Achtundzwanzigstes Kapitel

Die Tat

 

Der nächste Fortschritt für den Detektiven Jim kommt nach seinem wiederholten Lungern im Schatten und unter Bäumen in Sichtweite von Dales Landhaus, das er sich inzwischen von allen Seiten genauestens besehen hat, die eigentliche kleine abgeschiedene Straße kennt, an der sich der Fahrweg und der Haupteingang befinden und hat mehrmals die alte Aufwartung einfahren und hineingehen sehen, macht sich aber den richtigen Vers daraus, dass Maryann eine Bedienstete in einem so reichen Hause sein müsse.

Inzwischen ist auch mehrmals unverkennbar Dales Luxuslimousine dort eingefahren und in die Garage gebracht worden mittels der Funksignale und bis spät nachts dort gelassen worden, und offenbar muss Dale – an dieser Identität besteht nun auch kein Zweifel mehr – also mehrmals regelmäßig dort übernachtet haben.

Aber sonst gibt es keinen Verkehr dort. Einmal kommt ein dienstlich aussehendes Auto, wird nach Bedienen der Rufanlage am Eingangstor eingelassen, und liefert ein Paket ab wie eine Einkaufstüte, aber ohne jede Reklame darauf, es könnte sich der Form nach um Flaschen gehandelt haben. Der Fahrer spricht nur etwa fünf Minuten an der Eingangstür, ohne hereingebeten zu werden, mit wem innen, ist nicht festzustellen. Dann fährt der Fremde wieder ab, offenbar irgendein Vertreter.

Fast will es schon Jim zu dumm werden. Nun gut, dieser Schelm von Pastor, reicher als er zugeben will, besitzt eine feine Millionärsvilla im Grünen, die er nicht publik machen will, die auch nicht im Telefonbuch steht. Was weiter? Das ist was zum Schmunzeln, aber nichts Strafbares. Dazu mag es ja nicht einmal seine sein, sondern etwa die eines reichen Verwandten, auf unbestimmte Zeit zu des Pfarrers Verfügung. Und was den schwulen Pat und sein Auto angeht, hat er ihm wohl irgendwo ausgeholfen. Es ist vielleicht doch gar nichts Anstößiges an Dales Benehmen. Und Jim gibt seine Verfolgung auf. Inzwischen ist es auch tags zu heiß zum Herumlungern geworden, und nachts hat er wegen der Studien keine Zeit mehr, Jim bereitet sich auf ein wichtiges Examen vor.

Ach, Jim, lass es liegen! Du wirst auf lange kein Examen mehr brauchen! Und lass auch vor allem das Haus und seinen Bewohner auf immer in Ruh!

Allerdings gibt es inzwischen auch zu viele lästige Stechinsekten.

Etwa um diese Zeit wird auch dieser Patrick als Patient in meiner neuen Praxis vorstellig. Er hat ein bestimmtes proktologisches Leiden, auf das ich nicht näher eingehen will, und ich erfahre aus seinem zutraulichen Erzählen, über das mir die Schweigepflicht allerdings so lange den Mund verschließt, über seine sexuelle Ausrichtung natürlich des Falles wegen sofort, aber auch über sein Leben und etwa das Verhältnis zu »einem guten Freunde«. Er deutet ohne Nennung des Namens bei anderer Gelegenheit nur an, er selber sei »ein guter Freund eines Pastors«, vielleicht um einen unausgesprochenen Zweifel an seiner Zahlungsfähigkeit oder allgemeinen sozialen Stellung zu zerstreuen, unter der Annahme, Dale sei mir – wie für ihn allen vernünftigen Menschen ein Pfarrer – völlig unbekannt. Den Rest, wenn auch erstaunt und kopfschüttelnd, reime ich mir, ähnlich Jim, selbst zusammen, einschließlich der ja dann naheliegenden Folgerung über die sexuelle Ausrichtung seines »guten Freundes«. Patricks Leber ist wegen alkoholischer Zirrhose unmäßig vergrößert! Erst spät erfuhr ich durch Zufall auch von seinen unmäßigen Trinkgewohnheiten.

Hätte Dale Noomey sein Prachthaus wirklich Patrick testamentarisch vermacht, würde dies Haus wohl bald wieder einen neuen Eigentümer kriegen! Kaum ein Jahr, schätze ich, wird er wegen seiner Leber bei diesen Trinkgewohnheiten noch leben können! Ich vermutete seinen extremen Alkoholismus schon während der Behandlung, konnte aber zu keinem Schluss kommen, weil er, wohl schon erfahren in den Symptomen, beharrlich darüber schwieg.

Da passiert es nun, inzwischen ist später Juni geworden, dass Jim zufällig wieder die Straße von Dales Haus entlangfährt. Er hätte leicht die versteckte kurze Straße vermeiden können, aber fährt aus nun schon alter Gewohnheit doch da entlang. Und da muss eine Sicherung in Jims Gehirn durchgebrannt sein. Denn sein darauf folgendes Verhalten ist nun schwer verständlich oder einfühlbar. Das Gericht hat sich mit diesem Punkt seines Seelenzustandes zu diesem Zeitpunkt aus verständlichen Gründen lange aufgehalten. Es ist eine mit dem Grade der Erkenntnis zunehmende Wut, dass es mit der Sexualität und damit dem ganzem Leben des Pastors doch eine trübe und dicht geheim zu haltende sündige Bewandtnis haben müsse, die er nun aufdecken und in Ordnung, ins Reine, ans Licht bringen werde, »im Namen Jeschuas, Der auch das Dunkle und Versteckte hasst!«

Also Jim hat bei dieser Gelegenheit nun deutlich den Sportwagen des Diskjockeys groß und frech auf dem Daleschen Fahrweg gesehen. Er hat den Wagen Sonyas zurück ins Webbhaus gebracht und hat sich schnurstracks mit einem Messer im Gürtel zu Fuß auf den Weg zu Dales Haus gemacht, als es schon dunkel wurde. Niemand hat sein Weggehen bemerkt, man war im Webbhaus an seine abendlichen Spaziergänge, sollte man ihn vermissen, inzwischen auch gewöhnt. Er habe eine unheimliche Wut über diesen Heuchler, den er nun endlich stellen würde, empfunden, zusammen mit der Spannung, dass sich nun sein wochenlanges Warten erfüllen und als erfolgreich erweisen müsse. Auf die wichtige Frage des Staatsanwaltes später, ob er zu dieser Zeit vorhatte ihn zu ermorden, hat Jim ganz glaubhaft klargemacht: Nein, aber er wolle ihm nicht unbewaffnet gegenüberstehen, damit er ihm umso gründlicher und aus einer überlegenen Machtposition heraus einmal die lebenslange Heuchelei und sein »ganzes mieses Dasein« austreibe. Denn er habe auch ihn so lange irregeführt, sich ein christlich-diszipliniertes Leben abzuquälen, wo Gott durch Sein eigenes Sterben doch gerade die große Freiheit möglich gemacht habe! Nein, das Messer habe er ganz vergessen gehabt, und das Vermissen im Webbhause später nicht für wichtig gehalten.

Aus diesem Grunde erhält der Delinquent am Ende das mildere Urteil »Mord des zweiten Grades«, also nicht prämeditiert. Wohl wäre seine Strafe noch milder als die zwanzig Jahre Zuchthaus ausgefallen, hätte Patrick des Pastors Selbstmordabsichten zu Protokoll gegeben, und dass er wahrscheinlich seinen Mörder quasi gezwungen habe. Aber Pat hat verbissen und aus Bosheit über dies wichtige Indiz geschwiegen wegen des gehassten Webbhauses, das seine sexuelle Ausrichtung so verunglimpft und ihm den Freund ermordet hat.. Viel schwerer aber wiegt noch bei ihm das fehlende Testament, das ihm Dales Haus vermacht hätte. Und irgendwie vermutet er das Webbhaus als Sperrkeil dahinter. Auf die Idee nachzudenken, dass doch Dale groß und dramatisch erklärt hatte, das Haus solle sein Mörder oder dessen Freunde erben, kommt er nicht. Nachdenken ist auch nicht sein Metier. Aber schließlich, was hätte ihm dies Wissen auch genützt? Woran er nur interessiert ist, sind das Luxushaus oder dessen Kaufsumme.

Nun ergibt es sich gerade so, dass Jim beim Wiedereintreffen den Diskjockey eben noch in sein Sportauto steigen und abfahren sieht. Er muss sich noch verstecken, will er nicht von ihm und seinen Scheinwerfern entdeckt werden. Das Auto der Haushälterin ist auch abwesend, die Luxuslimousine aber in der Garage, so dass der Pastor also allein im Hause sein muss.

Dass Pat gerade das Haus seines Freundes verlässt und sich dort offenbar aufgehalten hat, ist ja nun in sich auf nichts verdächtig, aber für Jim bedeutet es den endlichen absoluten Beweis, auf den er nun wochenlang gewartet und sich fanatisch vorgenommen hat, dort, sobald er diesen längeren Hebel zur Verfügung habe, »zum Guten« einzugreifen. Den hat er nun! Dale ist auch schwul! Dasselbe über Patrick hat sich ja früher auch schon ergeben.

Man muss das wohl als einen missionarischen Versuch bei ihm betrachten, denn das Hin- und Hergerissensein in seiner Seele erhofft sich die Entspannung durch die Versöhnung der theologischen Meinungen in beiden Häusern, wenn auch Jim diese Meinungen bis ins Kleinste eigentlich nicht versteht.

Nun kennt Jim inzwischen das Haus gut, er geht durch das Waldstück, wo er weiß, dass es keinen Zaun dort gibt, schreitet dann frech und schwer und unter einer Spannung, die er später vor dem Psychologen in ihrer Intensität einer sexuellen vergleicht, direkt und ohne den leisesten Versuch, sich zu verstecken, auf die Hintertür zu. Die findet sich nun zwar geschlossen aber nicht verriegelt, so dass er sie einfach aufklinkt und hindurchgeht, als sei es immer so gewesen. Auf die Frage, was er denn gemacht hätte, wenn sie, wie doch wahrscheinlicher, verschlossen gewesen wäre, weiß er später auch beim besten Willen keine Antwort.

»Sie war eben offen!« Die Juristen und Psychiater werden übrigens später mit der Möglichkeit eines göttlichen Sendungsbewusstseins bei Jim rechnen, nicht unähnlich dem bei Hitler, der ebenso mit seinen Gewalttaten nur das Gute bezwecken wollte, das vor der »Vorsehung« eben nur er ausführen konnte.

Drinnen sei er ohne Licht und ohne Suchen oder Nachzudenken die Treppe hinaufgegangen. Er wusste da aber etwas bescheid, weil er vorher oft die Lichter in den Fenstern beobachtet hat, und sich nun ausrechnen kann, wo etwa der Pastor sich aufhalte.

Dale hört oben das entschiedene Öffnen der kleinen Haustür unten und jemanden wie vertraut die dunkle Treppe heraufsteigen. Er nimmt an, Pat habe etwas vergessen und sei zurückgekehrt. Er öffnet die Zimmertür zu dieser Hintertreppe und ruft mehrmals, nervöser und unsicherer werdend:

»Pat – Pat? – Patrick?!« hinunter, erhält aber keine Antwort.

Nun betritt Jim fest und wuchtig, aber blass und in dieser fürchterlichen Spannung, durch die Zimmertür den halberleuchteten Raum. – Es ist nur die Fernseh-Hintergrundsbeleuchtung angeschaltet. Trotz der Dunkelheit erkennt Dale die Stimmung und Spannung seines ungeladenen Besuchers, wenn auch nicht zunächst ihn selbst, und erschrickt zu Tode. Er greift wie mechanisch aber stark zitternd in seine Schublade und will seine Pistole herausholen. Aber Jim ist schneller, seine Augen schon von den Minuten vorher gut auf die Fast-Dunkelheit eingestellt. Nur ein kurzer Augenblick des durch die Schublade abgelenkten Pastors genügt ihm zu einem schnellen und ebenso energisch-bestimmten Sprung. Er umkrallt des Pastors Handgelenk mit übermenschlich scheinender Kraft, zieht es mit der Pistole aus der Schublade hervor, als wisse er auch hier gleich, um was es sich handele – der Pastor ist auch dumm oder überrumpelt genug, die Pistole nicht etwa noch in der Schublade loszulassen – schlägt ihm den Arm entschlossen und kräftig auf die Tischkante, und die noch gesicherte Pistole poltert auf den Boden.

Noch ist kein Wort gefallen. In einer hilflosen Demutsgebärde steht der Pastor auf und hebt beide Arme zum Zeichen seiner nunmehrigen völligen Wehrlosigkeit empor. Jim hebt hohnlächelnd übertrieben langsam und ruhig die heruntergefallene Waffe auf, entsichert sie und richtet sie demonstrativ-ruhig auf sein Opfer. Dale will um Hilfe schreien, aber es geht ihm wie in einem Alptraum, wo man schreien will und muss, aber keinen Laut hervorbringt. Er erinnert sich schlagartig, dass Pat damals gesagt hat, hier oben hört dich im Umkreis von zwei Meilen kein Mensch. Er bricht seinen Versuch ab, hat auch nur ein heiseres Röcheln hervorbringen können.

»Soo – du Schwein!« sagt Jim unheimlich ruhig, langsam und wie endlich seiner Sache sicher, »Den Heiligen spielen, was?! Und ein ganzes Leben lang ein schwules Schwein! Und der Gemeinde und uns allen macht er wunder was für einen disziplinierten ›Christen‹ vor! Alles Lüge und Betrug!«

»Ja!« kann nun Dale wieder sagen, heiser aber merkwürdig gefasst, als wisse er und weiß es in der Tat auch besser als der instinktiv heraushandelnde Jim. Er bestätigt:

»Alles Lüge und Betrug! Ein Leben lang!«

Und da nichts passiert, der bisher überlegene Jim nun einen Moment sprachlos vor dieser eingerannten, unerwartet offenen Tür steht, kann Dale wieder sprechen. Es ist das erste und vielleicht einzigemal, dass Dale ehrlich bekennt, ja direkt beichtet! Was dazu hilft, ist seine ihn selbst überraschende Freude und Erleichterung, endlich den ganzen Seelenmüll einem fremden aber interessierten Zuhörer auszuschütten:

»Du kommst genau richtig, Jim, mein Sohn! Oh, wie mich alles anekelt, so lange schon! Und konnte mich nicht befreien! Alles Selbstbetrug und immer neue wilde und wüste Sodomie, kein Entrinnen, keine Vergebung, und gar nicht, was ihr da behauptet, ›Wegwaschen aller Sünde‹! Immer und immer wieder bin ich reingefallen und hab’s neu getan. Ich bin schuldig, schuldig, schuldig!

Du bist mir willkommen, hab schon auf dich gehofft und um dich gebetet! Nun ziele gut, erlöse mich endlich und mach schnell! Sonst kommt noch meine Maryann und verdirbt uns den ganzen Plan.«

Verwirrt und fassungslos steht nun Jim, wie erwachend aus einem bösen Traum. Aha! Schlau der alte Heuchler! Natürlich will er mich nur verblüffen. Niemand ist da und niemand kommt! –

Der Pastor hat aber voll die Wahrheit gesagt, in dieser Situation war auch für seine Seele nichts anderes möglich, kein Trick, keine Heuchelei, keine »Predigt«!

Aber was will nun Jim noch weiter? Dale hat ihm mit seinem überraschenden Schuldbekenntnis allen Wind aus den Segeln genommen. Dales überraschendes Benehmen ist genau der entgegengesetzte Effekt zu dem was er erwartet. Dale schwankt zwischen der Möglichkeit, sich so doch noch aus animalischer Todesfurcht zu retten gegen seinen eigentlichen tiefen Zweck, mit Hilfe dieses Wilden »Selbstmord« zu begehen. Aber schon so weit gegangen, ist seine Schande heraus und er sollte eigentlich nicht und kann auch nicht zurück, er ist in seine selbstgestellte Falle gelaufen. Solche Fallen hat er sich aber auch schon früher selber gestellt, um gewisse Sünden zu vermeiden, als er noch dagegen kämpfte. Aber so denkt er gar nicht. Er hat seine Todesfurcht erkannt und in der Kürze überdacht. Nein – diese seltene Zusammenstellung kommt von Gott auf sein Gebet hin. Er übersieht auch kurz die Zukunft und eine maßlose Reue und Beschämung, Jim nicht ausgenützt zu haben!

»Du weißt, Gott, wie schwach ich bin und Gelübde immer doch breche. Nur einmal, jetzt, lass mich konsequent sein!«

Und da fasst sich Dale Noomey! Ganz unglaublich konsequent und mutig übernimmt er die Führung!

»Und die ganzen klugen Predigten und die echten guten Gedanken?« stammelt Jim, sichtlich verwirrt und nicht mehr der kalt Überlegene, und legt sogar die Pistole unbeachtet auf den Tisch.

»Meistens von Sammy gestohlen! Der war mir ein Sohn! Und gleichzeitig ein weiser Lehrer. Aber dann habt ihr ihn mir genommen. Ach, er war mir ein echter Freund! Ich habe ihn geliebt und immer beneidet und liebe ihn noch. Was er sagte, stimmte vor Gott. Sein Leben war geradeaus, mutig und folgerichtig! Von seiner logischen Bekehrung angefangen, er ist ein Heiliger! Wenn ich nur auch so ein Christenleben hätte führen können!«

Auf ein Scheinwerferlicht vom Vorplatz draußen hin erschrickt der Pastor, und in einem irrsinnigen Hoffnungsstrahl, einer uneingestandenen Feigheit und Lebensliebe, weil ja nun Rettung in Gestalt von Maryann im Anzuge ist, ergreift er schnell seine Pistole. Der verdatterte Jim erholt sich aber schnell, springt vor und ringt mit dem Pastor um die nun ungesicherte Pistole. Jim riskiert dabei sein Leben, aber denkt so nicht. Oder ist er darauf gekommen, Dale werde auch in Notwehr nicht auf ihn schießen?

Bei dem Ringen stoßen sie das Tischchen mit der Fernsehleuchte um, es fällt krachend zu Boden und erlischt. Sie rangeln weiter im zunächst Stockdunkeln. Dabei gelingt es Jim, dem anderen die Pistole wieder zu entwinden. Nun erholen sich die Augen und erkennen Umrisse durch das schwache Licht der von draußen hereinscheinenden Laterne auf des Hauses Vorplatz. Jim verliert polternd das Webbhausmesser aus seinem Gürtel. Dale erkennt am Aufblitzen, worum es sich handelt, und ergreift das Messer, ohne dass Jim es bemerkt.

Nun hat sich der Pastor in eine Zimmerecke hinter ein Spind verdrückt, von der er zu Recht seine Unsichtbarkeit vermutend eigentlich doch auf Maryann wartet. Jim tapert wütend und lautstark durch das dunkle ziemlich große Zimmer, während er wie von Sinnen schreit:

»Komm heraus, du Schwein, wo immer du steckst! Ich knalle dich ab!«

Die Tötungsabsicht hat er eigentlich erst in diesem Raum durch den Pastor suggeriert gekriegt.

»Du feiger falscher Pfaff! Alles gelogen! Auch hier noch, kein Fünkchen Wahrheit ist an dieser miesen Kreatur!«

Dann fügt er noch in Erinnerung des Gespräches mit Sonya, leiser hinzu:

»Ein falscher Prophet! Neunundneunzig von hundert!

Mit dem »Abknallen« bezieht er sich wohl auf des Pastors frühere Einladung, ihn zu erschießen, der sich nun feige versteckt. Aber der verhält sich absolut lautlos, so dass der Unsinnige vergebens durch das Zimmer tobt und schreit. Dale, der ja auf das Erscheinen seiner Maryann hofft, hat sich auch nicht geirrt. Die wird ja bei dem Lärm hoffentlich heraufkommen und Licht machen. Maryann hört unten natürlich den überlauten Spektakel und nimmt an, Patrick sei zu Besuch und sie haben einen Streit. Da will sie natürlich aus Diskretion nicht dazwischenkommen. Dass Pats Auto nicht dasteht, ist nichts Besonderes. Sie weiß, das sieht Dale dort nicht gern. Gerade überlegt sie, ob sie nun doch hinaufgehe.

Dann hätte Dale gewonnen.

==========2==========

Oder doch wieder verloren!

Hierzu ist folgendes zu bemerken.

Dem Pfarrer ist klar, dass er den in außerordentlichem Zustand befindlichen Studenten beherrscht und in seiner Gewalt hat. Jim befindet sich in einer Revolution! Dort werden die jahrelang so heilig gehaltenen Gesetze von Ordnung, Obrigkeit und Gehorsam zu plötzlich aufgegeben, und nun wird alles möglich, eben auch Mord. Damit wäre Jim viel milder zu beurteilen, vielleicht gar freizusprechen gewesen – wenn nur Patrick nicht so hartnäckig geschwiegen hätte über eben diese mögliche Macht Dales über den Studenten und seinen Entschluss, ja nunmehrige Notwendigkeit, weil sein Image preisgegeben, durch Jim Selbstmord zu begehen. Jeschua legte Sein Leben nieder, indem Er sich durch den innerlich unfreien Sanhedrin ermorden ließ! Da bleibt aber trotzdem eine Schuld in den Ausführenden.

Aber worauf ich hinweisen will, ist, dass auch Dale eben mit der Anwendung dieser Macht über Jim das Prinzip des bisher und sonst so hoch gehaltenen »freien Willens« über Bord geworfen hat! Willen haben wir alle, nur niemals frei vor Gott. Wenn nun schon der menschliche Pastor so eine Macht über den Studenten erworben hat, auch wenn der sich für frei hält, wieviel mehr dann der unendliche Gott über jeden von uns! Allerdings verfällt der Pastor in eine nur eine Sekunde dauernde Euphorie, dass er wie Jeschua selber sein Leben durch den Mord anderer »darniederlege.«

In der Schlacht befiehlt ein höherer Offizier: »Freiwillige vor!« Damit behauptet er nicht, dass es absoluten freien Willen gebe, sondern weist in diesem Fall nur auf die Möglichkeit, dass er auch befehlen könnte: Meyer, Schulze und Krause vortreten! – und sich nur mit dem Befehl an die ›»Freiwilligen« davon distanziert.

Hier ist nun wirklich die Gelegenheit für Dale Noomey! Ein Selbstmord ohne die Schuld vor Gott! Dabei kennt doch Gott alle Absichten und Gedanken! Aber nicht für Dale! Wir erinnern uns an seine Predigt über die Freiheit. Da sollte auch Gott keinen Einblick in Hiobs Seele haben können.

»Sonst hätte ja Hiobs Wille nicht vollkommen frei sein können!« sagte er da. Also plant er jetzt mit freiem Willen und als Kleiner Gott tatsächlich, Gott zu betrügen!

Hier, meint er, kann er wie ein Held sterben und sich erlösen von seinem miesen Leben, das er so hasst, und dann zuversichtlich vor den unwissenden Gott treten! Nur nicht mehr die Wahrheit sagen. Sonst ist dieser Jim wieder so entwaffnet, dass er seinen Entschluss aufgibt.

Oder ist auch diese Absicht Dales gelogen? Er kann vor lauter Phantasiegespinnsten nicht mehr immer Gottes Wahrheit unterscheiden. Da hat er sich in seinem Leben so eine Theorie zusammengestellt, um seinen Schäflein zu schmeicheln und ihnen zu erzählen, was sie seiner Meinung nach hören wollen, und das ist nichts als die Bestätigung eines freien Willens in jedem Menschen, den er ja so betont, weil er ihn nicht hat und das auch ahnt.

Wenn wir völlig frei, sind wir auch von Gott unabhängig, dann kann Er auch nicht unsere Gedanken und Pläne wissen und ahnen! Dann war es auch vor Gott kein Selbstmord, sondern ein ehrenhaftes Darniederlegen seines Lebens ohne sich des dreisten Mörders zu erwehren. In der Tiefe seines Herzens aber weiß doch Dale ganz genau, wie er da lügt und betrügt, und seine Idee vom freien Willen des Menschen und der Blindheit Gottes – nur Menschenerfindung sind.

Weiter gedanklich daran zu arbeiten, lässt ihm Gott keine Zeit mehr, und so muss er dann wohl ohne Meinung und Entscheidung aus dem Irdischen vor seinen Schöpfer treten!

Der Rest geht nun schnell, nachdem sich Dale doch einmal so festgebissen, wenn nicht freiheitlich entschlossen hat. So etwas halten seine Baptisten schon für eine rechte »Entscheidung«, wenn man nur immer ohne lästiges Grübeln daran festhält. Und wir verstehen, wie Dale seine Seele abgeriegelt hat, dass nur nichts Rettendes – etwa »Perlen« – mehr hinzutrete.

Er gibt jetzt durch ein Geräusch absichtlich seine Position preis. Der Student kommt wie ein Bär mit erhobenen Fäusten, die rechte umkrallt den Pistolengriff, auf die Zimmerecke zugestürmt, denn er misstraut bei der Dunkelheit der Treffsicherheit der Pistole. Auf einen erneuten Zweikampf will es der schwächere Pastor aber nicht ankommen lassen, er springt hervor und schwingt ostentativ das Messer, das Jim im schwachen Licht aufblitzen sieht. Da feuert er zweimal hintereinander die Pistole nun von nah auf die Gestalt des Pastors ab. Ob er getroffen hat und zu welchem Resultat, kann er nicht sagen. Aber wie soll er denn aus so einer kurzen Entfernung noch fehlen können? Er meint auch noch, einen Körper auf den Boden fallen zu hören, aber sein Sinn ist abgelenkt durch das Geräusch der nach dem Krach der Schüsse nun rasch die Vordertreppe heraufkommenden Maryann. Jim drückt sich katzengleich in die noch offene Tür zur Hintertreppe. Da öffnet sie schon die Vordertür, laut lamentierend weil selbst nicht ohne Furcht, was denn da los sei?

»Und so dunkel! Herr Pastor! Herr Pastor! Um Gottes Willen, was ist passiert? Ja, wo ist denn das Licht?«

Sie tastet nach der Fernsehlampe, findet sie nicht und entscheidet stattdessen für die Deckenlampe. Damit hat sie unbewusst absichtlich – aus Angst – viel Zeit verschwendet, so dass der Mörder entkommt. Endlich knipst sie den Schalter an der Wand.

Den Widerschein davon sieht noch der davonschleichende Jim auf der Hintertreppe. Aber die gute Maryann kommt gar nicht auf die Idee, dass der Täter »Patrick« noch nahe sei, ja bei der Kürze der Zeit seit den beiden Schüssen, sein müsse. Jim entkommt völlig unbemerkt. Sie macht auch nun, allein bei vollem Deckenlicht mit dem blutenden bewusstlos Sterbenden im Zimmer soviel Gekreisch, dass der Täter auch im Dunkeln und unbemerkt aus der Tür und durch den Garten wieder auf die Straße kommt. Da fällt ihm die noch immer umkrallte Pistole in seiner Hand ein. Hinauf kann er nicht mehr, sie zum Webbhaus mitnehmen schon gar nicht. Er eilt die große Fahrstraße in Richtung Städtchen entlang. Da kommt er am Straßenrand, schon mehrere hundert Meter vom Haus entfernt an einem kleinen Bächlein vorbei, das durch einen kleinen runden Tunnel von Beton umschlossen quer unter der Fahrstraße entlang geführt wird. Er steigt hinunter und schleudert die Waffe aus dem Handgelenk polternd in diesen fast leeren Tunnel.

Dennoch wird die gründliche Polizei, die später zunächst so lange peinlich im Dunklen tappen wird, Dales Pistole dort finden, die Fluchtrichtung des Täters daran erkennen und gerade an der Waffe und den Fingerabdrücken, soweit noch lesbar, darauf ihn überführen. Ja, und an dem Messer, besonders als es nachher als zum Webbhaus-Haushalt gehörig identifiziert wird!

Die Straßen sind wie sonst menschenleer. Erst als er schon halb beim Webbhaus angekommen ist, hört er Sirenenautos mit lautem dauernden Geheul durch die Stille rasen. Eines braust dicht an ihm vorbei, beleuchtet ihn krass zwei Sekunden lang. Im Webbhaus, wo schon alles zu Bett ist, achtet auch keiner auf solche überoft missbrauchten Sirenen. Niemand ist erwacht oder erwacht dann durch Jims schnelles Treppensteigen und lautloses Verschwinden hinter seiner Zimmertür. Das kurze grelle Beleuchtetwerden von Dale in Pats Sportwagen, dann durch Pat vom selben Auto heute abend beim Dunkelwerden, und jetzt durch die Polizei, sieht er doch auch in seiner Stimmung als Symbol von Gott, bei Dem alles ans Licht kommt .. ..

Die herangeraste Polizei findet den Erschossenen Minuten nach seinem Tode mit zerfetzter Bauchaorta, wie die Sektion ergeben wird, und auch noch an dem Abend fragliche und nicht weiterhelfende Fußabdrücke im Garten und kann des vermuteten Mörders Weg durch den Rasen und das Waldstück bis zur großen Straße verfolgen. Die Kriminalpolizei der nahen Kreisstadt wird geholt, und sie arbeiten bis zum Morgengrauen unter Einsatz von Spürhunden. Aber die Autostraße als erstes Arbeitsfeld ist zu oft benutzt zum Spurenlesen. Weiter als etwa hundert Meter kommen sie erst nicht. Der Weg führt Richtung Stadt. Das kann nun alles bedeuten. Auch anderweitig werden keine richtungsweisenden Clous mehr gefunden. Die Waffe finden sie erst viel später, auf einen Krach vom Chef ihres Kriminaldezernats hin, weil sie nicht weiterkämen und die Sache dadurch vor der Presse peinlich wird und einer daher nun kleinlich-peniblen Suche der ganzen Umgebung ihren Abschluss finden wird

Es gibt also erst einen Stillstand in den Ermittlungen, denn man weiß von keinem und findet auch keine Feinde, die im Hause so vertraut sein müssen, ihre Wege auch im Dunkeln zu finden. Denn Maryann hat ausgesagt, die Gartentür an der Treppe habe bei ihrer Ankunft in befremdlicher Weise halb offen gestanden, aber das Treppenlicht habe nicht gebrannt, das hätte sie gesehen.

Man stößt wohl bald auf Patrick, den die Maryann zuerst nannte, »einen Freund des Verstorbenen«, wie die Zeitungen sagen. Alle seine Schuhe und die Fußgröße passen nicht auf die Spuren im Garten. Dessen genaueste und wiederholte Befragung wirft endlich etwas Licht auf eine Studentengemeinschaft mit verschrobenen Ansichten, deren Anführer ein Russe sein soll. Das rückt schließlich unvermeidlich mein Webbhaus ins kriminalpolizeiliche Rampenlicht, und uns alle in wiederholte Vernehmungen. Michail aber und besonders Sam machen auf die Verhörer einen so guten Eindruck, dass die Darstellung Patricks als eines irren Haufens entkräftet wird und sie sich voller Hochachtung über die nun ans Licht gebrachten christlichen Ideen finden.

Natürlich sind die Kriminalisten auch nicht das empfängliche Publikum für noch nicht dagewesene theologische Gedanken, wie alle Amerikaner. Sie gehen nach Äußerlichkeiten. Was ihnen dabei so imponiert, ist die High Class mit ihren Fremdwort-gespickten Reden, besonders bei Mischa.

Wie es nun oft im Leben so geht, dieser gute Eindruck verhindert ihre weitere Ermittlung sehr wesentlich, auch nachdem die wenig aufschlussreiche Pistole gefunden wird; denn wer sich einmal »überzeugt« hat, jemand sei von einer bestimmten guten oder auch bösen Eigenschaft, der wird im weiteren Denken stark in dieser Richtung beeinflusst. Und dazu half entscheidend ebenso auch der schlechte Eindruck des Plattenjockeys und Trinkers, der meine Webbhausgruppe schlechtmachen wollte.

Die Lokalpresse war damals natürlich aus dem Häuschen. Ein Mordfall in diesem sonst so ruhigen Nest! Die »Daily Post« genießt einen sprunghaften Anstieg ihrer Auflage, behandelt den Fall »Pastorenmord« auch tagelang auf der Titelseite in großen Lettern, und noch viel länger mit nur etwas weniger auffälligen.

Es war dann erst das Küchenmesser, das so öffentlich am Tatort gefunden wurde aber keinerlei Schaden getan hatte, dass man es gerade deswegen erst als unwesentlich ausgeschaltet und vergessen hatte. Man vermutete es zum Noomeyschen Haushalt gehörig, auch wenn es Maryann unbekannt war. Aber dieses Detail muss wohl erst unter den Tisch gefallen sein. Bei der Durchsuchung aber unseres Webbhauses später, fand man den Rest dieser Küchenmessergruppe, die damals Diane uns allen zum Geschenk gemacht hatte, aber so grob überhört worden war, und einem Beamten fiel das schon vergessene Messer am Tatort mit der Ähnlichkeit zu unseren wieder auf, als er lange wieder gegangen war, so dass sie nach ein paar Tagen wieder zu uns kamen, nun die Messer verglichen und herausfanden, dass in unserer Serie das zweitgrößte fehlte, eben das Messer vom Tatort.

Nun kamen die Dinge ins Rollen. Bei einer Gegenüberstellung erkannte Pat unseren Jim sofort wieder. Er hatte auf Befragen den Beamten von diesem verdächtigen Bürschchen im »Chez Bonnie« berichtet, der dort gar nicht hinpasste, offenbar etwas herausschnuppern wollte und auch seinem Sportwagen keinen Schaden, wie behauptet, zugefügt hatte.

Wir waren zutiefst beunruhigt, dass Jim den Nerv hatte, sich so lange zu verstellen, das heißt, erst waren wir empört über diese Zumutung und ganz auf Jims Seite, so wie über den Charakter unseres Hausbewohners im allgemeinen. Wie war das möglich? Wie konnten wir uns so lange um die höchsten Dinge bemüht haben und das offenbar Naheliegende nicht einmal beachtet haben? Wieso war uns Jim so fremd, dass sich die Dinge so entwickeln konnten? Was ging in ihm bloß vor? Schön, Jim galt mir als nicht voll bekehrt und noch beseelt von den hier üblichen eigentlich pseudo- oder konterchristlichen Denkweisen, ähnlich Dale selber. Aber in welcher Gruppe wäre das je anders? Ich hatte mich ja so über die andere Seite als ungewöhnlich gefreut, nämlich, dass so viele offen waren und die neuen christlichen Gedanken angenommen hatten, dass ich darüber meinen kritischen Abstand verloren haben musste.

Ich konnte doch nicht den so engen Seelenhirten spielen? Auch in den ersten Kirchen der Apostelgeschichte waren durchaus nicht alle bekehrt, wie sollten sie auch? Eine Kirche ist für solche Arbeit da, und die erfordert Zeit. Ich erinnere an Ananias und Saphira, die wegen Lügens vor dem Heiligen Geist ihr Leben verloren.

Allerdings ein Nebengedanke ließ mich nicht los. War ein solches enges Überwachen nicht im Sinne Dales gewesen? Der seine amerikanischen Schäflein offenbar besser kannte. Wäre ihm im Hause so etwas wohl nicht passiert? Aber nein. Über Dianes Seelenleben war er ja offenbar auch ganz im Dunklen.

Ich muss gestehen, dass ich mit Schlaflosigkeit über diese meine Schuld so aufgebracht war, dass ich die Dienste eines mir befreundeten christlichen Psychiaters in Anspruch nahm. Der tröstete mich aber sehr wirkungsvoll, einfach mit dem Gedanken, dass so ein Einzelfall keinen wissenschaftlich signifikanten Wahrscheinlichkeitswert habe, in anderen Worten, jedem so etwas wie ein Jim im Haus hätte passieren können, und er begrüße die freiheitliche Art meiner missionarischen Hausführung, die doch so gute Früchte gezeitigt habe. Und ich wolle doch gerade keine kleinen christlichen Roboter züchten? Christentum sei das letzte und tiefste menschliche Geheimnis, wo eines jeden Willen frei sei, und kein anderer Mensch habe da Macht oder am Ende verbindlichen Einfluss.

Über den freien Willen war ich natürlich nicht glücklich, widersprach aber nicht, weil es auf ein anderes semantisches Verständnis bei ihm hinauslief, das meinen Überzeugungen im Grunde nicht widersprach.

==========3==========

 

Jim also hatte offenbar gehofft, bei den geringen Verbindungen zu Noomeys Haus und seinem unbemerkten Entkommen in der Mordnacht durch die Maschen des Gesetzes schlüpfen zu können wie in der Nacht des betrunkenen Fahrens von Sonyas Wagen. Aber die Fingerabdrücke auf der Pistole, nach der Zeit allerdings sehr fraglich geworden nach einem Bächlein von einigem Regen in dem Betontunnel, wiesen auf die Möglichkeit, dass Jim sie angefasst hatte. Ebenso passten seine Schuhe in die konservierten Abdrücke aus dem Garten. Er kam nun sofort in Untersuchungshaft, wo er offenbar auf intensives Verhör die Tat gestanden haben muss.

Bis zu dieser Zeit waren uns Besuche im Gefängnis streng untersagt, so dass wir uns in diesen Monaten und durch was vorgefallen war, unserem Jim ziemlich entfremdeten.

Jetzt, nach den Jahren bis zu meinem Niederschreiben, habe ich doch wieder Gewissensbisse über Jim. Ein eigenartiger Mensch, fanatisch und gesetzlich, sicherlich! Hätten wir im Webbhaus ihn in Ruhe gelassen, dann wäre er mit seiner umgebenden Kultur wohl den Weg gegangen, auch Homosexualität gleichgültig und zum Schulterzucken zu finden, und nichts wäre passiert! Aber dann übernahm er von Bobs Pamphlet und uns allen die Auffassung nicht nur über die Sündigkeit dieser Perversion, sondern das unmittelbar persönlich Eklige daran, ebenso wie alle die christlichen Gedanken und strengen Verbote, etwa im Buch Levitikus, die auch etwa einem Dale so zuwider liefen. Erst muss ihm Reverend Noomey als eine Autorität vorgekommen sein, wie mich Sonya belehrte, der er in einem Gespräch nicht abkaufen wollte, auch Dale könnte, wie so viele andere in unseren Kirchen, ein falscher Prediger sein. Dann kam in seinem Detektivspielen alles stückweise heraus, und er war nicht vorbereitet, hatte eben auch nicht von Haus aus den nötigen Abstand und die Kritikfähigkeit, von der Sicht als zu einer höher stehenden Vaterfigur zu jener auf den armen Sünder umzusteigen. Leider kam alles so plötzlich, denn erst am Mordabend selber gewann er doch die Gewissheit über Dales sexuelle Perversion. Wäre er dazu in der eigenen Sexualität sicherer und reifer gewesen, hätte er auf Dale nicht diesen Zorn ›wie eine sexuelle Erregung‹ gespürt und wohl vernünftiger gehandelt.

Und doch wieder: nein! Der Weg zur einzig möglichen Freiheit, die Weisheit vor Gott, geht über die volle Kritikfähigkeit! Das ist mehr die Kritikpalette von unserm Mischa, nicht das Ziel der christlichen Roboter, die alles äußerlich »richtig« machen, aber nichts begriffen haben.

Gleich am nächsten Morgen hatte die »Daily Post« wieder eine Schlagzeile, ihre Auflage weiter auf solcher Rekordhöhe zu halten, deren Riesenlettern fast die ganze Front-Halbseite bedeckten:

Täter gefasst!

Dabei war gar nicht nötig gewesen zu erwähnen welcher Täter und zu welcher Tat, das setzten sie zu recht nunmehr als Allgemeinwissen voraus.

Bald nach dem Bekanntwerden von Dales Tod hatte mich Sam um Erlaubnis gebeten, die aber wegen Selbstverständlichkeit schon eher nur einer Benachrichtigung gleichkam, er werde im Webbhaus auf Dale eine Eulogie halten. – Huch, das scheint wieder ein eingeschlichener Amerikanismus zu sein? Auf deutsch benutzt man wohl nicht dieses Wort? – Also eine Trauerrede, wörtlich einen Lobpreis. (Dabei ärgert mich schon das Wort! Wie nun, wenn der Redner wie hier mehr Wert auf die Wahrheit legte als die Schmeichelei – De mortibus nihil nisi bene?)

Wer dabei anwesend sein solle?

»Nun, wer immer Lust hat.«

Das musste sich irgendwie herumgesprochen haben, denn als ich am verabredeten Abend an mein Webbhaus kam, war es über und über von Autos umstellt, die schon die ganze Straße entlang quer parkten, das heißt, mit den Vorderrädern auf dem Grasstreifen des Gehsteiges, das Heck zur Straße, dort wo sich vor einem Jahr die Gruppe so lustig um Rudis beschilderten Toyota geschart hatte – und weit darüber hinaus. Ach, was waren das damals für Zeiten! Vor und im Haus wimmelte es von Menschen, die drinnen alle schon nicht mehr Platz fanden. Ich musste mich erst bemerkbar machen, was ich hasse, als der Hauseigentümer und dass ich als Arzt mein Auto nahe zur Hand haben müsse. Gleich nahmen Reporter, noch nicht einmal solche unserer »Daily Post«, mehrmals mein Bild mit grellem Blitz, so dass ich jeweils halbe Minuten lang nichts als grüne Kreise sah. Der Hausnachbar, der uns ja schon kannte, erlaubte mir dann, auf seinem Grundstück zu parken. Endlich finde ich auch im Gewühl den »Vortragenden« für heute abend. Er sieht ganz ungewöhnlich aus, geradezu erwachsen geworden, in dunklem Anzug mit Krawatte. Übrigens ist unser Sam seit diesem Abend ein anderer geworden, auch sonst erwachsener, reifer. Niemand würde von da an mehr in ihm einen Gymnasiasten sehen. Wohl natürlich schon vorher, allmählich werdend. Aber seit dann fiel es mir erst auf.

Was Sam endlich sagte, bei offener Haustür voller Leute bis auf die Straße, will ich nur ganz kurz und auszugsweise wiedergeben.

Er sei in zweierlei Schwierigkeit, fing er an, denn er sei dem Abgeschiedenen gegenüber als Freund und wegen großer Wohltaten, als es ihm, Sam, am traurigsten ginge, in tiefer Schuld. Aber obwohl man üblicherweise bei solchen Gelegenheiten nur die guten Seiten preise und etwa Negatives einfach verschweige – seine eigene Heimatgemeinde sei groß darin gewesen – wolle er der Wahrheit zuliebe und wegen der vielen Versammelten, die zu Gott zu rufen ja nur ganz im Sinne des Verstorbenen sei, auch über die negativen Seiten nicht schweigen; denn die seien zum ganzen Verständnis unabdingbar. Was für eine Heimatgemeinde das gewesen sei, sprach er natürlich nicht aus, es ist aber anzunehmen, dass ihn die Mehrheit schon als einen ehemaligen Juden kannte.

Reverend Dale Noomey sei ein problematischer Christ gewesen, der trotz eifrigen Bemühens nicht über den Punkt kam, Gott bedingungslos alles zu übergeben. Das sei dem Abgeschiedenen nicht gegeben gewesen, denn alles komme von Gott, dass sich niemand rühmen könne. Er verglich Dale mit einem Farmer auf großem landwirtschaftlichem Gebiet, reich und mit großem Landbesitz gesegnet. Da habe nun Gott das Land von ihm gefordert, auch wenn er selbst es weiter bearbeiten und ernten sollte, aber unter Gott, quasi einer kommunistischen Landbrigade. Nun habe Dale in wirklich großer Aufopferung, »die ihm wohl keiner von uns nachmachen kann«, fast alles in seinem Leben gegeben und in quasi Armut auf dem eigenen Riesenland gelebt und schwer gearbeitet.

Aber einen Garten, erst groß, dann auf Drängen des neuen, im Grunde: eigentlichen Besitzers kleiner und kleiner werdend, wo er nach eigener Regie nach Herzenslust habe pflanzen und ernten wollen, habe er immer für sich behalten, wo er der Herr sei, und keiner sonst!

Gott habe ihm bedeutet, dass es Ihm nicht auf das kleine Stück Land ankomme, noch auf seine offensichtliche Armut, sondern dass keiner Seiner Angestellten mehr etwas nur für ausschließlich sich selber haben könne. Gott müsse alles wissen! Und das habe Dale nie begriffen, weil ihm wirklich das eigentliche Verständnis dazu gefehlt habe. Er wollte sein eigener Herr sein mit dem alten leidigen Freien Willen, der ja, per definitionem, auch Gott verborgen bleiben muss. Auf alle Forderungen Gottes habe er mit immer noch mehr sklavenhafter Arbeit geantwortet. Aber das ist eine Verderbensfalle! Denn der Mensch steigert sich da höher und höher eine Spirale hinauf, bis es nicht mehr geht und er an seine physischen Grenzen stößt. Und so musste denn sein Leben am Ende schiefgehen, denn man lebe unter Gott in herrlichster Freiheit und Freude, aber nur unter der Bedingung, Ihm wirklich alles zu übergeben, und keinen Garten, kein noch so kleines Geheimnis je ganz für sich selbst zu behalten. Es sei dieselbe Tragik aber auch Konsequenz gewesen, wie bei Ananias und Saphira und Gott mache keine Ausnahmen. Sie hätten ihr Geld ja behalten können, aber sie belogen den Heiligen Geist, das war ihr Verhängnis. Was das für ein ›Geheimnis‹ in Dales Leben gewesen sei, spricht Sam natürlich nicht aus. Ich selber, nach einigem Nachdenken, schuldige auch die Homosexualität weniger an, als den Betrug an Gott, etwas vor Ihm zu verbergen, Stichwort Hiob!

Ananias und Saphira! Gerade hatte ich im Zusammenhang mit dem Mordfall auch an sie denken müssen!

Inzwischen wussten aber wohl seine Zuhörer zur Mehrzahl dank der langen und nicht immer geschmackvollen Zeitungsberichte auch von Dales homosexuellem Lebensstil und nahmen Sams Bericht kommentar- und widerspruchslos hin. Dabei meinte Sam mit dem Zurückbehalten vor Gott – schon einmal abgesehen von was ich denke – wesentlich mehr oder anderes als nur was sich auf des Verstorbenen sexuelle Perversion bezog.