Epilog

Herrmann Öhrleins Rückblick

Die alte Webbhausgemeinschaft, wie ich sie in den vorliegenden Blättern näher beschrieben habe, liegt nun schon Jahre zurück. Sie hat sich eine längere Zeitspanne nach den geschilderten Ereignissen dann in nichts aufgelöst. Nicht, dass jemand feige desertiert hätte. Alle Verbleibenden haben ihre vorgesehene Zeit auf der Uni und in meinem Hause zu Ende verbracht, sind aber dann meist in andere Universitäten, zu den Endexamina oder weiterer Spezialausbildung oder nach Hause, direkt in die verschiedenen Berufe abgegangen. Neue meldeten sich zunächst nicht. Aber das lag an neuen Gesetzen, die das private Vermieten an Studenten wesentlich nachteiliger machten. (Die Stadt hatte ein ganzes Areal mit neuen Studentenwohnhäusern bebaut, die sich nun rentieren sollten.)

Das allgemeine Zeitungsinteresse ist aber erstaunlich kurzfristig wieder abgeklungen. Sobald das Ganze nicht mehr im Pressesinn aktuell war, nachdem die Arbeit der Polizei schon nach wenigen Wochen befriedigt war, erhielten wir keine Besuche zu Interviewzwecken mehr, normalisierte sich auch unser üblicher Bekanntenkreis wieder einigermaßen.

Als spaßige Anekdote bliebe noch zu erzählen, dass unsere lokale Zeitung, »Daily Post«, dieselbe, die damals auf Sonyas Bewerben dennoch Bobs Pamphlet über den Humanismus so hartnäckig abgelehnt hatte, nach einiger Zeit, als das Interesse über unseren »Fall« schon abgeklungen schien, dennoch zu meinem Staunen eben dieses Pamphlet auch ganz ohne »Dear Editor« herausbrachte. Auf der Titelseite unten stand als Überschrift: »Sensationeller Geist im ›Webbhaus‹« und ein paar Sätze einer wichtig tuenden Einleitung des Herausgebers in größeren Lettern, in dem Sinne, ob man vielleicht durch Lesen dieses Blattes Licht auf den »sonderbaren Geist« werfen könne, der in diesem Studentenheim, aus dem der Mörder kam, geherrscht haben müsse – und dann den Rest, unter »See page 8B«, auf einer der hinteren Seiten.

Auch unter diesen Auspizien war diese Veröffentlichung ganz in unserem Sinne, nur bleibt die Frage, wo sie eigentlich den Text wieder ausgegraben hatten und auch meine Benennung »Webbhaus«. Auch hatten sie Bob Geld angeboten, weil es ja nun nicht mehr unter Leserzuschriften lief. Bob hatte sehr korrekt und lobenswert telefonisch kühl geantwortet, wenn sie es damals nicht für wert hielten, es auch nur unentgeldlich zu veröffentlichen, dann verließe er sich auf ihre redaktionelle Erfahrung, wie und wann so etwas beim Publikum »ankäme«, das Pamphlet also offenbar von so geringem Wert sei, dass es nur der Sensation wegen einen Abdruck verdiene. In diesem Fall lege er auch keinen Wert auf Bezahlung.

Diane Hubbard wurde Samuel Rothman kirchlich und öffentlich angetraut in Dale Noomeys Baptistenkirche, die inzwischen von einem Interimspastor, einem sehr liberalen, auch ohne Dales extreme Baptistenideen, geleitet wurde. Es gab in der schon immer gut besuchten Kirche bei der nun berühmten Hochzeit einen gewaltigen Auflauf, dass einige sogar draußen vor der offenen Tür bleiben mussten. Wir alle waren über diese ja nun so erfreuliche Neuigkeit fast ebenso erstaunt wie über das andere Vorgefallene, das diesen traurigen Ruhm hervorgerufen hatte. Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch Dianes Eltern kennen. Soweit ich aus unserem kurzen Gespräch schließen konnte, schienen sie mir enttäuscht, dass ihre Superschönheit keinen stattlicheren Mann »abbekommen« habe. Sie schlossen aber wohl aus dem voraufgehenden Kummer ihrer Tochter, die sie ohne weiteres auf Sam bezogen, auf große Liebe zu ihm.

Zu seinem Staunen erbte der mittellose Sam Dale Noomeys großes und wertvolles Landhaus, sein Eigentümer hatte sich also nicht irremachen lassen, oder einfach keine Zeit mehr zur Testamentsänderung gehabt. Auf eben diese zweite Möglichkeit berief sich eine sehr lästige und sich in die Länge ziehende Privatgerichtsverhandlung, die ein gewisser Patrick Schroder anstrengte. Sein guter Freund Dale Noomey habe ihm das Haus versprochen, der sei seinerseits von den wilden Webbhausleuten abgestoßen gewesen und es sei gar kein Gedanke, dass das Haus nun rechtlich Sam Rothman gehöre, denn Sam und Dale seien auseinander, deswegen habe Dale sich ja mit ihm befreundet. Er beanspruche Liebhaber-Alimente, oder wie sich rechtlich diese Absurdität nennt. Inzwischen war ja durch das Geschehene Dales und auch Patricks sexuelle Ausrichtungen doch Media-Allgemeinwissen geworden. Es machte aber in unserer heutigen Welt nicht halb so viel Wirbel wie Dale zu seinen Lebzeiten wohl befürchtet hatte.

Ein solches Gesetz, Nur-Liebhabern, gar auch homosexuellen, die vollen Rechte eines legitimen Ehepartners zuzuerkennen, ist ja im »christlichen« Amerika schon ein abscheulicher Bruch von Gottes siebentem Gebot! Es zieht die Ehe als Einrichtung Gottes in den Schmutz, viel schlimmer als irgend ein Unzüchtiger im Privaten, der wenigstens aus Lust handelt. Man beachte auch Patricks gezielte Bosheit, Sam als »ehemaligen Liebhaber« des Pastors möglichst zu verunglimpfen, was freilich durch Sams überraschende – und sehr heterosexuelle – Heirat gerade zu diesem Zeitpunkt entkräftet wurde, sowie durch den Eindruck, den Sam auf alle, die ihn nun kennenlernten, ausübte.

Freilich verlor Patrick den Prozess endlich aus Mangel an Beweisen zum Gegenteiligen, aber auch Sam geriet in Verschuldung, weil in Amerika jeder stets auch beim Gewinnen des Prozesses für seinen Rechtsanwalt finanziell verantwortlich bleibt, vielleicht ein Grund für die hiesige Klagefreudigkeit der Anwälte.

Ich teile meine Mieter über die Jahre grob gesehen in drei Gruppen ein. Die zeitlich erste war eigentlich in gewissem, mehr oberflächlichem Sinne die hingegebenste oder eifrigste, was das Evangelium angeht, aber sie kamen damals nicht in diese so gründliche, ja, subtile Suche nach Wahrheit wie die zweite Gruppe, das ist die Mischa-Gruppe, die ich hier so ausführlich beschrieben habe, und damit auch nicht in so strikte Distanzierung zu dem, was die Durchschnittschristen um uns herum in ihrer langen Tradition zu ihren Glaubensinhalten gemacht hatten. Allerdings waren sie wohl in Dales Sinne auch strenger überwacht. Aus der ersten Gruppe sind allerdings die meisten Reichs-Gottes-Arbeiter hervorgegangen, die, oft unter radikaler Änderung ihrer Ausbildungspläne und manchmal zum Ärger der Eltern, sofern noch vorhanden, Geistliche oder Missionare geworden sind. Allerdings, so fällt mir nun beim Niederschreiben auf, war von gerade denen eine große Anzahl ganz ohne Familie und wesentlich ärmer als die der anderen beiden Gruppen, weswegen sie ja vornehmlich in mein billigeres Haus gezogen waren. Das mag ihre radikalen Entschlüsse erleichtert oder überhaupt erst ermöglicht haben. Fast meint man denken zu sollen, ihr Eifer und ihre Berufswechsel seien mehr der Furcht als der Freude am Evangelium entsprungen.

Die zweite Gruppe wurde zu dem, was sie dann war, offenbar hauptsächlich durch das Wirken Michails, dieses außergewöhnlichen Menschen, der eigentlich viel unbewusster und inoffizieller und ohne sich irgend etwas positiv anzukreiden oder gar Geld damit zu verdienen, als ein Missionar gewirkt hat. Das ging in seiner natürlichen Bescheidenheit ohne Aufwand und Zur-Schau-Stellen, nicht so wie in der ersten Gruppe in ihren späteren Berufen, die sich darin also von uns abhob und meist bezahlt und versorgt wurde von offiziellen Missionsvereinen oder Kirchen, wo Gemeinden im Gebet und für ihre pekuniären Nöte hinter ihnen standen. Aber die waren ja innerhalb der offiziell in Amerika anerkannten Linie und nicht Missionare wie Michail und Sam, die bewusst möglichst immer etwas Neues aus der Bibel verkünden.

Nun wird man mir vorhalten, dass ja Sam nachher mehr der eigentliche »Chefideologe«, wie sie’s von Michails Hintergrund her spaßhaft nannten, geworden sei. Ich antworte, dass eben Michail so bescheiden war, später auch nicht so reich und berühmt wie Sam wurde, auch gegen Ende der beschriebenen Zeit kaum so ins Rampenlicht geriet wie Sam, der in seinem Wesen, um an Michails Gedankengänge anzuknüpfen, von Natur aus viel mehr ›western‹ war als der Russe und typische Ostmensch Mischa. Und dass Sam ja von Michail bei uns eingeführt wurde und anders als Michail selber, der später auch in mein Haus gezogen ist, nie dort gewohnt hat.

Mischa wohnte, das will ich aus einer Art kaltschnäuzigem Humor nicht verheimlichen, in Dianes ehemaligem Zimmer!

Sam dagegen besaß mit seiner Frau ja nun etwas weitaus Besseres. Westmenschen haben einen anderen Umgang mit Geld, werden auch meistens reicher. Das erinnert an das Glück in der Liebe, das rätselhafte, bei den verschiedenen Charakteren, was nun allerdings die Westler nicht haben oder anders als die Ostler. Da ist dann doch »Tiefe« nötig. Man ist was Geld angeht, versucht, das auf ihr »Glück« zu schieben, aber es ist mehr eine andere Grundeinstellung, besonders mit der Eigenschaft, das Geld (oder in dem anderen Fall, die Liebe,) die einem etwa blühen, wahrzunehmen – und dann auch in Empfang! An solch einer hohen Empfänglichkeit und Feinfühligkeit liegt jeweils eine Menge. Russland als Nation, das doch mit Naturvorkommen so gesegnet ist, im Gegensatz zu anderen, so nehmen wir seit über hundert Jahren staunend wahr, wird einfach nicht reich, errang nicht einmal Wohlstand. Die Nation wurde wohl sehr mächtig in der Sowjetzeit, aber das Volk lebte eng, schmutzig, in Entbehrungen, und kam einfach nie auf den berühmten Grünen Zweig.

Der Hauptgrund für das Glück in der erotischen Liebe liegt aber wohl hauptsächlich an einer Nebenwirkung, einer kleinen Weichenstellung in des Christen Konstitution, offenbar nämlich, sich selber als nicht mehr wichtig zu nehmen und in allem, auch möglichen Partnern, auf Gott zu warten. Aber gerade in dieser Selbstvernichtsung ist doch der einfache Ostmensch manchmal so reich, nicht aber in erotischer Liebe.

Worauf achten und was suchen die Frauen an einem Mann? Charakter! Denn er soll ja der geistige Leiter der Familie und der Kinder werden. Das sage ich nicht aus Pessimismus oder um die Frauen zu bestätigen, sondern aus Wahrheitsliebe. Denn es gibt da Unterschiede. Denn was sucht er, mal genauso vereinfacht gefragt, an einer Frau? Kurven, körperlichen Bau, Sexiness! Denn sie soll ja gebären. Intelligente Frauen merken schnell, ob man dem aufs Korn Genommenem trauen kann, ob er wohl treu bleiben kann über Jahre hinaus, oder ob sein Schwerpunkt wirklich nur im Sex liegt. Aber sie soll verstehen, dass da wirklich Unterschiede bestehen, wobei die Männer viel schlechter abschneiden. Ich wiederhole, dass unserer Webbhaus-Einstellung nach Gleichheit aller Menschen ein humanistischer Unsinn ist.

Sam war, zum Zweck meiner Beweisführung hier, sozusagen ein geistliches Produkt Michails, denn wir sind ja nicht nur, was unsere Gene vorschreiben, sondern auch Produkte unserer Umwelt, besonders wie wir sie selbst uns wählen, so dass es ein Nehmen und Geben, ein reger geistlicher Austausch zwischen uns und allen solchen Freunden wird, ein eng verwobener Zopf, und es wird müßig, ja unmöglich, zu bestimmen, welch Einfluss dann noch original wessen war, oder was genetisch und was umweltbedingt. Solche Geistesverwandtschaft bleibt immer bestehen, selbst dann noch, sollten sich die einzelnen Individuen später völlig verschieden entwickeln.

Ich möchte das – man verstehe mich nicht falsch – mit Hitler und der Weimarer Republik vergleichen, ersterer durchaus das Produkt der letzteren, wenn auch deren Verfechter mir sofort empört vorhalten werden, wie diametral anders doch der Diktator sich von der humanitären und es allen recht machen wollenden Republik unterschieden hat. Gerade so, sage ich, in diesem Fall hat ein uneingestandener Mangel, eine tiefe Unzufriedenheit in der Republik zur allgemeinen und überwältigenden demokratischen Wahl dieses »Führers« geführt, der aber ohne sie und ihre Vorarbeit wiederum nicht denkbar geworden wäre, und der selbst in und auf der Republik aufbaute. Man stelle sich doch nur einmal die allgemeine politisch rechts gerichtete Anschauung in Deutschland (»Für Gott und Vaterland!«) und auch Europa in der Zeit vor jener Republik vor. Hätte da ein unausgebildeter Hilfsarbeiter, ein »Künstler«, den keine Schule annehmen wollte, ohne jeden sozialen Hintergrund, etwa des Adels, der Bildung oder wenigstens des Geldes, eine Chance als Regierungschef gehabt? Dazu mit einer merkwürdigen Weltanschauung, die bis heute von Vielen fälschlich als »rechts« politisch eingeordnet wird. Dazu war die unabdingliche Voraussetzung einmal die politische Verzweiflung der Deutschen zusammen mit der wiederum daraus resultierenden mehr demokratischen Denkweise als einem letzten Ausweg. Die »Weimarer« wurde der unerlässliche Kitt und Wegbereiter. Hitler wollte die Demokratie und den Kommunismus, die er korrekt als Brüder erkannte, umgehen und mit eigenen Waffen schlagen. Dazu benutzte er recht erfolgreich die demokratischen Einrichtungen ebenso wie die schwelende Frustration über das geschlagene Reich, das sich nicht einmal hatte entfalten dürfen. Das Stichwort »geschlagen« und »Frustration« bringt mich gleich zu meinen beinahe als politisch zu bezeichnenden Anliegen, von denen nachher noch ausführlicher die Rede sein soll.

Dazu aber doch hier ein Gedanke. England hat im Eigentlichen beide Weltkriege angefangen – immer als Kriege speziell gegen Deutschland. Warum?

Wegen »ihrer Kolonie« Amerika! Daher die große Ablehnung. Man versetze sich in eine englische Seele zur Zeit der Aufsässigkeit ihrer eigenen dortigen Kolonialisten. Die wollten nämlich – für England selbst so ganz uneinsehbar – in ihrem Bestreben, von England unabhängig zu werden, auf einmal Deutsch als Umgangssprache für die neue Nation einführen! Das hätten sie auch beinahe geschafft! Ja, wo kommen wir denn da hin? Deutschland, obwohl damals den Engländern doch in Treue und Bewunderung ergeben – ja also, dieses Land lag am Rande des Weltgeschehens, zählte doch gar nicht! Nun auf einmal Gefahr von da? Amerika deutsch? Damit hätten sie es endgültig verloren. Nun schalteten sie schnell, das muss ihnen der Neid lassen. Wie man die Demokratie mit eigenen Waffen schlägt, da hätte sogar noch Hitler dazulernen können. Der noch etwas improvisierte Kongress der sich gründenden USA würde mit nur einer Stimme in Führung liegen. Also schnell den einen dieser »Superdeutschen« vergiftet – er bekam plötzlich unbeherrschbaren Durchfall! – er konnte nicht zur Abstimmung erscheinen und fertig war das englisch sprechende Komplott! Das gibt man bis heute auch hier zu, wenn auch in der Heldenlegendenform, wie wichtig doch eine jede Stimme in der Demokratie sei! (Denn sonst hätten ja die nun inzwischen von England so verteufelten »bösen« Deutschen gewonnen! Also nicht etwa die doch so wertvolle Wahrheit; das geben sie ja indirekt und naiv, weil ohne es zu merken, selber zu.) Ich sagte schon vorher, das Ergebnis nur zählt; auf so ein höchstes Gut wie Wahrheit, oder soll ich’s lieber tiefe Seelengeheimnisse nennen? – verschwenden sie wenig Zeit und geben das noch stolz zu, ebenso die übers Ohr gehauene demokratische Abstimmung. Aber nun so ruckartig erweckt, wird der Jahrhunderte lange Hass und Neid auf die Deutschen als Konkurrenten, an die bis dato ja niemand gedacht hatte, verständlich.

Man denke an diese abscheulichen »Beatles« in den frühen Neunzehnhundert-Sechzigern! Als die berühmt wurden – und ich behaupte, sie wurden es eigentlich wieder durch diesen Mechanismus, ich nenne ihn mal Germa-mecha-nismus – waren sie gerade aus Hamburg gekommen. Da dachten ihre englischen Landsleute, sie seien Deutsche! Wie hergeholt! Woher sollten sie denn da so schön britisches Englisch können, also den Akzent beherrschen, nach dem in England bis heute die Leute nach Klasse beurteilt werden? Aber nun ist bis heute den »Hunnen«, – eben auch nach dem doch so gründlichen Zusammenschlagen, wo sie nur nach ein paar Jahren wieder vor England als zweitgrößte Handelsmacht dastanden – offenbar alles Glatte, Verblüffende, Erfolgreiche und Organisierte zuzutrauen. Daher die Abneigung – aus Angst! Und daher allein die plötzliche nationale Freude und Genugtuung, sprich der überraschende Erfolg ihrer »Kähfer«. (Beetle heißt Käfer, wird aber anders geschrieben.) Ja, Welterfolg, denn offenbar ist Albion noch immer führend in Überredung, besonders was USA angeht.

Diese zweite hier also näher beschriebene meiner Mietergruppen im Webbhaus lag mir besonders am Herzen, jedenfalls mehr als die dritte und letzte, nach welcher ich das Haus dann verkaufte. Ich war damals fasziniert über den »Geist« in dem Sinne verstanden, wie er eben eine Gruppe Menschen beherrscht und deren Allgemeingut wird, sich gar in gemeinsamen sprachlichen Absonderlichkeiten aller ausdrückt, wie damals unser »Substrat«, »Konstitution«, alles, was wir unter »amerikanisch« zusammenfassten, unsere Ablehnung des »freien Willens« und anderes. Wo kommt so ein Geist her? Wie breitet er sich aus, bis hin zu Radikalstem, oder auch zum Einschläferndem? Wie beherrscht so ein »Ideologe« die Gemüter? Wieso ist es über Jahre in den Gemütern so permanent? Oder, was wieder an Hitler und die Republik anknüpft, wie und unter welchen Bedingungen kann einer aus solcher Geistesgemeinschaft ausbrechen und so fürchterlich anders, aber dennoch traditionell werden, wie dann unser tragischer Jim?

Sei meine Eitelkeit in dieser Beziehung oder der Kampf dagegen nur frisch öffentlich gebeichtet! Es erstaunte mich die Änderung des allgemeinen Geistes in der ersten Gruppe, die so amerikanisch, das heißt oberflächlich, »eifrig« ihre Berufe wechselte und Missionar wurde. Nun kam, etwa kurz nach Hong Lees Abgang, die zweite Gruppe; und zu meinem noch größeren Staunen übernahm sie offenbar viel von der ersten und auch von dem, was ich für meine ureigensten Ideen gehalten hatte, und stellte sich damit wie ich selbst früher, so herausfordernd-schmerzlich in Widerspruch zur allgemeinen uns umgebenden amerikanischen »christlichen« Meinung. Es scheint aber, es gehe nicht ohne; Gott selber sortiert seine Menschen heraus aus der »Welt«. Wie geht das bloß? fragte ich mich, sollte es möglich sein, dass ich meine Gedanken eben auf diesem inoffiziellen, ja, mir selbst kaum bewusstem Wege in ihre Gemüter gepflanzt hatte?

Welch enormer Ausblick! Welch revolutionierende Idee für alle unsere Missionsarbeit! Der Schlüssel zum »Erfolg« (ich hasse dies Wort in diesem Zusammenhang!), wenn man Licht auf die Frage wirft, wie Gemüter beeinflusst werden, ja, ebenso für das gefährliche Geschäft der gesamten Massenbeeinflussung! Und eigentlich dann doch nicht volksverführerisch und gefährlich, weil es ja eben auf Grundfesten des Christentums und der Nächstenliebe zu beruhen scheint, wenn – und da mein Grübeln und Forschen – also wenn es sich wirklich so verhält, wie ich anzunehmen ein paar Jahre lang zu glauben geneigt war, das heißt, die mögliche Beeinflussung ist wirklich eine so gefährliche weil wirksame Waffe, weil wir alle so unfrei im Denken sind oder schlicht gesagt, dumm:

Also da ist einmal die »amerikanische« Methode: Alles wird genauestens vorgeschrieben und in strikter »Ordnung« gelehrt, die aber nicht durchgehalten wird und sonst unfrei und knechtisch ist und eigenes Nachdenken nicht nur nicht fördert, sondern wo möglich unterdrückt. Dazu wird also die Ordnung in allem, was nicht sichtbar an der Oberfläche ist, in kurzer Zeit im Kern und Sinn verschlampt und verunnusselt. So eine »Planwirtschaft« gab es in meiner Mission, in der ich meine Lucia kennenlernte, und auch noch entfernt und leiser in der ersten Webbhausgruppe.

Die andere Möglichkeit kam mir selber in der zweiten Gruppe ganz unerwartet, wenn auch wieder in Ansätzen in der ersten vorhanden: Man gibt scheinbar nebensächlich unterschwellige Anregungen und überlässt das Weitere ihrem Denken und Weiterverarbeiten. Dadurch wird das Ergebnis nicht so »ordentlich« und einheitlich, aber was für eine bessere Tiefe, erhungert und erdürstet und selbst gewachsen, die für das Christentum so notwendig wird! Es ist mir kein geringster Zweifel, dass nur diese zweite Art eine erfolgversprechende Mission sei, wo man nun von Gottes Geist und nicht von menschlicher Organisation getrieben wird! Freilich gehört zu dieser echten Mission immer ein gutes Stück Unvorhersehbares, »Glück«, wenn man will. Manchmal, wie nun durch Michail, fädelt sich anfangs alles schon zum Erfolg richtig ein, was man aber bei anderer Gelegenheit nie wiederholen oder reproduzieren kann.

Thomas Mann nennt eine solche Tiefe »östlich« und bezieht sie in Vielem auf Dostojewski – und das andere oberflächlich mehr Marionettenhafte »ordentliche« bezieht er auf den Westen, der zwar Ordnung habe, aber keine »Tiefe«! Denn wir haben doch eben hier schon viel zu viele, und in Europa auch schon zunehmend kleine Nachkäuer, die im Grunde nichts verstanden haben, und nur wie Papageien oder Tonbänder, auch im Pathos, der dann zu oberflächlichster Heuchelei wird, ihre Lehrer nachahmen. »Denn wie er sich räuspert und wie er spuckt, das hat man ihm glücklich abgekuckt«. Deutschland, die »Mitte«, wie uns Mischa gezeigt hat, soll nun als Krönung, aus seiner Eigenständigkeit heraus ganz in den Westen hineingezerrt werden!

Beruhte also darauf mein »Erfolg« bei der ersten Gruppe meiner Webbhäusler, oder der Michails und Sams in der zweiten, dass sie hin und wieder nur einen Gedanken fallenließen, den die Hörer dann in ihren Bibelstudien, Kreisen und besonders im eigenen privaten Beten in ihre ureigensten Gedanken aufnahmen und wie einen Berg, den man erklimmt, »weil er eben da ist«, zu Ende dachten? Ein Beispiel dafür wäre doch Bobs Pamphlet und die dahin führenden Gedanken, die man noch in der geschriebenen Form in ihren Ursprüngen wiedererkennt und identifizieren kann und ebenso die Wirkung in den Gemütern, die dann das Pamphlet auslöste. Und welch unvorhersehbare Änderung hat nicht das Pamphlet ausgelöst!

Da hatte Michail kurz fallen lassen, dass ein Christ nach Psalm eins bei Tag und bei Nacht über Gottes Wort meditiert, und genau das, und bei Nacht, hatte Bob, und daraufhin getan. »Erfolg« resultiert dann aber jeweils nur, wenn es sich danach für die »Subjekte« zu lohnen anfängt, wenn es oben auf dem erklommenen Berg irgend eine Art Belohnung gibt, also hier etwa, neuen, nicht geahnten Sinn und Verstand in Gottes Wort macht, also, um bei dem Bild zu bleiben, eine wunderbare Aussicht oben vom Berge auf die Welt ringsum, an unmittelbarer großer Freude zu erkennen, wie uns das Sam aus seiner eigenen Erfahrung ja testiert hat.

Ein Caveat freilich ist gleich anzufügen, und hier ist es wo meine Eitelkeit gefährlich ins Spiel kommt, dieser Mechanismus des Anregungen-Gebens funktioniert nur in einer Atmosphäre einer gewissen Autorität und gleichzeitigen Unschuld, Unabsicht des Handelnden! Es kommt uns offenbar allen sehr auf denjenigen an, den wir in welchem Sinne immer, zum Vorbild erkiesen oder erkoren haben. In diesem Falle könnte ich mir aber die nötige Autorität selber wohl gutschreiben, denn ich war der Ältere, schon in den Studien etabliert, zu welchen sie sich noch bemühten, und auch als christlicher Leiter und früherer Missionar in ihren Augen möglicherweise geeigneter war als etwa Dale Noomey, von dessen Schwierigkeiten in seinem Mietshause anfangs als Kontrast zu unserem ja genügend Information durchsickerte. Vielleicht war ich es sogar, geht mir jetzt kühnerweise durch den Kopf, der Noomeys Studentenhaus ein wenig umgemodelt hat – dann wohl von allen Beteiligten unbemerkt?

Dazu, und das lernte ich erst von der noch zu skizzierenden dritten Gruppe, hat ein »Landlord« in Amerika einen höheren Stellenwert als bei uns in Deutschland, wie auch ein »Nachbar« hier, wohl wegen der überwiegenden Einfamilienhäuser ein ganz anderer ist, als unser deutscher oder europäischer Mietwohnungsnachbar, dem man außer einem gemurmelten »Guten Morgen«, wenn man ihn auf der Treppe sieht, kaum eine gesellschaftliche Funktion einräumt.

Also, um das hier gleich einzuschieben, verhielt es sich mit der dritten und letzten Gruppe meiner Mieter folgendermaßen:

Sie kannten nur noch Boris Henckel aus der zweiten Gruppe, alle anderen waren weggezogen, auch Michail, aber Boris kam ihnen gegenüber nicht mehr aus sich heraus und hat dem äußeren Anschein nach wohl kaum von dem vorherigen Geist weitergegeben. Wie ich schon andeutete, war mir dieser Boris zunächst fast vollständig zum Symbol des heutigen Deutschen geworden, oder sagen wir es fairer, zu einem bestimmten Typ von ihnen. Wie sich das plötzlich gründlich änderte, will ich weiter unten noch in einem besonderen Absatz schildern.

Ich überließ die Sorge um das Webbhaus meiner Frau, zumal ich am Einrichten einer neuen Praxis in der nahen Kreisstadt war, wo ich mir einen größeren Patientenkreis und die Nähe von Fachkollegen und des Krankenhauses zum vorteilhafteren Überweisen sowie zur Zusammenarbeit als von Vorteil versprach. Da hatte ich nun von sehr früh bis spät zu tun, bis alles auf eigenen Füßen stünde, und hatte schon deswegen allein keine Zeit und Gelegenheit zur näheren Bekanntschaft der inzwischen all-neuen Mieter. Ich wäre aber nicht voll aufrichtig, wollte ich verschweigen, dass mir das eine willkommene Gelegenheit bot, zu experimentieren, wie weit es nun mit der Weitergabe des Geistes ohne mich in diesem Haus beschaffen sei, das so wunderbar eben eine solche Weitergabe gezeitigt hatte, doch mindestens bei den ersten, und, wie ich meinte, auch da eigentlich schon ohne Beeinflussung durch mich. Vielleicht kam auch etwas Feigheit ins Spiel, denn durch Jims Missetat fühlten wir alle uns mitschuldig. Es hatte sich ja bis jetzt durchgesetzt und auch bis zur letzten Gruppe gehalten, ohne jede geschriebene Regel oder irgendeinen Zwang, dass es ein christliches Haus sein und bleiben sollte. Dabei ist zu bemerken, dass den meisten neuen Mietern die Beteiligung meines Hauses an dem Mordfall nicht mehr bekannt war.

Wie kam es aber dennoch zu einer so schweigenden Übereinkunft? Lag es am Haus und irgendwelchen Einrichtungen darin? Lag es an den nur obenhin und nebenher gemachten Bemerkungen der Insassen untereinander, je flüchtiger und weniger davon, umso fruchtbarer? So fragte ich damals; inzwischen sind mir ein paar Zusammenhänge, die ich oben schon andeutete, klarer geworden.

Wer eine gute Kirche hat, der sei glücklich und danke Gott! Aber er erwarte nicht, dass sie ewig so bleibe! Ich bin seit der beschriebenen Zeit oft auf den nun billigen Flugreisen in die alte Heimat in alte Kirchen und Gemeinschaften gegangen, wo ich damals viel gelernt hatte und glücklich war. Ach, es ist ja keine geblieben, kaum der Name derselbe! Seit dem Katholizismus müssen wir umlernen. Das Eigentliche ist die persönliche Bekehrung und das Sammeln von geistlichen anwendbaren Wahrheiten, wo weder Motten, Diebe oder Rost verderben können. Die Kirche ist jeweils nur ein sekundärer und zeitlich immer begrenzter Zusammenschluss derer mit gleicher Gesinnung. Mehr ist eine Kirche nicht. Wie sollte das nun gar mit meinem Webbhaus anders gegangen sein?

Die nächste meiner Episoden im Webbhaus, schon Jahre nach Michails, Rudis und Bobs, auch Sonyas und natürlich Jims Verschwinden aus der Gegend, kam nämlich eines Februarabends spät – durch die Polizei! Ein Anruf zitierte mich mit Lucia an Ort und Stelle. Ebenso gerufen wurden Lupinskis, Karen, die Frau dieses Ehepaares eine frühere Mieterin von uns noch aus der ersten Gruppe, die nun als Geldanlage die Hälfte des Hauses gekauft hatten und also auch Mitvermieter und Landlords geworden waren.

Es sind als Mieter inzwischen eingezogen und dort sesshaft, mir aber bis dato völlig neu und nur Lucia bekannt:

Kenneth, ein vierzigjähriger alleinstehender Angestellter, ein »übertriebener« Christ, muss man leider sagen.

Marty, 18 Jahre alt, ein neubekehrter Christ aus unglücklichen Familienverhältnissen, noch bis kürzlich unter dem Einfluss illegaler Drogen, den Ken unter seine Fittiche nehmen zu müssen glaubt.

Will, den wir aber an diesem Abend nicht zu Gesicht kriegen. Er scheint sich gegen die beiden anderen schon länger vollständig isoliert zu haben, aus Gründen, die aber bald durchsichtig und leider sehr verständlich werden.

Denn die Polizei ruft uns wegen eines Falles von Körperverletzung in unserem gemeinsamen Mietshause! Auch diesen neuen Beamten scheint die Arbeit der Kriminalpolizei der Kreisstadt damals in diesem Hause nicht mehr bekannt. Marty hat seinen Nachbarn und »Beschützer« und sich selbst ernannten Leiter blutig geschlagen!

Als wir beim Haus eintreffen, ist der eine der Polizisten noch daran, Kens Schramme, die sein Brillenbügel durch den Schlag ihm neben dem rechten Auge zugefügt hat, aber im Ganzen unwesentlich ist, vom Bluten zu stillen. Dazu sprechen beide Polizisten in einer vorwurfsvollen, beinahe ungebührlichen Manier gegen unsere Mieter, besonders Ken, die aber bald ihre Aufklärung, um nicht zu sagen, Berechtigung, erfährt.

Ken unter seinem Gazebausch begrüßt mich überhöflich, wortgewandt, und drückt sein Bedauern über den Vorfall, der mich so spät noch störe, aus. Aber, das wüßte ich ja als Arzt selber besser, manchmal werde die pflichtbewusste Ausübung einer gerechten Aufgabe durch Bosheit und Unreife vereitelt. Er erkundigt sich darauf bei dem nähertretenden zweiten Polizisten, dem offenbar dienstälteren und ranghöheren, was er nun weiter wegen dieser Körperverletzung zu unternehmen habe. Er erhält zur Antwort:

»Sie können natürlich Ihren Hausgenossen verklagen – wenn Ihnen das nicht selbst zu albern ist! Aber ich kann Ihnen garantieren, dass man Sie als erwachsenen Menschen bei Gericht, falls es so weit kommt, auslachen wird!«

Ich erkundige mich nun, was eigentlich vorgefallen sei, nach dem Hergang sowie dem vorausgehenden Grunde. Ich gebe es hier stark verkürzt wieder, denn es verschlang eine enorme Zeit, aus den erhitzten Gemütern den Sachverhalt zu eruieren. Die Lupinskis verhalten sich übrigens fast die ganze Zeit ganz unbeteiligt, aber strahlen noch wohl als Überbleibsel aus alter besserer Webbhauszeit, freundliches Einverständnis jedenfalls zu uns Öhrleins aus. Karen bestätigt mir, als wir allein auf der Straße spät nachts wieder unsere Autos besteigen, dass sie dankbar sei, dass ich alles über das Evangelium so folgerichtig vorgetragen habe. Es sei ihr selber manches neu aufgegangen. Das ist mir wieder so ein Beispiel indirekter Geistesweitergabe, die soviel erfolgreicher sein kann, und wieder an dem alten Ort. So gesehen, empfinde ich die Nacht durchaus nicht als vertan.

Marty verhält sich während der ganzen Abhandlung unauffällig still und bescheiden, wie aus Schuldbewusstsein, ganz im Gegensatz zum Ton und Gebaren Kens. Die Konversation wird hauptsächlich durch mich und Ken bestritten und Lucia, die hier und da ergänzt oder richtigstellt.

Marty habe die Hausordnung gröblich verletzt, deren Einverständnis er selbst doch durch Unterschrift bestätigt habe, ereifert sich Ken jetzt. Diese »Hausordnung« – ich erhalte sie nun, die an der Wand hängt, auf meine Bitte ausgehändigt, als wir im alten und so vertrauten Wohnzimmer Platz genommen haben – hat Ken ganz aus sich selber entworfen, nicht einmal uns Landlords davon unterrichtet – und den anderen als verbindlich zur Unterschrift vorgelegt! Sie haben auch alle, wohl weil sie es als Neuankömmlinge nicht besser wussten, arglos unterschrieben. Ich will jetzt hier aber nicht abschweifen zu gewissen Parallelen in der Demokratie.

Marty sei an diesem Abend früher nach Hause gekommen, habe sich in der Küche eine Büchse warmgemacht, und dann, zu seinem Abendbrot, im Wohnzimmer das Radio zu irgendwelcher sanften Musik eingeschaltet. Ken sei später dazugekommen.

Ich glaube, der Leser kann sich auch ohne weiteres Abschweifen meine Emotionen vorstellen, und was mir wohl über berechtigte und erlogene Autorität, auch zum Vergleich im Großen, etwa den Weltkriegen, über »Freiheit« allgemein in diesem Moment durch den Kopf geht!

Die Hausordnung also erscheint mir nach kurzer Betrachtung, als ich durchaus schon nicht mehr unvoreingenommen bin, als eine christliche Diktatur! Da Gott »ein Gott der Ordnung« sei, heißt es also da als Einleitung, müsse eine solche auch in diesem Hause herrschen. (Aber wohlgemerkt – das steht aber nicht in dieser Hausordnung! – nicht Gottes der Liebe, Freude und Entspannung, sondern menschliche, qualvolle, dazu durchaus nicht vielstimmig gewählte Ordnung, sondern Kens – in diesem Punkt liegt der ganze Hase im Pfeffer!) Vom gemeinsamen Radio im Wohnzimmer dürfe nur noch »christliche Musik« gehört werden (was immer das sei! Bach hat zur gleichen Melodie, was man damals ein Plagiat nannte, nicht nur die sehr unchristliche Jagdkantate auf die »Göttin« Diana geschrieben, sondern auch Teile seines Weihnachtsoratoriums.) Wer sich vergehe, etwa gar ein ungebührliches Wort gebrauche, habe einen bestimmten abgestuften Betrag in eine Kasse zu zahlen, was dann den Armen zugute käme.

An diesem Punkt angelangt, fühle ich selber ein gewisses Verlangen, auch teuer gegen diese »Hausordnung« zu verstoßen!

Hat Gott eigentlich Humor? Ich meine ja, schon allein, wenn Er Pontius Pilatus, den fernen Heiden, richtig entscheiden lässt gegen all die so gründlich Gottesgeschulten Juden!

Und ist dies nicht komisch?

Bestünde für uns noch das Alte Testament, dann wäre es doch menschlich verständlicher, wenn jemand Gott an den Nagel hinge um seine persönliche Freiheit zu erhalten. Aber nun geht es gerade anders herum: »Wen der Sohn frei macht, der ist wirklich frei!« Wohl gemerkt, der Sohn! Wir sind im Neuen Testament, wo nun die menschliche Anstrengung nicht mehr gilt, sondern der mehrmals angedeutete Weg Seiner Gnade und Liebe allein. Aber statt Dankbarkeit und Freude wählen also viele »Christen« hier lieber Unfreiheit und Qual, selbst dann, wenn ausdrücklich hingewiesen wird:

Niemand kommt zum Vater als durch Mich!

Aber zurück ins Webbhaus.

Die »lästige Pflicht des Abwaschens« werde reihum verteilt und müsse ohne Mucken und jeweils sofort auszuführen sein! Ich vergleiche das in Gedanken sofort mit »unseren« meist gemeinsamen Abwäschen dort, früher. Was waren die ganz ohne solchen Zwang, mit gemeinsamem Stehgreifsingen, eine fröhliche Party dagegen! Weiter ging es über die Pflege des Gartens (das Schwimmbad ist schon lange abgebaut und zugeschüttet worden), die Nutzung der Parkplätze auf dem Grundstück und viele andere, normalerweise selbstverständlicher kleiner Hausprobleme. Das ganze Dokument, ehe es überhaupt einen Satz vollendet, ist schon völlig schief, strahlt eine Stimmung von Hass und feindlicher Atmosphäre und lästigen Pflichten aus, die in Selbstdisziplin zu unterdrücken und zu »besiegen« seien. Der Verfasser scheint darüber gleichzeitig verzweifelt und stolz zu sein! Außerdem sagt man wohl nicht zuviel, wenn man es in seiner Naivität und gleichzeitigen eigenen Machtanspruches »zum Guten« mit Woodrow Wilsons Bemühungen nach dem Ersten Weltkrieg vergleicht.

Alle Einwohner, so kommt dann auch heraus, leben schon seit Monaten in Spinnefeindschaft untereinander. Ich habe uns nun diese Zeit genommen und gehe der Sache aus Interesse durchaus auf den Grund. Ken habe anfangs auf die anderen in mündlichen christlichen Ermahnungen eingewirkt, aber weil sie »ihre Herzen zur Sünde verhärteten«, habe da bald nichts anderes geholfen, als es ihnen schriftlich zukommen zu lassen. Auf mein Verlangen geht auch Ken nach oben, und dann sofort auch Marty, und holen mir eine Anzahl solcher, meist unter die jeweilige Tür geschobener Notizen und ähnliche jeweilige Antworten herunter. Alle sind, wenn nicht schlicht lächerlich, in ihrer Wut und ihrem Ärger eigenartige, allgemein ernst zu nehmende Zeugnisse menschlichen Fehlverhaltens. Alle Briefchen, offenbar wütend zerknüllt und nun wieder geglättet, enden mit Phrasen wie »in His Love« oder »Your loving brother«. Und nun hatten sich also die »liebenden Brüder« »in der Liebe Gottes« gegenseitig die Mäuler eingeschlagen!

Wie weit kann Heuchelei gehen ohne dass der Sprecher oder Schreiber es bemerkt! Wie fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Wie hatten wir uns im Webbhaus damals in der goldenen Zeit alle nach außen isoliert! Wie hatten wir wohl kritisch Dales Haus im Auge behalten, aber quasi gemeint, dieser »christlichen« Atmosphäre ein für allemal entronnen zu sein, ebenso wie man damals glaubte, der Irrsinn etwa eines Ersten Weltkrieges könne nicht mehr wiederkommen, weil er doch eben als solcher Irrtum und Widersinn allen Beteiligten offenbar geworden sei. Aber es hatte sich ja am »Substrat« der Beteiligten nichts verbessert, ähnlich wie bei unserem Gruppengespräch über theoretische Todesstrafkandidaten.

Dabei lief Dales Haus damals wesentlich besser als nun meines, das ich so vernachlässigt habe, weil er als Eigentümer wenigstens von Anfang an ein verbrieftes Recht und daher eine Autorität besaß, etwa Hausordnungen aufzustellen. Aber es hatte sich ja an den allgemeinen amerikanischen Kirchen und Einstellungen, der gesetzlichen Bibelauffassung und der Überzeugung, sich selbst durch Gutestun erlösen zu können durch alle Klassen und Stände, nichts geändert! Und der zweite Weltkrieg »brach« nicht »aus«, sondern wurde durch dieselben, immernoch bestehenden Triebe und Frustrationen derselben Völker, die nie bereinigt, eben so lange bestehen und gar über Generationen gehen, wie der erste, ausgelöst.

Übrigens rief ich noch in dieser Nacht, als wir weit nach Mitternacht wieder zu Hause waren, meinen alten Mieter Boris Henckel, der inzwischen ausgezogen war, in Deutschland telefonisch an. Das Gespräch wurde kurz, weil Boris um halb neun mitteleuropäischer Zeit, ich bin nach Mischa versucht, »Helmstädter Weltzeit« zu sagen, bei seiner Arbeitsstelle sein musste. Ich musste also um 2.15 Uhr auflegen. Nach kurzer Schilderung der Geschehnisse im neubesetzten Webbhaus heute nacht kam ich auf den Inhalt des ersten Gesprächs mit Boris auf der kalten Terrasse zu sprechen. Es schien, er hat verstanden und gab mir nun recht, dass das damalige »Palavern« einen christlichen Zweck und großen Wert gehabt habe, konnte gar den neuen Geist im Webbhaus, das ist deren Konstitution, die ich ihm schilderte, in seinem geliebten Amerika, nicht fassen.

Noch etwas Wesentliches lernte ich in dieser Nacht, das mit der eigenen Autorität. Seit ich meine neue Praxis hatte, so schien mir, hatte sich mein Ansehen wie über Nacht gewandelt und gebessert. Ich war in Amerika oft beruflich gedemütigt worden, hatte meine Lizenz-Examina nur mit Mühe und nach wiederholten Versuchen bestanden, war ein kleiner Landarzt und erwartete auch nicht mehr vom Leben, als meine Ruhe und nur Aufgaben, die auch ich bewältigen könnte. Nun in der mir neuen Stadtatmosphäre galt ich plötzlich als jemand, als erfahrener Praktiker, auf dessen Rat man hört, als sollte sich der alte Europäertraum, »es« nun im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten noch »zu machen«, auf die alten Tage doch noch verwirklichen. Vielleicht lag es im oberflächlichen Amerika an meinem nun fast ganz weiß gewordenen Haar! Ebenso schien sich auf einmal auch im christlichen Bereich etwas zu ändern, wo ich in diesem Lande auch immer nur ein Nichts gewesen bin. Ein etwa 1985 von mir englisch geschriebenes Evangeliumsbuch »All the Bees Will Follow«, zum Beispiel, in dem ich meine »verqueren« und unerhörten Ideen zum erstenmal überdacht und geordnet aufgezeichnet hatte, fand damals auch nach langem und gründlichem Bewerben keinen interessierten Verlag. Nun, seit dem beschriebenen Webbhauskreis schien mir auch darin sich eine Besserung abzuzeichnen.

Nun will ich aber, wie versprochen, meine Gedanken über Boris und meine eigene daraus resultierende »Bekehrung« hier einschieben.

Es fing damit an, dass ich bald nach dem geschilderten Gespräch auf der Veranda – wie soll ich das Ding übrigens nennen? Wir sagen hier auch auf deutsch immer Porch (»Portsch«) dazu. – also anfing, die Notwendigkeit zu sehen, mich für meine Arroganz bei Boris zu entschuldigen und es mir schwerfiel. Er selbst staunte wohl am meisten darüber. Es muss ihn tiefer beeindruckt haben als alles was ich auf der Porch gesagt hatte, denn er wurde von da ein anderer zu mir, rauchte nicht mehr, sprach auch nun fast ausschließlich deutsch mit mir persönlich. Ich hatte meinen Mieter nun angefangen ernster zu nehmen, weil ich nun genötigt war, die Dinge aus seiner Perspektive zu sehen. Und wie, auch gegen den Papst, postuliert, soll ein Christ mit jedem Frieden machen, auch dem, der eine andere Anschauung über wichtige Dinge hat.

Also kurz: Meine Einstellung zu den Engländern! Gut, ich bin noch unter Hitler geboren, als Kind einer Familie mit Nazisympathien. Gut, ich musste im völlig zertrümmerten Nachkriegsberlin durch Ruinen oder dicht daran vorbei zur Schule stiefelnd, die deutsche Demütigung beinahe fünfzig Jahre hautnah und direkt durchkosten. (Gerade genau der richtige Jahrgang dafür! Später geboren, wäre ich ja ein ganz anderer geworden, wie meine Deutschen der Gruppe »B«. Und früher? Wohl ebenso, wie meine Nazi-Eltern! Dazu hätte ich ja dann, aus natürlichen biologischen Gründen, den Abschluss des ganzen Dramas verpasst.)

Also weiter mit Boris oder den Engländern: Gut, die Engländer haben durch Lüge und Verzerrung überall auch meine Schulen zur Geschichtsverzerrung gezwungen. Aber es fiel mir doch dagegen ganz leicht, meine Beziehung zu den Juden zu normalisieren, jüdische gute Freunde zu finden und gar eine jüdische Christin zu ehelichen – ganz zum Ärger meiner da noch lebenden Eltern, weil die Juden eben wirklich soviel Unrecht und durch uns! – erlitten hatten aber beschämend ehrlich sind! Etwa nur in ihren berühmten Witzen, wo sie’s gerade darauf anzulegen scheinen, was sie so sympathisch macht, sich selbst jeweils als den Dummen oder Schuldigen hinzustellen. Das könnten die stolzen Briten wohl nicht so charmant – oder die darin unglaublich kluntigen Deutschen!.

Aber ich verfiel darauf, gerade die Haltung der Juden zu einer Brücke für die Vergebung an den Engländern zu machen, genauer, Sam Rothmans Bekehrung zu seinem Retter und Erlöser – wie wörtlich bei Ihm! – seinem Jeschua. Da hat er doch den Deutschen vergeben, und zwar gründlich und aus dem Gefühl, nicht aus angestrengtem »gutem Willen«. Nun könnte man einhaken und herausstellen, dass er ja selber im Fremdsprachlichen Institut zu Mischa gesagt hatte, dass die Deutschen die dazu nötige Buße getan hatten.

Dem halte ich zwei Dinge entgegen:

Erstens, die erzwungene »Wiedergutmachung« an den Juden in Nachkriegsdeutschland, die ich ja in meinem Elternhause miterlebte, wenn angewidert am Freitag Abend die Musik zum Sabbat, die mir übrigens gut gefiel, im Radio ostentativ abgestellt wurde, und die ganze Haltung eben so war, dass die miesen Schieber und Fieslinge nun »wieder oben« seien und das ganze aufgebaute Werk des Führers absichtlich hintertrieben. Ja, da herrschte auch in meiner Gymnasialklasse noch kaum verhohlener Antisemitismus. Hätte Sam also nur gewollt, er hätte auch Brennstoff genug für fortgesetzten Hass gegen die Deutschen gefunden. Das ist, was wir im Webbhaus die geistige, echte »Konstitution« nannten im Gegensatz zu der erzwungenen, offiziellen, auf dem Papier – oder, als gutes Beispiel, auch gegen die Juden zur Zeit meiner Eltern, als Gegenteil der offiziell erzwungenen, die wir dagegen auch »constitution« schrieben.

Zweitens, sage ich, ist ganz anders als bei den Nachkriegsdeutschen, von öffentlicher Buße in England noch nicht die Rede, aber zum Unterschied von Mischas Engländer, der fragte, welches Volk der Erde wohl reifer sei, trifft man mehr und mehr Engländer auf Reisen oder liest Bücher oder Magazinaufsätze, wo ein Brite selber etwa über die »britische Arroganz«, die Tatsache des Missbrauchs der Lusitania, oder die Rachjustiz in Nürnberg spricht. (Zu »Nürnberg« haben sie sich allerdings noch nicht durchringen können. Dieses »Nurembög« für diese altdeutsche ehrwürdige Stadt klingt mir widerlich in meinem Öhrlein! Ich fing daher an, selber auch Pjotrograd und etwa Milano oder Venezia zu sagen, lernte dann aber, dass nur unter Lenin die russische Stadt, bevor sie dann Leningrad wurde, für 24 Jahre so hieß, und nun doch, höre und staune, jetzt auch bei den Russen selber, wieder wie vor Lenin: »St.Petersburg«.) Hätten das wohl auch die Westmächte gekonnt?! Das ist mir eine Begebenheit, die unerwartet Licht auf die russische »Konstitution« wirft. Das ist doch, als würden wir mit einemal öffentlich »Mjunik« zu unserer Stadt sagen, in der Sprache unserer Feinde! Mischa hatte wohl recht, dass der Hass auf die aggressiven Deutschen auch schon damals trotz allem wohl sehr gering war.

Und mit Hass im Herzen, gar gegen ein ganzes Volk, kann doch kein Christ leben! Erst kommt zu einer Bekehrung eine klare verstandesmäßige Einsicht, dass man ein Sünder sei und so nicht weitermachen könne. Dazu sage ich mir ganz praktisch, dass mit einer solchen Ablehnung Englands in Europa auch keine Zukunft zu gestalten sei, und dass wir eben selber, wenn’s hart auf hart käme, ihnen vormachen müssten, wie man einem Volk vergibt, leben wir selbst doch wieder in äußerem Glück und Frieden eben von solcher Vergebung aller, die wir damals so stolz und arrogant geschädigt haben. Aber meine praktische Erfahrung mit Einzelmenschen zeigt mir ganz deutlich, wenn wir alle so den Briten vergeben hätten, dass man, wenn ehrlich, nicht lange zu warten braucht. Die Briten, als ein christliches Kulturvolk, würden sich wie durch Gandhis Wirken beeilen, ja überstürzen, uns unsere Liebe heimzuzahlen!

Und noch ein Gedanke, der mir später kam! Die Deutschen haben als Nation noch kaum jemandem Gutes getan! Hier wäre unser Reichtum von Nutzen, was sag ich, wäre gar geschäftlich – und emotionell – eine ungeheure Investition! »Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!« Wie, wenn wir den Russen ohne einen Preis zu verlangen, eine moderne Fabrik bauten und einrichteten, die Tausende bisher arbeitsloser Russen einstellt? Wie, wenn wir den Ungarn ohne jeden Eigengewinn (zunächst, aber ohne je darauf zu spekulieren!) ihre Ostgebiete wiedererlangen hülfen? Das wäre uns Deutschen vielleicht gerade dann, wenn wir einen guten Draht nach Moskau aufgebaut hätten, am leichtesten möglich? Den Ungarn, die doch kurz vor der Wende mit Risiko so viel für uns getan haben. Wie, wenn wir nicht nur den verarmten Ländern ihre Schulden erließen, sondern hingingen und ohne Bereicherungsgelüste anpackten und aufbauen hülfen, eine Art neue Kolonie mit ganz anderem Geist, oder auch ein Peace Corps. Was die Kosten angeht, behaupte, ja sage ich voraus, dass wir in diesem neuen Geiste der Sympathie auch pekuniär reicher als mit einer Bezahlung würden. Und Freunde braucht Deutschland in der Welt ganz nötig. Hatte nicht auch der plötzliche Wirtschaftswunder-Reichtum vielleicht mit den Wiedergutmach-Zahlungen nach Israel zu tun?

* * * * *

Hier nun ein noch späterer aber wichtiger Einsatz!

Es ist mir unter Gottes Führung die Idee gekommen, dass meine Einstellung zu England nicht durch gesetzliche Güte und eigenes Bemühen und »Vergeben« im Schweiße verdient werden könne, sondern leichter und selbstverständlicher durch neue Erkenntnisse aus der Bibel.

Nun gut, der erste Weltkrieg, von dem alles Folgende abhing, wurde durch die Engländer angefangen, die sich durch den Bau einer deutschen Flotte »bedroht« fühlten. Das geben sie selber ganz unschuldig als den Kriegsgrund an. Ich fragte in meinem Grimm, wer da wohl selber die erste große Flotte und zu wessen Bedrohung – andersherum – gebaut habe? Und dass man doch niemanden kriegerisch angreifen könne, allein, weil er es mit mir ebenso hätte tun können, wofür aber [noch] gar keine Wahrscheinlichkeit besteht. Dann hätte ja Deutschland mit gleichem, ja, besserem, Recht aus dem Blauen England angreifen müssen, denn sie waren die kriegslüsternen Spitzbuben, siehe nur ihre Weltkriege. Zunächst also scheint es doch eine bodenlose Unverschämtheit, einfach eine Nation kriegerisch anzugreifen, weil sie sich aufrüstet, die nur ein paar Jahrzehnte später von jetzt auch Usa wohl schmerzlich wird einsehen müssen.

Hier musste ich in meine Gedanken einhaken. Was mir so selbstverständlich erschien, nämlich, dass alle Nationen gleich und in sich souverän seien und sich doch jede auch an Waffen bauen dürfe, was sie wolle – dieser doch einfache Gedanke kam den Engländern und auch Amerikanern nie! Oder, viel schlimmer, er kam ihnen wohl und deutlich, sie missachteten ihn aber, um nicht nach ihrem eigenen pharisäischen humanistischen Gerede gezwungen zu sein, sich nun gegen solche Völker auch fair zu benehmen, etwa als »Gleicher gegen Gleiche«!

Also müssen wir uns gründlich und ohne Zorn und Eifer in ihre Seelen hineinversetzen. Es ist ja nicht zu leugnen, dass es dem kleinen England in den letzten Hunderten von Jahren (aber vor dem letzten Weltkrieg) in allem viel besser als den Deutschen gegangen ist. Kommt also da mein Hass aus Neid? Oder soll ich mich fragen, was hat Gott damit vor? Und die Beständigkeit! Soll nicht das Volk der Reformation, das seinen Gott so schäbig verlassen hat, hier eine Lektion erhalten?

Man vergleiche einmal das kleine England mit dem gewaltigen Russland! Beide sind Völker mit einem starken Schuss deutschem und Vikingerblut, aber auch in anderem ähnlich. Beide sind der Tradition nach Christen. Aber dann - wie verschieden! Das »gewaltige« Russland ist arm und war immer arm. »Die Russen können sich nicht selbst verwalten«, schimpft ihr eigener Dostojewski. Aber er erkennt ihnen, gar nicht zum Protzen sondern mehr verschämt, eine große Bescheidenheit und Kleinheit des jeweils eigenen Ego zu.

Und ausgerechnet die ist ja nun wohl gerade in England nicht vorhanden?

Also was treibt die Engländer? Diese ganze Haltung mit der noch unschuldigen Miene, sich mit der Unverschämtheit gar zu entschuldigen, ganz das Gegenteil zu der großen Bescheidenheit Dostojewskis, kann nur, so scheint mir, aus einer ganz bestimmten Konstitution stammen. Und die ist, dass der »Große« Albion eben mit nichts zu vergleichen sei, sie seien die Gutestuer und Gerechten der Erde, die mit dem Richteramt betraut seien, wohlbewaffnet auf alle Nationen ein richterliches Auge zu haben. Genau das habe ich bis hierher so abgekanzelt und gehasst und mit der Haltung meines Mieters Ken verglichen.

Aber nun kommt’s:

Ich habe weiter oben angedeutet, dass zum Christsein eine Stellung und Bewusstsein des Auserwähltseins gehöre, aus welchem »stolzen« Wissen erst alle Früchte des Geistes wie Liebe, Freude und Vergebung möglich werden, was bei Vielen anderen allerdings dann ebenso einen Hass gegen solche Christen erzeugen kann. Wenn wirklich ernsthaft alles vergeben ist – von Gott! – dann ist ein solcher Mensch schon im Himmelreich, was ja hier auf der Erde anfängt. Er ist eine neue Kreatur. Daraus wird verständlich, dass er sich selbst vergibt und für heilig hält – und ebenso seinem Nächsten vergeben kann.

Wie nun, wenn dies die Engländer aus dem Wirken Calvins in ihrem Lande übernommen hätten – denn erst seit dann geht es ihnen ja so gut? Es scheint ein Naturgesetz: Du bekommst so viel Ehre von der Umwelt, wie du gerecht dir selbst zugemessen hast! Es ist nur eine Bedingung dabei, es muss alles ehrlich sein, Angeben und mehr Sein als Scheinen gilt nicht! Ich habe schon erwähnt, dass es in der erotischen Liebe genauso funktioniert. Und Paulus ermuntert uns wiederholt, uns solche Ehre von Gott zu holen, denn wir seien nun die Auserwählten.

Die Briten sind aber auch nicht perfekt. Was wir da sehen, sind nur die Ruinen eines einstmals blühenden Gottesglaubens, wie bei allen anderen vormals christlichen Nationen. Nur was nun langsam mehr und mehr Chuzpe und Vermessenheit wird, ist geblieben. Aber Gott von Seiner Seite ist getreu und bricht Sein Versprechen nicht!

Allerdings müssen wir doch auch fürchten, dass es nach Gottes Uhr und ihrem Glauben ganz gerecht einmal damit vorbei sein werde. Dann wehe den armen und inzwischen ja ganz entwöhnten Engländern! Ich fürchte, sie werden dann als Nation vergehen, ebenso wie ich glaube, die Usa würden als Nation eine solche Konterrevolution wie die in Russland 1989, mit Verlust ihrer Konstitution und Weltmachtstellung, nicht überleben, denn damit müsste ja die ganze Westpolarisierung verschwinden. Weh über ein solches Erwachen! Und hier nun liegt unsere, der Christen, Aufgabe an Britannien.

Nicht wahr, so ein Nebengedanke lässt uns schon England als was ich einmal »niedlich« nannte, sehen? Also, was muss da noch an Hass und Angst vor ihnen in uns schlummern! Die Lösung liegt bei Gott; sie sind dann nicht mehr zu fürchten, man muss ihnen vergeben, denn sie waren blind in ihren Sünden. Was wird einmal in ihnen vorgehen müssen, im Vergleich zu Deutschlands Erwachen aus seinen Sünden, wenn sie die noch frische Weltgeschichte beider Völker mit meinen Augen sehen – vorausgesetzt, ich habe auch nur ein wenig recht darin!

Nun, Deutschland kann sich freuen! Wir liegen genau in der Mitte zwischen beiden Lagern des europäischen und amerikanischen Angelsaxonia und haben von beiden noch so viel gemeinsam, dass wir sie, vielleicht als einzige, auch diagnostizieren und vielleicht verstehen könnten.

Auch eine Konterrevolution würden wir ja, an Unruhe und Regierungsänderungen seit etwa 1860 gewöhnt, doch gut überstehen. Was wollt ihr denn? Dass wir so mächtig und erfolgreich wie die Angelsachsen werden – oder Erkenntnis von Gott? Gehen wir nicht in die Oper, das Theater oder zu einem guten Film? Dort werden wir selbst die auftretenden Helden. Denen geht’s gar nicht immer gut, da kracht und knallt es, wird unterdrückt, betrogen, gekämpft und gemordet! Wir heulen in den Rängen unsere Taschentücher voll. Und gehen doch wieder hin! Aber ich habe den Zusammenbruch am Ende des zweiten Weltkrieges durchlebt. Welch ein Kontrast zu Kollegen und anderen etwa gleichalterigen Amerikanern! Aber ich möchte nicht tauschen! Der Weisheit wegen, auch wenn sie manchmal nur spärlich tröpfelt!

»Aber wenn du selber umgekommen wärest?!« hohnlächelst du? Nun, was dann? Ich lebe und sterbe in Gott, was kann mir passieren?

Dies war ein späterer Einsatz! Man wundere sich nicht, wenn ich nun, zurückkehrend zu meinem Webbhaus und zum früher geschriebenen Text, scheinbar wieder im alten Geist schreibe!

Sollte vielleicht wirklich der neue Geist im Webbhause mir selbst so befreiend geholfen haben? Ich, der ich gar keine Führung unternommen und auch gar nichts erwartet hatte? Einfach weil ich ausgeruhter und unverkrampfter an die Dinge ging, und weil ich gewaltigen Auftrieb aus der Tatsache erhalten hatte, dass nicht alle »Christen« der Welt so gesetzlich seien?

Hatte ich vielleicht, während ich nur aus eigenem Interesse verlockt, meine Nase ins Webbhaus gesteckt hatte, ohne jede Erzieherverantwortung oder missionarische Absicht, unschuldig wie ein Kind, wirkliche tief geliebte Freunde gefunden, während ich selbst von alledem nichts ahnte? Und dadurch wäre mein ganzes Wesen, wie durch einen erholsamen Traum, einen märchenhaften Urlaub, wo man einmal von sich selbst entspannt, von oben her, nämlich durch Freude und Liebe statt »Disziplin« und »selbsteigene Pein«, wie es Paul Gerhardt schon vor über dreihundert Jahren so richtig bezeichnet hat, so verändert worden, dass ich nun friedlicher und liebevoller zu all meiner Umwelt geworden sei?

* * * * *

Im Webbhaus an diesem Abend habe nun Ken dem Jüngeren, seinem selbstgemachten Schützling, angefangen, Vorwürfe wegen der verletzten Hausordnung zu machen, sei an das Radio getreten, um es nun gewaltsam abzustellen, dabei habe sich Marty schützend davorgestellt, sei von Ken etwas hart zur Seite geschoben worden, und darauf habe der Jüngere, ganz animalisch wie ein Tier, das seinen letzten Schutzraum verletzt sieht, zugeschlagen.

Der Rest des Abends wird in meinem Versuch zugebracht, diesem armen vom Weg abgeirrten Ken das Evangelium zu predigen. Oder klingt das wohl zu arrogant?

Ich weiß, wie Dale, hört er nicht. Aber ich nutze bewusst die Situation seiner Abhängigkeit aus, um mit so etwas, schon lange ein sehnlicher Traum von mir, Erfahrungen zu sammeln. Man sollte meinen, das sei bei den offensichtlichen und zugegebenen Tatsachen eine einfache Aufgabe gewesen. Aber es ist wirklich wie im Ersten Weltkrieg. Während die Tatsachen ziemlich genau übereinstimmend von allen Beteiligten zugegeben werden, ist eine Einigkeit über die Bedeutung dieser Bestände nicht einzuholen. Ken, die Güte und christliche Gerechtigkeit in Person, habe doch recht und gerecht gehandelt, als er selbstlos die so nötige Pflicht, für Ordnung und Christentum zu sorgen, auf sich genommen, und erwartet nun, dass eine höhere Autorität, also wir Wirte, wenn schon nicht die Polizei, ihm endlich Recht verschaffen soll und den ungezügelten Bruder mit Strenge disziplinieren! Denn der sei seiner Jugend in Christo wegen, die man zu verzeihen sich bemühen müsse, eben noch sehr unreif und »weltlich«.

Ich vergleiche ihn hier, nun nach Jahren bei meinen Aufzeichnungen, mit England im erwähnten Ersten Weltkrieg, und die höhere »Autorität«, richtiger vielleicht, brutalere Gewalt, USA, wäre es mit rechten amerikanischen – oder geschichtlich also mit englischen – Dingen zugegangen, vergleiche ich mit etwa Dale Noomey! Sicher, der hätte hier rechte »Ordnung« geschaffen und dem edlen Weltpolizisten und Weltrichter England, wie Usa die ersehnte Hilfe gewährt!

Dabei bleibt wahr, dass der Jüngere, abgesehen von dem »Zur-Seite-Schieben«, zuerst zugeschlagen habe, die alberne einseitige Hausordnung verletzt und sich also ohne Zweifel schuldig gemacht hat. Er bleibt die ersten zwei Stunden verschämt im Hintergrund unseres alten großen Wohnzimmers heiterer Zeiten, redet nur wenn gefragt, und dann sehr bescheiden, quasi Schuld eingestehend. Mit wachsendem Vergnügen nehme ich wahr, wie er erst näher und dann mit deutlichem Interesse an den Tisch kommt, als mehr und mehr die Rede auf das Evangelium kommt, dessen Hauptgebot nun Liebe sei – ich rede noch wie ausschließlich zu Ken – und also Ken, der soviel Ältere, der dazu die Rolle als christlicher Leiter uneingeladen angenommen habe über den zugegeben Jüngeren und wenig Erfahrenen – zu tadeln sei, als er ihm nichts besseres bieten konnte als sture Disziplin, die doch gerade dieser Schüler seines gesetzwidrigen Hintergrundes wegen am wenigsten halten konnte, und allgemeinen, schlecht verhohlenen Hass untereinander, Herr-und-Gebieter-Gehabe und daher eine nun unmöglich gewordene Atmosphäre im Hause! Man kann sich auch allgemein da hineinversetzen in diese vergiftete Luft, wo noch Will, der sich ganz zurückzog, am weisesten gehandelt hat. Da ging eben alles schon viel früher schief, die ganze Gesinnung dieses »Christen« ist eine seit Jahren verkehrte, aus der dann keine besseren Taten entspringen konnten. Wie im Kriege geht es um nackte Macht! Die heuchlerische Grundeinstellung Englands, will sagen Kens, mit der versteckten Absicht, der absolute Herrscher zu sein, nach dessen Regeln nun alles zu tanzen habe, sind unannehmbarer als der Lapsus Martys, den er ganz offen zugibt. Der ist nämlich im Grunde bescheiden und zu retten, während sein bossiger Hausgenosse in einer Wolke der Arroganz und eigenen Machtvollkommenheit lebt, einem Gemisch von doch noch absichtlicher Lüge, dem kleineren Übel, weil noch Besserung im Ablegen des Selbst-nicht-Geglaubten vorhanden ist – und teilweise schon selbst geglaubtem und unkorrigierbarem Größenwahn, »in Christo«! Was nun – bloß – ist mit so einem falsch gelaufenen Menschen, oder gar ganzer Nation, zu tun?

Dabei weiß ich doch und habe es jetzt erst wieder an Dale Noomey erlebt, dass solch selbstgerechte Christen innerlich ganz hilflos sind und sich ihrer unbeherrschbaren Sünden sehr schämen! Weil sie eben selbst auf sich genommen haben, was doch Gottes ist. Aber, und das ist nun die Fehlschaltung in ihrer Seele, sie tun nach außen so, als sei alles in bestem Lot.

Oder muss ich konsequent bleiben und sagen: gar nichts ist von Menschenhand zu tun, auch ich bin nicht sein Erzieher! Funktioniert auch das allein durch Gebet und den Glauben, bloß, wir haben ihn noch nicht? Oder ist, was ich gerade »Menschenhand,« nannte, mit »Glauben Aufbauen« ein und dasselbe? Ich möchte selbst antworten, vielleicht geht alles durch Situation? Es gibt solche, wo man gar nichts anfangen kann und höchstens mehr Schaden stiftet, und andere, da geht es erfolgreich und scheinbar ganz von selbst in der »Freiheit« jedes Einzelnen. Der Apostel Paulus empfiehlt zum Teil sehr hartes Disziplinieren, aber er war auch der anerkannte Apostel für sie, ja, und die Welt stand schon im Ungeist der Renaissance (die auch für uns heute wohl schlimmer ist als ihr eigenes klassisches Vorbild).

Aber in eines jeden Menschen innerster Wohnung oder Behausung ist eine solche Atmosphäre falscher »Disziplin« durchaus ein Bruch der »Menschenrechte«! Disziplin heißt ja Schülerschaft, also für uns dann Jüngerschaft Jeschuas. Was hat unsere Zeit und Kultur diesen Begriff wieder in sein Gegenteil verwandelt! Es kann dort niemand nicht nur geistig oder christlich gedeihen oder sich entspannen, so nötig nach des Tages Mühe und Ärger, sondern muss auf die Dauer gar körperlich krank werden.

Wir vier Landlords sind uns schon alle einig, dass es so mit der Hausgesellschaft nicht weitergehen kann, sondern unsererseits etwas geschehen muss: Kens alberne Hausordnung ist ab sofort außer Kraft gesetzt! Dabei fühle ich mich erschreckend aber doch wie das richterliche England im Verein mit den »Aliierten«!

»Wohlgemerkt,« sage ich dazu,

»nicht einfach abgeschafft! Ich setze stattdessen wieder Höflichkeit, Kameradschaft und Nächstenliebe ein! Den Geist des Nachgebens in einem Streitfall und des Vergebens danach.« – und bin mir doch schon beim Sprechen selbst bewusst, dass sie’s so als Befehl genommen ja auch nicht werden halten können. Aber für besser als die bisherige »Hausordnung« die ja keine war, halte ich meine Reformation schon!

Die Lupinskis und wir Öhrleins entscheiden dann einstimmig und ganz ohne lange Umstände, dass Ken zum nächsten Termin das Haus verlassen wird. Ich glaube, diese Einstimmigkeit war das Hauptsächliche an dem Abend, was etwa missionarisch auf ihn hätte wirken können, ein Mahnmal seines amerikanisch-humanistischen Hintergrundes mit besonders der Wahl mit Einigkeit der Wahlberechtigten, ebenso wie ein letztes Rudiment der Gedanken Mischas zum eigentlichen Inhalt der uns beschäftigt, wieder Liebe für »Disziplin« einzusetzen, als Dale am ersten Abend so »elegant« das Tischgebet übernommen hatte und Mischa an die biblische bessere Voraussetzung gedacht hatte, erst ein Herz und eine Seele zu sein. Überall dasselbe: Äußerlicher Schein gegen Herzensgesinnung!

Und doch, und doch, und doch! So einen »Sieg« bin ich nicht gewöhnt. Es quälen mich Gewissensbisse, ob ich ihn nicht einfach ebenso überfahre habe! Denn ich war der Boss, auch vor den drei Aliierten. Ich war Amerika! Wie denkt er wohl über mich? Kann er mich so etwa lieben? Ich habe ihn nach seinem Hinauswurf nie wiedergesehen.

Merkwürdig und peinlich, so plötzlich selbst in die angelsächsische offizielle Rolle des Richters gestoßen zu werden! Ich muss gleich an die Bundesrepublik, jetzt beim nachträglichen Niederschreiben 1999, denken, die sich nun leider hat breitschlagen lassen, den Weltrichter mitzuspielen und an der englischen Aggression in Jugoslawien teilnimmt, durch die Nato als gerecht kaschiert, »Frieden« zu stiften – mit Bomben! Wie kindlich-töricht! Das funktioniert nur eine Zeitlang unter Unfreiheits-Diktatur, etwa einer »Pax Americana«, aber muss nur schlimmer werden, wie der zweite Weltkrieg, sobald sich eine Gelegenheit bietet.

Gleich ein Gedanke zur »Verfassung«. Mit viel Gezeter und Ressentiments wurde Westdeutschland in den Fünfzigern wieder militarisiert, nachdem die Ostzone mit wesentlich weniger Skrupeln schon lange eine Wehrmacht hatte. Es waren ausgerechnet die Sozialdemokraten, die so heftig gegen Westdeutschlands Bewaffnung waren; denn Deutschlands Wehrmacht hatte ja, nur Jahre vorher, auch gerade da, so viel ungerechten Schaden angerichtet. Nun, ein Messer oder andere Waffe ist selbst nicht gefährlich, nur der es gebraucht! Das westdeutsche Militär kam doch zustande, aber, verfassungsmäßig garantiert (!) strikte nur zu Verteidigungszwecken, eine gerechte Klausel für alle Völker, alle Zeiten! Dieselben Demokraten, 1999 gerade einmal wieder die Regierungspartei, haben nun in den Angriffskrieg eingestimmt! Wie sich die Zeiten wandeln! Und wie kurz menschliche Erinnerung oder Treue! Und wie nichtig, eine doch einst so heiß von gerade den Demokraten erkämpfte constitution, sie nun einfach von höchster Seite so zu brechen!

Nun konnte sich damals andererseits im Angriffsfalle die Bundesrepublik nicht von den Westaliierten zur Verteidigung bedienen lassen. Man bedenke die skurrile Situation! Hätte es also einen Krieg mit dem Ostblock gegeben, dann hätten die selbst so zerstörungswütigen Aliierten diesmal allein für Deutschland bluten müssen, und wegen des Warschauer Paktes gleichzeitig wieder gegen Deutschland! Und wir Westdeutsche hätten, constitutionsgetreu, munter aber tatenlos zugesehen.

Ich erinnere an die Geburtswehen der Demokratie in Preußen etwa um 1850. Das Volk schrie nach einer constitution, als sei damit die Seligkeit garantiert. Sie bekamen zögernd eine nach mehreren Ansätzen. Eine gewählte Kommission bestimmte von nun an unter anderem das Militärwesen. Einmal kam es zur Krise, als 1862 das nötige Militärbudget von dieser Kommission nicht bewilligt wurde. König Wilhelm I hatte schon seine Resignation entworfen, als Bismarck von Roon aus Paris rasch herbeigerufen wurde. Die alten Konservativen hatten eine bessere Übersicht über die Nöte des Staates als die neuernannten demokratischen Bürokraten. Die Ausgaben waren wichtig zum Überleben der Nation, denn ohne die neuen Rekrutierungen und Waffen wäre später der Verteidigungskrieg gegen Frankreich nicht gewonnen worden. Bismarck, der damit seine glanzvolle Karriere als Kanzler begann, beging ein aus Mangel an Exekutive unstrafbares »Verbrechen«, er setzte die constitution außer Kraft! Das war recht, denn er hatte die rechte Gesinnung, also Konstitution, mit Liebe zur Sache und Verantwortung zum Staat. Die Steuern gingen an den Staat, nicht an das bürokratische Kommitee. Der »Staat« nun bewilligte nicht nur stillschweigend das Budget, sondern gab das Geld dafür auch gleich aus! So ein Überspielen ist seitdem in allen Demokratien auch ohne Bismarcks höhere Gesinnung und Erfahrung fast gang und gäbe geworden. Heute ist ein Präsident in USA an der Macht, der nicht solche innere »Konstitution« hat, und lustig betrügt, Ehe und Eide bricht.

Was ist ein albernes Stück Papier, constitution genannt? Ist es eine »Hausordnung« wie oben? Constitutio, Zusammensetzung, Beschaffenheit, ist ein ganzer Seelen- und Geisteszustand, der auf diesen Blättern gerade mein Thema ist, hier der einer ganzen Nation. Den kann man doch nicht auf ein paar lapidaren Druckseiten umreißen oder, schlimmer, zur eisernen Vorschrift machen! Schlimmer, wenn man’s tut und es auch getreulich hielte, wäre die Nation von da an gerade im so wichtigen geistlichen Bereich unfrei und gefangen, und da auch die beste von solchen nicht im Nachhinein schildernden sondern zur Zukunft befehlenden constitutions Menschenwerk ist, käme sie schon nach Monaten unvorhersehbarer Entwicklung in arge Bedrängnis. Also ist ein bisschen Schmu hier und da unausweichlich! Zum Beispiel hatten die berühmten Founding Fathers der USA nie und nimmer Abtreibungen als Geburtenkontrolle im Sinn! Aber man betrachte, wie die Rechtsverdreher es etwa 200 Jahre später wieder fertigbrachten, das entsprechende Abtreibungsgesetz voll constitutional und rechtens erscheinen zu lassen.

Und nun hat auch die vereinte Bundesrepublik durch ihre sozialdemokratische Regierungspartei ihr Grundgesetz, das an Stelle einer constitution steht, gebrochen! Es hat nur kaum einer gemerkt, weil wie bei Bismarck, das Zeitungsinteresse schnell auf andere Dinge abgeschwenkt ist.

Ich will noch einmal klarstellen, was genau unter unserem Webbhaus-Begriff »Konstitution« im Gegensatz zu der Gang-und-gäbe-Auffassung dieses Begriffes zu verstehen sei.

Ich lese da die Bibel vom Frontdeckel bis zum letzten Wort immer wieder durch und finde jedesmal etwas Neues zum Nachdenken. Einmal komme ich also vom Buch Josua zum nächsten der Richter. Und da – welch ein Wandel der Zeit! – zum Bösen, wie denn Gott vorhergesehen hat und noch durch Moses, als er schon wusste, dass er sterben würde und seinen Fuß nicht über den Jordan ins verheißene Land setzen würde, hat verkünden lassen.

Da lesen wir also noch im Buch Josua, Kapitel 22, wie die Israeliten des Ostjordanlandes, Ruben, Gad und Ost-Manasse nach dem Sieg über die Ureinwohner im Westjordanland, an dem sie wie versprochen noch mitgekämpft haben, also über den Jordan ostwärts wieder in ihr Land ziehen. An der Grenze, schon jenseits des Jordans auf ihrer Seite, bauen sie Gott unmittelbar am Fluss einen Altar. »Da kamen alle Männer Israels in Schilo zusammen, um gegen die Oststämme in den Kampf zu ziehen.«. – Da wirft ihnen Rest-Israel also vor: »Warum habt ihr dem Gott Israels die Treue gebrochen und euch von Ihm abgewandt? Ihr habt einen Altar gebaut; damit habt ihr Ihm den Rücken gekehrt! Reicht die Schuld noch nicht, die wir [alle] bei Pegor auf uns geladen haben .. ?«

Einen Altar bauen bedeutete in diesen Zeiten noch, einen Abgott verehren, und da ist Israel um diese Zeit, nämlich als noch ihr Prophet Gottes lebte, wörtlich so in Harnisch, dass sie sofort Krieg machen wollen, gegen die eigenen Brüder. Noch klärt sich alles auf, als die »Ossies« erklären können, ›Eure Nachkommen könnten wegen der Grenze den unseren vorwerfen, ihr gehört nicht zu uns; Er hat doch zwischen euch und uns den Jordan als Grenze gesetzt. - Also haben wir diesen Altar gebaut – nicht für Brand- oder Mahlopfer.« . (an einen falschen Gott)

Der erste interessante Punkt, daraus zu lernen, ist, keine Generation kann in die Zukunft sehen, auch nur annäherungsweise. Die nächste Generation, stellt sich dann heraus, wird sich einen Dreck kümmern, welchen Gott wer verehrt! Wir sind ja auch heute alle so tolerant geworden!

Aber nun kommt der große Einschnitt, der Bruch zwischen den Büchern Josua und Richter! Im Kapitel 6 des letztgenannten tritt Gideon als Befreier auf, hat auch das Erbarmen Gottes, reißt auch zunächst den Baalsaltar ab, besiegt und vertreibt die Midianiter. Aber nun sagt Gideon zu den Israeliten: »Ich will nicht euer Herrscher sein, auch mein Sohn soll es nicht werden! Nur eine Bitte habe ich, gebt mir die goldenen Ohrringe, die ihr erbeutet habt.« Es kamen über zwanzig Kilo Gold zusammen.

»Gideon machte daraus ein Gottesbild und stellte es in seiner Heimatstadt Ofra auf. Alle Israeliten kamen dorthin, beteten das Bild an und trieben Götzendienst. Für Gideon und seine Familie wurde das zum Verderben.«

Wie konnte er, im selben Atemzug, der Tradition nach noch Gott verehren und dann ganz »unschuldig« erscheinend genau das tun, was nun Gott am allermeisten erzürnt? Und wer die Bibel bis dahin der Reihe nach studiert hat, der weiß, wie sehr Gott gerade das hasst, es ist Sein erstes und wichtigstes Gebot, von dem alle folgenden abhängen.

Und hier ein Geheimnis! Die vom preußischen Volk so heiß ersehnte Papierconstitution in den fünfziger Jahren des neunzehnten. Jahrhunderts, die war genau so ein falscher »Gott«, der nun Macht haben sollte über das Hergebrachte, (»aus Gottes Gnaden«) also über Gott selber und Seine von Ihm eingesetzten Regenten!

Ein Stück Papier, an das ja doch keiner glaubt, sonst wäre es nämlich gar nicht nötig gewesen! Papier und Ungeist, mein Punkt zwei, sind das Holz und Gold unserer Zeit, Abgötter daraus zu fertigen. Aber ebenso war nun dieses Papier ein Heiligtum in der wahren Gedankenkonstitution des damals von der französischen Revolution verblendeten Volkes. Wertlos schon Minuten nach seiner Einsetzung, denn niemand kann doch in die Zukunft sehen, und für gerade diese allein ist es doch gedacht – und sie beten ihren Papiergötzen an!. Warum straft Gott die Deutschen so unverhältnismäßig stark in zwei Weltkriegen? Sucht hier danach, an den Quellen des Ungeistes. Und bildet euch zu Recht was ein! Nämlich Friede, Liebe und Gottes Freude, dass Gott uns so liebt und uns, wohl bedingt durch die Reinigung der Reformation, nicht allein lassen will!

Bei »papierdünn« muss ich unwillkürlich an den Metallbelag des innen hölzernen Götzen denken. Die so blank aussehende Oberschicht ist so fein ausgeklopft, dass sie weniger als ein Zehntel Millimeter Dicke betragen kann, aber selbst ohne das fielen wir zu Tausenden auf den toten Holz-»Gott« herein!

Hören wir nun, wie es weitergeht, im nächsten Buch, dem der Richter, Kapitel 17: Eine reiche Mutter wird vom eigenen Sohn um 1100 Silberstücke bestohlen. Als sich alles aufklärt, sagt sie , Gott möge den Fluch in Segen verwandeln. Als [der Sohn] ihr das Silber zurückgab, fügte sie hinzu:

»Hiermit weihe ich das Silber dem Herrn, damit Er dich segnet.

Es soll davon ein Gottesbild gemacht werden, geschnitzt und mit Metall überzogen. So kommt das Geld wieder zugute.«

Seht ihr’s? Im selben Atemzug! Sie merkt gar nicht mehr, was sie da sagt. Die Konstitution einer ganzen Nation., heute einer ganzen Welt, die Axiome, die Ideen- und Gedankenverknüpfungen von einem Wert zum anderen, zu seinem Gegenpol, ohne es gewahr zu werden, sind ebenso grässlich durcheinander geraten. Wieso, muss man fragen, oder besser, warum dann bei einigen wenigen nicht? Oder, noch besser, wie kommen wir von da wieder zurück aufs richtige Gleis?

Über die dritte dieser Geschichten, die unerhörte sexuelle Mordschandtat in Gibea, Richter 19 bis 21, will ich gar nicht näher eingehen. Jeder Uneingeweihte kann das selber nachlesen. Nur hinweisen will ich wieder auf die so pervertierte Konstitution der Gemüter. Wenn die Schandtat so unerhört ist, wie sie ja alle zugeben, wieso dann zieht noch der Rest des Stammes Benjamin in den Krieg gegen das ganze restliche Israel, um die Sünder von Gibea noch zu verteidigen? Weil sie’s eben ganz in der Ordnung – oder mindestens nicht für so schlimm – hielten! Die Anordnung in der Bibel ist schon richtig. Ganz oben stehen die Verbrechen gegen Gott, mit denen der ganze Sündenweg immer anfängt, die aber dem ja auch schon verdorbenen Weltkind von heute gar nicht so schlimm vorkommen. Dann kommen die Sünden gegen die Menschen, die kommen uns zuerst auch allen so grässlich vor – aber man gewöhnt sich schnell, wie wir heute und wie der Reststamm Benjamin! Oder wie unsere aliierten Beschützer in den Neunzehnhundertfünfzigern, als ihre Atombomben neu waren. Beide Seiten rechneten sich da in Vorbereitung eines »Verteidigungskrieges« aus, dass der erste Schlag so stark sein müsste, dass er den Krieg entscheidet, also mit hundertfachem »Overkill«, das ist der geplante grausame Tod Millionen unschuldiger Menschen.

* * * * *

Zurück zu meiner Frage, ob nun vielleicht Michails und genauso Sams Erfolg und Harmonie an ihrer im besten Sinne Planlosigkeit und Einfältigkeit liegen, eben weil sie nicht mit viel Posaune als offizielle Missionare vorgestellt wurden. Verflochten damit ist etwa auch die Frage, warum nicht nur ich, sondern wir alle Vier uns später so einstimmig gegen Ken entscheiden und den Jüngeren ganz ungeschoren und auch im Hause lassen, der doch, allen zugestanden, eigentlich allein zugeschlagen hat und vorher durch das Radio, was er auch nicht gleich bereit war, abzustellen, die »Hausordnung« bewusst verletzt hat?

Dabei hat die »Posaunenverkündung« für Missionare oder andere Leute in wie auch immer führender Position, durchaus ihren Wert, wie zum Beispiel für Hitlers Machtergreifung. Die Macht, nach der ihn so gelüstete, musste einmal offiziell und von der Seite, der nun die Autorität dazu – auch fälschlich durch die Demokratie – zuerkannt war, in diesem Falle das »Volk«, vertreten durch die gewählten Repräsentanten, von da also ausgesprochen sein, um zu gelten. Das stimmte auch wieder nicht ganz, denn er wurde ja durch Hindenburg, den Vertreter der alten rechten Ordnung, als Reichskanzler eingesetzt. Diese Ordnung galt auch gleich in einem Maße, dass er sich alles erlauben konnte: Brutale massenhafte Morde ohne Gerichtsverhandlung in der Röhm-Affäre, Kaltstellung seiner gesamten aufgebauten SS, Gleichschaltung, das heißt Abschaffung der deutschen, so reich mit Tradition beladenen »Länder«, was uns da erst gar nicht, aber dann umso mehr nach dem Zusammenbruch derart ärgerte, natürlich auch in Nachäffung des Großen Bruders mit seinen »Staaten«, dass wir uns in der »Bundesrepublik« umso steifer daran festbissen, und die so nötige Einheitlichkeit und Zentralisation, wie sie England und Frankreich schon jahrhundertelang zu ihrem ersichtlichen Vorteil haben, wieder auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben haben. Nicht alles war abgrundschlecht an diesem Diktator! Ein bisschen kritisches Nachdenken ist für uns alle durchaus und nicht nur in Bezug auf ihn, angezeigt.

Gut, es kamen Hitler beide Tatsachen zu Gunsten: Der Kleine aus kleinem Herkommen, dessen er sich aus demokratischem Effekt stets rühmte, und gegen den alles zu sprechen schien, mein oben erwähnter Marty-Effekt, und der deswegen erst einmal unsere unausgesprochene Sympathie gewinnt, und dann der überraschende Erfolg schon bald nach der Machtergreifung, Aufblühen der Wirtschaft zu ungeahnter Größe, dramatisch-rapide Senkung der Arbeitslosen- und Selbstmordziffern, und Wiederherstellung von Deutschlands Würde und Kredit in der Welt, Gleichberechtigung im Völkerbund und Abschaffung der irrsinnigen Kriegsschuld-Reparationen. Dann gelingt ihm scheinbar mühelos und durchaus genial die Unterwerfung des boshaften Frankreichs, an der wir im Weltkrieg so schmerzlich gescheitert waren. Wenn wir die deutsche Schuld beleuchten wollen, ist es nützlich, sie relativ mit anderen Völkern, Zeiten und Kulturen zu sehen. Ich frage, welches Volk wäre nicht von solchen Erfolgen nach bitterer Erniedrigung ebenso begeistert gewesen? Dazu war Hitler schon der demokratische Trick bekannt, das Volk mit ja oder nein über komplexe Fragen abstimmen zu lassen, von der die eine mindestens sehr begehrt und die anderen von der jeweiligen Regierung erwünscht, aber wohl nicht so beliebt sind.

»Wer die Gleichschaltung und die diplomatische Wiederherstellung Deutschlands und volle Gleichberechtigung im Völkerbund sowie die Streichung der Kriegsschuldkosten will, wählt Nationalsozialisten!« Das hat übrigens auch die österreichische Regierung vor Hitlers Anschluss versucht und eine Volksabstimmung entworfen, wo mit einem »unabhängigen Österreich«, also gegen Hitlers Anschluss ebenso verpackt in andere »Vorteile« geworben wurde. Dass Hitler selber diesen Trick kannte, wird durch die Tatsache erhellt, dass er, als er dahinterkam, diese Abstimmung widerrechtlich als der ja nunmehrige Ausländer sofort unterband.

Dennoch ist sein demokratischer Wahlerfolg ein großer, fataler Irrtum gewesen! Auf kurze Formel gebracht, kann man sagen:

Die Tatsachen um Hitlers Machtergreifung allein sind ein absoluter Beweis gegen die Demokratie!

Welch ein Irrsinn, dass der kleine Mann von allen schweren menschlichen Aufgaben nun die allerschwerste besser soll lösen können als ausgebildete und erlesene Fachleute, nämlich diejenige, das ganze Volk zu regieren! Welch Irrsinn, dass gewählte »Volksrepräsentanten«, deren Gemüt und Gesinnung das Volk doch gar nicht kennt, von da in allen lebenswichtigsten Fragen für alle dastehen sollen! Nur in einem sind diese »Volksvertreter« durch bisherige politische Karriere und für diesen Beruf natürliche Auslese gedrillt und geschult: Darstellung, Reklame, Lüge, und Betrug! Ich bin im Ernst überzeugt, dass ein Würfel besser für so einen Regentengewinn wäre. Er ist wirklich unparteiisch und absolut immun gegen die ganze Propagandatirade, die dann ausfallen und viel Geld einsparen könnte, oder das Aussehen des jeweiligen Kandidaten! Denn unsere Wahlen bisher erreichen das eine Ziel, den ungeeignesten zu gewinnen: den Reichsten, denn wer sonst kann sich die Millionen für seine Wahlreklame leisten? Den Spitzbübischsten, denn wer nach Geld und Ruhm jankert, weiß sich auch am besten zu tarnen. Den Verlogensten, denn der hat früh die Sprache und die Tricks gelernt, wie man sich unverdient in die Volksgunst schummelt. Den wahllos an Gebräuche Gebundenen – also kurz, keinen, wie ihn jedes Volk dringend brauchte, auf Gott hoffend und nicht Macht und sich selbst, und fähig, nachzudenken, nicht – zu plappern und damit »Gott ein neues Lied zu singen.

Ein pfiffiger Kopf in USA hat herausgefunden, dass deren Präsidenten, die ja direkt vom Volk gewählt werden, so nach einem augenfälligen Merkmal erkoren werden, ihrer Haartracht! Und in der Tat: Findet man sonst nur wenige Männer über fünfzig ohne jede Glatze, so sind alle gewählten USA-Präsidenten unserer Zeit, bis zurück auf Eisenhower, wohlbehaart gewesen. Ich frage, ist das wohl ein Kriterium, den höchsten und kompliziertesten Job der Erde mit höchster Verantwortung – denn ein Feind kennt keine Gnade gegen eine unglückliche Regentenwahl, das haben wir erlebt! – zuzuteilen?

Na schön! Wenn Sie,s denn nun unbedingt wissen müssen: Ja, auch ich, Öhrlein, habe eine Glatze!

Und wie sieht es sonst nach nun schon zumeist über hundert Jahren in unseren Weltdemokratien aus? Trotz aller Wahlpropaganda und Lügerei sind die Wähler auch schon desillusionierter geworden. Weniger Wahlberechtigte wählen noch, es hat kaum einer oder eine Partei mehr die absolute Mehrheit. Man ist zu Koalitionen gezwungen. Nun, was sind Sozialliberale und Kommunisten – oder was sonst immer für mögliche Kombinationen – für Bettgenossen? Haben die Wähler noch nicht gelernt, dass das meiste auf die Gesinnung ankommt und auf das Ein-Herz-und-eine-Seele? Ich habe den Vergleich schon vorher gemacht und auf seine Anwendbarkeit hingewiesen, den Vergleich zu einer Familie wie sie sein soll: Keine Lügen und Betrug jemals! Weder zwischen den Eltern, auch wenn’s die Kinder nicht merken sollen, noch zwischen Eltern und Kindern oder letzteren untereinander! Die Eltern müssen eines Sinnes und Glaubens und an etwas Höheres als sich selbst gebunden sein. Es müssen Liebe und Glauben herrschen und Vertrauen untereinander! Dafür könnten wir gerne große Reichtümer darangeben. In der Familie oder im Beruf, in der Tat in jeder menschlichen Gemeinschaft sind das bewährte und anerkannte Grundsätze. Warum nicht im Großen, wo’s doch am meisten zählt? Wenn dem aber so ist und wir auch alle damit übereinstimmen, ja, warum haben wir noch derart alberne Regierungen, nun als das allerbeste und modernste, geformt im heidnischen Athen vor mehr als zweitausend Jahren, die diese anerkannten Grundsätze (die wirkliche Konstitution, Gottes Gebote!) je länger desto schlimmer missachtet? Ich frage wie Bob in seinem Pamphlet seine Amerikaner: Wer regiert uns eigentlich? Gott nicht, aber wir uns selber doch auch nicht!

Ich falle nicht in die amerikanische Reklamefalle, dass so und so viele Millionen nicht falsch sein könnten. Das können sie sehr wohl und sind es immer wieder, nicht nur im Hitlerdeutschland, auch in Amerika, in Politik und Handel.

Da wählen sie also den Präsidenten Jimmy Carter, im Rückblick wohl den besten seit sehr langer Zeit. Nach ein paar Monaten aber steht er in den »Polls« an tiefster Stelle eines Präsidenten jemals! Entweder war er doch so schlecht, wie sie nun abstimmen, dann taugte seine Wahl in dieses höchste Amt zu Anfang nichts – oder, und so denke ich – ihre Verurteilung in den Polls! In jedem Fall aber haben Abstimmung und Demokratie versagt.

Aber ich sage, dass jeder damals in der Weimarer Zeit – einschließlich das Ausland – dieser Hitler-Faszination erlegen wäre! Nur sollten wir heute, nach allen Erfahrungen mit den Menschenwerken weiser geworden sein! Was sollte denen damals verkehrt vorgekommen sein? Hitler ist nach dem misslungenen Bierhallenputsch absichtlich voll legal vorgegangen; das ist einer der wenigen Punkte, wo er sich mal durch die Umstände hat belehren lassen. Er hat sich nach allen Regeln der Kunst demokratisch hochgearbeitet. Man kann ihm auch nicht, wie anderen, Mangel an Offenheit oder Betrug darin vorwerfen. Seine (Papier-) constitution, einschließlich, dass Juden nicht mehr als Volkszugehörige gerechnet würden und daher als Feinde aus den Ämtern entfernt und verfolgt würden, hat er früh veröffentlicht. Es mutet heute unglaublich an, dass das politisch reife Volk so Vieles unwidersprochen hat schlucken können. Daran liegt die Schuld, denn die Verantwortung war ja nun offiziell an »das Volk« vergeben. Ach, es war schon zu Vieles an Rechtschaffenheit – man lache nur getrost über dies altmodische Wort! – zu lange aufgegeben worden! Da konnte sich der Teufel solchen Hohn und solche Offenheit mit uns leisten, wir merkten es eh’ schon nicht mehr. Und davor? In der »gerechten« Republik? Da wurde so viel hin und hergewurstelt, der Reichstag mehrmals aufgelöst, wenn dem Kanzler eine Abstimmung nicht passte, dass das Volk in Hitler wirklich eine Erlösung sah.

Heute wenden die Amerikaner ihre Art Demokratie an jedem Steinzeitvolk als Wunderkur an. Ich kaufe daher nicht das Argument, dass die Deutschen für die Demokratie zu »unreif« gewesen seien! Schon vor dieser ganzen Zeit waren die Deutschen am weitesten entwickelt, das war ja der eigentliche Kriegsanlass für die Engländer gewesen – und ganz zu recht – die Deutschen möchten ihnen die Führung streitig machen. Wissenschaftlich und künstlerisch waren die Deutschen unter den führenden, wenn nicht jeweils ganz an der Spitze. Ich wiederhole, dass in der Kaiserzeit Studenten aus USA an deutsche Hochschulen kamen, mehr als in alle anderen europäischen Länder zusammen. Auch im Praktischen und Zusammenarbeit Erforderndem, wie Schwerindustrie und Finanzen, Militär und Flottenorganisation, lagen die Deutschen vorn, seit sie nach der Vertreibung Napoleons so eine kulturelle Blüte durchlebt hatten. Ich sage wie Michails Engländer, aber durchaus nicht absolut, sondern im Eigentlichen als Frage gemeint: Wer war wohl reifer als Deutschland? Will aber damit nur einen Gedanken heimbringen: Wenn die Demokratie das Allheilmittel für alle Gesellschaften sein soll, dann konnte Deutschland nicht zu unreif dafür sein, auch damals nicht. Oder wenn doch, und das ist meine Überzeugung, dann sind es alle Völker, zu allen Zeiten! Sie können sich nicht »selbst als Masse regieren.«

In Genesis 18 »schachert« Abraham als echter Nahostler mit Gott, wir kennen es alle. Es fängt damit an, dass Gott für uns laut denkt und damit eine andere in diesem Zusammenhang schwerstwiegende Bedingung offenbart:

Gen.18, 18: »An der Stellung zu [Abram] und seinen Nachkommen wird sich für alle Völker der Erde Glück und Segen entscheiden

So übersetzt es meine sehr freie moderne deutsche Bibel, der man eine versuchte Einflussnahme auf die Deutschen nach Hitler nicht absprechen kann. »Stellung zu ..« ist genau, was wir hier wirkliche geistige »Konstitution« nannten. Also die Konstitution zu [hauptsächlich, denn auf sie fiel die Wahl Gottes über Jakob] den Juden wird in jedem Volk auf Erden über Glück und Segen entscheiden.

Ein paar Gedanken später heißt es:

»Abraham trat an Ihn heran und sagte: Willst Du wirklich Schuldige und Schuldlose ohne Unterschied vernichten? Vielleicht gibt es in Sodom fünfzig Leute, die kein Unrecht getan haben. Willst Du nicht lieber die ganze Stadt verschonen, um sie zu retten? Du kannst doch nicht die Unschuldigen zusammen mit den Schuldigen töten? Du bist der oberste Richter der ganzen Erde, darum darfst Du nicht selbst gegen das Recht verstoßen.«

So kann man nicht mit dem Allerhöchsten reden! Und gegen das Recht verstoßen kann Gott gar nicht, auch wenn es für uns oftmals so aussieht; denn Gott ist Recht, und es gibt nichts Höheres, woran man messen könnte. Aber darauf geht Gott gar nicht ein. Abraham hat in seiner Einfältigkeit nämlich keine Autorität, die seine Worte beleidigend machen könnte. Gott also antwortet, als sei Er der Diener und Abraham der Herr:

»Wenn Ich in Sodom fünfzig Unschuldige finde, will Ich ihretwegen die ganze Stadt verschonen.«

Wir wissen, wie es weitergeht. Abraham schachert erst um 45 mögliche Gerechte, dann 40, 30, 20 und schließlich 10, und erhält jedesmal die Zusage, Gott werde auch um diese geringeren Zahlen Gerechter wegen jeweils die ganze Stadt verschonen. Aber dann vernichtet der Herr doch ganz Sodom außer Lot und seinen zwei Töchtern, weil es offenbar nicht einmal zehn Gerechte in der Stadt gab! Warum und unter welchem neuen Mechanismus sollte Gott jetzt und heute mit uns anders verfahren? Er ändert sich doch nicht. Es ist ja das Strafgericht uns auch schon prophezeit. Es gibt nur einen überhaupt möglichen Weg, dem zu entgehen.

Interessant in diesem Zusammenhang, dass Frau Lot, zuerst also wegen der Geistesgemeinschaft der zu Rettenden mitgerettet wird, dann aber doch abfällt und dem Herrn ungehorsam wird und der Zerstörung nicht entrinnt. Wie ist das immer mit dem einen schwarzen Schaf? Judas? Und ich denke natürlich schmerzlich an unseren Jim.

Na, und wie’s dann mit den als gerecht geretteten Töchtern Lots weitergeht, wissen wir alle – durchaus nicht überzeugend, ihre Gerechtigkeit! Sexualität – und wenn es damit schief geht, immer an den sonst viel zahmeren Frauen gemessen – ist ein empfindlicher Seismograph für eine Gesellschaft, ob und wie sie’s nämlich sittlich für sich selbst sauber halten können.

Nun will ich zweierlei: Einmal auf die Idee eingehen, eines jeden Volkes »Glück und Segen« werde an seiner Stellung zu den Juden entschieden werden.

1989 fiel die Berliner Mauer! Wie genau kam es dazu?

1982 gab es den Libanonkrieg. Da »fegten die Israelis mit den amerikanischen Sidewinder-Raketen den Himmel über Libanon leer«, wie es ein Geschichtswerk beschreibt. Darauf hätte es in Moskau eine der geheimen Lagebesprechungen gegeben, und die militärischen Sachverständigen hätten gewarnt, dass sie mit der Technik des Westens nicht mehr mithalten könnten, denn deren Raketen seien den sowjetischen »haushoch überlegen«. Daraus ergab sich, dass das Wettrüsten um Europa, das gerade auf beiden Seiten soviel Kopfzerbrechen und gewaltige Unruhe mit demonstrierenden Jugendlichen in Deutschland gezeitigt hatte, sinnlos wurde. Man musste in Moskau die ganze Lage neu überdenken. Das tat Gorbatschow, und in einer Tiefe und Gründlichkeit, die dem traditionsgebundenen Westen so fehlt. Dennoch waren die westlichen Waffen nun also im Kriegsfalle weit besser. Warum das? Die Amerikaner waren nicht klüger, es war die Richtung, aus der die Raketen abgefeuert wurden! Wie es immer die Richtung ist, nicht die Kraft oder der Fleiß, der jedes Leben und dessen Erfolg entscheidet.

Europa in dieser Situation hatte inzwischen seit dem Weltkrieg wieder eine judenfeindliche Haltung angenommen. Niemand außer USA half den Israeliten, und an dieser Haltung für die Juden entschied sich ihr Sieg auf der ganzen Welt!

Andererseits, zweitens, hat sich kein Volk an den Juden so vergangen wie Hitlerdeutschland! Die Spanier hatten zu ihrer Judenverfolgung in der Inquisition einen besseren Grund, denn die Juden wollten nicht ihren Messias auf die katholische Art oder überhaupt annehmen. Der Perserpotentat Haman kam nicht dazu, die Juden sinnlos zu vernichten (Buch Ester), auch er hatte einen religiösen Grund. Aber nun Hitlerdeutschland?

Weil jemandem die Rasse nicht passte, Juden millionenweise umzubringen, ist das himmelschreiendste und ruchloseste Verbrechen aller Zeiten!

* * * * *

Demnach sind die Deutschen der jüngsten Zeit das gerichtete und verdammteste Volk für alle Zeiten! Man heule als Deutscher laut, lege seine Sprache und Kultur vollständig ab und wandere aus! Und auch darin ist keine Garantie, diesem Fluch zu entrinnen, denn Gott könnte dich doch wie Jona, der sich durch Auslandsflucht vor Gott verstecken wollte, finden und an dir weitervollziehen, was Er sich vorgenommen hat. Nein, geistlich musst du fliehen!

Die Juden selbst trifft auch so ein Fluch, weil sie ihren Messias verachtet und verhöhnt haben: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« So kam es auch und kommt immer weiter, wo immer sie sind. Deswegen werden Juden und Nachkriegsdeutsche, wie auch Thomas Mann weiß, sich untereinander ähnlicher. Aber nun denkt an meinen Sam Rothman. In dem Moment, dass einer Gottes vollständige Vergebung und Reinwaschung in Anspruch nimmt, reinigt ihn Gott »von aller Unreinigkeit«, bekommt er quasi zu seinem jiddische Kopp auch ein »goyische Masel« hinzu und das ist genauso wahr und unverrückbares Gotteswort wie die Flüche vorher. Und das ist unser einziger Fluchtweg, denn uns verstecken und die Schultern zucken, wie wir’s jetzt in der vereinten Bundesrepublik versuchen, nützt vor Gott gar nichts!

Und mein zweiter Punkt ist dieses »Schachern« mit Gott.

Da schachert nun Gott einmal mit uns und behält genauso Recht für alle Ewigkeit.

Deutschland und die ganze Welt sind jetzt nach Zusammenfall der West-Ost-Polarisierung und dem Kalten Krieg an einem höchst spannenden Scheideweg angelangt. Wenn ich mich früher in meiner Phantasie fragte, wann ich hätte leben wollen, so war es wohl falsch zu antworten, von Napoleons endgültiger Niederlage bis etwa zur Reichsgründung. Es dämmert uns jetzt wohl eine noch viel spannungsgeladenere, interessante, gottnähere und verantwortungsvollere Welt herauf, uns wenigen, die von Gott wissen!

Was würde Gott uns jetzt wohl sagen? Unendlich frei wolltet ihr sein, ihr seid unendlich gefangen! Und nun doch langsam so, dass es auch der Dümmste sehen muss. Eine Zwickmühle! Je mehr wir nach unserer Wiedervereinigung und Wiedererlangung unserer Souveränität wieder als eine Nation fühlen lernen, desto mehr muss, was wir Expansion nannten, auch unser alter Streitgeist, unser eigenes Beherrschenwollen als »Nation« wieder hervortreten! Denn wir sind ja auch durch die Revolutionsideen verdorben!

Denkt doch bloß nicht wie Weltmacht Amerika!

Ja, bei uns ist das ganz was anderes! Atombomben werfen, dauernd Kriege führen an vielen Orten der Erde, nur nicht bei uns selber, ständig alle mit unserer Pseudogerechtigkeit schulmeistern ist alles fein; denn nur wir haben recht! Auch Eingreifen gegen andere Weltanschauungen, auch wenn sie die dortigen Nationen so gewählt haben, ist uns, und nur uns, erlaubt.

Denn unsere Demokratie ist ja die allerbeste, allen anderen haushoch überlegen!

Dann werden wir schuldiger als unter Hitler, denn nach der damaligen so plötzlichen und grausamen Frustration über den ersten Weltkrieg war unser Machtwille verständlicher! Gut, sagt Gott, diesmal geht alles ohne Blut und Unterdrückung. Ich schenke euch eure Einigkeit ganz ohne euer Verdienst und ganz ohne Blutverlust!

Ich bin 1990 am Brandenburger Tor gewesen, dieser alten Kitschklamotte. Im Geiste ging ich durch all unsere Feiern der Geschichte dort. Erbaut gerade nach Friedrichs des Großen Tode, sah es also die ersten Feierlichkeiten wohl nach den Befreiungskriegen. Da kam die Quadriga zurück, die uns der Korse als Siegestrophäe entwendet hatte. Was ist wohl so begehrenswert an dem griechisch imitierten Kitschbauwerk? Die griechische Demokratie? Oder die ganze geistlose Nachäfferei der gottlosen Kulturen der »Klassik« in der Renaissance – so wie heute wieder, entsprechend?

Dann wohl die große vaterländische Feier zur Reichsgründung 1871 nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich, mit dem großen Spruchband am Tor:

»Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!«

Nur waren wohl die Franzosen zu dieser Zeit nicht so ausgelassen fröhlich! Aber es kommt immer schlimmer! So direkt auf Gott bezogen hat sich da nie mehr eine Feier. Hitler hatte einen starken Sinn für Nationalfeiern, möglichst mit Stolz, Macht und Blut! Mehrmals so: Frankreich, Polen und dann die jeweiligen einzelnen Etappensiege in Russland.

Nicht vergessen sei besonders die Rote Fahne im April 1945, diesmal waren wir selbst nicht mehr so lustig, sondern elend, hungrig, betrogen, vergewaltigt und ausgeblutet.

Ich möchte vorschlagen, wenn wir schon nun wegen seiner Geschichte das griechisch »klassische« Kitschtor mit seiner Sieges- »Göttin« darauf stehenlassen, dass wir auch wieder die rote Sowjetfahne daneben anbringen! Das soll ein Mahnmal werden:

Die griechische Renaissance mit der falschen »Göttin«, die wie ihre Kollegin ein paar tausend Meter weiter westlich, auf der »Siegessäule« nach Westen in den Sieg stürmt, in unserer Abwendung von Gott und ihrem humanistischen Ungeist (nach Westen gekehrt!) mit Demokratie und allem Nationalegoismus, das muss ja zwangsläufig zu blutigen Kriegen führen, wo eigentlich beide Parteien – denn die Sowjetfahne ist ja gleichzeitig auch ein Anachronismus geworden – verlieren! Ach, ich gehe weiter im Geist: der Potsdamer Platz soll Stalingradplatz heißen, die große Straße von da endlich nach Potsdam mit ihren jetzigen fünf oder so Namen heißt »Straße von Jena und Auerstedt«, der Platz vor dem Tor – Polenplatz, statt „Pariser Platz"; denn was hat da Paris verloren? und so weiter, immer im Gedenken an unser deutsches Vordrängen als »kleiner Gott« und zur Trauer der jeweiligen Feinde, denen wir zu Recht oder Unrecht Leid angetan haben!

Das nimmt nämlich unseren potentiellen Feinden allen Wind aus den Segeln. Denkt nur an die U-Bahn-Station Wagram (französischer Sieg über Österreich) – in Paris, aber die Eisenbahnstation Waterloo (Napoleons endgültige Niederlage für ganz Europa) – in London! Hätten die Franzosen ihres freiwillig „Waterloo" genannt, hätten es die Engländer nicht mehr tun können – und umgekehrt. Das wäre zu peinlich geworden.

Nun, als altem Mann gönnt mir Gott die beste Feier jemals um das pompöse Gemäuer! Ich hatte Urlaub genommen und war freudig nach Berlin geflogen. Eine Million Menschen stark schritten wir wieder durch das Tor, für mich nach über dreißigjähriger Unterbrechung, auf das Reichstagsgebäude zu. Dort gab es eine Feier, aber was für eine! Mir schlug das Herz ob all der Improvisation und all dem Unglanz! Es sprach Berlins damaliger Bürgermeister Momper kurz und bescheiden und ohne jeden geplanten Pomp. Und dann? Ja, irgend etwas muss man wohl den so zahlreich Aufmarschierten bieten! Ja, also, singen wir das Deutschlandlied! Mein Nachbar plärrte laut unter Tränen die verwehrte erste Strophe! Es war mehr zum Lachen.

Alle unsere Nachbarnationen lächelten auch diesmal, vielleicht etwas säuerlich sogar auch Frau Thatcher, aber unglaublich auch der ganze frei gewordene Ostblock! Gorbatschow hat recht behalten: Ein Atomkrieg zu dieser Zeit würde nur Verlierer übriglassen. Aber nun, nach seiner Versöhnungspolitik, gab es nur Gewinner!

Leonard Bernstein lässt Beethovens Neunte Symphonie aufführen mit Besetzung aus allen am damaligen Krieg beteiligten Völkern, nur ersetzt er leider das Wort »Freude« im Schlusschor durch »Freiheit«. Das gibt dem ganzen so eine bittere politische Note, denn wie ist dieses Wort nicht von allen den menschengemachten Ersatzreligionen unserer Zeit missbraucht worden! Freude aber ist als Frucht des Heiligen Geistes in Galater 5 erwähnt und auch von Schiller in seiner dem zu Grunde liegenden Ode des Gottsuchers »An die Freude« so angewandt.

Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur.

Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr.

Die baltischen Länder, alle Feindschaft zu uns vergessen, machen es gar zu einer europäischen Hymne. Aber nun ersetzte er es im Schlusschor wenigstens als Amerikaner auf Deutsch! So kulant waren die Amerikaner in Berlin nicht immer!

Welcher Berliner, damals dort aufgewachsen wie ich, erinnerte sich nicht an dieses Schild:

YOU ARE LEAVING
THE AMERICAN SECTOR

ВЫ ВЫЕЗЖАЕТЕ ИЗ
АМЕРИКАНСКОГО СЕКТОРА

VOUS SORTEZ
DU SECTEUR AMERICAIN

SIE VERLASSEN DEN AMERIKANISCHEN SEKTOR

US ARMY

Da stehen nun die vier Sprachen! Sogar noch Deutsch ist dabei in der deutschen Hauptstadt, aber wie! Zuletzt und ganz klein! Hier war unsere tiefste Erniedrigung, das musste offenbar darin ausgedrückt sein. Man sieht, es war das amerikanische Zeitalter. Sie hatten gekämpft und gesiegt, damit sie nun in ihrer Sprache zuerst schreiben konnten. Das machte etwa 1% Sinn, denn wohl zu 98 Prozenten wurde der Hinweis nur auf Deutsch gelesen und verstanden.

Aber das Schild stimmt ja gar nicht genau, behaupte ich, es sind nur drei Sprachen, oder nur eine, denn die Formulierung ist schon so unmissverständlich amerikanisch, auch ohne die Unterschrift »US Army« unverkennbar! Wir würden doch etwa preußisch sachlicher, und eben nicht so »persönlich« geschrieben haben:

Ende des amerikanischen, Beginn des russischen Sektors.

Sachlicher und richtiger, denn was einer mit den Tatsachen tut, nämlich weiter und hindurchzugehen oder umzukehren, geht ja die Information auf dem Schild nichts an. Komischer Weise kam’s auch so. Dies ist deutsches Kernland. Da ereignet sich (jedenfalls bis vor kurzem noch,) auch deutsche Logik. In Amerika hätte so ein Schild jahrzehntelang in seiner Unlogik fortbestehen können.

Nehmen wir einmal an, ein paar Schritte weiter Richtung Osten hätte auch ein entsprechendes Schild, natürlich 180 Grad andersherum gedreht, gestanden, dann auf russisch zuerst:

Sie verlassen den sowjetischen Sektor.

Sie hätten dann auch vielleicht wieder den ursprünglichen ehrlicheren Gottesnamen Russland benutzt statt des revolutionären »Sowjet«. Denn sogar die Amerikaner benutzten nur ihren deutschen (!) Namen, nicht ihre politische Konfession.

Aber erst entstand 1961 ja hier die Schandmauer! Die Schilder blieben unverändert stehen, dass YOU nun den amerikanischen Sektor verließest. Und ein westlicher Witzbold schrieb auf eines dieser Schilder dazu – nur auf Deutsch! –

»Ja wie denn?«

Und ebenso, nehmen wir einmal an, hätte ein östlicher Witzbold auf seiner Seite dazugeschmiert, falls er die Freiheit gehabt und überhaupt an die eigentliche Mauer hätte herantreten können:

»Ja, macht es uns doch erstmal selber vor!«

Dann wäre noch klarer geworden, dass beide Schilder eigentlich vor Gott eine ganz andere globale und viel tiefere Bedeutung gehabt hatten, nämlich auf beiden Globushälften geistlich den Schritt, wie hier am Nabel der Welt, in die andere Hemisphäre zu tun und der anderen Ideologie in brüderlicher Liebe entgegenzukommen! Ich hoffe nur, dass Gott es wörtlich nimmt und wir also schon leaving, am Verlassen, sind; denn allein und von uns aus, können wir da gar nichts tun.

So ist es durch Gott gekommen! Russland hat den Schritt getan, und wir Übriggebliebene im Westsektor der Welt, müssen den Schritt aus dem amerikanischen Bannkreis erst noch tun! Ich habe das eingangs des Buches durch das russische Zitat andeuten wollen. Ja, genau das! »Sie verlassen den amerikanischen Sektor«. Gemeint ist das amerikanische Einflussgebiet und den Ungeist, den die Welt inzwischen so eifrig nachbabbelt.

Denn geistlich stehen gerade die Deutschen, eines der ältesten Kulturvölker, um uns mal zuerst an die eigene Nase zu fassen, auf ihrer tiefsten Tiefe in ihrer ganzen Geschichte von zwölfhundert Jahren!

 

* * * * *

 

 

 

Immerhin war zur Wiedervereinigung kein Tropfen Blut geflossen. Honeckers Schießbefehl wurde gesetzwidrig nicht ausgeführt, und auch ihn selber ließen wir nach der »Wende« so kurze Zeit später unbehelligt laufen, die nobelste Behandlung!

Begreift ihr nicht, was Gott uns da tat? Uns, dem Feigenbaum, der wieder und wieder nicht die erwartete Frucht getragen hatte, aber Gott lässt ihn noch einmal nicht abhauen und ins Feuer werfen! Da sagt nun Jeschua: »Sieh her, (fast) ein halbes Jahrtausend (nämlich seit der deutschen Reformation) warte Ich nun darauf, dass dieser Feigenbaum Früchte trägt, aber Ich finde keine. Hau ihn um, was soll er für nichts und wieder nichts den Boden aussaugen?« Es ist nun der Gärtner gleichzeitig der Richter, der »längst eingesetzte König auf dem Sionsberge, der Sein Erbe – uns! – mit eisernen Zuchtruten zerschmettern mag«, und Der also Macht hat, uns auszurotten, und wie oft hat Er nicht gerechten Grund genug dazu gehabt? Er ist es auch, der uns das erzählt und nun Seinen Herrn bittet, es noch ein Jahr weiter (mit Deutschland) zu versuchen. Es ist unser Gottesgärtner, der uns nun so sichtbar den Boden »rundherum«, die Nationen um Deutschland, auflockert und düngt.

Nun sagst du, lieber Leser: Ich denke, alles hängt an Gott? Wenn Er uns so verstockt hat, können wir auch in tausend Jahren keine Frucht bringen! Wie könnt ihr einerseits alles bequem auf Gott schieben, und das andere Mal es doch wieder Menschen allein und ihrem freien Willen ankreiden?

Die Antwort ist erstaunlich. Zugegeben, das sind zwei widersprüchliche Denkweisen. Aber niemand aktiviert ja diejenige von den beiden, Gott zu vertrauen, Ihm alles »zuzuschieben«! Dann wären wir fein heraus! Da ruht ja unsere Sünde auf Ihm und wird uns nicht mehr angerechnet. Aber unsere Selbstsucht, unsere so eifrig angeeignete »Gottähnlichkeit« – ohne Demut – ist ja so mächtig und ist es die ganzen fünfhundert Jahre geblieben, dass nun Gott sagen könnte, hast du so menschenmächtig gedacht, so will Ich dir ebenso wiedermessen, dann stellt sich klar heraus: du hast nichts erreicht!

Denn wir bauen ja nicht auf die Reforma-, sondern die Revolu-tion.

Hätten wir’s nur wirklich auf Gott geschoben – und niemand, der zu Gott will, wird abgewiesen – dann hätte der Feigenbaum auch Frucht getragen! Denn dann geht es nicht mehr nach menschlicher Leistung. Oh, diese Konstitution der Liebe zwischen Vater und Sohn! Die »eisernen Zuchtruten« sind Ihm angewiesen, aber Er wendet sie nicht an!

Und noch ein Gedanke: Die christliche »Religion« sei uns vor tausend Jahren aufgezwungen, passe nicht zum germanischen Wesen! – Andersherum! Ja, damals war es eine Menschenreligion! Aber nun ist uns der Fehler schon bei Halbzeit korrigiert worden! Denn zu Luthers Zeiten hatte ja keiner das richtige Evangelion. Nein, seit dann sind wir auf Gedeih und Verderb ganz mit unserem Gott verwurzelt! Und wann hätten denn auch die Juden sich »freiwillig« für Gott entschieden? Nie, es kam immer von Gott!

Begreift ihr wohl die einmalige Chance in der Geschichte? Es muss ja am Ende alles von Gott kommen, wir sind ganz hilflos. Und mir sei es ferne, ein Moralprediger zu sein! Wie aber dann? Sollen wir die Feder niederlegen und nur auf Gott warten, weil wir gar nichts tun können? Weder ganz das eine noch das andere! Wir stehen und fallen im Glauben. Also rufe ich: Überzeugt euch doch! Das ist der einzige Weg zum wirklichen Glauben. Und Glauben ist der einzige Weg zu Gott. Und ohne Gott haben wir gar keine Zukunft!

Seht ihr den Segen darin, was uns eben noch als Fluch erschien?

Gut, alles ist von Gott abhängig, wir können uns im Grunde nie selbst retten. Da hat uns Gott in eine Grube gelockt, an der wir jedenfalls weniger schuldig waren als es unsere vereinten westlichen Feinde aus Selbstscham behaupte(te)n. Es war für uns unmöglich, gegen die vereinten Industrienationen der Welt militärisch–kernig zu siegen.

Und nun versetzt euch in den Überfallenen aus Sams Version des Barmherzigen-Samariter-Gleichnisses, als er in der Herberge wieder zu sich kommt: Wer war das? Wer hat mich gerettet? Wo bin ich? Was soll ich nun machen? Ich will Ihm folgen, denn Er hat ja mein Leben für sich verdient! Mein Punkt ist, dass es Gott ist – denn wir können ja nichts tun – Der uns in eine Situation versetzt, wo wir unter Verlust unserer Freiheit nur noch einen Ausweg haben, nämlich, Ihm zu folgen. Der »Nächste« wird nun wirklich der (oder das) Nächstliegende für uns. Mühselig und komplett hat Gott den Deutschen ihre Falle gebaut. Sie können nirgends mehr heraus, außer dem einen Loch, einem Überdruckventil, und gerade dessen Existenz wird für uns zum Gottesbeweis, Seiner Existenz und unendlichen Liebe, uns nicht vergehen zu lassen!

Uns durch die beiden Weltkriege zu jagen, war grausam! Aber was denkt ihr denn? Sind wir hier auf Erden, uns verpimpeln und verwöhnen zu lassen? Das Leben zu »genießen«? Oder um Gott zu erkennen?

Gäbe es irgendwo einen Christen auf der Welt, der vor 1940 gelebt habe, und ich hätte noch als Kind erfahren, dass er zu Gott um genau diese Weltkriege für die Deutschen gebetet habe – ich hätte ihn in meiner Unerfahrenheit, in Not und Trümmern, gehasst! Jetzt, da ich sehe wie er, tu ich das nicht mehr!

Vielleicht treffen wir diesen Menschen einmal, wenn wir alle zu unserem Bestimmungspunkt durchgedrungen sind?

Überzeugt euch doch! Glauben ist der einzige Weg zu Gott. Und ohne Gott haben wir keine Zukunft!

* * * * *

Nehmen wir an, jemand sei kein Christ. Gott hat ihn nicht erleuchtet, er meint, das sei alles überschäumendes Wunschdenken, aber das Universum sei leer und tot. Was soll denn so ein Mensch tun? Wir alle haben, rein politisch vor unseren überstarken Nachbarn nur eine Chance. Deutschland muss ebenso ein Hort der Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit und Bescheidenheit, also ein internationales Vorbild werden, wie es das in der Industrie geschafft hat. Das gilt nun umso dringender, weil wir an der Schwelle stehen, wieder stark und »national« zu werden! Dass sie sagen werden (müssen): Ja, in Deutschland wäre so etwas (Schlechtes) nicht vorgekommen, oder, gibt es wohl noch eine Möglichkeit (zum Guten), was würden hier wohl die Deutschen tun? Zuverlässig müssen wir werden, wie wir’s leider im Negativen zwölf lange Jahre waren. Was aber sind die Regeln für ein solches Verhalten? Keine neuen politischen Maximen, sondern sehr alt und bewährt und viel fester fundiert als jede Politik: Gottes Gebote. Wir wissen doch alle, dass es genau darauf ankommt, keine Lügen, keine politischen und sonstigen Morde, in internationalen Spannungen lieber nachgeben als Waffenrasseln und den aufkommenden Gegner herauslieben aus seiner Falle, dass ihm selber seine vorherige Hass-Stellung peinlich und unmöglich wird. Schon gar keine Waffen anwenden außer im äußersten Verteidigungsnotfall. Kein Ehebrechen (oh weh über unsere demokratische »westliche« Kultur!) Kein Stehlen. Das sind doch immer die auf den Mitmenschen bezogenen Gottesgebote gewesen? Was hat nun der Ungläubige besseres zu bieten? Und schon allein unserer Nachbarn wegen, sage ich, bleibt uns, ob Christen oder nicht, keine andere Wahl!

Warum lieben uns die Balten wieder? Nun, erst wohl im Kontrast zur Sowjetunion, als das kleinere Übel. Aber wir waren nun fünfzig Jahre ganz bescheiden, und das nicht aus uns selber, denn das war der einzig uns bleibende Pfad, also im Grunde wieder so eine Gnade Gottes, ein Beispiel, ein An-der-Hand-Führen. Und solch Nachgeben, nicht Säbelgerassel, gewinnt nach der Bergpredigt die Welt.

Ein Kind kann noch nicht recht laufen, strauchelt, torkelt und fällt. Da nimmt ihn (uns) nun Gott unter die Arme, wohlgemerkt entnimmt ihm also die »Freiheit«. Und nun, souverän geworden, wollen wir wieder »national« werden, uns in eine andere, die falsche, Bindung begeben? Und hier mein Punkt: Was soll wohl der ungläubige Deutsche anderes tun? Nun, die Gebote Gottes sind international! Es bleibt uns wirklich keine andere Lösung, ob Christ oder nicht, für eine erfreulichere Zukunft! In Gottes weiser Voraussicht treffen sie sich da, sind diese Gebote für Gott und die Menschen das einzige Zahlungsmittel.

Gut, ich habe viel gegen die ehemaligen Westaliierten wegen der beiden Kriege. Aber eine kleine Güte an uns, dem ehemaligen Feind, stopft mir sofort und sehr gründlich mein Maul: Die amerikanischen Care Pakete ins hungernde Berlin, uns, den so gehassten Feinden!

Rechnet doch mal ab, was euch »die große Freiheit« seit den Befeiungskriegen eingebracht hat! Sie kam schon ganz unfreiwillig, mit den Schwertern Napoleons. Habt ihr daraus gelernt? Ja, zweimal das Falsche! Den Nationalismus – Franzosenhass der Burschenschafter – und die Demokratie! Warum wart ihr nicht fest genug, zu sehen, dass die Franzosen verführt waren, ebenso, nur früher als wir? Nein, wir mussten unbedingt auch in diese Falle! Also ließ uns Gott weinenden Auges gewähren. Es hat uns Gott die Reformation gesandt und Luther, der die Revolutionen von Gottes Geboten her verdammte, auch, abgesehen von der Zeit, die französische. Freuen sollt ihr euch und springen, dass Gott euch so anhaltend liebt, dass Er euch zu eurem eigenen Nutzen durch dies ganze Elend seit 1915 hindurchtrieb, damit ihr nämlich klug werdet!

Und nun, singet dem Herrn ein neues Lied! Das heißt, denkt einmal neu nach!

Hat nicht unsere einst christliche und ursprünglich europäische Kultur übrigens im Gleichschritt zu den politischen Wirren von der Paulskirche an, die größte Mühe und den längsten Fleiß angewandt und uns alle aus einer Agrarkultur mit Öllämpchen und dem vom Pferd gezogenen Pflug zu jeweils hochkomplizierten Technokraten befördert? Da war es also als recht anerkannt, alle Anstrengung ganzer Generationen anzuwenden, unser Los zu verbessern. Warum nun nicht ebenso im so lange vernachlässigten geistigen Bereich? Ach, ich bin ein kleiner Landarzt, der gar nicht viel weiß. Aber was könnten wohl meine begabteren und gebildeten Landsleute mit diesen Anregungen anfangen!

Und nun denkt an ein Perpetuum Mobile! Ganz recht, diese utopische Maschine, die ewig aus sich selbst laufen kann ohne Energie von außen zu verbrauchen. Nehmen wir an, wir seien nun ein Denker um die Jahrhundertwende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, der träumt, eine solche Maschine zu erfinden und dann zu bauen. Ach, es geht ja nicht! Soviel hat man bald auch damals schon gelernt.

Bin ich nun etwa so ein Träumer, jetzt, wo es nach all der Technik heißt, auch einmal »geistig zu erfinden«, dass ich Gottes perfektes Reich hier auf der Erde predige, wann immer wir es wollen?

Durchaus nicht. Gut, es gibt auch darin kein Perpetuum Mobile! Mein Techniker von damals resigniert. Er geht nach langem müßigen Grübeln wieder auf seinen vernachlässigten Hof und spannt sein Pferd vor den alten knarrenden Leiterwagen. Aber da kommt ihm ein negativer Geistesblitz!

Wenn es schon kein Perpetuum gibt, dann taugt die ganze Technik nichts! Hinweg damit! Hinweg mit den Rädern an dem alten Karren, dieser phantastischen Menschenerfindung! Da gab es einmal eine primitive Kultur in Mittelamerika, von der wir nun lernen sollen!

Er zerhackt seinen Leiterwagen und macht einen Packen, den das Pferd halb auf dem Rücken trägt, halb auf einem schrägen Stock auf der Straße entlangschleift. Voilà, ein Inkawagen! Auch der hat einen Vorteil: eine wirksame Rückrollsperre, wenn das Pferd bergauf ziehen muss.

Ja sowas! Ebenso haben wir zum Vorteil der Technik das Geistige seit damals vernachlässigt! Voller Zorn und Bockigkeit alles hingeworfen, was uns Gott schon hatte erwerben lassen, und Zuflucht bei einer primitiven heidnischen Kultur gesucht – und deren »Demokratie« als das neue Evangelium eingeführt! Hat nicht Matthias Claudius schon damals gewarnt: Das Neue (die Revolution und Demokratie) ist das Alte (der Zustand vor der Aufteilung der Aufgaben und damit auch vor der verteilten Autorität) und ein Rückschritt in der Kultur, zurück in Richtung Chaos! Wieder auf die Bäume mit der Keule!

Schreibt nicht auch Schiller:

»Weh, wenn sich im Schoß der Städte der Feuerzunder still gehäuft,

Das Volk, zerreißend seine Kette, zur Eigenhilfe schrecklich greift!

Da zerret an der Glocke Strängen der Aufruhr, dass sie heulend schallt,

Und, nur geweiht zu Friedensklängen, die Losung anstimmt zur Gewalt.«?

Und dass er wirklich vom nämlichen Aufruhr seiner Zeit damals spricht, wird klar wenn er fortfährt:

»Freiheit und Gleichheit! hört man schallen, der ruh’ge Bürger greift zur Wehr.

Die Straßen füllen sich, die Hallen, und Würgerbanden ziehn umher.«

In der Technik haben wir doch nicht so resigniert. Gut, es gibt kein Perpetuum Mobile. Aber deswegen will ich jetzt doch mein Wagenrad gut schmieren und es zu gegebener Zeit ersetzen gegen ein leichteres und doch stabileres aus Metallfelge und dünnen Stahlspeichen, will meinen Wagen besser federn und noch zu erfindende elastische Reifen ansetzen. Und da die unvorhersehbare Straße mich immer wieder hindert, will ich auch sie unter Kontrolle nehmen, sie glatt machen, erst einmal nur da wo mein Rad läuft. Das schreibe ich ihm nun vor, lasse es in von mir gelegten Schienen laufen! Haben wir nicht auf diese Weise Schritt für Schritt Großes geleistet? Man betrachte so einen Leiterwagen von 1793 und einen Rennwagen von 1993! Wohl, beide sind kein Perpetuum Mobile. Und so gibt es für uns auch für jetzt kein Gottesreich auf Erden. Aber wir haben noch nicht einmal annähernd versucht, den Raum zur geistigen Entwicklung für Kultur und Staat, den Gott uns zulässt und von uns auch fordert, einzunehmen, haben nicht einmal versucht, die schon erfundenen Räder wenigstens zu schmieren!

Gerade höre ich im amerikanischen Rundfunk von neuen Unruhen und Nebenkämpfen in Jugoslawien. Und unsere heldenhafte Mannschaft sei nun da, »die Demokratie« (also den Inkawagen) »zu retten«! Als wenn alles auf diese alte, doch eigentlich längst überholte Menschenerfindung, die doch versagt, ankäme! Sie wird Unrecht bannen, ewigen Frieden stiften, alle glücklich machen? Ha, ha! Ach, wir Ältere, die wir’s durchs Erlebte besser wissen, müssen wohl von ziemlich früh mit unserer Aufklärung wieder anfangen!

Und kann man’s nicht in der Tat an unserer eigenen sowie der Geschichte aller Völker, die einmal als Volk Christen gewesen sind, ablesen? Immer nur dies, und dies eine: Achtet auf Mich, gebt Mir die Ehre, dann will Ich euch Gnade erweisen bis ins tausendste Glied? Warum schlafen wir so lange noch?

Nehmen wir Michails »Aristarchie«. Es ist nichts als ein Anfang, ein Gedankenmodell, wie die ersten Überlegungen, Räder in Schienen, nämlich in glatterer und besserer »Unfreiheit« laufen zu lassen. Es braucht noch viel Gedankenarbeit von hingegebenen Fachleuten. Ich hatte gedacht, die »Wende« sei eine Gelegenheit zu Deutschlands Neuordnung gewesen. Aber wir haben sie verpasst, sind ja geistig ganz unvorbereitet gewesen, wie damals König Friedrich Wilhelm IV als die Revolution zubiss. Das wenigstens sollten wir nun nicht mehr sein.

Besonders sollten wir uns um Sicherungen in diesem Gedankenmodell kümmern. Es könnte in meiner regierenden Elite ein Cliquenwesen entstehen, das sich mit Schmu und Bestechung an die Spitze setzt, um den Rest der Elite und des ganzen Volkes zu beherrschen und zu unterdrücken. Wer sollte der Beaufsichtiger dieser freien Höchsten sein? Kann man eine Gesinnung züchten, dass deren Mitglieder vor jedem faulen Versuch gewappnet sind und wir keinen weiteren Aufpasser brauchten? Kann man auch die Jugend denn nicht mehr zu Idealen begeistern? Wenn man sie begeistern kann, fröhlich in den Krieg zu ziehen, um sich erschießen zu lassen, dann müsste es auch möglich sein, ein paar wenige künftige Politiker zu begeistern, nicht mehr Geld und eigene Macht zu lieben! Lasst das Wort »Politiker« wieder einen feinen, edlen Klang gewinnen. Es schmeckt ja bisher nach Fäulnis und Unrat!

Sam hat gewarnt, es »gehe nicht«! Ich habe mein Webbhaus alleine laufen lassen. Gewiss, eine Tradition war da, aber nach wenigen Jahren mit anderen Beteiligten war’s eine schlimme christliche Diktatur!

Neben dem großen Problem der Einführung von Michails System gegen die Gefangenschaft in der Demokratie und ihres Parteienunwesens, durch das man, scheint es, allein zur Regierung kommen könnte, und das doch gerade abgeschafft werden soll, der ersten, innerdeutschen Feuertaufe, sehe ich eine andere, eher noch ernstere, internationale Feuertaufe heraufblinken:

England wird zetern, wie es uns auch nicht den Bau einer Flotte gestatten wollte und sich tückisch in den Ersten Krieg als Aggressor drängte! Ebenso im Zweiten! Aber da haben sie sich wenigstens schon so schuldig gefühlt, dass der König einen Bußgottesdienst angeordnet hatte. Diese Leute sind ja wirklich noch der naiven Auffassung, sie seien rechtlich dazu bestimmt, alle Völker zu »kontrollieren«, nach ihrer mehr diffusen und nicht so grob ehrlichen, also »deutschen«, Bedeutung des Wortes: zu beherrschen! Wie sollen wir als ein Europa in Frieden und Achtung zusammenwachsen, solange führende Nachbarn noch so unreif sind? Sie haben für sich selbst die volle Demokratie offiziell wohlweislich nicht, aber sie ist ihnen (wie Hitler) ein praktisches Instrument, die anderen, ihre Nachbarn, besonders die lästigen Deutschen, zu »kontrollieren«, gesichert durch den Bruder von Übersee. Den gilt es erst und sie, von unserer Anständigkeit und Reife in Liebe und großer Geduld zu überzeugen! Reife ja, denn wir haben schon erfahren, wie man verliert, wenn man alle beherrschen will. Wie es mit der generellen Gesinnungskonstitution in Usa jetzt steht, ist das bei ihnen nicht zu schwer, denn sie haben eine Achtung vor uns, die an die für die Briten heranreicht, und trotzdem fast die größte der Welt ist, größer ist als die für Japan, weil man sich physisch nicht so mit denen identifizieren kann. Eine Amerikanerin aus einer Kirchengemeinde erwähnte einmal, dass ihr bei ihren Studien in England und Deutschland die Deutschen der Erscheinung nach mit den Menschen in Usa viel verwandter vorgekommen seien – Kunststück, die amerikanischen Vorfahren von heute haben ja mehr deutsches als englisches Blut in sich. – Sie würden auch den Deutschen eher noch eine Neuerung, wohl auch im Geistigen, eine neue Reformation, zutrauen und gestatten. Und zweitens, USA hat noch ein Rudiment einer Gottesvorstellung, sie sind auch noch, wohl inzwischen die einzigen der Welt, auf Israels Seite.

Allerdings sehe ich auch da leichte Spannungen, wenn wir aus dem nun fast hundertjährigen Sklavenverhältnis ausbrechen, endlich wieder ein eigenständiges Volk werden und gar der »heiligen« Demokratie Valet geben. Da gälte es dann, unseren Schritt vor der Welt glaubhaft zu begründen, ohne irgendeine der Demokratien zu beleidigen, etwa, dass es in Deutschland leider nicht so fein damit geklappt habe und wir nun als neue Nation viel mehr in der Gefahr stünden, wieder herrschsüchtig zu werden, beides ja absolute Wahrheit.

Wohl, ein solcher deutscher Schritt wäre mehr als ein Experiment, es wäre ein Alles, dem dann die anderen Völker nach und nach folgen würden, wie einer Modesache, die Demokratie war ja nichts anderes, sie war chique und kam aus Frankreich!

Oder unser Schritt wäre ein großes Nichts, allerdings ohne Blut und mit einigem Opfer! Aber was machte es uns dann, wieder einmal von vorn anzufangen? Sie würden uns vielleicht verachten und für dumme Idealisten halten – und doch hätten wir ein Guthaben auf geistlichem Konto – Nach ein paar Jahren würden sie ruhiger werden und uns aufmerksam beobachten, ob sich unser Neues, was ja nun offensichtlich mal kein Terror ist, auch bewähre. Damit hätten wir schon einen wesentlichen Vorteil. Und so hassen wie um 1945 würden sie uns nicht!

Was die »Aristarchie«, die Herrschaft der Besten selbst betrifft, so gelte allgemein, dass wir bestimmte Eigenschaften in unserer Elite haben müssen. Jede Eigenschaft ist entweder durch die Umwelt, schon sehr frühe Erfahrung und dann Erziehung bedingt, oder angeboren. Nun einfach: Das Angeborene wird durch feinste und früheste Auswahl erreicht und das die Umwelt betreffende durch die beste, schon früh einsetzende Behandlung und Erziehung! Hat jemand die Triebkraft und den Mut für Neues und auch den Erfolg bei den Vielen wie Hitler, aber nicht die Gesinnung wie Bismarck, wählt einen anderen! Es kann nur der kleinste Teil wirklich aktiv an die Regierung kommen.

Lasst es wieder Mode werden, Kinder der Strebsamen oder derer, die es sich leisten können – und ich habe durchaus nichts gegen »führende« Familien wie in Preußen! Man erinnere sich, wir haben mit der demokratischen Utopie der »Gleichheit aller« gebrochen – Also man lasse die Kinder zunächst einmal schon sehr früh durch Sprachlehrer der jeweiligen Nation ausbilden, dass sie mit sechs oder sieben Jahren außer Deutsch zwei andere Sprachen akzentfrei beherrschen.

Noch ein Gedanke zur Sprache. Gleichzeitig mit der Einführung unserer Aristarchie müssen wir leider den Engländern die Weltentwöhnung des Englischen aufbürden! Über die Aristarchie, sollte sie erst einmal Fuß fassen und das Ausland Interesse zeigen, werden die Engländer vor Neid, dass etwas Neues und Gutes nicht von ihnen kam, schon angespannt sein, aber wie bei der Reformation oder dem sinnvolleren Maßsystem, schließlich aus welch immer Motiven, nichts anderes tun können, als mitmachen.

Wir bemühen uns dann, mit Frankreich und Polen in einen Vertrag zu kommen, dass Esperanto schon in den Volksschulen gelehrt und als allgemeine Umgangssprache in allen internationalen Angelegenheiten eingeführt wird. Frankreich, weil wir da am ehesten auf Verständnis hoffen können, weil nämlich Französisch als Diplomatensprache – zu ihrem Verdruss und Hass aufs Englische – langsam aber sicher verdrängt ist und die Franzosen mindestens seit De Gaulle uns näher rücken wollen als Schild gegen das übermächtige Angelsachsen. Das bringt sofort England auf den Plan aus Neid wie im Vereinten Europa und aus »Gleichgewichts«-Gründen in Europa, sprich ihre berühmte »control«. – Und Polen, weil der Erfinder dieser Kunstsprache 1887, also gerade rund hundert Jahre vor der Wende, der polnische Arzt Zamenhof war. Nun, haben wir dieserart einen europäischen Esperantoblock, dann ziehen die anderen schon nach! Zunächst Russland, wegen der leise noch schwelenden Antipathie gegen das Englische und zum Anschluss an den Westen wie der Rest des Ostens, und auch Skandinavien. Der ferne Osten hofft schon lange auf eine Sprache, die den technisierten Westen erschließt, universaler als die Nationalsprachen bisher und für sie nicht so grässlich schwer zu erlernen. Sie konstituieren schon bisher einen großen Teil der Esperantosprecher.

Einmal dahin gekommen, verschwindet das mangelhafte Englisch, das die Deutschen selbst im eigenen Land, wie unser Boris, zum Entsetzen der ausgewanderten Deutschamerikaner, mit schlechter Aussprache überbenutzen. Im Frankfurter »Airport« gibt es nicht einmal mehr Flugsteige, wie in der Schweiz, München und sogar in den deutschsprachigen Hinweisschildern amerikanischer Flughäfen, sondern »Gates« in der offiziellen »deutschen« Gebrauchsanweisung, und gibt es »Händis« als Telefone, was hier in Amerika selber gar keiner sagt. Ich habe mich seinerzeit in Frankfurt so geärgert, besonders als mir der Verantwortliche wegen einer anderen Sache einen Brief in falschem Deutsch schrieb, dass ich zurückschrieb, er meine wohl »Agate«, ein Wort »Gate« gebe es auf (statt: »in«) deutsch nicht! Und sie sollen in Deutschland jemanden anstellen, der des Deutschen und Englischen mächtig ist, und nicht beide Sprachen mangelhaft zusammen vermanscht.

Es wird spät, und ich will zum Schluss kommen. Noch gern und oft denke ich an meine Webbhäusler. Dr. Samuel Rothman ist in der Stadt geblieben, zu Ehren und Wohlstand gekommen und wohnt noch glücklich mit seiner Familie in seinem Luxushaus. Sie haben Maryann mit übernommen. Die sei in der neuen Familie richtig aufgeblüht.

Ja, und was ist aus Michail geworden? Ah, sie wollen nun ganz sesshaft werden in der Alten Welt. Es geht ihnen gut. Und fast vergaß ich es zu erwähnen. Er und seine Frau lassen grüßen! Sie hat lange warten müssen wie damals auf die Klärung ihres Fatalismus, der ja, was ihn betrifft, auch keiner wurde! Aber inzwischen hat sie Deutsch und Russisch gelernt. So schreibt sie sich jetzt übrigens »Sonja«.

Auch hat sich Assistenzarzt (hier: »Resident« genannt) Dr. Rudolph Frazier wieder gemeldet. Ich lauschte gerade dem Brandenburgischen Konzert Nummer sechs, als ich einen Wagen auf meinen Kiesplatz im Garten knirschen hörte. Da bemerkte ich sein inzwischen auch schon nicht mehr neues, aber größeres und nicht mehr so spartanisches Auto. Er war gerade zu Besuch in seiner alten Universitätsstadt und besuche uns nur kurz, weil er noch vor Mitternacht wieder bei Frau und Kindern zu Hause sein wolle, blieb also nicht einmal zum Essen. Erst beim Abschied, als ich mit herunter vors Haus kam, sah ich zuletzt auch das Hinterteil des nun den Fahrweg herunterfahrendes Autos. Es hat keine provokatorischen Sentenzen über Minoritäten mehr, aber ganz konnte Rudi es doch nicht lassen. Man kann ja hier sich ein personalisiertes Nummernschild bei der Behörde kaufen, und die Autobahnen sind voll von vorbeibrausenden John, Dasie oder Debby, sogar Dabby, Debbie oder gar Debbee, weil es ja nur eine Fassung in dem jeweiligen Staat geben kann. Aber wer, wie Rudi, etwas Ausgefallenes wählt, hat Aussicht, es auch zu kriegen. Auf seinem abfahrenden Nummernschild also las ich:

4GIV 490

Wieder musste man bescheid wissen und/oder etwas nachdenken, und wieder war es in einem zurückhaltenden Sinne christlich-missionarisch. Für Uneingeweihte füge ich hinzu, dass »4GIV« die für solche Autoschilder typische saloppe Abkürzungsart ist und sich Four Give liest, zu kombinieren aber ist »Forgive,« und Vergib bedeuten soll. (Es darf ja in allem mit Abständen nicht mehr als acht Buchstabenlängen betragen.) Aber was bedeutet dann die Zahl? Es kam mir auch erst, als ich wieder oben bei Bach in meinem Studierzimmer war. Man nehme die Zahl als ein Produkt, also als Ergebnis einer Multiplikation.

Das Ganze ist ein biblisches Zitat von einem Vers 21, was ja auch eine Produkt von 3 x 7 ist.

Ich traf auch Jim Luke wieder. Nicht nur bei einigen Besuchen in der Strafanstalt, die aber etwas kalt und gezwungen verliefen, ich denke, wegen seiner großen Scham, sondern in Freiheit, als er nach sieben Jahren wegen guter Führung entlassen wurde, und ich die Freude hatte, bei einer Jobsuche Referenz zu sein, zu helfen und zu vermitteln. Er ist ein ganz anderer geworden. Auch im Gefängnis wie bei Dostojewski in Sibirien, wo es nicht immer durch die Mithäftlinge zum Schlimmeren kommen muss, hat Gott – wie sagten wir damals? – sein Substrat zum Guten und Reifen verändert!