Fünfundzwanzigstes Kapitel

Dales Geständnis an seinen Freund

Die Haushälterin Maryann hat nur Lebensmittel in den Kühlschrank verstaut in Vorbereitung des Mahles am nächsten Tag, ist dann wieder in ihre kleine Wohnung in der Stadt gefahren, statt in ihrem Zimmer in Dales Haus zu übernachten.

Dale ist daraufhin wieder hinaufgegangen zu seinem Besucher, sich innerlich preisend, dass er selber lieber gleich den Besuch erwähnt hat, als sie sein Auto ja schon gesehen hat.

»Du bist mein einziger Freund, Dale! Ich muss dich etwas Ernstes fragen. Wozu hast du eine Pistole in der Schublade versteckt?«

»Ah! Du hast mir nachgeschnüffelt! Nun, ich will es dir nicht verheimlichen.«

Dale rückt den Sessel zurecht und entspannt sich kurz, indem er seine Gedanken sammelt, zu der folgenden, monologartigen Rede, die ihm dann allerdings sein Gast mit Bravour unterbricht:

»In der Tat! Sie ist mein einziger fassbarer und sichtbarer Trost! Ich nehme sie bei Tag und bei Nacht heraus und überzeuge mich, dass sie wirklich existiert, liebkose sie, bete zu ihr! Sie ist da, stets zu meiner Verfügung, und verlangt gar nichts dafür, kein bestimmtes Verhalten und Benehmen, kein dauerndes Kämpfen gegen mich selbst! Sie ist geradezu mein Gegenpol. Meine wirkliche, existierende und nicht wegzunehmende Wahrheit! Sie macht mich erst zum freien und verantwortungstragenden Menschen, ja, zu einem Gott! Weil da unleugbar eine Macht in ihr eingeschlossen lebt, die dann jeder, wenn sie erst spricht oder gesprochen hat, ohne jedes Predigen oder weiteres Erklären ernst nehmen, ja anbeten muss! Weil sie über Leben und Tod entscheidet! Sie macht mich männlich und stark, zwingt zur heiligen Konsequenz!

Ich kann es nämlich nicht mehr, Patty! Es gibt keinen anderen Ausweg! Ich predige meinen Schäflein, auszuharren, zu überwinden, den Kampf zu bestehen, die Entscheidung immer neu für Jesus zu machen, aber ich mache immer weiter die für den Teufel! Ich kann es selber nicht, was ich vorgebe! Jeden Morgen dediziere ich mich neu zu Gott, . .«

»Und jeden Abend hast du’s nicht geschafft!«

»Das ist gross, Pat!

Ich versuche ja im Schweiße meines Angesichts! Jeden Tag quäle ich mich! Gott wird mir das Versuchen zugute halten, ja, Er wird, weil Er muss! Auch Paulus hatte es noch ›nicht ergriffen‹, aber strebte danach!«

»Moment! Ich denke, Gott ist perfekt und kann nichts Unvollkommenes annehmen? Dann kann ein dreckiger Sünder also nie zu Gott kommen.«

»Dann käme ja nie einer! Wir sind alle Sünder. Man muss nur ›immer strebend sich bemüh’n‹. Dann wird Gott wie auf einer großen Waage die guten Taten gegen die schlechten abwägen.«

»Na, prima! Gut bin ich auch! Da brauch’ ich ja euer ganzes Brimborium da nicht! Ich bin schon beim erstenmal richtig geboren, und zum Guten anstrengen müssen wir uns beide, so oder so! Und wann man sich bekehrt, spielt doch bei euch auch keine Rolle; wenn ich nicht irre, werden sogar die letzten zu ersten werden – Hast du mir also gar nichts voraus!

»Überlass das mal uns, den professionellen Theologen, ja? Du kommst mir auch schon mit diesen überspitzten Überdeuteleien wie mein – äh – ich meine, dieser Club da!

In meiner Verzweiflung – wollte ich sagen – wende ich mich an meine Retterin, dort in der Schublade! Ich weiß, einmal werde ich den Mut aufbringen, werde tapfer und konsequent sein – und unter ihren Kugeln sterben! Sie sind schon darin, still und wahr! Dann bin ich frei, kann das ewige Vormachen und Vorbild-Spielen ganz aufgeben – endlich! – ich selber sein, wie ich’s nun einmal bin. Allerdings, könntest du mich auf der Stelle ›heilen‹ und sexuell normal machen, ich würde es nicht wollen! Will doch vor meinem Schöpfer als Überwinder, als Sieger dastehen, wie Er selber!

Aber gut – aus! Ich habe es nicht geschafft! Werde mich Gottes Gnade zu Füßen werfen, und weiß doch hier schon, dass Er noch konsequenter ist und dass so ein Sünder wie ich nie zu Ihm kommen kann! Dann wird Er mir wider alle Vernunft und wider alles Erwarten Gnade erweisen und mich in die ewige Nacht stürzen, ins Nichtsein, mich nicht mehr sein lassen, austilgen! So, als wäre ich nie erschaffen! Dann habe ich mit dem wirklichen Tode gesühnt. Und dann, ja dann! Dann werden alle meine Sünden endlich wirklich abgewaschen sein!«

Es ist ganz dunkel im Zimmer. Dale, der Theatralik liebt, hat tief bewegt sein Gesicht schluchzend in seine Armbeuge auf der Sessellehne vergraben. Dennoch ist es ihm wirklich todernst. Beide schweigen eine lange Zeit.

Endlich wühlt sich Dale aus seiner liegenden Stellung empor und knipst die kleine Fernsehleuchte an, alles ist wieder ganz wie sonst. Nun tischt er seinem Freunde eine kleine Überraschung auf, die er mit Schwierigkeit erworben hat. Denn wenn schon der Spirituosenhändler den in Abständen bestellten teuren Rotwein toleriert, so muss er nun, bei der zusätzlichen Bestellung doch an Dales fortschreitenden alkoholischen Verfall glauben.

Natürlich ist nichts davon wahr. Dem Händler ist Dale kaum bekannt, noch wohl die Tatsache, dass er ein Baptistenpfarrer ist. Für ihn ist es Geschäft und eine Flasche guten Whiskys ja nichts Außergewöhnliches.

Nun bringt Dale sie also auf den Tisch, dazu seinen Rotwein, er zündet duftende Wachskerzen an. Er geht in die Küche und holt die Flasche Sodawasser dazu aus dem Kühlschrank, den Whisky selber hat er natürlich da so sichtbar nicht aufzubewahren gewagt.

Sein Freund, von seinem Abendjob an der Plattenbar her, liebt handfestere Sachen, kann sich an Dales Rotwein nicht so begeistern.

Nun freut er sich, man schenkt ein, Dale bleibt bei seinem gewohnten Rotwein.

»Tja, Dale, ich verurteile dich nicht, das weißt du! Nur dass du so leiden musst! Aber du lässt dir ja nicht dreinreden, schon hier und nun, zu sein wie du bist! Ich verstehe aber deine Situation in der Kirche. Nur, was wird dann? Gut, ein Schuss und aus! Dann findet man dich mit Pistole noch in der kalten Hand verkrampft – Selbstmord! Was wird denn dann wohl deine Kirche sagen?«

»Ach, es ist mir so wurscht, so gleichgültig, so eklig!«

»Sag das nicht! Wenn dir diese Blamage so gleichgültig ist, dann könntest du doch leben bleiben und ins Licht kommen?«

»Nur wenn ich tot bin, wird es mir gleichgültig!«

»Ja, und nach deinem Tode kommen natürlich die Schnüffler, ob amtlich bestellt von eurer Baptist Convention da, von den Medien oder aus eigener Initiative – und finden die Gründe heraus! Na, dann hast du erstmal deinen Klatsch! Noch dreimal wirkungsvoller und schlimmer mit dem Freitod dazu!«

»Du bist grausam . .«

»Nein, nur realistischer als du. Und dass ich’s gut meine, weißt du ja nun.

Was wird eigentlich aus deinem herrlichen Haus? Natürliche Erben hast du ja keine. Es erbt die Southern Baptist Convention und mästet sich noch fetter! Und mit Abscheu über den sündigen Vorgänger zieht ein feister Pfaff’ da ein zu bescheidener, aber doch noch den Einkünften aus der Kirche angemessener Miete – oder nein, sie versilbern das Ganze zum höchsten Gewinn und lassen ihre Pfaffen lieber weiter wesentlich billiger wohnen! Der Nachfolger fährt auch in deiner Kirche fort, dass man nun vergessen und dem Herrgott das Richten überlassen müsse. – Freilich, andererseits, bei so einer tiefen und jahrelangen Sünde . . .«

»Hör auf, hör auf, ich bitte dich: hör auf!«

»Ja, nun mal praktisch! So weit können wir es doch nicht kommen lassen! Soll ich dich vielleicht ›nach einem Streit‹ erschießen? Das nützt doch auch nichts, sie wissen ja dann, wer ich bin und in welchem Verhältnis wir standen! Und mich willst du doch auch nicht lebenslang im Zuchthaus sehen.

Mir solltest du gleich das Haus überschreiben, dann fällt es erstmal nicht in die Klauen der gierigen Baptisten da, you know: ›falls dir was Unvorhergesehenes zustößt.‹ Was es danach ja dann auch ruhig kann! Bei mir ist es jedenfalls bestens aufgehoben, und ich bin dein einziger wirklicher Freund.«

Hierbei kommt mir, als seinem Arzt, die Idee, dass dieses Haus im Falle der Erbüberschreibung an Patrick wohl gar nicht gut aufgehoben wäre; denn , Pat wird selber wegen seiner zerrütteten Trinkerleber nicht mehr lange zu leben haben!

»Ich habe daran gedacht, das Haus Sam zu vermachen, dem armen einsamen Jungen.«

»Ach ja, dem armen Waisen! Du ausgerechnet weißt doch ganz genau, dass er ein Jude ist!«

»Nein! Er hat sich bekehrt!«

»Stecke ein Schwein in den Stall edler Pferde! Was ist es dann?! Du müsstest dich doch nicht so täuschen lassen! Guck dir doch den Burschen bloß mal an! So mickerig, dass sich nicht einmal eine Frau nach ihm umguckt! Ich sage dir: Degeneration durch jahrhundertelange jüdische Inzucht!«

»Das ist mir alles noch zu fremd und neu! Einerseits, wenn ich tot bin, und der Herrgott erweist mir die Gnade, mich wirklich in Nichts aufzulösen – dann habe ich nie gelebt, verstehst du? Dann spielt da alles, was du erwähnst, keine Rolle mehr! Bin nie Pastor gewesen, in der Eakland Church hat es nie einen Dale Noomey gegeben! Und dieses Haus hat nie gestanden! Dann sind meine Sünden wirklich so weggewaschen, dass sie nie stattgefunden haben!«

»Woher weißt du denn, dass es so kommen wird? Deine Bibel sagt das nicht

»Nur dann ist mir wirklich vergeben, dann bin ich mit allem quitt und kann ausruhen, in der unendlichen Ruhe, im Nirwana! Bin nie gewesen, habe keine Schuld, keine Strafe für die Sünden, die ich dann ja nie begangen habe, auch keine Glückseligkeit, keine ewige Freude. Denn ich habe ja auch nichts verdient. Einfach Nichts! Warum hat Er mich erschaffen? Er hat mich nicht gefragt! Es ist doch nur recht und billig, wenn ich nichts weiter verlange, als wieder da zu sein, wo ich einmal war, weil ich es nicht geschafft habe, wie etwa die Zeit vor unserer Geburt, die wir uns genauso wenig vorstellen können.«

Bei meinem Schreiben kommen mir nun selbst die Tränen! Wer hätte eine solch tiefe Verzweiflung in diesem stolz erscheinenden Menschen jemals vermuten können – und vor allem, hätte man ihm und wie, noch etwa helfen können? Ein theologischer Notfall, der den medizinischen, wohl darin enthalten, aber noch nicht in Erscheinung getreten, dennoch längst überflügelt hat. Vielleicht sind alle Notfälle immer nur theologische oder wenigstens seelische?

Ein »Seelsorger« dessen Seele selber nicht versorgt ist. Und er weiß dennoch, dass er nichts verdient hat, er, von dem wir hielten, dass er sich stets stolz seiner Leistungen gerühmt habe . . .Er gibt ja nun eigentlich zu, dass seine ganze Frömmigkeit Schau für seine Kirche und Umgebung war! Selber habe er »es nicht geschafft«! Jeder von uns möge wahrnehmen, wie es ihm wirklich unmöglich war, mit der Güte, die vor Gott gilt und die alle Schuld auflöst, sich selber »zu bekleiden.« Pat hat recht und ebenso Sam in seinen Gedanken über die wahrscheinliche Unmöglichkeit, Dale noch zu retten. Dale kann sich nicht bekehren, weil er an der vermeintlich einzigen Güte hängt, unwandelbar in seinen Überzeugungen zu sein, er, der ja theologisch schon »alles weiß.«

Ein grausames Bibelwort, das mit den Perlen und den Säuen!

An diesem Punkte angelangt, ist nun Dale wirklich ohne Theatralik tief erschüttert. Er verbeißt sich mühsam die echten Tränen.

»Und hätte Er mich gefragt, ob ich hätte leben wollen, ich hätte, wie wohl jeder andere auch, dreimal NEIN geschrien – und das große, das ewige Glück aus dieser Antwort gespürt und geschmeckt . . . frei zu sein, weil nun ganz vergeben, schuldlos!.. einen Augenblick nur, einen kurzen kleinen Augenblick! Um danach, ganz frei von Sünde, in das ewige Nichts zu fahren!

Ja, wie du nun siehst, ist doch alles egal, auch was meine Kirche sagt. Denn wenn ich wirklich niemals war, habe ich auch keine Sünden begangen! Dann hat die Kirche und ganze Stadt den Namen Dale Noomey niemals gehört! Dann bin ich endlich der Schulden alle ledig, und niemand kann mich irgendetwas zeihen. Bin im Grabe, vermodere dort vollkommen und bleibe auch da in alle Ewigkeit. Kommt am Jüngsten Tage der Erwecker in Jesu Auftrag auch an meinem Grab vorbei – winke ich nur mit der Hand, als der einzige der zum Fest nicht erscheint, weil er nicht geladen ist – winke und der Erwecker geht schweigend vorüber . .

Andererseits, und ›praktisch‹, wie du es nennst, vielleicht kann man doch beides haben! Den Kuchen verschenken und doch selbst aufessen. Ich werde ermordet, Punktum! Täter unbekannt! Dann bin ich vor Gott kein Mörder. Dann bleibe ich für hier der Ehrenmann, habe aus Zucht und Keuschheit nie geheiratet, und mein Nachfolger, der in einem anderen Hause wohnt, vielleicht sogar in meinem Studentenhaus, blickt mit Respekt auf seinen unglücklichen Vorgänger, dem Gott trotz all seiner Untadeligkeit ein so hartes Los bereitet hat. Dann habe ich mein Studentenhaus vorbildlich geführt, die Studenten, die Gott mir anvertraute, auf rechter Bahn geleitet und zu ordentlichen, richtigen Baptisten gemacht, auch wenn ich das selbst nicht werden konnte. Aber das weiß keiner. Dann wird man vor meinem Grabe mit Ehrfurcht stehen und den Hut ziehen. Dass es dennoch doch Selbstmord war, wird auch keiner wissen! Ja, weißt du was? Ich gehe so weit, dass ich verkünde:

Mein Mörder oder seine Freunde sollen mein Haus erben! Das sei der Preis für all die Arbeit und die Gefahr!.«

»Dale! Du weißt nicht, was du da faselst! Du bist von Sinnen! Ich erbe dein Haus und halte es in Ehren, niemand sonst!«

Er verändert seinen Ton und sagt nach einem langen Augenblick:

»Mal eine ganz andere Frage! Wie willst du das eigentlich bewerkstelligen? Wie soll denn Gott nicht wissen, dass es ein Selbstmord war? Und die Menschen? Du kannst doch kein Inserat in die Daily Post setzen oder dein Testament aufgeben, dein Mörder soll dein Haus haben! Er habe unter deinem Befehl gehandelt, es sei nämlich eigentlich Selbstmord? Wenn er dein Mörder ist, verbringt er seine Ferien im Zucht- statt in deinem Haus! Aber wenn es noch dazu Selbstmord ist, dann bist du wieder vor der Kirche – und vor Gott? – und der ganzen Stadt der Dumme! Allerdings einer mit Pfiff, mal was ganz besonderes! Ein Homo, ein Selbstmörder, ein Baptistenheiliger im Versteck, und dazu dieser Kuhhandel mit Mord und dem Haus nach dem Tode! Und vorher hat keiner das Leiseste geahnt! Donnerwetter! Na, das wird eine lohnende Geschichte! Dann hast du nicht nur die Presse dieses Nestchens hier voll eingespannt, sondern die der ganzen Union!«

Endlich ist Mitternacht vorüber. Dale hat nur drei Glas Rotwein getrunken, aber Pat hat inzwischen mehr als drei Viertel der Whiskyflasche geleert. Es kommt nun die Zeit zum Aufbruch. Aber Pat kann unmöglich noch selber fahren, obgleich er das behauptet und »schon oft so« gemacht habe. Aber der Pastor, der ihm ja selbst das Gift gegeben hat, will keinen Skandal. Er bleibt als der Führende und nun auch Nüchternere von beiden fest und bestimmt. Also wird Pat die Nacht in Dales Haus verbringen! Aber was werden die Leute dazu sagen? Maryann hat schon das fremde Auto gesehen. Sie darf es morgen unmöglich an derselben Stelle geparkt finden! Es muss weiter gerückt werden. Auch das kann Pat in seinem Zustand nicht mehr besorgen. Der Pastor erfordert sich, ohne Widerrede zu dulden, die Wagenschlüssel, geht in die Nacht hinaus und fährt Pats kleinen Sportwagen aus seinem Grundstück unter die Laterne einer nahen Wohnstraße.

Das vollbracht, kehrt er zu Fuß in sein Haus zurück. Pat erwartet ihn schon!