Viertes Kapitel

Mischa und Sonya

Die letzten Worte hat Mischa schon in die entstehende Unruhe gesprochen, denn die Tafel als Demokratie, betrachtet sich als aufgehoben, wohl auch, weil Sonya, hier im Webbhaus also das Substitut der alten ›Dame des Hauses‹, wieder in die Küche gegangen ist, um Ordnung zu machen. Man stellt noch pflichtschuldigst ein paar Teller zusammen und geht dann zurück ins Wohnzimmer, sich in die bequemen Sessel zu plazieren. Dort haben sich aber schon ein paar Grüppchen gebildet, so dass Michail, dem das ganz recht ist, einen Moment bei Sonya in der Küche verweilt. Es ist ihm nämlich selbst nicht angenehm, dass er so ein Mittelpunkt, ein zu inspizierendes Zootier sein muss und durch Fragen zu langen Monologen gezwungen wird.

Daraus ergibt sich wie von selbst, dass er mit Sonya eine der sich nun bildenden Gruppen wird, es sind zudem auch keine Sessel im Wohnzimmer mehr frei.

Dort haben sich ebenso, durch die Gegebenheiten bedingt, mindestens zwei verschiedene Gesprächsgruppen gebildet, die aber zusammen bald über das Gehörte, bald auch kritisch über den neuen komischen Vogel von Gast reden, den sie da aufgelesen haben, welche Entwicklung der Dinge Dale mit einiger Genugtuung – jedenfalls für diesen Moment noch – bemerkt.

Michail habe eine komische Art, die Bibel zu benutzen, meint einer, so mache man das nicht, jedenfalls habe er’s noch nie so gehört. Das sei ja nicht unbedingt ein Makel, antwortet ein anderer, man müsse dann eben dem unerfahrenen Neuling mit Geduld die rechten Wege weisen und auf ihn eingehen und in seiner eigenen Weise antworten.

»Na,« sagt Rudi, »mir kommt’s gar nicht so vor, als ob er da ein Neuling sei! Der steckt uns mit Bibelkenntnis doch wohl alle in die Tasche.«

»Ha, wenn er nicht mal Jakob und Esau auseinanderhalten kann!«

»Also, das kann mir auch passieren! Ich verwechsele immer Rahel und Rebekka.«

»Und wie er die Bibel unmöglich auslegt! Auf die Ungleichheit durch die ganze Bibel wusste ich auch nichts zu antworten.«

»Ja, aber ist denn richtig, was er sagt? Darauf kommt doch alles an! Am Ende sind wirklich nicht alle Menschen gleich?«

»Wo kommen wir da hin? Das widerspricht doch allem, woran wir Amerikaner glauben. Unsere ganze Freiheit steht in Frage!«

»Na, die ja schon sowieso!«

»Ja, aber da kann er auch behaupten, Wasser fließe bergauf! Wir müssen doch was Unverrückbares zum Festhalten haben! . . «

»›Axiomenrigidität!‹ Nebenbei bemerkt: gutes Wort! Klingt so philosophisch!«

»Vielleicht ist er nur so’n Neonazi, das soll ja jetzt im frei gewordenen Russland eine ernstzunehmende Partei werden!«

»Und überhaupt seine Ausdrucksweise! Man kann doch nicht sagen, wir sind aus dem Paradies ›rausgeflogen‹! Oder es gehe jemandem ›dreckig‹, es ›stinkt zum Himmel‹ oder Indianer ›rausschmeißen‹, Atemluft ›versauen, Weisheit hätten wir hier ›mit Löffeln gefressen‹!«

»Oder das ›Affentheater‹ bei den deutschen Wahlen!«

»Und das sagt er ausgerechnet noch über den freien Westen!«

»Mich stört die Form weniger als Manches am Inhalt! ›Der Amerikaner, des selbständigen Denkens völlig entwöhnt …‹! Das bost mich! Wenn das stimmte, hätten wir allerdings keine Freiheit mehr!«

»Wollen wir also ganz demütig suchen, ob nicht doch ein Funken Wahrheit daran sein könnte. Erstmal stimmt ja, dass wir hier unser Vertrauen, die Autorität, dem geben, der am lautesten brüllt und das meiste Großgeld hat!«

»Das war aber schon immer so.« sagt etwas besonnener Bob, »Wäre Jesus als Prinz und Herrscher mit der nötigen Scheinautorität aufgetreten, hätten sich die regierenden Juden Ihm auch gebeugt ..«

»Stimmt! Aber nun kam Er klein und unscheinbar. Also musste Er falsch sein! Wenn Er dazu die Frechheit hat, überall recht zu haben, prüfen wir aus Ärger schon noch weniger, dann muss Er eben weg! Ans Kreuz, ans Kreuz!

Hatten auch die schon damals kein selbständiges Denken, sind wir gar nicht so allein.«

Diese letzte Bemerkung Rudis, die ja Mischas Behauptung vom Denkunvermögen rehabilitiert, so wie seine vorige, wo er, schon ganz wie Mischa, Nachdenken mit Freiheit gleichsetzt, scheint mir von großer Wichtigkeit. Hier halte ich einmal eine Lupe daran in meiner Suche nach eben jenem Phänomen, das ich so gerne fassen möchte – Wie reguliert sich der Geist, die Pecking Order und Autorität, in einer Gruppe? Es steht ja, wie wir gerade gesehen haben, noch sehr auf der Kippe, wie sie ihren Mischa aufnehmen sollen. Aber nun, der unterschwellige Vergleich mit Jesus selber und damit sein Predigen, das stark war und ganz anders als das ihrer Schriftgelehrten, und schließlich Mischas so geschicktes Richtigstellen von Dales Einwürfen – alles erinnert sie unbewusst an unseren Herrn, und also räumen sie ihrem neuen Missionar die Autoritätsstellung ein, ohne die niemand wirken kann, und eben auch, dass er Neues bringt, sie zu lehren, was sie noch nicht wissen, ihm also zu trauen bereit sind und über das nachdenken werden, was sie noch nicht erfasst haben.

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Sonya in der Küche hat eine tiefe Frage, die sie bewegt, zu Mischas Theorien. Vielleicht von ihrem Kirchenhintergrund, einer Brüdergemeinde, her, wo den Frauen das öffentliche Reden stark eingeschränkt, das Lehren in den Versammlungen gar ganz verboten wird, fühlt sie sich in der großen Diskussion um diese Zeit von Mischas Erscheinen nur zum Zuhören berufen, wenn sie auch, eben wegen der großen Frage der Gleichheit und Freiheit, nicht ganz mit ihrer heimatlichen Kirchentradition zufrieden ist.

Da stellt sich nun für sie ganz unerwartet heraus, dass auch Mischas Ideal nicht diese Art Gespräch ist, wo er allein gegen eine ganze Gruppe Andersdenkender, untereinander zwar ziemlich uniform, aber eben »falsch ausgerichtet«, anstehen muss. Er vergleicht sich da mit einem Reisenden, den die Wölfe umzingeln, und er will die unter Naturschutz stehenden Tiere nicht vernichten, sondern mit möglichst nur einem energischen Streich, »alles wieder zurechtbiegen«, also eigentlich die Meinung und ganzen Geist seiner Umzingeler »umerziehen«. Daher packe er soviel schlagkräftige Munition in jedes Argument.

»Wer weiß, wie lange ich überhaupt auf ihre halbwegs freundliche Aufmerksamkeit hoffen darf.«

»Du bist der Lehrer!« bestimmt sie lächelnd.

»Muss ich das?« entgegnet er, »Wer hat mich dazu bestimmt? Ich will wirklich nur ein Teil der Gemeinde sein, und wir tauschen aus, ergänzen einander, Gleicher unter Gleichen – und das sage gerade ich! Warum sehen sie denn nicht, was so offensichtlich ist? So verdummend wie bei uns in der Sowjetzeit kann doch nicht die Erziehung einer ganzen ›freien‹ Nation gewesen sein!«

»Du hast recht, wir sind hier auch nicht frei.«

Die Frage, die Sonya bewegt, geht auf den Gedanken Mischas zurück, dass viele sich nicht eine Palette von Differenzierungsmöglichkeiten erarbeitet hätten und also unfreier seien als die das hätten. Idealerweise sollten Lehrer und Leiter aber diese Freiheit haben. Und dass es immer ›Herren und Dienende‹ geben werde.

»Dostojewski beschreibt einmal,« sagt sie, »und seine Aussagen sind dokumentarisch, er war ja selbst dabei, das Geheimtreffen der frühen Kommunisten noch unter dem letzten Zaren . . . «

»Dem vorletzten, Alexander. Starb erst kurz vor der Jahrhundertwende und wurde von seinem Sohn Nikolas 1894 gefolgt, der gar nicht regieren wollte und auch nicht fähig war. Der erbte den ganzen Schlamassel und wurde in der ›glorreichen Sowjetrevolution‹ grausam mit seiner ganzen Familie, auch den Kindern, hingerichtet – in Säcke gebunden zu Tode geprügelt, oder erschossen; die Überlieferungen gehen hier auseinander.«

Sonya, doch wieder erschreckt über das schon Gewusste, fährt fort: »Da diskutieren sie also, wie die zukünftige bessere und gerechtere Regierung des Volkes aussehen sollte. Man hatte ihnen weisgemacht, es bestünde schon in ganz Russland ein Netz von Geheimorganisationen wie ihrer, was noch gar nicht der Fall war, und die Machtübernahme stünde unmittelbar bevor.«

»›Besi‹, die Dämonen! Das hab’ ich ganz heimlich, weil im Sowjetreich verboten, in Deutschland auf deutsch gelesen.«

»Da steht einer auf und sagt, er habe alles genau durchdacht, es gehe nicht anders, auch wenn ihm bewusst sei, dass das eigentlich die genaue Umkehrung aller ihrer Ideale darstellt. Sie müssten eine Elite, eine Oberschicht, bilden, die das dumme und auch dumm-gehaltene Volk über deren Köpfe weg, regiere.«

»Schigaljow!«

»Richtig. Und seine Idee der Schigaljowismus! Aber dieses Ideal kann doch nicht auch deines von der ›Ungleichheit‹ sein? Es widerspricht nun wirklich allen unseren geistigen Errungenschaften, ja der ganzen Demokratie!«

Sonya erwartet, dass er hier lebhaft einhaken werde oder wenigstens bemerken, dass es unter der Regierung der Sowjets dann wirklich so gekommen ist, wie der große Dostojewski vorausgesehen hat. Er guckt sie aber nur versonnen, fast zärtlich an und an ihr vorbei in eine imaginäre Ferne und nickt langsam bedeutungsvoll mehrmals mit dem Kopf dazu. Das nimmt sie unbewusst wahr, und es bleibt nicht ohne Effekt in ihrem Gemüt. Da er schweigt, fährt sie fort:

»Es gibt noch ein paar andere Stellen in der Weltliteratur, allerdings wohl alle westlich, die die Gleichheit aller als Ideal beweisen wollen, die im Grunde dasselbe aussagen, George Orwells ›Animal Farm‹ etwa oder auch sein ›1984‹, am markantesten wohl die ›Brave New World‹ von Aldous Huxley. Da werden Menschen genetisch gezüchtet, auch wieder: in die kluge Herrschergruppe und die dumme Unterschicht für die grobe Arbeit, wo Nachdenken nur stört, und ein paar Zwischenstufen. Aber wieder gibt es nur eine schmale Oberschicht für die Leitung. So wie bei dir! Nun weiß ich nicht, ob du wirklich noch so ein zynischer Sowjetmensch bist – oder Reste davon hast? – der nur auf Menschen baut, die menschliche Vernunft sei das höchste Prinzip im Weltall, und Gott sei nicht existent, ein frommer Wunschtraum, Opium fürs Volk?

Dann kann und will ich natürlich nicht diskutieren, will auch deinen Glauben nicht verachten. Aber für uns hier – was heißt ›wir‹? – Es gibt ja Humanisten auch bei uns die Menge, also dann für mich ganz persönlich, ist das eine bodenlos grausame Alptraumidee, so wie deine Weltraumhölle. Da lohnt sich nicht zu leben! Wir haben doch nun gesehen, was herauskommt, wenn sich Menschen selbst zu Gott machen. Und das ist dieselbe Idee, die menschliche sei die einzige oder jedenfalls die höchste Intelligenz im Weltall. Hitler und Kommunismus und wohl auch Französische Revolution, waren jedes auf seine Art ein solcher Humanismus. Der Traum hat doch nie gehalten. Du hast das doch auch angedeutet? Sie haben alle gerade das getan, was ihre eigenen Grundsätze am meisten verdammten, mit größter Grausamkeit und unwissend wie die Kinder.

Michail, ich will nur eins wissen: Glaubst du an solche Oberschicht, und unter ihr nur dummes Volk? Und über ihr nur leerer Weltenraum? Meinst du das, wenn du sagst, die Menschen seien gar nicht gleich?

Michail, sag mir ehrlich, bist du ein Christ oder ist das alles nur kluges angelerntes Zeug, was du weißt? Ach, ich will es viel vorsichtiger formulieren. Glaubst du an einen Gott, der ein Ausweg und eine wirkliche Hoffnung ist in all dem Dilemma? Der Antworten hat, die den letzten Sinn ausmachen, die wir auch nicht haben oder gerade die herrschende kluge Oberschicht nicht hat und nie alleine finden kann?«

Mischa antwortet nicht gleich, er schaut sie immer noch so versonnen an, denn er freut sich, dass sie sich ihm so öffnet, und er nicht mehr der Reisende mit den Wölfen zu sein braucht. So dass sie nach einer Weile hinzufügt:

»Ich weiß schon, wenn ich nur wegen dieser Verzweiflung an Gott glaubte, so wäre Er nicht deswegen schon wahr, wäre auch nur wieder ein Wunschtraum, Opium fürs Volk. Nein, wir müssen die absolute Wahrheit haben, grausam oder nicht! Andererseits, wenn ich meinen Wunschtraum schon als völlig belanglos für die Wahrheit selber zugebe, so heißt das ja auch, dass die Lösung nicht unbedingt die grausamere von beiden sein muss.«

»Sonya!« sagt nun doch Mischa langsam, leise und mit trockenen Lippen,

»Ich bin kein grausamer Sowjetmensch! Hast du meine Monologe heute wirklich so schlecht verstanden? Ich bin doch kein Humanist, ich verstehe dich gut. Ich habe doch meine persönliche Konterrevolution gegen die Sowjetdemokratie und auch gegen diejenige der USA hier, weniger turbulent, und ihre Engstirnigkeit in harter Schule gelernt. Es scheint billig, jetzt nach dem Zusammenfall des Sowjetimperialismus zu sagen: ich war schon immer dagegen. – Hätte mich Gott nicht gehalten und davor bewahrt in all den Jahren, ich hätte mir konsequenterweise mein Leben genommen.«

»Wie – wie heißt er? Wie Kirillow in demselben Roman. Selbstmord, weil es keinen Gott gibt?«

Aber Mischa, wieder nüchtern, aber nun ergriffen von der eigenen Tragik, geht nicht darauf ein, obgleich doch diese Tragik fast die gleiche Kirilows ist. Vielleicht will er gerade das nicht bekannt werden lassen. Er sagt mit seiner früheren Stimme:

»Das mit der Gleichheit ist nun sicher Menschenunfug, so ein Traum, wenn auch Viele hier meinen, er bewähre sich. Die Alternative braucht aber deswegen nicht ›Brave New World‹ zu sein. Paulus sagt ganz gut im ersten Korinther 12, dass es verschiedene Gaben gibt, und verschiedene Glieder an einem Leib, also der eine ein Lehrer, der andere ein Prophet, und der Dritte, wenn du willst, schrubbt meinetwegen die Klos in der Gemeinde. Und so hat Gott es eingesetzt! Am deutlichsten spricht die Korachrevolution im Buch Numeri Gottes Gedanken zur vermeintlichen Gleichheit aller Menschen aus, die Initiatoren, die mit Moses und Aaron gleich sein wollten – schon damals! – werden lebendigen Leibes von der Erde verschluckt.«

»Du weißt aber auf einmal gut in der Bibel bescheid!«

»Na ja, stimmt. Ich war wohl vorhin wieder nicht ganz aufrichtig – das bitte ich, meiner Vergangenheit anzulasten – als ich Jakob und Esau absichtlich verwechselte oder mit einmal nicht mehr Ham, Sem und Jaffet kannte! Ich bin das noch so von früher gewohnt. Misstraue jedem Kreis, besonders, was dein Christentum angeht. Stell dich zynisch und mehr wissend als dein Gegenüber, das du nicht kennst, aber gib nie was Persönliches, Bloßstellendes zu, vor allem nie deinen Gottesglauben!

Wenn Gott nun solche Unterschiede setzt, Väter als Oberhäupter der Familie, Richter, Lehrer, Polizisten und Obrigkeiten der Regierung, eingesetzt von Gott, und eben eure Ungleichheit der Weibsleute in deiner Brüdergemeinde, will ich sagen, haben wir doch noch erfreulichere Aussichten als Schigaljowismus und Brave New World. Es wird also immer Dumme und Einfache geben, Paulus beobachtet wenig Gebildete in der Gemeinde. Ebenso, sagt Jesus, werden wir immer Arme haben, also auch da Ungleichheit. Es war ja dagegen nur unser tiefgründiger Wunsch, ›wie Gott zu sein‹, und uns, wenn schon nicht gleich auf Gottes Höhe, so doch auf die geistige Höhe der Oberschicht zu schwingen, und dort endlich mit allen gleich zu sein, die alte Adams- ja, Korachsünde! Und schließlich muss menschliche Autorität, die sich wie auch immer ergibt, nicht erzwungen und eine gehasste Qual sein, sondern kann gerne und aus Hingebung gezollt werden, eben wie zum Vater in einer intakten Familie.«

»Noch eine Frage habe ich. Was du da über die Bekehrung sagst . . Wenn alles nur auf Gott beruht, ja dann gibt es doch für uns gar keine Entscheidung mehr, dann ist alles vorherbestimmt. Wozu erleben wir dann die Welt so schmerzhaft und langweilig überhaupt noch?«

==========3==========

 

»Oh, klar gibt es eine Entscheidung für uns und genug geistige Arbeit und ›Kurzweil‹! Aber nicht in dem Sinn wie ihn Dale meint. Denk nur einmal den berühmten ›freien Willen‹ weg. Eine Entscheidung, jede Entscheidung, ist genau vorherbestimmt, denn sie geht von einer bestimmten Fragestellung aus und hat Denkbedingungen, also bestimmte Punkte zu beachten. Gleiche Fragestellung mit gleichen Bedingungen kann jeweils nur ein Ergebnis zeitigen – in jedem Menschen, egal in welchem Menschen, wie in jedem Computer, sonst kämen wir ja nie an verlässliche Wahrheit. Wenn also nicht, müssen die Bedingungen andere gewesen sein. Was macht des Menschen Denken aus, überhaupt den ganzen Menschen und ihre Unterschiede zu einander? Erstens seine Gene, aus deren Produkten sein Fleisch, auch genau seine Hirnzellen, bestehen, und zweitens, was immer er gelernt und erfahren hat. Diese beiden Elemente, mehr ist nicht denkbar. Die Wissenschaftler quälen sich schon lange, welche der beiden Kräfte das Übergewicht habe oder wie sie zueinander stehen. Vor Hitler glaubte man mehr an die Gene. Nach ihm und durch ihn hervorgerufen, wurde dann nach dem Krieg das Gegenteil Mode, zum Beispiel in der ›Verhaltensforschung‹, also der Einfluss durch die Umgebung im Vordergrund. Alles aber nur, unsere ›Freiheit‹ zu beweisen, die ihnen selbst noch nicht geheuer war.

Beides braucht uns Christen aber nicht zu kümmern, denn wir wissen, Gott hat sicher beides gemacht und bleibt auch ständig Herr darüber. Er hat einmal ›jedes Haar gezählt‹, also kennt genauestens Seine geschaffenen Gene und Hirnzellen und wie sie mit- und zu einander funktionieren, dass Ihn also nie ein Mensch überraschen könnte, und kennt zweitens genau unsere Umwelt, welchen Einflüssen wir ausgesetzt sind, ›jedes Wort‹, wie es heißt. Infolgedessen muss eines jeglichen Menschen Weg bis ins Kleinste festgelegt sein, wie etwa die vorausgesagte Tatsache des Würfelns um Jesu Rock, denn es kann doch nun nichts weiter in Gottes geschlossenes System hineinspielen. Theoretisch natürlich auch die Würfelzahl und wer nun den Rock eigentlich gewann, denn gibt es keine absolute Freiheit im Denken, dann erst recht auch keine Zufälle in der unbelebten Welt in Gottes Sicht. Und der Rock musste ungeteilt bleiben, so hatte sich Gott ja schon in unserer Sprache vorher festgelegt.

Warum sagt nun Jesus, ›Wen der Sohn frei macht, der ist richtig frei‹? Darum: Wenn du dich von dir selbst wegdenken kannst, hast du eine höhere Warte, kannst du in ganz bescheidenem Rahmen etwas mehr wie Gott denken, auch rückblickend über das Wunder ›Ich‹.

Also erstmal bist du selbst nicht mehr der Angelpunkt, um den sich das Universum zu drehen habe, sondern eine Maschine von Millionen anderen, ein Stück Dreck, Materie, wunderbar zusammengebaut, sicher. Aber im Vergleich mit Gott sonst nichts. Und was ist Bewusstsein? Nur eine seelische Funktion, nichts Absolutes. Welche Ladungen und Bewegungen gehen in einem Computer vor? Nichts, was ein anderer daneben wüsste, aber alles was der Erbauer und Herr weiß. Was ist der Tod? Dein Nichtsein, etwas Selbtverständlicheres als Leben! Aber es scheint, wir können ihn einfach nicht denken, schon gar nicht von uns selber. Das alles sind doch Fragen, die eben weil am Ende so positiv, ein ganzes Leben erfüllen und versüßen können?«

»Ich meine mehr unsere Verantwortung, etwa nicht zu sündigen, wie Dale gesagt hat. Überhaupt, so wie du das ausdrückst, müsste ja Dale ein falscher Prophet sein! Und alles, was du da sagst, ist so neu, haben wir noch nie so gehört. Es klingt noch so . . verzeih! - materialistisch!«

»Ja, was denkst du denn? Die Welt ist doch voll von falschen Propheten! Auf einen echten kommen, na, was? vielleicht hundert falsche! Warum sollten wir hier nicht einen vor uns haben? Der eine Richtige ist doch gerade das Ungewöhnliche, das Wunder Gottes. Ich richte Dale nicht, ich bleibe nur bei der Bedingung, dass alles felsenfest biblisch sein muss. Aber das war es bei ihm nicht. Er weicht da immer einfach aus. Und die biblischen Antworten, oder wenigstens, was ich dafür halte, habe ich ihm doch dargelegt. Darauf hätte er doch eingehen müssen, wenn allein, um mich gerade zu biegen. Und dass es ›neu‹ sei, ist ja besonders hübsch gesagt von dir! Bedenke, das Biblische war immer neu, zu Jesu Zeiten, natürlich, obgleich Er genau das Alte Testament erfüllte, dann zur Reformation, obgleich es wieder genau biblisch, also eigentlich alt war. Immer ist das Evangelium, wenn begriffen, wunderbar neu und berauschend und ergreift den ganzen Menschen.

Und was unsere Verantwortung über das Sündigen angeht, – Ja, da hast du das ganze Geheimnis um die ›rechte Freiheit‹, oder wohl nur einen Teil davon. Dauernd aufpassen, dass du nicht sündigst, wie er es predigt, ist Altes Testament, kann doch keine erfrischende, befriedigende Freiheit sein, und führt zu nichts, denn ›Niemand kommt zum Vater denn durch Mich‹! Das ist der Gnadenweg, nicht der ängstliche des Gesetzes. Alles Gott geben, aber dann auch wie Luther davon bewusst frei sein. Nach Kana auf die Hochzeit gehen und sich nach Herzenslust vollsaufen und nicht gleich vor Sündenangst zu zittern! Alarm schlagen musst du erst, wenn du dich ertappst, etwas zu wünschen oder schon zu tun, was nun eindeutig widerbiblisch ist. Dann musst du vor Gott kommen und Buße tun, das heißt, deine Wege durch eigene Überzeugung wirklich tief innerlich ändern, also wieder ganz unter Seine Herrschaft kommen, das heißt weg von eigener Regie und ›Verantwortung‹ und wieder hin zu Gottes. Nimm etwa Unzucht oder Ehebruch! Da wird es schon beim zartesten Beginn so kritisch, weil du auch bei normaler Sexualität ein konterbiblisches Begehren hast.

Begreifst du? Wir sind einfach nichts oder nicht wert genug, uns selber zu regieren, Gott sei Dank! Und ebenso, wie Er dich und alles an dir und deine Gedanken geschaffen hat, nimmt Er dich fortan auch in deiner Moral in Seine! Und du kannst es wissen! Nur so kannst du frei von Sünde werden und dabei machen, was du willst. Denn du willst ja dann, wenigstens meistens, was Er will! Nur das heißt von neuem geboren sein!«

Hier steckt wissbegierig Diane ihren Kopf durch die Tür, wo die beiden denn so lange blieben? Und ob sie hier mitmachen soll? Aber die Abwaschmaschine ist inzwischen geladen und auch sonst Ordnung gemacht.

In der Wohnstube ist es inzwischen gemütlicher geworden. Mir kommt in den Sinn, eine der Flaschen Rheinhessen Spätlese aufzumachen. Die waren außergewöhnlich billig, wohl weil die Weinhandlung das deutsche Wort »Spätlese« nicht versteht, oder, weil sich solcher Wein nicht zu lange hält und also vor Tores Schluss aus dem Lager musste. Ich bitte also Jim, erst einmal eine der Flaschen aus dem Keller des Webbhauses heraufzuholen, wo ich vorsorglich schon ein paar gelagert habe, will auch möglichst nicht mehr als eine Flasche ausschenken, weil unsere beiden Gäste und ich selber ja noch fahren müssen, und ich der letzte bin, der sie verführen will. Aber so ein guter Wein, in kleinen Mengen genossen, wäre ein hübscher Ausklang des Festes. Als ich am Aufmachen bin und den ersten Schluck zur Probe in mein Glas gieße (was sie hier gar nicht kennen und wohl für Egoismus halten), steckt Mischa seinen Kopf zur Tür herein und sagt:

»Au, wenn es so guten Wein gibt, möchte ich auch ein Glas!«

Sonya, die ihm folgt, meldet daraufhin auch eines an, und danach auch Diane. Nur Jim schüttelt entschieden den Kopf: »Keines für mich!«

Aber weiter kommen wir nicht, denn Dale nimmt mich etwas zur Seite und verklagt mich in ziemlich schroffen Worten, dass ich das nie und nimmer dürfe, denn ich ».. ..verführe ja die Jugendlichen zur Sünde, lieber Bruder!«

Ich, der ich nichts Böses im Sinn hatte, stehe wie ein begossener Pudel da. Die leisen Worte waren doch so, dass jeder sie verstanden hat. Es entsteht eine Weile betroffenen Schweigens, aber zum Weintrinken kommen wir nicht an diesem Abend; die gerade eröffnete Flasche minus meines Probeschlucks bleibt verlegen auf der Tischecke stehen. Schade darum, der Probeschluck war bezaubernd!

Später aber geht mir folgendes durch den Kopf:

Ist es nicht Dale selber, der die Jugendlichen zur Sünde verführt?

»Nichts für ungut,« möchte es in mir sagen, diese alberne nichtssagende Phrase, wo sagen wir schon sonst „ungut"?

»Ich will dir nicht widersprechen, lieber Dale, jedem nach seiner Façon! Verbiete nur immer meinen Wein in meinem Hause! Es funktioniert ja am Ende doch nie. Ihr Amerikaner habt euch so kindlich-eifrig in der Prohibition für Nullverbrauch, was Alkohol angeht, eingesetzt und musstet es schamrot wieder zurücknehmen! Seitdem allein waren die Sitten noch wüster geworden, ja. ihr halft den organized crime aus der Taufe heben. Gott hat das Habhaftwerden von Alkohol zu einfach gemacht – warum wohl? Abschaffen kann man ihn nicht, das habt ihr erfahren. Warum also? Damit wir alle lernen, wie mit Sex, Vermögen, Liebe, Autos, feiner Gesellschaft, und auch ordinärer, und vielen, ja eigentlich, allen Dingen des Lebens umzugehen, kurz, mit allem, seit wir der Muttermilch entwachsen sind, denn nur damit allein konnte eigentlich nichts schief gehen.

Kurz, lieber Dale, du hältst ihnen einen wichtigen Teil ihrer Reifwerdung vor! Du betrügst sie um den richtigen Umgang auch mit Alkohol. Du erhältst damit solche Embryonen, die, wenn ihnen ein Glas wertvollen Weines eingeschenkt wird, es irgendwie für schick und männlich halten, zu »kippen«. Der Hausherr traut seinen Augen nicht, wie kann sein Gast so das Aroma, Timbre, den eigentlichen Geschmack, die Größe, den Wert dieses Weins genießen? Er gießt wie pflichtschuldig nach – sein junger Freund aus Übersee »kippt« auch das. Ist sein Ziel und das seiner Kommilitonen, hilflos berauscht heimgefahren werden zu müssen?

Und, lieber Dale, falls du’s nicht weißt, vor Gott ist nichts – außer was die eben beschriebenen Kommilitonen damit machen, und natürlich die selbstgerechte Eigengüte, die dienesgleichen damit praktizieren – schlecht oder falsch daran! Jeschua selbst trank wohl täglich zu den Mahlzeiten Wein, richtigen, alkoholhaltigen griechisch »Oinos« geschriebenen, lässt uns die Bibel wissen. Und auf der Hochzeit zu Kana wurde im Exzess Wein getrunken! Was Jeschua hinzuschuf, waren etwa 600 l besten Weines auf die schon schwer angeschlagene Gästeschaft, denn sie hatten ja das vorgesehene Quantum, das sich selbst schon wahrscheinlich nicht lumpen ließ, schon immer fleißig ausgepichelt. Nehmen wir nur einmal 200 Gäste an, so sind das zusätzliche drei Liter für jeden!

Um jede deutsche Universität gibt es kleine gemütliche Kneipen, ja, wegen der und für die Studenten. Aber in diesem Lande wird dem Wortlaut nach ebenso »wegen und für die Studenten« allen Schänken im Umkries von zwei Kilometern – länger gehen auch Studenten hier nicht zu Fuß – die Ausschanklizenz für Alkohol entzogen!

Der Unterschied in beiden Ländern ist unsere persönliche Freiheit in Deutschland, die hier also eine unglückliche Liebe ist!

»Unsere« Schänke in Berlin hieß bei uns »Der kleine Hörsaal«. Nanu, fragt eine neue Bekanntschaft, was hört ihr denn da noch so spät? Antwort:

»Das Bier die Kehle herunterlaufen! Und das Rindvieh – hick! – das rinnt vielleicht die Kehle -‘runter!«

Und dazu, nicht beiseite zu schieben, ja, wörtlich,, erbauen uns fürs Studium und fürs Leben die Meinungen und Antworten unserer Kommilitonen, Fremder und solcher, die wir schon kennen, besonders der Ältersemestrigen. Was haben wir da oft bis spät Gott und die Welt – wörtlich so – durch unsere Hirncomputer zirkulieren lassen! Dort wurde nicht gesoffen oder »gekippt«. Ich habe dort nie einen Betrunkenen gesehen. Im Gegenteil, der Wirt selber machte hin und wieder die Runde und guckte scheel, warum jemandes Bierglas immer noch so voll sei in der halben Stunde?! Weil wir nicht reich sind, Herr Wirt, und weil uns die Gespräche das meiste wert sind, darum ziehen wir den Trunk so in die Länge! Und auch, weil wir doch nicht betrunken heimfahren wollten – ich noch auf dem alten Fahrrad.

Medizinisch gesehen, welche von den folgenden drei Gruppen des Alkoholkonsums ist die gesündeste, wenn nicht auch gleichzeitig die bekömmlichste, die, alle anderen Variablen gleich, summa summarum auch das längste Leben ermöglicht?

A) Immer reichlich und nicht gespart! Hoch die Gläser, wir leben nur einmal!

B) Mäßig und regelmäßig ein wertvolles alkoholisches Getränk, etwa nur ein Glas davon täglich.

C) Nie auch nur einen Tropfen eines alkoholischen Getränkes! Nur das ist vor Gott recht..

Ist es nicht bemerkenswert, wie Gott für uns sorgt? Er wusste ja schon anfangs, dass wir uns um die Frage Alkohol-oder-nicht streiten würden, darin eingeschlossen das Problem tadellosen christlichen Benehmens, auch wenn’s schmerzhaft ist, gegen die reine Freude des »Guten Baumes«, wenn nämlich alle Sünden nicht nur »vergeben«, sondern vollkommen abgewaschen sind. Viele Christen meinen, je mehr man sich den Alkohol verwehre, desto besser. Aber das, genauso wie hemmungsloses Saufen, werden von der Bibel getadelt. Wie erstaunte ich, als ich erfuhr, wenig Trinken ist nicht nur gesünder als »Saufen«, sondern statistisch auch gesünder als vollkommene Abstinenz!