Zweites Kapitel

Über die Freiheit

Ein belangloses Gespräch will gerade wieder in Gang kommen, als sich Dale absichtlich wieder an den Gast wendet, – wohl durchaus im Bestreben, diesen Allwissend auf unverfänglicheres Gleis umzuleiten. Aber gerade das wird zur Traufe aus dem Regen geraten, denn dieser Allwissend weiß wirklich mehr als der Pfarrer – Er fragt ihn also, ob er auch seinem Gott täglich für das große Geschenk der Freiheit danke. Gerade er könne doch diese Freiheit wie kein anderer würdigen, weil er eben soviel mehr gesehen und erlebt habe,

». . wovon wir uns hier wohl gar keine Vorstellung machen können

Und er lade ihn ein, in seiner Kirche, der »Eakland Baptist Church«, darüber einmal mit der Gemeinde zu sprechen, ein Angebot, das er nie wieder erneuern wird, denn schon nach diesem Essen und gerade der nun folgenden monologartigen Antwort kennt er Michail wesentlich besser, der in tieferer persönlicher Freiheit groß geworden, nicht als des Pastors Zweckmarionette vor der Gemeinde eingesetzt werden kann. Mischa hat zunächst sehr einfach, und wie ich als Ausländer finde, bescheiden geantwortet:

»Ich bin mir nicht sicher, ob in diesem Land hier eine größere Freiheit herrscht als in der damaligen Sowjetunion.«

Darauf fällt dem Pastor vor Schreck die Gabel aus der rechten Hand in den Braten, die linke hat er unter dem Tisch, aber auch die anderen meinen, nicht richtig gehört zu haben.

»Aber lieber Freund, wie kann man die beiden überhaupt vergleichen? Dass gerade du so etwas sagen musst! Der plötzliche Übergang von diesen Extremen, von Nacht in den hellsten Tag, muss dir wohl die Sinne verwirrt haben?«

Das ist interessant! Eben meinte der Pastor doch noch, sich »keine Vorstellung von dem Unterschied« machen zu können! Es gibt in dieser Kultur, leider auch und besonders in den Kirchen, wo man sich durch eine millimeterdicke Glasur der »Nächstenliebe« den Himmel verdienen will, eine Menge Phrasen und Benehmensweisen, die unter dem Deckmantel der Höflichkeit eigentlich krasse Lügen sind. Dale kann sich keine Vorstellung machen, da hat er unbewusst allerdings recht, nur sitzt dahinter ein eisenhartes diktatorisches Vorurteil über andere, stets vermeintlich minderwertigere, Menschen und Kulturen, besonders was eingebildete amerikanische Tugenden und Vorzüge, und ihre so mangelhaft definierte amerikanische Freiheit betrifft. Er kennt die Vorzüge anderer Kulturen nicht und will sie auch gar nicht kennenlernen! Mischa soll als Ausländer der bösen Sowjetunion, bisher der allerbittersten Gegner, damit es glaubhafter wird, wie ein aufgezogener Clown vor der Gemeinde in die amerikanische Selbstlobhudelei einstimmen, die ja damit im Eigentlichen nur ihren Zweifel an sich selbst preisgibt.

In vielen Kirchen wird vor der Predigt eine Pause gemacht, wo man umhergehen und Nachbarn begrüßen soll. Das unbewusst Gute daran ist, dass wir ja wie die Kinder mal Unterbrechungen des Stillsitzens und Aufpassens brauchen. Aber wer da zu mir, Herm Öhrlein, als dem fremden Erstbesucher kommt mit »How do you do« und erzwungenem Händeschütteln, dem antworte ich, leider aus langer bitterer Erfahrung: »Im Hause Gottes wie ganz allgemein unter Christen sollte keine Heuchelei herrschen, auch nicht einmal erheuchelter Guter Wille! Sollten Sie wider alles Erwarten an mir wirklich irgendein Interesse haben, so sprechen Sie mich bitte nach der Kirche!«

Da aber ist noch niemand gekommen!

»Du sagst doch selbst,« sagt Rudi nun, »dass Gottesglaube in der Sowjetunion gewaltsam verfolgt wurde, ja, dass man sich nicht einmal frei versammeln durfte, wie man wollte?«

»Ich spreche vom ›Herzen,‹ der inneren Freiheit,« versetzt der Angesprochene, und bei diesem Umschwung wird er nun offener:

»und diese Zwei scheinen mindestens streckenweise reziprok zueinander zu sein. Da hört man mindestens einmal pro Jahr, am 4. Juli, diesen abstrusen Unsinn, der offenbar so betont wird, weil ihr euch selber so schämt! Etwa, um die Freiheit müsse man kämpfen! Wenn ich diese Phrase nur höre! Ein vergleichbares Bild ist dann doch etwa das folgende:

Wir sitzen als eine Gruppe hungrig und frierend in einem Flüchtlingslager. Der Nachbar packt auf einmal leckere Pfannkuchen aus und fängt mit gutem Appetit an zu essen. Er hat damit mehr Freiheit, hier: zu essen, aber nicht ich, denn die Kuchen sind seine, und ich habe nichts. Da nehme ich nun meinen Wanderstab, sage: ›ich bin so frei!‹ – und haue ihm eins übers Obergeschoss, und weil gründlich genug, habe ich nun die Freiheit und die Pfannkuchen! Tja, ich erkämpfe mir meine Freiheit! Siehst du wohl? Denn was sonst könnte das Verb kämpfen, selbst wenn allegorisch gemeint, sonst bedeuten?

Nun gut, ihr selber wärt mit einer solchen Auslegung eurer Phrase auch nicht einverstanden. Aber bitte, was ist ›Kämpfen‹ denn sonst? Es heißt Gewalt antun um eines Vorteils willen und lässt höflich sogar noch offen, um wessen Vorteil. Nun sagst du, um dein Gesicht zu retten, vielleicht: Ich kämpfe gegen den eigenen inneren Schweinehund! Damit meinst du, diesmal also als der Habe-Genug selber, soweit ich hier herumgehört habe, eine erzwungene ›Güte‹, du gäbst ihm deine Kuchen oder einen Teil davon, aber trauertest ihnen nach, weil du doch selbst mindestens für drei deiner Kuchen hungrig bist, mit langem Gesicht! Halt, nein. Der ›vollkommene Christ‹ zieht ja dazu sein Gesicht in eine ›lächelnde‹ Heuchelfratze! Aber er hat auch ›seinen Lohn dahin‹, denn Heuchelei zählt nicht bei Gott. Er hat ja nicht gesagt: Tue gute Werke, basta! Sondern, viel mehr und tiefer, befiehlt der Emotion: Liebe! Denn dann braucht Er den Taten nicht mehr zu befehlen, die ohne dem ja auch gar nicht gelingen.«

Aber was ist Liebe?

»Also ein bisschen anderes Scenario, wie das hier heißt: Der Nachbar ist dein vierjähriger Sohn, der den ganzen Tag noch nichts gegessen hat! Siehst du, diese kleine Änderung verändert sofort dein Herz! Du zählst die Pfannkuchen nicht mehr, gibst ihm sofort und unverfälschten Herzens, was er braucht, und vergisst ganz unbemerkt deinen eigenen Hunger. Ich sage euch, die Kuchen wären gar nicht erst so lange verpackt geblieben! Es tut auch nicht mehr weh, denn Schmerzen macht nur der Widerspruch, die Uneinigkeit in dir. Das Merkwürdige ist, Gott lässt dich dann auch nicht lange mehr hungern, aber fragt mich nicht, wie das immer zugeht! Aber es bleibt Heuchelei, wenn du noch von ›Kämpfen‹ sprichst! Den eigenen Schweinehund knüppelt man auch nicht herunter – und das ist im Kern der eigentliche Fehler, wir benehmen uns ja gegen uns selbst wie gegen andere. Aber man wende nun nirgends mehr Gewalt an; denn solche kämpferische Gewalt ist nur dazu da, Schaden anzurichten – sondern überzeuge ihn, oder sich selbst zuerst. So lange sollst du auch dein Opfer vor dem Tempel stehen lassen. Lasst doch Gott Selber den Alten Adam, inneren Schweinehund oder »das Fleisch« töten! Dann wird das Abgeben keine erzwungene Qual mehr, sondern aus Liebe und Freude, geht es von selbst. Sonst stimmt ja auch eure ganze Phrase vom ›Ertöten‹ nicht mehr, denn nur ein Toter begehrt nicht mehr auf.

Ihr könnt doch auch nicht zween Herren dienen! Ihr könnt nicht ›In God we trust‹ auf jeden Dollar drucken und ›für die Freiheit kämpfen‹, mindestens eins von beiden wird dann Lüge. Ich sage das durchaus im Hinblick auf die Denkkonstitution der ganzen Nation hier. Die ist kriegerisch, wie ihre Mutterschlampe, die Französische Revolution.

Dieses Geschrei nach (undefinierter) Freiheit ist amerikanischer Terrorismus!

Jedenfalls der Anfang dazu. Und sie merken es nicht einmal. Wo hätte ein ernsthafter Krieg jemals anders angefangen als aus Hass und Angst? Und wir, unter ihrer Fahne, müssen uns schleunigst von ihnen distanzieren! Sonst ›freiheitsverteidigen‹ die Angegriffenen auf einmal zurück! Und das als solche sogar mit mehr Recht. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz auf unserem Globus. Und Usa ist in einer besonders brenzlichen Lage. Sie haben das meiste Kriegsmaterial zusammengehäuft, sind ohne Konkurrenz die gewaltigste Kriegsmacht auf Erden, sind dazu aber naiv und aggressiv wie die Kinder. Haben sie wohl eine so starke Angst? Das verpflichtet ja nun zu ganz besonderer Vorsicht und Zurückhaltung. Aber zu allem Übel sind sie selbst die Aggressivsten geworden. Dabei tut ihnen ja niemand was. Nie waren ausländische Truppen im Krieg auf Usa-Boden! Ausgenommen die sehr kriegerische Rasse selber, 1863. Aber ich sagte: ausländische!

Was wollt ihr nun? Frieden und ›Liebe deinen Nächsten‹ (auch anderer Nation!) oder eure missverstandene Freiheit, der man ein Quentchen Heuchelei, offenbar ein sehr dickes, wohl nicht absprechen kann?

Usa fühlte sich durch Vietnam vom Kommunismus bedroht . . . Na, ich brauche den Gedanken nicht zu Ende zu führen. Ihr kennt ihn alle selber. Die Kommunisten siegten und sind doch dem Untergang geweiht. Das erinnert an den Krieg der Nazis gegen Frankreich! Als wenn Gott gefunden hätte: Ich wollte ja die bessere Nation eigentlich siegen lassen, aber wie ihr »Besseren« euch neuerdings benehmt, kann ich nicht anders, als mal eine zeitlich begrenzte Gegenbewegung einzuleiten!

Ein Land der Reformation, das eben dadurch sich wieder auf Gott verschworen hatte, fiel dennoch wieder ab von Gott. Da schlug Gott zurück zu ihrem Segen und aus großer Liebe. Sie mussten durch eine grässliche Diktatur, die gerade selber ein anderes Gott geweihtes Volk am Ausrotten war, verloren alles und mussten zugleich durch beides, was sie so hassten, selbst hindurch: Demokratie und Kommunismus, zugleich als zwei Länder! Das hatte nun niemand auch nur erraten können, nichtmal die eben-noch Feinde! Sie haben auch noch nicht nach einem halben Jahrhundert ihre Freiheit wieder, nichtmal die schon beschränkte, um deren Vermehrung sie so gekämpft hatten.

Fünf rebellische Nationen haben nun der Welt vorgeführt, wohin ihre Aufmüpfigkeit gegen Gott führt. Russland kam noch am glimpflichsten weg, ist aber noch für kommende Jahrzehnte belastet, Deutschland traf es am schlimmsten; ihres war ja auch ein Schaustellungs-Ungehorsam! Was aus Usa (und England!) wird, wissen wir noch nicht genau, aber das Gesetz der notwendigen Erniedrigung durch Gott nach ihrer Großtuerei bleibt auch hier nicht aus!

Die alten preußischen Adligen, so schwer ihnen der Verrat fiel, haben sich vom wild gewordenen Hitler distanziert und ein Attentat im Juli 1944 auf ihn unternommen. Das war fünf Minuten vor zwölf, denn in weniger als einem Jahr war sowieso alles aus mit dem ›Führer‹. Aber was hätten sie nicht alles retten können! Die Aliierten hätten nicht weiterschlagen können, das ist auch Gesetz auf dem Globus, ›Ergebenheitsgeste‹ genannt. Deutschland hätte um den Preis seiner ›Freiheit‹, die sie sowieso los waren, viel Zerstörung und Menschenleben sparen und doch dabei doch etwas Würde und Achtung behalten können.

Eine starke Macht, nennen wir sie mal Atlantis, käme daher und »fühle sich« durch Usas Waffenanhäufung »bedroht.« (Und da hätte Atlantis wahrlich mehr Grund als Usa selber gegen Irak.) Nun verfügten sie also eine gründliche absolute Waffenkontrolle, offene Karten für Usa, ohne selbst die Karten herzuzeigen, versteht sich! Würden wohl die USA nicht sich wehren und protestieren? Merkt ihr was? Ich rede über unsere heilige Freiheit, für die wir doch immer bereit sind zu kämpfen! Mit eben diesen darzulegenden Waffen! Und für Gleichheit und gleiches Recht für alle!

Wir haben verabsäumt, auch die Irakis ernst zu nehmen und wie Freunde zu lieben. Dann fühlten sie sich nämlich auch selber nicht bedroht, brauchten erst keine Waffen anzuhäufen und wir alle würden viel Geld und wohl auch Krieg(e) sparen. Dies unscheinbare Bisschen ist es, das all den Riesenunterschied schafft, die Wurzel Hass! Den die ›vollendete Liebe‹ ganz austreibt. Und schließlich steht doch so viel auf dem Spiel, habt ihr das vergessen? Die ganze Muslimwelt beobachtet uns genau. Was sie nicht haben und uns darum innerlich beneiden, ist eben dieses Liebesgebot. Was sagen sie mit allem Grund über die Liebe?

»Bah, ihr habt ja auch keine!«

Übrigens jede Liebe, die doch den Christen so deutlich anbefohlen ist, dass wir ohne sie keine Christen seien, sowieso immer eine Einschränkung der Freiheit! Wenn Gott ›so sehr die Welt liebt, dass Er Seinen einzig geborenen Sohn darangibt,‹ dann begibt Er sich durch dieses Opfer bewusst eines Teils Seiner Freiheit. Also extrem gesprochen, wenn ihr Liebe habt, solltet ihr Christen hier euch weitaus mehr eurer vermeintlicher ›Freiheit‹ begeben haben.

Was nützt äußere Freiheit, Reden zu halten, Presse- und Versammlungsfreiheit, wenn, sagen wir einmal, alle Sinne verwirrt sind, und keiner mehr etwas Gescheites auf all den Versammlungen zu sagen weiß? Oder andersherum, ich sehe in diesem Lande soviel Freiheitsmißbrauch, dass niemand mehr sich die Mühe macht, auch nur kritisch zuzuhören. Wir werden so mit Reklame und allen möglichen meist falschen und dummen Meinungen und Tendenzen täglich überhäuft, dass keiner mehr zuhören kann oder will, besonders, wenn es auch nur ein Körnchen von dem abweicht, was er kennt, erwartet und gewohnt ist. Also keine echte Diskussion mehr, besonders kein Dazulernen, kein wirkliches Erwägen von allen Möglichkeiten. Dann könnte nämlich auch der Kleine Mann überzeugende Antworten geben.

»Ihr seid doch alle so frei hier, nicht wahr?« fährt Mischa also fort,

»Das müsste sich doch in einer überlegenen Unbeeinflussbarkeit, nicht aus Dummheit, sondern aus Alles-schon-überdacht-Haben, äußern! Dann wäre diese dumme Aufschwätzreklame ohne überzeugende Argumente tot in sich selber.

Rundfunk Hören kostet in diesem Land kein Geld, hurra! Es wäre nämlich heutzutage mit streichholzschachtelgroßen Empfängern auch unmöglich und viel teurer, solche Gebühren einzutreiben. Da kommen nun also Nachrichten. Aus anderen Kulturen kommend erwartet man sachliche, knappe und wahrheitsgemäße ungefärbte genaue Information. Aber nun leben sie von Sponsors, auch besonders die Nachrichten. Die brauchen etwa immer eine Stunde, albernes Hallo, hey Fred, und so weiter! Witzchen und Abschweifereien, zwischendurch dauernd und wiederholt neben der Reklame das Wetter oder Straßenverkehrsinformationen, aber nur so, dass wenn überhaupt jemand zuhört, es nur der Eingeweihte versteht. Dann gibt es eine Inhaltsübersicht, was sie eigentlich berichten wollen. Die wird nun möglichst sensationell, sexgewürzt und lecker aufgemacht, damit man nämlich Appetit bekommt, zuzuhören und nicht etwa den ganzen Schmus gleich abzustellen! Denn die dauernd eingestreute Reklame ist doch ihr Geld. Und da lässt sich herausfinden und demnach die Rechnung vorlegen, wieviele Tausende etwa zuhören! Überall werden wir wie Babys behandelt, wir, die doch selbst so genau und richtig entscheiden zu können meinen! Wieviele Millionen werden hier täglich in allen Bereichen für Massenbeeinflussung verpulvert! Wohlgemerkt, für solche, die nun nicht so ganz naheliegend oder selbstverständlich ist, denn der Amerikaner, des eigenen Denkens ganz entwöhnt, achtet nur und hält dann für richtig, was teuer ist und laut wiederholt ausposaunt wird, also oft gar ein absichtlicher meist kommerzieller Betrug.«

Und wie erfolgreich, allgemein gesehen, ist dieses Geschäft der hochausgebildeten Psychologen! ›Laugh-tracks‹ in diesen primitiven Fernseh-Shows! Wir sind ja so frei, dass uns befohlen werden muss, wann zu lachen! Wir sind so eine Masse geworden, dass wir nicht einmal mehr einen persönlichen Brief schreiben können! Da müssen vorgefertigte Hallmark-Karten her. Also, auf einer Seite Herzlichkeit, Persönlichkeit und Liebe, auf der anderen – Demokratie, wenn die es ist, die uns so verdirbt und verschlampt! Auch unsere ›persönlichen‹ Konversationen, etwa und besonders natürlich in den Kirchen, sind vorgefertigte Schablonen, siehe oben. Wehe, wenn du wirklich etwas Neues zu sagen hast! Wehe, sage ich, denn das wollen und können sie ganz bitterlich partout nicht hören.

Ich fuhr neulich durch eine Großstadt der USA, da demonstrierten ein paar Neger unmittelbar bei der Universität mit Schildern, aber niemand sah hin. Als wir nun alle an der roten Ampel direkt vor dem einen Demonstranten standen, hoffte alles nur, möglichst unbehelligt zu bleiben; manche riegelten schon von innen ihre Autotüren zu. Bezeichnend ist, dass auch ich, der doch dieser Unfreiheit gewahr zu sein glaubte, beim besten Willen nicht mehr weiß, worum es ging, oder was auf den hochgehaltenen Plakaten zu lesen stand!

Einer unserer Neger hatte nun kein Großgeld und keine Sponsoren, auch nichts anderes, die schnelle absolute Aufmerksamkeit zu erheischen. Er drehte sich herum, ließ seine Hosen herunter und präsentierte sein völlig unbekleidetes Hinterteil, indem er zur Unterstreichung noch die Backen auseinanderzog!«

Hierauf entsteht am Esstisch nun doch eine peinliche Ruhe, alles guckt herunter auf seinen Teller, auf die Mischa gleich anspielt.

»Ich weiß, von so etwas spricht man nicht, schon gar nicht beim Essen! Ihr seht, dazu fehlt uns hier die Freiheit! So dachten wohl auch meine Autokollegen. Wir sind ja, wenn alle zugucken, so schrecklich fein hier! Jeder fuhr wie erlöst bei Grün weiter, froh, so billig weggekommen zu sein. Aber ich behaupte, niemand von uns hat wahrgenommen, worum es den armen Demonstranten eigentlich ging.

Wenn ich das mit der Sowjetunion vergleiche! Hui, da war jedes Wort noch was wert, umso mehr, je mehr staatliches Gewicht, nämlich eine sofortige Gefängnisstrafe, darauf lag! Wohl, wer etwas zu sagen wagte, was der Partei nicht gefiel, der fand sich fast mit Sicherheit ziemlich bald auf der Polizeistation. Aber noch sicherer war zur gleichen Zeit seine Meinung, besonders wenn sie was Zündendes war, was jedem auf dem Herzen lag, via geheimer Mund-zu-Mund Verbreitung durch viele Gehirne gegangen. Deswegen verfolgten sie ihn ja so.

Zwei diametral entgegengesetzte Gesellschaften, gewiss, und doch, wie ähnlich wieder! Wie könnte man die Sowjetunion schnellstens in die ›freie‹ Gesellschaft des Westens umwandeln? Wir erleben es gerade: durch Geschrei und pausenlose Verbreitung der ›Wahrheit‹ oder was man kritiklos dafür ausgibt, – es kommt dem Volk auf die dahinter stehende, meist nur vermeintliche Autorität an – wenn nichts mehr, besonders nichts Geheimes und Verbotenes, dawider bekannt ist, also keine Alternative mehr – es hört dann auch bald keiner mehr hin, denn es fehlt ja doch die bei Länderspielen im Sport so anreizende Spannung zweier Mächte gegen einander. Was könnte wohl der Teufel, der das kritische und richtige tiefe Verständnis der Bibel um jeden Preis verhindern will, wohl besseres tun, als – ja, die halbverstandene Bibel ausposaunen Tag und Nacht, bis es allen auf die Nerven fiele?«

»Und das tun wir hier in Amerika?!«

»Wenn gefragt, scheue ich ein freies und ehrliches Wort nicht: Ja, das tut ihr hier! Vieles ist hier scheinbar auf den Zweck eingerichtet, die Wahrheit zu verdunkeln. Musste die Sowjetunion so darauf bedacht sein, dass auch nichts von der Freiheit und dem Wohlstand des Westens durchsickere – das allein war ja der Hauptgrund der Millionen Morde Stalins, und damit gaben sie unbewusst wenn auch irrtümlich die westliche Freiheit zu: jeder, der verlässlich vom Westen wusste, gar dort gelebt hatte – ehemaliger Kriegsgefangener in Deutschland – starb! – so seid ihr viel erfolgreicher! Ihr habt hier nun keine höhere, etwa ausländische, Instanz mehr, die euch aufklären könnte. Also glaubt der kleine Mann in Amerika ganz naiv, dass er frei sei und Freiheit, er kann es gar nicht einmal definieren, nur hier zu finden sei. Man könnte heutzutage schon Computer bauen, die kritischer nachdenken könnten!«

»Was hat die Freiheit mit kritischem Nachdenken zu tun? Denn gerade das kann doch der kleine Mann nicht!«

»Lieber Pastor, diese Frage allein ist schon, was ich gerade erklären will! Alles und jedes! Es hat nicht nur damit zu tun, es ist das die eigentliche Freiheit! Und ein solcher ›kleiner Mann‹, der das nicht kann, ist dann daher auch nicht frei! Persönliche Freiheit hat zur Voraussetzung, dass der betreffende Mensch differenzieren kann, also über eine ganze Palette verschiedener Möglichkeiten zu einem Problem verfügen muss und gegeneinander abwägen kann, die er sich natürlich vorher erst lange Zeit gedanklich erarbeitet haben muss. Sonst meint er vielleicht nur, frei zu sein, und trompetet das wohl auch lautstark herum. Wenn es in ihm aber keine richtige Alternative gibt und er auch nicht weiß, was er mit einer bestimmten Entscheidung einhandelt, dann ist er demjenigen, der sich so eine Palette erworben hat, an Freiheit weit unterlegen. Denkt an Adam, unseren Urvater! Seine Entscheidung zur Ursünde war nicht frei, denn er hatte keine solche Denkpalette und wusste einfach noch nicht, was die Konsequenzen von beiden Alternativen sein würden. Genau darauf baut der Teufel mit seiner verlockend klingenden Lügenphrase. Warum können wir das sagen? Ganz einfach, Adam hätte die Sünde sonst nicht gewählt! In vollkommener Freiheit, durch keinen Gegenspieler getrickst, im Bewusstsein von ›was kommt danach‹, entspannt und gutgelaunt, mit all der nötigen Voraussicht, auch noch nicht ›zur Sünde verdammt‹, wählte doch jeder das richtige, allerdings muss bei so einem Wähler auch Klarheit herrschen, was nun wirklich ›richtig‹ sei.

==========2=========

Warum gebrauchen wir eigentlich immer den falschen Begriff? Denn wir meinen ja gar nicht Freiheit, sondern Bindungen – also eigentlich das ganze Gegenteil von Freiheit – es müssen nur die richtigen Bindungen sein!

Wählen wir einmal einen Menschen aus der Masse, irgendeinen! Dem geben wir nun wie in einem Fernsehspiel die Möglichkeit großer ›Freiheit‹; er darf wählen was er will zu seinem eigenen Glück, Geld spiele keine Rolle! Heißa, nun geht’s los! Und hier mein Punkt, jeder denkt ja erst einmal so: Zunächst also will er jemanden absolut Umwerfenden vom anderen Geschlecht, dann ein Superauto, was sag ich, eines? Dazu eine Jacht, Hawaii, ein Schloss, eine Traumvilla, mit berühmten Gästen zum Angeben, mit dem Präsidenten an der Spitze und auf Vornamenbasis. Na, und so weiter! Ihr merkt ja schon hier, wie ein Großteil unserer aller Träume immer auf Imponieren vor den anderen, also auf Angabe hinausläuft.

Aber merkt ihr das Wesentliche, dass dies alles Einschränkungen, Bindungen sind? Bin ich auf Hawaii, kann ich nicht gleichzeitig auf der Piaza San Marco oder auf dem Kilimandscharo sein, na und das protzige Auto ist ja enger und kleiner als das kleinste Wohnzimmer, hat auch nötigerweise keinen offenen Kamin! Ich kann auch nur immer entweder auf der Jacht oder in meinem Traumauto sein. Der teuerste Champagner muss ganz besonders vorsichtig genossen werden, ich kann etwa nicht gleichzeitig alles andere ›Berauschende‹ trinken. Und was die Superfrau, also allgemein die Ehe angeht – oder soll ich sagen, für unsere Zeit, jede Art sexueller Beziehung? Und ›Eheperson‹ statt Ehefrau? – so ist das ein Paradebeispiel von Gefangenschaft. Wir brauchen hier gar keine Vorstellungskraft mehr, ihr habt ja genug superreiche Armselige hier. Wieviel von euren Filmschauspielern sind nicht geschieden? Sie träumen von undefinierter ›Freiheit‹, binden sich ›auf ewig‹ wie auch immer und können’s doch nicht einmal ein paar Jahre halten. Scheidung ist schon von Beginn an mit einzuprogrammieren, ›bis dass der Richter euch scheide!‹ Also ist vielleicht Freiheit gerade die Kunst oder Weisheit, eine Bindung zu wählen, ohne die wir also nicht leben zu können meinen, die befriedigt und daher hält? Wählen und gar wählen müssen! Damit wird ja dann selbst die Freiheit selber nicht mehr frei.«

Erst macht Rudi die folgende humorvolle Bemerkung:

»Hurra, Tod , wo ist dein Stachel? Schon trennt er keine Ehen mehr. Wo ist er denn? Wir haben den Tod überwunden!«

Dann macht Sonya diese aufmunternde Zwischenbemerkung mit doppeltem, ja dreifachem Boden, die dann statt triumphalen Geheules aber auch in allgemeiner Unterhaltung untergeht:

»Also eine Weizbindung statt einer Strohbindung? «

»Denkt wirklich jeder so?« will nun Bob wissen,

»Dann will ich mal auf so einen weisen, einen Idealmenschen als dein Fernsehopfer da skizzieren! Der würde hier nun sagen: ›Danke, führe mich nicht in Versuchung, Satan! Ich habe ja alles was ich brauche. Wenn ich mich zu deinen Verderblichkeiten herablasse, dann verliere ich ja meine Freiheit! Damit gäbe ich ja zu, dass ich die ganze Zeit vorher gefangen war.‹«

»Bob, sei still!« versucht Mischa etwas direkt, seinen Gedankengang zu retten, der ihm momentan wichtiger ist als die ja eigentlich auch von ihm begehrte allgemeine Konversation,

»Du greifst mir nämlich vor! Ich will aber erst noch einen Gedanken anfügen.

Ihr wisst doch über die Kunst, sich in andere hineinzuversetzen? Jetzt nehmen wir mal die hingegebenen, um nicht zu sagen: überzeugten Kommunisten. Aber wir gebrauchen nicht mehr ihre Irrphrase ›Freiheit‹! Dann wird der Marxismus-Leninismus eine segensreiche Bindung an das Denken dieser ›Founding Fathers‹, wird gar die notwendige Hingabe ohne die vermeintlich ein Nebeneinander in der aufkommenden Industriegesellschaft nicht möglich wird. Schon sind wir ihrem Fühlen wesentlich näher, denn wir Christen sind ja zunächst einmal auch im diesem Boot ohne im geringsten den Kommunismus etwa gut zu heißen. Bis dahin ist es die Erkenntnis, dass wir eine Bindung brauchen, statt Freiheit, so wie all mögliche Theorien zu ihrer Beschaffung und ihrer Beschaffenheit. Und sich da mal zu vergreifen ist doch ganz menschlich?«

==========3==========

Mischa entwickelt nun einen anderen wesentlichen Gedanken über die Freiheit:

»Nur äußerliche wirklich absolute Freiheit, auf der anderen Seite – also selbst ohne so eine Belastung wie meine Denkpalette aller Möglichkeiten – im Extrem gedacht, wäre etwa ein Kosmonaut, der auf einer Raumexpedition verlorengegangen ist. Er hat keinen einengenden Raumanzug, das wäre ja weniger Freiheit! Die im Schiff haben den Mann einfach vergessen, niemand vermisst ihn; denn Liebe, oder auch nur Kameradschaft, sind schon wieder etwas Einengendes, Freiheit-Verminderndes. Er schwebt zeit- und planlos dahin, also ganz frei. Wäre er auf einer Umlaufbahn oder in ständig zunehmender Geschwindigkeit auf einen Körper, etwa einen Planeten zu, um darauf zu zerschellen, wäre selbst das schon wieder nicht ›frei‹.

Er stirbt aber verlässlich in Sekunden! Er verdurstet und verhungert! Viel früher noch erstickt er ohne Sauerstoff! Noch früher erfriert er in der absoluten Nulltemperatur von minus 273° Celsius. Und noch früher als das alles explodiert oder zerkocht – auch in der Kälte – sein Körper ohne den nötigen atmosphärischen Gegendruck von außen! Dies Letzte, Radikalste, sagt am besten, worauf ich hinsteuern will:

Gott setzt uns hier auf der Erde dauernd unter Druck, um uns vor uns selbst, der Selbstexplosion, zu schützen!

Denn statt Expansion, den ganzen Raum mit sich selbst ausfüllen wie Gott, ist dies Zerkochen am schnellsten und immer fatal. Als wenn Gott so argumentiere:

Ihr wollt alle wie Ich sein! Aber wenn ihr euch im Raum ausbreiten könntet wie Ich, überall zugleich sein, würde gerade eure geliebte Macht am schnellsten darunter verschwinden. Nur eine kleine zimmergroße Ausbreitung nach allen Richtungen kostete euch millionenfache Verdünnung! Denkt nun aber die Millionen Lichtjahre in allen Richtungen! Darum lasse Ich euch viel früher sterben als durch so eine radikale Verdünnung eurer selbst!

Wir können nur uns etwas vormachen oder in einer fernen Annäherung an relativer ›Freiheit‹ leben, wir haben Gefangenschaft, also Bindungen nötig!

Gut! seien wir also etwas großzügiger in unserer Suche nach Freiheit; denn wir wollen ja am Leben bleiben. Denken wir uns also die kleinlichen physischen Bedürfnisse einmal weg. Also er hat nun doch einen Raumanzug, der meinetwegen so gut wie gar nicht belastet: Für Sauerstoff ist gesorgt, ebenso Gegendruck, Wärme, CO2-Entfernung und Stoffwechsel. Seine Klecks-chen und Flüssigkeiten werden absolut diskret entfernt, Nahrung gibt es gleich im Blut mit dem jederzeit richtig eingestellten Glukosespiegel. Er segelt körperlich zufrieden also durchs All. Aber der Mensch ist ja viel mehr als »körperlich«!

Das heißt, segelt er eigentlich? Er hat ja kein Ziel. Die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes mit Materie, herumfliegenden Klamotten von Texasformat, ist so gering, dass der nächste in zwei Millionen Jahren zu erwarten wäre. Jahren? Es gibt keine Jahre und Jahreszeiten mehr, auch keine Tage, Monate, Wochen oder Feiertage. Es ist ewige Nacht. Erst beobachtet er noch die Sterne, um sich zu orientieren und sich ein künstliches, rein fiktives Oben und Unten zu schaffen. Bloß wozu das? Dann meint er, die Sternbilder wanderten, wie um die Erde. Das heißt, seine kleine Welt mit seiner Person rotiert um sich selber. aber wie schnell, wohin? Messen heißt vergleichen, aber was ist sein Normal, sein Mond, seine Sonne, die er nicht mehr sieht? Kann er sich einen künstlichen ›Tag‹ ohne Licht machen? Und dann wieder: Wozu das Ganze? Alles verliert an Gewicht, wie er selber physisch schon lange, er schwebt ja schwerelos, alles wird wertlos, wider- und unsinnig. Er hat ja alle Zeit aber keinen Zeitbegriff und Zweck mehr. Er wird nie mehr mit einem Menschen sprechen, ja, niemanden auch nur sehen. Funk reicht nicht bis zur Erde. Notizen, ein »Tagebuch« – ha, wie das hier klingt! – würden nie gelesen werden können! Sein Raumschiff erreicht die Erde nie mehr, und wenn doch, verbrennt es mit allem Inhalt in ihrer oberen Atmosphäre! Das ist Freiheit: »Das Schweigen« – »The Sound of Silence«!

Wozu lebt er denn da? Ja, lebt er denn überhaupt noch? Wozu, wozu? Er wäre lieber tot, denn einen Rest von Zeitsinn hat er noch, auch im Schlaf – und damit komischer Weise Sorgen! Sorgen um eigentlich nichts, um absolute Kleinigkeiten. Aber er weiß nicht mehr, was wichtig und was gleichgültig sei. Es ist ja alles um ihn weder das eine noch das andere.

Und dann betet der kommunistische Nihilist, der das All für den Kommunismus erobern sollte, um seinen Tod, seine eigene völlige Annullierung, Vernichtsung!

Was hat uns bloß diese Teufelserfindung Demokratie alles angetan! Oh könnten wir nur zurück, wie unser Raumpilot ja auch so gern wollte, ins Väterchen Russland, wo’s ja auch gar nicht ideal war. Wir sind ja nun selber diese verdammten Weltraum-Gefangenen der »Freiheit« geworden. Wann fing bloß der berühmte Kleine Mann an, von der Freiheit zu lallen? Wohl mit der französischen Revolution? Seit dann ging alles schief mit uns. Was stellen sich alle da immer als erstes vor? Sexuelle Bindungen! Habt ihr gehört, Bindungen, die sexuellen solche par excellence! Also die Beispiels-Gefangenschaft. Aber ohne Bindungen hast du gar nichts, bist du wirklich verloren. Es fallen nicht nur die Ehen immernoch zunehmend auseinander, wir können uns im wesentlichen nicht mehr unterordnen, nirgendwo! Wo gibt es heute noch Diener? Wir alle wollen Herren sein, und das gibt’s nur auf dem Hintergrund von Dienern, Sklaven! Absichtlich falsch ausgedrückt als ›Freiheit‹.

Im eigentlichen aber, und das wissen sie selber mal nicht mehr, will sich keiner mehr Gott unterordnen, wie ja die ganze Bewegung in aller Zeit nur immer auf die Abschaffung Gottes abzielte, weil Der der einzige wirkliche Herr ist! Angefangen bei Korach – ach, schon Adam – über John Locke, Französische Revolution, bis zu den Beatles mit ihrem:

›Imagine, There’s no Heaven‹

Ihr seht, unsere Revolution geht sogar viel tiefer – weil die Gemüter immer oberflächlicher werden – als die Revolution Korachs!

Die falsche Freiheit gehörte abgesperrt, abgeschafft, oder, besser, langsam abgebaut, mit jedemmal Erklärungen. Ach, sie würden ja gerade da mit scheinbar besserem Grund, ihrer Hure Babylon erst recht nachheulen!

Wisst ihr, was ich denke? Revolution mit dem Ziel Demokratie ist Abschaffung der Wahrheit! Weil nur Gott, Den sie abschaffen, Wahrheit ist! Und nun gibt es, wie in der Demokratie, hundert kleine Götter und alle leicht verschieden aber alle grob falsch! Denn Wahrheit kann es nur immer eine geben! Aber nun babbelt jeder kleine Gott was anderes, und wir verlieren den Konsensus. Kommt ein Hitler mit ›neuen‹ Gedanken, und das Volk nimmt es, als wenn noch in der alt-anerkannten einen Wahrheit!

Geld ist eine vertrackte Erfindung. Es ist ja eigentlich wertloses buntes Papier. Aber wir leben ja alle im Glauben, und nur das gibt dem Geld seinen Wert. Dieser Wert ist aber nur zu erlangen, wenn ich mein Geld ausgebe, um etwas Erwünschtes einzuhandeln, das ist der einzige wirkliche Wert des Geldes. Aber wenn ich es ausgebe, ist mein Geld ja weg! Und wenn ich ›Freiheit‹ anwende, ist sie noch drastischer weg, weil wir sie noch nicht einmal so einfach mathematisch wie Geld einteilen können, und ich bin gebunden. Freiheit und Geld sind sich da gleich. Ich muss sie ausgeben um sie anzuwenden. Und wenn ich falsch gekauft habe, so war es nur Verlust. Geld ist das biblische Symbol des Ego, menschlicher Macht und Freiheit, ›. . die Wurzel allen Übels‹. Sie sind aufzugeben, weil beides letztendlich Irrwerte sind. Denkt an ein geldbeladenes Kamel vor dem Nadelöhr. Ich will mal gleich hinzufügen, dass auch eine richtige Wahl nicht unser Verdienst sein kann, sonst könnten wir uns mit unserer Imponiersucht schon damit vor Gott rühmen. Alles Gute und richtiger Geist, auch der erst werdende, kommen von Gott, wenn wir noch Sünder sind.

Oder mal folgende Vorstellung.

Robinson Crusoe ist also so geldversessen. Er hat das große Glück auch errungen und landet nun wirklich mit seinem abenteuerlich erkämpften und verteidigtem Goldberg auf seiner einsamen Insel! Aber was nun gar nicht in seinen Schädel will, ist, dass er auch mit vielem Geld hier nichts mehr kaufen kann. Und es kommt, wie in der Weltraumkapsel, einfach keiner mal vorbei. Erst, wie noch gewohnt, bleibt er immer nahe seinem Goldberg, aber an dem ist niemand mehr interessiert! Unkraut keimt und verpackt seine Wurzeln zwischen die Goldstücke, dann Moos, Gras und Büsche; der Goldberg verschwindet im Grünen unter einem richtigen Berg. Ratten sind die einzigen Besucher, aber weiser als die Menschen. Sie schnuppern: Ist hier was für mich zu holen, das heißt zu fressen? Das Gold lassen sie liegen, es hat ja in sich selbst keinen Wert!

So finden Seeleute Monate oder Jahre später ein Gerippe auf oder in einem grünen Hügel, auch sie lassen das nun verborgene Gold liegen, sie aber nicht aus Rattenweisheit, sondern aus Nichtwissen. –

Jede Aussage, also auch in der Bibel, muss notwendigerweise eine Einschränkung sein. Wenn eben etwas so ist, dann kann es nicht mehr gleichzeitig das Gegenteil sein. Wenn jemand etwa nur ›Guten Morgen‹ wünscht, so hat das zur Voraussetzung, dass es die Möglichkeit eines schlechten Morgens gibt und er sich oder andere jetzt eben davon differenzieren will, also These, sofort begrenzt und in ihre Schranken verwiesen durch Antithese. Licht ist nur durch Schatten denkbar, Schatten nur dem, der Licht kennt.

Warum werden wir geboren? Im Uterus war es warm und schön. Wir litten weder Kälte, Hunger noch Durst, auch keine geistigen Frustrationen. Auch gab es keine Sünde und kein Gewissen, aber eben auch keine Freiheit. Wir waren ja aufs engste im Dunkeln eingepfercht. Welch eine herrliche gottgegebene perfekte Bindung! Davon das natürliche Ende heißt »Ent-Bindung« und das ist sie auch! Ich vergleiche das mit dem verlorenen Paradies.

Halt!! Ist keinem was aufgefallen? Eben habe ich doch eine Hölle skizziert! Die physischen Systeme funktionieren noch, so dass der Gefangene weiterleben muss. Aber in all seiner Wärme und ›Bequemlichkeit‹ sehnt er sich und betet um seinen Tod!

Und nun bezeichne ich das Leben in utero als das Paradies? Da sind alle physischen Systeme nun auch »angeschlossen«. Nicht wahr, die Blutglukose und das Kleckschen? Alles da, alles das gleiche. Wie komme ich denn da auf diese beiden Extreme, wenn alles so gleich ist? Wo liegt der mögliche Unterschied?

Der Fluch der Hölle ist das Menschsein, nämlich eben diese Freiheit! Die wir bis da nicht aufgegeben haben! Die Freiheit des Menschen zur ›Verantwortung‹, die er nicht tragen kann. Denn die ist Gottes und sie als ›Freiheit‹ zu übernehmen war ja die Ursünde von Eden! Dahin hat er nun seinen Adamsfluch gerettet mit seinem Unternehmungsgeist, und mit seinem Ego – sagen wir‘s spöttisch: – mit seiner „Menschenwürde"! – und schwebt verdammt im schwarzen ewigen Nichts – und betet um eigene Vernichtsung! Was fehlt ihm denn so schmerzlich, dass er sich ins Nichts auflösen möchte? Die Bedeutung als Mensch! Aber das ist die Liebe, nicht die Verantwortung. Und dass er mit anderen Bildern Gottes kommunizieren kann, denn dafür und darauf hin sind wir erschaffen.

Und in utero?

Da hatte er Hoffnung! Das ist eine Unterart von Glauben. Und das ist eigentlich schon der ganze Unterschied.

Hofschneider kreieren und fertigen das Brautkleid, alles für den großen Tag X, zwanzig Dressmaidens hüpfen mit Stecknadeln im Mund um die wie eine Schaupuppe aufgetakelte Prinzessin. Im großen Schlosspark wird die zweihundert-Mann-Kapelle aufgestellt und probt den ganzen Tag. Das große Festessen ›fürs Volk‹ wird geplant. Es reicht der Platz für die Tafeln aber nur für rund Fünftausend. Na, macht nichts, selbst die Demokratie ist ja auch niemals wirklich fürs ganze Volk! Vierhundert Kellner! Die Garküchen stehen in über zwanzig verteilten Zelten, sonst kämen die Kellner bei den längeren Wegen gar nicht durch in dem Gedränge. Nur die Bierfässerverteilung und der geplante freie Ausschank klappen soweit in den Proben bisher vorzüglich!

Ebenso werden alle Systeme gefertigt und instandgesetzt. Sind die beiden Zahnanlagen-Reihen so weit? Was macht das Extremitätenteam? Schon die Digites geformt? Was soll Blutgruppe A? Die Gene A0 und 00 erlauben doch die Anlage 00, also am Ende Blutgruppe 0, das ist viel vorteilhafter, mit Rhesusfaktor negativ, ein Blut-Allesspender. Keiner nennt das Datum mehr anders als den Count-down nach Tagen. »Was , nur noch 89?« Am Tage Null wird nämlich das große Signal zum Wehenbeginn an den Wirtsorganismus geblasen, dass die Tage erfüllt und alles vorbereitet sei. Niemand denkt anders als an dieses Ziel. Und der Fötus, die Prinzessin selber? Die ist natürlich ganz verrückt auf den ›schönsten Tag ihres Lebens‹!

Das ist unser Paradies in utero!

Hoffnung, Ziel und Vorfreude. Und massig menschliche Gesellschaft und Gedankenaustausch.

Der Embryo aber merkt nichts davon, er weiß doch noch von nichts?, sagst du?

Soviel wie er weiß und ahnt, genau in dem Maße, denn er lebt ja von vornherein nur in Gottes Voraussetzungen, hofft er auch schon, die beiden gehören eng zusammen, wie er und seine ganze Umgebung. Oder nenn’ es in Abwesenheit so vieler Geistesfunktionen – Unbedarftheit, Seligkeit, Nichtvorhandensein von dieser giftigen, stachligen Freiheit . .

Im Uterus ist also physisch für alles gesorgt. Und geistlich regieren Vorfreude und Hoffnung oder embryonale Vorstufen davon. Und wie bei der einzugehenden Ehe ist der Eintritt ins Leben ohne Nabelschnur nach draußen vielleicht der Schritt ins eigentliche Glück. Und dies ist das fassbare Pfand: die Nabelschnur! Die ist nämlich von Gott erschaffen und eingesetzt und ›angeschlossen‹. Zusammen mit der hochkomplizierten Plazenta und dem Uterus – Gottes High Tech. Versteht ihr? Das Pfand, dass der Höchste Chef im ganzen Universum an der Arbeit ist. Und nicht wir immer mangelhaften und ungewissen Menschen, die sich nur frech vorwagen, wo sie ihrer Anlage nach doch nichts zu suchen haben. Geburt der Schritt ins große Glück. – und nun kommt’s:

- genauso wie letzten Endes der Rausschmiss aus Eden!

Denn Gott wollte uns ja, zunächst nur, mehr Freiheit und Erwachsensein schenken, zum Nachdenken, mit all den Problemen für uns zu knacken, und all den Gefahren und dem gewissen Tod am Ende, – und das ist doch das beste Ergebnis unseres Mündigwerdens. Darum sagte ich, Licht wird erst durch Schatten bewusst.«

Wie zum Test des Verständnisses des eben Gesagten fährt er fort:

»Also warum bloß flogen wir nun eigentlich aus Eden heraus?!«

Jim antwortet nach einer Weile: »Das ist doch klar, wegen Adams Sünde.«

Diese Antwort Jims hat Mischa nicht erwartet. Ein »Warum?« als Frage hat viele Facetten! Jims Version bringt den Träumenden mit einem Schlag wieder ins heutige Amerika und unsere mangelhafte Welt des Missverstehens und Aneinander-Vorbeiredens zurück.

Hier muss ich, Öhrlein, ein paar persönliche Bemerkungen einschieben, die kurze Szene scheint mir bedeutungsschwanger.

Thomas Mann gesteht dem europäischen Osten »Tiefe« zu, dem Westen dagegen »Ordnung«. Dabei bezeichnet er Deutschland, wie Mischa, auch schon als beides oder die Mitte, die bei Thomas Mann nun allein beides habe. Michail ist der typische Ostmensch. Hier prallt er mit dem geistlich flacheren amerikanischen Jim aneinander. Jim redet ja inhaltlich ganz wie Pastor Noomey. Ich erwartete erst, Noomey werde ihn zu einer Art Schoßkind machen. »Seht ihr, selbst euer Jim hier weiß genau, was ich meine!« Das hat sich nie bewahrheitet. Warum wohl nicht? Weil der Pastor ein Heuchler ist, (Das meine ich als eigentliche Tatsache, nicht als Schmähung.) dahin geworfen durch seine Überzeugung, »Taten« für den Herrn müssten »gegen das Fleisch« immer abgequält sein. Aus demselben Grunde bleibt er auch seiner fehlerhaften Einstellung treu, einschließlich der strikt verehrten Schöpfung in genau in 144 Stunden, weil ein Christ im Glauben fest und treu sei!

Ach, er hat sich ja durchaus zu Mischas und später auch Sams Argumenten bekehrt, schon auf dieser Party, wo er schmollend schweigen musste. Aber die haben ihm nur mehr Freiheit und damit Sorgen gemacht. Nun hasst er sich selber und ahnt, dass er unheilbar verloren ist, weil er vermeintlich das alles nicht kann und hat. Er hasst das Leben und will lieber sterben! Er, der immer den allwissenden Lehrer spielt, ist nun ein plärrender ungezogener Schüler, der endlich ahnt, dass er gegen den vorherigen »Schüler« nichts weiß. Und wie sich selber hasst er ebenso den Jim. Und Jim? Wir werden sehen, wie im Grunde dieselben Kräfte in dessen Seele am Werk sind.

Ach! was hilft es, dass ich hier ›Spannung anhäufe‹ ? Ich will doch keinen Kriminalroman schreiben. Dale wird den schwachen Jim zwingen, ihn zu ermorden ! Das ist ja, was mich so aufregt und mir jetzt noch, nach allem, schlaflose Nächte bereitet und mich zum Schreiben zwingt, ob ich nicht in diesem ganzen Schuldgeschiebe ein Gutteil selber abgekriegt habe! Das ist das Leben, das gottgegebene Leben, wie eben von Mischa beschrieben! Denn ich bin nicht besser. Ach, um diese Zeit konnten wir ja nichts ahnen! Dale wollte durch Vermeidung einer Mordtat, auch an sich selber, vor Gott seine eigene Seele retten. Dafür opfert er lieber Jim, das ist der von Mischa beschriebene Weg des Selbstmörders über den Leib, um die Seele zu treffen, und hier über Jim! Und ich? Ich will wohl auch nur meine eigene Seele retten!

Lieber Thomas Mann! Siehst du denn nicht, dass wir gerade solche östliche Tiefe brauchen? Denn unsere westlich aufgezwungene »Ordnung« ist ja faul geworden, sie stinkt! Beschreibt so einen Leichnam, der dann »ausgestunken« haben wird, nicht überhaupt dein Hofrat? Unsere Ordnung ist ja längst Fassade, Heuchelei, bayrische Fensterladenatrappe geworden. Ordnung ist immer ein Kind der Tiefe, die zuerst kommen muss; denn nur wer da weiß, der ordnet sein Leben! Dessen Leben ordnet sich von selbst , möchte man sagen. Die Ordnung war ja auch einmal im Westen erst Tiefe. Aber dann haben wir ja Gott, also die Tiefe selbst, aufgegeben und damit so viel!

Du gibst ja deine Tiefe, deine Seele, nie preis, getreu den durch Tonio Kröger ausgedrückten Überzeugungen. Also faselt dein Settembrini, wohlbelesen und gebildet – aber nicht weise – im Kreise herum! Er überzeugt auch seinen Schüler Castorp oder den Priester Naphta nicht, weil sein Herz, – das ist dein Herz! – nicht darin ist. Du, Thomas, bist kein Christ, das ist des Pudels ganzer Kern! Aber ein Humanist wie Settembrini, über den du dich eigentlich ja selbst nur lustig machst, eine Karikatur wie so viele deiner Gestalten, bist du also auch nicht! Was bist du nun? Unser größter Schriftsteller für die Zeit, und das war die allerkritischste in den eineinhalbtausend Jahren, da es ein Deutschland gibt! Sie wollten uns vernichten, ein- für allemal mit uns fertigwerden! Und gerade da lässt du uns schäbig im Stich! Damit wird nun alles ornamental bei dir, ein aufgeklebter Fensterladen! Überzeugen und Bekehren gehen doch nicht ohne zuerst Bekennen! Aus dem Geist, aus der geistlichen Tiefe!

 

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Ich kehre zur Diskussion ins lebendige Webbhaus zurück.

Jim hat behauptet, der »Rausschmiss« aus dem Paradies sei durch Adams Sünde verursacht. Das ist wörtlich zunächst völlig korrekt. Aber alle verstehen schon richtig, dass er da auf den postulierten freien Willen des Menschen anspielt, der Gottes Pläne, sie eigentlich in Eden zu belassen, durchkreuze.

Mischa fängt sich aus seinem Traum in die amerikanische Wirklichkeit überraschend schnell, er erwidert und lenkt geschickt auf sein Anliegen zurück:

»Da haben wir’s! Sünde, Schatten, ohne den keine Lichtwahrnehmung möglich ist. Genuss, der nur durch vorheriges Leiden erkauft werden kann! Wisst ihr, es gibt keine Glücksempfindung! Für Schmerzen und Unwohlsein, ja, da haben wir Wahrnehmung. Aber ›Glück‹ ist viel abstrakter. Glück ist, wenn alles funktioniert, wie es soll. Dass das eigene Herz schlägt, wird uns doch normalerweise gar nicht bewusst. Aber wer bei einem Herzanfall fast gestorben ist, ja der begrüßt sozusagen jeden Herzschlag. Glück kann man sich jeweils nur zusammenkombinieren, wenn ein Schmerz aufhört und wir den Gegensatz begreifen.

Ich sage über das verlorene Paradies, Gott, der uns liebte, wollte uns Seine ganze Herrlichkeit vorführen und musste uns dazu erst der Sünde überantworten.«

»Die Sünde kam allein durch den freien Willen Adams, der die Sünde wählte! Gott will doch nicht das Böse.«

widerspricht der Pastor nun ganz patzig direkt in der gleichen flachen Denkebene, nur noch deutlicher und ausgesprochener als vorhin sein geistesverwandter Jim.

»Und Gott, Der doch alles weiß, wäre also zutiefst überrascht gewesen?« kontert Mischa. Darauf etwas gröber und deutlicher, weil enttäuscht, dass der Pastor von seinem langen und tiefen Sermon so gar nichts mitbekommen hat: »Es gibt keinen freien menschlichen Willen, das ist humanistische Utopie! Weil ja dann gleichzeitig Gott nicht allmächtig sein könnte!

Es kommt mir hier in eurer Axiomenrigidität, das ist ja eigentlich Phantasie- und Gedankenarmut, so vor – wie beim Kommunismus! wo alles so bombenfest und klar sein soll – dass euch nicht einmal ein ›Guten Morgen‹ viel zu sagen hat bei eurem ›small talk‹-Denken. Wenn hier gefragt wird ›How are you‹, sagt alles gedankenlos, ›danke, fein‹ im Zwang einer skurillen leeren Hallmark- und ›Christmas Card‹-Tradition, auch wenn’s ihm noch so dreckig geht, also in Unfreiheit. Axiome sollen ja allerdings fest, aber auch zuverlässig richtig sein. Das heißt, wenn sich eine Annahme als falsch erweist, muss man sie schnell und öffentlich richtigstellen, nicht clam heimlich unter den Tisch fallen lassen – oder gar beibehalten wie Frankreich seine ›révolution‹, als wäre gar nichts geschehen, im Gegensatz zu den Deutschen mit Hitler’s.«

»So, dir kommt vor, dass nichtmal ein Guten Morgen uns noch was bedeutet!« sagt darauf Bob Petersen,

»Aber du kommst uns bei allem vor wie ›Sporting Life‹ in ›Porgy and Bess‹: ›It ain’t necessarily so!‹ Das ist eine Oper von George Gershwin, die unter Afro-Amerikanern spielt . . »

» . . von Gerschowitz, Sohn russisch-jüdischer Einwanderer! Natürlich kenne ich das.«

Aber seine Antwort geht im Gelächter über Bobs Einwurf unter. Dahinein bemerkt Jim:

»Michail hier würde ›unter Negern‹ sagen!« Darauf Mischa:

»Na, warum denn nicht? Heute sagt ihr ›Afro-Americans‹, gestern hieß es Schwarze oder Farbige. Ich meine ganz medizinisch die Rasse. Das viele Verstecken verrät doch nur, will sagen, wer sich so herumwindet und nicht mehr das Kind bei seinem Namen nennt, verbirgt wohl bloß in Unfreiheit seine eigenen rassistischen Tendenzen!

War ein blonder Mann schwedischer Abstammung seit Generationen in Johannesburg ansässig, dann wanderte er hier ein. Ein Afro-Amerikaner ?! Und ein ›Schwarzer‹ andererseits ist schließlich auch ein Schornsteinfeger oder Süd-Inder!«

»Also, der Mischa weiß auch bei allem einen Senf dazu und eine lange Predigt!« verteidigt Bob seinen vorigen Einwurf.

»Danke, das sage ich ja. Ich war lange allein und was ihr in der Unfreiheit nennt. Ihr erwartet doch selbst, dass da mein Denken anders ist.«

»Wir sprachen über die Freiheit. Ich habe da noch Fragen an Maik. Das Thema interessiert mich sehr.«

lenkt nun der Pastor im Bedürfnis, den Gast doch nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen, wieder auf das Thema.

»Du musst hier nachsichtig mit uns sein, lieber Mikail, wir haben eben über das meiste nicht so nachgedacht wie du. Was uns normal und glasklar vorkommt, darüber machst du gleich die tollsten philosophischen Einschränkungen!

Aber nun meine Frage: Sind nicht gerade diese vielen Wenns und Abers in sich die größte Einschränkung und damit also Unfreiheit im Denken? Du sagst ja selber, Adam vor der Sünde war so frei, dass er nicht einmal deine ›Denkpalette‹ mit sich herumzuschleppen hatte. Unsere Demokratie und Freiheit mögen ja der alten europäischen an Kompliziertheit unterlegen sein, aber dafür verwirklichen wir, was eben der einfache und unkomplizierte Mann erträumt, zum Beispiel in der Regierung.«

Beim Niederschreiben will mir scheinen, als ob an diesem Punkt unser Mischa wirklich geistig noch ein Ausländer ist. Des Pastors Bemerkung ist eine weit verbreitete, sehr amerikanische Ansicht, wie sie Europa sehen. Er aber antwortet bloß:

»Ich würde es auch gern glauben, lieber Pastor! Kommt ein sehr einfacher und ungebildeter ›Kleiner Mann‹ aus Braunau…«

»Ach, der Hitler war ein Monster! Den kann man nicht für alles heranziehen!«

Sagt das nun der Pastor, wenigstens teilweise, weil er beachtet haben will, um was es sich bei dem Stichwort Braunau handelt? – Denn das ist ja schon viel für Amerika.

»In einem, dem wesentlichsten Punkt, war er aber mindestens allen anderen ehemaligen Kleinen Männern als Herrscher gleich:« versetzt Mischa,

»Sie wollen die Macht – das ist anders gesehen wieder unsere sogenannte und -gelobte Freiheit – immer für sich selbst und für die ihren!

Was nun also die Freiheit angeht, nehmen wir einmal die ›demokratischen‹ Wahlen, wie sie den Deutschen nach ihrem völligen Zusammenbruch von euch aufgezwungen wurden.

Da kamen nun also ihre ›Befreier‹ aus Ost und West mit aufgepflanzten Bajonetten und brachten ihnen den ›Segen der Demokratie‹ zurück. Über den der Russen, den ihr auch nicht mochtet, weil’s ja dann auch nicht mal eine in eurem Sinn Demokratie, sondern wieder eine Diktatur wurde, und über ihre vergeblichen Bemühungen, in der gesamtdeutschen Wahl von 1946 nun ihre vereinigte sozialistische Partei, die SED, ans Ruder zu bringen, brauche ich keine Worte zu verlieren. Aber nun der ›freie‹Westen!

Die ›ersten freien Wahlen‹ und die Selbstbestimmung für jedes Volk, also nun auch für die geschlagenen Deutschen! Welch idealistische hohe, noble und gütige Gedanken!

Die Deutschen hatten gerade ihr Drittes Reich hinter sich. Das war ja nun ganz demokratisch und, geben wir’s nur zu, in aller eurer Freiheit, aus der Weimarer Republik entstanden! Hitler, ein guter Redner und politischer Kämpfer, hatte seine Partei ganz demokratisch höher und höher in der Meinung des Volkes gebracht. Noch 1944, als sich der Zusammenbruch schon abzeichnete, hatte Hitler etwa noch 70% aller Stimmen des Volkes, also eures beliebten ›Kleinen Mannes‹, fest hinter sich, – in Wahlen, die mindestens so frei waren wie amerikanische! . Und so stand es auch noch etwa zu den ersten ›befreiten‹ deutschen Wahlen der Alliierten; denn die Leute hatten ja in all der Aufregung, Todesangst und Sorge ums tägliche Brot einfach keine Zeit und Gelegenheit, sich innerlich auf etwas anderes zu stimmen. Vorm Kriege hatten die Sozialisten und Kommunisten, von Hitler überrundet, etwa die restlichen 30% der Stimmen auf sich vereinigen können, minus ein paar Prozent Splitterparteien und Unentschiedener. Daraus leiten wir hier im Westen ab, dass die Deutschen nie überwiegend sozialistisch waren, und also auch 1946 nicht. Lasst mich hinzufügen: auch nicht demokratisch. (Zu) benevolent gesagt: Demokratie ist immer Missverständnis!

Also nun, die Freiheit im Westen des gerade zerteilten oder zu zerteilenden Deutschlands! Jegliche Partei mit irgendwelchen Nazitendenzen ebenso wie die Kommunisten, war verboten! Das war die ›Selbstbestimmung‹ und Freiheit unserer Befreier!

Ja, versteht ihr die Wörter ›Selbst‹ und ›Bestimmung‹ nicht mehr? Wenn sie nun Nazi oder Kommi wirklich und als Mehrheit wollen, dann ist das nicht eure Gnade, es ihnen zu gewähren, sondern ihr seid an eure Versprechen ganz simpel gebunden!

Aber Verhindern, was sie wirklich wollen, wie Usa als Sieger, das ist weder Demokratie noch Diktatur. Das ist Tyrannei !

1940, kurz vor dem Eintritt Amerikas, bestand dort ein Gesetz, dass sich USA nie wieder in einen auswärtigen Krieg verwickeln würde. Das amerikanische Volk war nachweisbar zu 80% auch gegen einen solchen (neuen Welt-) Krieg. Franklin Roosevelt, der Präsident, hatte aber schon lange auf gerade einen solchen hingearbeitet. Oh, sie haben eine fest gegründete gut funktionierende Demokratie! Sie wissen schon aus Erfahrung, wie man mit so lästiger Meinung des Volkes fertig wird, sie überspielt und macht was man will! Das ist ja gerade die Freiheit und Macht der Herrschenden! Amerika trat ein, schon vor Hitlers (durch Roosevelts Krieg mit Japan erzwungener) Kriegserklärung.

Wozu da eigentlich Wahlen nach Kriegsende überhaupt? Die Meinung der 70% verboten, ebenso wie die der 28% anderen! (Und in Usa selber die 80% einfach überspielt!) Die ganze Wahl reines Affentheater, auch im Westen! Zu staunen war nur, dass niemand herzlich und öffentlich laut über solchen Unsinn gelacht hatte! Auch hier in Amerika, wo man doch nun die Freiheit und Gleichheit für alle so mit Löffeln gefressen hat, eine solche diktierte ›Wahl‹ offenbar also etwas ganz Selbstverständliches und Alltägliches war. Niemand protestierte, die Stimmungsmacher gegen Deutschland, nicht irgendwelche Vernunft oder Gerechtigkeit, gewannen.

Man betrachte die Verlogenheit, den Sauerteig der Pharisäer! Hätte man als Sieger einfach befohlen, die Deutschen hätten’s geschluckt, sie hatten ja überhaupt nichts mehr zu mucksen, es wäre ihnen sogar lieber, weil verlässlich ehrlicher, gewesen! Es wäre ja auch kein Unterschied zu dem was wirklich geschah. Es wäre nur wahrhaftig gewesen, und so hatten sie’s überhaupt selbst erwartet. Aber was gilt hier schon Freiheit und der Kleine Mann – besonders die anderer Nationen? Das Infamste war ja der so plumpe Schein der Gerechtigkeit!

Ebenso posaunen wir religiöse Freiheit! Aber wenn einer Ernst damit machen will, dann schreien wir: halt! mit der grausamsten Gewalt, inzwischen als stärkste Macht nun auch ganz ohne Opposition und Schranken in der Welt.«

»Wo gäbe es bei uns denn jemals keine religiöse Freiheit?!«

»Will ich gerade sagen: Zum Beispiel bei den ›Mormonen‹ am Ende des vorigen Jahrhunderts! Die wurden wegen Vielehe wie die Ratten gejagt, Grund : ›lascivious intercourse‹. Als wenn das jemals auf diesem Kontinent – oder fairerer Weise: nun schon in unserer gesamten europäischen Kultur – etwas Außerordentliches gewesen wäre!«

»Nun ja, das war wegen der sexuellen Entgleisungen! Niemand tastete ihre Religion an!«

»Aber der ›Prophet‹ hatte das verordnet! Also war es Teil der Religion. Und davor gab es ja auch kein eigentliches Gesetz dagegen. Hier wurde das Gesetz nachträglich dem Verbrechen zugeschneidert. Und die Bibel, suche man wie man wolle, verbietet auch die Vielehe nicht! Gott ist nur sauer mit David und dann besonders Salomon, weil sie sich mit ihren über tausend Frauen und Konkubinen deren Abgötterei mit ins Haus geladen hatten. Salomo hat mit seinem Tempelbau für die phönizische ›Göttin‹ Astarte eine Sünde für ganz Israel begangen, folgenschwer bis heute! Mit Abgötterei verdirbt man’s mit Gott am schnellsten! Ehebruch und Mord, eben wegen Salomos Mutter, werden seinem Vater David vergeben, aber nicht Salomos falsche Götter. Nach ihm also fällt Israel auseinander, strudelt in die Dekadenz bis zu Nebukadnezar.«

»Ja, nun sind die ›Mormonen‹ aber eine abscheuliche Sekte!«

»Ja, so wie auf einmal die Kommunisten 1950! Wo auch eine rechte Katz-und-Maus-Jagd in Usa veranstaltet wurde! Gesinnungsterror in der ›Freiheit‹, besonders der, politische Systeme zu wählen! Hier geht alles nur nach ›nice‹ versus abscheulich, nicht nach Gesetzen und Wahrheit, und ›nice‹ sei, was der zur Macht gekommene ›Kleine Mann‹, der weder Kultur, noch Geschmack oder Verständnis hat, so diktiert! Am Ende sind eure Axiome nicht rigide, sondern von vornherein schon viel zu wabbelig! Wenn mal wenigstens der kleine Mann frei wäre! Aber seine Weisheit kommt aus der Röhre! Der Vietnamkrieg wurde durch Fernsehsprecher Walter Cronkite, das ist ja eigentlich deutsch und heißt Krankheit, beendet, und das war es auch, wenn auch dem Inhalt nach endlich zufällig mal das Richtige.

Wer regiert hier eigentlich? Das Ende ist eine furchtbare Volksdiktatur! Eben, vor 1950, wurden doch die Kommunisten als revolutionär noch hofiert, man denke an Hemmingways Romane oder Roosevelts Haltung zu Sowjet-Russland. Aber plötzlich waren sie nicht mehr ›in‹, nicht mehr Mode, nicht mehr ›nice‹. Wieviel Kriege und Fast-Kriege hat das allein nach 1945 gezeitigt!

Im Ersten Weltkrieg fand man die deutschen U-Boote nicht ›nice‹, besonders, als sie auch amerikanische Schiffe torpedierten, die in Bruch der amerikanischen Neutralität fleißig Kriegsgüter für England herbeischafften! Auf ein solches nice-Empfinden, hier durch die Propagandakunst Englands, war der ganze fatale Kriegseintritt Usas auf der falschen Seite begründet. Oh, die Jänkies, Herren der Welt, sind wegen ihrer Ablehnung tieferen Nachdenkens sehr anfällig für Reklame und Einsäuseleien!

Dabei war die ›Lusitania‹ zu allem Ärger gar noch ein englisches Schiff! Also was verletzte das die neutralen Amerikaner? Eben, dass es widerrechtlich bis zum Rande mit amerikanischen Kriegsgütern und Soldaten vollgestopft war! War das vielleicht nice in einem internationalen, gerechten, gleichberechtigten Sinn? Sie hätten klügerer Weise ganz ihr großes Maul halten sollen!

Was sie vergaßen war, dass die Deutschen – ökonomisch hoffnungslos den Briten, Schotten, Irländern, Australiern, Neuseeländern, Kanadiern, Indern, und nun also als dem dicksten Ende dazu auch den Amerikanern, unterlegen – um ihre Existenz kämpften. Die britische Blockade, ganz bestimmt auch nicht ›nice‹, war viel erfolgreicher direkt physisch wie nun auch psychologisch, als der Deutschen Schiffeversenken, während Deutschland, im Gegensatz zum reichen England, schon am Hungern war. Die Deutschen wehrten sich verzweifelt in einem gegen jedes Recht ihnen aufgezwungenen Krieg gegen eine überlegene Macht, die für die eigenen Hegemonialabsichten der Bandenhäuptlinge den Krieg angefangen hatte. Wer schon Lieber Gott spielt, wie hier nun die naiven und unwissenden Amerikaner, sollte wie Gott auch beide Seiten unvoreingenommen betrachten!«

»Volksdiktatur! Das ist ein Widerspruch in sich selbst!« bemerkt Rudi nach einer Weile.

»Aber wieso denn? Haben wir euch nicht gerade eine vorgemacht? Was sag ich, schon zwei, Marx’ und Hitlers! Bei den Nazis war’s sogar noch die ehrlichere, weil’s bis zuletzt wirklich das Volk so wollte. Der große Sokrates, der seine Zuhörer gern durch Fragen belehrte, sagt nach seiner demokratischen Verurteilung zum Tode durch drei Stimmen Mehrheit; womit seine Hinrichtung ja Gesetz wurde, selbst wenn sich also das Volk derart uneinig war:

›Ist die Demokratie nicht auch eine Diktatur?‹

Und ich sagte nur: Missverständnis! Er redet da sogar von jeder Demokratie! Und immer geht’s schief, wenn sich zwei bekriegende Parteien stimmgleich sind.«

»Was wirklich das Volk will, und ich lasse mal deine deutschen Unrechtswahlen in Ost und West nach Kriegsende gelten, das kann nie verkehrt sein!« sagt Dale, »so haben wir es rechtlich einmal festgesetzt.«

»Ja aber wieso denn bloß? Genau das Gegenteil ist der Fall! Eure ›Festsetzung‹ war fehlerhaft und sündig, und ihr seid nicht der Rest der Welt, der dem noch lange nicht zustimmt, wenn es schon mal nach Abstimmung gehen soll. Aber Abstimmung ist nie gleichzusetzen mit Weisheit oder gar Wahrheit! (Und wenn das Volk wirklich einmal richtig denkt, wird es einfach überfahren!) Aber bleiben wir beim Gegenteil.

Waren nicht alle achtzig Millionen unter Hitler oder meinetwegen nur die absolute Mehrheit der knapp 60 Millionen, die auch für ihn stimmten, alle falsch? Fragt nur mal dieselben Menschen ein paar Monate später, nach Kriegsende! Und das war kein spezifisch deutscher Zufall. Jede Nation würde in diesem Dilemma genauso für den ›starken Mann‹, der nun zum Retter wird, gestimmt haben! Das ist das Wesen der Demokratie. Was das Volk wirklich will, die breite Masse der Bibel, die jeweils den großen breiten Weg geht, den der Sünde! – ist fast immer verlässlich falsch! Schrie nicht auch eine damalige Volkesstimme ›Kreuzige, kreuzige!‹ die eben noch ›Hosianna dem der da kommt!‹ zugejubelt hatte? Es ist der Deutschen geplantes Schicksal, wie wir jetzt im Zusammenhang der Stasi-Verfolgung wieder sehen, als die Dummen, Falschen dazustehen!

Also dann, fröhliche Urständ’! Adolf wieder an die Regierung! Die Demokratie, das heißt, die Mehrheit solcher ›kleinen Männer‹, an die Macht! Heil Hitler!«

»Na, du scheinst dich doch so für ihn einzusetzen.«

»Wieder ganz verkannt! Ich nehme ihn als Quintessenz des Üblen oder vielleicht des naiven Irrtums, soweit sind wir uns doch einig. Aber da man seine demokratische Wahl vom Volke nicht leugnen kann – er ist wohl immernoch derjenige Herrscher nach Korach, der je in einer Abstimmung ehrlich die meisten Volksstimmen auf sich vereinigen konnte – wird er das in der Neuzeit erste und bisher beste Beispiel dafür, dass die ganze Demokratie in sich selbst und vom Konzept her grundfalsch und teuflisch ist! Das ist ja auch gar nichts Neues, Gott hasst alle fremden Götter und die damit verbundene falsche Kultur. Das ist Sein erstes und wichtigstes, oder die beiden ersten vornehmsten Gebote! Das wussten wir seit Jahrtausenden! Warum wird auf einmal der Verstoß dagegen so eine große Mode? Eine Ersatzreligion im Geiste der Französischen, von Gott in jedem Fall gehassten, Revolution, eine Abschaffung Gottes, ein egoistischer Weg zu den falschen Göttern der Antike, das und nichts anderes heißt die Revolution und ihre sie erst auslösende ›Renaissance‹ mit ihren vor Gott verabscheuten Demokratien! Denn sie sind ja der antike Götterhimmel der vielen falschen Götter, Hauptsünde Zwei, verbunden mit der biblischen Ursünde, dass wir alle nun wie diese Götter werden, Ursünde Eins, zu sein wie Gott! Ein allzu bald wieder abgelegtes Versuchsspielzeug der alten Griechen ist die Demokratie, die aus diesen Wurzeln wuchs, Humanismus, wo nun das Volk Herr sein will – und ihre Machthaber sich nun alle Mühe geben, noch gerechter und ›humaner‹ als Gott selbst zu erscheinen – und nicht mehr Gott und nicht die Monarchen, wenn auch oft nicht ideal, jahrtausendelang die Obrigkeiten, die Gott uns gab, ihnen untertänig zu sein.