Vierundzwanzigstes Kapitel

Psychologischer Hintergrund

 

Der Leser dieser Blätter mag sich wundern, wieso ich, der Erzähler, auch Begebenheiten schildern kann, bei denen ich doch durchaus nicht gegenwärtig habe sein können, wie etwa um zu erfahren, was sich so heimlich in Dale Noomeys Landhaus zuträgt?

Nun, ich kann noch mehr! Hier etwa kann ich sogar Gedanken lesen, noch ehe sie – wenn jemals – ausgesprochen werden! Zum Beispiel denkt sich Rudi gerade still auf seinem Platz:

Ich müsste noch aggressiver und deutlicher in solchen missionarischen Aussagen wie meinem Autoschild werden! Der Bob hat ganz recht, durch übertriebene Ironie das Gegensätzliche zu sagen, was man sich erst als das Richtige kombinieren muss, wie bei seinem »Boih«! Hier müsste man etwa folgendes sagen:

Jeder Amerikaner muss das Recht behalten, niederzuschießen wer immer ihm nicht passt! Das gilt auch weiterhin im Großen zu anderen Nationen! Nichts weniger als unsere amerikanische Freiheit und Tradition stehen hier auf dem Spiel!

Schließlich soll doch auch Sokrates absichtlich in Rätseln oder Fragen gepredigt haben – und Jeschua von Nazaret redet fast immer allegorisch oder dann ganz deutlich in Ironie oder Übertreibungen, etwa – man soll nicht einem anderen den Splitter aus dem Auge ziehen mit dem Balken im eigenen! Oder Mücken seihen und Kamele verschlucken.

Aber zurück in meine – ja auch relative – Wirklichkeit!

Mischa sagt da zu Sams Bemerkungen:

»Interessant! Du hast recht. Ich sehe dieselbe Triebfeder in mir und hier in unserem Kreis, so wie Rudi, der das Funkhaus einrennen möchte. Er tut es nicht, wir verstehen, aber er hat ein volles Recht, diese Heuchler und Nichtwisser da mal umzublasen, wenn sie die Frechheit haben, so ein falsches Evangelium zu verkünden.

Jeschuas Jünger fragen den Meister, ob Er nicht Feuer regnen lassen will auf hartherzige Bewohner, die sie nicht beherbergen wollen. Er antwortet, bewahre, Er sei doch nicht gekommen zu zerstören, sondern aufzubauen. Und doch hat Er gleich sofort verstanden, ja, Er hat diesen Trieb offenbar selber so wie wir hier, wenn auch nur in den zarten Anfängen; denn Er eifert für Gott, sogar mit der Peitsche und im Umstoßen der Tische der Händler im Tempelvorraum. Christen sind gar nicht so anders als die Weltkinder! Nur sie haben nun die entgegengesetzten Ziele, haben Gott und schieben das Gute und das Schlechte alles auf Ihn. Und Er sorgt für sie. Und sie brauchen daher nicht zu schießen oder Bimsstein zu regnen.«

Rudi überlegt folgendes, diesmal laut für alle:

»Wir laufen jetzt auch Gefahr, das Ganze als entschuldbar und niedlich hinzustellen. ›Den armen Verbrechern muss geholfen werden!‹

Erst einmal ein Nebengedanke! Amerika rühmt sich doch so seines freien Willens überall. Wenn’s aber ernst wird, wie hier, sind gerade sie die eifrigsten, alles aus Ursache und Wirkung zu erklären, denn der Mensch sei eigentlich im Grunde seines Herzens gut! Dasselbe passiert gerade in der medizinischen Forschung. Da ist es neuerdings Mode geworden, alles auf unsere Gene zu schieben, nicht etwa was wir damit machen. Dabei könnten wir gerade das, meinen sie doch sonst, sind doch freie Wesen!

Alles als ein Rückschlag auf den Behaviorismus zu verstehen, der selber ein Rückschlag auf Hitler und seine Gen-, sprich: Rassenzeit war. Klar, finden sie was. Wir sind ja ganz nach dem Muster der Gene gemacht, eines muss ja in jedem Detail mindestens mitbeteiligt sein. Aber jedes Zahnrädchen in einer Maschine kann noch so perfekt geplant und gebaut sein; es versagt, wenn überlastet, nicht geölt oder auf andere Weise falsch benutzt.

Und hier nun die bösen Gegebenheiten, verständnislose Väter oder fest verwurzelte Stereotype über Männlichkeit, lassen den armen Burschen so hart reagieren! Stichwort: ›Brainwash‹! Den dürfte es doch bei auch nur wenig freiem Willen überhaupt nicht geben!«

»Stichwort selber Nachdenken!« wirft leicht sarkastisch Bob da hinein,

Hier hakt Mischa mit einem Monolog seinerseits ein:

»Richtig, denn diese gefeierte Freiheit heißt ja, nicht in Brainwashklischees und Stereotypen zu versinken, sondern Kritik und Differenzierung anzuwenden. Ich erinnere, dass die böse Umwelt als einziger Schädling ein Grundsatz der Sozialisten und Kommunisten war, damit eigentlich so ein Bekenntnis zur Willen-Unfreiheit. Ursache und Wirkung aber gelten als ewiges Gesetz für uns alle, waren hier im Webbhaus unser erarbeitetes Werkzeug, den freien Willen abzuerkennen, unser Stichwort dazu ›Substrat‹, also diejenigen gewachsenen geistigen Bedingungen, die die eigentliche und dann unmittelbare Ursache jeden Handelns sind, stets für Gott sichtbar und vorherbestimmt . Dabei sind wir keine Sozialisten; die wiederum – zu aller Verwirrung – den freien und Gott widerstrebenden Willen anerkennen! Es ist wirklich kunterbunt! Wir, die wir den freien Willen aberkennen, haben eben wegen dieser Erkenntnis von Gott mehr Freiheit als sie, die sich so darauf berufen!

Aber der Mensch ist von Jugend auf schlecht – das sagen nicht wir, sondern die Bibel – und hat keinen freien Willen! Aha, Widerspruch! Dann hat er ja keine Schuld, ist also ›gut‹, obige sozialistische Gedankensackgasse! Also wenn wir schon in einem ›Widerspruch‹ stehen, dann sie doch noch mehr, wenn der Verbrecher freien Willen haben soll und dennoch nur ein – eigentlich gutes – psychologisches Opfer der verdorbenen Gesellschaft ist und auch bestraft wird als solch Frei-williger.

Und das bringt mich zu meinem eigentlichen Gedanken. Wieso ist der Mensch ›von Jugend auf schlecht‹, wenn er doch aus Ursache und Wirkung unter einem Substrat steht, für das er eigentlich nicht verantwortlich ist?

Paulus spricht von der ›in mir wohnenden Sünde‹, aus der er dann ›erlöst‹ wird. In Römer sechs werden wir eingeteilt in Knechte der Sünde, die sündigen müssen, und Sklaven der Gerechtigkeit, die stattdessen Gott dienen müssen. Und in Genesis lesen wir vom ersten epochemachenden und exemplarischen Sündenfall, der nun weiterwirken muss auf Kind und Kindeskind. Es tut danach keiner mehr Gutes, ›nein, auch nicht einer‹! Alle sind unter die Sünde verkauft.

Ich mutmaße also mal so:

Wenn eine ganze Kultur böse und abgöttisch geworden ist, dann wird es für den Einzelnen zunehmend schwerer bis unmöglich, noch überhaupt mit Gott zu rechnen. Aber wie im Computer ein ganzer Absatz mit Gottesgedanken ohne Absicht und Veranlassung des Schreibers aus dem Blickfeld gleiten kann, weg und futsch ist der ganze Text, entsteht darunter ein leerer Raum, der immer noch größer und gähnender wird. Das wird nun, verkrüppelt und klein, unser neuer Raum der begrenzten Freiheit, der aber mit dem sich vergrößernden Raum auch zunimmt. Es ist aber nichts mehr von Gott darin, die Kultur wird frei vonIhm. Stimmt, in solcher Freiheit, da kann nun keiner zu Gott finden, ›nein, auch nicht einer!‹ Die ganze Atmosphäre ist nun vergiftet; sie finden ehrlich nichts verkehrt, andere Götter aufzustellen oder sexuell durcheinander zu verkehren. Siehe Buch der Richter. Da herrschte auf einmal solche Giftatmosphäre. Wie das alte preußische Schloss in Berlin, das die Kommies aus der gleichen Wut zersprengt haben wie unsere Gottesfreiheit, kann und soll man es nicht ›neu schreiben‹ aus der Erinnerung: Das wird Kitsch und gelogen! Die Klamotten, aus denen das alte Schloss erbaut war, sind nicht dieselben. Man nimmt Stahlbeton, weil einfacher und billiger, innen, wo’s keiner mehr sieht. Der Gottestext im Computer ist verloren! Sondern:

Singet dem Herrn ein neues Lied!

Da ziehen sie durch die Wüste. Moses, ihr Anführer spricht allein mit Gott auf dem Berg, und sein Bruder macht derweil den schönsten Budenzauber im Lager, nimmt ihr Gold und schmilzt daraus ein Kalb, das von nun an ihr ›Gott‹ sein soll! Die Erbsünde ist als ein fortwährender ›Klassenkampf‹ zu sehen, nämlich zwischen Mensch und Gott! Denkt an Goethes Prometheus. Sie hatten in der Wüste ja kaum Gelegenheit und Versuchung, sich mit falschen Göttern von anderen Völkern zu entschuldigen, da musste ihre Erinnerung an Ägypten herhalten. Aber sie wussten sehr gut, wie falsch und umso sündiger ihr Verhalten war!

Was ärgert nun Gott am meisten? Aha, fremde Götter! Und nun hilft uns der Alte nicht, wie wir es gern hätten, mit Fleischtöpfen und Luxusgütern, sondern führt uns hier in der Öde sinnlos im Kreise. Schützt uns sogar durch Isolierung vor fremden Göttern. Müssen wir also eine Extraanstrengung der Sünde machen, wie unsere amerikanischen Schulschützen, damit Er uns endlich bemerkt und sieht, wie ›männlich‹ und wie frei wir sind!

Die mittelalterliche Kirche rutscht in die Apostase. Gott erweckt sich Zeugen, die nun in der Reformation Sein heiliges Wort wieder lebendig machen, in den Mittelpunkt stellen und neu erklären, damit wir keine Entschuldigung hätten. Und doch verstehen wir’s nicht, kommt es uns als Zwang und Unfreiheit vor. Gottes Joch ist leicht, verglichen mit allen anderen Möglichkeiten, aber es bleibt ein Joch, eine Unfreiheit! Kommt Jacobus Arminius daher, gebildet genug, dass er’s nicht aus einfachem Unverstand getan haben kann, und sagt dem Sinne nach, April, April, frei seid ihr und habt freien Willen, seid kleine Götter, die dem Richtigen aus Güte und Herablassung dienen, (wenn überhaupt), kommen endlich Baptisten und Methodisten in England mit der gleichen verführerischen Masche, frei sollt ihr sein, sollt eure Zähne der alten Kirche zeigen. ›Free Will Baptist Church‹ selbst bis heute hier in Amerika, weil alles Schlechte so schnell über’n Atlantik kommt!

Ich sage, unsere Schulschützen wissen ganz gut, wie sündig ihr Verhalten ist, ja, sie legen’s darauf an, es möglichst noch sündiger und bis ins Extrem sündig zu machen, bis alle Welt (und im eigentlichen immer wieder: Gott) sehen und anerkennen muss, was für ›Teufelskerle‹ – da habt ihr schon die Erklärung in dem Wort! – sie seien. Demnach wäre die ›verstehende liebevolle‹ aber heuchlerische Psychologie – die sie ja eigentlich doch nicht verstehen – genau die verkehrte Behandlung. Und gerade die Verfechter des freien Willens müssten den Wert dieser tiefsten Sünde doch sehen und sie als solche anerkennen.

Ich mache hier mal einen kühnen und bisher nur provisorischen Vorschlag,«

fährt noch immer Mischa fort:

»Wir führen die Todesstrafe für so etwas wieder ein, aber eben nicht als ›Strafe‹, weil uns das nicht zusteht, und weil der Begriff der Strafe bei uns Menschen immer mit dem der Rache verbunden ist, sondern weil, ganz praktisch, all unsere milden Strafen als solche ja meist den entgegengesetzten Effekt haben und einen so hitlerkranken ›kleinen Gott‹ weiterzutreiben in der Spirale, seine Macht zu beweisen, koste es was es wolle. Wir töten ihn nach Mitleid und psychologischer Liebe, weil wir keine andere endlich wirksame und endgültige Methode haben, ihn zu heilen und seine kommenden Kapitalverbrechen zu verhindern. Und um aller Welt diese Mitteilung zu machen: Das Universum ist nicht relativ, sondern absolut, das wissen wir wegen des Daseins von Gott. Wir werden in allem immer an Grenzen stoßen. Darauf legen es die sündigen Schützen auch an. Sie sollen ihre Grenzen haben. Das absoluteste, was wir auf Erden haben, ist der Tod. Auf diese Aussage gründen sie ja ihr ganzes Verbrechen. Sie sollen ihn haben als unser Bekenntnis zu Recht und Ordnung und zum Absoluten. Gleich hakt Sonya ein:

»Dann kommen gleich alle wieder angerannt und schreien, wir enthalten ihm damit die mögliche Bekehrung vor, wenn Gott ihn noch retten wolle, oder dass wir wieder Hexenverbrenner geworden seien!«

Erwidert Mischa:

»Das brauchte ja nicht überall alles-oder-nichts zu sein. Ich spreche von rückfälligen Gewaltverbrechern, die die lieben Psychologen aus der jahrelangen Haft, in die das Lebenslang immer verwandelt wird, endlich befreien, und die gleich am nächsten Tag wieder vergewaltigen, überfallen und morden, weil sich nichts an ihrem Substrat geändert hat, wenn es nicht gar im Gefängnis durch ein paar Mithäftlinge noch schlimmer geworden ist – wie die Europäer nach Wilsons Friedensschluss.

Sonya, beide deiner Argumente sind biblisch nicht stichhaltig. Dass wir Gott – mit jeder Todesstrafe – hindern, den Sünder doch noch möglicherweise zu bekehren, rührt ja noch mehr aus unserer eigenen ›Hitlerkrankheit‹ (gutes Wort!) her, uns mit freiem Willen wie Gott zu machen, als die Hexenverbrennung. Als wenn Gott ihn nicht erretten kann und das auch tut, wann Er will, und niemand kann Ihn hindern, auch keine Todesstrafe von uns! Denk doch nur an den gekreuzigten Verbrecher zur Seite von Jeschua.«

»Deswegen sagte ich ja auch nur: Sie kommen angerannt und behaupten das.«

»Und über die Hexenverbrennung selber, ich erinnere, dass Gott dem Staat ein scharfes Schwert zuweist, damit, sagt Luther, die Gerechten, die das selber nie schmecken werden, in Frieden leben können. Paulus gar will einen Unzüchtigen nicht nur aus der korinthischen Gemeinde schmeißen, sondern ›dem Satan übergeben, dass er ihn töte, damit die Seele dieses Mannes, der einmal den Geist empfangen hatte, am Gerichtstag des Herrn doch noch gerettet wird.‹«

»Also bist du auch für eine derartige Todes-›strafe‹?« staunt Rudi, »Wenigstens ist sie, heute wenigstens, doch mal was Neues!«

»Ja, das bin ich!« bekennt Mischa wieder in seiner direkten Art, »Und sie ist neu. Ich habe dieses Argument in all der Diskussion um Wiedereinführung der Todesstrafe noch nicht gehört.«

Sonya:

»Jedenfalls neu seit dem Mittelalter! Denn die Hexenverbrenner glaubten ja mit wiederum ihrem freien Hitlerwillen, Gottes Wort zu tun und die arme Seele (unsere moderne Psychologie!) daran zu hindern, ohne Buße vor Gott zu treten. Und für die nötige Buße wurde eben ein wenig mit Folter nachgeholfen, alles zum besten Zweck, versteht sich!«

Mischa:

»Na, deine beiden Einschränkungen und spöttische Grundhaltung verraten dich ja selbst, als vielleicht doch mit uns übereinzustimmen!

Übrigens bin ich gar nicht gegen die ›liebevollen Psychologen‹! Dass das mal klar wird. Natürlich müssen die her, und noch viel gründlicher und tiefer als bisher. Am Ende wollen wir wirklich der armen Seele helfen. Ich will sogar Rudis Vorschlag noch ergänzen. Im Zuchthaus, ehe man sich zur Tötung entscheidet, wird der allergründlichste, längstanhaltende und tiefste, mit allen modernen Mätzchen gespickte Versuch gemacht, den Verbrecher zu verstehen und zu bekehren! Und erst, wenn das wiederholt versagt . . .«

»Dann bliebe uns also doch noch,« sagt Sonya, »den wahren oder mehr noch, den potentiellen Schulschützen in der Phase des Aufstauens der sündigen Energien zu helfen, wie den dreizehnjährigen Mädchen, bevor sie herumhuren! Denn Aufbegehren ist also am Ende menschlich und nicht einmal von Gott verdammt. Er kam ja selbst, ein Feuer anzuzünden.

Aber was ist es denn bloß, wogegen sie so rebellieren?«

Sam antwortet darauf für alle langsam und mit Betonung:

»Unser ganzes Scheinwesen mit abgrundtiefer Verlogenheit !«