Siebzehntes Kapitel

American Christmas

Inzwischen ist Weihnachten geworden.

Nicht nur, dass alle Warenhäuser »Silent Night« und fast alle unsere schon von Hause aus nicht immer geschmackvollen oder theologisch einwandfreien Weihnachtsschnulzen spielen und Studenten engagiert haben, die, Kinder auf dem Schoß und mit angeklebtem Wattebart und roter Uniform, die Eltern zu eigentlich von ihnen unerwünschten Käufen animieren, nicht nur, dass die Eakland Baptist Church ordnungsgemäß einen Riesenbaum an der Kanzel (wo er als heidnisches Symbol gar nichts verloren hat) aufgestellt hat, dessen heimatlicher »Wald« nur eine Plastikfabrik war, aber dafür über und über mit schief hängenden und ebenso stehenden elektrischen Kerzen, Sternen, Engeln, auch Plastikbrezeln und Plastik-›Gingerbread‹ (echtes Gebäck wäre für diesen Baum, auch symbolisch zu verstehen, schon zu schwer! Siehe nächstes Kapitel.) und allem erdenklichen Kitsch behängt ist, oder Gruppen von Tür zu Tür zum Singen durch die Stadt schickt, nicht nur das, sage ich, sondern es hat sogar erwartungsgemäß einigen Schnee, etwa nur zwei Zentimeter, gegeben, nachdem es am dreiundzwanzigsten plötzlich von plus 11° Celsius auf minus 4° Celsius gesunken war.

Ich korrigiere mich! Denn das würde hier keiner verstehen: Schnee von etwa einem Inch Höhe und Temperatur von 52 auf 25 Grad Fahrenheit! Dieses unmögliche Maßsystem lassen sie nicht ums Verrecken! Dabei war doch Fahrenheit ein »böser« Deutscher! Ihr moralisches »Gesetz« besagt ja offenbar auch nur, allein das Blödsinnigste zu übernehmen! Also können wir lange auf die ja rechtmäßige Einführung der deutschen Sprache warten. Die ist zu klar und zu logisch!

Noch nass und eben nicht viel mit dem Schnee, aber die Kinder freuen sich, und man spielt überall wieder »I am Dreaming of a White Christmas« von Irving Berlin, der ja als Jude, mit eigentlichem Namen Irving Israel, genau genommen gar nichts an Weihnachten verloren hat. Am fünfundzwanzigsten morgens ist fast nichts mehr da, alle Straßen wieder nass und schwarz, nur noch die Gärten erinnern an White Christmas.

Die Eakland Church ist ausgerechnet, trotz aller Anstrengung und aufgebrachtem Kitsch, an diesem ganzen fünfundzwanzigsten Dezember traditionsgemäß geschlossen, wie auch die anderen Kirchen. Aber gerade da hätte es doch nun hingehört, statt von November an. Nun mutet es fast wie ein unbewusstes Eingeständnis an, dass ja gar kein christlicher Feiertag vorliege.

Sie spielen vorrangig nicht nur unsere deutschen, ja schon meist über hundertjährigen Weihnachtsschlager, sondern der ganze Weihnachtsbaum ist deutschen Ursprungs, woran sie sich auch mit »Oh Tannebaum‹, was dann allerdings auf Englisch fortfährt, tunlichst erinnern. Diese Weihnachtsbaumsitte kam interessanterweise erst eigentlich nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA aus dem ausgebluteten und verarmten Deutschland, wo wir derweile in Westberlin zur Blockadezeit alle in Frage kommenden Waldbäume zu Heizungszwecken umfunktionierten. Wie gesagt, das Schlechte kommt mit Düsengeschwindigkeit über den Atlantik.

Vorher hielt man es hier – ebenso – mit dem englischen Mistelzweig. Vielleicht beeilten sie sich innerlich, zu beweisen, dass sie, anders als andere Co-»Sieger«, die uns Hunnen nennen, gar nichts gegen die Deutschen hatten, wenn diese Deutschen nur zahm und gehorsam sind und bleiben, und so gar nicht das vorweisen, wessen sie sich selbst so brüsten, freien Willen und eigene Freiheit! Sie hassen uns in ihrer oft entwaffnenden Naivität nicht so wie jene! Na, Kunststück, wir sind ja noch viel mehr ihres ursprünglichen Blutes! (Jawohl, der Eifersuchtsdrang am großen Bruder zwischen den beiden europäischen Rivalen ist schon auf voller Düse! Das erinnert gleich wieder an meinen Atlantik als zweibahnigen Lieferanten!)

Eigentlich wäre »Freiheit« in sich selbst genug, aber wegen Missbrauchs muss ich es etwas schärfer sagen. Auch Usa, bei aller verbaler Bombastik, hat uns Deutschen »eigene« Freiheit seit etwa 1916 vorenthalten.

Hier ein Rätsel von mir, notwendigerweise auf Englisch:

We all confess it. But woe if a foreigner has it.

Die Antwort ist nach dem Gesagten wohl zu leicht, aber ich will auch einmal wie Mischa die Lösung zunächst leicht verstecken. Es sind ja seine Gedanken, und dass er gesagt hat, er fände keine Kirche in Usa, die es nicht bekenne.

Wirkliche Freiheit, geht mir da durch den Kopf, ist doch gerade so ein Grübeln und »Meditieren bei Tag und bei Nacht,« was aber, wenn echt, zu neuen Gedanken führt, nie dagewesenen, in keiner Kirche gepredigten! Es wird so die Erfüllung von dem, was Gott andeutet: Singet dem Herrn ein neues Lied! Wobei Er auch nicht an Noten denkt.

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Eine andere Sitte verdient Erwähnung. Sobald es anfängt zu dämmern, flammen um diese Jahreszeit auch viele der Gärten und Privatgrundstücke in wundersamen Lichterscheinungen auf. Sie erglühen und winden sich als Leuchtschlangen um alle Zweige, zucken auf, blinken und erlöschen wieder. Türen und Fenster sind von ihnen oder von leuchtenden ›Eiszapfen‹ gerahmt. Ihr Schein trifft auch Plastik-Schneemänner und wundersame Ungeheuer auf den Dächern, die Santa-Kläuse im Rentierschlitten bedeuten sollen. Dass Nikolaus die weibliche Form »Santa« sein eigen nennt, ist verballhorntes Holländisch!

Einer der Nachbarn in meiner Gegend kann sich nicht genug tun; wir zeigen sein nur relativ kleines Grundstück alljährlich mit Stolz allen Besuchern als Ortssensation. Da kann man nun vor bengalischer Beleuchtung kaum noch was erkennen. Er hat unter allem nur denkbaren Flitter gleich zwei Wundergespanne auf seinem nur kleinen Dach, die aber noch mit zusätzlichen Scheinwerfern »ins rechte Licht« gerückt werden. Im November mache ich auch seine nähere Bekanntschaft, als er mit Leitern und Unmengen Kabel aus vielerlei Kisten im Garten am Werkeln ist. Es ergibt sich, dass ich ihn aus einer der Kirchen kenne, wo uns sein besonders frömmelndes Verhalten aufgefallen ist.

»Nachbar, warum machen Sie das alles?«

»Well, you know, the spirit!«

Eine Antwort wie zu erwarten! Welcher »spirit« denn eigentlich? Na, ich weiß, der »X-mas spirit«! Nach der Bibel gibt es für Geister nur zwei Ursprünge. Den heiligen Geist einerseits, aber der treibt doch wohl kaum zu solchem Mummenschanz! Ich lasse ihn mit kurzem Gruß weiterbasteln. Was soll ich da diskutieren? Ich werde nie nachfühlbar ergründen, was ihn da eigentlich treibt. Dennoch gelüstet’s mich, etwa seinen Ungeist da mit seiner frommen Haltung zu konfrontieren. Warum will ich das? Bin ich auch schon so amerikanisiert, dass alles nach meiner Pfeife tanzen soll und ich keine anderen Gebräuche (»Freiheit«!) stehenlassen kann? Nun, ich bin es mir bewusst. Meine Haltung ist gerade die Antwort auf dies Verhalten bei allem ihrem Freiheitsgeschrei. »Sie lassen mich ja nicht!« möchte ich antworten. Er stört doch absichtlich selbst hier noch die ganze Umgebung mit seinem Fastnachtsaufzug, er will auffallen, wenn auch ohne eigentlichen »spirit« dahinter!

Bemerkenswert übrigens, und das gilt allgemein, ist die Bedeutung der überabgenutzten Phrase »you know« im Satz an allen unmöglichen Stellen. Sie ist nichts anderes als ein Anerkennungsgesuch, eigentlich rührend, wie das Gesicht-Ablecken eines sich anbiedernden Hundes. Und das ist im Grunde wohl schon der ganze »Geist« meines geschäftigen Nachbarn und seines Tausend-und-einer-Nacht-Häuschens da. Aber warum denn diese dauernde Anbiederung, besonders auf internationaler Ebene? Sind sie sich denn selbst so unsicher? Da ist doch eher das Gegenteil der Fall. In grobem Muskelsport ist USA nicht besonders vorn, aber wenn es eine Show gibt, wo wir alle ah! und oh! schreien sollen, da sind sie Spitze, da wirbeln sie auf Ski sich mehrfach überschlagend durch den Himmel, ebenso auf »Scateboards« oder vom Barren. Da verkleiden sie sich, wie ich höre, betont »maskulin« mit ausgestopften »Muskeln« und ebensolchem Kreuz, um einer besonders albernen Abart von Fußball zu frönen, die es nur hier gibt, und deren Zweck reine »Show biz« ist, sowie natürlich Millionen Dollars. Aber warum bloß das alles? Was bezweckt oder woraus begründet sich all diese Angeberei? Fußball ist doch, wie jeder Sport, nur für die Ausführenden selber da, zu ihrer Freude und Ertüchtigung, ähnlich einem Liebespaar! Da gilt doch Zugucken auch als peinlich?

Das ist vielleicht aus ihrer Geschichte zu verstehen. Noch im vorigen Jahrhundert studierte »man« in Europa, besonders in Deutschland. Alles Etablierte, Bedeutende kam aus Europa. Bis heute haben sie kaum eine philosophische oder künstlerische neue Weltbewegung hervorgebracht, ja selbst ihre heilige Revolution ist importiert von Frankreich, ohne Durchschauen und Verständnis der an sich schon falschen, damit meine ich besonders, gottesfeindlichen Ideen. Nun wollen sie, bitteschön, auch mal »wer« sein! Ist nicht die Mormonensekte ähnlich zu verstehen? Bitte, auch ein Salzmeer, auch einen »Tempel« mit Gold, auch »Propheten!« Jeschua sei extra zu ihnen gekommen als Sein Körper im Grabe lag. Hier liege jetzt die Weltbedeutung, hier das Zentrum! Diese Sekte konnte nur hier entstehen.

Napoleon biederte sich beim kaiserlichen Hofe in Wien an, der ältesten europäischen Monarchie, Prinzessin Marie Louise wurde ohne viel gefragt zu werden, geehelicht, von ihm, der doch als Revolutionär mit aller Monarchie offiziell gebrochen hatte, ja, deren Leben er gar auch bedrohte, und deren Verwandte man in Paris gerade mit der Guillotine »etwas verkürzt« hatte! Und er heiratete ja auch nicht, weil sie so schön war, sondern wie manche einen Berg besteigen, »weil er eben da ist.« Und dieser Berg war der Höchste! Alles natürlich nur nach seinem Sieg über eben diesen Staat, dann erst heiratete er! Erklärt das wohl ebenso die besondere aliierte Grausamkeit in den beiden Weltkriegen? Aber warum immer vornehmlich uns, die Deutschen? Eine versteckte Liebeserklärung? Daher auch ihr zweimaliger Kriegseintritt auf der falschen Seite? Diesem geliebtesten aller verhassten Gegner endlich zeigen, dass man auch wer ist? Bis heute imponieren wir ihnen am meisten, viel mehr als die japanischen »Gelbbäuche«, die doch was die nähere Vergangenheit angeht, eine fast gleiche Geschichte haben, nur ohne einen Hitler, also eher ehrenvoller. Die Engländer verehrt man aus Pietät und Tradition, etwa wie »Helm ab zum Gebet«, aber die Deutschen zu verehren hat noch den Reiz des Verbotenen, eben von der alten (englischen) Tradition her. So kam etwa Ronald Reagan auch »selbstverständlich« den Engländern zu Hilfe in dem Operettenkrieg um die Malvinas-Inseln in Bruch des Paktes aller amerikanischen Länder untereinander!

Apropos Geschichte und Wien! Erwähnen will ich eine Christmas-Tanzparty, die das Krankenhaus, dem ich »afiliiert« bin, wie das hier heißt und organisiert ist, zu veranstalten für nötig befand, und wir Ärzte »sollten alle erscheinen, um unsere Dankbarkeit dem Personal gegenüber auszudrücken«, aber mehr wohl, um der Party etwas Bedeutung und Reiz in den Augen der ja meist weiblichen Angestellten zu verschaffen. Und Ärzte, komischerweise, gelten da noch etwas.

Ich kam ohne meine darin klügere Lucia, mühsam in einen offiziellen Anzug gezwängt. Es war ein billiger stallähnlicher Saal in der Stadt, eng, dunkel, verraucht bei viel zu lauter »Musik«, wo keine Konversation ohne Gebrüll möglich war. Es war dazu auch niemand Interessantes da. Die einzigen Lichter waren Scheinwerfer, alle auf die Mitte gerichtet, die Tanzfläche. Ich habe seit Jahrzehnten, stellte ich fest, nicht mehr getanzt. Aber was war nun hier? Da standen die Gestalten, nach neuester Tanzmode also jeder einzeln, und schwangen und schüttelten sich schwitzend, linkisch und unelegant – interessant wieder, dass man gleich sah, sie empfanden es selber auch so unappetitlich anzusehen, zu dem überlauten Krach, als einzige in dem dunklen Saal angestrahlt. Na, ich holte mir einen Becher recht guten Rotweins – das sei in der temperenzlerischen USA durchaus auch einmal positiv angekreidet! – und verließ die Szene angewidert nach fünfzehn Minuten. Und doch war ich innerlich eigentlich gerührt über den Veranstalter und seinen Versuch, uns zu erfreuen wo es so trocken ist. Übrigens wurde eine solche Veranstaltung auch in den nächsten Jahren zu Weihnachten nicht wiederholt. War das etwa, weil ich der Sekretärin des Veranstalters auf ihre Fragen ein wenig Kritik zukommen ließ? Schließlich bin ich ja auch da der (doch schon nicht mehr) »böse« Deutsche.

Man vergleiche das im Geist, sagte ich, mit einem Wiener Ball um die letzte Jahrhundertwende! Deren Musik – Johann-Strauß-Tradition – ist übrigens hier jetzt wieder gut im Schwange, besonders zum Altjahrsabend, was Deutsches zu diesem Fest wie der deutsche Baum zu jenem! Etwa fünfzig Jahre alt war diese ballselige Tradition zu meiner Kindheit seit einem ihrer Höhepunkte um die Wende zum 20. Jahrhundert. Die noch zu meiner Studentenzeit veranstalteten offiziellen Mediziner- oder Künstlerbälle litten dann aber auch zunehmend an gähnender Langerweile und mehr und mehr an Mangel von Besuchern. Das Land war nämlich zunehmend von amerikanischer Kultur erobert worden. Tatsächlich hatten die neuen Rock-and-Roll-Veranstaltungen eine verständliche Frische. Man brauchte nicht einmal mehr tanzen zu können, wie man es mich noch teuer hatte offiziell lernen lassen. Die Musik in ihrem frechen Widerspruch zu allem Gepflegten und Traditionellen war neu und erst einmal anziehend.

Und nun sind abermals fast fünfzig Jahre vergangen! Aber wo ist die einstige Frische geblieben trotz allem sogar eingestandenen Plebejertum? Selbst ihre Musik hat nicht mehr die Attraktion ihres Rock-and-Roll von damals, ist nur noch störend, blechern und zur Kompensation der gefühlten Öde überlaut verstärkt. Viele Rundfunkstationen spielen daher nur noch »Oldies« aus den fünfziger und sechziger Jahren. Hat also der gute alte Wiener Walzer nun doch noch die »neue« Welle am Ende überlebt! Das war zu meiner Kindheit noch die große Frage! Da spielten sie als Schlager triumphierend:

Rück’ mal zur Seite, Beethoven! (»Roll over, Beethoven.«).

Sollte so ein Schicksal einer neuen Modewelle nicht auch andere Unarten in der Neuen Welt ebenso überleben und in den Schatten stellen? Woran ich speziell denke, wird der Leser inzwischen selber wohl zu erfassen schon in der Lage sein.

Und warum benehmen sie sich so, nun auch an ihrem schalen Kulturende angekommen? Warum gehen sie denn überhaupt hin? Aha, nun wurde mir auch die Extra-Einladung an die Ärzte enträtselt! Ein auch aussichtsloser Kampf gegen die alte Öde! Und wohl niemand außer mir selber, kommt auf die Idee der gepriesenen Freiheit, oder selbst eine »Decision« zu machen! Das ist wie mit den hyperkarbonierten »Soft Drinks«. Gefragt, ob das viele, doch schädliche Geblubber ihnen denn eigentlich schmecke, haben sie nur ein kindisches Schulterzucken, aber gießen sich weiterhin mit diesen Rülpswässern voll.

Sexueller Reiz bei solchen »Parties«? Dazu brauchen und kriegen sie heute auch wesentlich stärkere Medizin! Und doch scheint selbst da schon die Öde nachzuziehen. Sie »tanzen« nun völlig auseinander, und wieder: im einzigen vorhandenen Rampenlicht. Das ist alles was ihrem Humanismus verbleibt: Selbstbestrahlung, Selbstpreisung, einmal im Mittelpunkt, der keiner ist, stehen! Wie armselig! Ich versuche vergeblich, mich da hineinzuversetzen: Allein ins Rampenlicht, damit auch noch alle mein elendes, krampfhaftes, verlegenes Gezucke bemerken sollen! Und es für »Splendor« nehmen! Denn sie beobachten ja nicht, sie denken doch nicht nach! So wird auch die Bibel gelesen – you know! – denn die ist ja wie der Koran zu heilig für gesunden Menschenverstand. Also darf man nicht darüber nachdenken! Nein, wir haben ja Freiheit hier, und die kommt zugeliefert offiziell vom Staat, quasi mit der regelmäßigen Post, oder durch die »Röhre« und neuerdings auch übers Internet.

Im Webbhaus gibt es dies Jahr keinen Weihnachtsbaum, das wird auch von Boris unbeanstandet hingenommen. Es wäre wohl an mir gewesen, einen aufzustellen, und dann natürlich einen echten, lebenden, aber ich drücke mich absichtlich davor, mich etwas feige hinter den Meinungen der beiden »Chefideologen« versteckend, von der mich ein Gespräch hatte Einblick gewinnen lassen, was übrigens bei Sam ein längeres Darauf-Eingehen zeitigte, wovon ich auf den folgenden Seiten berichten werde. Sonya, unsere Hausmutti, ist nicht mehr in der Stimmung und jetzt auch nicht energisch genug, einen Baum zu erzwingen, und auch gewohnt, immer hinter den Männern zurückzustehen. Jim hätte gerne einen Baum gehabt, wenn er auch nicht wüsste, wozu. Aber zum Fünfundzwanzigsten selber, wofür doch so ein Weihnachtsbaum aufgestellt wird, eigentlich schon tags davor, fährt er, wie übrigens auch Bob, Rudi und die Mädchen, nach Hause zu Eltern und Familie und nur wir Heimatlose aus den verschiedenen Gründen bleiben übrig. Der Vierundzwanzigste, anders als bei uns, ist nur bedingt ein »Feiertag«, Geschenke gibt es erst am darauffolgenden Morgen, wenn wiederum keine Kirche ist. Ach, und ein Baum gilt auch an diesem Tag nichts, er wird andererseits schon im November aufgestellt!

Boris nimmt alles wieder als gehorsamer ergebener Einwanderer, der alles Amerikanische »schick« findet, aber eben keinerlei eigenen Willen aufweist, wie sich das in amerikanischen Augen auch für einen Ausländer schickt, s.o.!

Für ihn ist auch das Webbhaus ja zunächst noch amerikanisch und daher tabu. Es ist bemerkenswerter Weise dann Sam, der am vierten Advent einen ähnlich vorgeplanten Vortrag hält wie Mischa mit seiner Geographie. Das ist umso merkwürdiger, als Sam ganz entgegen seiner sonst so sanften Art, hier mit stärkerem Toback aufwartet, der eigentlich jeglichen Weihnachtsdusel zu vertreiben geeignet ist. Jeden »spirit, you know.«

Besonders stilwidrig ist dann doch, dass ich am Weihnachtstag einen vorher gemeinsam geplanten und dafür gesammelten Krug von Boris überreicht erhalte als von dem einzig verbleibenden Einwohner, mit einem Rheinfelsen und einer Loreley darauf und deutschen »Grüßen aus Rheinland-Pfalz«, was, einem komischen Zufall entspringend, nur die gerade hierbleibenden Heimatlosen, also er selbst und die beiden ›Ideologen‹ außer mir lesen und verstehen können. Sam, der ja auch Deutsch versteht, hat natürlich auch kein Zuhause, wo er etwa Zuflucht finden könnte, zu Weihnachten schon gar nicht! Er guckt etwas versonnen auf das kitschige Bild der schönen Hexe und fragt, ob das nicht die Gegend um Rüdesheim sei, wo sein Großvater Weinhändler war. Ja, lieber familien-heimwehkranker Sam! Genau da auf dem Rheinfelsen sitzt sie noch und verlockt und winkt zum western Untergang (Rheinfall im Sinne von Reinfall?) im western Deutschland wie damals deinem Großvater! Aber auch stilwidrig ist in diesem Kruge deutsches Bier, kein Rheinwein! Nun ohne Dale erhält auch jeder der Anwesenden ein Glas voll davon.

Übrigens erfahre ich auf Umwegen, dass meine angebrochene Flasche Spätlese vom ersten Abend eines Nachts von Jim und Rudi ganz ausgepichelt worden sei. Was würde wohl der gesetzliche Dale sagen zu nun diesem doch schlimmeren Ergebnis seiner Temperenzbemühungen? Aber so ist das hier allgemein mit dem Suff, am Tage als Sünde verpönt, wird doch im Dunkeln umso gröber und rüpelhafter getrunken. Das ist ja wie mit der offiziell verbotenen Prostitution in diesem Lande. Die fragwürdigen Expansionsgelüste sind noch da, das wissen sie. Aber ihre revolutionäre Freiheit hat ihre Schranken, die alte Ordnung, abgebaut. Das Ergebnis ist Wildheit, Ungezügeltsein, Ausnützung, etwa auch wie persönliche Zweikämpfe heute, verglichen mit den vornehmeren alten Duellen. Eine Anzahl Jahre nach diesen Ereignissen passierte das grausige Attentat auf die Welthandelszentrale Das hatte starke wirtschaftliche Reperkussionen. Auf einmal wurde das Benzin wieder wesentlich teurer. Wir alle sollten glauben, daran seien die bösen Araber schuld, aber die waren nur der Anlass unserer eigenen geldgierigen Ölgesellschaften, die höchstselbst, und wesentlich gründlicher, die Preise so hochschraubten. Nur ein Cent an der Pumpe mehr bringt eine Milliarde am Tag bei unserem zügellosen Verbrauch! Und wenn du am längeren Hebel bist, dann ziehe ohne Rücksicht auf arme Leute! Inflation – und ich glaube, die haben sie gerade dadurch so hochgetrieben – sei unausweichlich im Kapitalismus? Wir hatten seit Jahrhunderten im Grunde Kapitalismus, und die Preise waren so stabil, dass man ein Leben lang in den Sparstrumpf wirklich sparen konnte.

Es stellt sich später heraus, dass Sam in Dales Privathaus nicht mehr gern oder so gern wie vordem, gesehen ist. Das hat mehrere Gründe. Einmal scheint ihn Dale nun aufgeben zu wollen, sanft und ohne Ruck, – er legt ja doch noch auf gewisse Anregungen zu Predigten Wert. Aber wohl hauptsächlich ist Sams neue Freundschaft zu Mischa und besonders zum Webbhaus als Grund anzuschuldigen. Auch erfahre ich später, dass Dale einen neuen Freund habe, mit dem er noch viel mehr Heimlichkeit und Verschlossenheit zu anderen praktiziert. Deswegen erfahre ich davon so spät auch nur durch meine Praxis, weshalb mir die Schweigepflicht, die aber bisher hier erstaunlich lasch gehandhabt wird, den Mund verschließt, auch über die Natur und Beschaffenheit dieses neuen Freundes. Aber ich greife vor.

Während ich das hier viel später niederschreibe, kommt mir plötzlich der ja naheliegende Gedanke, dass der arme Sam wohl so aufreizend predigt, weil er plötzlich wieder so enttäuscht und vereinsamt ist, zu Weihnachten, dem Familienfest! Das erklärt ja dann auch, dass er, von Dale vernachlässigt, sich uns nun umso fester anschließt. Er hat doch gar keine Familie mehr.

Hier also die »Weihnachtsansprache« Sams. Eine Predigt kann man’s wohl nicht nennen, oder im eigentlichen Sinne dann eben doch wieder. Es entspricht in Vielem meinem eigenen Empfinden, wenn ich auch weniger scharf nachgedacht habe und weniger der guten Gründe habe. Ich bin einfach in Amerika des leeren Kitsches und Getues um diese Jahreszeit müde geworden, und ich, wie Sam selber, kann noch wirkliche Decisions machen!

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»Ich danke euch, dass ihr auch zu meinem Vortrag gekommen seid, der freilich nicht so ausführlich und tief und neu wie der unseres lieben Mischa sein wird!

Ich will ein paar Tatsachen über Weihnachten zusammentragen und zur Diskussion stellen. Erst einmal aber will ich auf älteren Stoff eingehen, den ihr hier schon vor meiner Zeit abgehandelt habt, und von dem ich von Mischa in persönlichen Gesprächen und auch von Herm erfahren habe.

Da ist die Geschichte des mit dem durch ›Zauberstab‹ verdoppelten Menschen! Aber halt, der Ordnung halber will ich auf noch älteres Material eingehen. Mischa hat euch da ein Rätsel aufgegeben, und ich habe alle anderen gefragt, auch Herm, und keiner wusste nach jeweils eigener Aussage eine alles befriedigende Antwort, also dass ich keinen überfahre, wenn ich nun selbst den Versuch einer Antwort zum besten gebe.

Die Frage war, wo der Denkfehler liege in dem offensichtlichen Widerspruch, dass Gott sowohl gut und allmächtig sei, als auch, dass Sünde nach wie vor auf der Welt herrsche. Ein guter Gott kann keine Sünde dulden und hat doch auch die Macht, sie abzuschaffen, sonst ist Er entweder nicht gut und will die Sünde, oder nicht allmächtig genug, etwas dagegen zu tun.«

Übrigens ist seine nun folgende Antwort so befriedigend, dass nachher auch Mischa selber zustimmen wird. Oder sind sie nur zufrieden, der schwierigen Rätsel-Lösungspflicht nun entbunden zu sein?

»Der Fehler liegt meiner Ansicht nach in unserer Beurteilung des Begriffes ›Gut‹. Wir wissen letzten Endes nicht, was gut sei, das ist ja das ganze Dilemma mit dem Pharisäertum, ja, der ganzen Menschheit; sie wissen nicht, wie man ganz schwach – vor Gott: gut und auch: tot – wird, auch wenn unsere Vorfahren vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Das reicht offenbar nur zur Erkenntnis eigener Unvollkommenheit, und da doch wohl auch nicht immer – jedenfalls reicht es nicht für die Ebene, die für Gott hier in Frage kommt. Wir wissen von Natur aus gerade soviel, dass wir erkennen können, wir sind es nicht! Aber beim Tiefergehen stößt auch schon Jeschua auf soviel Unverständnis, dass wir im ganzen nicht erstaunt sind, in dieser Frage auch in zweitausend Jahren nicht weitergekommen zu sein. Also, meine Antwort in kürzester Formel:

Gott ist gut, aber wir wissen nicht, was das bei Gott sei, da-her liegt der ›Widerspruch‹ nur in unserem Unverständnis.

Dazu ist Er – das wollen wir nicht feigerweise einfach fallenlassen – auch, was uns als grausam zu Zeiten erscheinen mag. Nun ist die Erdenzeit aber zum Lernen für uns da, nicht, um verwöhnt zu werden.

Um Gottes Güte zu erahnen oder gar zu messen, müssten wir ja quasi Richter über Gott werden! Und das ist nicht nur ungebührlich oder überheblich, sondern einfach mathematisch unmöglich. Allmacht, andererseits, können wir auch von ›unten‹ etwas besser beurteilen. Güte ist in Gott selber beschlossen; Allmacht als eine Wirkung, muss auf etwas wirken, also uns.

Wenn wir einmal vor Ihn treten, wird uns das kein Problem mehr sein. Ja, Gott wird sich – mal allegorisch gesprochen, denn Gott ist ja durchaus an nichts gebunden – als Seiner eigenen Logik eng verpflichtet herausstellen, aber nur so hat handeln können, wie Er’s eben tut, um gerade allen diesen eigenen Bedingungen gerecht zu werden.

Jeschua macht deutlich, dass die einzig mögliche Güte eines Menschen in der Schwachheit liegt, eben Ihm alles zu übergeben, Verantwortung, Stolz, Macht, Gutsein, Selbst- und alle andere Kontrolle, und ›wie ein Kind‹ zu werden, oder mehr noch, wie Er selber, Der selbst noch in göttlicher Gestalt nichts von all diesem uns so bezaubernden Plunder, diesem ›Raub‹ wissen will und sich erniedrigt, ja bis zum Verbrechertod! Das ist aber nur menschenmögliche, von Gott gegebene ›Güte‹. Gandhis Idee, von Gott das Prinzip, die Formel, zu übernehmen, geht nicht ohne Ihn selbst!

Gott allein kann nicht eigentlich schwach sein und sich ohne Heuchelei erniedrigen, denn es gibt ja niemand Größeren, dem Er alles übergeben könnte, ebenso wie Er bei keinem sonst schwören kann als Sich Selbst. (Mit Schwören ›bindet‹ Er sich auch wieder.) Und die Menschen allein können nicht verstehen, wie man alle eigene Größe an Gott aufgeben könnte. Und hier ist endlich auch die Erklärung, dass Er überhaupt in zwei Gestalten auftreten musste, nämlich sich für uns als Sohn ganz unter den Vater zu erniedrigen. Versteht ihr? Eine Lektion in der so wichtigen Machtverteilung, der Pecking Order. Weil wir da nie wie Gott sein können, musste Er wie wir werden! Sonst hätten wir nie eine auch nur anähernde Erklärung und blieben für immer in unserer verständnislosen tiefen Einsamkeit. Wenn wir nur da Seine Weisheit ganz ausschöpfen könnten! Glaubt mir: Eine fix und fertige Lösung zum Beispiel unseres weltweiten Regierungsproblems liegt bei Gott für uns schon bereit. klar, einleuchtend und erstaunlich einfach und direkt!«

»Aber es gibt einen zweiten, tieferen und wesentlichen Grund für unser eigentliches Unverständnis von Gottes Wegen. Das ist die Frage nicht nur über Adams ursprüngliche Sünde und ob er sie zu begehen noch etwa freien Willen gehabt habe, sondern die nach dem Ursprung von Satans Bosheit. Ich kenne nur einen Christen in USA, der wie wir den freien Willen des Menschen aberkannt hat. Aber auch dieser Prediger besteht auf dem freien Willen für Adam. Das tut er außer weil es Calvin offenbar so gepredigt hat, aus unserem Dilemma hier heraus, aus Angst um Gottes postulierte Güte! Denn wir können Ihn doch nicht grausam nennen, wenn Er nämlich Adams Sünde auch vorgeplant hätte, Der selbst die Liebe ist! Es ist aber nicht fair gedacht, denn Gott braucht doch nicht unsere Diplomatie und ›Wohlwollen‹, unser Bemuttern, für Sein Wesen, ebenso wenig wie unser Richten über Ihn! Das ist wichtig: Wir suchen die reine Wahrheit, und erst danach gehen wir daran, wie das in unser bisher geschneidertes Weltbild passen könnte. Das ist von enormer Wichtigkeit in unserer Kultur der List und Falschheit. Ebenso haben wir doch beispielsweise als richtig herausgefunden nach Römer 6, dass ein Christ nicht mehr sündige. Wie das nun in unsere Erfahrungswelt passe oder eben nicht passe, soll uns nicht stören, denn Gott gibt uns das ja alles, aber nur, wenn wir – und das als erstes – vertrauen! Und dazu gehört erst einmal, die absolut erkennbare Wahrheit aus der Bibel zu schöpfen, ob es unserem Denken nun passt oder nicht. Das ist Glauben! Sine ira et studio, sagten die Alten dazu. Das heißt, ohne Zorn und Eifer, also freier übersetzt: ohne schlechte oder gute Emotionen darüber, die reine Wahrheit! Und ohne Vorurteile! Im genannten Fall ist ein Gutteil unserer Unbehaglichkeit, dass wir unsere verlangte Sündlosigkeit als eine Verpflichtung, also wieder unsere Leistung, verstehen. Und das resultierende Leugnen der für uns unpassenden Wahrheit mag als die Ursache unseres Unglaubens schon der ganze Grund sein, dass wir’s nicht erlangen.

Dieser Bruder mit dem freien Adamswillen nun antwortet auf die Frage, wie nun der Engel Luzifer im Himmel hat böse und aufständisch werden können, er wisse es nicht, das sei ein göttliches Mysterium! Nun bin ich ja sehr für Ehrlichkeit und Zugeben eigenen Nichtwissens. Aber wie kann er in diesem Fall dann überhaupt Aussagen über freien Willen, Satans Rebellion oder Adams Konstitution machen? Und schließlich ist alles in der Menschensprache Geschriebene in der Bibel für uns zu lesen da und zum tiefen Nachdenken. Und mit Tiefe meine ich: Antworten hervorbringend.

Nun ist es aber so, dass eine der Grundbedingungen in Mischas Rätsel eigentlich auch die Aussage sein muss, dass es im ganzen Universum, in aller Zeit und Ewigkeit nur immer einen Gott gibt, denn das ist genauso grundsätzliche biblische Wahrheit, die hier zum Verständnis dazugehört! In dem Moment, wo wir nun also Satan oder in diesem Fall auch nur Adam wirklich freien Willen zuerkennen, der Gott überraschen könnte, erkennen wir einen anderen Gott an, wenn wir ihn schon noch nicht anbeten, aber die Grenze dazu ist fließend! Wenn es nur einen Schöpfer aller Dinge gibt, dann muss Ihm alles untertan sein, eben weil es Seine Schöpfung ist.

Nun können wir Menschen uns wohl was basteln, was uns später aus der Hand gleitet, etwa wie den Atomwissenschaftlern im zweiten Weltkrieg, die auf die Idee der Kettenreaktion kamen, die nun vom Menschen inszeniert werden könne. Weil aber nicht Herren des Universums, wusste keiner der hohen Physiker, ob eine solche Kettenreaktion nicht auch auf alle Materie übergreifen könnte, genauer, erst auf die Stickstoffatome unserer Atmosphäre, und unsere Erde in Minuten in einem Urknall in heißstrahlende Energie, also eine erdgroße Atombombe, umgewandelt würde! Die absolute Superbombe! Mit – damals mehr als zwei Milliarden – ›Overkill‹! So groß, dass sie nur einmal passieren könnte. Der Nerv, es dennoch zu versuchen und darauf ankommen zu lassen! Wo nun alles, einschließlich sie selber, in der nächsten Minute explodieren würde!

Zwei Nebenfragen gehen mir gerade durch den Sinn. Einmal machten sie auch in Amerika bei solch profundem Problem vor dem Test keine demokratische Umfrage, denn deren ablehnendes Ergebnis wäre ja von vornherein abzusehen gewesen! Das ist eben die Demokratie, von der wir nichts halten. Sie machten’s eben wie jeder Potentat seit Jahrtausenden: das Volk vor vollendete Tatsachen stellen! In diesem Fall wäre die Tatsache so gründlich tief vollendet gewesen, dass auch absolut zuverlässig jede spätere Diskussion entfiele!

Und zum anderen will ich gar nicht mäkeln, dass sie Gott und Sein Wort so absolut, ganz unschuldig und eines Herzens unbeachtet lassen! Das ist ja eine alte Streitfrage der ›reinen‹ Wissenschaftler, aber als eine Denkmöglichkeit hätte doch einer die Frage nach Gottes Prophezeiung aufwerfen können. Und da sagt nun Gott, dass nicht wir Menschen das endliche Feuer, dem unsere Biosphäre zum Opfer fällt, auslösen. Auch war das Evangelium (als Bedingung für das Ende) noch längst nicht aller Welt gepredigt worden, ist es wohl auch heute noch nicht.

Gott kennt, im Gegensatz zu jedem menschlichen Wissen, jedes Molekül in Seinem Universum und dessen Reaktion. Er hat sie ja selbst so beauftragt wie sie nun sind und auch die ›Naturgesetze‹ selber verordnet. Es kann Ihm also nichts, absolut gar nichts, auch in der physikalischen toten Welt ›aus der Hand gleiten‹, weil kein anderer Geist in irgendwelch unbekannten Sphären da ist, der auch nur eine kleine, wie immer geartete Macht über Ihn hätte, und schon gar nicht in der von Ihm selber belebten und intelligenten Welt! Aller Geist, da und überhaupt, ist von Ihm erschaffen außer Jeschua, Und Der ist Er selber!

Wenn also der Engel Luzifer auch von Ihm erschaffen ist, kann der nicht plötzlich gegen Gott rebellieren in dem Sinn, dass nun Gott keine absolute Macht mehr über ihn hätte – Gott wäre dann nämlich nicht mehr der einzige Gott, Geist und Zweck im ganzen Universum! Sondern Luzifer – oder jeder Mensch mit freiem Willen – wäre ein wenn auch kleiner anderer Gott! Mischa hat uns über Goethes Prometheus aufgeklärt. Der Irrtum der Antike, die nun Goethe wieder aufleben lässt, ist die Annahme mehrerer, auch logisch dann immer miteinander streitender Götter. Zeus will die sündigen Menschen vernichten, Prometheus stellt sich gegen ihn, erhält die Menschheit und wird nun ihr Gott hier auf Erden in Feindschaft zu Zeus im Himmel, der ihn deswegen übrigens an einen Felsen schmiedet, wo ein Adler täglich an seiner Leber zehrt. Beachtlicher Weise befreit ihn Superman, das ist ›Halbgott‹ Herkules, also der starke Mensch den hilflosen Gott! Das ist Ur-Klassik, reinster Humanismus, nachher so schön in der ›Renaissance‹ wiederbelebt! Ich verlange gar nicht, dass nun alle Christen werden. Aber die Weltkinder sollten doch diese Gedanken auch kennen, sie sind ja reinste Logik in menschlichen Axiomen.

Wie oft in den Sagen der Völker hatten auch die Griechen ein Stück der Wahrheit herausgespürt. Satan ist der Herr dieser Welt, aber niemals darin unabhängig von Gott! Und wir sehen, wenn wir mehr als einen Gott anerkennen, wie fließend die Grenze zur Sünde gegen das erste, vornehmste Gebot, ja zur Menschenanbetung, wird! Und dass man damit auch nach Matthäus 12 die einzige unvergebbare Sünde begeht, darüber hat euch, wie ich höre, diesmal: Rudi schon aufgeklärt!

Denkt nur einmal an mein Volk, das der Juden! Sie können ihre eigene Rebellion und deren Bedingungen nicht begreifen, weil Gott noch ihre Augen verbunden hält, aber einmal wird’s kein Problem mehr sein. Es geht seit aller Urzeit immer nur um diesen Gedanken der absoluten Macht. Die einzige Bedingung, die Gott uns jemals stellt, nicht Gute Werke, das wissen wir, auch nicht unsere Sündlosigkeit, beide kommen dann von Ihm – sondern endlich unsere Illusion der eigenen Freiheit und Größe aufzugeben, also im Eigentlichen, Ihn endlich als einzigen Gott anzuerkennen! Das ist absolut nur ein abstrakter Artikel des Glaubens allein, also kurz, die Idee unserer Gottähnlichkeit zu verwerfen und Ihm alle Macht zuzuerkennen, denn sie gehört Ihm ja schon immer. Nur da ist Wahrheit. Und unser Abweichen von dieser Grundregel wäre die unvergebbare Sünde! Denkt an Mischas zehn Gebote, das erste oder die ersten beiden werden zur Bedingung, die alle anderen erfüllt: Ich allein bin Gott! Es gibt im ganzen Weltall keine anderen Götter! Und damit wird auch gleich zwanglos klar: Auch der Teufel hat keinen freien Willen, kann auch nicht etwa Gott überraschen oder gegen Ihn kämpfen. Denkt ans Buch Hiob. Also ist, logisch muss, die ganze Bosheit Satans notwendig immer voll unter Gottes Regiment stehen, ganz von Ihm gewollt und geplant! Und wo ein Kampf der Höllenmacht gegen den Himmel stattfindet, beides wohl nur in unserer Sprache und begrenztem Verständnis, aber allegorisch gedacht, da nimmt Gott Selber nie an diesem Kampf teil.«

Darauf sagt nun Rudi selber:

»Was erst als striktes angstmachendes Gebot erscheint, wird auch wieder zu großer Hilfe und Liebe zu uns. Es gibt keine Angst mehr! Der Teufel ist ein- für allemal gebunden! Vielleicht ist die Frage über Prä- und Postmillenium nur sinnbildlich gemeint, aber nicht zeitlich zu verstehen, die ja bei Gott so oder so keine große Rolle spielt? ›Tausend Jahre‹ einfach als eine lange Zeit, oder für uns Christen also: das ganze Erdenleben lang, weil ja auch unser Himmelreich hier schon anfängt. Der Teufel ist für den Gläubigen zuverlässig und immer gebunden. So steht’s denn auch im ersten Johannesbrief, Kapitel fünf, der Böse wird den von Gott gezeugten Christen nicht antasten. Ebenda, im Satz davor, wird auch die unvergebbare Sünde wieder erwähnt, hier die Sünde zum Tode genannt.

Manchmal kommt es mir so vor, als habe sich Gott die Aufgabe gestellt, mit allem, was Worte und Seine Autorität vermögen, aber ohne direkte Wunder, uns zu sich zu ziehen, unseren Glauben aufzubauen. Er sagt ja zu Thomas: Weil du siehst, glaubst du jetzt. Selig sind, die glauben ohne zu schauen.«

Wie staune ich. Herm Öhrlein, über »meinen« Rudi! Auch nach diesen Worten des Chefideologen selber, wie schon vorher, erahne ich etwas über die zentrale Wichtigkeit seines Einwurfes damals im Gras des Webbhausgartens, Das ist wesentlich für meine Grundidee: zu erforschen, wie Geist sich ausbreite. Hier nun hauptsächlich von Rudi erzeugt, schleicht die »Unvergebbare Sünde« im weißen Hemd also schon lange desnachts durch das Webbhaus!

==========4==========

»Nun etwas anderes,« fährt Sam nach einer Atempause in seiner früheren Betrachtung fort,

»In Lukas 11 steht die ganze Erklärung der Bergpredigt. Der Kernsatz steht im Vers 41:«

»Entschuldige, Sam, dass ich schon wieder unterbreche,« sagt Sonya, »aber bevor du fortfährst, muss ich doch mein Unverständnis oder tiefes Erstaunen anmelden! Wenn Satan ganz unter dem Befehl Gottes bleibt, auch jetzt nach dem Sündenfall, und ›der Herr der Erde‹ wird, dann ist Gott, Der das erlaubt und so anordnet, also doch grausam?«

»Liebe Sonya, wir stehen immer in der Gefahr, uns eine Religion nach eigenem Gerechtigkeitsgefühl zu schneidern! Unzählige Sekten tun das und verlassen sündhaft Gottes Wahrheit damit. Die ›Zeugen‹-Sekte – und ich will ihretwegen nicht den heiligsten Namen Gottes missbrauchen – leugnet also Gottes Hölle, doch aus keinem anderen Grunde, als dass ein liebender Gott nach ihrem Dafürhalten nicht einen Menschen auf ewig quälen dürfe, also deine Grausamkeit. – Aber halt! Ich muss mir selbst ins Wort fallen!

In der ersten Zeit meiner Bekehrung habe ich wütend ihren ›Wachtturm‹ zerrissen, wo immer ich ihn fand. Ich hasste sie, das war aber meine Angst vor ihnen! Nämlich, sie möchten mit ihrem ›Unsinn alle Kirchen überschwemmen und vernichten. Aber die Liebe, nämlich dass Gott doch alles in der Hand hat, treibt alle Angst aus. Wir finden ja schon keine Kirche, die ganz vollkommen wäre, auch biblisch finden wir oft grobe Fehler bei ihnen, und gut so, das treibt ja sie und uns zu tieferem Nachgraben, und gerade in diesem Punkt haben, nunmehr sag’ ich’s doch, die Zeugen Jehovas noch als die Ernsten Bibelforscher gute Dienste geleistet. Also, einfach gesagt, warum sie nicht lieben? Unsere etablierten Kirchen sind, in manchen speziellen Fragen vielleicht, aber insgesamt auch nicht besser!

Durch ihre Höllenangst und entsprechende ›Korrektur‹, wollte ich sagen, machen sie sich schon zum Herrn, zum anderen Gott, über Sein Wort, was die Wahrheit ist, und also über Ihn selber. Aber Gott ist Gott, und wir müssen uns nach Ihm richten, ob es uns nun ›passt‹ oder nicht. Das gilt aber zuerst nicht für sie (Halt still, ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen!) sondern hauptsächlich für uns selber! Du musst ja in allem erst glauben, was Gott und weil Er es sagt, und wirst dann die begleitende Wahrheit, sozusagen die Begleitumstände, quasi nebenbei erfahren, wonach das Glauben viel leichter wird.

Ich will dir gleich zwei Beispiele geben. Das erste soll das Missverständnis erläutern in dem befangen wir oft Gott nicht verstehen, und das zweite ein Beispiel von vermeintlicher Grausamkeit aufzeigen, die eigentlich mächtige Liebe ist.

Ad Eins. Da nehmen wir alle nach unserer Gerechtigkeit, die immer auf Gottesgleichheit hinausläuft von vornherein an, um bei Gott etwas zu ›verdienen‹, müsse man erst Seine Bedingungen erfüllen und also gute Werke vorweisen. ›Dieser Sünderin ist viel vergeben, denn sie hat viel geliebt‹, sagt Jeschua. Und wir verstehen automatisch, dass nun die Liebe ihr Verdienst sei, weshalb ihr nun zur Belohnung viel vergeben wird. Die Wahrheit ist andersherum: Ihr ist (zuerst) viel vergeben. Punkt. Das merkt man nun daran, dass sie viel liebt! Denn das ›denn‹ kann auf verschiedene Art verstanden werden. Du kommst zuerst zu Gott im Glauben, dass Er dich rettet, dreckig und sündig, wie du bist, wir ja alle sind. Wenn du das glauben kannst, wird es wahr, wirst du Gottes Knecht und Er macht dich rein von aller Sünde, also liebst du! Aber erst steht dein bedingungsloser Glaube, das alles haargenau ist, wie Er sagt, und nicht deine eigene Güte!

Das Zweite ereignete sich vom Ersten Weltkrieg an. Mischa sagt, uns Deutschen sei viel Unrecht geschehen. Das ist erstmal richtig. Sie haben unverhältnismäßig viel und lange gelitten, nur weil ihr unbegabter Kaiser verabsäumt hatte, zur Zeit die richtigen Bündnisse zustande zu bringen, gar den russischen Rückversicherungsvertrag absichtlich nicht erneuerte. Der Zweite wird durch Wilsons ›Talent‹ die genaue Fortsetzung des Ersten Krieges, nur noch fürchterlicher, als Hinweis, dass nicht etwa jemandem irgendwo ein Irrtum unterlaufen sei, sondern dass nun Gott bewusst und zweckvoll und nicht aus Zufall handelt, dass Er eine Botschaft darin für uns hat, nämlich dass erst die Deutschen noch dazu schwer und unglaublich sündig werden und es der ganzen Welt leicht gemacht wird, mit Fingern und Kanonen auf sie zu zeigen. Nun haben wir aber bis heute nicht die Auflösung zu dieser verdoppelten ›Grausamkeit‹, nämlich die grenzenlose Liebe Gottes zu Seinen Deutschen dahinter gesehen! Denn was wird werden, ja werden müssen, wenn die Deutschen nicht in der uferlosen Laschheit und Wurstigkeit von heute weitermachen und untergehen wollen? Sie werden sich aus Gottes und Seiner historischen Notwendigkeit heraus besinnen und mit ihrer Gründlichkeit einen Neuanfang in Gerechtigkeit, in und mit ihrem Gott machen! Dann wohl ihnen! Dann hundertmal Preis dem Herrn und Dank für die Deutschen und ihre nun schon 80 Jahre währende Pein!

Man sagt, Katholiken sterben schwer. Da haben sie dann eine ›letzte Ölung‹ eingeführt. (Das gilt natürlich ebenso für alle anderen, die an den Kleinen Gott, sich selbst, glauben und sich daher Gottes Gunst mit guten Werken verdienen zu müssen meinen.) Nicht wahr, so eine Nonne auf dem Sterbebett ist verzweifelt! Ob sie es nun wirklich vor Gott ›gemacht‹ habe, ob der ganze Rahmen nicht von ihr vielleicht viel zu leicht angenommen wurde und Gott hohnlacht und sagt: Dachtest du wirklich, dass du mit deinen paar Kinkerlitzchen Meine geforderte Vollkommenheit erreichen könntest?

Es gibt ja auch auf Erden schon immer welche, die noch etwas oder gar viel besser sind als ich! Ja, wo ist denn nun genug? Das ist etwa so vertrackt wie das Wettrüsten der Supermächte im gerade abgeschlossenen Kalten Krieg. Hat der Gegner nicht vielleicht doch schon heimlich die Superbombe und ich schaue trotz allen Fleißes, meine Vorherrschaft zu erhalten oder zu erringen, wenn das große Gericht, der neue Atomkrieg, anbricht, mit meinen gestapelten veralteten Bömbchen in den Mond – wenn man den vor Qualm überhaupt noch wird sehen können!

Ihr seht, auf Werke ist nirgends Verlass! Nicht einmal auf die bösen wie hier, weil wir immer so unzuverlässig sind im Guten wie im Bösen!

Dale Noomey hat unserem Mischa beim ersten Treffen, wie ich höre, so übelgenommen, dass er Gott zutraut, uns auch das Böse zu schicken. Mischa hat darauf auf Pharao verwiesen, von dem Gott selber bekennt, Ich habe sein Herz so verhärtet, woraus bei seiner Machtstellung all die Schikanen an Seinem, dem Gottesvolk, kamen. Das überraschte Ihn nicht, sondern war so geplant! Gott der Autor auch des Bösen! Hier nun also ein neuer Gedanke dazu:

Wenn wir Gott nicht absolut alle Macht im ganzen Universum einräumen, also im Grunde an andere Götter mit auch je ein bisschen Macht glauben, dann wird die Verzweiflung meiner armen Nonne verständlich. Es kann ja immer im letzten Moment was dazwischen kommen, ein frei-williger Kobold verdirbt noch schnell die so schön geplante Errettung Gottes für mich! Verlass ist dann nicht auf Gott, Der es ja nicht war, weil Er ja kein Böses planen darf, was doch nun aber fassbar da ist – und Verlass auf die vielen anderen Fürstentümer Kleiner Götter schon gar nicht! Hat nicht Mischa darauf hingewiesen, dass, wenn Gott den Menschen ›in Seinem Bilde‹ schafft, im Sinne, wie es die Kirchen glauben, also ante speculum, dann war der Sinn, uns eben Krieg und Feindschaft, begrenzt auf die Menschheit, vorzuführen, nämlich, um im Kontrast dazu Seine Güte und Liebe dagegen vorzuführen! Dann wurde der Mensch erschaffen, um die ganze Erdenzeit hindurch Krieg zu machen, den gerade nur sie immer verabscheuen werden!

Also, es gibt keine Sicherheit, daher im Grunde keine Liebe, keinen Frieden bei so einem Menschen, aber ›Meinen Frieden gebe Ich euch‹, das ›Gelobte Land‹, das ist doch gerade, worauf alles ankommt, und ist Gottes Versprechen. Wieso fängt Gottes Reich schon hier auf Erden an? Deswegen! Seines dann sofort erhältlichen köstlichen Seelenfriedens wegen!«

Zusammengefasst also: Im Grunde ist Gott nie grausam. Nirgends steht, Er hasse uns, aber hundertmal, Er liebe uns. Das wird klar, weil Er keinerlei Anlass zum Hass hat. Warum das? Weil Ihm alles untertan ist und es absolut im Universum keine anderen Machthaber gibt. Was manchmal wie Hass aussieht, ist in Seinem Plan für uns verankert und also absolut notwendig. Wie ein Vater unrecht täte, wenn er seine Kinder nur verwöhnt und ihnen keinen Plan oder Lebensrichtung mitgäbe.

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Im Lukasevangelium, Kapitel 11, also, wollte ich sagen, steht der Kernsatz:

Gebt doch Gott das, was inwendig ist, siehe, so habt ihr alles rein.

Ich habe schon herausgelassen, was ich für einen Übersetzungsfehler halte! Und da seht ihr, dass bis heute wir darin nicht weitergekommen sind seit Jeschuas Zeiten. Manche Übersetzer schreiben nämlich: Gebt doch, was in euren Töpfen ist, den Armen als gute Tat, Almosen, dann habt ihr alles rein. Aber über das Symbol der Töpfe ist Jeschua längst hinaus. Aus mildtätigen Gaben wird gar nichts rein vor Gott, sie können ja immer nur eine Folge der Wandlung im Menschen sein, die doch Gott schon so sehen kann. Und ebenso missverstehen wir die Bergpredigt, wo wir uns immer mehr und mehr ›gute Werke‹ abzwingen sollten. Aber wenn Gott einmal sagt, mit ›guten Werken‹ sei bei Ihm seit Jeschua nichts zu kaufen, so gilt das für alle Zeiten! Der Zusammenhang hier ist, dass ein Pharisäer Jeschua beschuldigt, dass Er sich nicht, wie im Gesetz befohlen, vor der Mahlzeit gewaschen habe. Jeschua sagt darauf:

Ihr haltet Becher und Schüsseln auswendig rein, aber inwendig seid ihr voll Raub und Bosheit.

Das mit dem sehr bedeutungsschweren ›Raub‹ an Gottes Majestät haben wir schon gestreift. Ich habe hier das Ihr betont, denn wie Jeschua oftmals tut, springt Er vom Allgemeinen, Äußerlichen noch im selben Satz auf das Abstrakte, Übertragene über. Zur Samariterin am Brunnen sagt Er (in Johannes 4): Nach diesem Wasser wird euch wieder dürsten, aber Ich gebe euch Wasser, wonach ihr nicht mehr dürstet. Das erste ist das Brunnenwasser da, einfaches H2O, auch wenn von Stammvater Jakob inauguriert, das zweite aber ist Geist, nämlich Seine Sündenvergebung, wonach uns nie mehr dürsten wird, eine herrliche Aussage über nicht nur Vergebung wieder und wieder, sondern eine Befreiung von Sünde ein- für allemal, wie denn Johannes in seiner Epistel bestätigt: › .  . dass Er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend.

Hier nun redet Er zunächst wohl oberflächlich von Bechern und Schüsseln, meint aber das menschliche Herz! Ist die Bergpredigt nur eine Verschärfung des Gesetzes ins Unmögliche? Oder ist das Ganze nur allegorisch gemeint? Beides nicht. Wer kann diese Gebote halten? Der, der sich Gott ganz gegeben hat, nämlich sein Inneres, sein Herz! ›Das, was innen ist.

Meine erste Auslassung oder Verbesserung der Übersetzung ist, es Gott zu geben. Die meisten Übersetzer schreiben hier, wie gesagt, gebt zum Almosen oder den Armen, das was in den Schüsseln ist. Da muss Er ein Wort gebraucht haben, was Gott hingeben oder den Armen als Almosen geben heißen kann. Das ist nicht verwunderlich, denn die alten Juden gaben beides, wie das Scherflein der armen Witwe etwa, in den Gotteskasten am Tempel. Daher also die Doppelbedeutung. Und die zweite: das, was in den Schüsseln ist. Aber über die sind wir schon lange hinaus! Euer Herz das innen ist, ist voll Raubes und Mordes.

Raub an Seiner Majestät, nämlich, wie Gott sein zu wollen, das erste von Jeschuas beiden Geboten und für alle Ewigkeit Gottes Haupt- und Grundbedingung. Und Mord, gegen den nächsten Menschen, ist das andere, wo schon ein Fluch der Anfang zum Mord wird und ein Begehren schon zum Ehebruch.

Das Herz also gebt Gott! Das Zentrum, den Hauptschalter! Ist der bereinigt, ist die Quelle zur Übeltat verstopft. Dann braucht ihr auf eure Handlungen nicht mehr so kleinlich zu achten, sie werden alle ausnahmslos gut (die nur guten Früchte am guten Baum) etwa Waschungen oder den Zehnten von allen kleinen Gewürzen, dürft auch mal auf einer Hochzeit (zu Kana) Wein trinken ohne euch schuldig zu fühlen. Denn dann habt ihr ›alles rein‹ (ausschließlich nur noch gute Früchte am veredelten Baum!) und lebt in der Freiheit Gottes und nicht mehr unter dem Gesetz und seid von Neuem geboren – und tut alles was das Gesetz verlangt aus Freude von innen heraus und ohne Anstrengung . Ja, ihr müsst es tun, ebenso wie vorher jeder Sünder seiner Natur nach sündigen musste. Wir sind nämlich allesamt Genusswesen! Wir tun ja nur, wozu uns unsere Lüste treiben. Das klingt für amerikanische Christen wie eine Gotteslästerung. Der Schlüssel liegt im Glauben, dass Gott uns so reingewaschen hat, dass wir nur noch wollen, was Er will, und keine Sünder mehr seien! Also ist es nicht verkehrt, der eigenen Freude zu leben. Darum sagt der Apostel Johannes in seinem ersten Brief – Mischa würde es wieder als Merkhilfenehmen: – Lukas 11, 41 und nun, was ich gegenüberstelle: Johannesbrief 1, Vers 4:

»Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Uns solches schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei.«

Habt ihr’s gehört? »Unsere«! Er schreibt zu dem Ziel der eigenen Freude! Und sein Herz, das, was »innen ist« in ihm, hat er Gott gegeben! Darum sagte ich, im Lukas 11, 41 ist das ganze Neue Testament zusammengefasst.

Hier nun, nächster Punkt, eine Ergänzung zu Mischas ›physikalischem‹ Rätsel. Die Lösung hat er uns ja verraten, aber ich meine, die Begründung kam für uns mathematisch weniger Begabte im Gespräch ein bisschen kurz.

Ich denke mehr in Bildern, also mag dass folgende für manche eine Denkhilfe sein. Der Stein im Boot verdrängt also durch den tiefer eintauchenden Bootskörper mehr Wasser als wenn er an den Grund gesunken ist und nur noch sein Volumen als Verdrängung zählt. Wieso?

Jemand hat sich ein superschweres Element erdacht, wo die leeren Zwischenräume zwischen Atomkern und den kreisenden Elektronen vermindert oder aufgehoben seien. Das soll übrigens auch mit dem Universum wirklich der Fall gewesen sein, behaupten die Physiker dieser Denkrichtung. In der ersten Billionstel oder was immer Unvorstellbarem von Sekunde nach dem ›Urknall‹ in Gottes Schöpfung, soll die Materie der negativen Elektronen, die keinen Partner von dem anderen Set der positiven Elektronen und negativen Protonen abgekriegt und sich dadurch in Energie aufgelöst hätten, eine solche Supermaterie dargestellt haben. Davon also wöge eine Kindermurmel soviel wie eine Lokomotive! Nun denkt euch eine solche Massenmurmel statt des Steines, wir übertreiben im Geiste nur einmal die Superdichte im Vergleich mit Wasser, gehen zur Erläuterung jeweils ins Extrem, ein auch sonst anwendbares Hilfsmittel. Da sinkt der Kahn, wenn sich nicht schon die Murmel sofort durch den Grund bohrt, also enorm tief ein. Wir denken uns den Bootsrand entsprechend hoch, dass der Kahn gerade noch schwimmt. Natürlich geht das, wir verladen doch auch Lokomotiven in entsprechend große Schiffe. Der Wasserstand im Teich ist also enorm hoch. Kommt nun meine superschwere Murmel stattdessen auf den Teichboden, so wird sofort verständlich, dass dort ihr Murmelvolumen als Wasserverdränger für nichts zählt und der befreite Kahn nun hoch aus dem Wasser ragt und auch kaum mehr was verdrängt. Also ist der Wasserspiegel am Ufer in diesem Fall am tiefsten, wenn das schwere Gewicht auf dem Teichboden ist.«

==========6==========

»Zum ›verdoppelten Menschen‹ möchte ich zunächst nur einen kleinen mehr spaßigen Zusatz machen. Erst einmal hat mich sehr beeindruckt, wie man ein kompliziertes abstraktes Problem wie das der Seele so schön und zwingend in so einem Gleichnis ausdrücken kann. Solch ein Gedankengang ist uns hier fremd, aber eben zwingend, denn so könnte es doch sein. Und ich verstehe, dass sich unser Mischa ganz nur in dieser Möglichkeit bewegt. Bitte, wenn es nicht so ist, und unsere Seele stattdessen wirklich etwa so ein griechisches Gespenst ist, die Nebelgestalt des Menschen, durch die man hindurchgehen kann, dann beweist das einmal! Ist nicht schon die Annahme der Nebelseele schon viel unwahrscheinlicher und dazu gar nicht genau definiert?

Hier allerdings ein Caveat: Ich meine vorauszusehen, dass unsere Wissenschaft schon in den nächsten Jahren mit Gen-Cloning anfangen wird zu experimentieren. Dagegen werden sich die Kirchen heftig wehren, wieder nur traditionell und oberflächlich. Dann werden sie notgedrungen solche Gedanken wie hier die von Mischa nicht nur nicht verstehen, sondern in Grund und Boden verdammen (müssen) und sich nur fester auf das mittelalterliche Bild der Seele des Menschen festbeißen, wie vor dem auf die feste Erde als Gottes Fußschemel! Nehmt es ihnen dann nicht übel und verbleibt in Liebe und Geduld!

Ich beziehe mich auf den Moment, wo der neu geschaffene Klon neben dem Original steht, oder etwa beide zugleich durch dieselbe Tür gehen wollen, zusammen, denn alles Substrat, aus dem unsere Handlungen sich rekrutieren, ist ja in beiden das absolut selbe! Nun wissen wir bis heute nicht, was eigentlich Erinnerung ist, und wie Eindrücke im Gehirn festgehalten werden. Physikalisch-chemisch aber muss es doch auf irgendeine Art sein, und hier ist wieder das ganze Problem. Bei starken Gehirnerschütterungen, also physikalisch, gibt es Amnesie, Erinnerungsverlust, also auch physikalisch-chemisch!

Also sind die beiden auf gleicher Ebene, sprechen sozusagen die gleiche Sprache. Denn jede andere Erklärung wird notgedrungen noch viel mangelhafter und unwahrscheinlicher. Sind nun die Moleküle und etwaige Ladungen – vor einer möglichen Gehirnerschütterung – an ihnen also physikalisch-chemisch die genau selben und ihre Anordnung zu einander, so müssen es auch die Erinnerungen sein, die man also physikalisch wegschütteln kann.

Wie denken unsere Beiden also über einander? Jeder muss annehmen, dass er der Originale sei, eben, weil das ›Substrat‹ so gleich ist. Jeder hat genau die gleiche Erinnerung an das bisherige Leben. Na klar war ich gestern da und da, hatte diese Eltern, jene Schule und solche Erlebnisse! Wo kommt dieser Nachäffer da her? So denkt jeder und meint es ehrlich!

Aber nicht ganz! Ich kann ehrlich von mir selber sagen, wenn mir so ein Klon meiner selbst begegnete, dass ich (und er notwendiger Weise) zu allerhöchst erfreut wäre! Da schleicht unser ›Geistgespenst‹ durchs Webbhaus und bin für alle praktischen Zwecke ich selber! Was habe ich nicht mein Leben lang nach einem echten Freund gesucht, einem Mann, bei Frauen spielt zuviel Erotisches mit hinein, und Männer können anders nachdenken. (anders, nicht notgedrungen besser) Ich hätte ein theologisches Problem! Ich komme zu ihm bei der Nacht, aber er steht schon gerade vor meiner Tür, denn er hat ja dasselbe Problem zu gleicher Zeit! Und nun die mikroskopischen Verschiedenheiten, die wir in der getrennten Zeit entwickeln: Er versteht das Problem ohne lange Erklärung und wegen seines eine Kleinigkeit anderen Blickwinkels kommen wir noch dieselbe Nacht, – in Minuten! – zur richtigen Antwort.

Aber nun wieder zurück zum ersten Bild:

Ich postuliere, wie ich die Menschen kennengelernt habe, dass einer den anderen vor Gericht verklagt, oder wieder beide zusammen zur gleichen Zeit. Dem Richter und allen Beteiligten wird es wissenschaftlich nicht schwer, sondern absolut unmöglich sein, zu beweisen und wieder herzustellen, was doch einmal wirklich da war: dass einer allein vorher da war, und zu entscheiden, welcher.

Nun also daraus abgeleitet, eine praktische Frage: Was wird wohl unser neuer Körper sein, den uns Gott verspricht, und dass er unverweslich sei? Durch Mischas Modell ermutigt, sage ich einmal so: Er wird anderes Material sein, aber genau dasselbe Substrat enthalten, eben wie die ganzen Erinnerungen unseres Doppelmenschen. Kann man nicht eine Information schon heute von einer Maschine auf die andere übertragen? Vom Computer auf einen Disk, in den Drucker oder ins Telephonmodem oder einen anderen Computer? Also, wir sterben und verwesen, jüdisch gedacht; le Chaim, das ganze und von den Hebräern zunächst immer nur irdisch gedachte Leben verfault mit seinen Molekülen und daher aller darin gespeicherten Information.

Jemandem fliegt sein Computer, in den er monatelang geschrieben hat, aus dem offenen Auto bei 140 – in ein heißes Feuer! Na, der hat hoffentlich vorher eine Kopie der darin enthaltenen Information gemacht! Dieser Computer und alles mit ihm und in ihm ist futsch und perdü!

Also ist das ebenso nichts mit: ›Und wo ist jetzt die liebe Großmami? Sie ist bei Dschiesass!‹ Falsch geraten! Sie ist im Grab und verfault dort. Nichts weiter!

Nichts weiter? Nur eine Kleinigkeit! Gott hat ihren Plan, nach dem sie ja erschaffen war (unser berühmter ›Plan‹ oder Gleichnis Gottes, siehe auch Psalm 139, 16), der nicht Gott selbst ist, das heißt, wie Gott äußerlich beschaffen sei, plus aller Info aus jedem Tag ihres Lebens, also die Hardware und die Software, alles was sie je erfahren und gelernt und erlebt hat, wir sagen hier: Substrat, schön aufgehoben, hat also so eine (Computer-) Kopie gemacht, das ist die ›Seele‹, allein und getrennt von einem Körper nicht lebens-, das heißt veränderungsfähig!

Ich sagte: nicht wie Gott ›beschaffen‹. Daraus allein wird schon klar, dass es sich nicht um was wir Spiegelbild, speculum, Gottes nannten, handelt. Denn Gott ist schon gar nicht beschaffen, weil Er nicht geschaffen ist!

Wenn nun die Großmami jetzt schon bei ›Dschiesass‹ ist und bewusst als Nur-Seele lebt, wo ist sie dann, wenn Er wiederkommt? Wozu dann gäbe Er uns überhaupt neue unverwesliche Leiber? Da tönt doch das Schofar, ich meine die Posaune, ›und die in den Gräbern sind‹, erstehen und gehen Ihm entgegen! Na, wo sind wir alle denn sonst, außer denen, die da noch leben? Hat Er da wohl die Großmami, die schon im Himmel war, schnell, ›zum Fest‹, wieder ins Grab gepackt? Damit die Schau nachher stimmt? Nein, sie war da, absolut tot und ist ganz verfault und zu Staub geworden in all den tausend Jahren oder wie lange es in ihrem Fall gedauert hat. Wir haben absolut kein ewiges Leben! Lasst euch das von niemand weismachen! Erstmal sind wir ja die Tausende von Jahren vor unserer Geburt, die doch zu ›ewig‹ dazugehören, nicht da, also tot, und dann beeilt sich die Bibel zu beweisen, dass Jeschua nach der Kreuzigung wirklich tot war, damit nämlich der Pharisäerlüge, er sei bis zur Auferstehung nur scheintot gewesen, vorgebeugt würde. War nun aber unser Meister wirklich tot und ist und dann auferstanden – wie könnten wir da, Seine Knechte, auch nur von unserem Erdensterben an, ewig leben? Nein, wir sind tot und werden durch das Wunder Gottes einmal wieder auferweckt werden.

Also von Oma ist da nichts übrig! Gott muss sie neu erschaffen. Also, obgleich die in sich selbst tote Seele in der Kopie genau vorhanden, gibt es Leben erst wieder wenn beide zusammen sind, Seele in einem Leib. Wie sollte Er das nicht können? Hat doch eine Erschaffung schon beim erstenmal an uns allen bewiesen und in dem Fall ganz offen, hier auf der Erde.«

»Entschuldige, Sam,« – sagt nun Mischa,

»die Bibel spricht doch von ›lebendigen Seelen‹, etwa in der Offenbarung, oder dass die Alten, etwa Mose und Elia, nicht tot seien, denn Gott sei ›ein Gott nicht der Toten sondern der Lebendigen.‹ Sie erscheinen vor Jesus, Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Berg der Verklärung, wo ihnen Petrus doch offenbar im Unverstand, wie wir immer annehmen, Hütten bauen will. Und auch die Seele Samuels, sündig von Saul beschworen, kommt wieder hervor?«

»Richtig. Aber wenn die Alten von Petrus auf dem Berg gesehen werden als menschliche Gestalten, sind sie keine abstrakten Seelen gewesen wie unser Griechengespenst! Und der Irrtum des Petrus ist wohl gerade, den, wie er denkt ›körperlosen Seelen‹ eine Hütte, das heißt, Hülle wiedergeben zu wollen. Die allgemeine Auferstehung am Jüngsten Tage heißt nicht, dass es sonst keine gebe. Auch Jeschua ist in einem Leib, offenbar hier noch dem alten mit den Wunden, Seinen Jüngern wiedererschienen, denn unser neuer ist doch unverletzlich. Oder nein, vielleicht ist der neue dem alten doch so ähnlich, dass er die Wunden noch hat, nur sie bluten nicht mehr wegen der Unverweslichkeit? Aber einen physischen Leib hatte Er doch wohl. Natürlich so, er aß doch zum Beispiel in diesen Leib hinein! Eine Seele allein braucht doch wohl keine materielle Nahrung. Beachtet auch in diesem Zusammenhang, dass Gott der Leiche Jeschuas nicht, wie den anderen beiden, die Beine brechen ließ. Vielleicht hat der alte Leib eben doch soviel Einfluss auf den neuen. Zu Maria sagt Er da: Rühre mich nicht – oder andere Übersetzung: – rühre mich nur an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. ›Noch nicht‹, also da gäbe es für menschliche Leiber die endgültige Auferstehung am letzten Tag!

Dies sind aber alles nur meine Mutmaßungen, kein biblischer Beweis! Sie sind aber als solche in so einem Wahrheitsfinderkreis wie diesem hier als Vorschläge und Denkeinladungen sehr wohl am Platze.

Und die sündige Wiederbeschwörung mag ein Befragen des Geistes gewesen sein, etwa als frage sich ein guter Kenner einer bestimmten Seele: Wie würde sich hier unser geliebter nun entschlafener Bruder verhalten, wie geantwortet haben – ohne dass ein Eindruck mit späterer Erinnerung, eine Veränderung, davon in dem Verstorbenen stattgehabt hätte. Er blättert sozusagen im Lebensbuch des Verstorbenen, soweit es ihm, dem nahen Freund, in seinem eigenen Gehirn noch gegenwärtig ist. Aber das ist wieder nur meine eigene, nichtmal fest geglaubte Spekulation. Vielleicht wurde Samuel auch so lange mit einem Leib beliehen, vielleicht auch gilt die Regel: Leben = Leib + Seele, das jüdische Chaim, als was wir ›Seele‹ nennen?

Im neunzigsten Psalm steht:

Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!

Ich habe immer geglaubt und so steht es auch in unseren englischen Bibeln, Gott sage zu den Menschen, ehe sie zu Staub verwesen, so etwas wie: Kommt wieder zu dem Staub, der ihr einmal wart! Aber es steht dieser Satz ja danach, nach dem Sterben. Er sagt vielmehr zu dem Staub, so wie Er zum gestorbenen Lazarus spricht, zur toten Materie ins wundersame Leben zurück, komm wieder, Staub, als Menschenkinder! Oder zum Chaos, es werde Licht! Auf jeden Fall aber wird hier ausgesagt, dass wir positiv sterben und nicht im absoluten Sinne ›ewig‹ leben werden.

Paulus sagt doch auch, wir werden sterben und in einem kurzen Augenblick, im Handumdrehen, vor Jeschua stehen! Na klar, wir können doch keine Zeit messen, wenn wir tot sind. Tod heißt: gar nichts mehr! Auch gar kein Zeitbewusstsein wie noch in Ohnmacht oder Narkose! Und gar keine in sich selbst lebendige und bewusste Seele irgendwo anders. Und nun, am letzten oder jüngsten Tag, kommt das Wunder, dass Gott die ›Info‹ von Großmamis ganzem langen Leben in ein neues Gefäß überträgt. Um bei Mischas Doppelmenschenmodell zu bleiben: Man nehme einen Körper von Fleisch mit allen zunächst leeren Gehirnzellen – und übertrage physikalisch-chemisch die Millionen von Einzelschaltungen, die ›Seele‹, das ist alle Erinnerung, auf dessen Gehirnzellen, so hat man eine ›lebendige Seele‹, also eine lebendig gemachte, die also bis ins Kleinste wieder der Mensch ist, von dem die Schaltungen und ganze Info genommen sind. Und wenn’s eine lebendige Seele gibt, also eine aus Geist und Fleisch, letzteres zur Ausführung der Gedanken – dann muss es der Logik nach auch eine tote Seele geben, das ist eine ohne Fleisch, die sich dann nicht mehr äußern kann, oder nur das Material, das mal lebendes Fleisch war, darstellt, auseinandergenommen wie Müll, das auch nichts mehr tun kann. Ist nicht ein Bibelbuch so gut wie das andere aus anderem Papier, anderer Größe und anderem Druck, aber gleicher Übersetzung, wenn es die absolut selbe Information enthält?

Das Ergebnis ist genau wieder Großmami mit allen ihren Gedanken und Erfahrungen, aber mit neuen Armen und Beinen, sozusagen, aber im Grunde nichts weiter, als wenn jemand in ein neues Auto steigt, mit dem er dann genauso gut oder schlecht weiterfährt. Sie freilich meint, ›eben noch‹ im Sterbezimmer Abschied von der Familie genommen zu haben. So ein neuer Leib ist nun unverweslich, ist uns gesagt. Er hat keine Sexualität mehr und nicht mehr die entsprechenden Organe. Und wegen der Unverweslichkeit gibt’s auch keine Krankheiten mehr. Aber wegen der übernommenen Info weiß der Mensch ganz genau noch darüber bescheid, wie er etwa damals verliebt oder todkrank war.

Wenn im Buch des Lebens eingetragen, kommt Großmama gleich in Gottes Wohnung, die Er uns bereitet hat, wenn aber eine Sünderin geblieben, kommt sie ins Gericht. Und da wird nun genau über jede aufgezeichnete Sünde aus der ›Info‹ Rechenschaft verlangt! Und sie und alle, die da richten, können sich gut erinnern wegen dieser nun allen Richtenden offenbaren Gotteskopie von Omas Leben.

Wehe, du kommst ins Gericht! Es gibt von da keinen Ausweg, ›bis du nicht den letzten Pfennig bezahlt hast‹! Und das kann keiner, der ja schon auf Erden, ›in Freiheit‹, nichts vor Gott verdienen konnte! Daher also die Bitte im Vaterunser ›Und führe uns nicht ins Gericht.‹ (Statt ›in Versuchung,‹ wie’s überall heißt. Aber auf englisch habt ihr ja keine Schwierigkeiten: Das Wort ›trial‹ heißt ja sowohl Versuchung als auch Gericht.) Und es gibt nur einen Weg zu Gott, den des Nichtverdienstes. ›Ich bin der Weg‹, sagt Jeschua, (Das heißt, nicht du und niemand sonst!) und das ist die Gnade, die der erfährt, der sich voll ergeben hat, schwach geworden ist, Gott alles übergeben hat, was er freilich nur tut, wenn dazu vorher ausgesucht und begabt. So versucht er’s erst gar nicht, hat von Gott gar kein Verlangen danach, was er slber freilich Freien Willen nennt.«

Hierauf entsteht ein andächtiges Gemurmel unter uns Zuhörern, sich all das schwer fassbar Gehörte klarzumachen. Zu einer formulierten artikulierten Frage reicht es noch nicht. Da fährt Sam fort und will zu seinem eigentlichen Thema kommen.