Einundzwanzigstes Kapitel

Die angenehmere »Kontaktperson«

Sam fühlt sich elend auf dem dunklen Nachhauseweg. Was hat er da wieder verpatzt! Nun ist die Verbindung zu Dale wohl gründlich abgekühlt, wenn nicht endgültig abgebrochen! Er hat ehrlich und mit Begeisterung sein Bestes gegeben. Dale hat ihn auch meist ausreden lassen. Über seinen plötzlichen Ausbruch am Ende ist Sam gänzlich erschreckt und verdattert. Was war denn bloß so falsch? Dale kann doch nicht meinen, dass man gar nicht über Gottes Wort nachdenken soll? Selbst die Katholiken haben doch nach jahrhundertelangem Verbot das Laienstudium der Bibel, durch den Zwang allein der Existenz evangelischer Christenheit, wieder erlaubt. Und wenn meine Gedanken falsch sind, denkt er, müsste er doch mit seiner Bildung als erster, und automatisch sehr liebevoll – das ist man von selbst, wenn man wirklich die bessere Erklärung hat – richtig stellen. Und vom eigentlichen Thema haben wir kaum gesprochen.

Na, tröstet er sich, als er in seine kalte bescheidene Bude kommt, mehr als er selber ihn hat wissen lassen, wäre wohl auch unter den besten Umständen nicht zu holen gewesen. Dale weiß nur felsenfest, dass man sich selbst beherrschen muss, das Ganze ein Wettkampf vor Gott, wer wohl die stärkste Stamina im Zusammennehmen habe und im »Verleugnen« seiner eigenen Triebe, die für einen treuen Baptisten noch dem Teufel angehören , also offenbar nicht einmal von Gott erschaffen, geschweige denn miterlöst sind. Aber Gott sagt allegorisch und durchaus und wie meistens über den Geist redend, im Zusammenhang mit der Fußwaschung, dass wir durch Ihn ganz rein seien und keine weitere Waschung anderer Körperstellen brauchen, und dass Er gerade den Schwächsten beistehe. Und die (moralisch) Letzten werden die Ersten sein. Also gar nichts mit unerlösten Resten in uns und noch weniger mit eigener Stamina! Die gerade haben die »Letzten« nicht, darum hilft Gott ja gerade ihnen, um Seinen Punkt zu machen, dass Er es ist, der die sündige Seele aufräumt. Und das »Verleugnen«, besser Vernichtsen genannt, bezieht sich auf den Tod des Ego, das Kreuz, das man auf sich nehmen soll, Sinnbild des Verbrechertodes, den wir mit Jeschua gestorben sind, und nun »täglich auf uns nehmen« sollen. Den Tod ! Nicht den Kampf und die dauernde Qual! Damit nun die verheißene Ruhe herrscht und nichts mehr streitet und kämpfen muss.

Der Zweikampf hört mit dem Tode des einen Kontrahenten auf. Wenn der andere noch weiterdrischt, wie Dale täglich auf seinen »Alten Adam,« hat er den Tod nicht begriffen und verachtet also Gottes einzigen Erlösungsweg.

Armer Sam! Er ahnt nicht, dass sein Fehler nichts weniger als sein Zuviel-Wissen, ja, seine Perfektion war! Das einzige was man ihm vielleicht vorhalten könnte, war, dass er nicht in Dale eine wirkliche Frage aufkommen ließ, nach dessen Antwort er dann bei Tag und Nacht gegrübelt hätte, so wie der Webbkreis über Mischas absichtlich offen gelassene Rätsel. Aber nun hatte ihn ja der Pastor nach seinem triumphalen Bibelzitat eindeutig darüber ausgefragt. Also musste er doch antworten. Und es ist sehr zweifelhaft, ob der Pastor überhaupt jemals ein Ohr zu hören entwickeln würde. Er ist nicht der Grüblertyp, das wissen wir schon. Und es brennt! Hätte er’s ohne Antwort stehen lassen, könnte ihm Gott in einem imaginären Gericht vorhalten, er wäre schuldig geblieben, ihm das Evangelium zu bringen. Dazu würde freilich die »Verteidigung« wohl anführen, man solle die Perlen nicht vor die Säue werfen! Denn genau so, nur aufs Evangelium beziehen sich Jeschuas harte Worte. Aber das ist müßig, ich nannte es imaginär, denn Sam kommt erst gar nicht in Gottes Gericht.

Wer einmal die Erleichterung erfahren hat, wenn er Gottes Heilsplan so begriffen hat, dass er auch befreit und glücklich danach leben kann – schließlich heißt Evangelion doch die Gute Nachricht – der ist perfekt, sagt Jeschua selber. Die ganze Qual, die solche Leute auf sich zu nehmen für Gehorsam vor Gott und also ein gutes Werk hielten, ist an der Sonne zerschmolzen!

Aber nun hat Sam wegen dieser teuflischen Fehlschaltung in Dales Seele, den Pastor an die Wand gedrückt und beschämt! Je besser er sprach, je schlagendere Argumente er vorbrachte und je mehr er in dieser Sicherheit innere Ruhe ausstrahlte, desto stärker dieser Effekt bei Dale mit dem unterdrückten aber »beherrschten« Hass gegen ihn. So kann man, »bergauf«, normalerweise gegen ein solches Herz kaum gewinnen. Und die reine Liebe hat hier, wenn auch sonst »bergab«, den Haken der höheren gesellschaftlichen Rangordnung des Pastors. Und hätte Sam eine Frage gestellt für den Pastor zu grübeln, so wäre der von Anfang an wohl schon zu stolz dazu gewesen. Es würde aber seinem Ansehen durchaus nicht schaden, eher im Gegenteil, wenn er sagte: Nein, das weiß ich nicht. Erkläre es mir, lehre mich! Denn wäre das für ihn Routine, wäre er wohl schon eine Neue Kreatur und schon lange geistlich fortgeschritten.

Dale hat nie so über den Römerbrief nachgedacht! Für ihn »war das eben schon immer so«, dass Christsein ein Wettlauf eigener Stärke sei, und nur der beste siege. Daran war nicht zu rütteln! Tief innerlich weiß er sogar, wie wir sehen werden, dass er nicht siegen wird – eine tragische traurige Gestalt! Dass Paulus von einem geistlichen Kampf spricht gegen Fürstentümer und Gewalten und nicht Fleisch und Blut, also im Grunde, gerade was sie da miteinander ausfochten ebenso wie in der Reformation: Gottes herrliche Wahrheit gegen Irrtum und Torheit – und dass durch Christus der Schwächste siegt – das hat er nie begriffen! Er hatte ja noch niemals auch nur den äußerlichen Widerspruch in Paulus’ Römerbrief wahrgenommen. Denn der hätte ja in einem denkenden Menschen sofort ein »Grübeln bei Tag und Nacht« nach der Antwort und Lösung wachgerufen, denn das ist ja das eigentlich neue Wesen eines wirklichen Christen.

Aber man muss auch Dale nehmen, wie er ist. Hielte man ihm einen Vortrag über Pharisäerunwesen, dass man nun alles aus Freude tun solle und getrieben von Gott, dann übersetzte sich das sein gefangener Geist, er müsse nun mehr Freude äußerlich zeigen, also erheucheln, und sich also immer ein Lächeln aufsetzen – wie das die schon erwähnte Marie Osmond in ihren Memoiren als Qual zugibt – wenn er mit Leuten spräche! Unsere Kommunikationsleitung zu solchen Leuten ist noch viel früher und ursprünglicher gerissen als wir uns träumen lassen. Ein anderes ist der Verlust über den Wert der absoluten Wahrheit. Einen Fakt »managen«, wenn das zum Guten führe, sei ein gottgerechtes Unternehmen. Es ist dies das Denken, was in unseren Medizinerkreisen schmunzelnd den Juristen untergeschoben wird: Recht hat immer der zahlende Klient! Oder: Der Zweck (das ist hier unter christlicher Überschrift auch schon: die Höflichkeit oder Etikette) heilige die Mittel. Aber es soll uns klar sein, das widerspricht dem Evangelium. Wahrheit kommt immer vor Etikette! Und so hat Dale am nächsten Tag Gewissensbisse in seiner gequälten und gefangenen Seele, aber nicht im geringsten über was ihn auf die richtige Bahn hätte führen können. Warum Dales Seele so gequält ist, wird sich nächstens deutlicher zeigen. Es gibt da außer geistlichen Dingen etwas, von dem Dale wünschte, dass es nicht einmal Sam wisse.

Nun bereut er, dass er sich so gehen ließ und nicht ewig »nice« zu seinem Zögling geblieben ist, sondern in Emotionen wie Zorn gesprochen hatte. Ach Dale! Diese Emotion war von Gott gesandt, dich zurückzurufen, wie die aufkommende Renaissance die Päpste! Manchmal kommen wir nur durch Ärger oder Ähnliches zum Nachdenken. Aber er meint, er hätte noch mehr Heuchelei anwenden sollen, um die väterlich-freundliche Maske aufzubehalten.

Dennoch, menschlich ganz unbegreiflich, hat Sam doch einen enormen Eindruck auf seinen älteren Freund gemacht. Denn als sich nach Tagen oder Wochen die Emotionen bei Dale gelegt haben, ist er innerlich und ganz unbewusst in manchem auf Sams Linie eingeschwenkt und vor allem wird er sich für die eigenen missionarischen Anstrengungen viel von ihm, allerdings nur äußerlich, abgucken. Das ist Sams ausgestrahlter Ruhe, aber auch seinem eigenen Benastfühlen zuzuschreiben.

Das ist doch wie mit der schiefgegangenen Prohibition! Sie meinen, alles mit ihrer »Disziplin« meistern zu können. Ich weiß, das klingt nun furchtbar deutsch-arrogant, wenn ich ihnen ihre eigene schon in sich falsch verstandene Disziplin leugne. Ausgerechnet sie und »Disziplin«! Das ist doch wohl der sprichwörtliche Herr Bock in seiner neuen Anstellung als Gärtner-Oberaufseher! Aber man sehe sich doch mal nur in einer jeden US-amerikanischen Stadt um: Dreck, Müll, herumlungerndes Gesindel mit viel Schnaps aber keiner Bleibe, einfach belassene alte defunkte Bahngleise, seit 37 Jahren nicht mehr benutzt, die Luft kaum noch atembar. Wenn ich das mit der Schweiz oder Schweden vergleiche!

Wenn sie nun wenigstens eine laissez-faire-Haltung dazu hätten wie gewisse andere Kulturen in all ihrer trompeteten »Freiheit«, aber ihre Ordnungsträume der Gesetzlichkeit sind nur eine Qual für andere. Sie setzen am falschen Ende an. Es wird kaum jemals angenehm, hübsch, ordentlich oder gar gemütlich! Denn da fehlt etwas viel früher und tiefer bei ihnen. Wenn im Auto der Generator nicht mehr funktioniert, gehört er ausgewechselt, sonst kann man nur ein paar Kilometer aus der Batteriezündung fahren. Hier, scheint mir, kennen sie gar nichts anderes als pünktliches, »diszipliniertes« Wiederaufladen in kurzen Abständen zur Weiterfahrt! – was natürlich nach einiger Zeit auch verschlampt und unterlassen wird.

 

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Die nächste Kontaktperson über das Thema Sex kommt »zufällig« und von Sam ganz ungeplant. Es wird auch ein viel fruchtbarerer und dazu liebevoller, gegenseitig befriedigender Austausch, weil dieser Gesprächspartner nicht stolz und von sich eingenommen sondern ganz zerbrochen ist. Es handelt sich ausgerechnet um die Person, die den ganzen Wirbel und meine Aufforderung an die beiden »Chefideologen«, sich um diese Frage zu kümmern, hervorgerufen hat, nämlich um Diane Hubbard.

Januar ist vergangen mit einigen Schneeschauern, die aber jeweils kaum länger als zwei Tage hielten. Nun aber, Anfang Februar, hat es tüchtig geschneit und ist auch kalt genug, dass nicht schon wieder alles nächsten Tages im Matsch ersäuft. Natürlich haben die Nachrichtenmedien wieder enorm übertrieben, dieser »Schneesturm« sei der stärkste des Jahrhunderts, dabei waren wir ja noch in den Neunzehnhundertneunzigern, wo sich ja alle registrierten schrecklichen Snowstorms des Jahrhunderts schon angesammelt hätten. Ich habe einmal zusammengezählt: Nach derartigen Behauptungen auch über Dürren, Überschwemmungen und dergleichen, bin ich schon über dreihundert Jahre im Lande!

Dazu ihr kindlicher Spaß mit dem »Windchill Factor«! Das macht sich so dramatisch, wenn man den Hörern mit enormen Kältewerten aufwarten darf, wenn’s draußen etwa –2 Grad Celsius sind! Natürlich ist es bei jedem Wind im Winter kälter als ohne ihn! Um wieviel, liegt an der jeweiligen Isolierung, also der Winterkleidung des Menschen, die aber natürlich weder einheitlich noch überhaupt irgendwie genauer festgelegt ist. Auch das wussten wir schon!

Aber man spielt hier eben gern »schreckliche Not« bei jedem stärkeren Wind, Regen, Schnee, Feuer, Flut, Dürre oder gar Erdbeben! Erstens, weil die Medien tatsächlich in konstanter Verlegenheit sind, was zu berichten, wo man zuhöre, besonders in Saurer-Gurken-Zeit, und zweitens wegen dem uneingestandenen Neid auf die Sensation, die sie den Deutschen und vielen anderen mit ihren Bombardierungen bereitet haben, während sie selbst passiv nie in den Genuss einer solchen kamen! Schließlich sollen nach Isaac Bashevis Singer, dem polnischen Nobelpreisträger, amerikanische Juden wegen ihres Glücks und Friedens neidisch auf ihre Glaubensbrüder in deutschen Konzentrationslagern geworden sein. Da haben wir wieder die Selbsteigene Pein! Verdiest vor Gott durch Leiden! Aber das waren Juden unter dem »Gesetz«. Und endlich sind die Winter hier flau und milde und das verdirbt nicht nur das romantische Bild der Schlittenfahrt im Einspänner mit Glöckchen zu Weihnachten und dergleichen, sondern eben den Genuss der »grossen Katastrophe«.

Natürlich ist am nächsten Morgen im mehr lokalen Radio die Liste lang, welche Schulen, Kirchen und Betriebe nun alle geschlossen seien wegen der Katastrophe. Morgens herrscht auch eine feierliche Stille auf den Straßen, und das ist doch nun eine echte Sensation in Usa, wert, sich in langen Spaziergängen zu erfrischen, obwohl am ersten Tage kaum mehr als fünf Zentimeter liegen. Aber wie die Sünde ist wohl so ein unschuldig weißer und noch sehr zarter Schnee eine »furchtbare Macht«!

Am zweiten Tag ist aber doch einiger Verkehr nötig, schon wegen der Presse, die über die zu erwartenden Unfälle berichten darf. Und so fährt denn auch wieder ein Heer alter Weiber in ihren viel zu großen fühllosen automatischen Benzin-Beseitigungs-maschinen (darin sehr erfolgreich!) umher und blockiert erfolgreich den Verkehr, denn wenn ein Rad anfängt durchzudrehen, geben sie umso mehr Gas, bis der Wagen seitlich über die Straße trudelt und in einem Strauch, Graben oder anderen Auto festrammt, aber fast immer so, dass das viel zu große Hinterteil (des Autos) noch die ganze Straße erfolgreich versperrt. Nun gut, wir sind hier schon recht südlich und haben wegen der Küstennähe nicht allzu viel Schnee und Fahrerfahrung; beides wird nach Norden zu besser.

Diane hat nun von ihren Eltern zu Weihnachten ein Auto bekommen, weil sie deren Bedrücktheit, deren Grund sie aber nicht erfuhren, etwas aufhellen wollten. Das ist nun natürlich, selbst auch als Kleinwagen, mit Schaltautomatik ausgerüstet, damit das arme Kind auch damit fahren kann. Das kann sie aber bei diesem Wetter, besonders gerade wegen der Automatik, nun umso weniger. Sie hat also das Heer der Blockierer um einen vermehrt, und weil noch nicht gründlich vertraut, rutscht sie denn nun auch selber ebenso hilflos herum.

Sam, der sich zu Fuß der Winterpracht erfreut hat, kommt nun nachmittags an die Kreuzung, wo sich schon eine Anzahl ungeduldiger Wagen hinter dem ihren, der aber nicht vom Fleck kommt, angesammelt hat. Natürlich steigt niemand etwa aus um zu helfen. Sam ist der einzige Fußgänger weit und breit und gleich hilfsbereit, den anrutschenden Wagen zu schieben. Dabei kann er durch die spiegelnden und noch halb beschlagenen Scheiben nicht erkennen, mit wem er’s etwa zu tun hat, kennt ja auch ihr neues Auto nicht. Diane andererseits natürlich erkennt genau, wer sich da ihrer annimmt, und hofft bloß, doch noch schnell davonzukommen, ehe Sam ihrer gewahr würde. Aber das führt unwillkürlich zu noch mehr Gasgeben und schlimmerem Rutschen. Sam gibt der »hilflosen Dame am Steuer,« die er nur schemenhaft sieht, durch Zeichen zu verstehen, sie solle ihn ans Steuer lassen, er könne von da besser helfen. Na, was soll sie tun? Sie hofft immernoch, unerkannt davon zu kommen, wickelt sich wie eine Muselmanin tiefer in ihren Schal, öffnet die Fahrertür, rutscht wortlos schnell hinüber auf den Beifahrersitz und wendet den Kopf stark nach rechts, als blicke sie aus dem Fenster. Sam steigt ein, blickt erstaunt nach rechts und ruft erfreut:

»Na Mensch, Diane! Wie hätte ich das ahnen können!«

Wir sind alle viel bessere Gemütsleser als wir selber ahnen. Sam ist wirklich ganz freudig überrascht, das hätte niemand so erheucheln können, dazu ist der Ton seines Ausrufs so erfrischend, dass Diane erleichtert ihn gleich richtig versteht, Diese Kleinigkeit bricht das Eis für die ganze Begegnung und weit, übrigens eigentlich sehr weit, darüber hinaus. Es tut viel mehr für Dianes Verkümmertheit, als es irgend etwas anderes vermocht hätte, denn Sam, der Christ, war eine Schlüsselfigur ihrer Scham. Sam hat den Wagen nach einigen Versuchen auch anfahren können, so dass sich der Stau hinter ihnen lauflöst. Er sagt:

»Wo fahre ich eigentlich hin?« Sie darauf:

»Jedenfalls bitte nicht in Reverend Noomeys Studentenhaus!«

Daraufhin, weil nicht weit entfernt, fährt er mit ihr zu seiner kleinen Bude. Noch auf dem Wege fragt er, warum sie Dale denn so feierlich offiziell bezeichne.

»Na, so nennen wir ihn da! Die Stimmung ist eine ganz andere als bei euch im Webbhaus, lange nicht so unbekümmert und so – so – ehrlich miteinander! Dafür ist alles auch disziplinierter und strenger. Aber das ist auch bedrückender und enger. Denn immer, ob er’s nun sagt oder nicht, hat man ein schlechtes Gewissen über eigene Gebetslänge oder Stille Zeit

»Ach du liebes Lieschen! Sowas muss doch aus Freude, aus dem Herzen kommen und dann verschwiegen bleiben!«

»Find’ ich ja auch – eigentlich. Aber nun habe ich mir das ja ausgesucht, und für mich war es wohl auch so das Richtige.«

Sam ist nicht nur von Natur aus sehr solide, er ist auch mit seiner schmächtigen Figur durchaus nicht der Typ, etwa schöne Frauen auf sein Bude einzuladen. Seine Wirtin, mit der er ein sehr guter Verhältnis hat, macht daher nun große Augen. Aber auch hier, sie versteht die ganze Situation schon bei der Vorstellung aus den Bewegungen und dem unmittelbaren Benehmen der beiden.

Im Zimmer schiebt Sam großzügig etwas Kram zur Seite und bietet ihr den einzig brauchbaren Stuhl an. Sie bleibt aber steif und sitzt nur auf der Vorderkante, während er ihr gegenüber auf dem Bett Platz nimmt. Es entsteht eine Zeit etwas peinlichen Schweigens, wo er zweifelt, ob es richtig war, eine solche Schönheit vor Leuten mit aufs Zimmer zu nehmen, und sie denkt, ach, der Sam ist absolut harmlos und das weiß auch jeder der ihn halbwegs kennt. Da klopft es an die Tür, und die Wirtin bringt unaufgefordert ein Tablett mit zwei Teetassen und einer dampfenden Kanne und Knabberwerk herein, die natürlich dankbar angenommen werden.

»Was gibt’s so Neues im Webbhaus? Eigentlich fehlt ihr mir da. Bei euch gab es doch Anregungen die Menge. Na ja, vielleicht auch gut so, kommt man mehr zum Studieren …«

»Wenn du erlaubst, sagen wir mal: zu dem Teil des Studierens, der Einpauken fremder, als allgemein richtig anerkannter Gedanken zum Inhalt hat.«

»Na ja! Den verlangt man doch auch nur. Vage philosophische Ansichten bringen nur Kummer und Ausgestoßensein.«

»Das stimmt genau! Aber ist es das nicht wert? Sonst wirst du nur ein Fachidiot. Aber selbst das, was man davon wissen muss, ist, wenn nur zum Examen angepaukt, ohne tiefen Wert. Das merkt man dann. Der andere, der’s in der Tiefe verstanden hat, ist ein ganz anderer Typ, ganz davon zu schweigen, dass er nun mit Freude und Überzeugung arbeitet.

Da gibt’s ja unzählige Witze!

Der Bergmann, der zu seinem Kumpel sagt: ›Mir langt’s jetzt! Unser Vormann sitzt sauber im gekühlten Büro, tut gar nichts und streicht doch das dicke Geld ein. Und wir schuften und schwitzen für nichts!‹ ›Na,‹ sagt der Kumpel, ›der ist der Geistesarbeiter. Der versteht, was wir nur stumpfsinnig ausführen. Ich werd’s dir zeigen. Stell dir vor, meine Hand hier an der Schachtwand sei der Vormann! Und nun darfst du ihm mal mit aller Kraft eine reinhauen!‹ Der Bergmann holt aus und boxt mit aller Kraft – gegen die Felswand! Denn sein Kollege hat im letzten Moment die Hand weggezogen. ›Siehst du?‹ triumphiert er, ›du kannst nur losbullern, aber der Verstand macht’s!‹

Na, denkt der Bergmann, Geistesarbeiter – Schweistesarbeiter! Das kann ich auch, geht wutgeladen ins Büro hinauf und beweist dem Vormann, dass er auch Verstand habe. Er wird es ihm genauso demonstrieren. Aber nun gibt’s im Büro keine harte Felswand. Hält er also die noch schmerzende Rechte über seine Nase. ›Hier, Chef. jetzt haunse mal kräftig da drauf!‹

Und hat nicht der Kommunismus oft Ähnliches vollbracht? Der Punkt ist, wir alle können sie nicht mehr wahrnehmen, wenn uns mal auch nur ein bisschen Weisheit begegnet. Wer hat schon jemals ein ›Aha-Erlebnis‹ gehabt, dass ihn auf eine eigene und vielleicht noch allgemein unentdeckte Wahrheit gebracht hätte, die aber so bedeutend ist, dass sie sein Leben ändert?«

»Dann wäre er selber sofort einer der neuen Tonangeber, die Lehrbücher schreiben, statt sie zu pauken!«

Darauf sagt Sam: »Das glaube ich nicht. Er ist gesteigerten Falles ein Sokrates oder Christus, den die Welt ablehnt und in solchen Fällen hinrichtet, bevor sie ihn entdeckt, dann hoch verehrt und viel später in die Lehrbücher schreibt. Davor liegen die sauren Zeiten der Ablehnung, wie du ja schon gestreift hast, eben weil unsere Welt so voll von höflichen Nachahmern ist, die aber nicht selber allein urteilen können.«

»Das war doch alles schon lange her,« überlegt sie,

»wo gibt’s denn heute noch etwas Neues zu erkennen? Sie wühlen ja überall erfolgreich herum und beschreiben ›das Liebesleben der Maikäfer‹ hundertmal, auch wenn die längst ausgestorben sind.«

»Ja, unsere Doktorthesen und ganze wissenschaftliche Arbeiten sind auch stumpf geworden. Sie sind nur erweiterte Lehrbücher, die an Stoff arbeiten, den ein anderer vorgeschlagen hat, aber wir werden ärmer an wirklich eigenen neuen Ideen. Zum Beispiel in der Kunst. Der Impressionismus war mal so etwas Neues. Die Photographie war in Räume vorgedrungen, die vordem immer Sache der Malerei gewesen war. Nun mussten sie sich einfallen lassen, weniger mechanisch wie eine Kamera, sondern seelisch wie ein Mensch sieht, zu malen. Das war nun wirklich eine neue Kunst. Wir alle mussten erst lernen, so zu sehen und das zu verstehen. In dem Maße wie wir’s taten, stiegen die Preise der Bilder in die Millionen, wo ihre Schöpfer nur Jahrzehnte vorher noch am Hungern waren. Amerika ist immer chronisch am Nachhinken. Oh, wir haben eine Menge impressionistischer Maler noch bis heute – Nachkäuer! Diese Malerei wurde der Ausgangspunkt zunächst des Expressionismus. Der Name verrät schon, wie sie auch gern so originell gewesen wären, es war aber meist auch nur billiger Nachklatsch, nur absichtlich verrückter, und dann unzählige -ismen der ›Moderne‹ von der Jahrhundertwende an.

Dass schon alles erforscht sei, finde ich auch nicht unbedingt so. Schön, die Wissenschaft bewegt sich auf immer schwerer zugängliche Entdeckungsgebiete zu, aber derweile haben sie das Einfache, fürs Leben des Einzelnen so Nützliche liegen lassen. Es gilt doch bis heute: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. Für den einfachen Lebenszweck braucht jeder bis heute Weisheiten Gottes. Aber die sind nicht modern, sondern ›viel zu alt‹, sind weder Wissenschaft noch Kunst, und weder im Kleinen, Persönlichen noch auf großer geistlicher Ebene wird noch geforscht und werden wirklich die Wege Gottes gesucht. Wo man kein Elektronenmikroskop braucht, reizt es uns nicht. Und nicht genug, dass wir keine Fortschritte seit der Reformation mehr machen, wir fallen zurück, und selbst die einfachen Grundsätze sind weithin vergessen.«

»Ich würde ja auch gern ein Elektronenmikroskop nehmen, wenn ich nur wüsste oder damit herausfinden könnte, was Gott meint und wie man wirklich nach Seinem Willen lebt! Da dachte ich nun, in Noomeys Haus könnte ich das lernen. Aber wenn ich dich angucke, brauchst du gar nichts zu sagen, und ich weiß schon, dass du nicht mit seiner Lehre einverstanden bist. Mich quält da eine Frage, die ich mich nicht einmal ordentlich zu formulieren traue. Bei Dale wäre auch eine solche Offenheit durchaus fehl am Platze.«

Sam will nun nach dem Erlebten Diane gleich freudig zustimmen, hält es aber für unfair, hinter Dales Rücken über ihn herzuziehen, wenn sich offenbar beide Gesprächsteilnehmer in seiner Ablehnung einig sind. Er sagt also stattdessen bloß:

»Was wäre diese Frage?«

»Ach, das hab ich befürchtet, dass du das gleich fragst. Aber dann kann man ja gerade mit dir reden. Du darfst mich aber nicht auslachen! Außerdem muss ich ja annehmen, dass ihr alle wisst, warum ich da, von euch, weggezogen bin. Ich bin also sowieso die bis aufs Blut Blamierte, dass ich mich gar nicht mehr bei euch aufzukreuzen traue.

Also kurz, der Paulus schreibt da, und mir war es wiederholt für meine ›Stille Zeit‹ befohlen: ›Alles ist erlaubt, es geziemt sich aber nicht alles.‹ Das ist mir ein Widerspruch in sich selbst und ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn sich nicht alles ›schickt‹, dann ist ja doch wieder nichts erlaubt, denn welchen anderen Grund führen sie an, wenn etwas sonst, und oft noch ganz unsinnig so, nicht frei ist? Und gerade bei euch hatte ich gehört, dass wir in Christus frei seien, was immer das heißt. Ich dachte nun ganz einfältig, das hieße, ich kann machen, was mein Herz begehrt. Aber, Sam! Mein Herz begehrt nicht, was sich schickt! Durchaus nicht! Ich glaube, ich bin eine geborene Sünderin und eben nicht von Gott erwählt vor der Gründung der Welt. Und es war verwegen, mich überhaupt bei euch allen reinzumogeln. Ich passe gar nicht in euren Kreis der – jawohl, der Heiligen! Ich habe mich kindlich übermessen und sollte jetzt meinen Mund halten, auch wenn man mit dir alles besprechen kann. Denn wenn du recht fühlst vor Gott, weißt du sicher gar nicht, wie’s in einem Sünder aussieht, der nicht so fühlt!«

Nun soll man ein Herz sich ganz ausschütten lassen, wenn es schon einmal dabei ist. Das weiß und beachtet Sam auch, aber eben die charlatanische Absicht dahinter wird ihm gleich unehrlich und wie Verrat vorkommen. Vielleicht hat es auch die sensible Diane so bemerkt und fühlt sich ausgetrickst? Bei diesem Punkt angelangt nämlich, kann sie sich nicht mehr beherrschen, bricht in Tränen aus, schnäuzt sich in ihr Taschentuch, erhebt sich vom Stuhl und schlurft zur Tür mit:

»Es lohnt ja wohl doch alles nicht. Entschuldige also.«

==========3==========

»Diane, bleib hier! Das Gute ist ja, dass wir alle Sünder sind und der Paulus das nicht für dich allein geschrieben hat.«

Dazu ist er geschickt, aber diesmal ohne alle Arglist aufgestanden, ans Fenster getreten und betrachtet den dunkelnden verbläuenden Schneenachmittag, während er weiterspricht. Da bleibt nun Diane auch nichts anderes übrig als sich zu fassen und wieder ihren Stuhl einzunehmen. Sam fährt fort:

»Und wer wirklich durch Gott und Seinen Erlöser kein Sünder mehr ist, der muss vorher einer gewesen sein! Denn nur solche kommen zu Gott. Darum wurde Er auch nach Gottes Einteilung selber einer, damit wir nie eine hochnäsige Clique würden! Und Diane, sag selber …«

Hier dreht er sich vom Fenster weg und lächelt Diane an,

»was wäre das wohl für ein Christ, der hochmütig ist oder meint, irgend etwas wäre bei seiner edlen Vergangenheit zu sündig für ihn?! Außerdem ist Sünde gleich Sünde, nichts höher oder primitiver, sondern alles nur ein Falschstehen vor Gott, oder, leichter gesagt, ein Nichtwissen. Oder die Folge davon, klein oder groß, das spielt überhaupt keine Rolle. Böse Taten sind jeweils nur das Ergebnis dieses Herzensirrtums.

Wer andererseits Gott versteht in einer auch nur kleinen Sache, ist immer erstaunt, wie leicht und einfach im Grunde alles war, woran er so lange gelitten, und wie sehr Gott ihn liebt und nur sein Bestes will. Er quält doch keinen!«

»Doch! Genau das tut Er mit mir!«

»Na schön! Aber dann nur eine vorübergehende Zeit, damit wir lernen. Denn wir sind so dumm, Diane! Wir streben in den Wissenschaften nach den Sternen – oder den Maikäfern, wenn du willst – und wissen nicht mehr, wo wir gehen.

Aber nun zu der Sexfrage.«

(Also hat der mitfühlende Sam doch gleich verstanden, dass da wohl immernoch Dianes Kummer liege!)

»Vielleicht wird dich amüsieren, dass ich vor ein paar Tagen eine lange Unterredung darüber mit jemandem hatte, wenn wir auch nicht erschöpfend aufs Thema kamen. Kannst du raten, mit wem?«

»Michail natürlich!«

»Nein. Weiter!«

»Herm Orlin.«

»Auch falsch!«

Schon will sie sagen, Sonya, zögert aber mit dem Namen etwas. Da sagt Sam schon selbst:

»Mit Dale Noomey!«

»Waas?« Diane ist aufgesprungen und hat ihre Tränen vergessen.

»Na, da glaub ich, dass es zu nichts geführt hat! Mit dem kann man über so etwas keine Spur reden. Deswegen schäm’ ich mich wohl auch so. Also du hast recht. Nichts ist zu niedrig oder zu albern! Jetzt bin ich die Patientin und du der Psychiater! Weg da, ich muss mich auf die ›Couch‹ legen!«

Sie legt sich lang ausgestreckt auf den Rücken auf die äußere Decke auf Sams Bett, nachdem sie nur die Schuhe abgestreift hat.

Sam ist daraufhin aufgesprungen und sagt lachend:

»Na, das will ich nicht, denn die Kerle sind auch nicht ganz offen vor lauter Doktorspielens. Ich bin Christ, und unsere Frage ist genau richtig dafür. Und Gott freut sich wohl sehr darüber, dass wir ganz offen und vor allem ehrlich so fragen. Also! Was tun, wenn Er etwas sehr strikt befiehlt, aber unsere Triebe ganz etwas anderes, gerade das Verbotene, wollen?«

»Weiß schon! Stur nur Gottes Wege gehn! Wer fragt schon nach unseren Gefühlen! Sich ›verleugnen‹! Das Kreuz auf sich nehmen! Erzähl was Neues! Denn gerade an all dem hapert’s bei mir.

»Gut, ganz was Neues: Gott fragt sehr genau nach deinen Gefühlen, wie sonst keiner. Sie sind die Brücke, Ihm zu gefallen, denn Liebe ist das stärkste Gefühl und im Grunde Sein einziges Gebot! Und Triebe sind etwas Gottgegebenes und daher absolut gut.«

Diane hat sich empört wieder aufgesetzt.

»Aber nicht meine! Gut, du kennst mich noch nicht. Ich bin auch gemessen an anderen Frauen ganz ungewöhnlich schweinisch! Weißt du was? Ich muss mir immer ›einen runterholen‹, onanieren, offiziell masturbieren genannt! Da staunst du wohl, Wicht aus gutem Hause! Machen das vielleicht normale Frauen?!«

»Durchaus! Etwa sechzig Prozent von ihnen! Und praktisch alle Männer.« Diane bleibt staunend zunächst sprachlos auf dem Bett sitzen. Sam fährt fort:

»Aber nun eine Frage an dich. Jemand kam mal in Paris in eine ›Schänke‹ und wusste nicht, dass es ein Bordell war.Wie würdest du nun fühlen an ihrer Stelle, als sie das plötzlich und sehr eklig bemerken musste. Würdest du wohl gleich lüstern werden und mitmachen wollen?«

»Hii!«

»Na also! Das Geheimnis ist, Gott lenkt uns durch unsere Emotionen und Triebe. So ist es zu verstehen, dass wir keinen freien Willen haben. Sagt jemand: ›Aber ich tue was ich will!‹ – lachen wir, denn er tut was er will, richtig, aber Gott bestimmt, was immer er will, gar nicht immer zum ›Guten‹, und das ist ihm gar nicht bewusst. Und Wille, ebenso wie jede Emotion, das sind ja eigentlich Gedanken. Gott sagt an mehreren Stellen deutlich, dass die nicht vor Ihm verborgen sind. Also gibt es auch keinen ›freien‹ Willen. Gefühle und Emotionen sind spezialisierte Gedanken, ebenso offen für Ihn. Wie könnten manche Menschen aufleben, wenn sie sich nur diesen Gedanken klarmachten und logisch aufhörten, immer gegen sich selbst zu kämpfen, den ›alten Adam‹ und wie sie’s immer nennen. Was uns rettet, ist nicht unsere Leistung, sondern Gottvertrauen!

Gott kennt also erstmal alle deine ›schweinischen‹ Gefühle! Mehr noch, Er war’s, Der sie selber eingebaut hat zu gutem Zweck.«

»Du denkst noch viel zu gut von mir! Ich habe nur ›hii!‹ geschrien, weil ich bisher in meinem Leben dazu kein ekliges Bordell nötig hatte! Jedenfalls damals, jetzt hier ist das etwas anderes. Sam, die Bengels liefen mir nach! Und mir gefiel – und gefiele noch – das ganz ungemein! Auch jetzt hätte ich große Lust, dies ganze faule ›gute Benehmen‹ hier hinzuschmeißen, meine Bude, Reverend Noomey, Studium, meine Eltern und die ganze christliche Heuchelei, die ich doch nie lerne, und mit irgend einem gut aussehenden Burschen abzuhauen! Wohin? Ich weiß nicht. Vielleicht Hawaii.«

»Danke für die absolute Offenheit! Aber auch da ist Gott größer als deine ›Sünde‹. Auch das hat Er so gegeben, und zwar zu gutem Zweck und durchaus zu Lust und Freude.

Verachte mir die Emotionen nicht! Wir leben alle nach ihnen! Liebe, sexuelle Erregung, Zorn, Erschrecken, Ärger, Angst und Hass, und was da alles sei, sind alle wertvolle und absolut lebenswichtige Antriebe. Kannst du vielleicht deinen Atem anhalten, bis du stirbst? Es geht nicht! Die Emotion, Luft zu holen, wird so überwältigend, aller eiserner Wille und strengste Zucht gehen nach ein paar Sekunden zum Teufel, dass es noch keiner fertiggebracht hat. Und wenn du selbst noch weitergehen könntest, überstimmt dich Gott noch stärker: du wirst ohnmächtig und holst Luft!

Logik ist nur eine Art modifizierte Emotion. Ebenso alle anderen seelischen also gedanklichen Aspekte. Du könntest gar keinen Gedanken fassen und ihn dann weiterdenken ohne eine positive Emotion, einen lustbezogenen Antrieb, dazu. Ebenso träumen wir. Es geht alles nach Emotionen. Also wollen wir sie im Auge behalten auf dem Weg näher zu Gott. Erst wenn du etwas innerlich wahrnimmst, erfühlst, hast du es verstanden. Sonst wird man unweigerlich zum Heuchler. Heuchelei ist, etwas anderes vorzugeben als du fühlst. Wenn du zum erstenmal deinen Nächsten ganz ungeheuchelt liebst, ganz blödsinnig und völlig unerotisch, sagen wir, ein Kind, spürst du erst, was Gott damit gemeint hat. Und nun kommt’s: Du lernst die erotische Liebe besser verstehen! – ich behaupte, dann wird man ein erfolgreicherer Liebhaber, und zwar nicht so saft- und kraftlos wie manchmal bei den Frommen, weil sie sich nicht trauen, sondern dass die Fetzen fliegen!

Von Neuem geboren Sein heißt nun, durch Erkenntnis von Einigem aus Gottes Ratschluss, anderen, neuen Emotionen zu leben. Niemand Normales kann wirklich bei einem wertvollen Gegenstand, den er im Hause findet, und der etwa seinem verehrten Hausgenossen gehört, etwa besitzlüstern werden. Er könnte die, sagen wir mal, blitzende neue Kamera selber gut gebrauchen. Aber es ist nun gar nicht so, dass er begehrt – bedenke Gottes zehntes Gebot! – und dann mannhaft die Schublade der ›Versuchung‹ zuschiebt, so wie der Affe die Lade mit der Banane in einem alten Ronald-Reagan-Film! Sondern der Gedanke kommt ihm einfach gar nicht. Die einzige Emotion ist helle Mitfreude was der Nachbar da Gutes hat. Johannes sagt in seinem ersten Brief – ich weiß es ganz ungewollt auswendig, Kapitel 5, Vers 18, dass wer ›aus Christus gezeugt‹ sei, nicht mehr sündige, weil der Teufel ›ihn nicht mehr berühren kann.‹ Ebenso Kapitel 3, Vers 6 und 9! Also dreimal: keine Versuchung mehr! So steht’s auch in Johannes 4, Jeschuas ›Versuchung‹ in der Wüste. Keine Versuchung mehr, alle Anspielungen des Teufels prallen mühelos von Ihm ab wie Wasser vom Entenbauch!

Meine Anspielung aufs Sexuelle und Ehebruch hast du wohl schon bemerkt. Also, man findet sich im Bordell in Paris – oder sonstwo – und kann doch höchstens hii schreien. Und du musst zu deinem gutaussehenden Burschen andere Brücken als Sex schlagen, Sympathie, ein Zusammen-Pferde-stehlen-Gefühl, oder so ein Mitgefühl wie zu dem Kind, modifiziert natürlich. Das wird gar zu einer Hauptgrundlage für eine gute Ehe.

Die ›Wilden‹ des vorigen Jahrhunderts wurden nicht selbst, sondern bekehrten ihre Missionare! Das heißt, wenn die nur hörten. Denn anders als im dekadenten Amerika oder Europa, waren deren Emotionen noch intakt. Ehebruch kam praktisch nicht vor, eben weil alle frei und mit ihrer Natur in Einklang lebten. Das hatten die Missionare in ihrer Kultur verloren und wollten es so sehnsüchtig wiederhaben. Aber sie begriffen nicht einmal, wie die Wilden so ›unzüchtig nackt‹ gehen konnten! Denn bei ihnen war Kleidung Ausdruck des Kampfes gegen die eigenen sexuellen Emotionen, wie mein obiges Schließen der ›Schublade der Versuchung‹. Die ganze Einkleiderei, bei den Muslims gar die Verschleierung der Frauen – ein Riesenzeugnis der Sünde und Verderbtheit! Wir sind inzwischen auch ohne Verschleierung viel verferkelter geworden als sie!

Und wenn die ›Missionare‹ mal Erfolg hatten, dann litten die ehemals glücklichen Wilden unter fürchterlichen Selbstvorwürfen, Suff, Arbeitslosigkeit und Selbstmord. – Schöne ›Mission‹ das!«

»Ich kenne da ein weißes Ehepaar,« steuert die ermunterte Diane bei,

»das Negerzwillinge adoptiert hat, in einem Milieu und einer Nachbarschaft, wo so etwas ›unmöglich‹ ist. Und nun hier, deine Emotionen! Wenn du die Familie mit ihren Kindern spielen siehst, etwa wie hingegeben glücklich der Vater seine Töchterchen küsst, dann kannst du dir nicht helfen und musst auch selber die süßen Spätzchen liebhaben. Wieder draußen empfand ich wieder wie die Nachbarschaft, und mir kam plötzlich der Gedanke, wie absurd die Adoption sei und dass schwarze Haut schmutzig sei! Und wie man sie so hingegeben küssen könne! Aber siehst du, das war anerzogene ›Kultur‹. Ursprünglich ist wohl in unseren Emotionen gar kein Falsch. Die weißen Nachbarskinder, zum Beispiel, nicht deren spießige Eltern, liebten die Negermädchen auch so und nahmen sie als gar nichts Besonderes. Aber siehst du, meine Gefühle kippen um, wenn ich wieder in anderer Umgebung bin.

Sam, warum habe ich gleich ehebrecherische Gedanken, wenn ich meinen Nächsten sehe?!«

»Weil wir alle verdorben sind! Darum. Alles ist Einstellung, Glauben. Im gedankenlosen Übernehmen der Kultur ist keine Errettung. Wir müssen uns erst überzeugen – mit dem Elektronenmikroskop, wenn du willst – bis es uns wirklich sonnenklar ist. Dann aber, sagen manche, müssen wir’s auch anwenden. Ich bin nicht der Meinung. Wer noch was erst ›anwenden‹ muss, ist in Gefahr der Heuchelei, ist noch nicht tief genug überzeugt, sonst tut er’s nämlich logisch ganz von selbst!

Im Frühling tragen die Vögel zu Neste, Mann und Weib. Was sie da bringen, ist nun für sie die leckerste Nahrung. Warum ›widerstehen‹ sie denn und fressen’s nicht selber auf? Und diese Leistung ist doch ganz was sie fühlen, kann doch bei ihnen gar nicht aus ›heroischer‹ Heuchelei kommen. Theoretisch ist doch ein attraktiver Mensch des anderen Geschlechts eine sexuelle Versuchung für uns. Aber unsere gottgewollten Vermehrungstriebe kämen ja nie zu ihrem Zweck, wenn wir nicht vorher und nachher immer neun von zehn – oder meinetwegen auch 999 von tausend – ›Versuchungen‹ ganz unbewusst oder bewusst, aber noch emotionell getrieben, aus dem Wege gingen. Auch wir könnten alle nackt und ganz unschuldig herumlaufen, wenn wir anderen Hintergrund hätten. Gottes Licht scheint in unsere Kultur, und wenn es uns überzeugt, kommt auch unsere Kultur wieder in Ordnung. Dann macht es nichts, dass wir erst jahrhundertelang falsch lagen, alles wird vergeben. Es wird gar zu großem Nutzen, wenn wir nachher vergleichen können, wie wir mal standen, und also etwas Weisheit erhalten.

Ist dir mal aufgefallen, dass keines von Gottes Geboten wirklich gegen unsere Triebe ist? Im Gegenteil, es macht deren Genuss erst schön und anhaltend sorgenfrei. Wer wollte nicht lieber eine lange schöne befriedigende Ehe, als da mal eine halbe Stunde im Bordell mit-mischen? In diesem Wort steckt noch so hörbar das lateinische miscere von Promiskuität darin.

Ein anderes Geheimnis ist, dass du nun nicht ein verworfenes ›Schwein‹ bist, sondern was Feines in Gottes Haushalt. Etwa so eine Art Konsul für Sein Reich in vornehmer Villa auf großem Park und ein CD-Zeichen an deinem Luxusauto, in einer allerdings ganz feindlichen und fremden Welt. Dein König oder deine Regierung zu Hause setzt große Stücke auf dich, bist sozusagen die einzige Stütze in diesem Feindesland, hast auch erstaunlich freie Hand, denn dein König kennt ja deine Gesinnung, und die ist konform mit seiner eigenen. Und wenn dir was missrät, setzt’s keine Vorwürfe, sondern der König sagt: Das war unter den. Umständen auch nicht zu schaffen.

Nun sollst du zweierlei beachten. Erstens , die Welt da ist feindlich, und du musst lernen, bei aller ungeheuchelten Freundlichkeit durchaus nicht nach ihren Spielregeln zu leben. Du hast bessere. Sagen wir mal, das Land, wo du nun Konsul bist, sei Nazideutschland. Bei all ihrem Judenhass und der Lehre vom Untermenschen gilt für dich als genaues Gegenteil: Liebe deinen Nächsten. Die ›Welt‹ kann auch deine Kirche sein, Familie, Arbeitskollegen und Chef. Wir wissen ja auch, dass auf ›Welt‹ gar kein Verlass ist. Sie predigen etwa Abstinenz, von Alkohol oder Sex, und können’s selbst nicht halten.«

»Oh, Reverend Noomey lebt wirklich ganz wie ein Mönch! Er verachtet Sex geradezu, ist auch aus Beherrschung nicht verheiratet. Eine Frau merkt sowas sofort! Er guckt einen schon ganz anders an als andere Männer! …«

Hier kann es Sam nicht unterlassen, so ein kurzes Lachen durch die Nase auszustoßen, etwa wie Boris, wenn er etwas besser zu wissen meint. Sie ergänzt:

» .. weil das für einen Christen zwar keine Sünde ist, aber dennoch besser, ganz zölibat zu bleiben.«

»Diane, darauf will ich hier nicht eingehen! (Aber als ich die ›Abstinenz‹ erwähnte, dachte ich gerade an ihn.) Das kommt mir unfair hinter seinem Rücken vor. Du weißt, dass seine und meine Meinungen über geistliche Dinge auseinander gehen. Nur das genaue Evangelium wird bestehen, wir werden also sehen, was sich bewährt, und alles Gott überlassen.

Und zweitens, um auf mein Bild zurückzukommen, sollst du deinen ›König‹ lieben und da vertreten, keinen anderen. Du machst nicht den ganzen Propagandakram mit. Nimm an, Hitler veranstaltet da gerade den Röhm-Putsch und lässt Hunderte einfach zu Hause und in Hotelzimmern niederschießen. Was telegraphiert wohl der Konsul nach Hause, an seinen König?

›Wir wussten ja schon, dass mit diesem Hitler was nicht stimmt! Nun ist er ganz verrückt geworden.‹ Übertreibe ich etwa? Ist nicht auch unsere Welt hier verrückt geworden? Wir machen nur wie Hitlers Bevölkerung zu kritiklos alles mit! Aber am Ende haben nur wir recht und entgehen allein als ›Ausländer‹, eben Fremde, dem Strafgericht.«

»Das klingt gut, aber so ist es nicht auf der richtigen Welt! Du kriegst dauernd Rüffel und Rückenschläge, weil du alles falsch machst!«

»Ja, vergiss doch nicht das ›feindliche Land‹ in dem du arbeitest! Wenn du etwas vor Gott als richtig anerkannt hast, dann tu das! Sie werden wohl erst meckern, aber dann alle wegschmelzen. Was geht jetzt anderes im ehemaligen Ostblock vor, oder nach dem Krieg in Deutschland? Auf einmal ist nichts mehr und niemand von der alten, zum Gesetz gemachten Weltanschauung vorhanden! ›Tja, ich war ja schon immer dagegen!‹ Es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig, Gott hat am Ende immer recht. Die Zeit stellt vieles bloß. Also sei und bleibe auf Seiner Seite, aber suche nicht, Menschen zu gefallen. Erst sind sie alle gegen dich. Denk an Sokrates und Christus! Die lebten nicht mehr, anderen zu gefallen, sondern der Wahrheit, die sie erkannt hatten, oder Gott. Und das ist Charakter, nichts anderes.

Erst studiert man wohl Gottes Wort und erheuchelt, was gefordert wird, das Verkehrte! im Bestreben, es den anderen gleich zu tun. Aber was man dann wirklich begriffen und erfühlt hat – und das geht dann oft gegen die Gefühle und Einstellungen auch der›frommen‹ Umwelt und braucht auch bei dir Zeit – das wirst du dann automatisch richtig und ganz mühelos und mit Freude und eben ›Überzeugung ‹ tun, wie mit der anständigen Ehe versus Bordell.«

Es ist inzwischen dunkel geworden. Licht haben sie nicht angezündet. Sam sitzt auf dem Bettrand. Diane richtet sich auf, und Sam spürt auf seiner Backe einen süßen und keuschen Kuss, mit Tränen gemischt.

Nur gut, dass die wenn auch verständnisvolle Wirtin nicht da gerade ins Zimmer kommt!

==========4==========

Gesegneter Sam! Er weiß es wohl selber nicht. Wer sich gegen Widerstand bekehrt, kann das nur tun, wenn sein Glaube schon zu Beginn noch größer als der Widerstand ist. Aber auch schon viel früher ruhte der Segen Gottes auf diesem Auserwählten; denn er musste in seiner Welt schon immer tun was er hier predigt, sich als Fremder fühlen, immer gegen Widerstand denken, alle Moralforderungen seines Lebens sich erst übersetzen. Das hat ihn früh seine eigenen Wege gelehrt, und die lernte er mehr und mehr mit Gottes Geboten in Einklang zu bringen. So, wie selbst erlebt, gibt er’s nun an Diane weiter. Seine öffentliche Bekehrung war nur der Schlussstrich unter sein bisheriges Leben und ganz unvermeidlich, denn endlich hatte er das Fulkrum gefunden, gegen welches er die ganze »verschimmelte« Welt aus den Angeln heben konnte!

Diane ist lange gegangen. Es ist tiefe Nacht.

Wir finden Sam nun allein am Fenster in den Schnee starren, wo wieder neue Flocken angeleuchtet um die Laterne wirbeln. Er sieht es nicht, hat auch im Zimmer kein Licht gemacht. Seine Gedanken sind weit entfernt.

Er hatte eben einen Traum, der ihn auf Gedankenbahnen lenkte, denen er jetzt nachhängt. Es war ein großes Fest in einem Hotel, wohl eine Hochzeit mit hunderten ihm unbekannter Gäste. Man setzte sich zu Tisch, aber er hat seine nächste Begleitung verloren, kann sich auch später nicht besinnen, wer das wohl gewesen sein mag. Nun sitzt er am Tisch unter Fremden, und die gedeckte Tafel biegt sich von vielerlei teuren Genussmitteln, in der Mitte zu einer Art Turm aufgeschichtet. Aber er – kann nicht essen! Er nimmt eine Scheibe trockenen Schwarzbrotes, wie man’s noch bei ihm zu Hause hatte, die es aber in Amerika sonst gar nicht gibt, und knüllt sie appetitlos in der Hand hin und her. Ein »Bock«, eine Bosheit, hindert ihn, er weiß selbst nicht was und warum. Die anderen nötigen ihn und laden ihn ein. Ein Kellner scheucht ihn recht ungezogen auf, weil er ihn für eingeschlichen hält. Es gibt eine Menge Fragen und Befehle, alle unter falschen Voraussetzungen, oder nicht? Sam weiß selbst nicht, wie er auf diese Party oder in das Hotel gekommen ist, er muss wohl wirklich ein Einschleicher sein. Bloß, warum packen sie gerade ihn, der gar nichts isst? Er müsste doch uneingeladen umso mehr am Vollfressen sein! Nein, ganz verkehrt für diese Umgebung, sie halten ihn im Gegenteil auch für einen dieser bloß vergnügungssüchtigen Gäste, deswegen fiel er so auf.

So wacht er erschreckt mitten in der Nacht auf und behält den Traum, weil so unmittelbar, im Gedächtnis.

Als Schulanfänger hat er einmal einen Aufsatz schreiben sollen über den Besuch der Klasse bei einem Zauberkünstler, und konnte nicht. Er dreht den Stift hin und her in der Hand und ärgert sich, dass alles so eifrig kritzelt. Die Lehrerin hat es für die Kinder besonders gefühls- und lustbetont gemacht, und das hat ihn geärgert, weil er innerlich über solche Albernheiten schon hinaus ist. Sie hat den kleinen Sam irgendwo auf der Strecke verloren, beiden unbewusst. Nun sitzt er und grübelt, wie er den Anschluss wieder finden könnte, überwindet sich auch gegen Ende gegen unglaublichen Widerstand und schreibt auch schnell noch ein paar Sätze, ehe es klingelt und die Aufsätze eingesammelt werden, in dem Sinne, wie man es wohl von ihm erwartet hat. Als die Arbeit zurückkommt, hat die Lehrerin an den Rand geschrieben: »Ganz gut, aber warum so kurz?« Man las ihr ganzes Erstaunen und Nichtverstehen darin, denn Sam war ein überdurchschnittlich guter Schüler.

Dennoch wird er sich nicht zu unserer Kultur bekehren können, denn, so wird ihm später klar, sein endliches Schreiben war Verrat, Heuchelei, so als sei er bei einer kommunistischen Parade mitgelaufen. Aber wo kommt ihm dieser überwältigende Bock her? Oft hat er ihn ähnlich gegen seine Mutter empfunden, mit der er so gut wie nie ein gutes Verhältnis hatte. Zum Erklären hatte ihm vor »Kloß im Hals« jedesmal alle Initiative gefehlt, so dass er schon von früh an zu Hause als zwar intelligent, aber schwierig und bisweilen bockig galt.

Ja, so hatte das mit seinen eigenen Wegen angefangen, die ihn schließlich ganz seinem Zuhause entfremdet hatten. Nicht sein Vater hat ihn schließlich hinausgeworfen, sondern er den Vater! Der weiß es bloß nicht: Es war es eine verkappte Flucht von zu Hause. Er ist auch innerlich sehr zufrieden mit dieser Lösung und hat noch nie in dieser Richtung Heimweh empfunden.

Der Gedanke an die Flucht von zu Hause bringt ihn wieder zu den alten Preußen, die ihn neuerdings so beschäftigen, genauer, zu Friedrich dem Großen selbst und dessen versuchter Flucht. Der war in seiner elterlichen Welt auch so ein Fremdling. Da gibt es lange Diskussionen über seine möglichen Empfindungen, besonders auch seine Sexualität. Etwas war daran kaputt, darüber sind sich die meisten Historiker klar. Aber was? Die alten Quellen sind wegen der damals üblichen Schamhaftigkeit wenig aufschlussreich. Man nimmt wohl hauptsächlich an, er sei homosexuell gewesen, besonders da er seine Ehe mit Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern nie »vollzogen« hat. Aber er hat sich am Hofe des schweinischen Sachsenkönigs doch wohl zu »normal« benommen, als der ihn absichtlich als Sechzehnjährigen verdarb, und hat in seinen eigenen Worten »die Weiber sehr geliebt«. Dafür spricht auch, was Theodor Fontane in seinen »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« im Kapitel über Neuruppin andeutet, von wo der Kronprinz Friedrich in einem Brief nach Hause schrieb: »… wenn ich auch nicht leugnen will, dass auch mein Fleisch bisweilen schwach ist, so braucht man doch um einer kleinen Sünde willen nicht als der größte Wüstling verschrien zu werden.« Und ein paar Seiten später berichtet Fontane über ein Gemunkel, dass ein späterer General Günther, der um die Kronprinzenzeit zu Neuruppin geboren wurde, ›ein illegitimer Sohn des Kronprinzen Friedrich gewesen sein könnte.‹ Was aber Fontane dann bestreitet.

Dagegen gilt als sicher, dass er sich bei den doch weiblichen Mätressen des Sachsenkönigs venerisch infiziert habe. Nein, denkt Sam, schwul war er nicht! Das sieht anders aus.

In seiner früheren Jugend quälte und tyrannisierte ihn sein Vater, der Soldatenkönig, sehr, verurteilte den Achtzehnjährigen nach einem vereitelten Fluchtversuch aus diesem Hause zum Tode, was allerdings auf Drängen halb Europas in Haftstrafe umgewandelt wurde, aber er musste Zeuge sein, wie sein bester Freund von Katte, der ihm zur Flucht verholfen hatte, enthauptet wurde!

Noch dieses und jenes denkt der träumerische Sam tief nachts an seinem Fenster über den »großen« Preußenkönig, etwa, dass er als 51-jähriger vom Siebenjährigen Krieg endlich heimkehrt, und das Volk von Berlin wartet die halbe Nacht am Halleschen Tor zu einer Ovation für ihren Sieger, aber Friedrich schlüpft unerkannt durch ein anderes Tor nach Berlin und ist längst zu Hause!

Halt! Was denke ich da eben? Es kommt ihm ein Geistesblitz wie sonst nur manchmal aus der Bibel, weil er dort wie hier zwei Aussagen aufeinander bezieht und das eine mit dem andern als aus selber Quelle beweist.

Die nicht vollzogene Hochzeit und das Entwischen durchs andere Tor, das ihm die sonst von ihm so begeisterten Berliner doch verübeln!

Und der krankhaft strenge Vater, und Sams eigener Rausschmiss! Die kümmerlichen erotischen Wunschträume von Sam haben häufig einen ähnlichen Hintergrund wie sein Schlaftraum, nämlich wie auch er einer aufdiktierten Ehe entgeht als eine Art befriedigender Rache. Er macht sich dazu, voll wach, klar, dass er unter den Umständen seines Traumes gar nicht anders hätte handeln können. Auch wäre ihm irgend eine Art Erotik am Hochzeitsabend, wie sich das da doch gehört und alle es erwarten, völlig unmöglich! Denn die gleiche Gesellschaft macht den größten Wirbel um jede andere Erotik als nur da. Und auf solch einen Befehl, wenn quasi geistig alle zugucken, geht doch in dieser Beziehung nun gar nichts! Er müsste sich da quälen und heucheln wie bei dem Aufsatz als Kind. Aber das will er nie wieder tun. Er kann also Diane eigentlich sehr gut verstehen.

Die stark symbolische Sprache seines Traumes wird nun auch klarer. Den von Herzen anzunehmenden Judaismus, der doch nun so stark aus reiner Tradition besteht, eingeschlossen Deutschenhass und ausgerechnet das eigentlich deutsche Jiddisch als Umgangssprache – den übersetzt er sich in eine Heirat »wo alle zugucken«, die Hotelhochzeit wird seine eigene, wo er gar nicht hingehört und nicht einmal weiß, wie er dahin gekommen ist. Das deutsche Schwarzbrot wird ein jüdisches Symbol, wie in Amerika solch Brot immer aufs Jüdische bezogen, das er unentschlossen hin- und herknüllt. Und wenn zu viele Verbotsschilder überfahren werden, klickt sich ein Sperrmechanismus ein, den keiner, einschließlich er selber, mehr versteht, sein »Bock«.

Aber nun – potz Blitz! Da haben wir den Alten Fritz! Da haben wir ihn und die ganze Erklärung, nacherfühlt von einem Leidensgenossen. Na klar, wer kann sich denn an der aus Politik geheuerten Prinzessin freuen, weil’s der tyrannische Vater befiehlt. Diese Prinzessin war eine Kaisernichte, nach des Vaters Wunsch möglichst »dümmlich«, wie es Fernau beschreibt, und das Ganze politische Recherche. Und sein passiver Widerstand gegen die Heirat – typisch für solche Leute – geht konsequent so weit, dass er auch keine andere Frau im Leben mehr berührt und lieber den Ruf eines Schwulen auf sich nimmt!

Und was noch? Die Flucht in die Kriege, die der rechtschaffene Vater scheut und vermeidet und doch mit dem guten Heer vorbereitet oder sich wenigstens wappnet, und die vom Fritz selbst eingestanden, eigentlich ungerechte Aggression waren – die sind ein Selbstmordersatz! Mit großer Tapferkeit, wie bei solchen Leuten immer, denn wie bei Hitler im ersten Weltkrieg denkt er: Wenn’s mich trifft, umso besser! Man höre und staune Fritzens »geheimen Tagesbefehl« im Siebenjährigen Krieg, Weihnachten 1756, dem Geburtsjahr des österreichischen Mozart. Maria Theresia hat trotz Friedensvertrag von 1745 verstanden, Sachsen, Frankreich und Russland auf ihre Seite gegen Friedrich zu mobilisieren. Der neue Krieg fängt an, Preußen hat schon die erste Schlacht bei Lobositz gewonnen und die Sachsen auf der Festung Pirna zur Kapitulation gezwungen, aber ist erfahren genug, nun einen fürchterlichen Gegenschlag zu erwarten:

»Sollte ich vom Feinde gefangen genommen werden, so verbiete ich, dass man auf meine Person die geringste Rücksicht nimmt. Sollte ich aus meiner Haft etwas anderes schreiben, so ist das null und nichtig. Kein Lösegeld! Ich bin bereit, mich für den Staat zu opfern. Mein Bruder soll an meine Stelle treten.«

Was hat die Welt daraus nicht für ein selbstloses Heldenepos konstruiert! Der absolute Diener seines Staates! Aber man beachte die Reihenfolge seiner Gedanken. Erst kommt, was Sam sich als einen Selbstmordersatz übersetzt. Hoffentlich werde ich erstochen oder wenigstens gefangen! Dann bin ich nämlich die – menschlich immer – so untragbare Verantwortung vor Gott los! Darum geht’s, immer nur darum! Darum fing auch sein Vater keinen Krieg an, den er dennoch so subtil vorbereitete. Das versteht wohl nur einer, der selbst darunter gelitten hat – und weil schon gedanklich-geistig so organisiert, schon seit langem, als Kind! … Und als Amerikaner kennt Sam das Sprichwort: ›Den Kuchen verschenken und dennoch selber essen.‹ Also kommt als Friedrichs Gedanke Nummero zwei recht kitschig und wie beim modernen Politiker auf Publikumserfolg gedrechselt, das »Opfer für den Staat«. Niemand ist aber wohl so selbstlos. Die Situation ist nach menschlichem Ermessen absolut verloren, ähnlich der seines Glaubensbruders Adolf später, der wirklich Selbstmord begehen musste.. Wie stünde er dann wohl als endgültiger Verlierer da, der doch, zur Eroberung Schlesiens den ersten der drei Kriege angefangen und tausende Menschenleben und Vaters zehn Millionen »Thalers« verspielt hat?

Aber wie anders dagegen, wenn ihn der böse Feind gefangen nimmt und wegen seiner Weigerung zu kooperieren, hinrichtet? Ein Held, ein absoluter Held für alle kommenden Jahrhunderte bei Freund und Feind! Heute ist ja Schlesien ganz verloren. War Gott wohl grausamer mit Adolf als mit Friedrich, dem Er doch den Ruhm und den Zunächstsieg bis an sein Lebensende ließ? Ich meine nein! Wahrheit und Direktheit wie am Ende zu Adolf, sind immer schließlich liebevoller!

Man verstehe mich nicht falsch, wenn ich die deutsche Ikone, unseren einzigen »Großen« der Neuzeit, in der Reihe der Spitzbuben mit dem »Bösewicht par excellence« vergleiche. Der eine ist nicht so edel wie es scheint, und der andere nicht so schlecht. Beide sind allerdings »menschlich«, und das heißt ja schon, böse, selbstisch, sündig! Und beide sind gottlos!

Der größte Platz einer Kleinstadt irgendwo in Deutschland. – Er heißt wieder Heumarkt oder Rathausplatz wie seit dem Mittelalter, nur zwischendurch, vor rund fünfzig Jahren, hieß er mal für drei Jahre anders. Da begegnen wir nun zwei Männern, inzwischen nur noch in der Vorstellung der Menschen vorhanden, aber da ganz verschieden. Der eine hat wieder einen Körper aus Bronze angenommen, aus ihrer Phantasie und Vorstellung neu erschaffen, sitzt auf dem Pferd auf hohem Sockel und wird gerade so noch in den Herzen bewundert. Der andere, nun vollkommen körperlos, obgleich doch viel jünger – ist 179 Jahre alt! Der andere zählt schon ihrer 281 – ist auf dem mittelalterlichen Pranger mit Genick und beiden Handgelenken eingeschraubt zur allgemeinen Schmach auf doch seinem nach ihm benannten, Platz – damals! – zum Bespeien und zum Prügeln, denn gerade so lebt er noch in den Herzen.

Sollen wir uns ein Bild über Wesen und Charakter jedes der beiden machen? Ja, das müssen wir, sind wir der Geschichte, unserer Nation und uns selbst schuldig. Also Tradition, einfach zu übernehmen? Der eine ist verflucht und der andere der Held? Oder doch nicht? Ist es gerade umgekehrt? Ja, warum wisst ihr das eigentlich nicht? Ist Urteilsfindung so schwer? Geschichte ist nur zur Bildung eigener Weltanschauung da. Sie tun uns ja nichts mehr, wir können sie ad acta legen, ja aber wie, als was? Fragen wir doch immer Gott zu der so entscheidenden Urteilsfindung!

Da sind nämlich beide gründliche und tiefe Sünder! Denn beide haben auf ihrem Ego-Gewaltmarsch Gott verachtet und beiseite gelassen. Dem »Helden« ging es besser im Ruhm seines Sieges, schön, denn er hatte gewonnen, worauf bei uns doch alles ankommt, »gewonnen«, was der andere nun inzwischen so schmählich verspielt hat. Aber besser ging’s ihm auch nur für seine irdische Lebenszeit, und verdient hat er auch gar nichts! Denn er hat Gott offiziell verleugnet, Seine Ehre geraubt und Tausende seiner Mitmenschen ermordet, war ein Agnostiker, während der andere zum Schein und aus Tradition Gott »diente«. Das hasst Er noch mehr! Dreht’s doch, wie ihr’s wollt, ihr Gottesleugner und Heuchler. Unsere deutsche Renaissance, wenn sie noch kommt, kann sich weder an den einen noch an den anderen hängen, soviel ist jetzt schon mal klar.

In der Geschichte und auf die längste Sicht, geht’s doch immer nach Gottes Beurteilung.

Als er nun so weit ist, legt sich Sam wieder hin und kann auch befriedigt weiterschlafen.

Nun also! Die eine »Mission« ist für Sam zunächst ein völliges Versagen, die andere endet vorzüglich! Diane ist durch Sams Worte erfrischt, wieder hergestellt, und ja, was sie schon lange nicht mehr war, glücklich! Gerade durch ihn, vor dem sie sich so geschämt hat. Aber da kann er gar nichts dazu, hatte es so auch gar nicht geplant. Das Gespräch ohne viel unnützes Gesabbel drehte sich im Kern um Dianes Sexleben, und nun sind ihre Sünden vergeben! Bei Dale dagegen, wo er auch nicht geplant hatte, wie es dann wirklich verlief, wich das Gespräch ständig vom Sex ab, obgleich doch Sam gerade das geplant und also vorgehabt hatte. Es klingt abgedroschen: Der Mensch denkt, aber Gott lenkt. Und es geht nach den Voraussetzungen, dem Substrat, in beiden. Wenn wir Ihn nur mehr zu Worte kommen ließen! Aber Sam war, wie ich, Öhrlein, immer, am Missionieren, am andere Bekehren!

Ja, das sind meine Sorgen! Weshalb ich mich nach der Zeit der jetzigen Webbhausbewohner auch einmal ganz zurückzog – oder war’s Faulheit? Die aber, auch nach Sams Gedanken über die richtig ausgenützte Faulheit, hier gar nichts eingebracht hat. Ja, ich nehme mir den Pastor Rennis aus Singapur zum Vorbild. Der predigt recht, ein einsamer Rufer in der humanistischen Wüste! Und lässt seine Kirchenangehörigen ganz in Ruhe! Denn »missionierte« er sie auch, das sieht sogar so ein einmaliger Besucher vom Westpol auf der anderen Globusseite wie ich, ginge das so schief wie mit Dale! Warum? Wir alle wissen ja schon was und »wie man’s macht« aber können nicht mehr zuhören! Da habe ich gerade in Dales Person einen Menschen projiziert, der eine »Neue Kreatur« sei und zuhöre – und tu es doch selber nicht!