Zwanzigstes Kapitel

Der Preußenkönig und die Sexfrage

Ehe ich zum Preußenkönig, meinem eigentlichen Thema, komme, will ich noch von einer Episode berichten, von der ich nicht einmal mehr weiß, an welchem Tag eigentlich genau sie stattgefunden hat. Sam sagte da einmal, während er einen Zettel suchte:

»Ach, was ich euch schon lange vorlegen wollte, . . die Übersetzung eines Gedichts von einem Johannes Aloys Blumauer aus der gärenden Revolutionsepoche, es wurde nämlich um 1786 in Wien von Mozart vertont! Die Melodie ist eigentlich für den revolutionären, oder hier sogar konterrevolutionären Inhalt zu mozartisch-lieblich. So etwas wäre Schubert wohl nicht passiert. Mal sehen, ob ihr herausfindet, gerade im Hinblick auf Mischa hier und seine Gedanken über Freiheit, warum ich es euch ausgesucht habe, will also eigentlich wie er, die eigentliche Antwort, die mir vorschwebt, nicht geben!

Mozart und wohl auch Schubert, wie wir sie kennen, haben diese Ironie wohl selbst nicht verstanden, denn Denkertypen oder Christen waren doch offenbar beide nicht. Dennoch ist ja dies Lied für Schubert um diese aufsässige Zeit sehr brisant, schon speziell wegen seines revolutionär aufgefassten Figaro war er bei der adligen Obrigkeit verdächtig! Also hier:

1, Wer unter eines Mädchens Hand

Sich als ein Sklave schmiegt

Und von der Liebe festgebannt

In schnöden Fesseln liegt,

Weh dem! Der ist ein armer Wicht, . . . .

Er kennt die goldne Freiheit nicht!

2. Wer um ein schimmerndes Metall

Dem bösen Mammon dient

Und seiner vollen Säcke Zahl

Nur zu vermehren sinnt,

3, Wer sich um Fürstengunst und Rang Weh dem! Der ist ein armer Wicht.

Mit saurem Schweiß bemüht

Und eingespannt sein Leben lang

Am Pflug des Staates zieht

Weh dem! Der ist ein armer Wicht.

4. Doch wer dies alles leicht entbehrt,

Wonach der Tor nur strebt,

Und froh bei seinem eignen Herd

Nur sich, nicht andern lebt, Der ist’s allein, der sagen kann,

Wohl mir, ich bin ein freier Mann!«

 

»Nicht wahr,« sagt Sam,

»wir würden auch heute beim schnellen Darüberweglesen hereinfallen und erstmal nichts merken? Also dem Herrn Aloys recht geben, weil er so herrlich über die geliebte Freiheit jubiliert? Aber nach etwas Nachdenken geben wir ihm ja auch recht, andersherum, wenn wir die Ironie bemerken und das Ganze gedanklich noch einmal durchgehen. Apropos, diese englische Übersetzung, von der CD-Platte, ist nicht einmal gut. Aber die bezaubernde Musik mit der goldenen Stimme Barbara Bonneys, einer Amerikanerin aus New Jersey, die übrigens akzentfreies Deutsch singt, ist, nicht nur in diesem Lied, sehr gut.

Das erinnerte mich ja an Mischas Gedanken, dass wir Freiheit im Eigentlichen ja gar nicht brauchen, sondern dagegen die richtigen Bindungen. Und dass doch, Strophe eins, unser Sehnen, unter der Überschrift ›Freiheit‹, wie von ihm gefunden, an erster Stelle immer sexuelle Bindungen sind. Oder nehmt doch die letzte Strophe: Wirklich frei sei – ja, der Egoist, der nur sich selbst, nicht andern, lebt. Ist das Freiheit? Ein Witz, ein Spott, ein Lustigmachen über uns Bigote ist das! Hier ist doch, wo uns Herr Aloys aus Angst, wir hätten’s auch in der letzten Strophe noch nicht verstanden, die Decke wegreißt. Hier treffen wir doch auch unseren alten Bekannten, Mischas Astronauten wieder, der die perfekte Freiheit im leeren Raum durchlebt um daran zu sterben. Der Herd in diesem Lied mit dem unausgesprochenen Hinweis, dass also die Versorgung stimmen muss, sind also, übertragen, auch Mischas dezente ›Kleckschen‹!

Ist nun das, was wir wünschen? Dann machen wir uns ja mit unserer christlichen ›Liebe‹ zu den allerdümmsten Heuchlern!

Ach, das regte mich so an oder auf, dass ich euch nicht, wie vorgehabt, die Lösung vorenthalten habe.«

==========2==========

Zu einer anderen Zeit und mit grundsätzlich Anderem imSinn, habe ich das folgende zusammengetragen:

Sam hat als alter Preuße nicht vergessen, was eigentlich ich Mischa und ihm nach Dianes Zwischenfall aufgetragen hatte, und hat gedanklich schon immer angefangen, Material für die Frage zu sammeln, wie es nun mit Gott und Seiner für uns versprochenen rechten Freiheit stehe, wenn unsere Triebe Seinen Anforderungen widersprechen.

Übrigens betrachtet er sich allen Ernstes als einen Preußen. Er weiß auch, dass gleich Zweierlei dagegen spricht. Erstens sind seine Vorfahren ja nicht aus dem eigentlichen Preußen, sondern aus dem Rheingau. Und der hat, wenn überhaupt, erst höchstens nach dem Wiener Kongress zu Preußen gehört, so wie Trier, von welcher Stadt wir das nach dem Studium des Lebenslaufes von Karl Marx ja wissen. Mit dem identifiziert sich Sam gerne aus naheliegenden Gründen, ist aber ehrlich genug zuzugeben, dass die ja dann so große Verschiedenheit nicht an seiner eigenen Schläue oder Güte liegt, sondern allein an Gottes so anderer Führung und Gnade. Das passt blendend zu seiner Einstellung, aus der heraus er auch den Deutschen so herzlich vergeben hat, und ist eine biblische Allgemeinerkenntnis: Man kann nicht nur, sondern muss innerlich geradezu dem anderen vergeben, wenn man von Gott schuldfrei erklärt, sich klarmacht, was man selbst alles hat und dass alles Gnadengaben Gottes sind, nicht unser Verdienst. Nur so wird dieser Befehl Gottes nicht nur möglich, sondern eine freudemachende Notwendigkeit. Ebenso müsste die Aufgabe über die vorliegende Frage der Sexualität gelöst werden, eine alles befriedigende reine Freude, ohne jeden »moralinsauren« Beigeschmack, denkt sich Sam, weiß aber freilich die Antwort darauf selbst noch nicht.

Zweitens, natürlich, sind seine Vorfahren ja, wie die von Marx, Juden und also dem Blut nach keine Preußen gewesen.

Aber was sind denn dann echte Preußen – dem Blut nach? Sie setzen sich ja aus folgendem zusammen:

Westfalen und andere mittelalterliche deutsche Auswanderer zum Ritterorden.

Ursprüngliche Brandenburger mit wahrscheinlich einem gehörigen Schuss Wendenblut.

Die eigentlichen Prußen, die man auch Pruzzen schreibt, wobei das U lang und die beiden Z wie S auszusprechen seien, also einem baltischen Stamm zwischen Slawen und Germanen, wie der Römer Tacitus schreibt und sie dann den Germanen zurechnet, einem Volksstamm, der im eigentlichen Ostpreußen gelebt hat und also von den Polen offenbar sehr verschieden war.

Dann die zuerst vom Großen Kurfürsten hereingeholten Hugenotten, Salzburger, Holländer und andere Glaubensverfolgte wie Herrenhuter Brüder und Mennoniten.

Ja, und dann auch ganz offiziell Juden, denen Friedrich der Große auf Staatskosten eine Synagoge errichtete. Was für ein charmanter Trick, nebenbei gedacht, sie innerlich, dem Gefühl und Glauben nach, zu »naturalisieren«! Also auch Juden »dem Blute nach« als Preußen. Das hatte ja diesen Staat so groß gemacht, dass jeder willkommen war und »auf seine Façon« selig werden konnte und dadurch, erst ja allen unbewusst, im Preußenvolk für genetische Erneuerung mitwirkte.

Er erinnert sich an die Briefe seiner Verwandten aus Israel. Da werden die aus Deutschland gutmütig hochgenommen. »Ja, ihr Deutsche!« Immer fleißig schaffen und Ordnung machen! Ein Tadel mit einem versteckten Lob darin, deswegen auch als Schmeichelei gern gehört. Die nämlich aus arabischen Ländern Eingewanderten liegen lieber müßig im Schatten und lassen Haus und Vorgarten gemütlich vergammeln. Jeder macht’s also wie noch von »zu Hause« gewöhnt. Auch ist bekannt, dass andere Rassen und Nationen dieselbe Erfahrung machen, etwa die Türken, die auf ihre heimgekehrten deutschen Gastarbeiterangehörigen ebenso und aus demselben Grunde bewundernd-verachtend herabblicken. Demnach geht es also nicht nach dem genetischen Erbgut sondern ist Umwelteinfluss. Im Witz wenigstens werden ja selbst die Österreicher, doch gleichen ursprünglichen Volkes, den Preußen als wohl charmanter aber nicht so zuverlässig und arbeitsam gegenübergestellt.

(Aus einer öffentlichen Ansprache in München: »Wir Münchener hier, in der Mitte, haben beide Vorteile, von Wien die Ordnung und den Fleiß und von den Preußen den Charme!«)

Die nächste Frage ist dann, wenn nicht im Blut, woher kommt denn die auch von den Feinden Preußens geachtete und gelobte Zuverlässigkeit und Arbeitsamkeit der Preußen und Deutschen, wenn wir schon wissen, dass sie überhaupt weiter-»vererbt« wird, erstmalig her? Mit Weitervererben meine ich in diesem Fall nicht nur durch die Gene, sondern hauptsächlich durch Umwelt, Erziehung, Gebräuche, als »normal« unbewusst von Eltern, Schule, Vorbildern übernommen. Aus Notwendigkeit? – denn von allein kommt nichts. Aber welche Notwendigkeit dressierte den aus so vielen Quellen stammenden Preußen diese Eigenschaften an, die sie sofort in starken Kontrast zu ihren Nachbarn nach Ost und Süd setzte? Den Schweden wird ein Gleiches zuerkannt. Es ist natürlich leicht zu sagen, dass das ursprünglich an der kargen Landschaft gelegen hat, wo eben ohne besonderen Aufwand und Fleiß nichts Nützliches wuchs. Aber dann gibt es weite Gegenden der Welt, die bis heute karg sind und nie ihren Bewohnern, wenn sie überhaupt da blieben, dawider laufende Qualitäten anerzogen haben. Außerdem sollen die Ureinwohner Brandenburgs selber zu des ersten Hohenzollern-Kurfürsten Einzug, also schon lange auf ihrem kargen Land, noch ein wildes, armes und ungebildetes Volk gewesen sein. Westvirginien in USA ist ein gebirgiges Land, es erinnert mich in Manchem an die deutschsprachigen Alpenländer. Aber was für ein Unterschied der alten Bauernhäuser mit Schmuck und jahrhundertealten Schnitzereien und den jämmerlichen Katen mit Autowracks im »Garten« hier, wo Tag und Nacht bei offenen Türen der Luftkühler Strom verschwendet!

Die Ordnung kommt demnach also aus einer Quelle auf alle, aber welcher und wie? – oh wie gerne wüssten wir das, um es dann bewusst zu übernehmen und die Mehrheit »in den Griff zu kriegen«, zur Wahl, zum Beherrschen! Ein wesentlicher Teilfaktor ist ja schon, was neu Hinzukommende vorfinden. Nach Westvirginien zogen Hallodris und anderes Treibgut, das keine Heimatwurzeln mehr hatte. Die Unterkunft ist ganz egal, ist nie für längere Zeit, nur der Dollar muss hereinkommen. Wenn der Nachbar ähnlich ist, fühlen sie sich schon stärker! Im Sexuellen sind sie ganz verwildert,»nur sich, nicht anderen zu leben«! Der Süden Westvirginiens hat die höchste Rate außer der Ehe geborener Teenagekinder in der ganzen Welt! Übrigens sind heute die Frauen die in Promiskuität verdorbeneren, will mir scheinen.

Ebenso leicht, wenn auch natürlich absolut richtig, ist anzuführen, dass die Preußen grundsätzlich, also von oben her verordnet, – und das, bittesehr, war keine Freiheit! – reformierte oder lutherische gläubige Christen waren in allem was sie groß gemacht hat. Und gerade, wie überhaupt immer, abzulesen ist, wie sie zu Gott stehen an – ja was, genau? An ihrem »Glück«? Ja und nein. Auf lange Sicht wohl immer, aber Friedrich, den sie den Großen nannten, war ein Agnostiker und hatte ausgesprochenes Glück! Man denke an den siebenjährigen Krieg. Als ihm das Wasser bis zum Hals stand, Österreicher, Franzosen, Reichsarmee, Sachsen und Russen gegen ihn, teilweise schon im von ihm verlassenen Berlin vandalisierend, Schlesien praktisch wieder verloren, seine Armee stark dezimiert und mit neuen, unerfahrenen Soldaten aufgestückt, kein Geld mehr da – Friedrich beging das Verbrechen, seine eigenen Taler zu fälschen. – da nun, als nach vernünftiger Erfahrung jeder sagen müsste: Friedrich, gib’s auf – da stirbt die giftige Zarin Elisabeth, gibt es einen Regentenwechsel in Russland, und der neue Zar ist ein Bewunderer Friedrichs und bietet ihm nicht nur den sofortigen Frieden an, sondern die Freundschaft, gar auf preußischer Seite weiterzukämpfen! Ohne so ein Wunder wäre der Krieg wohl für Friedrich mit Sicherheit verloren gewesen.

Ich möchte einmal wissen:

Kommt die Wohlfahrt und das allgemeine Glück eines Volkes aus deren Liebe zu Gott?

Wenn ja, wie geht das zu? Oder liebt sie Gott zuerst? Dann ist es nur Glück und sie können gar nichts dazu! Wieviel Prozent müssen Christen sein, wie lange, wieviele Generationen muss Gottesglauben herrschen?

Das sind Fragen, die hier gerade zum Großen Friedrich passen!

Auf diese Nachricht im Siebenjährigen Krieg, wieder so eine unglaubliche Glückswendung für den »Teufel« aus Preußen, wie ihn Kaiserin Maria Theresia nennt, werden alle seine Kriegsgegner kriegsmüde und wankelmütig, planen selber Frieden und geben ganz Schlesien an Preußen frei. Das klingt nun so unglaublich und unbegründet, dass man es kitschig nennen möchte, ist aber gerade die wirklich geschehene Geschichte.

Das hat es schon mehrmals in der Geschichte gegeben, das Voraussehbare, Wahrscheinliche und Logische passiert nicht, sondern das Abenteuerliche, Unmögliche, geradezu Kitschige. Und Friedrich war kein Freund Gottes! Oder müssen wir der Gerechtigkeit halber anfügen, dass das so lange und heiß erkämpfte Schlesien bald darauf nach Gottes Plan den Deutschen in zwei Weltkriegen, für zunächst mindestens, ja sehr gründlich wieder verloren gegangen ist?

Es war das berühmte »Glück des Hauses Hohenzollern«. Hitler wartete sehnsüchtig gegen Ende seiner eigenen Unternehmungen auf etwas Ähnliches und sah es nicht. Alles kehrte sich am Ende im Gegenteil gegen Hitler, selbst sogar, wenn Glück wahrscheinlicher war.

Die deutsche Atombombenforschung war führend, aber die Alliierten kommen dahinter und verderben ihm in Norwegen das angehäufte »schwere Wasser«, was man damals brauchte, was ihn auf Monate, wohl Jahre, und damit überhaupt, aus dem Rennen wirft.

Die britische Royal Air Force hatte ihre Flugzeuge offenbar leichtsinniger Weise auf einen Brennstoff hoher Oktanzahl eingerichtet und sich damit schon vor Kriegsbeginn in Abhängigkeit von Amerika gebracht, denn solch Brennstoff konnte damals nur in New Jersey hergestellt werden und musste dann also im Kriege über den U-Boot verseuchten Atlantik herbeigeschafft werden. Die Deutschen kamen dahinter und sandten ein U-Boot nach New Jersey. Ein gut gezielter Kanonenschuss in die am Meer gelegene Raffinerie hätte alles in Brand gesteckt und die ganze Air Force auf Monate lahmgelegt und damit wohl den Krieg entschieden.

Allerdings kommt mir, Herm, jetzt beim Schreiben ein Gedanke dazu. Diese Selbstgefährdung mag englische Absicht und Oberlist gewesen sein, eben um sich in Abhängigkeit zu bringen! Die Deutschen sollten die am Meer gelegene Raffinerie brandschatzen, sich damit in Amerika gründlich genug verhasst machen und damit die naive USA auf britische Seite in den Krieg ziehen, denn alleine war ja ihr Sieg mehr als ungewiss, das wussten sie – etwa wie eine Frau durch die provozierte »Schuld« einer Schwangerschaft den Mann zur Heirat zwingt! Hitlers Unglück konnten sie ja auch nicht voraussehen. Wenn sie’s vor dem Krieg geplant haben, wie wahrscheinlich, wäre dies noch ein weiterer Beweis, dass England auch den zweiten Weltkrieg geplant und angefangen hat.

Ihre List war gar nicht nötig! Die deutsche Kanone versagte, weil Seewasser hineingekommen war! Die naiven Yankees gingen auch so nur zu willig auf den Leim. Und zu einer zweiten Gelegenheit kamen die Deutschen nicht. Das Kitschig-Unwahrscheinliche für die Briten!

Die Deutschen hatten Radar zuerst entdeckt, aber lassen es liegen, während England daraus die erste wirklich wirksame Waffe gegen U-Boote entwickelt. Es ist auch wahrscheinlich, dass USA in Pearl Harbour mit ebendemselben Radar die Japanischen Flieger genau kommen sah – endlich gingen ihnen die Japs auf den Leim, die sie ja mit ihrer Blockade schon mehr als erträglich provoziert hatten – opferten ihre Schiffe und Menschen, um als die Unschuld selbst, zum Krieg gezwungen, die so begehrte Herrschaft über den Pazifik erzwingen zu können. Ja, vielmehr noch, um Deutschland, den ernster zu nehmenden und viel tiefer gehassten Gegner, verbündet mit Japan, dadurch in den Krieg zu ziehen! Ich nannte die Amerikaner naiv, aber es gibt mehr solcher Beweise für ihre raffinierte Kriegshinterlist. Vermutung aber bleibt nur, dass die ganze Idee überhaupt von ihren britischen Busenfreunden stammte. Denn genau denen passte, Deutschland betreffend, was ja dann auch kam, viel besser als den ihnen so hörigen Amerikanern selber. Nun, ich verspreche, damit ist es vorbei! Können wir aus ihrem politischen Glück auf ihre Gottesverbundenheit schließen, so können wir aus deren Mangel nunmehr bei Gottes unveränderlicher Gnade auf das Ende solchen Glückes schließen!

Ähnlich geht es den Deutschen mit den ersten Düsenjägern und dem fachmännischen Rat, Deutschlands ganze Flugzeugproduktion auf Abwehrjäger umzustellen, um der immer drückender werdenden angelsächsischen Bombardierungen Herr zu werden. Aber der »Führer« widerspricht, nur im Angriff liege Deutschlands Erfolg.

Oder man nehme seine Annahme, England werde sich als germanisches Brudervolk nicht gegen ihn wenden, sondern ihm in der Eindämmung des Kommunismus beistehen. Schließlich hatte England selber auf solche unsicheren Völkersolidaritäten in diesem Fall der doch »unzuverlässigen« Slawen zum Angriff im ersten Weltkrieg gebaut und die Russen, die doch gerade ganz andere Sorgen hatten – ihre Revolution stand ihnen bis zum Hals – regelrecht in den Krieg gegen Deutschland hineingeschwätzt. Das war doch im zweiten nun nicht so verkehrt gedacht und nur haarfein an der Wahrheit vorbei, siehe kalten Krieg später. Wer konnte denn die so tiefe Abneigung – oder die Angst? – Churchills gegen Deutschland voraussehen, den zweiten Weltkrieg gegen Hitler zu eröffnen, zu dem gar keine Notwendigkeit bestand, und an dem er nichts zu gewinnen, aber viel Blut und Gut zu verlieren hatte? Oder, wieder so eine feinst verwobene Kriegspsychologie? Auf Amerika hatten sie gesetzt, ohne es würden sie den besser gerüsteten Deutschen erliegen. Aber dazu nun die Liebe Roosevelts zu Stalin! Also schnell herumgeschwenkt und sich beides gesichert: mit den Russen und den Jänkis gegen die Deutschen! Ich will gar nicht näher darauf eingehen, dass sie doch genau daran dachten, dass die Deutschen ja Englands Brudervolk sind, wenn zu Anfang des Ersten so etwas von solcher Wichtigkeit war.

Und wozu das Ganze britischerseits? Einzig um recht zu haben und aus der alten Aufpasserrolle und der absoluten Gerichtsbarkeit Englands auf Erden? Oder vielleicht doch aus der Weitsicht und ihrer blutigen Hegemonie, vernichteten sie Deutschlands Macht nicht jetzt und gründlich, wüchse es über seinen Meister Britannien hinaus und kehrte die Rollen am Ende um?

Natürlich redeten sich alle am Ende auf Hitlers Bosheit hinaus. Das war billig und risikolos. Im Kriege hat sich Hitler nicht so außerordentlich betragen, gemessen an anderen Nationen, besonders Albion selber. Einen Angriffskrieg – und das auch nur, wenn unsere Informationen stimmen; sie sind aber keineswegs sicher wegen der Bosheit, die es nun nach seinem Versagen nahelegt, alles auf ihn zu schieben – hat Hitler offenbar nur gegen die Sowjetunion angefangen. Und was innenpolitisch geschah, war zugegeben brutal und unmenschlich, aber an Englands Rassenausrottung und anderen Missetaten gemessen, doch nicht so außerordentlich und nach alter, bislang von allen respektierten Staatenordnung, der Deutschen alleinige Angelegenheit. Die Westaliierten haben Deutschland auch nicht zusammengeschlagen, um die Juden zu retten! Im Gegenteil, Viele dachten über die Juden wie Stalin über die auch dort ungeliebten Polen: Lass man die dummen Deutschen für uns arbeiten!

Einen internationalen menschlichen Richter über sich haben alle Nationen noch nie anerkannt, Stunk mit dem Papst gab’s schon lange vorher, wenn sie’s jetzt zunehmend seit dem Mittelalter sogar schon immer weniger mit Gott selber halten. Siehe oben! Wir übrigen Europäer haben uns in Frankreichs Affären zur Revolutionszeit auch nicht eingemischt, abgesehen von dem Wiedereinsetzen der Bourbonen, lange nach dem französischen Aggressionskrieg. Das war aber noch viel zu zahm und ineffektiv. So eine in Europa praktizierte Nichteinmischung war ein wichtiger Faktor in einem gesunden Wettbewerb.

Gehe ich von der offensichtlichen Parallele der Kriege 1813 und 1945 aus, so könnte es dahin kommen, wie einige Historiker bereits zart andeuten, dass die Welt ebenso wie mit der französischen Revolution noch lange nicht mit dem Nationalsozialismus fertig sei. Dies nur als ein Nebengedanke.

Zusammenfassend kann man vielleicht sagen, wenn man dem im Psalm eins versprochenen Glück näher auf die Spur kommen will, dass es vielleicht über die Liebe oder den Hass der Mitmenschen gehe. Mit Friedrich fühlte alle Welt Sympathien, vielleicht weil man sich mit ihm identifizierte, mit geringen Mitteln, aber viel Mut und Fixigkeit, erfolgreich die festen Burgen der damaligen Welt zu erstürmen, mit ihm, der persönlich so klein, dünn und zerbrechlich wirkte?

Und der Hass, den man Hitler ziemlich bald entgegenbrachte? Anfangs war er sogar in England beliebt und fast bewundert. Als er Deutschland aus dem Völkerbund zurückzog wegen ungleicher Behandlung, soll beim Erscheinen seines Bildes in der Wochenschau ein Londoner Kino in Beifall ausgebrochen sein. Dem Alten Fritzen hatte man in diesem Land geradezu Beifallsstürme dargebracht. Aber der war auf ihrer Seite, und sie hatten nichts von ihm zu befürchten.

Natürlich, am Ende kann nur der auf Mitgefühl anderer Menschen rechnen, der auf Gottes Gerechtigkeitswegen geht, weil die auch gerade dem Mitmenschen Liebe erweisen. Aber uns interessiert hier der Unterschied zwischen zwei Bösewichten, die beide nicht auf Gott achthatten, Friedrich und Adolf. Zählt da die Zeit, bis alle Menschen ihren wahren Charakter begriffen hatten? Weshalb denn Gott auch Klauseln eingesetzt hätte, »bis ins dritte und vierte« oder aber eben im positiven Fall, »bis ins tausendste Glied«?

Hitler war nun keineswegs tausend Generationen nach den reformierten und strenggläubigen alten Preußen am Leben oder an der Regierung. Deren letzter gläubiger Herrscher war wohl König Friedrich Wilhelm IV, der von 1840 bis 1861 regierte. Hitler aber wurde schon am 20. April 1889 geboren, kam durch »Ergreifung« 1933 an die Macht und nahm sich im April 1945 das Leben. Das waren 84 Jahre nach des letzten gläubigen Herrschers Tode, nur ein langes Menschenleben später.

Ich hab’s! schließt der grübelnde Samuel Rothman wiederum nur 47 Jahre nach den erwähnten Ereignissen seine Träumereien ab. Darum musste Hitler ein »Ausländer« sein und aus einem Kulturkreis stammen, der viel länger seinen Gott aufgegeben hatte und schon länger in formalem Katholizismus erstarrt war. Sekundär dazu und nicht etwa aus Hitlers freiem Willen entstammend, sondern einem logischen Zwang, waren seine unmenschlichen Grausamkeiten und Verbrechen, seine ganze weltfremde Verbohrtheit, Besessenheit und endlicher Mangel an Einschätzungsvermögen und gesundem Menschenverstand, die er doch anfangs in so hohem Grade zu besitzen schien.

Denn wer nicht zu Gott gehört, ist gegen Ihn, das bewies sich ja nun an seiner Haltung zu Gottes Juden aufs genaueste. Und Sünder müssen sündigen, da kommen sie durch keine »Entscheidung« oder Selbstdisziplin heraus. Darum denn auch Englands unverschämtes Glück – die ununterbrochene Linie seiner gottesfürchtigen Vorfahren, durch keine sonstwo doch so modische Revolution gebrochen, auch wenn nun die Urenkel nachgerade schon lange Weltmenschen und Bösewichte geworden sind. Schon das wäre dann ein gutes Argument gegen die Demokratie mit ihren dauernd wechselnden Regierungen!

Und Friedrich dagegen, erst der zweite der möglichen tausend Generationen, nutznießt einfach, was seine Väter aufgebaut und erspart haben, und das ist mehr als die zehn Millionen »Thaler«, die sein Vater, der Soldatenkönig, erwirtschaftet und erspart hat, oder das in prächtigen Stand gebrachte Heer, sondern eben die Liebe Gottes!

Also ist für uns heute »Polen« noch keineswegs »verloren«. Wir sind immernoch am Anfang der tausend Generationen, und gegen einen neuen Anfang in unserer gerechteren Väter Spuren spricht nichts! Das sind die alten überzeugten Christen, noch unverdorben vom Gift der Renaissance, Revolution und Demokratie, als uns daher auch noch die Achtung und Liebe der Welt gehörte.

Dahin, ach dahin lasst uns wieder zurückkehren!

Armer unschuldiger Sam! Wenn ich das jetzt hier schreibe, drängt sich mir die doch nächstliegende Idee auf, dass es nach Gottes Wort für jede Nation an der Haltung zu den Juden – genauer, den Nachkommen Abrahams allgemein, aber auf den Söhnen Jakobs liegt Gottes Erwählung – liegt und immer liegen soll. (Genesis 12, 3). Auf diese Idee kommt er aus Bescheidenheit nicht, weil er selber Jude ist!

Weil nun die Welt eben diesen Punkt immer nicht begriff, musste es für die ganze mitverführte Nation nun so krass kommen: Hitlers so grausamer und unbegreiflicher Hass auf die Juden, nicht, weil sie ihm Böses angetan hatten, sondern nur weil sie Juden waren! Und dementsprechend die lange und so außerordentlich harte Strafe Gottes an den Deutschen, die gar nicht von den Feinden geplant war, sondern sich gegeneinander aus der Zuspitzung des Kalten Krieges ergab. Diese Strafe ist offenbar bis heute unter dem Zeichen »Wiedervereinigung« dennoch nicht abgetragen. Sie scheint auch eine Warnung an all die Völker europäischer Kultur zu enthalten, die ja bis in Hitlers Zeit selber eifrige Antisemiten waren.

Welch eine noch deutlichere Warnung hätte wohl Gott uns Europäern und unseren Brüdern in dieser Zeit zuteilen können?

==========3==========

Nun aber an die eigentliche Aufgabe! ermahnt sich Sam.

Ich, Herm Öhrlein, aber will diese Zäsur dazu ausnutzen, ein Gespräch zwischen Sam und Rudi einzufügen, das aus irgendeinem Anlass einmal im Garten des Webbhauses stattfand, als Sam noch gar nicht speziell hinter der von mir gestellten Aufgabenfrage war. Sie sprachen über ihre High School Zeit und das spätere sexuelle Verhalten der Schüler, oft von da im negativen Sinn beeinflusst.

Rudi hatte eine Begebenheit erwähnt, die aus einer Unterhaltungsserie im Fernsehen stammte und hoffentlich nicht ernst gemeint war:

»Da wurden also die Schüler und Schülerinnen in ›Ehepaare‹ eingeteilt,« erzählt er,

»die sich nun um ihr Kleinkind, jeweils eine High Tech Puppe, kümmern mussten, die unter anderem mit nächtlichem Geplärr den ›Eltern‹ lästig fiel, wenn die etwa zu einem Tanz gehen wollten. Der Sinn war, ihnen den Ernst des Lebens und die Verantwortung als junge Eltern einzutrichtern, gut gemeint! Aber wie falsch und gefährlich! Es ist geradezu erstaunlich, wie das amerikanische Schulwesen degeneriert. Darüber sind sich erstaunlicher Weise auch mal alle einig. Mit allem ihrem großzügigen Geld und der High Tech und all den hochausgebildeten Psychologen und Jugendsozialarbeitern machen sie fast schon mit »ehrwürdiger« Tradition genau das falsche und schädliche! Und das nur, weil keiner mehr prüfend nachdenkt. Keiner hat offenbar Konrad Lorenz gelesen, der aus Tierbeobachtungen einen ganzen zeitlich eingeteilten Zyklus beschreibt, den ich mal möglichst umfassend ›Vermehrung‹ nenne, vom ersten schwärmerischen Verlieben über Kennenlernen, Bündnis oder »Urehe« schließen, miteinander Auskommen, erste sexuelle Begegnung, Kindeserwartung und Aufziehen.«

(Es scheint, man sollte heutzutage das »Miteinander Auskommen« nach dem Sex erwähnen!) Die »Eltern« die nachts lieber tanzen gingen, sind ja demnach in dieser Schulverirrung noch gar nicht in der Phase der Ehe und Kinderaufzucht. Eine solche hat nämlich Konrad Lorenz selbst an primitiven Fischen nachgewiesen, die aber normaler Weise, wie wir Menschen, monogam sind, ebenso notwendig für ihre Nachwuchsaufzucht.

»Also, wie geplant wird bald klar, dass das ›Baby‹ Nachtschlaf raubt, lästig wird und die vorgegebenen hundert Dollar Spielgeld bald für Kinderarzt und Babysitter verbraucht. Alles muss bei uns lästig und quälerisch sein, wenn es ein ›gutes Werk‹ sein soll, weil wir humanistisch wie Gott haben werden wollen und nun alles selbst beherrschen und regulieren wollen. Dass man das aus Freude und ohne jede Anstrengung macht, ja ohne es zu merken, wenn man sein Kind liebt, wie es doch von Gott zu eben diesem Zweck eingegeben ist – auch ohne Ekel das Kind um halb drei morgens aus den stinkenden Windeln zieht – all das ist ihnen ebenso fremd wie andere Werke aus unbewusster Liebe, – und das ist genau die Liebe in etwas anderem Zuschnitt, der wir beim Verlieben eine so hohe Verehrung einräumen – die man eben auch ›von selbst‹ und aus Freude tut. Es scheint, die ›Liebe erkaltet‹ und zwar eben auch die sexuelle, jedenfalls der Teil, den man darin »Liebe« nennt! - schon tüchtig in unserer Kultur! Der eingeschmuggelte teuflische Gedanke, den man nicht so schnell bemerkt, war vielfältig. Einmal wird den Jugendlichen in einer dafür sehr empfänglichen Phase ein völlig falsches Bild eingegeben, was die sexuelle Vermehrung angeht. Zweitens aber, noch viel heimtückischer, dazu eine Perversion des Fortpflanzungs-Triebkomplexes. Eine logische Folge wäre doch zum Beispiel, dass die Heranwachsenden sagen, zum Teufel mit Ehe und biederer Vermehrung, die also so viele Sorgen macht, und stattdessen in das so schon angeschwollene Lager der Unzüchtigen hinüberwechseln.«

Ihr klassischen Heuchler! Wenn ihr so an eurer eigenen »Disziplin« hängt und nur zufrieden seid, wenn euer »gutes« Werk auch wehtut – das muss es ja notwendig, wenn mit solchen Voraussetzungen angefangen – dann freut ihr euch noch und nehmt es gar als einen Gotteswink, dass nun euer »Opfer« angenommen sei! Aber es ist eine Falle des Teufels, der noch feixt, dass er euch nicht mehr mit teurer Freude ködern musste! Bei Gott macht aber meist auch das Gute noch Freude. Wenn euch sonst nichts haften will, dann denkt mal an diese nur sechs Wörter Jeschuas:

Ohne mich könnt ihr nichts tun!

»Das ist noch gar kein Einzelfall!« hat Sam nach einem Moment zu dem Schulexperiment geantwortet,

»In meiner eigenen Schule wurde eine Versteigerung veranstaltet, wo die Mädchen auf die Burschen bieten mussten. Es ging um einen Schülerball, und die Gewinnerin konnte dann für teures Geld mit dem Idol der weiblichen Schülerschaft dort erscheinen und ›angeben‹! Für das eingenommene Geld, um nun Zweifler auch noch mit einem ›guten Zweck‹ zu verführen, wurden irgendwelche unnützen Schuluniformen angeschafft. Es stellte sich dann also durch weibliche allgemeine und gar nicht geheime Wahl der ›most handsome boy‹ des ganzen Jahrganges, später der ganzen Schule, heraus. Was sagst du dazu? Ist das nun nicht vielleicht eine noch infamere Perversion des Liebestriebes? Erstmal schon der Ball. Jeder weiß doch, dass die Gewinnerin, notwendig ja eine Klunte, denn sonst hätte sie’s doch nicht nötig – das männliche Idol für Geld gekauft hat. Das müsste doch ihren Status und die so begehrte ›Popularity‹ im Gegenteil und noch wesentlicher senken! Aber nun geht bei uns alles nach dem Augenschein – und dem fassbaren Geld, nicht zu vergessen – selbst so einen kleinen selbstverständlich scheinenden Gedankenschritt, wie nun sie umso mehr für eine Klunte zu halten, können wir offenbar nicht mehr vollziehen. Da sieht man auch ohne psychologische Vorbildung, wie dumm im Sinne von Nicht-mehr-Nachdenken und oberflächlich wir hier geworden sind!

Ich denke an den einen dieser Idole. (Und solche Stars halten alle erst recht für echt!) Erst einmal hielt er’s auf dem Ball auch nicht lange aus und ließ seine Klunte bald stehen. Er ist jetzt vierundzwanzig und schon geschieden. Ich bin es nicht! (Ich war ja auch nie ein Idol!) Erst hatte ich ihn beneidet, jetzt weiß ich besser. Ich sage, dazu hat der Geist dieser High School wesentlich beigetragen Es ist doch nachfühlbar und eigentlich wie bei deinem Beispiel, ein logischer Zwang. Er sieht sich als das Frauenidol, das »Geschenk Gottes an die Frauen«, dem alle zu Füßen fallen. Geht nur mal das kleinste Bisschen in der Ehe nicht harmonisch ab, schleicht sich erst ein kleiner Gedanke, schließlich die Tat ein: Ba, was quäl’ ich mich da mit diesem langweiligen Weib, wie damals auf dem Schülerball, wo ich doch nur zu winken brauche! Und das geht so weiter. Mit der nächsten Frau ist es bald genauso. Wer einmal die Ehe scheidet, ist laut Statistik viel gefährdeter, die nächste und übernächste auch zu brechen. Die jeweilige Ehefrau und Kinder, wenn vorhanden, zahlen den schmerzhaften seelischen Schaden anrichtenden Preis. Außerdem wird durch solche ›Versteigerungen‹ die natürliche und so nötige weibliche Schamhaftigkeit vergewaltigt. Die Mädchen, die erst einmal von Natur aus nicht so nach äußerer Schönheit gehen wie die Männer, werden beim Versteigern gezwungen, selber an den begehrten Burschen heranzutreten und sich damit vor allen preiszugeben. Dazu die ganze Verlogenheit verbunden mit ihrer Demütigung! Denn jeder weiß doch, dass der Bursche nicht aus Liebe zu ihr auf den Ball mit ihr kommt, sondern im besten Fall heuchelt, so wie sie. Was ich meinen Landesgenossen hier am meisten übelnehme, ist, dass sie jeden auch groben Augenschein für Wahrheit nehmen, aber mehr noch, selber anderen geben!

Jeschua sagt, manche sind von Geburt an zur Ehe untauglich, andere von den Menschen dazu gemacht. Das ist Ehebruch auch an anderen Ehen! Und vor Gott ist diese Schule mindestens ebenso schuldig, die zukünftigen Ehen als göttliche Einrichtung in diesen Sechzehnjährigen zerstört zu haben wie die direkt beteiligten.«

»Das Mädchen wird damit gezwungen, die männlichen Verhaltensmuster in der Sexualität zu übernehmen,«

sagt Rudi, dadurch angeregt,

»dazu fällt mir etwas sehr Interessantes ein. Usa führt in der Welt unter anderem mit Brustkrebs. Wir liegen in der Häufigkeit weit vor allen anderen Kulturen und Ländern der Welt. Etwa jede achte Amerikanerin wird jetzt von Brustkrebs befallen. Das geht parallel mit der – sagen wir: Zivilisation – ich möchte es lieber Veramerikanisierung nennen, denn hinter uns kommen Frankreich, England, Kanada, Deutschland und so weiter, immer ihrem Grade der Modernisierung und was sie ›Fortschritt‹ nennen, entsprechend. Interessanter Weise liegt noch Kalifornien innerhalb Usas höher als der amerikanische Durchschnitt, also mit dem höchsten Befall in der ganzen Welt!«

»Da sind wir wieder bei Mischas Westpol!« bemerkt Sam.

»Neu Guinea, andererseits, am anderen Ende der Skala,« fährt Rudi fort,

»wo sie noch wie vor hundert Jahren leben, kennt praktisch Brustkrebs gar nicht. Außerdem geht es überall mit der Zeit. Vor fünfzig Jahren war auch bei uns Brustkrebs viel seltener. Auch zugegeben, wir können jetzt viel mehr und früher erkennen.

Nun ist Statistik ein gutes Instrument, über die Ursachen solcher Prävalenzen Auskunft einzuholen. Man muss hier nur nachdenken. Was forschen sie nicht intensiv nach diesen Ursachen! Denn wenn Brustkrebs bei uns eine in acht Frauen befällt und immer noch steigt, so werden andere Krebse in fünf bis zehn – oder so – Befallenen in jeweils Zehntausend gemessen!

Dickdarmkrebs, in dem wir auch führend sind, kommt etwa in Japan kaum vor. Da muss es ein anderer, hier nun beweisbarer, – Faktor sein, denn Japan ist hochzivilisiert. Betrachten wir nun japanische Immigranten nach Usa, so behält die Einwanderergeneration ihre Immunität in dem Grade, wie sie bei ihren alten Gebräuchen bleiben. Die veramerikanisierende nächste Generation hat schon diesen Darmkrebs etwas häufiger, die dritte und nächsten dann so häufig wie wir. Und die Ursache ist in diesem Fall nicht etwa die Akzentfreiheit im Amerikanischen, (aber so ›gründlich‹ scheinen sie hier zu forschen!) sondern nun klar erforscht, ihre Kost! Keine genetische also angeborene Anfälligkeit, sondern Umwelteinfluss, unser ›Junk Food‹, das nicht genug Zellulose, also unverdaubare Fasern enthält, die wir aber so nötig brauchen, etwa unser Labberbrot, das viel zu leicht und wabbelig schon von außen als solches erkennbar ist.

Aha – sagt jemand. Suchen wir doch auch bei Brustkrebs doch mal genau die Speisezettel durch. Es könnte ja sein, weil wir doch unser Schlachtvieh mit Hormongaben zum schnelleren Wachstum anregen und wir in Usa solche Fleischesser sind, dass Hormonreste aus der Nahrung in der Frau letztlich den Krebs verursachen. Und wir wissen, dass die Brust für Sexualhormone besonders empfindlich ist, mit etwa ductal carcinoma-Krebs zu antworten.

Eine gute Idee! Auf der amerikanischen Flottenbasis in den Philippinen haben die amerikanischen Frauen unter dem Personal eine ebenso hohe Krebsrate wie andere Amerikanerinnen, kein Wunder. Aha, sie essen ja auch die Usa-importierte Nahrung aus ihren PX Geschäften. Nun gibt es aber auch eine Menge Eingeborene dort als Angestellte, ein ganzes Dorf voll, die noch ursprünglich leben und ihre Sprache »Tagalog« miteinander sprechen. Deren Frauen, die sich aber auch vom PX ernähren, haben keinen Brustkrebs oder so wenig wie die anderen Philippinos! Das sind einfache ländliche Leute, Friseure, Schneider, Kellner, Schlepperfahrer und dergleichen. Ergo: Brustkrebs liegt also nicht an den Hormonresten im gegessenen Fleisch. Ja, aber woran denn bloß sonst?

Da hab ich nun eine neue und bisher unbewiesene, wenn nicht gar unbeweisbare Theorie, die mir, ganz im Vertrauen gesagt, von der Bibel kam, wo Jeschua sagt, was in den Menschen hineingeht, verunreinigt ihn nicht, sondern wird auf dem normalen Wege ausgeschieden. Das Böse stamme aus dem Menschen selber, aus seinem Herzen. Natürlich weiß ich ganz gut, dass Er hier wieder bildhaft, allegorisch redet. Aber dann sind ja in Seinen Reden oft beide Wege zu denken richtig und möglich.

Es sind also nicht denaturierte Hormonreste aus dem gegessenen Fleisch. Normale weibliche Hormone, zur richtigen Zeit, erzeugen keinen Krebs. Auch noch 13-jährige Mädchen in den Entwicklungsländern entwickeln auch später keinen, wenn auch so früh verheiratet, wie da oft der Brauch. Also wo und wie kommen die abartigen oder unzeitgemäßen Hormone in den Organismus der Frau, wenn das wirklich der Hergang und die Ursache ist?

Aus ihrer körpereigenen Produktion! Normale Sexualhormone stammen vom Zwischenhirn über die Hypophyse gesteuert, aus den Eierstöcken, sind also damit von Umwelteinflüssen, speziell, seelischen sexuellen Anregungen über das Gehirn, abhängig. Die krebserzeugenden Hormone oder hormonähnlichen Überbleibsel wären dann das Resultat unserer falschen sexuellen Behandlung der Mädchen und daher ihrer unphysiologischen eigenen Hormonentwicklung, wo wir nun eben in den Jahrzehnten mehr und mehr das weibliche Sexualverhalten mit dem männlichen vergewaltigen! Und das passt nun genau kulturell wie zeitlich auf nichts anderes als die Sexwelle in allen Ländern! Also auch dieser Krebs wie der des Magens anfangs dieses Jahrhunderts in allen entwickelten Ländern noch so hoch, ist ein Resultat unserer Kultur, wie beim Brustkrebs, hier nun abhängig nicht von was wir essen, sondern, was wir glauben und denken! – ›aus dem Herzenwie Jeschua sagt.«

»Na Mensch, Rudi! Das ist doch eine Pfunds-Doktorarbeit, selbst wenn erst als unbewiesene Theorie! ›Ursache des Brustkrebses gefunden: die Sexwelle!‹«

Dazu möchte ich, Herm, noch einen vagen Gedanken zufügen, bisher reine Träumerei:

Wenn unsere 20.-Jahrhundert-Sexwelle auch eine gute Seite hat, dann diese: Die Freizügigkeit geht weiter und weiter, niemand runzelt auch nur noch eine Augenbraue, wenn etwa ein unverheiratetes Paar zu einer Party lädt und dann, wenn alle gehen, allein nachts zusammen in der Wohnung zurückbleibt. Und so weiter. Damit wird so eine Verbindung mehr und mehr zu einer Ehe, und die Teilnehmenden relativ unschuldiger daran. Wenn es nun andererseits auch stimmt, dass in den Entwicklungsländern auch 14-jährige Ehefrauen deswegen später keinen Brustkrebs kriegen, weil’s eben eine Ehe und damit keine Unzucht mehr ist, dann sage ich voraus, dass auch unsere Brustkrebse ihre Spitze bald erreicht haben werden und es danach langsam mit der Häufigkeit dieser Krebsart weniger werden wird. Was andere weibliche Krebse angeht, natürlich, ist von da kein Nachlassen zu erwarten. Beim Geschlechtsverkehr mit vielen Partnern etwa wird das Zervixkarzinom weiter häufig bleiben. Die studentische Merkformel ist leicht zu behalten:

Brustkrebs: Nonne – Muttermundskrebs: Nutte!

Dieser Merktrick, ursprünglich ja in jahrelanger frauenärztlicher Praxis gewachsen, ist viel älter als Rudis Idee über die möglichen Ursachen des Mammakarzinoms. Aber schon da werden einer einsamen Nonne unbewusst gewisse, ja unphysiologische Wunschträume einfach untergeschoben, die aber in lang erprobter Praxis offenbar der Wahrheit entsprechen. Außerdem spielt die auch schon lange beobachtete relative Brustkrebsfreiheit nach Säuglingsstillen mit hinein, welchen Vorteil ja nun die Nonnen wohl auch nicht haben.

==========4==========

Aus einem schwer begreifbaren, eher komisch zu nennenden Grunde, will Sam zunächst einmal Pastor Dale Noomey über den Themenkreis befragen . Wohl macht er sich über die zu erwartende Antwort von vornherein wenig Illusionen, aber er will offen bleiben und gerade einen möglichen oder wahrscheinlichen Gegner der zu erwartenden Lösungen zu Wort kommen lassen, um zu den objektivsten Antworten zu kommen. Schließlich handelt es sich ja um brennende Fragen für den ganzen gegenwärtigen Kulturkreis, die daher alle Christen angehen.

Diese Christen sind ja in bestimmten Richtungen gebunden und können nicht etwa auf die Idee kommen, die Lösung über Sex liege in der völlig »freien« und jede Verantwortung ablehnenden Haltung, wie sie die Welt schon seit etwa vierzig Jahren mehr und mehr angenommen hat, nämlich mit dem Aufblühen der »Sexwelle«. Das widerspräche zu sehr der Bibel, und nicht einmal jene Religionsgemeinschaften, die die Bibel nicht als einzige Quelle der göttlichen Offenbarung anerkennen wie Mormonen oder Katholiken, haben in dieser Richtung gewagt, eine so liberale Haltung einzunehmen. Sie berufen sich stattdessen zur Vermeidung von Ehebrüchen da alle lieber auf Menschendisziplin. Aber mit der ist nichts getan, so viel steht schon für echte Christen fest, die der eigenen Kraft abgesagt haben und sich lieber auf Gott verlassen. Dazu ist ja gerade das Gebiet der Sexualität ein Paradebeispiel für das eben Gesagte, denn sie ist ja auf Lust, Emotion als Triebkraft, gebaut. Es geht gar nicht ohne Lust im weitesten Sinne und was damit falsch gelaufen sein könnte, aber eben auch nicht aus »Disziplin«.

Also begibt sich Sam, seine alte Stellung zu seinem väterlichen Freund ausnutzend, eines Tages ganz unschuldig in Dales verschwiegene Villa. Der Pastor ist zu Hause, packt aber, als er einen Besucher in der Halle hört, gewohnheitsmäßig die angebrochene Rotweinflasche ins Spind, auch als er an der Stimme, die zur Haushälterin spricht, Sam erkennt. Er kommt dann seinem Besucher über die Küche, wo er das benutzte Weinglas abstellt, in der Halle entgegen.

»Sam! Welche Freude! Was bringt dich wieder einmal in alte Fahrwässer?«

»Tag, lieber Dale! Warum denn nicht? Bin ich schon so ein Fremdling hier geworden? Aber du hast recht. Mich bewegt da eine Frage, zu der ich deine Meinung hören möchte. Aber damit wollte ich nicht einfach ins Haus platzen. Ich unterbreche doch nichts Wichtiges?«

Dale, der nun dadurch quasi gezwungen wird, eine Antwort wie »Aber nein, ganz und gar nicht« zu geben, hat sich nach dieser offenen Antwort sofort gefangen, bereut seine Begrüßung und benimmt sich zunächst wieder ganz wie früher.

»Aber nein. Ich ruhe nur etwas aus, habe gerade an dich gedacht. Willst du dich etwas erfrischen? Auch etwas ruhen? Dein Zimmer steht dir zur Verfügung.«

Als Sam das höflich ablehnt, fährt Dale fort:

»Nun, mich bewegt natürlich auch, was dich bewegt! Wie ich dich kenne, hat es sicher mit dem Evangelium zu tun, und da bin ich natürlich immer gleich interessiert, mindestens doch schon von Berufs wegen! Also nur frisch losgeschossen!«

Als man gemütlich im Kaminzimmer Platz genommen und Dale die Haushälterin gebeten hat, den schon geschichteten Kamin anzuzünden, und als nun ein lustiges Feuer erknistert und Limonaden für den noch durstigen Dale und seinen Gast bereit stehen, entsteht folgendes Gespräch:

»Dale, lache nicht! Es ist ein ernstes Anliegen. Sexualität treibt alle Menschen, so oder anders!«

Zutiefst erschrickt der Pastor, auch vorher weit vom Lachen entfernt! Aber Sam fährt fort:

»Aber alle Maßstäbe der Bibel Alten und Neuen Testamentes stellen die Sexualität unter ein menschlich gesprochen sehr steifes Tabu. Als Jeschua predigte, glaubten die Menschen, nun käme eine Erleichterung der alten rigiden Gesetze zu etwas Freierem und Neuem, so wie sie es auch bei der Französischen Revolution später gehofft hatten. Aber das gehört natürlich nicht hierher.

Schließlich straft Jeschua doch die ertappte Ehebrecherin nicht zu dem vom Gesetz geforderten Tode, sondern macht es unmöglich durch den Satz: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!

Aber nun, wenn wir schon an Liberalismus hoffen, glauben zu dürfen, macht Er alles zunichte: ›Wer nur eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, hat schon in seinem Herzen mit ihr die Ehe gebrochen!‹

Damit stellt Er zwei Behauptungen auf;

1. Gottes Gebot bleibt nicht nur bestehen, sondern wird, wie bisher verstanden, noch verschärft.

2. Es ist in jedem eine sexuelle Begierde da, offenbar auch außer der Ehe bei Verheirateten, die gerade gegen dies Gebot verstoßen möchte, denn sonst wäre ja keine Notwendigkeit dafür vorhanden.

Aber nun lässt Er uns gerade da allein! Er hat doch da selbst einen Konflikt geschaffen oder wenigstens bestätigt. Und was nun? Es kann ja keiner andererseits sagen, das gilt für die anderen, nicht mich. Ich bin als Christ da fein heraus. ›Wer von euch ohne Sünde (auf diesem Gebiet) ist …‹ Und das ist offenbar also nie einer.«

»Mein lieber Sohn! Ein Pastor weiß ein bißchen vom Seminar her von Psychologie, und wenn nicht von da, dann natürlich erst richtig aus seiner täglichen Praxis als Seelsorger! Ehrlich gesagt, war ich schon seit einiger Zeit besorgt um dich, dass du nicht wie andere seist; denn dem Alter nach müsste das ja schon lange einmal stattgehabt haben! Aber nun sei ganz unbesorgt, das ist ganz natürlich und eigentlich wunderschön.

Um es also kurz zu machen: Ich glaube, du bist verliebt!«

Als er aber da gar keine andere Reaktion von seinem Gegenüber erhält als ein erschrecktes Stirnrunzeln, ergänzt er:

»Oder Sam, mein Junge, sei ehrlich! Doch nicht ein unsittliches Verhältnis?? Oder, ich verstehe – erst nur ein unsittliches Verlangen, gar ein – äh, – h-homosexuelles?!«

Und wieder, gelenkt durch den Widerwillen seines Gegenüber:

»Oder nein, nach einer älteren Frau? Einer Verheirateten?

Aber nein! Ich kenne dich selbst ja schon als viel zu gewissenhaft, es so weit kommen zu lassen! Du spürst ein noch unbestimmtes Verlangen und kommst ganz richtig schleunigst zu mir, dass wir zusammen das Fleisch ertöten und dich im Gebet wieder Gott weihen…«

»Dale, ich versichere dich, es ist nichts von alledem! Es geht gar nicht um mich! Ja, eigentlich nichtmal um jemand bestimmtes. Ich will im Prinzip herausfinden, wo wir alle stehen. Es kann uns doch unser Heiland da nicht mit so einem Konflikt allein lassen! Es geht, wenn du willst, um unsere ganze Kultur. Wir Christen sind doch verantwortliche Gesandte unseres Herrn. Und wie weit das Übel von uns allen Besitz ergriffen hat, brauche ich dir als erfahrenerem Seelsorger nicht vorzurechnen! Was nun ist unser geistiges Armamentarium?«

»Sam, mein Sohn, glaub mir, ich verstehe dich! Wir alle haben da ein natürliches Schamgefühl – ich brauche auch gar nichts Näheres zu wissen.

Wir wollen also ganz sachlich und unpersönlich einmal herauszufinden versuchen, wie wir uns da verhalten sollen. Aber sei versichert, ich wiederhole es, es kann und tut es auch, jedem passieren! Wir sind alle Sünder, und der Alte Adam wohnt nun einmal in unserem sündigen Fleische.«

Sam erwidert darauf nichts – wenn auch nur zunächst – um nicht die eigentliche Frage in gegensätzliche Meinungen über Sünde und deren volle Vergebung, und »Reinwaschen von aller Sünde«, wie es Johannes verspricht, verzetteln zu lassen. Auch hat er als innerlich unschuldiger Mensch entweder nicht beachtet oder wirklich nicht wahrgenommen, dass Dale, einem alten Axiom zufolge, im Gegenüber genauso viel Unwahrheit annimmt wie in sich selber vorhanden. Er kommt stattdessen direkt auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen. Lass den Älteren ruhig in der Meinung, hier persönlich aus sexueller Not und Sünde herauszuhelfen. Das gibt ihm einen Vaterstolz, der ihn mit Geduld wappnen wird, weil er ja nun der Gebende und nicht der schamvoll Nehmende mehr ist.

»Dale, Jeschua sagt doch ›Mein Joch ist leicht!‹ oder im ersten Johannesbrief, Kapitel 5. Vers 3: ›Seine Gebote sind nicht schwer.‹ – ›Wen der Sohn frei macht, der ist richtig frei‹ oder bei Paulus: Das Gesetz ist für die Sünder, damit sie einsehen, dass von da keine Errettung kommt, so sehr sie’s auch selbst versuchen. Wir aber seien zum Glauben ›ohne des Gesetzes Werke‹ erlöst. Davon ist nun das ganze Neue Testament voll, ja, das ist geradezu der Neue Bund, dass wer Gott gegeben hat, ›was drinnen ist‹, nämlich das sündige Herz, aus dem aller Raub, Unreinigkeit und Sünde steigt, der hat ›alles rein‹, nämlich Gottes Vergebung und ein Leben wie es Gott gefällt, ganz aus Freude, und ist kein Sünder mehr. So ein Mensch hat alle Not, alle Mühsal auf Christus abgeladen, Der für uns sorgt. In anderen Worten, dass Er und nur Er allein das rechte und vollkommene und ausreichende Opfer für uns am Kreuz vollbracht hat, und wir absolut gar nichts mehr dazu tun können, ja, überhaupt dürfen, als das kindlich und ehrlich im Glauben anzunehmen.«

»Mein Junge, ich nehme doch nicht an, dass du bei deiner Reife in Christo etwa auf die Idee gekommen bist, dass Seine Freiheit nun ein Freibrief für die Sünde geworden sei! Weit entfernt! Der Apostel ermahnt uns ausdrücklich in diesen selben Worten! Bedenke doch, mein Sohn, vor Gott sollen wir rein dastehen, Sünde hat bei Ihm keinen Platz – und ebenso all die Faulpelze nicht, die sich um die tägliche, oft harte Arbeit und jede Verantwortung, die jedem Christen für sein eigenes Leben aufgegeben ist, drücken wollen!

Hier heißt es nun tüchtig werden! Wir laufen wie in einem Wettkampf, und nur einer gewinnt das Kleinod. Wer zu träge wird, täglich den Alten Adam zu ersäufen, der darf sich nicht wundern, wenn ihm Gott dann am Ende seine Rechnung serviert! Der Sünde Sold ist der Tod! Vergiss das nur nicht!«

»Ach Dale, ich dachte, über diese Anfangsgründe sind wir längst hinaus. Nochmals ausdrücklich: Allein im Glauben gewinnen wir bei Gott. Einen täglichen Kampf gegen die Sünde gibt es nicht mehr für uns, denn der ist nun am Kreuz vollbracht! Paulus sagt in Römer 6: Betrachtet euch der Sünde abgestorben! Und das ein für allemal, verstehst du? Wer täglich um seine eigene Reinheit kämpft, verachtet das Werk von Golgatha, verachtet die einzige Brücke über den Abgrund, die uns zu Gott führt, nämlich das vollbrachte Werk am Kreuz. Vollbracht, siehst du, und ›nicht durch Menschenhand‹. Du und ich können gar nichts dazu, als es dankbar als ein freies Geschenk von Gott empfangen! Und nur das heißt in diesem Problemkreis Glauben.«

Hier nun ist es Dale, der die Stirn runzelt. Aber Sam in seinem Eifer überfährt dieses Warnsignal. So weit reicht seine Offenheit, er hatte sich vorgenommen, nicht an die grundsätzlichen Fragen zu rühren, wo so viel Uneinigkeit zu bestehen scheint. Aber wessen das Herz voll ist, läuft auch hier bei Sam der Mund über. Er fährt fort:

»Oder sagen wir’s mal so herum: Wozu musste Jeschua zu uns hier auf die Erde kommen? Na klar, jeder Sonntagsschüler leiert die Antwort herunter: um für uns zu sterben und uns von der Sünde zu erlösen, das heißt befreien! Ohne Ihn keine Erlösung!

Was unterscheidet dich denn vom Alten Testament? Da musste man allerdings durch tägliche Disziplin seine Sündlosigkeit erkämpfen, und fast immer vergeblich. Wozu denn der ganze Wind um Jeschua, wenn Der auch nur einer der vielen Propheten ist, die alle sagen: man immer fleißig, Kinderchen, erkämpft euch das Himmelreich! Es bleibt alles beim Alten. Vor Ihm, Selbstdisziplin gegen die Sünde, das ist ›Religion‹. Nach Ihm, Selbstdisziplin gegen die Sünde, dieselbe Religion! Also wer das vollbrachte Werk verachtet und sich lieber selbst zu erretten versucht, der verachtet den Sohn! Und ›wer also dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm‹ Das zu glauben ist Christentum und keine Religion mehr. Was sagt denn das Wort Erlösung?

Da gibt es eine Macht, der wir alle verfallen sind, und müssen sündigen, egal, was wir dagegen unternehmen. Aber nun kommt Einer um uns zu erlösen …«

»Also Sam, ich will den ›Wind um Jesus‹ mal deinem Hintergrund zugute halten! Für uns Christen jedenfalls ist dieser ›Wind‹ um Ihn unser ein und alles! Ich weiß nicht, wo du diesen neumodischen Stil hergeholt hast. Für mich gilt jedenfalls ›the good ole religion, it’s good enough for me! Und für Millionen andere! Und die können doch nicht alle falsch sein. Das glaub du mir man! Und dass man sich nicht mehr mit täglicher Selbstdisziplin für Gott läutern soll, also, – das muss ich einfach ablehnen! Was bliebe denn sonst für ein Christenleben übrig? Meinst du denn, Er segne Faulpelze, die sich einfach alles ›schenken‹ lassen?«

Hört ihr wohl, ihr alle mit dem Freien Willen, aus dem ihr die Entscheidung zu Gott machen wollt, kleine Götter? Dale hier, Mann eurer eigenen Überzeugungen, hat keine Wahl, sich für Gottes Wege zu entscheiden, da hat er recht, muss es »einfach ablehnen«. Bei »Muss« hört alle Freiheit auf, dass hat er richtig erfühlt. Ein Mensch macht ja eine Entscheidung ähnlich wie ein Computer; er häuft das Für auf einen, und das Gegen auf den anderen Haufen, dann wiegt er ab, was größer sei! Anders geht es nicht. Und wenn er nun mogelt und doch anders entscheidet als seine zwei Haufen erfordern, hat das auch wieder einen Grund, er ist etwa verliebt, aber gesteht sich das nicht ein, also noch ein dickes schweres Gewicht auf dem »Für«-Haufen, das er nicht sehen will! »Es entscheidet« sich in ihm, und wenn Gott ihn auserwählt und ins Lebensbuch eingetragen hat, sorgt Er dafür, dass die Wahrheit Gottes für ihn das Übergewicht behält. Keiner »entscheidet« hier. Ein guter Baum bringt gute Früchte! Er fragt nicht im Frühling etwa: Soll ich nun Apfelsinen oder vielleicht Kletten dies Jahr hervorbringen?

Nun ist inzwischen aber doch eingetreten, was Sam vermeiden wollte. Sie streiten sich über die alten Baptistenbegriffe, was sie allerdings vorher nur sehr wenig getan haben, Sam war da noch nicht überzeugt genug. Aber nun ist da auch keine Spur Verständnis bei Dale, der sich partout den Himmel nicht schenken lassen will! Und gar nichts geht bei uns nach auch millionenstarkem Mehrheitsbeschluss. Natürlich können – und sind auch täglich – ganze Millionen falsch, nicht nur etwa unter Hitler! Die den »breiten Weg ins Verderben« gehen. Auch andersherum, bei Sam ist keine Spur Verständnis, sollte ich hinzufügen? Nein, Sam ist selber durch diese Schule gegangen, wie alle Christen es erst tun müssen. Niemand wird voll bekehrt geboren. Er weiß recht gut, was der Pastor meint; der Unterschied ist nur, dass er diesen Baptistenzopf wegen besserer Erkenntnis aus der Bibel ablehnt, während der Pastor überhaupt kein Ohr hat zu hören.

==========5==========

Vielleicht auch kein Öhrlein, möchte ich für mich selbst hinzufügen, denn ich bin allerdings etwas eifersüchtig auf das gute missionarische Werk, das Sam da leistet. Es ist aber bei dieser Art Leuten, die schon »alles wissen«, durchaus in den Wind geredet. Solche Christen, besonders hier in Amerika, sind wohl das Schwerste an Mission, was es gibt, und das Allererfolgloseste, weil sie gar nicht mehr mit einer Frage kommen, die man ihnen helfen könnte zu klären und damit nicht mehr am Suchen nach Gott, kurz, weil sie nie die Nehmenden sein können.

Ich selber mag mich da mit diesem Menschen nicht zerstreiten, darauf läuft es wohl hinaus, denn außerdem ist der Pastor ja durch seine Dachorganisation, die Southern Baptist Convention, gebunden und könnte sich auch nicht von heute auf morgen zum Evangelium bekehren – und um genau nichts weniger geht es hier – ohne Stellung und Broterwerb zu verlieren. Die ganze christliche Mehrheit liegt ja falsch! Und soviel Freiheit gibt es hier nicht, dass etwa ein bekehrter Pfarrer in einer Sektenkirche ein wahres Evangelium verkünden könnte, selbst wenn er einmal eine größere Mehrheit hinter sich hätte. Seine Dachorgansation fände Wege und nicht ganz wahre, wenn vielleicht auch wahr geglaubte Anschuldigungen, ihn loszuwerden. Aber gerade solche Wahrheit ist des Menschen Aufgabe hier auf Erden, aus welchem Hintergrund immer, und um welchen Preis. Und wir müssen’s ihm sagen, sonst fällt die Schuld bei Gott auf uns zurück.

Übrigens weiß er ganz gut, wo Sam »diesen neumodischen Stil hergeholt« hat oder glaubt es zu wissen: vom Webbhaus. Aber noch ist er zu höflich, die Wahrheit zu sagen, und seinem Zorn über diese Institution und das Abspenstigmachen seines geglaubten Zöglings endlich Luft zu machen. Weil nun selbst »aus Höflichkeit« nicht aufrichtig, würde er auch seinerseits nicht glauben, wenn man ihm sagte, Sam sei durch den heiligen Geist alleine auf die biblische Wahrheit gekommen, unabhängig, aber vielleicht gleichzeitig wie Mischa und dann der Rest des Webbhauses, oder gar noch vor ihnen. Das Webbhaus hat allerdings dem vorher aus Erfahrung davon schweigenden Sam das Rückgrat gestärkt und Mut gemacht.

Diese »Höflichkeit« Dales, die ganze Verstellung, der wir im Bunde mit dem Teufel eine so edle Stellung einräumen, ist vor Gott Heuchelei und Lüge! Er sagt da:

»Ein Ja für ein Ja, das heißt, wo ein Ja hingehört, und ein Nein für ein Nein. Alles andere ist von dem Bösen«,

das heißt Teufelswerk. Niemand kann lange in solcher Heuchelei leben oder gar ausgeglichen und glücklich werden, der nach dem Freudschen Über-Ich lebt. Freud war ein gegen Gott gleichgültiger Jude und lebte im katholischen Wien. Damit ist alles gesagt! Und doch ist es in unser aller Kultur allgemein ebenso. Aber jedem platzt mal der Kragen, und die Wahrheit, die hässliche, schmutzige und hasserfüllte Stauflut bricht hervor, oft gar erst nach Jahren des Heucheltheaters.

»Gut, Dale, vergib mir! Was soll ich nun so einem Menschen, befangen in sexueller Versuchung oder Sünde, antworten?«

»Was ich dir sage! Und du kannst es selber lernen. Es ist ja die Bibel! Dass wir alle in Gefahr sind, in der Sünde zu versinken, wenn wir nicht täglich den Kampf aufnehmen. Natürlich durch Ihn und in langem Gebet – vielleicht haben wir uns da missverstanden? Er ist ja unsere Erlösung, ohne Ihn hätten wir keine Hoffnung im Kampf gegen die Sünde, das hab ich nie bestritten. Sieh mal, mein Junge, ich kenne die Bibel doch mindestens so gut wie du. Was ich hier sage ist nichts als Gottes Wahrheit!

In Römer – den zitierst du doch so gern? – im Kapitel sieben beschreibt nun unser Herr, der uns ja genau kennt, wie es im Herzen eines jeden Menschen aussieht, hier durch Paulus, der sich gar nicht mehr schämt, in der Ichform. Nun höre doch einmal ganz unvoreingenommen selber ganz genau zu!«

Und der Pastor, der seine Schmuckbibel mit Goldschnitt, aber natürlich in der King James Übersetzung, herbeigeholt hat, schlägt Römer sieben auf und liest vor (Hervorhebungen sind von mir. Sie geben jeweils Dales erhobene Stimme wieder):

Denn wir wissen, dass das Gesetz heilig ist, ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.

Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut sei.

So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

Denn ich weiß, dass in mir, das ist, in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes.

Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen das Gute finde ich nicht.

»Sam, was kann nun wohl noch klarer sein? Sich selbst Erniedrigen und unter die Sünde Stellen kann doch vor Gott nicht verkehrt sein. Kannst du vielleicht auch darauf noch irgend etwas erwidern?!«

Sam kann der Versuchung wieder nicht widerstehen und führt das Gespräch zum zweitenmale vom Sex weit ab. Denn was er nun, in dieser für ihn »unmöglichen« Situation anführt, das reizt den Pastor so, dass er danach auch mit Bitten um Vergebung nicht mehr zu besänftigen gewesen wäre, besonders weil er ja eine persönliche Erniedrigung durch die Sünde für sich selbst in Sams Ausführungen sieht, und gerade die kann er nicht verkraften! Sam macht das in seiner Ehrlichkeit unbewusst noch schlimmer, als er sagt:

»Ja, Dale, das kann ich! Diese so oft missverstandene Stelle ist ein Paradebeispiel für den ›Buchstaben, der tötet, gegen den Geist, der lebendig macht‹, wie er’s ja im selben Brief sagt. Denn so wie du es haben willst, widerspricht Paulus ja eklatant sich selber! Ich zitiere, selbe Epistel, selbes Kapitel:«

Und Sam nimmt, mit einer Geste Einverständnis erheischend, dem Pastor die Bibel aus der Hand, schlägt eine Seite zurück und liest vor (ich betone ebenso):

Denn solange wir im Fleische waren, da waren die sündlichen Lüste, welche durchs Gesetz sich erregen, kräftig in unseren Gliedern, dem Tode Frucht zu bringen.

Nun aber sind wir dem abgestorben, das uns gefangen hielt, und vom Gesetz los,

so dass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.

»Und aus dem vorigen und nächsten Kapitel desselben Briefes:«

…weil wir ja wissen, dass unser alter Mensch samt Ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde aufhöre, dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt und frei von der Sünde.

Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, die ihr ja nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.

Gott aber sei gedankt, dass ihr Knechte der Sünde gewesen seid, aber nun gehorsam geworden von Herzen dem Bild der Lehre, welchem ihr ergeben seid.

Nun aber seid ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden, habt ihr eure Frucht, dass ihr heilig werdet, das Ende aber ist ewiges Leben.

»Und aus dem Kapitel acht, also nach deinem Zitat:«

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte Seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch. Auf dass die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist.

»Also, lieber Dale, wie reimt sich das zusammen? In dem von dir zitierten ›die Sünde die in mir wohnt‹ und nichts Gutes in mir und, das Gute, das ich will, vollbringe ich nicht, und so weiter – gegen was davor und danach im selben Brief genannt wird, ›frei von Sünde‹ und ›die Gerechtigkeit, in uns erfüllt‹?«

Dale, der gar nicht damit gerechnet hatte, dass man ihm so genau und wohlfundiert hätte antworten können; er hielt sein Argument für unschlagbar, sitzt verbrummt und steif in seinem Sessel. Er schweigt zunächst, weil er sich wieder wie ein dummer Junge vorkommt. Er hat genau diese Empfindung beim ersten Treffen mit »diesem Mike« so schmerzlich auskosten müssen und fast genau über dasselbe Thema! Ach was, denkt er, ich weiß doch was ich weiß! Beide Grünschnäbel haben keine Theologie studiert.

Bei Gott aber nun geht es, im Gegensatz zu allen menschlichen Wissenschaften, um etwas ganz anderes, wofür das Wort Weisheit nur eine Annäherung ist, da geht es um Gottes Erleuchtung.

Nun ist es sein eigener lieber Zögling selber, der ihn so benast! Dale weiß nicht wie und warum, aber er hasst diesen ganzen Geist aus dem Webbhaus. Auch jetzt hat er vor unterdrückter Emotion nicht viel vom Inhalt des Zitierten verstanden, nur so schmerzliche Bruchstücke, die seinem Zitierten widersprachen. Er sagt schließlich mit belegter Stimme:

»Nun, wenn es dir so ein Widerspruch ist, dann musst du ja selber dazu eine Erklärung aufbringen!«

»Will ich gern, Dale. Für Paulus gab es im Griechischen keine Anführungszeichen und andere dieser klarstellenden Hilfsmittel von heute. Wir müssen also selber gutwillig kombinieren. Sagt etwa Johannes in seinem ersten Brief: ›Kindlein, das schreibe ich, damit ihr nicht sündigt. Sündigt einer, so haben wir einen Anwalt, Jeschua selber, …‹ so scheint das eine Unlogik! Wir müssen eben zum richtigen Verständnis hinzufügen: Wenn’s aber dennoch einmal passieren sollte, dann haben wir …‹ und so weiter. Unsere Schulen sagen: Sex außerhalb der Ehe ist verboten! Wenn ihr’s aber doch tut, hier sind freie Kondome! Die so natürlich genau den entgegengesetzten Effekt bei den Schülern haben. Oder im ersten Korintherbrief, Kapitel 7, Vers 10, die berühmte Stelle: Eine Frau soll sich nicht von ihrem Mann scheiden. Scheidet sie sich, so soll sie nicht einen anderen heiraten, sondern ledig bleiben oder sich mit ihrem Mann wieder versöhnen. Das wirkt unlogisch, wenn wir nicht gutwillig kombinieren.

Am deutlichsten erscheint es mir im Psalm 97: ›Du, Herr, bist erhöht über alle Götter .. ‹ Nanu? Eben lässt Er uns doch wissen, dass es überhaupt keine Götter im ganzen Universum gibt, Er sei der absolut Einzige! Eine modernere Übersetzung aber schreibt: ›Alle »Götter« fallen vor Ihm nieder.‹ Die Anführungszeichen machen es sofort befriedigend klar. Was an Geistern immer in unseren Menschengehirnen sich frevlerisch mit Gott vergleicht, fällt haushoch gegen Ihn ab, denn das Fallen vor Ihm nieder kann heißen, sie demütigen sich im Staub vor Ihm, oder wie hier, sind einfach Nichts verglichen mit Ihm.

Auch hat Paulus in einem Zuge geschrieben; die Kapitel- und Verseinteilung wurde später zugefügt. Er rutscht im Text beinahe unmerklich von der einen Aussage in ihr Gegenteil. Aber natürlich lügt er nicht oder führt uns an der Nase herum.

Pilatus sagt im Johannesevangelium, als der gedemütigte Jeschua zum Hohn mit Dornenkrone und Purpurmantel vor ihm dasteht: ›Ecce homo‹, und wir müssen kombinieren, was das wohl in diesem Zusammenhang heißt und etwa gedanklich hinzufügen: Seht einmal, auch nur ein Mensch! Dazu ziehen wir gleich in Betracht, dass der Heide und Römer Pontius Pilatus ja wohl ganz in der antiken Götterwelt befangen ist. Nun hört er also von dem Gemunkel, dass sein nunmehriger Gefangener irgendeine Gottesgleichheit oder göttliche Kraft habe, und denkt dabei an so einen Supermann, wie unser heutiger ebenso eine Renaissanceschöpfung unseres allgemeinen Unglaubens oder Aberglaubens ist, ein Herkules oder einfach ein anderer Gott. Dann hieße sein Ecce homo eine Enttäuschung, auch ein Triumph gegen die Juden; denn wenn sich Jeschua so schlagen lässt und also schwach ist, so ist Er auch nichts weiter als ein menschlicher Gernegroß. Damit macht er Ihn den Juden madig: Geschieht euch ganz recht mit eurem Ein-Gott-Vogel!«

Unwillkürlich rutscht nun Sam nicht nur in den Geist sondern auch die Ausdrucksweise des für Dale so verhassten Webbhauses selber hinein.

»Bleiben wir gleich einmal beim ersten Korintherbrief,« fährt er fort,

»Kapitel 15, Vers 15, leicht zu merken. Da sagt nun der Apostel, nach der auch von dir so beliebten King James’ Fassung:

Ja, und wir werden als falsche Zeugen Gottes befunden; denn wir haben bezeugt, dass Gott Jeschua auferweckt habe, was Er doch nicht getan hat, und also erstehen die Toten auch nicht.

Das ist doch wohl die Krone! Dem Wortlaut nach bezeugt hier Gottes heiliger Heidenapostel, dass alles ein Jux sei, woran unser Glaube hängt, Jeschua sei gar nicht auferstanden! Er fährt fort:

Denn wenn die Toten nicht auferstehen, dann ist Christus doch auch nicht auferstanden. Und wenn Er nicht auferstanden ist, dann ist euer Glaube nichtig, und ihr seid noch in euren Sünden. Und die Entschlafenen in Christo sind verloren. Wenn wir nur in diesem Leben auf Christus hoffen, dann sind wir von allen Menschen die bedauernswürdigsten.

Ich kenne aber keinen Christen, der das ernst genommen hätte, denn Paulus fährt ja auch hier fort, Vers 20:

Aber nun ist Christus von den Toten auferstanden und wurde die erstgeborene Frucht aller dort Schlafenden.

Und genau so müssen wir denselben Apostel hier im Römerbrief verstehen, genau so! Er benutzt einen Indikativ und erzählt zu einem lehrenden Zweck genau das Gegenteil der Wahrheit. Er lügt nicht, wenn wir den ganzen Sinn seiner Aussage nehmen, rahmt es sogar für unser Schwerverständnis in die Verse 14 und 20, wo er wieder das Gegenteil, also die genaue Wahrheit berichtet.

Nehmen wir einmal an, ein Versicherungsvertreter geht von Haus zu Haus und verkauft uns seine Versicherungen. Nachdem er nun herausgestellt hat, was seine Gesellschaft alles so großzügig deckt, stellt ihn der Hauseigentümer auf die Probe:

Also, ich vertrinke meine Leber, bis ich frühzeitig an Zirrhose sterbe! Ich nehme meine Pistole und knalle mich ab! Ist dann wohl auch meine Frau gedeckt?

Jawohl, antwortet bescheiden und fest der Vertreter, auch das deckt meine Versicherung!

Aber, hast du bemerkt? Der Familienvater redet im Konjunktiv, obgleich es grammatikalisch wie bei Paulus ein schöner Indikativ ist. Er denkt gar nicht daran, sich zu schädigen oder umzubringen. Er sagt das, um die Möglichkeit des Neuen, Angebotenen, was ja so unglaublich klingt, zu testen. Der Versicherungsmann versteht es auch sofort richtig. Erinnere dich, was Paulus über den tötenden Buchstaben in demselben Text, also aus diesem Grunde, sagte. Er glaubt annehmen zu dürfen, dass wir ihm genau und vor allem: gutwillig folgen, wenn er auf einmal wieder den Menschen beschreibt, der wir alle einmal waren: der Mensch noch in der Sünde und unter dem Gesetz. Und dann beendet er auch diesen Abschnitt – das haben wir noch gar nicht erwähnt – folgendermaßen. Er sagt am Ende des Kapitels sieben:

Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?

Wartet er hier wirklich noch auf die Erlösung? Ist er wohl selber noch im Todesleib? Er, der gerade klarmacht, dass es eben diese Erlösung nun in Jeschua gibt? Und er fährt fort:

Ich danke Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Wofür wohl? Wohl doch nicht für die beschriebene Sündenzwickmühle? Paulus erwähnt es gar nicht weiter. Er sprach ja gerade über die Erlösung. Und um’s ganz klar zu machen, fährt er fort mit was wir nun Römer acht, Vers eins nennen. Wohlgemerkt, Paulus machte keine, und es gehört auch keine Zäsur in ein neues Kapitel hier hin:

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.

Was meint er mit ›so‹? Was heißt das da wohl? Es heißt ›also‹ und fasst damit das Gesagte als eine Auflösung, eine abschließende kurze Antwort auf das lang Ausgemalte, zusammen.«

»Samuel Nathan Rothman!

Du könntest bei deiner Jugend auch ruhig einmal lernen, dir etwas sagen zu lassen, dazu von einem der bescheid weiß und gerade dies studiert hat! Meinst du, alles zu wissen? Das kann keiner. Aber ich weiß schon, woher der Wind weht. Das ist dieser aufsässige Geist von deinem neuen Freund da, von allen in diesem superklugen Webbhaus! Die sollen alle erst einmal von der Pike auf lernen, nämlich, sich selbst zu beherrschen! Nein, so leicht ist das mit diesem Gotteswort nicht. Da braucht es ein gründliches Studium zum korrekten Verständnis. Und das hast du nicht, Herr Grünschnabel! Es sind aber die Demütigen, denen Gott beisteht! Die, die nicht alles besser wissen wollen und eine Sündenfreiheit einfach ohne weiteres für sich in Anspruch nehmen! Denn die Sünde ist eine gewaltige böse Macht, der schon ganz andere Geister erlegen sind als du und ich!«

 

Dazu will ich, Öhrlein, ein Wort hinzufügen. Es kommt mir hier in Amerika so vor, als hätten wir nicht nur das Nachdenken verlernt, sondern eben die richtige Art, die Bibel zu lesen. Ja, es müssten uns doch bei jedem Gedanken sofort Dutzende von Gedanken bestürmen der in keiner Weise voreingenommenen Kritik, des Vergleiches mit der Bibel, Ergänzungen aus anderen Stellen, und möglichst auch, was andere, die Welt, zum Vergleich dazu denken. Unser Dale hat völlig unrecht, dass der Geist aus der menschlichen Tradition, also dem offiziellen Theologiestudium allein komme. Seit der Reformation sind wir aus diesem irrigen Gedanken heraus. Und das Theologiestudium, das ja immer nach Kirchen und Überzeugungen eingeteilt ist, hat jeweils nur seine eigene »Wahrheit«.. Da muss man nur aufnehmen ohne zu antworten, muss im Examen nur genau bekennen, was sie haben wollen.

Dagegen wirkt der durch Drangsal in Einsamkeit und Abgeschiedenheit gereifte, vom heiligen Geist ausgebildete Sam geradezu erfrischend!