Neunzehntes Kapitel

Endlich: Sonyas »Fatalismus«

Da sich aber auch nach einiger Zeit niemand mit einer Frage meldet, sagt Sonya schließlich mit noch etwas kratziger Stimme:

»Das gehört jetzt nicht mehr zu diesem Thema, aber weil du selbst zunächst auf alten Stoff eingegangen bist, nehme ich den Mut, daran zu erinnern, dass meine Frage nach möglichem Fatalismus noch nicht beantwortet ist. Da meine vorige Weisheitsquelle nun offenbar versiegt und unzuverlässig geworden ist, – «

hier erhält Mischa einen gar nicht, wie erwartet: spaßhaften, sondern bitteren, beinahe boshaft zu nennenden Seitenblick –

». . .will ich dir nun diese Frage stellen. Wir sprachen über die nötige Erniedrigung des Menschen statt seines Pharisäismus, der sich mit ›freiem Willen‹ immer selbst erlösen möchte, statt auf Gott zu warten. Wie nun, wenn er ja also idealerweise nur die Schultern zuckt und nichts mehr tut, denn wenn Gott ihm helfen will, dann sei jegliche Eigeninitiative nicht nur unnötig, sondern eine Sünde, Unglaube, eine Blasphemie! Ich glaube, er würde auch nicht zugreifen, wenn Gott ihm einen gedeckten Tisch vor die Nase stellte. ›Wenn Gott mich ernähren will, sollen mir gefälligst die gebratenen Tauben in den Mund fliegen!‹

»Glaubst du das?«

»Nein. Aber ich will wissen, warum ich das nicht glaube!«

Auf entstehen wollendes Gelächter geht sie nicht ein, die allgemeine Stimmung ist ihr noch zu unernst, sie winkt etwas streng ab.

»Ich will noch dazufügen, dass es im Islam eine solche Glaubenseinstellung gibt. Ein Westerner – um mal wieder bei diesem Begriff zu bleiben – fuhr im Auto durch die Türkei. Nun gehen da viel Fußgänger und Viehtreiber die Straße entlang. Alle Fahrer haben sich angewöhnt, sich mit energischem Tuten Gehör und Platz zu verschaffen. Aber auf einmal sei da eine Gruppe gewesen, die darauf nicht achtete, sich nicht mal umblickte und die schnellen Autos nahe herankommen ließ. Das waren solche Fatalisten. ›Wenn Allah will, dass ich überfahren werden soll,  . . .‹

Und bei ›Lawrence von Arabien‹, jedenfalls behauptet das Hollywood, – oder wer immer dies Epos verzapft hat - geht ein Mann in der Wüste verloren. Ohne Wasser und Hilfsmittel ist der sicher bald gestorben. Alles zuckt nun die Schultern und sagt: ›Es steht im Buche.‹ oder: ›Es ist Allahs Wille!‹ Da nun kommt also der kernige ›Westerner‹ Lawrence mit seinem amerikanischen freien Willen und nicht nur Recht, sondern auch der moralischen Pflicht, als kleiner Gott stets handelnd ›zum Guten‹ ins Universum einzugreifen! Er geht zurück, sucht und findet den Mann, kommt wieder zu seinen Männern zurück und haut nicht nur dem verloren Gewesenen gönnerhaft auf die Schulter, sondern auch mächtig auf den Pudding: ›Was steht im Buche, hä? ’n Dreck steht im Buch!‹

Das ist natürlich nur Kintopp und beweist nichts, dazu amerikanischer ohne jeden philosophischen oder gar offenbarenden Wert für uns, wo alles nur immer den menschlichen Wunschweg geht, bis zum Happy End!«

Sam weiß auch zunächst nichts zu antworten, er durchdenkt mit wiederholtem »Hmm!« die möglichen Konsequenzen.

Da sagt nun Mischa, obgleich eben so abgefertigt, oder vielleicht dem zutrotz:

»Es ist ja nur eine Maßfrage. Jeder kennt das Gebet: Gib mir die Kraft zu tun, was ich tun soll, und die Weisheit zu entscheiden, wo ich mich zurückhalten soll – oder so ähnlich. Also, wenn es sogar schon derartig im Volk ist, dann ist Zurückstehen und also gar nichts Tun manchmal durchaus eine anerkannte Weisheit.«

»Richtig!« hakt Sam ein. »Hier ist erst einmal, was dafür sprechen könnte: Als Jeschua verurteilt und gekreuzigt wurde, hat Er sich nicht gewehrt aus genau diesem Grunde, es ist der Wille Gottes! Am Kreuz wird Er verhöhnt: Also, das soll Gottes Sohn sein – und kann sich nicht einmal selbst befreien! Jeder von uns weiß und Jeschua sagt es auch selbst, dass Er Engel zu Seiner Verteidigung aufbieten könnte, aber

›Nun ist Mein Reich nicht von dieser Welt!‹

Also eine absichtliche Untätigkeit und absolute Weltflucht, würden unsere Psychologen sagen, weil Er sich auf Gott verlässt. Vielleicht liegt der Unterschied nur in dem Glauben des Handelnden – oder Nichthandelnden in diesen Fällen! Ganz bemerkenswert ist Seine Äußerung, Er könne wohl den Vater um mehr als zwölf Legionen Engel jederzeit zu Seiner Befreiung bitten, ›aber wie soll dann die Schrift erfüllt werden?‹ Jeschua schiebt also das Gute, die Ehre, und das Schlechte, hier Seine Verteidigung, auf Gott! Ein merkwürdiger Fall von Freiem Willen! Wir wissen schon, dass Gottes Wille immer geschieht, meistens genau gegen den Wunsch und Willen des Menschen, etwa die gewaltige Katastrophe, die Hitler durchaus nicht wollte. Hier nun, aber auch ›Katastrophe‹, geht’s mal mit diesem Willen! Merkwürdig und einmalig. Der betroffene Mensch ist ganz im Bilde und weiß, dass die Katastrophe von Gott kommen muss. Ist nun das tatsächliche Geschehen abhängig von des Menschen Willen? Aber ja! Hier ja. Dieser menschliche Wille wird ein Teil von Gottes Werkzeug! Gottes Wille muss geschehen, dazu räumt Gott die ganze Szene so ein mit vielen Faktoren, die dazu führen. In diesem Fall ist einer dieser auslösenden Faktoren auch der Wille des einen Menschen, Der es anders drehen könnte; denn Er lügt ja nicht, wenn Er von den Legionen Engeln spricht.«

Sagt Bob: »Jeschua verteidigt sich deshalb nicht, weil dieser Tod, nämlich uns zu erlösen, nach Gottes Willen der Zweck Seiner Geburt war! Sein eigener Wille war nun auch dafür. Damit wird offenbar, dass Er auch nicht pharisäisch (abgequält) ›gut‹ handelte, sondern, krass gesagt, durchaus nach Seinen eigenen Wünschen!«

»Das ist kühn gesagt, aber ich verstehe dich!« räumt Sam wieder ein,

»Aber wir gehen von dem Eindruck aus, den es auf andere macht. Bei Lawrence steht offenbar ›im Buch‹, also hat Gott geplant, vielleicht um die Araber zu benasen, wer weiß – dass der kernige Lawrence ihn doch noch retten kommt, der also auch bloß ein geplantes Werkzeug Gottes ist. Seine Kameraden wussten bloß nicht, was Gottes Wille war, und sollten vielleicht auf die Teufelsfalle mit dem freien Menschen Lawrence als kleinem Gott hereinfallen. Das ist der Unterschied. Übrigens ist interessant, wie Jeschua bei seinem Prozess vor dem Hohenpriester ganz Mensch bleibt. Er bestellt keine Engel, wenn denn Sein Opfer schon sein muss, aber Er kürzt die Marterzeit wesentlich ab, wie erwähnt!

Ach ja, jetzt hab’ ich’s wieder, was ich anbringen wollte«, fährt Sam fort,

»Wir vergessen immer, besessen von unserem ›western‹ freien Willen, wie wir alle sind, dass erstmal doch Gott alle Umstände in der Hand hat. Wenn daran erinnert, glauben wir’s wieder, aber nehmen uns selber immer aus, weil wir eben frei seien, kleine selbständige Einheiten mit freier Entscheidung, über die, genau genommen, Gott nicht verfüge! Und das ist der ganze Fehler. Gott ›verhärtet Pharaos Herz‹, und wir meinen, Pharaos freier Wille sei davon ausgenommen, etwa wie ein Lotse die Führung übernimmt und den Kapitän eine Zeitlang außer Kraft setzt, der aber sonst frei sei, besonders wenn so ein Pharao mein Ich ist! Und ich mich also nur zusammenzunehmen brauche und ›gut‹ sei.

Also der Fußgängertürke auf der Straße hätte denken können: ›Wenn ich nicht ausweiche, bin ich gerecht oder ungerecht in Gottes Willen, der mir ja diesen Floh ins Ohr gesetzt hat oder hat setzen lassen, aber wenn ich ausweiche und mich rette, bin ich auch in Gottes Willen, der mir dann eben nicht den Floh gesetzt hat; denn nichts ist außerhalb davon. Und da Er mich mit einiger Voraussicht und Vernunft begabt hat, kann ich wirklich ausweichen und mich retten, denn was nun wirklich jedesmal im Buche steht, weiß ich vorher nicht, es ist aber immer, was wirklich dann nachher passiert. Und das ist, was mich angeht, hier einmal, durchaus von meinem Willen abhängig!‹

Aber der menschliche Wille ist nicht unabhängig, sondern wie bei dem Menschen Jeschua, ebenso ein Glied in der Kette von Ursachen und Wirkungen, und nicht von mir erschaffen, also nicht frei! Steht im Buch, dass ich ausweiche und am Leben bleibe, dann wird auch darinstehen, dass mir jetzt in meinem Willen diese beschriebenen Gedanken dazu kamen und ich also ausweichen will.

Also kürzt sich wie in einer Bruchrechnung, immer beides gegeneinander heraus: die Zukunft und deren Nichtwissen. Und nur der – meist unbekannte – Wille Gottes bleibt in jedem Falle fest.«

Mischa fügt noch einen Gedanken hinzu:

»Im vorigen Jahrhundert spielten die Adligen und Reichen gerne nächtelang Karten um Tausende, während der arme Droschkenkutscher draußen in Schnee und Kälte kaum 20 Kopeken pro Fahrt einnahm.

Da gab es nun einmal einen, der, obgleich reich, durchaus nicht mitspielen wollte, aber genauestens die Spiele der anderen verfolgte. ›Warum soll `ich das Notwendige drangeben, um das Überflüssige zu gewinnen?‹«

»›Piek Dame‹ von Alexander Puschkin!« wirft Sonya lässig dazwischen, »und der Nichtspieler heißt Hermann, natürlich ein Deutscher!«

Das ist eine Reminiszenz der Szene der beiden am ersten Abend in der Küche mit Dostojewski! Hoffentlich hilft es, Sonya an diese goldene Zeit zu erinnern und sie wieder mit ihrem Mischa auszusöhnen!

Aber nun haben sie wieder was zum Hänseln oder erstmal nur gutmütig Lachen: Den deutschen Hermann, mich, und den deutschen Russen für Mischa selber. Unserer gibt nun zu:

»Richtig, ein Deutschrusse! Lieblos und am Ende nur aufs Materielle versessen, hat keine Liebe außer fürs Geld und fällt am Ende der Novelle gerechterweise auch gewaltig ‘rein!

Natürlich versuchen die anderen nun alles, ihn doch zu verführen, dass er nicht immer nur neugierig das Spiel anderer verfolge, sondern selber was riskiere. Einmal schafften sie es doch, er spielt um eine bescheidene Summe und gewinnt, auch beim zweitenmal mit schon höherem Einsatz. Nun gibt er ebenso wie Lawrence schrecklich an mit seiner Weisheit und seinem Glück. Er spiele eben nur, wenn er dabei gewinne. ›Falsch!‹ denkt sein Nachbar, der ihn eben zum Spiel verführte, ›du gewannst, weil ich dich gewinnen ließ! Und das tat ich durchaus nicht uneigennützig, sondern dass du an deine falsche Unfehlbarkeit glauben lernst! Bis du mir dann mit der höchsten Summe auf den Leim gehst!‹

Und genau dasselbe geschah auch mit Hitler, einem anderen völlig liebelosen Deutschen, der nur Macht wollte, das ist biblisch Geld! Das sei uns nun ein Gedankenmodell wie Gott an uns denkt und handelt! Dein Gewinnen vor Ihm soll dich auch nur verführen, was du für ein moralischer Held bist, und während du denkst, dass du Herr über deinen Willen bist und die richtigen Entscheidungen aus dir selber machst, lacht Gott über dich, Den du vergessen hast, Der eine Etage höher sitzt und alles im Voraus kennt, auch dein Ego und deine Geldgier!«

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Sam fährt seinerseits in diesen Gedanken fort:

»Und wenn ich einen Mord plane und ausführen gehe, bin ich auch in Gottes Willen, Der ja durchaus nicht all und jeden immer retten will, sondern die große Mehrheit immer in die Hölle fallen lässt. Denkt an den Töpfer, der auch Gefäße zur Unehre macht. Und doch geht alles nach Seinem und in diesen Fällen auch des jeweils beteiligten bösen Menschen Willen. (Über dies Thema in den Sprüchen Salomos haben Mischa und ich uns kennengelernt.)

Beweis: die groteskeste Sünde im Universum, der Herr der Welt wird böswillig verurteilt und ermordet! Und diese Sünde war nun durchaus von Gott geplant, gewollt und bezweckt. Und vom Sanhedrin selber gewusst und geplant. Dazu wurde ja unser Herr und Erlöser geboren und als Mensch in die Welt gesandt, dass Er für uns den Hinrichtungstod stürbe, ebenso wie vorher die Opfertiere unschuldig für unsere Sünden starben. Auch das eigentliche Opfer, Jeschua, sagt ja vorher selber ganz genau, was geschehen wird. Dieser Mord war nun in Gottes Sicht durchaus nötig zu unserer Errettung! Unser ewiges Problem ist nun, das genau, und nur das, zu begreifen! Nur wehe den Menschen, durch deren Hand und Willen das geschah! Die bleiben schon Mörder und Sünder, eben wegen des bleibenden Substrats nach der Herauskürzung und wegen des Allgemeinsubstrates, ob es sich nämlich um gute oder arge Bäume handelt.«

Während ich, Öhrlein, dies niederschreibe, kann ich es nicht verhindern, dass meine Gedanken zu dem armen Jim vorauseilen!

Übrigens halte ich die nun folgenden Gedanken Sams für fast ideal! Das wird besonders jemand verstehen, der die allgemeine theologische Haltung darin hier kennt, besonders so beim Mord an Jeschua und der menschlich-mittelbaren Bibelaufzeichnung:

»Hier ein Nebengedanke,« fährt also Sam fort,

»der mir gerade kommt. Ihr kennt das Geschrei der Amerikaner – ich deutete es schon an – es könne absolut keine Evolution geben, weil Gott alles selbst erschaffen habe. Aber wie macht Er das? Es ist doch durchaus möglich, ja wahrscheinlich: mittelbar. Die Kinder Israels hungern in der Wüste nach Fleisch, da lässt Gott Tausende von Wachteln herabfallen. Nun – wie eben! – warum lässt Er sie nicht schon gebraten in die Fleischtöpfe fallen? Hundert Wirkungen durch ihre Ursachen wie überall auf unserer Welt. Die vermehrte Wachtelgeneration muss erst gezeugt, gebrütet, im Nest aufgezogen werden, da müssen ihre natürlichen Feinde und Verfolger hintan gehalten werden, Pfunde von Nahrungsmitteln müssen verfüttert werden. Gott kann das alles in retrospekt erschaffen, sollte die Erklärung unserem Denken besser passen, oder auch die vielen Vögel schon am Himmel fliegend einfach aus dem Nichts erschaffen. Denn sonst kommt der Tag des Abflugs für die Tausende – durch starken Wind in die öde Wüste getrieben. Warum, wozu? Wir sind noch nie dahin gezogen, würden sie sagen. Und warum sättigt Er schließlich der Israeliten Esslust nicht gar noch einfacher mit erhöhtem Glukose- und resorbiertem Eiweißspiegel in deren Blut? Ja, wir wissen schon, eine Hauptaufgabe Gottes ist immer Public Relations! Sie wollen’s sehen! Das geht von Ägyptens Plagen und den stehenden Wassermauern im Schilfmeer, über das Wasser bei Meriba, das Mose aus dem Felsen schlägt bis zu Korachs Revolution, wo Gott ihm doch erst gar nicht die zerstörerischen Gedanken hätte können aufkommen lassen. Aber eben, Show business! Die anderen Israeliten sollen shen, was hier Ursache und Wirkung sind. Die Bibel nennt es noch direkter, Gott will Seinen eigenen Ruhm erhöhen!

Wie bist du denn im Mutterleibe entstanden? Tausend Fermente und Reaktionen, die wir noch nicht kennen, alle strikt geplant und jederzeit unter dem Befehl Gottes! Beweis, es geht manchmal was schief dabei. Dann sehen wir den Effekt des Effektes des Effektes bei der Geburt, eine Missbildung, Verkrüppelung, Erbkrankheit – alle natürlich strikt in Gottes Plan, gar damit wir sehen, wie alles stets von Ihm abhängig bleibt, nicht, dass Er etwa gepfuscht habe oder gar Ihm etwas misslungen sei, oder alles, einmal eingestellt, alleine liefe – und können zurückschließen. Also durchaus erforschbare physikalische Reaktionen, und doch von Gott gemacht! Und warum sollte Er nicht auch mittelbar seine ganze Schöpfung gemacht haben? Ich sage, am Ende ist für uns nichts anderes denkbar. Denn stell dir Gott wie Michelangelo als alten Mann vor. Der erschafft also wie der Töpfer, indem Er mit den Händen den Menschen knetet. Womit? Ah, mit den Händen! Mittelbar! Und die ganze Töpfergeschichte ist mittelbar – naja, sie ist ein Bild für unsere beschränkte Auffassungsgabe, aber ein genaues Bild Gottes, der also vor der Mittelbarkeit nicht zurückscheut.

Aber hier nun ein Beweis.

Jeschua sagt, Er selbst lege Sein Leben nieder, und niemand nehme es Ihm aus der Hand, Er wird aber doch ermordet! Aber wer ermordet Ihn? Wer tut unwissend genau Seinen Zweck, wenn auch mit ganz anderer Absicht? Also legt Jeschua, wie Er selber sagt, aus Gottes Rat Sein Leben nieder und tut das mittelbar durch die Hände der Mörder, die zwar ganz anderer Auffassung, aber immer Sein Werkzeug sind!

Da sehen wir mal was für willenlose Marionetten Gottes wir alle sind!

Also erschafft Gott alle Kreatur und tut das mittelbar durch das Instrument der Evolution. Unnötig zu sagen, dass auch die Ihm immer voll untertan bleibt und nicht etwa – mit freiem eigenen Willen! – rebellisch wird und wie Prometheus Supermenschen gegen Gott züchten könnte! Auch der Teufel war nie in diesem Sinn rebellisch, sondern für immer Gottes gehorsamer Diener, siehe dazu das Zwiegespräch Gott/Teufel im Buch Hiob.

Gott hatte versprochen, Abraham Nachkommen zu verschaffen wie Sand am Meer, und nichts passiert. Was tut Sarah in sündiger Weise, und was sie später sehr bereut? Verschafft dem eigenen Ehemann Kinder durch seine Magd Hagar. Gott wollte Abrahams Kinder, das ist klar. Aber Er spannt unter anderem Sarah dazu ein und kommt durch ihren gelenkten sündigen Willen zu Seinem Zweck, auch über durchaus sündige Umwege. Rebekka betrügt ebenso ihren Ehemann und verschafft Jakob den Vatersegen gegen Esau. Auch menschlicher Betrug, wie alles andere Mittel in der Welt, erreicht Gottes Zweck, wenn Er es so will. Die zehn Brüder verkaufen Josef als Sklaven, ›um ihn nicht gleich zu ermorden‹!

Nun wisst ihr ja alle selber, erstens, welch ein »Sakrament«, eine Ikone, die amerikanischen Gläubigen aus der Zeit der Schöpfung Gottes machen, die wir Bösewichte ihnen so verfälschen wollen! Gott habe alles in absoluten 144 Erdstunden so erschaffen, wie es bis heute ist! Basta! Wir Menschen können demnach niemals auch nur einen Hund züchten, wie wir ihn haben wollten, geschweige denn selbst überleben! Denn das beruht schon auf unserer jahrtausendelangen Auslese an Nutzpflanzen und Nahrungstieren, wodurch wir ja in ihnen langsam aber stetig genetische Veränderungen nach unseren Wünschen erzwangen.

Zweiter Irrtum, natürlich, erschafft Gott das Licht. Als Er das sagt, war Tag Eins. Aber das konnte man noch nicht messen, denn erst am 4. Tag heißt es: Licht soll Tag und Nacht erkenntlich werden lassen, dazu Tageszeiten, Jahre und Tage. Dann erst machte Gott dafür die zwei Lichter, Sonne für den Tag und Mond für die Nacht. Soll Er nun die Himmel und unseren Planeten, dazu das Licht in nur 24 Stunden erschaffen haben, wenn Er dann für die Feinheiten der kleinen Erde allein fünfmal so lange braucht, nämlich 120 Stunden, Montag bis Freitag Abend? Aber das konnte ja keiner wissen, wieviel Zeit vergangen war, was Gott da mit ›Tag‹ oder Zeiteinheit beschreibt. Im Buch Daniel ist für die Zukunft auch von solchen Zeiteinheiten die Rede, wie lange, weiß noch keiner, Gott wird es beizeiten offenbaren. Dann, was sind Einheiten? Wer sagt, dass sie unter einander geich lang seien? Ist vielleicht dieser Gedanke zu kühn, Gott habe am, was später Tag 4 heißen wird, überhaupt die Zeit erschaffen?

Der amerikanische Denkfehler liegt nur wieder in ihrem ›freien‹ Willen, der Viel- und gar Selbstgötterei ist, eine Verletzung Gottes ersten und vornehmsten Gebotes und die unvergebbare Sünde! Legten sie diese Irridee ab, hätten sie ein Heer von Glaubensschwierigkeiten aus der Welt geschafft! Aber in ihrer Auffassung muss doch unsere Auslese aller Nahrung schon für einen freien menschlichen Willen sprechen und müsste es ebenso für alle genetischen Experimente der Zukunft, die dann in Widerspruch zur Ikone der 144 Stunden geraten!

Nun aber erlaubt mir eine kleine anekdotenhafte Unterbrechung – hm! Wie bei Mischa eine Frage, ein Rätsel!

Der eine nimmt die Bibel genau wörtlich und fällt dadurch in schwere Sünde.

Der andere, der sie nicht wörtlich nimmt, umgeht dadurch diese Sünde – ?

Das sei unmöglich? Na, hier eine Hilfsstellung: »… umgeht die unvergebbare Sünde!« Na, das kann nur die eine sein, die wir hier behandeln. Schön, ich bin nicht Mischa, der’s immer nicht gleich verrät. Es geht darum, wie die Bibel sagt, Jeschua habe durch Seinen Tod am Ostermorgen die alte Schlange endlich besiegt. Demnach habe ein so langer Kampf bestanden, wonach der Teufel ein ernstzunehmender Gegner Gottes gewesen sein muss. Wer das glaubt und so versteht – nicht allegorisch! – macht den Teufel ungebunden, zu einem anderen Machthaber! Wir aber wissen, auch aus dem Buch Hiob, dass er als einmal erschaffener Engel Gott immer untertan ist und nicht einmal freien Willen hat.

Aber zurück zu unserem amerikanischen Freien Willen!

Sie können sich wegen ihres Denkdefektes, hier der diktatorischen Macht wohl nur des Kirchenfürsten, der dann unseren Kalender befiehlt, nicht vorstellen, dass unser Universum für alles und alle ein geschlossenes System und unser Denken daher absolut begrenzt ist, und nur für Gott, den einzigen ursprünglichen Geist, Der nicht erschaffen ist, allein offen und frei! Ihr seht, ein kleiner Denkdefekt hat die profundesten Auswirkungen in vielen Gebieten. Übrigens ist die Zeiteinteilung durch Päpste so gekommen, Mischa in seinem Vortrag ist kurz auf die Kalenderprobleme in der Reformationszeit, besonders Englands, eingegangen.

Aber vielleicht verstehen’s all die Legalisten, wenn ich so argumentiere:

Die Bibel ist von Gott geschrieben! Das heißt von Menschen unter der Inspiration des heiligen Geistes. Kein Problem, das behaupten sie ja selber, Wort für Wort so. Aber nicht, dass das ja schon sehr mittelbar war! Warum lässt Gott da nicht einfach ein paar fertig gedruckte Bücher herabregnen, wie das vom Koran oder dem Buch Mormon geglaubt wird? Meint ihr denn, das könne Er nicht? Ja, natürlich erschafft Er alles, wie – aber besonders auch, wann – Er will. Und diese Erschaffung hat vielleicht den Sinn, uns ja nicht zu viele Wunder aus dem Nichts vorzuführen, sonst stumpfen sie uns ab zu Nicht-Wundern. Unsere Vorfahren erwählten zum Saatgut, was ihnen nützliche Eigenschaften hatte. Das war auch Gottes mittelbare genetische Veränderung. Und Gottes Werk war Arbeit, nicht nur ein Instant-Spruch wie »Es werde Licht« Wieso kann ich das sagen? Darum: Schabbes folgt, der siebente, der Ruhetag! Ruhe nach der Arbeit!

Hier nun läge es doch viel näher für unsere Pharisäer, dass ein Mensch – mit seinem Willen! – ein bisschen, erst nur ein kleines Bisschen, hinzuspinnen könnte. Dann ist es aber nicht mehr Gottes genaues Wort! Denn durchschauen kann er es selber doch gar nicht, was er da schreibt. Jesaja konnte doch nicht wissen, was er da eigentlich selber genau über den kommen sollenden Messias sagt, selbst wenn er nur wiedererzählt! Sonst wäre er ja zum mindesten teilweise der erschaffende Geist, nicht mehr der nur ausführende Diener. Denn was ein Mensch normalerweise aus eigenem Antrieb schreibt, ist immer etwas weniger als in seinem Geist ist, er kann es nie hundert Prozent ausdrücken. Hier aber wird alles umgedreht, hier spricht nicht sein eigener, sondern Gottes Geist. Was dort steht, ist ganz was Neues und weit höher und mehr, als was der Schreiber wusste, aber mittelbar von Gott aufs Papier gebracht. Das alles (bei dem verflixten menschlichen Freien Willen allenthalben!) wäre doch mit geregneten Mormonenbüchern viel einfacher gegangen!

Dennoch besteht offenbar Freiheit genug, dass es der Schreiber auf seine Weise sagt, sonst könnten die Forscher nicht von einem bestimmten Stil des Schreibers sprechen. Ich glaube an die volle bis ins kleinste gehende Wahrheit unserer Bibel, nicht notwendig an eine Eingabe Wort für Wort. Paulus wurde dazu erzogen und ausgewählt, dass er den bis heute so schwierigen aber zentralen Gedanken der Rechtfertigung allein aus dem Glauben einmal klar niederschriebe und erkläre. Das hat er getan.

Wozu lässt Gott ihn da ausbilden, wenn auch ein Idiot genau nach SeinerAnweisung, Buchstaben aneinander reihen könnte?

Warum? Weil Er eben mittelbar handelt! Er wollte nur den wissenschaftlichen schwierigen theologischen Text menschlich von ihm haben! Aber dann kommt, freilich in unwesentlichem Zusammenhang, doch auch paulinische Mangelhaftigkeit dazu. Im Korintherbrief betont er erst, dass er wohl als Lehrer und Verbreiter des Evangeliums Anspruch auf finanzielle oder materielle Unterstützung habe, er gebe sie aber auf und lebe lieber als Zeltmacher von seiner eigenen Arbeit. Edel gedacht. Nur gegen Ende desselben Briefes kündigt er an, er werde sie persönlich besuchen kommen, und nun sollten sie jetzt schon anfangen, Unterstützung für ihn beiseite zu legen!

Während ich das in den Computer tippe, guckt Gott mir über die Schulter! (Wenn ich’s nur wirklich so wüsste!) Also vielleicht sagt Er aber doch etwa: Na schön, ein bisschen ist ja noch von meinem Auftrag in deinem Geschreibsel drin. Aber dann kommt soviel anderes Zeug aus deiner Gedankenfreiheit da hinein, Ne, Herm, das eignet sich zur Veröffentlichung für die Vielen denn doch nicht – jedenfalls jetzt noch nicht!

Versteht ihr die Mittelbarkeit?

Israel zieht durch die Wüste, (Deuteronomie). König Sihon von Heschbon will sie nicht durch sein Land ziehen lassen, auch wenn sie alle Unkosten bezahlten. Denn Gott hatte ihn „starrsinnig und uneinsichtig" gemacht. „Nun handelt auch ihr!" sagt Gott als Kriegseröffnung zu Israel. Er lässt oft die Menschen Seinen Willen und Vorbereitungen tun. (Ausnahme Wachteln!)

Samson verliebt sich in Delila! Die Eltern sagen: Muss es denn immer eine aus dem Feindesvolk sein? „Seine Eltern konnten nicht wissen, dass Gott einen Anlass gegen die unterdrückenden Philister suchte!" sagt die Schrift dazu in Richter 14,4.

Gott verbessert unsere Ernte durch genetische Veränderung des Saatgutes, sagten wir, und das sehr viel später als an den 144 Baptisten-Schöpfungsstunden! (6x24) Klar, Er liebt uns ja und will Seinen Menschen mit guter Ernte helfen, um die sie ja vor jeder Ernte Tausende von Jahren auch beten. Es gibt nur ein Hindernis von Gott, wie ja alles von Gott ist. Er hatte Adam vorausgesagt, er werde nur mit saurem Schweiß ernten können. Resultat? Beide Einflüsse darin und noch erkennbar, genau wie von Gott geplant und uns schon früh mitgeteilt, Sein unabhängiger und des Menschen, als eines Werkzeuges, gebundener Wille!

Im Römerbrief, Kapitel sieben, gibt Paulus Hinweise auf ganz weltliche Angelegenheiten, etwa dass Männer nicht mit Hut beten dürften, Frauen aber nur mit einer Kopfbedeckung. ›Sagt euch das nicht auch eure eigene Sittlichkeit?‹ fragt er dann. Antwort: nein, durchaus nicht! Wir sind nun Kinder eines ganz anderen Zeitalters, und keine Mehrheit von uns würde wahrscheinlich in einem Blindtest wie Paulus entscheiden! Und er, weil doch ganz von Gott gelenkt, hätte das voraussehen müssen. Ich, zum Beispiel, wenn ich den Paulus gar nicht kennte, würde entscheiden, ein Mann solle nur mit Kopfbedeckung beten, nämlich um sein Gott so widerwärtiges Ego darunter in Demut symbolisch zu verstecken! Hut ab war allerdings bisher unter Männern eine Geste der Demut.

Also mein Wille und Tat als Sünder bleiben böse, auch wenn ich wie Pharao oder der Sanhedrin, ganz in Gottes Willen bin. Also haben wir Willen – zur Sünde oder zum Guten, das ist, was wir in diesem Kreis ›Substrat‹ nennen. Jeder ist nicht frei, sondern handelt nach seinem Substrat, der ›gute Baum‹ zu guter Frucht, der böse zu böser Frucht. Bekehrung heißt Änderung des Substrats und kommt, wie alles, von Gott, nicht von uns, ist aber der Schlüssel zu unserem Willen, denn wir müssen daraufhin ja nur immer nach diesem Hauptschalter handeln. Also sind die Dinge wohl abhängig von unserem Willen, der aber von Gottes Programmierung!«

Das klingt nun alles noch neu und verwirrend. Entsprechend unentschieden ist die Reaktion des Auditoriums. Also fährt Sam fort:

»Eine junge Frau diskutierte einmal mit einem Bibellehrer über ihren, wie sie meinte, freien Willen. Sie könne doch schon in diesem Moment machen, was sie wolle?

Gut, sagt er, geh da unten auf die Straße, halte ein Auto an und umarme und küsse den verdutzten Fahrer wortlos ab!

Na, sagt sie, wie käme ich denn dazu, so etwas Blödsinniges zu tun?

Aha, eben! triumphiert der Lehrer, das ist es! Was jetzt so frei aussieht, muss auch Ursachen haben. ›. . .wie käme ich denn sonst dazu?‹ Gott beherrscht deine Emotionen und die dich. Und am Ende musst du genau tun, was Er haben wollte. Und wenn du das jetzt tust, um mir zu beweisen, dass du doch diese Freiheit hast, sage ich, nein, denn sie war dir ja durch meinen Vorschlag eingegeben. Von allein kommt dir das Ganze durchaus eben zu ›blödsinnig‹ vor, ja, erst gar nicht in den Sinn. Und was immer du tust, zum Beispiel dir daraufhin nun schweigend was anderes ausdenken, um mich zu verblüffen und doch deine Freiheit zu beweisen, so war das eben das Substrat, noch hervorgerufen durch das absichtliche Gegenteil, von was gerade vorher geschah. Ich brauche es doch nicht immer zu wissen. Aber ohne mich und diesen Gesprächszusammenhang wärest du gar nicht darauf gekommen. Darum sagt unsere Sprache ja auch: Darauf kommen. Gott weiß alles und kennt des Menschen Herz und hat immer das ›Substrat‹ des einen Menschen, kaum und teilweise vielleicht hat es mal ein anderer Mensch. So stand Er auch zu Hiobs Seelenstellung. Und wenn ein Richter hier nachher gezwungen wäre, mich zu fragen: Sie standen doch dabei, was ging denn da nun vor? Warum hat sie dieses Blödsinnige mit einemal aus heiterem Himmel getan? – so wäre die Wiedergabe unseres Gespräches und je blödsinniger ihre Tat ausfiele, der jeweils desto befriedigendere Grund. Und der Richter hat völlig Recht, danach zu fragen. denn er weiß, aus nichts komme nichts, und etwas Geschehenes muss immer aus etwas gekommen sein. Es ist schwer, mit Schizophrenen ein psychologisches Heilgespräch zu führen, eben weil diese Folgerichtigkeit bei ihnen krankhaft einen Knacks hat.

Nun fragt sie, dann ist doch niemand schuldig? Wie kann ihn dann Gott im jüngsten Gericht verurteilen? Was ist dann Schuld?

Er: Da können wir wohl nicht voll eindringen! Nimm es als eine gottgesetzte Barriere. Er erschafft einen Sünder, der sich nie zum Besseren bekehren kann – und hält ihn doch verantwortlich. Das ist alle ›Anatomie der Schuld,‹ die wir kennen können. Wenn wir einmal vor Ihm stehen und aller für uns möglichen Weisheit teilhaftig werden, fassen wir uns an den Kopf: Wie konnte ich mich da nicht bekehren! Glaube wird eine logische Folge der Weisheit, das Buch der Weisheit sagt: Glaube ist der Anfang der Weisheit, also das eine nötige Konsequenz des anderen. Nebukadnezar strafte die Israeliten schwer. Das hatte Gott wegen Israels Abgötterei absichtlich so gefügt, also dadurch Nebukadnezar gezwungen! Und doch hält Er ihn dafür verantwortlich, straft ebenso folgerichtig und vorher angekündigt Babylon dafür. Das ist ganz gerecht – für Babylons Denkweise.

Alle Handlungen sind abhängig vom ›Substrat‹ des Handelnden. Und das ist – für uns – nicht ein für allemal fest und unveränderlich gegeben. Wenn du dich bekehrst oder ›es sich in dir bekehrt‹, sagst du : ach so! Es fällt dir wie Schuppen von den Augen, und wegen der neuen Erkenntnis, der Veränderung des Substrats, willst und tust du nun was ganz anderes als du davor noch wolltest. (wie Paulus nach dem Damaskuserlebnis.) Wenn du also gut sein willst nach aller dieser Erkenntnis, dann lass die Finger von deinem eigenen Gutsein, denn daraus wird nichts. Sondern wende dich an Gott. Der wird dich nicht abweisen, sondern endlich dich und dein böses Substrat zum Guten wenden.«

»Nun weiß ich immer noch nicht, ob ich in einer vordiktierten Mühle im Kreise gehe oder frei bin, da herauszubrechen!«

Und da noch keiner antwortet, fährt Sonya fort:

»Und wenn ich hervorbreche, hat es Gott ja auch schon wieder vorher gewusst und gewollt, aber ich nicht!«

»Sei auf Knien dankbar, wenn du dich in so einer vordiktierten Mühle findest! Denn dann führt dich Gott ja auch weiter.

Oder willst du gezwungen sein, das Böse zu tun – wie einer der Rebellen, der sich noch groß und frei fühlte, als er auf den Sack einschlug, in dem der Zar geknebelt lag?

Glaub mir,

›Wen der Sohn frei macht, der ist richtig frei‹!«

entgegnet Sam und fährt fort:

»Wenn du diese Fragen wirklich alle ernst nimmst, ist der Anfang gemacht. Es wird dir keine Ruhe geben, bis du nicht weißt, wo du stehst, auch in Gottes Vorherbestimmung! Und das kann nur in Seligkeitsgewissheit sein. Oder, daran müssen wir auch immer denken, so ein Mensch macht sich vielleicht nur vor anderen niedlich, vielleicht auch, ohne sich das selbst einzugestehen, protzt sozusagen mit seiner Armut.

Denn wenn du sagst: Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt, und ich bin es nicht! – dann verachtest du oder weißt es nicht, dass Gott keinen, der zu Ihm kommt, abweist, ganz gleich wie sündenschwarz. Wenn du das weißt und dich voll überzeugt hast, bist du schon errettet! Die Möglichkeit allerdings bleibt, dass du die Existenz Gottes überhaupt als einen Mumpitz abweist! Aber ich sagte: Wenn du dich voll überzeugt hast. Aber was kann ein jeder von sonst uns nur wollen? Ewige Verdammnis? Doch wohl nicht. Endlich die Wahrheit? Schön, das ist ein lobenswertes Ziel. Also, wenn du schon so viel Freiheit zu schauen hast, kannst du nur noch zu Ihm wollen. Na klar hat Gott auch dieses Ergebnis vorher gewusst, aber das stört dich doch nicht, ganz im Gegenteil. Ein für allemal weißt du ja nun, dass Gott unendlich höher ist als du. Also bleibt: Wir haben auf unserer Ebene genug Freiheit, wenn auch Gott alles nicht nur vorher weiß, sondern auch so bestimmt hat.

Später, wohl gar an einem anderen Tag, fasst aber Sam das konfus Erscheinende doch noch mit etwas Neuem zusammen. Da habe ich, Öhrlein, nachdenken müssen, dass mir der gerade bisher beschriebene Abend eben so konfus erscheinen will gegen diese so ganz unerwartete Sentenz von Sam, über die ich, hätte sie etwa Dale Noomey geäußert, einfach hinweggegangen wäre, nicht aus Verachtung seiner Person, sondern weil man seine Meinung ja schon zu kennen meint und innerlich zurückgewiesen hat – also am Ende eben doch aus Verachtung seiner Person? Gott helfe mir zu einer richtigen Einstellung gegen meinen Nächsten, besonders, wenn wir nicht ein Herz und eine Seele sind! Ich erinnere mich also, dass Sam etwa an dieser Stelle beim Austausch über Sonyas Fatalismus sagte:

»Wisst ihr eine Brücke mit Verstand, die den freien Willen ebenso vermeidet wie den Fatalismus?

Lasst uns willentlich Gottes Willen tun!

Und auf das vorhersehbare Argument, das mir auch gleich kam, dass das ja dann wieder eigene Güte wird, zitiere ich Jeschua selber, der die Legionen Engel zurückweist, denn wie sollte, wenn die Engel kämpfen kämen, »des Vaters Wille geschehen?« Des Vaters göttlicher Wille, nicht Sein eigener menschlicher, der zur Zeit große Verlassenheit und Angst durchleidet. Ist das wohl menschliche Güte? Nanu, sagen wir, die wir’s uns ja klar gemacht haben, Gottes Wille geschieht doch immer, egal was wir wollen und wünschen. Das stimmt, aber von jetzt an lädt uns Gott ein, mitzutanzen und aus unserer Zuschauerecke herauszukommen. Und gerade dazu lädt uns dieser Gedanke Gottes nun ein!

Ein großer Schritt der christlichen Mannbarwerdung, weil wir lange über das Stadium des möglichen Rebellierens hinaus sind. Wir tun ja Seinen Willen, sind ja verlässlich Sklaven der Gerechtigkeit geworden und können gar nicht anders! Denn was bleibt uns auch übrig? Der Mensch, der Gottes Verpflegung ablehnt, bis ihm die Tauben selber in den Mund fliegen? Nein! Denn der versucht ja Gott, zwingt Ihn nämlich, jetzt ein Wunder zu tun, um Sich zu beweisen! Wie Satan in der Wüste Jeschua auffordert, vom Turm zu springen und sich nicht zu verletzen. Das ist wieder Raub an Gottes Majestät. Und außerdem eine von Jeschua in der Wüste gerade verurteilte Sünde! Ich sage, das können wir nun gar nicht mehr. Uns bleibt nur, Gott noch mehr und in allem zu vertrauen, aber uns selbst dabei nicht mehr zu verachten. Gott hat uns geehrt, wenn wir wirklich da sind, dass wir in Seinem Drama selber mitspielen.

Wegen der angenommenen »sterbenden Nonne« denke ich, wenn ich endlich äußerlich zur Ruhe komme – es könnte ja sein, dass wir mit einmal vor Gott in großer, vom Munde abgesparter Feigheit, aber unausgenutzt zum Guten, dastehen werden, weil wir uns nicht trauten, mit anzupacken, und Er könnte sagen: Was steht ihr schon wieder so nutzlos lange herum wie auf Erden! Einen großen Plan, eine Aufgabe hatte Ich für euch, und jede Minute war anzuwenden! Ihr fliegt ja nicht ins Feuer, versprochen ist bei Mir gehalten, aber durch den Geist hatte Ich euch so viel gezeigt – und nichts geschah bei euch! Eure USA und Deutschland sind immernoch so falsch und ungeistig wie damals!

Über das »Tanzen« geht mir durch den Sinn, was wir vielleicht für wieder herumstehende Mauerblümchen gewesen seien! Tanzen, das heißt Freude, Liebe, großes fröhliches Fest statt selbsteigener Pein und abgehungerter Feigheit, sondern nun eben – mitmachen! Gott, Der sich unsern Bräutigam nennt, fordert uns, Seine Gemeinde, Seine Braut, auf zur Tat, zur Freude, zum Tanz, zur Hochzeit von Kana! Hat nicht Mischa sogar vom »Vollsaufen« auf der Hochzeitsfeier gesprochen?

 

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Wie ist es an dem besprochenen Abend ausgegangen? Ich glaube, sie sprachen wieder über Politik und Demokratie. Wie man einen Staat vor Gott führen soll brachte sie dann wohl auf Papst und Mormonen. Richtig. Da sagt Sam gerade:

»Mischa, du beschreibst da deine Vision vom neuen Staat, der aus unserer allgegenwärtigen Gefangenschaftszwickmühle herausgebrochen ist und die Demokratie abgeschafft hat, etwa ein Deutschland, das endlich, nach fast hundert Jahren, wieder frei geworden ist und über sich selbst bestimmen darf. Als Regierungsform schwebt dir da und wohl uns allen, eine Art Kurie wie im Vatikan vor, wo durch lebenslange Erziehung und Auswahl auf Gesinnung der Leiter wieder Wert gelegt wird, was wir alle ja so lange versäumt haben. Das ging mir lange durch den Kopf. Wie sollte man auch anders die so lebenswichtige Gesinnung wieder unter die Staatsleiter bringen, oder die Falschen davon ausschließen? Wir sind wohl in manchem klug und pfiffig geworden, aber in anderem so unendlich dumm, zurückgeblieben und naiv! Bach schreibt voller Freuden seine Partiten und Sonaten für Solocello, als er einen fähigen Cellospieler findet. Was könnten wir uns heute freuen, wenn wir einen fähigen und gottesfürchtigen Staatsmann fänden! Wir haben aber Hoffnung in der Musik; denn heute gibt es mehr fähige Instrumentalisten auch nur seiner Musik, als Bach je gesehen hatte.

Aber mit der Auslese und Ausbildung zum »ersten Diener« müssten wir, wie bei unseren Welt-Spitzenmusikern ja schon lange praktiziert, erst einmal wirklich anfangen!

Aber man kann auch damit das Dilemma nicht bannen! Denn es geht um Geist, nicht erlernbare Geschicklichkeit! Selbst wenn wir Gott ehrlich miteinbeziehen, wir können’s nicht bleibend herabzwingen! Denk an meinen erhobenen Kneipentisch, auf dem wir Gottes Geist eingefangen glauben! Es geht nicht! Weil Gott so unfassbar frei ist, wir aber immer unter Ihm gefangen. Wir können Gott nicht zwingen.

Denkt doch, wir alle, die ganze Christenheit, waren Katholiken. Wir alle gingen in die Irre. Aber auch andersherum, nicht alles war falsch oder schlecht. Sie glaubten damals, die Kirche wie einen Staat lenken zu sollen, und schufen sich dazu eine alles bis dahin überragende Einrichtung, eben einen Leiter, der als ›Papst‹ eine besondere Stellung gleich unter Gott, Berufung und Einsetzung hatte, vermieden auch die gefährliche Erbmonarchie durch den angeordneten Zölibat. Sie hatten den menschlich denkbar besten Hintergrund geschaffen. Dieser Mensch war Christi Vertreter hier auf Erden und so eng an den von Gott eingesetzten Petrus gebunden wie möglich.

›Was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel gebunden sein.‹

Und das glaubten die Leute auch. Er hatte deswegen also die höchstmögliche Autorität, ohne die doch nichts geht. Die Kurie umfasst Männer des Glaubens. Wie konnte das schiefgehen? Eine Regierung, die dauernd in gegnerische Parteien aufgespalten bleibt, hat den Vorteil, dass nicht alle unbedingt und gleichmäßig und auf einmal in die Irre gehen, aber genau das tut der einige, der Ein-Parteien-Staat, tut es immer und verlässlich so, etwa der Oberste Sowjet. Das Dilemma, auch der Demokratie, ist, dass ja auch sie um der Ordnung des Regierens willen, zeitweilig zu einer Einparteienregierung kommen, oder sich in ewigem Chaos zerfleischen muss!

Man könnte verzweifeln und sagen: Das Ende kommt, wie Gott vorhergesagt, wir können’s gar niemals aufhalten – und fatalistisch werden!«

»Siehste!« sagt Sonya,

»Genau damit quäl’ ich mich herum! Im Guten könnte ich sagen: ›heißa, Gott hat alles in der Hand, ich brauche gar nichts zu machen, zu sorgen, nichtmal zu beten!‹ Und im Bösen, im Verzweifelten, wie du jetzt, scheint mir alles hoffnungslos und grau. Die Welt geht unter, wie Gott voraussagt, unsere Regierung und ganze Ordnung sind schon verdammt, werden nie mehr ein christlicher Staat. Da kann man gar nichts machen!‹ Ich gestehe euch hier, dass ich bei politischen Wahlen schon so denke: ›Was kann meine kleine poplige Stimme ändern gegen die Millionen?‹ Und ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt ehrlich zugeht, selbst, sollte ich das Richtige wollen und wählen – weiß nur, dass die überwiegende verführte Mehrheit falsch denkt und wählt. Das darf man im demokratischen Amerika gar nicht laut sagen. Aber ich gehe – wie ja so Viele – schon nicht mehr zu Wahlen!«

»Wo kommt dieses Böse, dieser zerstörerische Kern immer bloß her?«

wundert sich Sam, und fährt fort:

»Wir meinen zu denken, dass wir’s ein- für allemal packen könnten, etwa wie das Prinzip nach Bernoulli, wie man einen Flügel, eine Tragfläche, formen muss, dass er eine motorisierte Maschine, schwerer als Luft, also keinen Ballon, durch die Luft tragen kann. Daran biesterten sie alle um die Jahrhundertwende. Aber dann hatten sie’s tatsächlich herausgetüftelt mit Rechnen und Probieren, und – schnurr! – brummte das erste Motorflugzeug ganze fünf Meter durch die Luft am Strand von Nord-Carolina! Und seit dann ist es unverrückbarer Schatz der Menschheit. Freund und Feind kann sich zuverlässig und immer Flugzeuge bauen, Böse und Gute. Und wir sind wieder die Meister, denen alles untertan ist. Aber über Gott, in der ›Theologie‹, ist uns nichts oder selten und nur das Banalste untertan! Habt ihr mal beobachtet, was für gewaltige Fortschritte wir in Technik und Naturwissenschaft gemacht haben, während von allen klassischen Wissenschaften einer Universitas gerade die Theologie nicht nur hoffnungslos hinterherhinkt, sondern eigentlich gar keine Fortschritte gemacht hat, wenn überhaupt etwas, Rückschritte! Luther, der ja nicht einmal wusste, ob die Erde rund sei, liest sich noch heute sehr modern, ja, wir alle können heute von diesen Alten lernen, während seine zeitgenössischen ›Naturwissenschaftler‹ für uns stümpernde Halbidioten scheinen. Und dennoch, daran ist kein Zweifel, sollen wir unsere Geschäfte, Staaten und Regierungen unter Gott stellen, dann ›wird Er uns und das Werk unserer Hände segnen.‹ Wie machen wir’s bloß? Und wenn jetzt einer von uns auch einen noch so pfiffigen Einfall hätte, wie unser mittelalterlicher Missionar mit Weihnachten, stellte sich doch heraus, dass auch der schon von Anfang an, wie bei ihm, wurmstichig war. Wir sehen’s nur nicht. Mit Gandhi glaubte die Welt, es läge nur an den richtigen Prinzipien, hätte man die, wäre ein Jeschua überflüssig. Er trennte seine Nation in die wildeselhaften geistigen Nachkommen Ismaels nach Pakistan und Bangladesch und isolierte sie so von den auskömmlicheren Hindus und Buddhisten. Na, seht, wie auch das schief ging! Es geht, wenn überhaupt, nur mit Gott und gerade nicht mit menschlicher Weisheit oder fundierten Prinzipien. Wie so, wissen wir wissenschaftlich nicht!

Auch nicht mit vervollkommneter Technik! Nazideutschland hatte Radar, Düsenjäger, die anerkannt besten Panzer und Atomwissenschaft, alles vor seinen Feinden. Na, den Rest des Satzes, wie’s ihnen damit ging, kennt ihr schon.

Jetzt bekriegen sich die beiden neugeschaffenen asiatischen Staaten, ehemals indisch, wollt’ ich noch sagen, dauernd gegeneinander. Ein möglicher Mechanismus der Panne ist wohl so:

Da wird in dem Kreis, sagen wir, dieser Kurie, plötzlich was ›die Mode‹. Nehmt mal das Aufblühen der Renaissance im Mittelalter. Wo kam das bloß her? Schön, in der Kunst, wo bisher irgendwelch’ düstere Heiligengestalten gemalt wurden in Braun und Grau, da fällt natürlich ein Bild in hellen Farben, etwa das Paradies, nunmehr Adam und Eva fast nackt, appetitlich rosig und frisch, angenehm auf! Aber merkt denn keiner, was sie sich da einhandelten? Nunmehr steht der ›humanistische‹ Mensch im Mittelpunkt als Herrscher der Welt, und hat Gott verdrängt! Das einzige, wo sie’s merkten und protestierten, da waren sie gerade falsch, als Galilei behauptete, die Erde sei bloß einer der Planeten um die Sonne. Das klang ihnen wie eine Entthronung des Mittelpunktes des Weltalls, Gottes Fußschemel. Und ihr Falschsein, als es sich mehr als solches durchsetzte, schwächte die kirchliche Autorität nicht wenig und verhalf der Renaissance umso mehr zu globalem Sieg.

Und was wurde aus der ganzen Papsterei? Streit, Entzweiung, ein Gegenpapst, natürlich in Frankreich, in Avignon! Eine Frau, die sich als Mann einschmuggelt und Papst wird, und erst durch ihre spätere Schwangerschaft auffällt! Und so weiter und weiter. Und schließlich, bis heute, die größte Apostasie! Und alle in der langen Geschichte hatten gerade diesen Glaubensabfall ehrlich verhindern wollen, eigentlich nur das oder das hauptsächlich. Wie hatten die Gründer wohl so ernst und hingegeben geträumt! Wie hätten sich ihnen die Haare gesträubt!

Hätten sie konservativer bleiben sollen? Was die satanische Renaissance angeht mit der Wiedererweckung der alten so beneidenswerten griechischen Götter und mit heidnischen Bräuchen, sicherlich! Aber nun kommt die ›böse‹ Reformation. Und diesmal bleiben sie, ›klüger‹ geworden, stur! Wieder falsch, anders herum! Was könnte noch heute ein Papst schaffen für Gott, der sich bekehrte und mit der ganzen römischen Kirche, als ihr Leiter würden sie ja folgen, öffentliche Buße täte – im großen Stil! Er brauchte nur zu sagen: Worum es geht, habe ich nicht verstanden, aber wenn jemand einen Finger auf mich zeigt und ich kann ihn von der Bibel – von Gott – her nicht gerecht zurechtweisen, dann ist es an mir (er würde sagen: ›an Uns‹!), die Sache vor Gott zu bringen und uns zu demütigen, damit ich ja nicht schuldig werde, den Tausenden etwa das Evangelium vorenthalten zu haben! Das wäre doch echte Demut, um die sich der jetzige Papst Paul so bemüht. Warum macht’s aber keiner? Und dass nur immer das Wort Gottes recht hat in einer so widersprüchlichen Welt, ja, das müsste doch auch ein jeder Papst einsehen können! Warum bekehrt sich nicht Israel als Nation endlich und aus derselben Argumentation zu ihrem eigenen Heiland? Schön, das Ganze ist für alle ein Puzzlespiel zwischen dem einen Pol, Sich-Selbst-Anerkennen in der erhobenen Stellung, die Gott gegeben hat, sonst kann man nicht so frischweg für Gott schaffen – dem anderen Pol, Selbsterniedrigung. Also Fatalismus!, würden einige sagen. Dennoch denke ich, die ›Selbstanerkennung‹ ist viel gefährlicher!

Anders gesehen, wir müssen auf der Hut bleiben, wo etwa wir so grob abgewichen sind! Ich sage nicht: ›ob‹, sondern ›wo‹, denn ich weiß, dass es einmal kommen muss, denn wir sind ja keineswegs besser oder klüger als sie..

Eine andere Szene: Die Welt zur Zeit der Französischen Revolution. Europa war gerechterweise erst zutiefst empört. Aber nun kommt die ›Mode‹! Schließlich kommt es aus Frankreich! Also ist es ›chique‹! Wir sind am Ende bloß noch zu unterentwickelt? Und trotz all der unglaublichen Grausamkeiten, die aus Frankreich herüberklingen, trotz der Kriegsverbrechen Napoleons, der uns ja nun persönlich mit Schwertern Nachhilfeunterricht in Liberté, Fraternité und Égalité erteilen kommt, Deutschen wie Russen, Spaniern und Italienern, wir wehren uns, wenn auch ohne das Feuer des Rechts, das uns stärker gemacht hätte. Trotz all dem schwärmen unsere Massen heimlich doch von der ›neuen Ordnung‹ und gehen ihr auch prompt ein paar Jahrzehnte später auf den Leim. Zeitgenössische Kritiker berichten uns, Napoleons Stärke liege in der Überzeugung und dem Hingerissensein seiner Soldaten! Das genau hat ihm Hitler abgeguckt. Überzeugung, die gerade doch wir, und eines Besseren, in beiden Fällen hätten haben sollen! Beethoven widmet ihm die ›Eroica‹ als einem Helden!

Und die Regenten um diese Zeit? Angst und Ratlosigkeit! Friedrich Wilhelm III von Preußen, das ›Häschen auf dem preußischen Thron‹, der gesagt haben soll: ›Da unten marschiert die bewaffnete Revolution!‹ zu einem Häuflein singender ›Reichswehr‹, zusammengestellt gerade zur Wehr gegen Napoleon. Dieser Fürst hatte weder selber den Geist, noch wohl überhaupt auch nur einen fähigen Mann in seinem Reich, noch nicht einmal so wie Pharao in Josef, der das Volk, besonders ja die akademische Jugend, wirksam genug hätte aufklären und warnen können über die kommenden Jahre der Gefangenschaft! Aber es ging ihnen wie uns heute mit dem humanistischen Angriff der Baptisten mit ihrer ›täglichen Entscheidung‹: Wir haben einfach noch keine Antikörper gegen diese neue Seuche! Also musste die ganze Nation erst durch das ganze Schandtal hindurch.

Und doch war gerade diese Zeit die der klassischen Blüte in Deutschland, die zuerst kommenden sieben geistlich fetten Jahre! Aber wir haben den Überfluss nicht genützt, nun wie Josef in Ägypten auch noch für die anderen Völker in die Scheunen zu sammeln!

Sie sahen nicht was kam und waren vom Evangelium her in keiner Weise mehr ausgerüstet, ja, es ist dies gerade die fürchterliche Epoche, in der wir das Evangelium verlieren! Die Demokratie verblendete alle. Können wir so wenig treu bleiben, dass wir nicht einmal das Zerstörungswerk von der Bibel her wahrnehmen können? Matthias Claudius . . .«

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»Einen Moment mal, entschuldige die Unterbrechung,« wirft Mischa, der für die folgende Beobachtung mit allerlei geheimnisvollen Zahlen und Rechnereien ja eine besondere Vorliebe hat, dazwischen,

»mir geht da gerade was Tolles durch den Kopf! Es waren nicht sieben fette und dann sieben magere Jahre, sondern viel länger. Gerade rechnete ich, ob es wohl jeweils sieben mal sieben Jahre gewesen seien, aber das machte keinen rechten Sinn. Aber nun hört! Es waren sieb-zig und wieder siebzig Jahre!

Nehmen wir 1918, Ende des Weltkrieges, zum Angelpunkt, die Katastrophe, über die wir bis heute nicht hinweggekommen sind, denn der Zweite Weltkrieg war nur ihre Fortsetzung – als den Anfang der Hungerjahre. So sind 1918 minus siebzig Jahren, den fetten, 1848, das Jahr des Wendepunktes, der allgemeinen Weltrevolution zu unseren verderblichen Prinzipien bis heute, aber Deutschland, ähnlich auch Russland, gerade da mit seinem berühmten Puschkin, ging es zunächst noch gut gegen Ende seiner geistlichen Blüte. Das waren also die siebzig fetten Jahre. Dieser Geist aber nun war kein göttlicher, man sammelte nichts für kommende Zeiten! 1918 plus siebzig – die mageren, und bei uns besonders, so wir Deutsche sind, nun durch nichts geschützten Jahre – ist nun 1988, und diese Zeit heißt nun schon überall die ›Wende‹! Deutschland wird endlich wieder – wenigstens pro forma und auf dem Papier – frei und souverän!«

Die Hörerschaft ist zunächst auch begeistert, ausgenommen vielleicht Sam. Aber nun beim Niederschreiben Jahre später, kommt es mir selbst nicht mehr so als eine Offenbarung vor, denn auch jetzt ist Deutschland noch geistlich am Boden, und wenn ihm der Erste Weltkrieg ungerecht aufgezwungen war, noch nicht einmal wieder auf sein Voriges wiederhergestellt, nicht etwa im Besitz seiner früheren Territorien von 1914, und noch viel weniger wie Ägypten, das am Ende der Mageren Jahre alles Erreichbare eingekauft hatte. Aber dennoch, was wäre auch mit Ägypten passiert nach den sieben fetten Jahren und nach den mageren, wenn es keinen Josef als vorausschauenden göttlichen Propheten und Warner gehabt und sich hätte vorbereiten können?

Sam ist dann in seiner Rede fortgefahren:

»Ich erwähnte Matthias Claudius. Er war einer der wenigen, die noch gegen die ›neue Ordnung‹ schrien, aber zu leise, zu wenig und zu spät. ›Moderne‹, das heißt, mit der Mode, die alles ›streng teilt‹, allgemein verehrte Herren wie Goethe hatten das Gehör, und der hat sich nicht einmal später bekehrt, wie doch Beethoven, der seine Widmung der Éroica wütend zerriss! Da kam es wie ein Fieber über die Massen, gegen allen Verstand. Nach Hitler sah die Welt wenigstens den Schaden. Hier sind die Franzosen über sich selber bis heute noch berauscht.

Alte Hüte? In der Zonenzeit, höre ich, also der Deutschen nächsten Vergangenheit, hätte in der Bundesrepublik die SPD und ein Gutteil der anderen Westdeutschen auch nicht Treue bewahren können. Gebt ihnen doch Westberlin und baut die Stadt in der Bundesrepublik bei Hannover neu wieder auf! Am Ende war Großmaul Kennedy (›Ik bin ain Bölina!‹) doch noch ein Held mit der Stadt! Aber dann nach der ›Wende‹! Da war’s, besonders in der ›Zone‹, wieder wie nach Hitler. ›Ja, Ich hab’s ja gleich schon damals richtig gesagt! Aber es hörte ja keiner auf mich!‹ und so weiter.. Kaum einer, wenn überhaupt, der zugab: Also, das hätte ich nicht erwartet. Gut, dass wir da nicht schwach geworden waren! Aber das hindert sie wiederum in keiner Weise, nun lustig die ehemaligen Stasileute zu verfolgen.

Also, was wir auch machen, es wird falsch! Bleiben wir ›treu‹ und konservativ, merken wir nicht, dass es Gott ist, der uns aus Irrtum und Torheit befreien will. ›Verbessern‹ und modernisieren wir selbst, so ist gerade das die Ketzerei und Sünde und wieder falsch. Dann kommt der Effekt der mangelnden Autorität zum Tragen wie beim Bolschewismus versus Menschewismus. Setzt du Schulze ein als neue Autorität, setze ich Müller dagegen. Wer soll Recht haben? Wer ist von Gott her gedeckt? Wer hat Autorität? Ja, wer hat überhaupt auch nur ein bisschen Weisheit von Gott?

Es ist interessant, was die Mormonensekte zu ihrer Verteidigung sagt. Ist die erst einzige Kirche in die Irre gegangen, kommen die Reformatoren und ›führen‹ sie ›zurück‹. Aber seht doch, wie auch sie keine Autorität Gottes haben! Sie zerfallen in einige, dann mehrere, schließlich Hunderte von Kirchen, Gruppen oder Sekten, die alle einander widersprechen! Da muss eine neue Offenbarung Gottes herbei, und also hat der ›Prophet‹ Joseph Smith seine volle Rechtfertigung! Kommen die Protestanten und schreien, seit Abschluss der Bibel gibt es keine Offenbarung Gottes mehr! Da sind natürlich schon einmal die von ihnen ausgegangenen Pfingstler strikte dagegen. Zweitens, was ist, und welche Autorität verkündet, den ›Abschluss‹ der Bibel? Die gerade von allen Beteiligten geächtete Römische Kirche! Die hat nämlich vorher in einem Konzil entschieden, welche Schriften nun ›die Bibel‹ ausmachen sollen. Und das auch nicht eindeutig und unumstritten. Was sind die Apokryphen? Verdammt von den einen als außerbiblische Offenbarung, aber von Luther selber als ›nützliche und erbauliche Schriften‹ apostrophiert und von den Katholiken voll als Bibel anerkannt und ›Deuterokanonische Schriften‹ genannt. Und doch mitunter eindeutig falsch, gemessen am Rest der ›Bibel‹! Andersherum wollte Luther gerade den Jakobusbrief als ketzerisch heraus haben. Ebenso könnte man für die Mormonen argumentieren, dass die frühen Christen ebenso eine Sekte des Judentums waren, und mit einem neuen Buch, das dem alten teilweise (scheinbar?) widerspricht, auftreten, von den Juden scharf verpönt, denn Jeschua widerspricht in jüdischer Sicht ihnen ja drastisch bis heute, dass man nur Gott selber und niemand anders, also keinen ›Sohn‹, werthalten darf.

Und schließlich bestreitet die in diesem Teil von allen Christen angenommene Bibel selber, dass es keine Offenbarung von Gott mehr geben soll.

Dieser Gedanke ist ja schon absurd. Er schließt ein, dass Gott sich überhaupt nicht mehr rühren darf, ja, strenggenommen, kein Gebet mehr erfüllen darf, denn aus erfüllten Gebeten ergibt sich Sein Wille – ohne die Bibel. Die Apostel werfen das Los, wer der neue zwölfte Apostel sein soll nach dem Verräter Judas. Damit zwingen sie eine Entscheidung Gottes, eine außerbiblische Offenbarung, herbei! Also das war koscher gerade noch zu dieser Zeit, aber nach der ›Offenbarung‹ nicht mehr? Da sei jeder verdammlich, der ›diesem Buch‹ etwas hinzufüge oder abstreiche. Und dass mit ›diesem Buch der Weissagung‹ die ganze Bibel gemeint ist und nicht nur das vorliegende Buch der Offenbarung, wird aus der Tatsache deutlich, dass es ja gerade derselbe Johannes schreibt, der schon das Evangelium und seine Briefe als durchaus Weissagung von Gott ›hinzugefügt‹ hat und offenbar sogar später! Er kann sich doch nicht selbst verdammen. Aber Vorsicht! Einmal wird behauptet, er habe sein Evangelium nach der Offenbarung geschrieben, also selber die für uns profundeste Weissagung nach dem großen Schlusspunkt hinzugefügt! Aber dann sogar auch, dass es gar nicht derselbe Johannes war, der, immer danach, beides und die drei Briefe geschrieben habe!

Und wer wusste denn genau den Zeitpunkt, wann der verbannte Johannes auf dem unzugänglichen Patmos den berühmten Schlusspunkt unter nicht nur sein ›Buch der Offenbarung‹, sondern also eben alles (die ganze Bibel) setzen würde und sagen, jeder, also auch er selber, der (von nun an!) etwas zufügt oder weglässt, sei Anathema?

Paulus sagt da selber im ersten Korinther 14:

›Weissagung (»Prophezeiung«!) dient nicht den Ungläubigen, sondern den Gläubigen.‹

Prophezeiung ist außerbiblische Offenbarung von Gott (und er spricht hier im Zusammenhang vom ›Zungenreden‹) in der neutestamentlichen Gemeinde! Und nirgends sagt er etwa dazu: Das gilt natürlich nur solange, bis der Johannes auf der fernen Verbannungsinsel Patmos den großen Schlusspunkt setzt! Dann darf es das überhaupt nicht mehr geben!

Oder ist dies ›Neue Testament‹ etwa nicht für alle noch kommenden Zeiten gemeint?«

»Glaubst du wirklich, die ›Mormonen‹ seien im Recht?«

»Absolut nicht! Wir müssen direkter beurteilen, nicht über eine ›Parallaxe‹. In den alten Kameras war das Bild, das man im Sucher sah, desto verschiedener von was die Kamera aufnahm, je näher das Objekt war. Also meine ich mit Parallaxe ein Messen an nur ähnlichen Parametern, nicht der Sache selbst, das aber dann oft falsch wird.

Ein Beispiel wäre etwa eine Beurteilung der Betrunkenheit der Gäste der Kanahochzeit an der Anzahl der leeren Weinflaschen am nächsten Morgen! Anzahl der leeren Flaschen geteilt durch Anzahl der Gäste, gleich durchschnittliche Menge Wein in jedem. Sie mögen ja etwas verschüttet haben, schon angetrunken zur Party gekommen sein, einige leere Flaschen sind verschwunden, ein paar Gäste mögen früher gegangen sein, andere haben noch Bier dazu getrunken, und so weiter.

Also haben die Mormonen hier mal einen Punkt, der für sie sprechen könnte. Das sagt aber nichts über die Falschheit der Sekte im Kern. Und die ist, dass sie Jeschuas ganze Erlösung verleugnen und sich – als typisch amerikanische Sekte – durch gute Taten selber erlösen wollen. Darin sind sie gar viel gründlicher und naiver als noch die Baptisten.«

Hier meldet sich Bob zu Wort:

»Vielleicht ist die Idee mit dem großen Abschlusspunkt von Patmos doch nicht verkehrt? Ich erinnere an folgende Analogie dabei:

Im Alten Testament sollte man durch eigenes Gutsein vor Gott gerecht werden – jedenfalls sind die Juden in dieser Meinung belassen worden. Aber dann gibt es irgendwo den noch näher zu erläuternden großen Schlusspunkt davon, und im Neuen Testament ›hält [Paulus] dafür, dass der Mensch gerecht werde durch den Glauben ohne des Gesetzes Werke‹. Ebenso ›kommt niemand zum Vater denn durch [Jeschua]‹!«

Dieser Gedanke wird nach einiger Diskussion als durchaus richtig anerkannt und also als eine mögliche Analogie zu dem geforderten Schlusspunkt von Patmos.

Bob bemerkt dazu folgendes:

»Vorher: Offengelassene Offenbarung über den Allein-Erlöser – nach Ihm der endgültige Schlusspunkt. Niemand kommt (mehr) zum Vater auf die Baptisten- Juden- Katholiken-, Mormonen- oder Muslim- , also kurz, die Gute-Werke-Masche! Übrigens betone ich nocheinmal für uns alle, dass wir ›Baptisten‹ nicht mehr wörtlich nehmen, sondern als einen geistlichen Fehlzustand, dem ja fast alle amerikanischen Christen erlegen sind. Andererseits will ich gerade auf einen Radioprediger hinweisen, der im Namen einer Virginischen ›Primitive Baptist Church‹ predigt. Der toleriert nicht nur etwa Prädestination, sondern predigt lebhaft dafür und gegen menschlichen Freien Willen!« sagt Bob dazu.

»Und weil wir gerade beim Fehlerkorrigieren sind,« übernimmt Sam,

»ich habe noch einen Gedanken, eine mögliche Berichtigung, genauer gleich zwei, die in beiden Fällen ein ganzes Gedankengebäude umstoßen und das alte wieder etablieren könnte, nämlich deins, Mischa, vom Menschen ›im Bilde Gottes‹.

Da steht nun tatsächlich in Genesis, Kapitel eins: (Und Sam zieht einen vorher bereiteten Zettel aus der Tasche.)

Let us make man in our image, in our likeness, and let him rule . .

oder auf Deutsch bei Luther:

Lasset uns den Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.

bei Bruns:

Lasst uns Menschen machen nach unserem Bilde, die uns ähnlich sind. Sie sollen herrschen . .

in der internationalen der Bibelgesellschaften:

Nun wollen wir den Menschen machen, ein Wesen, das uns ähnlich ist.

Es ist interesant, dass die beiden deutschen Nachkriegs-Übersetzer in den dann typischen Minderwertigkeits- und Angstkomplexen das mit dem menschlichen Herrschen lieber einfach weglassen.

Auch steht im Original das Wort ›demuth‹ für ›Ähnlichkeit‹. Demnach fällt mir auch keine andere Möglichkeit ein, als zuzugeben, dass wir tatsächlich in der Ähnlichkeit Gottes, äußerlich oder geistlich, erschaffen seien, also die Idee und große Versuchung des ›kleinen Gottes‹ »quasi ante speculum,« das heißt in oder vor einem Spiegel, durchaus gegeben ist, besonders doch, wenn gleich danach steht, dass wir herrschen sollen.«

Darauf sagt Mischa, wenn auch mit deutlich kleinlauter Stimme:

»Ich habe auch nie behauptet, dass ich etwa unfehlbar sei. Jetzt gebe ich auch zu, dass mich beeindruckt, wie Er fortfährt, lass diesen Menschen herrschen – also offenbar doch als einen kleinen Quasigott. Dennoch bleibt die Versuchung des ›Raubes zu sein wie Gott‹ für uns bestehen. Ja, dann hat Gott uns also ›Sich selber ähnlich‹ gemacht, nur ›wenig tiefer als die Engel‹, aber mit dem Verbot, uns selbst zu erhöhen. Und ich danke dir für diese Korrektur! Sie ist vielleicht wichtiger, als alles was ich positiv gesagt habe. Denn wir lernen hier, gemeinsam nach Wahrheit zu ringen.«

Nach einem Moment Überlegens aber fügt er hinzu:

»Da behauptet ein angesehener Pastor in Usa, der ›Treppenwitz‹ bei der Ursünde sei gewesen, dass Adam und Eva ja schon wie Gott gewesen seien durch eben diese Erschaffung ante speculum, wie du sagst, ›in Seinem Bilde‹ und einen weiteren Fortschritt nach oben – zu sein wie Gott gar nicht nötig gehabt hätten.

Dazu sage ich aber nun, das war ebenso wenig ein Treppenwitz wie Evas Behauptung eine Ausrede war, die Schlange habe sie verführt! Es war beide Male ganz naiv geglaubte Aussage, einmal – mit der Schlange – zu recht, das andere Mal fälschlich so, wie schon durch sichtbare Tatsachen erkennbar. Und hier kommt meine Rehabilitation. Der Ursündenfall wird so der beste Beweis, dass wir nie und nimmer in dem Speculum-Bilde Gottes erschaffen sind, das die Kirchen meinen. Ich habe das schon bei unserem ersten Treffen angedeutet: Adam hatte keine vorgefertigte Denkpalette, er wusste einfach noch nicht, was er sich da einhandelte. Darum kann er auch nicht wie Gott oder ›in Seinem Bilde‹ wie allgemein verstanden, gewesen sein. Wenn sie wirklich da wie Gott gewesen wären, hätten sie’s auch gewusst, denn Gott weiß doch alles, mindestens doch diese grundsätzlichen Fragen der eigenen Existenz! Und hätten nicht gesündigt! Das ist der ja Kernpunkt des Charakters Gottes, Er sündigt nicht! – die große Ruhe, wo nichts mehr zu wünschen ist. Andererseits haben wir gerade gelernt, dass man’s bei Gott nicht Sünde nennen kann. Nähere Erklärung von mir: Gott ist der einzige in einer Herrenstellung, von daher kann man es nicht Sünde nennen. Wenn abhängig, sündigen wir, weil wir im Grunde Gottes Herrenstellung erstreben und wünschen. Und sie wünschten eben doch, weil sie noch strebten, wie Gott zu sein, die Ursünde, sie sind nicht wie Gott! Ohne diese Ruhe, die Seine Hauptqualität ist, können sie nicht wie Er sein!

Wenn Gott uns »in Seinem Speculumbild« erschuf, so war das ein fatales Zerrbild!

Denn wir sind hier nie wie Gott! Die Sünde ist das Fulcrum, um das sich alles dreht. Das Wesen der Sünde – und absichtlich gerade von Gott hineingeplant als die Triebkraft, Ihn zu suchen, oder auch: zur Sünde selber – ist doch immer ein empfundener Mangel – Man denke an Kain! – eben, dass wir unvollkommen seien und nicht der oberste mögliche Schlusspunkt. Darum wühlt der Mensch, arbeitet, schafft, quält sich, betrügt und mordet wie Kain den lästigen Konkurrenten, also sündigt, um sich selber groß zu machen, eben, weil er’s nicht ist und das auch weiß und immer schmerzlich fühlt. Daher sagen wir ja auch, die Ursünde kam nicht durch das Fruchtfleisch, verdaut und absorbiert im Dünndarm, sondern, da muss die Sünde schon bestanden haben. Sie kam geistlich durch das Wort der Schlange, verdaut und absorbiert im Gehirn unserer Voreltern. Dadurch wurde Eva fähig, überhaupt nach der Frucht erst zu greifen. Danach und deswegen kam die katastrophale Ernte. Vor dem Fall war der Mensch wohl sündlos, aber eben anfällig für den Teufel, nach dem Sündenfall war er sündig seinem ganzen Wesen nach, in derselben Unvollkommenheit wie vorher, wo er’s allerdings noch nicht wusste, jetzt aber mit dem großen Hunger darauf, und jetzt umso anfälliger für immer dieselbe teuflische lügnerische Versuchung: Ihr werdet sein wie Gott! Und wenn und weil wir sagen »wie Gott«, so sind wir das gerade nun ganz offensichtlich nicht!

Sehr interessant doch die Aussage Gottes über den zu erschaffenden Menschen: »Lasset sie herrschen.« Darin ist doch wohl der Mensch absolut einzigartig; denn niemand herrschte da je im Universum, außer Gott. Wollte Er, Der ja immer zu unserem Segen uns dazu bringen wollte, Ihn zu verehren, wollte Der uns vorführen an uns selbst, was aus – Vielen Göttern – wird und endlich immer werden muss?

Aber was ist dein zweiter Punkt?«

Dazu sagt Sam: »Der ist mir sogar noch einschneidender: dein Heiliger Geist nicht als katholische ›Dritte Person‹, sondern immer als Gott selber! Da bin ich im Johannesevangelium, Kapitel 16, auf folgende Aussage gestoßen.«

Und nach seinem und allgemeinem Bibel Aufschlagen, liest er von Vers 13 an vor:

»Aber wenn der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch in die ganze Wahrheit einführen. Was er euch sagen wird, hat er nicht von sich selbst, sondern er wird euch sagen, was er hört. Er wird euch in Zukunft den Weg weisen. Er wird meine [Jeschuas] Herrlichkeit sichtbar machen, denn was er an euch weitergibt, hat er von mir. Alles was der Vater hat, gehört auch mir. Darum habe ich gesagt: Was der Geist an euch weitergibt, hat er von mir.«

»Wenn er nicht aus sich selbst redet, kann er doch nicht Gott der Vater selber sein. Die Ordnung ist klar: Erstens Gott Vater als der einzig freie, völlig Unabhängige, dann Jeschua, Sein Sohn, Dem ›auch‹ gehört, was der Vater hat. Dann, was immer er ist, also quasi doch ein Dritter, der Geist, von dem hier die Rede ist, der nichts von sich selbst hat, aber redet!

Hier schaltet sich Rudi, der schon eine Weile mit Konkordanz und Bibeln herumdokert, in den Dialog:

»Da gibt es noch eine Stelle im Johannesevangelium, ich habe gerade gesucht, es ist Johannes 5, 19, wo nun auch Jeschua selber, genauso wie der hier zur Sprache stehende Geist, zugibt:

Der Sohn kann nichts von sich aus tun, er handelt nur nach dem Vorbild des Vaters.

Darauf Mischa: »Hm! Beides gute Stellen! Ich gestehe, dass ich sie in diesem Zusammenhang noch nicht beachtet habe. Aber eine katholische ›dritte Person‹ wird ja auch so nicht daraus. Denn der soll ja selber vollständiger, damit also selbständiger Gott sein, nicht ein anderer! Da kann er auch nicht von den beiden anderen nur voll abhängig sein, sondern macht selber Entscheidungen.«

Sam sagt darauf mit Überlegung:

»Daran hab’ ich nun nicht gedacht! Also, ich fasse mal soweit zusammen. Du bestreitest objektiv, dass der heilige Geist eine dritte ›Person‹ Gottes sein soll, aber vermutest, dass damit nur immer Gott Vater gemeint sei, Der ja selber schon Geist ist?«

»Richtig. Also meine objektive Aussage bleibt bestehen, aber meine Vermutung ist mindestens teilweise Bockmist?«

»Durchaus nicht. An einigen Stellen hast du unbedingt recht, da ist von Gott dem Vater die Rede. Vielleicht, nach deinem eigenen Rat, sollen wir die von Gott benutzte Sprache wieder wörtlich nehmen, es ist der Geist Gottes, wie Geist eines Menschen oder politischer Versammlung, eine Stimme aus dem Telefon aus Europa! Die ist – natürlich – immer genau von dem Sprecher abhängig, wird aber nie eine eigene Person!«

Ich muss beim Niederschreiben bemerken, wie stolz ich auf die beiden bin! Eben haben sie noch das Thema angeschnitten, wie sich Gruppen um Gott immer zerstreiten und entzweien, und hier haben sie eine glänzende Einigung ganz unabsichtlich vorgeführt und blieben ein Herz und eine brüderliche Seele, ich glaube, aus der Fähigkeit beider, sofort nachzugeben. (Mischas Nicht-daran-gedacht und ›Gute Stelle‹, und Sams ›Zusammenfassung‹, die ihn ja nun bei Mischas Bescheidenheit, als den eigentlichen Leiter herausstellt.). Damit erfüllen sie des Apostels Paulus Ruf zur Einigkeit und Sich-niederer-Stellen in der Gemeinde ganz ohne Zwang. Für die Zukunft habe ich selber daraus gelernt, dass ich keinem mehr ins Wort fahren will, nichtmal schief denken über jemanden, der etwa an die katholische Dritte Person glaubt oder für mich anderes Anstößiges! Das sagt ja auch Paulus sogar fast an der gleichen Stelle (1. Korintherbrief).