Sechsundzwanzigstes Kapitel

Jims Führung zum Verbrechen

Leider ist es Dale doch nicht gelungen, Pats Sportwagen ganz ungesehen unter die Laterne zu fahren! Gesehen dazu nicht von einem, der die Achseln zuckt und weitergeht, sondern von einem der – heute wenigstens einmal – nachdenkt. Nachdenker sind eine starke Waffe Gottes, aber auch für die Welt, denn sie denken ja auch mal anderes als an Gott.

Das Wohnviertel dort ist nicht weit von der Webb Road entfernt. Jim Luke hat sich nach langem Studieren bis in die Nacht hinein entschlossen, draußen ein wenig von der schönen Frühlings-Nachtluft zu genießen und wandelt aus der Webb Road in andere noch kaum bekannte traumhafte Straßen. Es blühen die Akazien und der duftende Jasmin. Die Villen- oder Kleinhäuserstraße mit den einzeln stehenden Wohnhäusern ist ganz still und menschenleer, es scheint ein fast voller Mond, irgendwo weit entfernt bellt und halb jault ein Hund. Eine wunderbare, märchenhafte Nacht! Jim geht in Gedanken über das wellige Pflaster des Gehsteiges, das auch hier eintönig aus gegossenem Beton mit zugefügten falschen Fugen besteht. Überall in USA gibt es das, man hat noch kein Klima dort gesehen, wo sich solcher Belag nicht schon sehr bald wölbte und Risse kriegte. Man muss auf seinen Weg achten. Manchmal hat auch eine starke Baumwurzel aus einem der unumzäunten Gärten den Beton gehoben und gebrochen, dass man stolpert.

Jim träumt erst von zu Hause, dann, wie schade es leider ist und wie schön es sein könnte, eine Freundin zu haben! Was ist da nun eigentlich damals zwischen Mischa und Diane vorgefallen? Es sickerte nur so wenig durch! Offenbar ist sie es gewesen, die ihn verführen wollte?

Also das beschäftigt sein in dieser Beziehung ausgedörrtes Gehirn. Warum passiert ihm nie so etwas Pikantes? Natürlich hätte er heldenhaft der Versuchung widerstanden und Diane grob als Hure abgewehrt! Aber dennoch! Und vielleicht? Wenn man nun ihr damit einen Gefallen täte, dann wäre es doch eine gute Tat? – Natürlich! Schließlich kam doch sie angeschwärmt! Und am Ende ist es auch ganz natürlich, und Frauen brauchen es genauso dann und wann wie Männer. Warum haben wir uns also so heimlich damit? Hierauf gibt es aber nur eine kategorische Antwort: Weil es Sünde ist!

Er selbst hat peinlich wenig Erfahrung. Schämen muss man sich in jedem Fall, denkt er. In der Schule und unter den Kommilitonen, dass man noch so unschuldig ist; aber vor den Eltern, in den Kirchen und im Webbhaus, dass man doch schon Erfahrungen hat! Eine verrückte Welt! Er selbst steht so dazwischen, müsste je nach Ansicht beide Male lügen, oder dürfte die Wahrheit sagen, freilich eine, die keiner der beiden Seiten gefiele.

Einmal gab es ein Massentreffen, eine Art verbotener Party im Haus eines Freundes, dessen Eltern verreist waren, da hat er mit einer Anzahl Collegefreunden gesoffen, und jeder ist dann auf eines der Zimmer gegangen, auf die sich die Mädchen verteilt hatten. Leider kam es nicht so zustande, wie er gewünscht und sich immer ausgemalt hatte. Er schiebt es in seiner Unerfahrenheit zur Verteidigung der eigenen Männlichkeit auf den vielen Alkohol an diesem Abend. Ganz besonders schmerzhaft aber bleibt ihm das Geschmolle und Geschmähe der »dummen Gans« am nächsten Tag in Erinnerung, nicht einmal, weil er eigentlich nichts zustande gebracht hat, sondern über ihr Pech, ausgerechnet so einen Nerd wie Jim Luke erwischt zu haben! Das war peinlich und schmerzhaft und sehr taktlos von dem Mädchen! Er hat sie auf seine Art zu strafen versucht, musste aber zu seinem Bedauern feststellen, dass er das nicht konnte. Er war ihr offenbar wirklich aus tiefster Seele zuwider. Pah, war denn sie vielleicht schön?!

Jim ist in seiner Sexualität noch infantil. In Ermangelung besseren Wissens glaubt er, das Empfinden einer Frau wäre in der Liebe und im Sex wie seines, aber eigentlich wiederum gar nicht so. Er hat ja noch nie einer Frau Begehren, auch nur im weitesten oder wenigsten Sinne auf ihn, Jim selber, kennen gelernt, eben, weil es wohl kaum je stattgefunden hat.

Deswegen regt ihn die Begebenheit um Diane so auf. Er weiß nur nicht, wie er sich selbst in die Lage eines Mischa manövrieren könnte. Andererseits hat er ohne sich im einzelnen klar zu sein, beobachtet, wie Sonya zu Mischa empfindet. Er ahnt auch entfernt, dass das mit Mischas Charakter und Geist zu tun habe. Also beneidet und bewundert er Mischa auch aus diesem anderen Gesichtswinkel. Darauf beruht wohl auch, dass er nun so krampfhaft und übertrieben im Geist und Sinne Mischas denkt und handelt – oder so zu denken meint und also langsam sein vorheriges Geistesidol aufgegeben hat. Das ist ein riesiger Umschwung zu seiner Einstellung noch bei dem Kirchenbesuch in Dales Kirche mit Sonya. Überhastig hat er sich die Gedanken Mischas oberflächlich angeeignet und bewegt sich nun mit gleichem blinden Fanatismus darin. Auf seine Freundin Sonya hat er aber nie sexuell reagiert, weil er wohl spürt, dass sie wesentlich gescheiter ist als er und das ihm eine absolute Sperre bedeutet. Der mehr brüderliche Geist im Webbhaus hat sich etwa wie in einem israelischen Kibbuz herausgebildet, wo genug Jugendliche beiderlei Geschlechts versammelt sind, die sehnsüchtig auf Blutauffrischung von außen warten, denn sie sind in Liebesgefühlen zu eng zueinander, wie Geschwister. Andererseits hört man, dass die »Konstitution« in den Kibbuzim ausgesprochen promiskuös sei! Dazu geht mir beim Schreiben jetzt folgender Gedanke durch den Kopf:

Wenn das zusammenhängt, dann doch vielleicht so:

Weil in den reinen Liebesgefühlen durch das Geschwisterfühlen so gehindert, weichen sie auf den reinen Sex aus, etwa wie »Handtuch über‘n Kopf!« Auch wieder, weil schon auf den oberen Sprossen der Dekadenz, zuerst bei den Frauen?

Deswegen erschreckte alle auch die versuchte Verführung Dianes sowie ihr ganzes Benehmen als das einer Außenseiterin des Geistes im Webbhaus.

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In Jims Gedanken hinein tönt ein fernes Autogeräusch. Weiter vorn biegt es um die Ecke in Jims Straße, fährt nun auf ihn zu, dann an ihm vorbei. Jim steht halb im Garten eines Grundstücks unter einem dichten Baum verborgen. Die Scheinwerfer erfassen ihn nicht, und der Fahrer wird ihn nicht gesehen haben. Na, denkt Jim, dieser Glückspilz kommt wohl auch von so einer Party mit Suff und anschließender Zimmerwahl?

Unter der Laterne an der Kreuzung hält der Wagen an. Aha! Mal schauen, wo er hingehört. Jim sieht den Wagen nun von hinten. Ein Mann steigt aus und mustert die Position und das Licht um den Wagen. Der Mann ist älter. Oho! Hat also Frau und Kinder und sieht lieber zu, wie er jetzt unbemerkt von ihnen in sein Haus kommt! Aber er geht gar nicht in das Haus oder den Garten nahe der Laterne – hm! Da wäre ja auch eine große Garage auf dem Grundstück gewesen! Was also ist da los? Warum parkt er auf der Straße, wenn er dann weggeht? Jetzt wird’s spannend! Ganz besonders so, als der Mann mit seinem Gang lebhaft an Reverend Dale Noomey erinnert!

Also das muss er doch herausbringen! Vergessen sind die Jünglingsträume und die späte Stunde. Das wird ein Gaudi für die anderen! Dale – ja, das muss er sein, wenn auch aus der Ferne, die Jim vorsichtshalber einhält, keine Sicherheit zu gewinnen ist – geht also aus den kleinen Straßen und dann gar auf der größeren Autostraße über das nahe Ortsende hinaus. Hier stehen nur noch vereinzelt teure Häuser weiter auseinander. Dale, der sich erst oftmals nach allen Seiten umgesehen hat – der Mond steht schon tief – schreitet nun sicherer und ohne diese Vorsicht weiter anzuwenden, über ein Grasfeld einem abgelegenen jener vornehmen Häuser zu, ist schon hinter einem plötzlich auftauchenden Zaun dieses Grundstücks. Jim sieht ihn auf einen Hintereingang dort zugehen und offenbar mittels eines Schlüssels sich dort einlassen.

Entfernt, im Schatten des Wäldchens, das offenbar schon zum Grundstück gehört, bleibt Jim rätselnd und nachdenklich zurück. Der Fremde scheint sich dort auch im Dunkeln gut auszukennen und zu Hause zu fühlen, kommt also an das Haus an dessen Rückseite, denn die Front geht offenbar gegenüber nach einer kleinen Nebenstraße hinaus.

Das Haus ist Jim unbekannt. Und Dale kann es also offenbar doch nicht gewesen sein, denn der wohnt doch in seinem Studentenhaus? Oder doch? Er ist doch ledig! Also dann hat er da eine heimliche Freundin! Deren Mann gerade verreist ist! Denn nach seinem Getue und dem vielen Umblicken zu urteilen, war da etwas Heimliches, Unerlaubtes im Spiel! Donnerwetter, und er als Pastor! Aber Jim flucht ja nicht, weil das doch Sünde ist! Er denkt nur: »My Goodness!« Aber das ist ja viel schlimmer als der altgermanische Donnergott, dem ja niemand mehr Glaubensopfer zoll, der humanistischen Menschengüte dafür aber umso mehr!

Jim denkt nicht daran, er ist nicht der theologische Grüblertyp wie die »Ideologen« im Webbhaus. Er denkt an das fremde Auto. Nein, es ist nicht Dales, einfach, weil er nicht der Typ für so einen abgenutzten engen kleinen Sportwagen ist. Er hat doch eine recht elegante große Luxuslimousine? Ach, es war gar nicht Dale! Das ist die ganze Lösung!

Und Jim geht seinem Zuhause zu, es ist ein Uhr vorbei. Aber halt! denkt er, den Sportwagen will ich mir doch genauer ansehen! Er geht also zurück und findet auch die Straße wieder mit dem Zweisitzer unter der Laterne. Er tritt näher und merkt sich das Kennzeichen, eines aus dem nahen Nachbarstaat, hier nichts besonderes. Er erschrickt gewaltig, als ihn eine Katze anfaucht und vom Wagen springt, die sich im Dunkel dort gemütlich zu tun gedacht hat.

Drinnen ist auch nichts Merkwürdiges zu sehen bei dem Licht, Lenkrad mit Leder umzogen, desgleichen der Schaltknüppel, aber beides recht abgegriffen. Das ganze nicht nach Reichtum aussehend, mehr wie gebraucht gekauft und schon ziemlich alt. Ein Student? Na, der wäre eher praktischer. Dann wäre der Wagen vom Konzept her billiger und geräumiger. Eine flotte Dame? Jim denkt sich eine aus, kurzhaarig, stets in Hosen, Kleidung auch sonst eher männlich, betont sportlich, alleinstehend. Mhm! Vielleicht sogar eine, die gar nicht an Männern interessiert ist? Der Fahrersitz ist weit zurückgesetzt, na ja, es hat ihn ja zuletzt auch Dale gefahren oder wer immer der große Mann war. Hat er sie hier nach Hause gebracht? Nein, ausgestiegen ist außer ihm niemand. Der Beifahrersitz ist auch nach hinten geschoben, wie für Männerbeine. Ah! Ein Künstlerverein, klar mit der sportlichen Note! Aber nur Männer? Cherchez la femme! Es passt keine Frau in dieses Denkschema. Also Schwule! Aber was hätte dann Dale Noomey damit zu tun?

==========3==========

 

Jim ist wieder am Webbhaus angelangt. Er begibt sich ohne viel Geräusch in sein Bett. Er lässt das Mysterium für heute auf sich beruhen, Dale habe so einem »Bedauernswerten«, wie er’s selbst im Zusammenhang mit Bobs »Sauerei« auf dem Pamphlet genannt hatte, ausgeholfen, vielleicht in seelsorgerlicher Absicht. Dennoch, irgend etwas will nicht passen. Die Heimlichtuerei Dales beim Aussteigen! Und warum so weit weg von was offenbar dessen Wohnhaus ist? Halt nein! Der ärmliche Wagen und das Millionärs-Haus! Also vielleicht so:

Der missratene Sohn der reichen Eltern war zu betrunken, seinen Sportwagen nach Hause zu fahren. Da hat ihn Dale in seiner Limousine heimgebracht. Nun kam er, den Sportwagen nachzubringen? Hm! Was macht dann aber Dale nachts um eins und so selbständig alleine in dem teuren Haus? Und der schäbige Wagen für solche Millionärs? Aber warum dann so weit weg? Und wo wäre dann Dales Limousine geblieben? Das passt also auch nicht!

Endlich fällt er in einen nicht voll erquicklichen Schlaf.

Dale, von ihm zur Rede gestellt, reagiert mit bissiger Schärfe. Das ginge ihn, – äh, Tom? – doch einen Dreck an! Nanu, als Pastor so eine Sprache? Ja, ja, auch wenn er den Namen nicht genau wisse, Jim sei aus diesem abscheulichen Studentenhause Dr. Öhrleins mit diesem Sowjetrussen da! Sie stehen laut diskutierend an der Hintertür des Millionärshauses und schreien sich an. Alle Nachbarn schauen aus den Fenstern von Häusern, die auf einmal da stehen, interessiert zu. Aus dem Haus tönt jetzt eine Männerstimme:

»Komm ‘rein, Honey! Lass doch diesen Typ da in Ruhe! Wenn der nicht gleich vom Grundstück verschwindet, schmeißt mein Mann ihn raus.«

Was heißt hier »mein Mann« denkt Jim noch, und »Honey«? Sollte der ganze Verein da . . ? Schon kommen sie herausgestürmt, der Saufklub von damals, wo die Eltern verreist waren! Die »Könner« und Sexualprotze. »Was, ihr hier?!« »Na klar, du Nerd, hast wieder die ganze Situation nicht mitgekriegt! Hast ja auch damals versagt! Wusstest du nicht, was wir für welche sind?« Sie prügeln ihn mit Stangen vom Grundstück, er rennt in Schweiß gebadet davon.

Dann ist er auf einmal im Webbhaus. Sie sitzen am Tisch, und Jim bemerkt tief errötend, dass er gänzlich unbekleidet ist. Er hat eine gewaltige Erektion und versucht sich recht und schlecht damit unter dem Tisch zu verstecken. Diane ist dabei, sieht es und schmäht ihn wie ihn damals seine Partnerin am nächsten Tag in der Schule geschmäht hat, nur diesmal aus dem entgegengesetzten Grunde. Die Welt ist ja diesbezüglich auch hier in die zwei verfeindeten Lager gespalten. Dale ist auch da. Er steht am Frontende des Tisches und hält eine Predigt. Dabei hängt ihm selber ein übergroßer Fortpflanzer heraus. Aber er schämt sich keine Spur, auch die anderen alle halten das bei ihm für in der Ordnung.

»Das Fleisch ist willig, aber der Geist ist schwach!« doziert der Pastor. . .

Jim erwacht einmal. Monoton tropft Regen auf das kleine Dach vorm Fenster. Er ist unausgeschlafen und verwirrt. Er kann sich an die letzten Träume, die erholsamer waren, nicht erinnern, wohl aber an die ersten. Er wundert sich. So ein Traum kommt doch ganz aus mir selber! Er spiegelt nur wider, was ich erlebt und gedacht habe. Wie kann ich da so überrascht von der Verdrehung des Bibelwortes sein, wenn ich es mir doch selber ausgedacht haben muss? Aber der unmögliche Gefühlsinhalt!

Der Pfarrer mit überlangem Fortpflanzer! Und predigt noch mit normaler stets etwas dozierender Stimme, wie man ihn in der Kirche gehört hat, solchen teuflischen Bibelunsinn! Was bedeutet das? Wenn es überhaupt was bedeutet. Halt, das ist an der Grenze zu satanischem Missbrauch! Und wenn es was bedeute, kann es nur als mein Traum aus meiner eigenen schwarzen Seele stammen! Man muss sich bei dem Pastor entschuldigen gehen! Und doch, nein, das kann man nicht. Damit blamiert man sich nur noch mehr. Schließlich war es nur ein Traum. Ein Traum ist Nebel, ist nicht wahr. Auch wenn, drehe man’s wie man wolle, ein Fünkchen Gefühl dabei »Wahrheit!« schreit, als ob doch mit des unverheirateten Pastors Sexualität etwas nicht seine Richtigkeit habe.