gründen auf Berlin, die spätere Drogenwelle! Das hatte mit seiner Lage zu tun. Die Kommunisten nutzten die ihnen sonst nachteilige Lage Westberlins nach Kräften zu ihren Zwecken aus, und das hieß, Schaden, Unterwühlung und Zerstörung des Westens. Aus Afghanistan und dem muselmanischen Süden der Sowjetunion selber wurden erst Haschisch, dann die stärkeren Drogen nach Berlin geschmuggelt, auch Opiate aus der Türkei. Die gründlicheren deutschen Chemiker selber produzierten daraus bald das teuerste, reinste Gift. Von Ostberlin war es leicht, via ›Flüchtlingen‹ in den kapitalistischen Westen, also zunächst Westberlin, Bundesrepublik und dann auch das ganze westliche Ausland mit solch verderblichen Drogen zu beschicken.

Noch etwas charakterisiert, was ich die Wurstigkeit dieser Zeit genannt habe. Die römische Kirche hält aus langer Tradition ihre Priester, Mönche und Nonnen strikte zölibat. Dass das nie vollkommen funktioniert hat, wissen wir aus den Ursachen, die zur Reformation geführt haben. In neuerer Zeit gab es nun geschäftstüchtige Versicherungskaufleute, die also solche klerikalen Personen gegen sexuelle Entgleisungen versicherten, das heißt, den Schaden nachher durch Versetzung und Vertuschung möglichst wieder zu glätten suchten. Nun gibt es solche Versicherungen überhaupt nicht mehr! Denn in den Sechzigern wurden solche Verträge für den Versicherer immer unrentabler: Es hurten einfach zu viele der Versicherten, besonders auch in zunehmender homosexueller Perversion, herum. Wer von der Kirche noch in aller Heimlichkeit kam, etwa ein Bischof oder sonstiger Oberaufseher eines ganzen Kirchenkreises, solche Versicherungen zu kaufen, wurde schlicht ausgelacht!