Zweiundzwanzigstes Kapitel

Zuspitzung

»Bitte, nenne mich nicht ›Sweetheart‹, wo Leute es hören können!«

»Aber ich bitte dich, hier kann uns doch nun wirklich keiner im Umkreis von zwei Meilen hören! Du musst wirklich entspannen und einmal nur du ganz selbst werden! Du weißt, ich meine es nur gut mit dir.«

»Ja gut. Aber doch bleibt Maryann. Man weiß nie, ob sie noch im Haus ist. Und da könnte sie, auch ohne absichtlich lauschen zu wollen, etwas aufschnappen. Du weißt, sie hat Schlüssel und freie Verfügung.«

»Du bist zu nervös! Dann sagen wir, das sei ein Spaß oder eine Wette. Harmlos und dumm, wie sie ist, wird ihr das genügen. Willst du was verheimlichen, ist gespielte Offenheit die beste Waffe, dann ist jeder gleich am Anfang ohne Verdacht! Und schließlich kann sie doch gar nicht auf schlechte Ideen kommen, das liegt ihr viel zu fern. Sweety! Ich liebe dich doch!«

»Ich bitte dich, sag das nicht mehr! Niemals, nirgendwo! –

Also, dumm ist Maryann nicht, harmlos wohl, und verschwiegen. Ich glaube, sie denkt sich ihr Teil, ohne je viel von sich preiszugeben. Eigentlich war sie bisher immer ganz zuverlässig. Aber es könnte ihr ja mal eine Bemerkung entfahren vor ungeeigneten Ohren . . . Und das sind schließlich alle. Stell dir nur mal vor, wenn die Leute in der Stadt da irgendeinen Wind kriegten! Das wäre ja der Klatsch des Jahrzehnts und ein gefundenes Fressen! Ach, dies ganze Theaterspielen bin ich so leid!«

»So! Das ist also für dich alles Theater – mit mir?«

»Aber nein, so meine ich es nicht. Doch nicht du! Siehst du, wie selbst du mir das Entspannen schwer machst! Gerade du bist der einzige Ruhepol für mich, den ich so nötig habe. Du hast ganz recht, nirgends darf ich Ich selber sein! Muss immer gleich bedenken, wie es wohl herauskäme und welchen Eindruck es machte – und ob das der Eindruck wäre, den ich beabsichtige . . , beabsichtigen muss!«

»Frei musst du werden, herauskommen aus dem Rattenloch der Scham und des Versteckspielens! Wir schreiben schließlich die Neunzehnhundert-Neunziger! Du bist, wer du bist, und deine Umwelt soll sich daran gewöhnen. Weißt du was? Zum Entspannen solltest du mal in die Plattenbar mitkommen, da brauchst du dich nicht zu verstecken, da sind wir unter uns!«

»Du hast’s gut mit deinem Job als Plattenjockey! Nur für mich ist das nichts! Es brauchte mich nur jemand dort zu erkennen! Aber bei dem Rechtsanwalt kommst du selber auch nicht aus dir heraus! Bei dem Plattenjockey können sich die Leute denken, was sie wollen, besonders, wenn du keine Freundin hast. Da macht das nicht viel. Aber ich wette, im Rechtsanwaltbüro wissen die Leute auch nicht, wie du eigentlich fühlst!

Bei mir ist das ganz anders! Nur der kleinste Fleck in meiner Weste wäre sozusagen mein Todesurteil. Ich könnte zumachen und müsste schon sehr weit verziehen, um wieder von vorn anzufangen, wenn ich den Klatsch überflügeln wollte. Und dann möglichst unter neuem Namen.«

»Nun mach aber ‘n Punkt! Du musst dir deine Leute erziehen, erst langsam, über Toleranz im Allgemeinen als christliche Eigenschaft, dann mehr spezifisch, etwa, dass man ja auch ein ›gefallenes Mädchen‹ in Ehren halten muss – das sei eine notwendige Nächstenliebe. – Von denen haben wir ja genug hier, und die können sich mit dickem Bauch auch nicht versteckt halten. Und dann, so sachte peu à peu, . . «

»Du hast keine Ahnung, wie das bei uns zugeht! Ich sage dir, unmöglich! Wie wär’s denn, wenn du mal zur Kirche mitkämst?! Siehst du, das willst du auch nicht.

Ich bekenne dir in aller Ehrlichkeit, dass ich auch selbst, auch mit aller Toleranz und allem Verständnis der Welt, als was ich bin, nicht dastehen möchte! Man büßt doch dabei die zu diesem Beruf so notwendige persönliche Achtung ein. Und ich selber, wenn ich ganz ehrlich bin, suche auch als Freund jemand ganz ehrlichen, dem man ganz vertrauen kann. Nur ich selber bin es nicht ganz! Daran leide ich so! Die Leute würden nämlich einfach das Schlechteste von mir denken, ich würde für sie auch stehlen oder kleine Kinder missbrauchen, sie würden wegbleiben, scharenweise! Dann könnte ich zu aller offenbaren Schande noch betteln gehen! Und wohl selbst da nichts mehr verdienen!«

»Ja, hast recht, im Anwaltbüro halt’ ich mich auch zurück! Wenn mich einer fragte, würde ich nicht leugnen, aber es ist besser, dass erst gar keiner fragt! Aber schließlich habe ich ja da meine ›Freundin‹!«

»So? Patty! . . .«

»Hab ich dir doch schon erzählt! Carole, die Tipse da! Jedenfalls zieht mich alles schon mit ihr auf. Und sie selbst empfindet schon was, das weiß ich. Schließlich sehe ich blendend aus, da kann so etwas hin und wieder nicht ausbleiben.«

»Gar nichts hast du mir erzählt! Siehst du, nun sorge ich schon wieder! Wie soll ich mich denn jemals entspannen mit dir? Was findest du denn an ihr?«

»Ach, gar nichts! Das ist doch klar! Ein dickbusiges, unelegantes Säugetier! Siehst du, erst einmal musst du Mut zu dir selber fassen und nicht überall sorgen und gleich Schlimmes vermuten! Du bist stark, du bist gut, du bist richtig! Bist schließlich vielen Leuten ein Lebensvorbild. Dazu musst du mit dir selbst ins Reine kommen, dich nicht mehr dauernd selbst richten und verurteilen! Selfimage, Man! Ohne das niemand was werden kann. Zu dir selber ja sagen und zu deinen Gefühlen! Heißt es nicht überhaupt in euren Kreisen: ›Liebe dich selbst‹?«

»Ha, Selbstimage wollen sie ganz klein haben! Weißt du, was mir in diesem Zusammenhang gerade in den Sinn kommt?

Da habe ich Verbindung zu so einer wilden Gruppe von Schwärmern, so ein ›christlicher‹ Kreis! In manchem sind sie sogar ganz pfiffig. Also die predigen – mir als dem Fachmann! – nun dauernd Selbsterniedrigung vor! Nach denen muss man wohl ganz an sich selbst verzweifeln bis man gar nichts mehr schaffen kann.

Ein Christ hat gar kein Selfimage, sondern ist ganz zerbrochen, nur so kann er von Gott ganz abhängig werden‹,

heißt es bei ihnen! Ich weiß selber nicht, wo das hinführen soll, wenn wir alle nichts mehr schafften als unsere ›Zerbrochenheit‹, unsere ›Abhängigkeit von Gott‹, uns einfach nicht mehr um Essen, Kleidung, Job, Unterhaltung, Sport u.s.w. kümmern würden? Ja-ja, ich weiß schon, was du sagen willst: Bergpredigt! Fragt nicht, was sollen wir essen, und so weiter. . .

Trachtet zuerst nch dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch solches alles zufallen!

Wer das aber so wörtlich nehmen will, kommt zu gar nichts! Stell dir vor, sie sind sogar gegen die Demokratie, und dennoch so gar nicht die anarchistischen Hippies, wie man sie sonst schon kennt. Keine Spur. Aber Disziplin lehnen sie sogar aus Überzeugung ab! Der Anführer ist ein Sowjetrusse. Dabei werden sie pro forma von einem deutschen Arzt geleitet, aber der ist so eine Null und so wischi-waschi als Christ, dass sich solch wildes Unkraut überhaupt erst hat entwickeln und ansammeln können. Alkohol ja, aber keinerlei sonstige Drogen! Sex ist ganz allgemein tabu. Aber dennoch gibt es keine Selbstdisziplin bei ihnen, die sie direkt als solche in diesem Ausdruck leugnen, und keine Selbstbeherrschung! Wie das zusammenpassen soll mit Gottes absolutem Gesetz, fragst du mich zuviel!«

»Sie schlafen also alle durcheinander, wenn sie keine christliche Selbstbeherrschung kennen?«

»Nein, komischerweise nicht, soviel ich weiß. Ich sage ja, Sex ist ganz tabu. Der eine hat Homosexualität gar als eine ›Sauerei‹ bezeichnet! Und ich sollte noch sein wildes Geschreibsel verbreiten helfen!«

»Hör doch gar nicht auf sowas! Der arme Primitivling hat einfach keine Ahnung, was er da so billig abkanzelt! Aufgewachsen in solch sturen Kreisen und niemals auch nur die leiseste Fantasie gehabt, geschweige denn den Mut zum Experimentieren!«

»Leider nicht ganz! Er spielt da auf eine Stelle im Römerbrief, Kapitel Eins an – oder könnte jedenfalls darauf anspielen, wo nun steht, dass solche Männer ›sich selbst entehren‹ und ›werden durch diese Verirrung an ihrem eigenen Leibe bestraft‹. Und weil sie Gott nicht ernst nehmen, hätte Gott sie ihrem eigenen verdorbenen Verstand überlassen, so dass sie tun, was sich nicht schickt. Der Ehrlichkeit halber muss ich diese Seite auch erwähnen – aber es quält mich so! – Tag und Nacht.«

»Das steht so dadrin? Aber es redet doch nicht ausdrücklich über Homosexualität!«

»Doch, leider! Ziemlich genau! ›Männer gaben den natürlichen Verkehr mit Frauen auf und entbrannten in Leidenschaft zueinander.‹ steht da. Aber das schreibt der Paulus, und der war ein pathologischer Miesepeter und Gegner von allem Sex, dazu ein Frauenhasser, und man könnte vermuten, dass er, immer unverheiratet, selbst mit diesem Problem nicht fertig wurde. Ein andermal schreibt er von seinem ›Stachel im Fleisch‹ als einer Sünde. Da ist es nun nicht schwer, sich ein Verslein darauf zu machen.

Und im Levitikus, dem Gesetzbuch des Alten Testamentes, steht es natürlich erst einmal grundsätzlich: ›Einem Manne darfst du nicht wie einer Frau beischlafen, das wäre eine Greueltat!‹ Das steht im Kapitel 18. Etwa zwei Kapitel später greift es Gott noch einmal auf und gebietet:

›Wenn ein Mann mit einem anderen Mann geschlechtlich verkehrt, ist das ein abscheuliches, todeswürdiges Verbrechen; beide müssen hingerichtet werden.‹

Also so gesehen hat dieser Bob nicht so unrecht mit seiner ›Sauerei‹. Bloß gut, dass wir nicht mehr im Alten Testament leben!«

»Buh! So strikt? Was hast du gemacht, als der Kerl mit dieser ›Sauerei‹ kam?«

»Ja, Köpfchen, mein Lieber! Hätte ich gesagt, solch unchristliches, hartherziges Gelaber kommt mir nicht über meine Schwelle, hätte ich sie gleich ganz verloren oder gar zu mir gefährlichen Gegnern gemacht. Im Alten Testament wird ein Mann zu Tode gesteinigt, weil er am Sabbath Holz gesammelt hat!

Bei uns nun aber herrscht heute Liebe und Freiheit. Wir würden einen solchen Menschen nicht mehr strafen! Dann hätten wir ja bald die ganze Christenheit ausgerottet!

Andererseits, das muss ich nun ganz offen zugeben, war Gott durch Moses extra über diesen Fall befragt worden und hatte diese Hinrichtung als Strafe für die Übertretung des Vierten Gebotes ausdrücklich befohlen . .

Und Gegnerschaft kann ich mir selbst bei diesem wilden Kreis nicht leisten. Dabei bin ich ja im Vorteil! Ich weiß genau, wie sie denken, aber sie haben keine Ahnung, wie ich fühle. Also sagte ich, meine Gemeinde sei nicht reif für so etwas! Nicht gelogen, und sie müssen’s noch für ein Kompliment halten! Ich weiß nicht, ob du wohl ebenso schlagfertig . . .«

»Ich?! Was denkst du denn, wie ich mich täglich vor aufdringlichen Frauenzimmern herauslügen muss!«

»Ja siehst du, lügen! Wie mein Kreis da. Erst schaut alles christlich und sauber aus, aber lernt man sie näher kennen, ist man über was sie eigentlich glauben, umso empörter.«

»Hör nicht auf die! Es gibt ja genug Sekten und Verrückte überall!«

»Ja, aber sie haben Kontakt zu meinem Sam gekriegt und ihn schon gehörig verdorben!«

»An dem hängst du doch noch sehr, was? Siehst du, nun könnte ich eifersüchtig werden!«

»Ach nein, mit dem war es anders. Ich liebte ihn mehr wie einen Sohn oder Bruder. Er war ja auch erst so ein verlorenes und zerbrochenes Kind, als er mit buchstäblich gar nichts auf die Straße flog. Und zu irgend etwas Schmutzigem wäre der in seiner eigentlichen Unschuld gar nicht fähig. Er hat wohl auch keine Ahnung, wie es mit mir steht, obgleich gerade der – merkwürdig – sicher ganz dichthalten würde, und ja auch müsste!

Und doch, einmal, ich müsste mich schämen, hat er wohl eine Ahnung gekriegt, jedenfalls gleich ernst und gründlich dagegen geredet, dabei meinte ich, er sei wegen Krankheit nicht ganz er selber. Es verlief dann, gottseidank, alles im Sande.«

»Nanu, du sagst ›gottseidank‹ als Pfarrer?!«

»Ja, das trau ich mich nur bei dir. Du siehst, ich werde schon langsam ich selber!«

»Sam war doch ein Kind! Vergiss ihn. Wie hätte der dir je ein verlässlicher Partner werden können? Da brauchst du einen richtigen Mann.«

»Und doch war mir gerade Sam, eben weil so ehrlich, was geistlichen Rat und geistliche Reife angeht, mehr ein ›Mann‹ als . . .«

Er bricht ab, denn beide hören in der Halbdunkelheit, in der sie sitzen, ein leises Knacken aus der Diele herauf, rücken sofort geräuschlos auseinander und starren sich an. Dale dreht sich seitwärts und zieht instinktiv eine Schublade auf. Aber dann hören sie die Küchentür gehen und wissen, dass Maryann, die verlässliche Haushälterin, eingetroffen ist. Sie entspannen sich, und Dale schließt die geöffnete Schublade wieder.

Darauf erhebt er sich und geht Maryann in der Küche entgegen. Der langlockige Patrick hört ihn noch sagen:

»Oh, Maryann! Sie haben mich erschreckt . . . Ich habe oben Besuch.«

Und sie antwortet: »Ja, ich habe das fremde Auto parken sehen.«

Patrick nutzt den Moment des Alleinseins, um in der gerade geöffneten Schublade nachzuforschen. Was er da im Dunkeln ertastet, lässt ihn erstarren.