Fünftes Kapitel

Zunehmender Substanzverlust für Dale

»Liebe Gemeinde!

Ich hatte kürzlich Gelegenheit, einmal über die Freiheit etwas intensiver nachzudenken. Nehmen wir sie nicht einfach immer als garantiert, statt unserem Herrgott täglich neu für diese wundervolle Gabe zu danken? Wir leben in ihr, wir weben in ihr, und Vieles wird uns möglich, was unser Leben bereichert und schmückt und was bis auf diesen Tag noch manchem Menschen auf unserem Erdenball wegen Unterdrückung verwehrt bleibt. Lasset uns daher aufs neue wieder dankbar sein all den Helden, die unter Einsatz ihres Lebens der Gefahr trotzend uns unsere Freiheit errungen haben!

Ist euch aber aufgefallen, dass uns zuviel Freiheit auch nicht zuträglich wäre? Freiheit, ganz absolut genommen, wird undenkbar! Wir wären da ein verlorenes Raumschiff sinnlos im Weltenall schwebend. Wir brauchen Liebe, Geborgenheit, ein Zuhause, auch wenn die vier Wände theoretisch ja eine Eingrenzung, also Unfreiheit, bedeuten. Wir müssen hingehören. So ein wirkliches Zuhause ist im wahrsten, im eigentlichsten Sinne am Ende nur unser Gott.

Noch bis vor kurzem, das wissen wir alle, gab es Länder, geknechtet in Unfreiheit von grausamer diktatorischer Macht, welche die Existenz Gottes leugnete, und seine Gläubigen nicht nur mehr in Zuchthäuser, sondern immer zunehmend als Geistesgestörte in Anstalten verwies, zu ihrem Hohn und möglichst noch tieferen Erniedrigung.

Wir können nur von diesen geknechteten Opfern lernen, wie sie freudig und ohne sich zu wehren, in den Tod gegangen sind oder sich von Drogen-Zwangsgaben haben geistig und seelisch verstümmeln lassen, ohne sich zu wehren, ja, wehren zu können. Wie zynisch kann so ein Sowjetmensch sein! Er weiß alles besser, lässt andere erst gar nicht zu Wort kommen. Er hat die Wahrheit gepachtet, und niemand kann auch nur irgend etwas sagen, was ihn anders beeindruckt als hämisches Grinsen oder eine sarkastische Gegenbemerkung. Nun hat sich aber sein Land pro forma auch demokratischen Prinzipien verschrieben, die Christen und politisch Verfolgten wurden aus Gefängnis und Irrenanstalt entlassen – Preis dem Herrn! Und man tritt amtlicherseits wieder für die Gleichheit aller Menschen ein. Aber wie ungleich sind dort noch die Menschen! Wer ein wirklicher Demokrat ist, wird fast so verfolgt wie die Christen.

Nun ist es ja wahr, dass es sogar in der Bibel den Anschein haben könnte, als gebe es wesentliche Unterschiede unter uns Menschen schon von Geburt an. Nicht wahr, da ist der eine reich und schon ohne sein Verdienst in ein wohlhabendes Haus hineingeboren, und beim anderen herrscht, auch sogar noch in unserem Lande und heute, Schmalhans als Küchenmeister. Da ist einer wohlerzogen und gebildet und hat dazu von Geburt an einen Verstand und rasche Auffassungsgabe, die vielen von uns anderen abgeht, wir mögen durch Fleiß auszugleichen versuchen wie wir wollen.

Auch unser Herr bestätigt solche Unterschiede. Die klugen Jungfrauen, von denen er spricht, sind nun wirklich anders als ihre törichten Schwestern und also nicht mit ihnen gleich. Sie haben sich beizeiten mit dem Öl des Heils versehen, das man nicht abgeben und weitergeben kann. Das muss sich ein jeder selbst, ehe es zu spät, und jedesmal neu erwerben. Diese Ungleichheit, so betont nun unser Herr aus dem Zusammenhang, kommt nur aus der Sünde, in die wir uns aus unserem freien Willen heraus begeben haben, schon von der Urväter Zeiten, ja, von Adam selbst an und seiner Gattin, die doch aus Gottes Güte alles hatten, was das Herz begehrt. Aber das Böse in uns treibt uns unaufhörlich, täglich neu, wenn wir nicht stets auf der Hut sind und der Sünde Trotz bieten.

Beloved, «

(und hier benutzt der Pfarrer das altmodische Wort, wo das »e« in der letzten Silbe noch hörbar ausgesprochen wird.)

»und ist es nicht so mit allen anderen Beispielen scheinbarer Ungleichheit in der Bibel? Saul und David sind erst ganz gleich, beide werden von Gott selbst als Könige eingesetzt. Aber Gott zieht David dem Saul als König über Israel vor, doch nur, weil Saul, der erste König, ungehorsam war. Bitte, auch Saul hatte ja die Chance, Gott hatte ihn erwählt und eingesetzt, ihn aber dann verstoßen müssen, als seine Sündhaftigkeit zu Tage trat. Gott hatte befohlen, die Amalekiter zu schlagen mit allem Gut und allem ihrem Vieh. Und Saul hatte nach dem militärischen Sieg, gegen den Befehl des Höchsten, den König Agag und sein bestes Vieh lebendig gefangen genommen, statt den Bann gleich an ihnen zu vollziehen, um, wie er heuchlerisch vorgab, sie nachher dem Herrn zu opfern. Da sagt ihm der Prophet Samuel auf Gottes Befehl: ›Gehorsam ist besser als Opfer!‹ Der Schlag gegen die Amalekiter war nicht ungerecht! In Exodus 17 lesen wir von ihrem heimtückischen Anschlag, das Volk Gottes in seinem vierzigjährigen Irrweg zu vernichten. Da schwört Gott ihre vollständige Ausrottung, »dass niemand mehr ihrer gedenken wird.«

Da sagen nun manche, es wäre schon von Anbeginn der Welt festgelegt, wer da das Kleinod gewinne und wer zur Hölle verdammt sei. Geliebte! Aber ihr seht, sie haben es immer selbst verschuldet! Was wäre das sonst wohl für ein ungerechter Wettbewerb! Da kann einer ziehen und sich knechten wie er will, er kommt vor den Richtstuhl, und da höre er dann ein kategorisches Nein! Ganz gleich, was du getrieben, Gott hat es schon vor deiner Geburt beschlossen, dass du zur Hölle verdammt bist! Kann der Höchste, der gerechte Gott, wohl so ungerecht sein? Nein! Bei Ihm ist Gleichheit und Gerechtigkeit für Du und Ich!

Gehen wir einen Moment zurück zu den beiden dann so ungleichen Königen. Wir haben nichts zu verstecken, die Bibel ist ganz offen, und so sind wir’s in Seinem Dienste auch. Warum wohl hätte da Gott den Saul erst zum König erwählen und salben lassen, wenn Er ihn nachher nur stürzen will, wenn Er alles im Voraus weiß? Nein, Gott hat Sauls Königtum ursprünglich haben wollen, fest für alle Ewigkeit, wie wir’s ja dann bei David sehen, dessen Nachkommen ›für alle Zeiten auf Davids Thron‹ sitzen werden. Und nur Sauls Sünde hat einen Strich durch die Rechnung von Gottes Güte gemacht, und so wurde er gestürzt. Ja, Gott ist bei aller Güte auch gerecht. Saul hat sein Königtum selber verspielt!

Also lasset uns wachen und auf der Hut sein, denn die Sünde kommt in eines jeden Herz bei Nacht wie ein Dieb. Und wenn der Hausherr wüsste, wann sie kommt, würde er wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen.

Ebenso war’s bei Kain und Abel. Der gerechte Gott liebte sie anfangs beide. Immer ist die Sünde anzuklagen, die Gottes Heilsplan zunichte macht. Sie kommt in dein Herz wie eine unsichtbare Bazille, die sich ansiedelt, wenn du’s nicht meinst, und sich vermehrt, dann wirst du krank, und wenn du den Kampf nicht bestehst, so ist es zum Tode. Wir wissen, und es ist ja beschrieben zu unserer Warnung, wie’s im Herzen Kains aussah, wie Neid und Eifersucht an ihm nagten und sich vermehrten, bis er meint, sich selbst helfen zu können, indem er – unbemerkt von Gott, wie er wohl denkt – den lästigen Nebenbuhler, seinen eigenen Bruder, los wird.

Wie war es mit Hiob? Nicht alle Geschichten gehen traurig aus! Wusste Gott wohl auch vorher, dass Hiob bestehen würde? Dann hätte es der Teufel doch wohl auch gewusst und sein vergebliches schädliches Bemühen aufgegeben. Ihr seht, wir brauchen nicht zu verzweifeln, auch wenn der Kampf hart ist. Es gibt auch solche, die durch Seine Gnade und Güte den Kampf gewinnen und das Kleinod erwerben, freilich eine Minderheit.

›Darum lasset uns alle so laufen und kämpfen, dass wir den Wettkampf gewinnen!‹ So ermahnt uns der Apostel Paulus.

Beloved, hätte Gott es im Voraus gewusst, so hätte Hiobs Wille ja nicht vollkommen frei sein können! Dann wäre er ja ein Sklave, eine Marionette an Gottes Fäden gewesen. Beides geht nun einmal nicht zusammen, entweder des Menschen Freiheit oder Gottes vollkommene Voraussicht. Aber Preis dem Herrn, wir haben die Freiheit gewählt! Und was wäre das für eine Wette gegen den Teufel gewesen, wenn Gott schon ihren Ausgang im Vornherein ganz sicher gewusst hätte? Dann hätte ja der Höchste – verzeiht mir den Gedanken, er dient ja nur in seiner Unmöglichkeit zur Klärung – den Teufel betrogen! Nein, das tut Er nicht. Wohl versucht andersherum der Teufel, Ihn zu betrügen, denn der ist ein Lügner und Bösewicht durch und durch, von Anfang an. Gott aber kann keinen betrügen, Er ist gut, immer und verlässlich so. Daraus folgt nun, dass Gott die freie Entscheidung Hiobs auch nicht im Voraus hat wissen können. Daher will Er auch, dass von uns Menschen keiner verlorengehe, wie die Schrift sagt. Aber alle wissen wir, dass täglich leider Viele verloren gehen, ja die Mehrheit des Menschengeschlechtes! Also kann es doch nicht an Ihm liegen und kann Er es auch nicht im Voraus wissen. Wenn es nun so ist, dass Er nicht nur weiß, wie sich jeder Mensch entscheidet, sondern es sogar selbst vor aller Zeit so gefügt hätte, wie könnte da das Bibelwort wahr sein, dass Er nicht will, dass auch nur einer verlorengehe?

Der arme Lazarus ist verschieden vom reichen Mann, auf dessen Treppenstufen er betteln musste – sicherlich. Eine solche Gleichheit hat Gott nicht gemeint, so wie Er auch keine absolute Weltraumfreiheit für uns vorgesehen hat. Der Sünder kommt in die Hölle, der Arme Gerechte in den Himmel. Wieder ist der Unterschied nur die Sünde! Hätte sich der Reiche bekehrt, als es noch Zeit war und ›heute‹ hieß, und Gutes getan – zunächst ja wohl einmal das Naheliegende, den armen Wicht da draußen hereingeholt und ihm den besten Arzt kommen lassen – so seid gewiss, wie Gott gerecht ist, Er hätte auch den reichen Mann errettet. Reichtum selbst ist noch keine Sünde! Nur wenn wir darauf sitzen bleiben und nichts den Armen abgeben wollen, verhärten wir und laufen Gefahr, eine Beute des Bösen zu werden.« Man spürt den Stolz Dales aus diesen Worten. Er sei ihm nicht benommen! Denn er opfert viel und gern!

»Und nun geht mir durch die ganze Bibel Alten und Neuen Testamentes, immer ist es die Sünde, die da die ›Schafe von den Böcken‹ trennt, und das ist ja ebenso ein biblisches Bild der Ungleichheit durch Sünde, wo ursprünglich hatte Gleichheit sein sollen..

Lasset mich zum Schluss wieder auf unsere Freiheit verweisen! Ich meine die Freiheit, Gottes Wege zu gehen. Sie ist das höchste Gut und mit Recht in unserem Lande so hochgehalten, dabei keineswegs immer selbstverständlich! Wir sind im Bilde Gottes erschaffen, also hat Er uns mit Verantwortung und einem freien Willen begabt. Nun heißt es diese Freiheit verteidigen, dafür kämpfen und sie täglich neu erwerben, in jedem Einzelherzen, wie als Ganzes in der Nation! Und kämpfet hart, lasset es euch etwa kosten. Seid keine Schokoladensoldaten!

Er schenke mir die Gnad’ dazu,

dass ich es auch von Herzen tu’,

nämlich das Gute, das uns die Freiheit erwirbt und garantiert, auch gern und mit offenem Herzen anpacken und vollbringen. Er gibt das Wollen und Vollbringen! Sein Name sei geheiligt in alle Ewigkeit!

Amen –«

Eigentlich müsste Pastor Noomey doch gegen den freien Willen sein! Denn aus ihm sprosst doch nach seiner Meinung jede Sünde, der, wie die Bibel sagt, wir alle verfallen sind! Wenn aber »alle« der Sünde verfallen, kann der Wille dahin doch nicht »frei« sein! Sein ganzes Denken geht nur immer von diesem gepriesenen humanistischen Freien Willen aus, er hat nicht einmal zur Prober »sich in den Feind versetzt«, um zu sehen, ob und welchen Sinn das vielleicht machen würde.

 

==========2==========

 

Sonya ist an diesem Sonntag nicht in ihre Brüdergemeinde gegangen, in der sie sowieso nicht so heimisch ist wie in der am Heimatort, wo ihre Eltern verkehren. Die hier am Studienort hat sie aus einem Pflichtgefühl wegen der Denomination gewählt. Die Einwohner des Webbhauses gehen sowieso in verschiedene Kirchen, oder auch mal gar nicht. Es herrscht auch darin kein Zwang, und das soll es auch nie.

In Sonya wühlen noch ein paar Gedanken, die sie zur Ruhe bringen will. Einmal schämt sie sich von ihrem Hintergrund her, einem Pastor widersprochen zu haben, obgleich es ja erst ein Widerdenken gewesen ist. Und dann will sie einfach Freundschaft zeigen und wiedergutmachen. Beides aber scheint nun nach dieser Predigt eher nach der noch schlimmeren Seite ausschlagen zu wollen. Zum anderen will sie aber auch Klarheit kriegen, denn das Gespräch unter vier Augen in der Küche von neulich rumort nicht nur in ihrem Gefühl sondern auch im nüchternen Verstande. Was hat es nun auf sich mit diesen Fragen von Gleichheit und Demokratie, von denen sie ahnt, dass es Grundfesten der ganzen Kultur, sehr wichtige Weichenstellungen sind, die man vielleicht früher, wohl besonders in den USA, unterlassen hat, von einer höheren Warte her zu klären, oder gar in einer falschen oder inzwischen falsch gewordenen Weise beantwortet hat. Sie hatte gemeint, all die neuen Ideen, wie man das von der übervielen Reklame her gelernt hat, als unnützen Ballast über Bord werfen zu können, falls nämlich Mischa kein Christ sein sollte!

Aber nun ist alles so anders gekommen, und sie versucht zu klären, ob die Frage nach Mischas Christsein, die er für ihre Verhältnisse nicht klar genug beantwortet hat, vielleicht nur von ihrem Hoffen und Wunschdenken so positive Färbung angenommen habe.

Sonya hat morgens, weil sie nicht allein gehen wollte, als einzigen Jim Luke überreden können, heute mal in die Baptistenkirche mitzukommen. Es sind schon eineinhalb Wochen seit dem Abend im Webbhaus vergangen, da man Mischa kennengelernt hat. Sie hat nicht annehmen können, Pastor Dale werde auf die Probleme von dort eingehen. Sie wollte allgemein seine Meinung und den grundsätzlichen Geist, der in seiner Kirche weht, ausloten, die sich ja mehr oder weniger in allen Themen einer Predigt ausdrücken und Form und Charakter annehmen würden.

Dale hat die beiden nicht bemerkt, weil sie, obgleich nebeneinander ziemlich vorn, hinter großen dekorativen Blumen halb versteckt gesessen haben. Erst beim Händeschütteln am Ausgang, worauf Dale des »persönlichen Kontaktes« wegen stets besonderen Wert zu allen seinen Schäflein legt, treffen sie sich. Dale ist ehrlich überrascht, als er zuerst die etwas auffälligere Sonya bemerkt. Gleich darauf aber mischt sich in seine Gefühle nun die Scham über sein Plagiat in der Predigt, zu dem er also nun unerwartete Zeugen hat. Aber sollen sie denken, was sie wollen! Er kann, ja muss, als Pfarrer und Seelsorger schließlich richtigstellen und gleich früh den Weizen vom Unkraut seihen! Und dazu war eben zitatweise Erwähnung notwendig, ohne dass er angab, aus welcher Quelle und woher seine Anregung stammte.

»Guten Morgen, meine Liebe! Welch nette Überraschung! Ah, da ist ja auch – äh?« Er zögert, das kann man ihm auch nicht verübeln, Jim ist zu dieser Zeit noch einer der unauffälligen der Webbhauseinwohner für ihn – fängt sich aber doch und sagt scherzhaft seine Verlegenheit übertreibend und möglichst munter:

»Jim!! Hab ich’s richtig?«

Er schüttelt beiden kräftig die Hände. Sonya muss bei diesem Anlass kurz an Mischas Aussage über den Guten Morgen denken, aber ihr Lachen ist ja als Begrüßungsfreude bestens kaschiert. Nach ein paar kurzen Phrasen ist man vorbei, weil ja noch über hundert Kirchenbesucher an dem händeschüttelnden Oberhaupt vorbeizuflanieren haben.

Seine Kirche ist nicht klein und mindestens heute gut besucht.

In Amerika sind die Kirchen voll und die Predigten leer! So hat einmal ein britischer Evangelist, schon recht scharf, befunden. Ich will einmal offenlassen, ob da ein Ursache-und-Wirkung-Regelkreis besteht, denn wie beim Fernsehen sinkt der Inhalt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunter, wenn man allen gefallen will. Das haben die Deutschen spätestens in den frühen Neunzigern gelernt, als ihr Fernsehen inhaltlich verwilderte, nunmehr dann auch zunehmend »Television« genannt, und nach amerikanischem Vorbild »frei« wurde, das heißt, nunmehr nur noch von der Reklame bezahlt ist. (Selbst die Deutschen sind nicht mehr so reich.)

Auch ist die Kirche reichlich ausgestattet. Man munkelt, dass auch finanziell die Kirche für den Pastor ein großer Erfolg geworden sei. Es ist der wohlbestallte Mittelstand, der seine Parkplätze – man hat Nachbargrundstücke dazu erwerben müssen – mit neuen teuren Imponierautos, und seine wohlgepolsterten Bänke mit aufwendig aufgetakelten und -geschminkten Menschen füllt. Nur vermisst man gerade in dieser Kirche dieser Stadt die doch allgemein so zahlreich vertretene Altersgruppe der studentischen Jugend und damit ihren erforschenden und kritischen Geist in seiner Kirche, obgleich doch Dale amtlicherseits, aber vielleicht doch nur pro forma, auch einer der Studentenpfarrer ist. Aber damit hat er nur immer Ärger, wie wir noch sehen werden.

Dass man mich nicht falsch verstehe! Ich danke Gott und freue mich über die vielen reichen Menschen in seiner Kirche! Das soll in all der Kritik nicht verloren gehen. Schön, wir sind mit Vielem dort nicht einverstanden, aber wo gibt es sonst noch ein Land, wo man so treu zu Gott hält und die Kirchen noch voll sind? Auch den Reichtum gönne ich ihnen herzlich.

Die nächste Altersschicht darunter, die der Schulkinder, ist wieder besser vertreten. Jetzt stehen sie vor seinem Tisch Schlange, denn der Pastor hat eingeführt, dass sie sich Stempel und Unterschrift bei jedem Kirchenbesuch holen müssen. Die Jugend sei von früh auf daran zu gewöhnen, Faulheit und Laster zu überwinden. Besonders hervorragende Stempelbescheinigte werden dann vor der Gemeinde öffentlich geehrt und mit Anstecknadeln und Plaketten ausgezeichnet. Also Kirchenbesuch als Ruhm vor der Umwelt! Richtiger statt solcher Provokation zu Selbstbeweihräucherung, Eitelkeit und Angabe, wäre natürlich, in den Jugendlichen und allen anderen eine Liebe zu Gott und ein Suchen nach Seiner Wahrheit zu erwecken, die sie dann von ganz allein für immer in diese – und vielleicht sogar eine kritischere – Kirche triebe.

==========3==========

Sonya und Jim traben durch die noch sonntäglich-ruhigen Villenstraßen in Richtung auf das etwas einfachere und ländlichere Viertel, wo das Webbhaus steht. Zunächst schweigen sie, in Gedanken versunken. Er denkt an das Mittagessen, das reihum bereitet wird und heute also Bobs Angelegenheit ist. Nur zu besonderen Anlässen übernimmt es Sonya auch außerplanmäßig, denn, noch im alten Stil erzogen, kann sie am besten kochen. An Sonntagen, auch ohne besonderen Anlass, ist es feierlicher und größer, weil außer in Ferien, wo meist jeder nach Hause fährt, alle zusammen sind. An Alltagen geht es schnell und einfacher zu, weil die meisten schnell etwas in der Mensa einnehmen und erst abends richtig essen. Abends kochen dann meistens zwei.

Sonya denkt an die Predigt. Es macht ja Sinn, was er da sagt. Warum ist Michail so dagegen? Und seine Kirche und ganze Kultur sind doch ein blühendes Anwesen! Und »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.« Ob nicht Mischa wirklich bloß überall Sand ins Getriebe streuen will? Nein, das kann sie über ihn nicht denken, er kommt ihr eher als ein tief Suchender vor. Erbost ist sie allerdings über Dales wohl unbenannte aber doch so offensichtliche Abhandlung des »boshaften und hämisch-sarkastischen Sowjetmenschen, der keinen zu Worte kommen lässt«. Da ist gerade nur soviel Wahres daran, dass man sofort versteht, wen er meint, aber im Ganzen doch gegen einen ausländischen, selber doch christlichen Gast ist die Sache boshaft übertrieben. Vom »Kämpfen um die Freiheit« und ebenso gegen die Sündenbazille, die sich vermehrt, einmal ganz abgesehen! Hat der Pastor nicht gehört, was Mischa darüber gesagt hat, über den Flüchtling, der seinem Nächsten »eins über den Kürbis zieht« – oder wie er sich ausdrückte – um dessen Verpflegung zu rauben und sich seine Freiheit zu erkämpfen? Na, rechnen wir’s ihm als momentane geistige Abwesenheit an. Mischas Gedanke war aber schließlich so brisant und herausfordernd, dass er nicht einfach so darüber hinweggehen konnte. Oder war’s Bosheit, innerlicher Trotz und Widerspruch in Dale, Teil seines »täglichen Trotzes und Kampfes gegen die Sünde«? Halt! So sarkastisch darf man über einen Gottesmann nicht einmal denken! Das ist die Kunst: Respekt bei aller guten Kritik!

Tja, die Unterschiede der Menschen in allen Bibelzitaten rühren wohl wirklich immer von der Sünde her! Aber wenn wir nun alle Sünder sind, was ja Dale so stark behauptet, dass er nichtmal eine Erlösung auf Erden wahrhaben will, und Sünde Unzulänglichkeit vor Gott bedeutet, also ein Alles oder Nichts, dann sind wir doch wieder alle gleich, und keiner kommt je ins Himmelreich; denn irgendeine Gerechtigkeit anders als aus Gott gibt es nicht, und wenn von Gott, dann also doch gerade nicht aus des Sünders Initiative! Wozu dann das betont gepredigte Bemühen, der Sünde Trotz zu bieten? Vergebung und Sündenfreiheit komen nur immer aus Gott und Seiner Initiative. Unser Teil ist allein der Glaube, und genau deswegen sollte er den falschen Gotteseifer nicht weiter predigen! »Wir sind allzumal Sünder und mangeln der Gerechtigkeit, die wir vor Gott haben sollten« oder: »Da ist keiner gerecht, nein, auch nicht einer!« oder: »Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.« Und offenbar also von nirgendwo sonst, am wenigsten aus eigener Güte? Also gibt es keine gesellschaftlich-politische, wohl aber eine Sündengleichheit, gerade andersherum als Dale behauptet.

Und das »kategorische Nein« vor dem Richterstuhl, gleichgültig wie du dich zum Gutsein im Leben gequält hast? Das klingt so überzeugend und richtig, dass man die kleine Stimme in einem, die da in der Seele »Faul!« und »Betrug« schreit, leicht überhören will. Was ist da falsch? Es kommt hier nicht darauf an, die menschlich besten wie zum Nationalsozialismus oder bei der Olympiade herauszufinden, sondern immer und allein, Gott zu verehren! Und Der ist so gut und jeder Mensch so nichtig, dass dessen etwaige Güte gar nichts vor Gott zählt! Aber natürlich: Der Hauptdenkfehler bei dem vergeblichen Bemühen und dem ungerechten kategorischen Nein liegt wieder bei Dales Freiem Willen, dass der Mensch ein selbständiger kleiner Gott sei! Und beim eigenen Wert, der etwas vor Gott verdienen könnte. Diese krummen Ideen kann er offenbar auch probehalber einfach nicht ablegen. Sauls Sünde »mache einen Strich durch Gottes Rechnung«! Da gibt es wohl kein Wesen im ganzen Universum, das fähig wäre, Gott zu korrigieren oder Seine Rechnung durchzustreichen! Auch bleibt ja Sein Wort, was wir haben, undurchstrichen »bis aufs i-Tüpfelchen, bis Himmel und Erde vergehen.«

Noch ein Punkt allerdings fällt ihr auf, der nun ein wirklicher Drehpunkt ins Negative im Denken wird. Wie hinterlistig doch der Pfarrer war! Er sei »ganz offen, wie die Bibel selber«. Da muss ja jeder Ahnungslose in seiner Gemeinde annehmen, er sage ganz die Wahrheit! Aber gleich darauf folgert er die Ahnungslosigkeit Gottes einfach unverschämt aus der Tatsache:

» . . . sonst hätte Hiob ja keinen freien Willen haben können«!

Also da ist das Ende von weg! Erstmal ist ja Gott doch allwissend und weiß wohl, wie die Sache mit Hiob ausgehen wird, denn Er kennt doch sein Herz und jeden Gedanken eines Menschen. Dieses Wissen uns zu zeigen, ist doch der Sinn des ganzen Buches Hiob mit der »ungerechten« Wette Gottes mit dem Teufel. Gott sagt doch am Ende zu Hiob: Wer bist du denn? Wo warst du, als Ich die Welt erschuf? Also, was bist denn du gemessen an Mir?

Und dann kann man doch den freien Willen, der ja gerade zur Debatte steht, nicht als Beweis eines anderen Irrtums, den der »unfairen« Wette mit dem Teufel, einsetzen! Aber das ist es, was Mischa mit der beigemischten Menschenweisheit meint. Der »freie Wille« des Menschen als Produkt nicht der Bibel, sondern der »Aufklärung« im achtzehnten, oder aus den Schriften des Jacobus Arminius schon im sechzehnten Jahrhundert, ist offenbar in Dales Denkweise so verankert, dass er gar nicht auf die Idee kommen kann, ihn etwa in Frage zu stellen und auch nur einmal probehalber – und dieser Gedanke ist allgemein wichtig – andere Denkwege zu gehen!

Auch der Satz: Dann hätte der Teufel ja Hiobs Entscheidung doch auch vorher gewusst. – gibt ihr zu denken. Wieso denn? Ist denn der Teufel etwa darin – und anderswo? – Gott gleich?

Vor Erschrecken bleibt sie einen Moment stehen, so dass der ahnungslose Jim an ihr vorbeischießt und sich dann besorgt umguckt. Sie aber ist so aufgebracht, dass sie unbemerkt gleich mit sich selbst weiterargumentiert.

Ist der Teufel dann gar selber ein Gott? Das hieße, er sei frei und unabhängig vom eigentlichen Gott und daher nicht nur von uns, sondern auch von Gott selber zu fürchten! Ja, wieso muss der Teufel aber dann bei jedem Schritt, den er mit Hiob plant, Gott um Erlaubnis bitten? Nein, das ist eine so alpträumerisch–angstmachende Sünde, die eine ganze Überzeugung an Gottes absolute Herrschaft zum Wackeln bringen könnte!

Da kommen ihr dann wieder Zweifel über die Lehre der strikten Ablehnung des freien Willens. Da ist sie ja gerade selbst davon ausgegangen, dass es keinen freien Willen gebe. Aber aufgewachsen ist sie wie jeder andere in diesem Land so wie Dale: Natürlich haben wir alle diese Freiheit, das war ja schon immer so! Daraus entsteht dann die »Verantwortung« vor Gott. Aber eine alte Lieblingsidee von ihr ist, wirklich alle Sorgen und Freuden sofort Gott zu übergeben, »Er sorgt für euch!« - und einfach keine Verantwortung mehr ihr eigen zu nennen, so wie Jesus, Der wusste, dass Er umgebracht würde und dennoch gerade diesen »Willen«, und das ist das eigene Regiment mit der »Verantwortung« darin enthalten, Gott übergab. »Nicht Mein Wille, sondern Deiner, geschehe!« Einschließlich Kreuzigung! Trotz der Möglichkeit der Legion Engel. War Er eigentlich daher so etwas, was wir einen Fatalisten nennen?

Arme Sonya! Sie weiß es selber noch nicht, an welche absolute Fragen, die nun für uns allentscheidend über Himmel und Hölle werden, sie da kratzt! Irgendeine Hilfe von außerhalb gibt es da nicht, denn es gibt wohl in ganz Amerika keine Kirche, die sich mit diesen wichtigen tiefen Problemen überhaupt auch nur näher befasst! Sie meinen alle, so oberflächlich bleiben zu müssen, um ihren Besuchern zu gefallen! Oder meinen schon selber gar nichts mehr dazu.

Man muss die arme Sonya richtig verstehen. Da werden nun mehr und mehr Christen mündig, eine wunderbare Wendung! Sie denken selber über Gott nach bei Tag und Nacht und holen sich, heutzutage leichter geworden, via Internet im Zweifelsfalle Informationen, etwa aus der jeweils fremdsprachigen Urbibel, die es gleich mit Übersetzung jeden Wortes dem Inhalt nach gibt. Und nun hat uns ja im katholischen Sinne die Reformation damals gehörig »verdorben«. Nein, ein Prediger hat nicht eo ipso recht, vom offensichtlichsten Unsinn, den er predigt, bis zu der ganzen verkehrten Geisteskonstitution, Papst, heilige Kirche und Priesterautorität – etwa andere Personen, die ›Heiligen‹ und gar den Teufel!, wie einen Gott würdig und, in seinem Fall, bedrohlich zu halten oder sich den Himmel selbst zu verdienen, was ja im Grunde auch Abgötterei ist, nämlich an sich selbst als ein Gott! Beides ist Gott ein großer Ekel!

Aber das ist noch längst nicht alles über dies zentrale Problem einer möglichen Gottesähnlichkeit Satans oder eines Menschen!

Solche Christen wenden sich von ihren früheren Kirchen beider Konfessionen ab, nehmen in der immer unübersichtlicher werdenden Welt nichts mehr als absolute Autorität an als Gott allein – und wissen auf einmal mehr als ihr Pfarrer, wissen auch warum und können’s biblisch oft brilliant beweisen! Aber worauf sie dabei stoßen, habe ich gerade an Mischa und der darauf folgenden Predigt (einmal in umgekehrter Reihenfolge) aufgezeigt. Sonya aber bemüht sich redlich und kämpft für sich um des Pastors Autorität, die sie ihm altgewohnt und um des früheren Friedens willen durchaus erhalten will.

Und es ist andererseits schon wirklich so, das Webbhaus ist eine solche Denkgemeinschaft geworden, dass wenn einer nur einen neuen Gedanken erst im eigenen Busen bewegt, dann haben ihn die anderen in ein paar Tagen auch, ohne dass man weiß, auf welchen Wegen sich dieser Geist kommuniziert habe. Es gehen eben Geister nachts im Webbhaus um! Sonyas Fatalismus ist so ein Beispiel oder der Teufel als selbständiger kleiner Gott. Wir werden darauf noch zu sprechen kommen müssen!

Verantwortung ist doch eigentlich eine Quelle der Sünde, grübelt sie nun weiter, schon, wenn wir sie uns nur probehalber aufsetzen. Dale bezieht sie so fest auf den Menschen, aber fälschlich zum Guten. Nun ist aber leider »der Mensch böse von Jugend auf«, wie Gott sagt. Wer’s selbst übernimmt, macht’s falsch! Oder nicht?

Das alles hat wohl mit unserer alten Klassikeinspeisung zu tun! Es erinnert ja doch lebhaft an »Gott« Atlas, der mit großer Qual die Weltkugel auf seinen Schultern tragen muss und nach »Halbgott« Herkules’ vorschneller Übernahme sie nicht mehr zurücknehmen will? – Doch mitunter smarte Kerlchen, die alten Griechen! – Wenn nur bloß bestimmte Leute hier so weit wären!

Aber Mischa geht ja andererseits so weit, dass er die Selbstaufgabe, also den abgelegten Verantwortungs-Erdenglobus und daher seine wohldiskutierte Freiheit sogar bis zum ›Vollsaufen‹ in Kana treibt! Wobei er vorher mit seiner »Palette« aber genau augerechnet hat, wie und warum er das kann. Gerade er mit der Freiheit! Aber es kann wohl keinen geben, der seine eigene Verantwortung, seinen freien Willen, intakt hielte und dennoch, wie Paulus, sagen könnte: Ich bin kein Sünder mehr! Er muss alles auf Gott abgeladen haben. Und nach Römer 6, – 1. Korinther 15, 15 und vielen anderen Assagen ist kein Christ mehr ein Sünder! Daher sind die amerikanischen Christen wegen all der vom freien Willen her übernommenen Verantwortung, die sie auch nicht tragen können, auch immer gleich bereit, zuzugeben, sie seien Sünder, das ist dann so viel einfacher. Das Prinzip reicht hinauf bis zur Staatsobrigkeit.

Und wie sie da die Verantwortung missbrauchen!

Aber nun sind wir von Gott zur Sündlosigkeit berufen. Und wenn wir die nicht selber erkämpfen können, wie sie ja zugeben müssen, dann »zurück ans Reißbrett« und einen anderen grundsätzlichen Weg eingeschlagen! Das ist der geistliche Wettlauf, wo es das Kleinod zu gewinnen gilt, gegen Fürstentümer und Gewalten, also gegen die Glaubens- und Gesinnungsburgen in unserer Welt des Teufels, die uns überall umzingeln. Hier liegt auch das Geheimnis unserer Erlösung durch den stellvertretenden Kreuzestod. Denn es gibt ja nur einen Weg, weil nur eine Wahrheit.

Wie ist das mit dem blöden freien Willen nun? Gibt es so eine »Erlösung«, wie Mischa so frech behauptet, schon hier auf Erden und für uns? Dass wir »keine Sünder mehr sind«, weil wir alles, auch und besonders die berühmte Verantwortung, Gott übergeben haben? Sicher doch! Der Himmel ist doch nicht für Sünder. Und sich schnell noch bekehren kann man nach dem Tode nicht mehr. Dann muss es doch einige geben, die von Gott, zwingend sicher schon vor ihrem Tode auf Erden nicht mehr als Sünder betrachtet werden, wie Henoch, Josua oder Noah, wie doch selbst, in anderen Worten freilich, Dale zugibt. Ebenso auch David, weil er seine Sünde – anders als sein Sohn Salomo, der durch seine Sünde, trotz aller Weisheit, ganz Israel vor die Hunde bringt – vor Gott gebeichtet hat. Und wenn Gott sagt, »kein Sünder mehr«, so ist das absolut so, weil Er nicht lügt, und weil die höchst-denkbare Autorität, kann es von nirgendwoher mehr einen Widerspruch geben – und keinen »Strich durch die Rechnung.«

Sie muss Mischa unbedingt darüber fragen! Und auch über den Fatalismus. Eine rechte Brüder-Gemeinde-Christin schweigt in der Gemeinde und fragt zu Hause ihren Mann! Sie fühlt sich selber amüsiert, Mischa einfach schon als Ehemann in die Gleichung einzubeziehen. . .

Was tut aber die nicht verheiratete Brüderin? Theoretisch fragt sie wohl ihren Vater.

Und dann die sogenannte Prädestination! Das ist ein anderer ganzer Problemkomplex. Laut sagt sie:

»Sag mal, Jim, den Punkt mit Esau und Jakob hat er gar nicht berührt! Aber der Römerbrief zitiert ihn doch gerade zu dem Zweck, dass Gott uns zeigt, dass es nur Sein Erbarmen ist, aus dem wir gerettet werden, und nicht ›jemandes eigenes Wollen oder Laufen.‹ Also kein Wettbewerb, wie der Dale meint, jedenfalls kein direkter. Ein geistlicher, nämlich gerade das zu begreifen, aber wohl! Er sagt sogar, Er habe den bösen Pharao nur darum ins Leben gerufen, um an ihm Seine Macht zu erzeigen, nämlich die Kinder Israel in all den Plagen zu erretten, ebenso wie dann aus dem Schilfmeer, und Pharaos Ägypter darin zu vernichten.«

Sagt Jim:

»Paulus nennt aber einen solchen Wettbewerb, und jeder soll so laufen, also sich stählen, abhärten und trainieren, ›dass er den Preis gewinne‹. Willst du denn auch einfach faul sein und die ganze Arbeit Leuten wie Dale überlassen?«

»Hm! - Was eigentlich für eine Arbeit?«

»Na, doch andere zum Evangelium zu gewinnen.«

»Hier komme ich nicht ganz mit! Der ganze Zweck eines Christen kann doch nicht nur sein, andere dazuzuladen? Wozu denn das Ganze dann wieder? Wir müssen doch nach diesen Präliminarien und Beiwerk zum Eigentlichen kommen.

Du wirst zu einer offiziellen und sehr vornehmen Party geladen. Und wenn du in deinem besten Anzug hinkommst, heißt es statt irgendeiner Feier oder einem Festmahl: So, unsere Party besteht nun darin, dass ihr jetzt wieder alle hinausgeht und andere Leute einladet!

Das erinnert mich lebhaft an diese Reihenbriefe, ein Spiel, das wir mit siebzehn spielten. Du erhältst eine Postkarte mit der Aufforderung, sechs ebensolche an Freunde und Bekannte zu verschicken, bis ›die ganze Union‹ so versorgt sei. Für Nichtbeachten wurde eine abergläubische Unglücksstrafe angedroht, was mich sofort ausschied! Aber wozu das Ganze? Es war absolut kein Zweck in dem ganzen Aufwand, außer, dass etwa der erste Originator sich brüsten könnte: Meine Idee ist um die ganze Welt gegangen! Am Ende müssen aber immer jeweils die sechs doch wie auch ich, rebelliert haben, denn die Reihe starb wohl sehr schnell aus.«

Jim:

»Na, Christen müssen doch arbeiten! Sollen sie denn alles einfach Gott zu überlassen?

Sonya:

Absolut so! Ist denn Gott zu schwach für irgendeine Arbeit? Für uns heißt es: sich schenken lassen. Und gerade das können wir bei Gott offenbar nur so schlecht.

Fragt Jim:

»Was ist denn dann der Zweck, das ›Eigentliche‹? Was sollen sonst Christen tun?«

»Das ›Westminster Glaubensbekenntnis‹ der damals noch jungen Bewegung der schottischen Calvinisten sagt dazu:

Das Hauptziel eines Menschen ist Gott zu lieben und sich auf ewig an Ihm zu freuen

Ich hatte etwa dieselbe Frage Mischa in der Küche vorgelegt und habe seitdem darüber nachdenken müssen. Ja, endlich frei sein und sich an Gott freuen! Und mit Wein vollsaufen . .«

»Waas?«

»Ach, nichts.

Denn die Quälerei all der guten Werke, Moral, Verantwortung für sich und noch andere und ›Selbstdisziplin‹ – die es doch beim Christen sowieso nicht mehr gibt, das ›Selbst‹ ist doch mit Christus gekreuzigt – all das übernimmt nun Gott. Aus ist’s mit der eigenen Güte!

Und was deine Mission angeht: Es kommt eben bei Gott alles auf den eigentlichen Zweck und damit auf das Wie an. Wie viele gehen Tür zu Tür mit dem Evangelium und meinen, sich was vor Gott verdient zu haben, oder auch nur in ihrer ›Verantwortung‹ was für Gott getan zu haben. Und wir Kunden machen einfach angewidert die Tür zu, denn sie wissen ja selber nichts zu den Problemen, die uns plagen. Sie sagen dann, wie ein aufgezogener Papagei: ›Und dann ist da noch die andere Bibelstelle. . . ‹ und wechseln einfach das Thema.

›Nur einer gewinnt das Kleinod‹! Jemand hat mal folgenden Vergleich gemacht: Botaniker wollen eine seltene wertvolle weibliche Pflanze, von der sie nur ein Exemplar haben, fortpflanzen. Nun bringen sie all möglichen Pollen von verwandten und ähnlichen Pflanzen heran, aber nichts befruchtet sie. Die Pflanze weist alle zurück, als sagte sie: Das ist nicht die Pastete Suzeräne! Das ist nicht das ›Kleinod‹. Und die anderen Pollen mögen gut und schön für ihre Zwecke sein, aber es gibt nur ein wahres Evangelium.«

»Damit sagst du ja dann auch, dass Dale ein falsches Evangelium predigt!«

»Das wäre doch möglich! Es gibt doch mindestens – hmm! – zehn falsche Prediger auf einen richtigen!

»Na, ein bestallter studierter Pfarrer? Ja, da könnte man sich auf gar nichts mehr verlassen!«

»Eben nur auf Gott! Verbreitung vom Halben und Faulen haben wir genug. Die Menschen sind ja auch zu recht sehr zurückhaltend geworden in der Flut, die unter der Flagge des Evangeliums segelt. Es gibt doch wohl noch kaum einen bei uns, der noch nie von Jesus gehört hätte! Nun wäre es doch an uns Missionaren herauszufinden, warum er es dann ablehnt.

Man rennt ja auch in einem Wettbewerb nicht einfach blindwütig drauf los. Was Paulus meint, ist doch gerade, dass man seinen Verstand benutzen soll, sonst hätte er doch gesagt: ›Der Schnellste gewinnt. Da gibt’s nichts weiter zu fackeln. Punktum!‹ Aber nun gibt’s noch jede Menge zu fackeln, denn wir kämpfen geistlich, nicht mit Fleisch und Blut. Wir müssen uns erst eine gedankliche Palette aller Möglichkeiten zulegen, eine regelrechte Schlachtenstrategie machen. Da ist es dem Schach ähnlicher. Und das machen wir hier, zum Beispiel mit unseren Diskussionen im Webbhaus. Nehmen wir an, ich predige den größten Bockmist, bin ein Sektenprediger, aber meine, mir haargenau das Richtige abzuquälen, dann . . . »

»Du redest auch schon so grob wie dieser Michail!«

» . . . dann komme ich also vor Gott und will meinen ›Lohn‹, und es stellt sich heraus, ich bin bei dem Querfeldein-Rennen auf die falsche Bahn gekommen, und eigentlich die ganze Zeit rückwärts, also weg vom Ziel, gelaufen!

Ich rede nicht aus dem Blauen! Oft, nicht nur in meiner Kirche, höre ich Ermahnungen zum ›Gehorsam‹! Das klingt ja nun vortrefflich, was könnte damit falsch sein? Du musst sie kennen, dann weißt du, wie sie’s meinen: Blindwütiges Querfeldein-Rennen, das auch weh tun muss, damit es auch der richtig abgequälte Gehorsam ist und von Wert vor Gott! Und ja kein Fragen warum oder was soll’s! Durch solchen ›Gehorsam‹ werden sie gerade Gott, Der keine Roboter will, und dem Neuen Testament ungehorsam!

Stell dir mal diesen spanischen Gründer der Jesuiten vor, Ignatius von Loyola! Der war doch nun seinem Gott ›ganz gehorsam‹. Da ist also die heilige Römische Kirche in Gefahr vor diesen Ketzern Luther, Zwingli und Calvin. Ich kenne diesen Loyola nicht näher. Hätte er bloß mal die Bibel geöffnet und gelesen:

›Also halten wir dafür, dass der Mensch gerecht werde allein durch den Glauben ohne des Gesetzes Werke.‹

Das meint die vom mosaischen Gesetz geforderten, die berühmten ›Guten Werke‹ im Prinzip eigentlich unverändert gelassen seit damals, für uns alle heute. Ja, dann hätte ihm doch dämmern müssen, dass gerade die ›Ketzer‹ Gottes Wort redeten, und er mit seinem falschen Gehorsam ›in Jesu Namen‹ 180 Grad in die falsche Richtung lief! Denn Gott lügt doch nicht. Und Sein Wort gilt! Immer und bis aufs kleinste i-Tüpfelchen. Und gerade dieses gewichtige Wort ist nicht durch Zufall Gottes Info an die Römer! Das könnte doch die Römische Kirche meinen! Für Gott spielt ja Zeit – die Römer, ob gestern oder heute – keine Rolle.

Oder denk an die unzähligen falschen Propheten wie Joseph Smith oder Mary Baker Eddy. Alle meinten doch, des Herrn Willen zu tun. Wie oft wird man am Eingang des Himmels hören müssen: ›Saul, Saul, was verfolgst du Mich?‹ Oder, schlimmer, weil dann schon unkorrigierbare Vergangenheit, ›warum hast du Mich verfolgt?‹ Und was wird dann für ein Staunen herrschen!

Wir hatten in unserem Seminar einmal alle Angst vor der großen Zwischenprüfung. Da spielte, um uns zu stärken, der eine Dozent mit uns am Vortage folgendes Spiel. Es ginge um genaues Befolgen – also Gehorsam – ehe man sich auf die ja auf Zeit berechneten Prüfungsfragen stürze. Er gab also Vordrucke herum, erster Punkt: Lies diese Instruktion erst ganz durch, ehe du ans Beantworten gehst. Dann eine Menge dummes Zeug zum Ablenken, Name, Alter, Geburtstag, etc. Dann: ›Rufe, wenn du bis hier gekommen bist, laut deinen Namen! Dann noch mehr Füllsel zum Schluss, und endlich die Aussage, Punkt 3 bis 7 seien ungültig und also zu streichen! Nummer Sechs war natürlich die übers Namenrufen! Es half uns sehr für die ›multiple choice‹ Fragen, wo man erst genau den Sinn erfasst haben muss, sonst kann man, gut gemeint und auch fachlich gewusst, dennoch leicht danebenhauen. Und haargenau so ist es mit dem Evangelium!

Na, natürlich hörte man alsbald ein munteres Namensgeschrei. Aus irgendeinem Grunde ist mir noch der Nachbar vor mir in Erinnerung mit seinem laut gebrüllten Namen ›Rex Harrison‹.

Daher hat alles, was wir hier diskutieren, die profundesten Bezüge auf unser ganzes Leben. Das ganze Glaubensleben ist nicht: Arbeite, arbeite und verliere keine Zeit, sondern sei still und besinne dich erst. ›Arbeite und bete‹, wenn du willst. Nicht nur hier, es hat geradezu weltweite Bedeutung! Nehmen wir mal das Webbhaus als einen Brennpunkt der Welt, von wo aus Gott Sein Evangelium reinstallieren will, eine neue Reformation! Denn nach den alten Reformatoren muss die ›Kirche ständig reformiert werden‹. Die alte europäische Universität war, wie ihr Name sagt, ein Platz der Weisheit, und dazu braucht es universale Erfahrung, eben die ›Palette der Gedankendiversion‹, wie es Mischa beschrieben hat, also einen Platz der rechten Besinnung, ehe man den großen Wettlauf, Leben genannt, beginne.«

»So hat er sich nicht ausgedrückt!«

»Nein. Es ist aber ganz in seinem Sinne, seine Anregungen weiterzuverarbeiten.

Und nun guck dich heute um! Eine Fachidiotenfabrik haben wir aus der ›Universitas‹ gemacht! Oh, sie sind noch fleißig und willig, ›gehorsam‹! Es ist aber nicht mehr der richtige Pollen. Sie stürzen sich eifrig in eine aufreibende Lernaktivität, Fakten, Fakten, Fakten büffeln, die auch nur irgendein Unterling einmal zusammengetragen hat, und keiner fragt, ob sie überhaupt stimmen, oder in ein paar Jahren noch stimmen! Das Wie oder Warum wird nicht angetastet, nicht nach-erfühlt, nur, um irgendein Examen zu bestehen, welch’ Papier sie nachher befähigt, noch mehr Geld und Ruhm einzuheimsen. Eine ganze Welt geht in die Irre! Dieser Matthias Claudius, den Michail erwähnt hat, ist eigentlich berühmt durch sein ›Abendlied‹. Und da heißt es, wenn ich richtig verstanden habe, und es in der Übersetzung richtig herauskam, etwa so:

Wir stolze Nachkommen von Menschen Wir machen Luftspinnweben

Sind nichts als nur arme Sünder Und versuchen uns in vielen Geschicklichkeiten,

Und wissen nicht besonders viel. Aber entfernen uns vom Eigentlichen.

Freilich sind die leeren Fakten, die sie paukten, ebenso schnell vergessen, und so erhalten wir mehr und mehr leere Doktoren und hirnlose ›führende Persönlichkeiten‹ und »entfernen uns vom Eigentlichen«! Aber vergiss nicht: Was den großen Aufschwung in Europa im späten Mittelalter ausgelöst hat, den jetzt die ganze Welt teilt, und war keine rassische Überlegenheit, oder etwa klimatisch bedingt, auch nicht reiner abgequälter Fleiß, sondern genau das Ergebnis des Evangeliums, das die christlichen Staaten vorher angenommen hatten, nämlich dieser Kritikpalette, Besinnung, Freiheit genannt. Die Türkei, damals ein gefährliches feindliches Großreich, das schon das ganze östliche Mittelmeer beherrschte, hielt das Rennen doch nicht durch! Wir müssten sonst hier jetzt wohl Türkisch – und über Allah – babbeln! Na, tasche ku derim!

Wo sind sie heute? Das sagt doch viel über die Allmacht des Christengottes. Aber sieh dir heute die sogenannte dritte Welt an! Japan führt und hat schon angefangen, auch uns mit noch mehr Leere zu überschwemmen, wie vordem auch schon Europa selber. Sie haben nicht einmal eine einheitliche Religion, ein Sinn machendes, allverbindliches sittliches System. Sie leben einfach in der Imitation anderer Kulturen und Religionen, mehrerer auf einmal, solange es gehen will. Aber wie lange wird das sein? Eine wirkliche Führung für die Welt haben und sind sie auch nicht. Korea, Taiwan und andere folgen schon ganz in ihre Fußstapfen. Vorwärts, vorwärts! Aber wohin? und wo entlang? Die ehemalige Sowjetunion erwähne ich gar nicht, das kommt mir jetzt, nach ihrem quasi eingestandenen Versagen, irgendwie unfair vor. Wenn aber doch, erwähn’ ich sie sehr positiv! Ich habe noch große Hoffnungen auf sie für die Zukunft.

In Brasilien herrscht ein aufreibendes Konkurrenzsystem; von der Grundschule, ach, eigentlich schon buchstäblich vom Kindergarten, an! Und nur Kinder derjenigen Eltern, die sich den höchstangesehenen Kindergarten leisten können, haben eine Chance, es ›später zu machen‹; denn dieser teuerste Kindergarten hat einen besonderen Kanal zur besten Schule. Ich übertreibe nicht! Also auch wieder neben einer gründlichen Geldmelkerei, versteht sich am Rande, so eine köstliche ›Standesgleichheit‹, Errungenschaft der ›Aufklärung‹! Und was kommt dabei heraus? Sie bleiben ein unterentwickeltes Land, denn was nur bei ihnen selbst hoch angesehen und teuer ist, ist noch lange nicht immer nützlich oder gar gut! Mischa hat recht, gibt man seine ›Freiheit‹ aus, um die rechte Bindung zu erreichen, so fällt man oft rein. Dann hat man gar nichts mehr. Und in Russland, darum fällt’s mir ein, scheint es umgekehrt: Nicht alles was dunkel aussieht, ist Dreck.

Und in der Bibel besteht so ein Wettbewerb, wer’s am besten kann, auch nicht für alle, doch wohl erstmal für den Pharao nicht, denn der könnte sich doch nicht auf einmal für Gott, das heißt gegen Gottes Vorhaben, bekehren! Denn, sag was du willst, er hat vor Gott keinen freien Willen! Kann er doch nicht, denn Gott hat ihn doch zur Sünde verhärtet – Nichts, aber auch gar nichts im ganzen Weltall, geht gegen oder auch nur ohne den Willen Gottes!«

»Auch die Sünde?«

»Absolut so! auch jede Sünde! Also Bösewicht Pharao, als ›Gefäß zur Unehre‹ konnte sich nicht gegen Gottes Willen für Ihn bekehren, das heißt, gegen Gottes Vorhaben und seine Aufgabe, die Israeliten zu schikanieren – woher, selbst für Humanisten gesehen, hätte Pharao auf einmal soviel ›freien Willen‹? – und könnte vor Gott, quasi gegen Ihn auftrumpfend, Gutes und das Richtige tun, der doch gerade zu einem bösen Job von Gott vorherbestimmt war! Unmöglich! Dummheit!«

»Aber Gott will, dass sich jeder bekehre!«

»Und wäre zu schwach, es auch durchzusetzen? Weißt du was, Jim? Überlassen wir das mal Seinem Willen und Seiner Vorsehung und spielen hier nicht den Richter über Ihn! Aber erinnere mich, ich will Michail darüber fragen; der kann’s besser definieren.«

Nach einem Moment beiderseitigen Schweigens nimmt Jim den Faden wieder auf:

»Kann sich überhaupt jemand gegen Gott bekehren?«

»Aha! Jetzt haben wir’s, das ist des Pudels Kern! Kann sich ein Sünder von selbst bekehren? Das wäre doch eine gute Tat, was sag’ ich, eine! Das wäre die Quintessenz aller guten Taten, das Tor zu guten Taten schlechthin. Nein, ein Sünder ist ein Sünder und zu keinem guten Werk überhaupt nur fähig. Sonst wäre er ja kein Sünder mehr. Die Bibel nennt das ›tot in Sünde und Übertretungen‹, ein stinkender Leichnam! Er kann zum Beispiel doch nicht beten, ›Gott, sei mir Sünder gnädig‹, woraus doch die ganze Bekehrung besteht. Und wie sollte Gott, Der doch was ganz anderes mit ihm plant, darauf reagieren? Aus uns – immer – betet nur der Heilige Geist! Und Den hat er nicht. Das ist ja dann schon Glauben. Ein Sünder pfeift doch gerade auf Gott, und Glauben kommt allein von Gott!«

»Wie kann sich dann je einer bekehren? Wir sind doch alle Sünder?«

»›Niemand kommt zum Sohn, es sei denn der Vater ziehe ihn‹! Das ist eben die Gnade Gottes, und nur ganz allein Gottes! Sie kommt als reines Geschenk ohne jedes Verdienst, wenn wir noch Sünder sind. Das heißt, Gott gibt jemandem auf einmal, ohne dass der je was Gutes geleistet haben kann, den Glauben, oder vielleicht erst nur ein Suchen nach Gott, aus dem erst alles läuft, ganz aus Seiner, Gottes, Entscheidung. Und damit und daraus betet der dann erst um seine Bekehrung. Daraus wiederum folgt Erfülltsein mit heiligem Geist und ein christliches Leben mit guten Taten, daraus endlich der Himmel. Und es ist Gott, der ›sich erbarmt, wessen Er will‹, aber ebenso ›verstockt, welchen Er will.‹«

»Sonya, das hat aber Dale heute nicht gesagt!«

»Eben, lieber Jim, eben!« Man bemerke: Sonya hat sich inzwischen offenbar doch aus dem Lager der Traditionisten bekehrt!

==========4==========

Stumm und etwas vertrotzt gehen sie die letzten zweihundert Meter auf dem Bürgersteig der Webb Road und dann zum Haus über den kleinen Vorgarten. Jetzt öffnet man sich die Eingangstür, die immer unabgeschlossen ist, zumindest solange, wie jemand im Hause ist, und das ist praktisch immer. Auch Fremde oder Halbfremde klopfen oder klingeln nicht erst lange, sondern treten ein und rufen: »Da bin ich! Ist wer zu Hause?« Das kann man sich in der halb ländlichen Straße leisten, wo jeder jeden dem Ansehen nach kennt. Andererseits wüsste ein möglicher Dieb auch, bei den armen Studenten gibt es nichts zu holen.

Bob und Diane, die heute spät aufgestanden ist und ihm nun hilft, sind schon fleißig am Kochen, es dampft in der Küche. Es gibt »German Dumplings«, das sind Kartoffelklöße, aus einer Packung, dazu grüne Bohnen und Roastbeef. Bob macht gerade noch einen Gemüsesalat dazu. Es fehlt nur noch Rudi.

Diane Hubbard ist eine auffällige Schönheit für solche, die diesen etwas selbstbewussten, hellblonden, gut und etwas fest und aufdringlich gebauten Typ zu schätzen wissen, aber das ist die Mehrheit. Sie ist meistens auch überall der erklärte Mittelpunkt, denn wie die Männer aus Anziehung, so sind die Frauen aus Neid oder Bewunderung, ihr fast untertänig ergeben. Jedenfalls ist das so in Dianes bisheriger Welt gewesen. Hier im Webbhaus aber scheint ihr eine ganz andere Rolle beschieden. Was das viele geistige »Palavern« angeht, wie neulich bei der Party, da kann sie nicht mithalten, ärgert sich aber, dass sie dann entschieden nicht der Mittelpunkt ist, deswegen war sie da auch so erstaunlich still. Sie hat auch sehr wohl mit Enttäuschung bemerkt, dass Mischa sie kaum wahrgenommen hat. Sie findet die ganze Atmosphäre im Webbhaus seit dem Abend verändert, zumindest aufgekratzt und angeregt. Übrigens hat sie auch bemerkt, dass sich Sonyas Wesen seitdem ein wenig verändert hat. Sie findet sie lauter und selbstbewusster, dazu hat sie von Mischa etwas von der Sprechweise übernommen, einschließlich deren gelegentliche Derbheit.

Man deckt gerade das immer improvisiert wirkende Geschirr mit Plastikschüsseln und ungleichem Eisenbesteck auf, als auch Rudi hereingetrollt kommt. Bis er sich die ölverschmierten Hände mühselig und zeitraubend im Badezimmer gewaschen und geschrubbt hat, ist schon das Tischgebet gesprochen. Fast hebt der legere Stil im Webbhaus mit oft neuen Gästen ein solches auf, wenn nicht Sonya mit sanftem Druck darauf bestände. Dazu betet sie als Frau meist nicht laut und hat heute Jim dazu genötigt. Anders als diese Reklameschönheit Diane hat Sonya die gutmütige Mutterrolle im Webbhaus übernommen. Man ist sich dessen nicht einmal bewusst, folgt ihr aber willig, zumal sie auch stillschweigend den Großteil der Arbeit tut. Was bliebe ihr auch für eine andere Rolle neben diesem Superweib im Hause übrig? Der Ton ist noch freundschaftlich zwischen den beiden, wenn auch lange nicht so herzlich, wie ihn Sonya gern hätte. Zum Nachdenken, freilich, scheint Diane gar nicht geeignet. Oft hat sie Sonya innerlich geärgert am Gipfelpunkt interessanter Diskussionen mit Bemerkungen wie: » . . . Nun wollen wir aber zum Schluss kommen und nicht noch mehr abschweifen!« oder: »Um solche Fragen hab’ ich mich nie zu kümmern brauchen«, neckisch gemeint und leider auch sofort immer von den anwesenden Männern als niedlich empfunden. Damit hat sie mehr als einmal verstanden, die ganze Stimmung aus dem vorherigen Gleis zu werfen. Aber wir werden gleich selber sehen, wie auch Diane einmal selber ganz ungerecht im Gespräch so abgewürgt und missachtet werden kann.

Beim Essen – Rudi hat sich, eine Entschuldigung murmelnd, endlich auch dazugesetzt – ist es nun gerade Jim, der von den heutigen Erlebnissen in der Baptistenkirche anfängt zu erzählen:

»Also der Dale hat unsern Michail nicht nur erbärmlich plagiiert, sondern noch dazu ganz falsch wiedergegeben. Die Ungleichheit der Menschen und Gruppen quer durch die ganze Bibel hat er noch zugegeben, aber die käme immer nur von der Sünde!«

»Ja,« bestätigt Sonya,

»von seinen ›gleichen Chancen‹ ursprünglich für alle Menschen lässt er nicht ab. Auf Jakob und Esau kam er gar nicht erst zu sprechen, wo doch Gott ausdrücklich sagt, es haben auch schon vor deren Geburt keine gleichen Chancen für sie bestanden, sondern nur Seine, Gottes, Wahl. Es sei dann die Sünde, die wir alle wählen, die jeweils den Unterschied zwischen den Menschen ausmache.«

»Na, wenn wir sie alle wählen, ist ja wieder kein Unterschied, und alle bleiben gleich!« wirft Bob fröhlich dazwischen. Damit sind wir wieder bei den gleichen Geistesgespenstern im Webbhaus! Diane meint, seine Fröhlichkeit zu einer Abschweifung ausnützen zu können,

»Wisst ihr, was ich gestern in der Shopping Mall gefunden habe . . ?«

Aber sie hat sich verrechnet. Noch ist denen das Thema nicht abgeschlossen, und also will vorerst keiner von dem großen Warenhäuser-Konglomerat mit Parkplätzen, ihrer »Shopping Mall«, wissen. Das ist nicht recht; denn sie wollte anbringen, wie sie für eigenes Geld einen herrlichen Satz Küchenmesser, der übrigens noch eine Rolle spielen wird, fürs Webbhaus erstanden habe.

»So steht’s ja auch geschrieben.« bringt nun Jim das heute morgen Gelernte unter, als hätte sie gar nichts gesagt.

»›Denn es ist hier kein Unterschied. Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.‹«

»Ha! Wieder kein Unterschied!« lacht Bob, während er einen ganzen aufgespießten Kloß auf der Gabel balanciert und davon abbeißt, statt das Messer zu benutzen. Vollen Mundes fährt er fort, sein breites Amerikanisch wird nur noch schwerer verständlich: »Wir sind alle gleich! Es lebe die amerikanische Equality!«

»Die Frage ist, ob Gott vorher weiß, wer das Gute wählt und sich zu Ihm bekehrt,« führt Sonya auf das Thema zurück.

»Hat Gott gewusst, dass Ihm Hiob auch in so starker Versuchung treu bliebe? Also Dale streitet das einfach ab. Da hat jeder einen absolut freien Willen, und Gott selber muss überrascht sein, was nun am Ende dabei herauskommt. Dale setzt das auch einfach als fest gegeben voraus, begründet sogar die Bibel von daher, statt umgekehrt, und sagt: Wenn Gott vorher gewusst hätte, dann hätte ja Hiob keinen freien Willen mehr haben können! Den nimmt er also erstmal als felsenfest an! Denn beides, gibt er ja zu, ginge nun mal nicht zusammen. Wo steht das eigentlich geschrieben mit dem berühmten ›freien Willen‹?«

Der kühn gewordene Jim sagt nun zu aller Überraschung; »Auf Dales Speisekarte!«

Bob führt das noch weiter: » Pa, auf Dales Operettenprogramm! Die Oper? ›Ein humanistisches Märchen‹ «

Rudi: »Gott weiß alle Dinge, schön! Auch die Zukunft. Da kann Er also nie ›überrascht‹ sein. Aber es könnte doch theoretisch sein, dass jeder Mensch dennoch freien Willen hat, auch wenn Gott den schon vorher weiß?«

»Dann wär’s, per definitionem, kein freier Wille mehr!« sagt Bob. »Und vom freien Willen steht kein Iota in der ganzen Bibel!«

Das ist nun natürlich etwas billig, den abwesenden Dale derart durch den Kakao zu ziehen! Eben waren sie doch noch selbst dieser

Auffassung. Geistlich, weniger den Kleidern nach, ist Usa noch sehr modeabhängig – nicht, dass mich das in diesem Fall nicht freute!

»Dann hat aber Gott bei Hiob den Teufel auf jeden Fall doch ›betrogen‹, wie’s Dale direkt in diesen Worten behauptete«, erwidert Sonya und fährt fort:

»Stellt euch mal ein Schachspiel vor, etwa hier zwischen uns beiden, und der Jim wüsste in jedem Falle, hundert Prozent, welchen Zug ich als nächsten mache, noch ehe ich überhaupt nur nachgedacht habe. Und wenn ich raffinierter werde und mir sage, aha, der Jim denkt jetzt, ich will von links mit dem Läufer an seinen König, was ich auch will, aber sage nun, da werden wir uns decken und ihn irreführen – hilft alles nichts, Jim durchschaut auch das, ehe ich’s selber weiß. Ja, was für’n ›faires‹ Spiel, was für’n ›Wettlauf, das Kleinod zu gewinnen,‹ wär’ denn das! Ich könnte auch nicht meinen ganzen Plan umwerfen und eine ganz neue Strategie anfangen, denn Gott weiß auch das vorher. Das wär’ doch keine Freiheit für mich, und wäre in jedem Fall von Gott ›unfair‹. Er könnte dann gegen mich nämlich so doch nur gewinnen!«

»Ich bin nicht Gott!« bemerkt Jim mit spöttischer Verbeugung, weil Sonya eben als von ihren Schachgegnern, vom einen zum anderen übergesprungen ist.

»Nein, denn Der weiß, aber du nicht!«

»Eben wie bei Hiob mit dem Teufel.« murmelt Rudi.

==========5==========

»Ich will mal was erfinden!« sagt Bob nach einer Weile.

»Gott, der die Zukunft also nicht sieht, hat im selben menschlichen Geist mit dem Teufel ›fair‹ gespielt, die Wahrscheinlichkeiten waren 50/50, der Teufel hatte eine gegenüber Gott ›faire Chance‹. Und auch angenommen, Gott habe mal bei Hiob ›zufällig‹ gewonnen – zufällig, ha, wie das schon bei Gott klingt! – Nehmen wir’s trotzdem mal an. Aber nun hatten sie noch einen anderen Fall, nennen wir den Menschen mal, in Umdrehung des Namens, Boih, das Gegenstück zu Hiob. Und weil nun alles ›fair‹ und ›gerecht‹ zugeht, ist nach der Chancenwahrscheinlichkeit nun also mal der Teufel mit Gewinnen dran. Frau Boih sagt auch genauso, ach, gib doch deinen Gott auf! Du siehst ja, Er nützt nichts, es geht dir dreckig nach wie vor. Und Boih mit freiem Willen, sagt, heißa, hast eigentlich recht, was quäl’ ich mich hier (gegen eine Ehefrau gibt’s schon gar keinen freien Willen!!) – und verlässt Gott und betet zu Baal oder sonst wem. Na, der Teufel lässt sich nicht lumpen und belohnt ihn vor Freude auch fürstlich.

Da kratzt sich Gott den Kopf und sagt: ›Verflixt und zugenäht, hat er mich doch diesmal reingelegt! Au wei, au wei! Ihr Engel alle, kommt mal alle schnell zusammen!‹ Inzwischen hat nämlich auch ein eifriger Jünger, der ja nun auch freien Willen und unvorhersehbare Initiative hat und nichts Unrechtes tut, also den Fall getreulich aufgezeichnet und das ›Buch Boih‹ geschrieben.

›Mein Ruf ist für alle Zeiten ruiniert,‹ schreit Gott, ›nämlich dass Meine Vorhersagen verlässlich seien! Nun mal fix, Kinder, geht auf die Erde und stöbert schnell alle Exemplare dieses Buches Boih auf und vernichtet mir die!‹

Zum Glück gibt’s noch keine Buchdruckerei, und die zwanzig oder so handgeschriebenen Exemplare sind bald gefunden und vernichtet. Und so kommt es denn, dass Gott noch einmal knapp davongekommen ist! Wir heute also wissen nichts von Boih, noch von irgend einer anderen Schrift, wo sich Gott mal geirrt hätte!«

Hierauf erhebt sich ein Stimmengewirr mit Gelächter, Rudi fängt ein ostentatives Händeklatschen an, in das die anderen einstimmen, und Bob verbeugt sich stehend zum Spaß. Da sagt ausgerechnet Diane:

»So kann man nicht von Gott reden! ›Verflixt‹ und ›sich den Kopf kratzen‹! Und überhaupt, der Himmel ist doch nicht so eine schmierige Spelunke, wo Gott schnell Daten unter’n Tisch fallen lassen muss. Das ist Blasphemie!«

»Danke ergebenst!« erwidert der noch stehende Bob, sich leicht verbeugend, nur diesmal nicht mehr lächelnd,

»Du hast meinen Punkt begriffen!« – Das sagt er sarkastisch, weil ja gerade das offenbar nun nicht der Fall ist. –

»Gott allein ist wirklich frei und unabhängig, wir aber auf immer seine Sklaven.«

Aber nun ist die Stimmung endgültig verändert. Man räumt den Tisch ab, zwei finden sich zum Abwasch, man trällert ein Liedchen und geht seiner sonstigen Wege.