Sechstes Kapitel

Samuel Rothman

In USA gibt es keine Staatskirche und keine Kirchensteuer. Sie halten sich viel zugute mit ihrer Trennung von Kirche und Staat von ihrer Revolution her. Daher gibt es auch keine »Staatskirche«, bevorzugte Konfession oder Denomination. Wie jeder Mensch soll auch jede Kirche gleich sein und gleiche Chancen haben. Also muss auch jede, wie in jedem Gewerbe, für ihr eigenes Einkommen sorgen. Das ist gut gemeint, aber auch nicht der Himmel auf Erden, denn natürlich öffnen sich gerade so Tür und Tor für das oberflächliche Scheinwesen, ja Heuchelei und ziemlich offene Lüge, und wie in allen anderen Unternehmen, Reklamegehabe und kaum verhohlene Bettelei, ja mehr noch als sonst üblich, weil man’s ja hier mit »Heiligkeit« und nicht gleich prüf- und beweisbaren »Erfolgen«wie etwa Benzinpreisen – oder anderen Tatsachen zu tun hat.

Die Leiter ermahnen ihre Kirchenmitglieder regelmäßig, den von Gott bestimmten »Zehnten« (Teil des Einkommens) für den Unterhalt der jeweiligen Kirche und ihre Angestellten zu entrichten, denn auch die Pastoren haben sonst und für ihren Unterhalt kein Einkommen. Aber so nun regiert der allmächtige Dollar. Da mag es eine Kirche geben, wo der Pastor stets freundlich lächelnd auch den allerabstrusesten Unsinn toleriert, denn er hat die verschuldete Kirche gerade übernommen und kann sich keinen Abgang von Gemeindemitgliedern und ihrem Geld mehr leisten. Eine andere ist schlecht besucht, weil materiell schlecht instand, die aber die Wahrheit predigt. Aber das nehmen sie oder wollen sie nicht wahrnehmen. In so einer Reklamegesellschaft geht alles nach dem Augenschein. Der Pastor muss sich totarbeiten und leidet doch Mangel. Und eine andere Kirche ist reich, schön und groß, und mehrere Pastoren sind reich von ihr bei mäßiger Arbeit. Der geistliche Gehalt beider Kirchen, wohl weil eben keiner auf ihn achtet – das ist das Merkwürdige – steht in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen. Sollte man eine Abhängigkeit konstruieren, so ist es eher eine reziproke: Reiche und große Angeberkirchen sind geistlich leer und arm, aber – um ganz genau die Wahrheit zu sagen, arme Kirchen meist genauso!

Kurze Anmerkung von Öhrlein, die nur bedingt hierher gehört, weil im fernsten Ausland erlebt:

In Singapur, von wo noch mehr Gutes in diese Blätter einfließen wird betreffs der Regierung und ihrer Ausbildungsschule, hat meine Tochter eine Gemeinde ausfindig gemacht, wo der Pastor RENNIS heißt, das ist Englisch »Sünder« rückwärts gelesen. Und genauso ist es auch, denn convertere ist lateinisch und heißt »verdrehen, wenden, anders herum tauschen«. Auf Englisch wird das abgeleitete conversion für christliche Bekehrung gebraucht, und Pastor Rennis ist ein völlig umgedrehter ehemaliger Sünder, nun ein lebendiger Christ.

Der Grund, dass ich hier an ihn denke, ist der Umstand, dass er wohl das richtige Evangelion lebt und predigt, aber, wohl um allen Streit erst gar nicht aufkommen zu lassen, aus Weisheit, die mir immer fehlt, seine unmittelbaren Mitarbeiter ganz ungeschoren lässt. Kommt man erst hinein, findet man eine genauso legalistische, humanistisch-christliche Gesellschaft vor wie irgendwo in USA – bis er persönlich auftritt und predigt! Ich saß mit meiner Lucia zwischen zwei Chinesenmädchen, die ganz zur dort zuerst begegneten Gruppe zu gehören schienen. Es war genug Raum und Freiheit dort, mich das merken zu lassen. Ich antwortete mit Minipredigten, kurz zwischen den Lippen gemurmelt, etwa: Das kann man nicht erkämpfen, dafür ist Jeschua gestorben! Oder: Es ist die Überzeugung, der Glaube allein, der einen Christen nicht mehr sündigen lässt!

Dann also sprach Rennis, mein Herz lebte auf. Der Leser hätte meine freudigen zahlreichen »Siehstes« an meine Sitznachbarinnen hören sollen!

==========2==========

Hinter grünen Hügeln versteckt, gerade schon außerhalb der Stadt, aber noch nahe bei dem feinsten Viertel, liegt ein vornehmes zweistöckiges Herrenhaus. Von der Straße aus meint man, das weiträumige, leer aber anmutig parkartige Grundstück sei ein Wald oder Park für sich selbst.

Dieses Haus gehört Reverend Dale Noomey, Pastor der Eakland Baptist Church, die nicht weit von diesem Grundstück entfernt liegt. Es ist sein eigentliches Wohnhaus. Er hält es ganz privat und abgeschieden, und nur die wenigsten wissen, wo er eigentlich wohnt. Er empfängt auch die meisten Besucher, geschäftliche der Kirchenangelegenheiten, wie private, nicht hier, sondern in den reichlichen Räumen der Kirche, oder in seinem Studentenmietshaus. Er lässt die Mehrzahl in der Kirche bei dem Glauben, dass er auch in dem Studentenhaus wohne. Hier draußen hat er auch nur einen im Telefonbuch nicht verzeichneten Privatanschluss, sein Name und Titel als Pastor und Leiter der Eakland Baptist Church stehen dagegen auffällig groß und breit auf den gelben Seiten unter »Kirchen«, sowie privat, klein, für das Studentenhaus, in den weißen Seiten des Telefonbuches.

Dale hat keine Familie und nie geheiratet. Sollte wirklich einmal ein Gespräch auf diese Frage kommen und man um den Grund mutmaßen, so versteht es Dale geschickt in seiner Bescheidenheit auf Paulus zu verweisen, der für Christen ganz allgemein die Ehelosigkeit empfiehlt, weil man als Lediger dem Herrn besser dienen könne.

Zum Hause kommt, neben nur ganz wenigen sehr vertrauten Freunden, eine Hauspflegerin, die auch dort ein Zimmer für sich hat und sich oft in dem sonst leeren Haus als eine Art Wächterin aufhält. Auf diese ältliche Frau ist absoluter Verlass.

Einer dieser sehr vertrauten Freunde, der ihn öfter in seinem Hause besucht, ist Samuel Rothman, ein schmächtiger Jude mit der Figur eines Fünfzehnjährigen, der wegen seiner aus Überzeugung auch öffentlich bekanntgemachten Bekehrung zum Christentum vor etwa zwei Jahren als »ein Fremder und nicht mehr unser Sohn« seines Elternhauses für immer verwiesen worden ist und daher seit dann keine Verbindung zu seiner Familie ein paar hundert Meilen entfernt, oder dem Kreis um die Synagoge mehr hat. Es besteht zunächst noch ein freundschaftliches, beinahe herzliches Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Dale und Sam; der Pastor hat auch finanziell, aus offiziellen wie aus Kirchenmitteln und von seinem eigenen Geld, viel für Sam getan.

Dennoch bleibt ihm Sam ein Sorgenkind, obgleich sein anfangs wegen all der Sorgen sich zu verheddern drohendes Studium nun gut erholt hat, und Sam ein fleißiger, intelligenter und gut benoteter Student geworden ist. Es scheint seine schwache Gesundheit zu sein, die ihn noch hindert und zurückhält, wohl mehr noch als die ja verständliche Einsamkeit und Ausgestoßenheit. Außerdem ist Sam trotz allem nie ein rechter Baptist geworden, sondern geht im Glauben schon immer seiner eigenen Wege. Dass er ein Fremdling in der Eakland Kirche geblieben ist und ihn da niemand kennt, scheint dem Pastor merkwürdigerweise recht. Sam ist der bis dato einzige, den Dale in dieser Beziehung bisher ganz ungeschoren lässt, ja, ihm oft staunend und etwas ratlos zuhört, wie er seine eigenen, abwegigen, aber seltsamerweise irgendwie unangreifbar und immer biblisch fundierten Theorien äußert. Immer sind sie neu, und obgleich biblisch nie angreifbar, hat Dale weder während des Studiums noch in Fachveröffentlichungen je dergleichen gehört. Seit ihrer ersten Zeit zusammen hat sich Dale ein fast absolut geduldiges, nie widersprechendes Zuhören angewöhnt, anfangs für den verwirrten und verstörten Waisen ja quasi eine Notwendigkeit. Wohl macht sich Dale seine eigenen Gedanken und Sorgen um ihn, ja, vermutet, dass Sam wohl wirklich ernsthaft krank sein müsse, vielleicht gar, dass er nicht lange mehr leben werde. Wenn er nur ganz zart eine fachärztliche Untersuchung andeutet, wehrt Sam immer ab, wohl aus Bescheidenheit wegen der Kosten, zu denen er selber das Geld schon gar nicht hat. Sam bleibt eigenartig, in sich gekehrt und einsam.

Manchmal kommt es aber zu langen, vertraulichen Gesprächen zwischen den beiden bis tief in die Nacht, oft mehr Monologen Sams. Da lauscht Dale dann immer angestrengt und aufmerksam auf jedes seiner Worte. Mehr als einmal hat er aus den Visionen Sams Anregungen für sein geistliches Leben und für manche Predigt gewonnen.

Nun hat sich aber kürzlich eine Entwicklung angebahnt, die zwar für den armen Sam eine erfreuliche Wendung in seinem sonst abgeschiedenen Leben andeutet, aber für Dale, der noch gar nichts davon ahnt, höchst unerwünscht, ja, geradezu widerlich sein wird, nämlich die Bekanntschaft Sams mit dem Webbhaus-Kreis! Von allem, wovor er seinen Schützling zu behüten trachtet, ist wohl gerade der Webbhaus-Kreis, besonders der Russe Michail mit seiner »frechen Kritiksüchtigkeit«, wie er es nennt, zur Zeit der schlimmste Einfluss, den sich Dale vorstellen könnte. Dabei dürfte, logisch gesehen, »Einfluss« bei freiem Willen ja gar keine Rolle spielen. Auch müsste ihm doch die Ähnlichkeit mit Sams Betrachtungsweisen aufgefallen sein. Aber da ist er voreingenommen und, lächerlich wie es klingen mag, ist Angst eine starke menschliche Triebfeder, die Dale daran hindert, Mischas Ideen sine ira et studio zu überdenken. Und so fährt er fort, Michails Einfluss und alles an ihm zu verabscheuen. Aber es sind gerade jene amerikanischen Christen auf gute und gegen unerwünschte Einflüsse erpicht, meist auch trotz aller »Freiheit« für ihre Kinder oder sonst Abhängigen, die widersprüchlicher Weise den »Freien Willen« wie ein Heiligtum hochhalten.

USA sind als Weltleiter ebenso ungeeignet wie im Privaten, weil sie auch andere Nationen nach ihren nicht bis zu Ende durchdachten Prinzipien regieren wollen.

Der erste Kontakt, ich bin versucht zu schreiben: »zu Mischas Kreis«, also, findet im Altsprachlichen Institut der Universität statt, wo Mischa vorgesprochen hat, weil er größere Genauigkeit im Verständnis einer Stelle der Sprüche Salomos gesucht hat, wo es heißt:

Der Herr macht alles zu Seinem Zweck, auch den Gottlosen für den bösen Tag.

Dass Sonya gerade im Gespräch mit Jim vor dem Webbhaus an genau denselben Punkt geraten ist, weiß er noch nicht; denn er kennt ja den Kreis noch nicht. Ich erwähnte ja an eben dieser Stelle, dass ›Geister im Webhaus umgehen.‹ Das sind natürlich keine Kindergeburtstägler im weißen Überwurf. Es scheint mir dies mit Mischas eigenen Gedanken so aufzufassen zu sein, wie er von den beiden Computern spricht, die bei gleicher Einspeisung auch zum gleichen Ergebnis kommen, etwa zur gleichen Zeit. Die Idee, wie andere, lag seit dem Abend mit Dale im Webbhaus ›irgendwie in der Luft‹ und hat sich dann, diesem Prinzip zufolge, in jedem einzelnen auf ziemlich ein Ziel hin, weiterentwickelt.

Sam, im Hebräischen geschult von seinem orthodox jüdischen Elternhaus her, hilft im Altsprachlichen Institut als Berater in diesem Fach gelegentlich aus.

»Hi! Ich bin Michail Weizbinder. Ist dies das Altsprachliche Institut?«

»Ja. Verzeihen Sie unseren beschränkten Raum! Man hat heutzutage weniger und weniger Sinn für tote Sprachen. Hi, ich bin Nancy, fungiere hier als Sekretärin, wenn ich mal da bin.«

»Haben Sie meinen Anruf erhalten? Ist Sam Rothman anwesend?«

»Ja, das war ich selber am Telefon. Wie verabredet, Sam ist da. – Sam?« ruft sie, und aus dem Nebenraum meldet sich und erscheint der Gerufene.

»Hi, Michail Weizbinder. Ich komme wegen einer Stelle in den Sprüchen Salomos.«

»Ja, ich weiß schon. Hab den Tenach noch aufgeschlagen. Komm mal mit in die Bibliothek.«

»Den was?«

»Das ›Alte Testament‹.«

==========3==========

 

Dort, im euphemistisch »Bibliothek« genannten lang und eng wirkenden Nebenraum, der aber mit Regalen und Büchern vollgestopft ist, nehmen beide an einem Schreibtisch Platz, wo die Sprüche Salomos beim oben zitierten Vers aufgeschlagen liegen, und Mischa erklärt auf die entsprechende Frage Sams:

»Bedeutet nun dieser Vers, was ich von der Übersetzung her vermute, nämlich, wenn man’s nur erstmal bis dahin liest: ›Der Herr macht alles zu Seinem Zweck‹, also Zweck Gottes selbst, ›auch den Gottlosen‹, Punkt? Oder bezieht sich alles nur auf das Ende des Gedankens: ›für den bösen Tag‹, offenbar den Tag des Gerichts? Also kurz, haben wir das Recht zu vermuten, dass Gott auch den Gottlosen als solchen von vornherein macht, oder den schon bestehenden Menschen nur zubereitet für den Gerichtstag, statt abzuwarten, ob und wie sich jeder Mensch selbst entwickeln wird?«

»Die Übersetzung, soweit ich beurteilen kann, ist korrekt und verständlich. Ich vermute also, es heißt, Gott macht von vornherein alles, auch den Gottlosen als solchen. Übrigens kommt das ja auf ein gleiches heraus, wenn der Höchste alles zu Seinem Zweck macht, besonders das Endgültige: für den bösen Tag. (Also den des Gerichts!) Aber meine Vermutung allein zählt nichts. Ich verweise auf Vers neun, nur fünf Verse weiter:

›Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.‹

Wenn also ein Mensch böse ist und bleibt, ist es dennoch Gott allein, der ihn eigentlich leitet, das muss heißen, weil sich ein Mensch selber ›von Jugend auf‹ nichts anderes als selbstische Wege ausdenkt, und hier von seinen planenden Gedanken die Rede ist, auch dessen Sünden. Gott wendet keineswegs ›noch schnell alles zum Guten‹.«

»Was? Das ist ja ganz erstaunlich! Genau darum geht es!«

Sam leitet weiter:

»Im Propheten Jeremia erzählt uns der Herr das Gleichnis von einem Töpfer, das ist Gott, und wir der Ton, aus dem Gott macht, was Er will. Paulus greift nämlich das Gleichnis auf und sagt im Römerbrief, Gott erbarmt sich wessen Er will und verstockt, welchen Er will – Wie kann Er uns da beschuldigen? Wer kann Seinem Ratschluss widerstehen? Kann der Ton sagen zum Töpfer: warum machst du mich so? Aber Gott, der Töpfer, hat Macht und Freiheit, aus einem Klumpen zu machen ›ein Gefäß zu Ehren und ein anderes zu Unehren‹. Es geht weiter, Gott habe mit großer Geduld getragen die Gefäße des Zorns, ›die da zugerichtet sind zur Verdammnis‹. Daraus wird klar, dass es schon von allem Anfang an Menschen gegeben haben muss, die unehrenhafte Gefäße, also Sünder sind, und zwar so von Gott geplant und erschaffen, ›zugerichtet zur Verdammnis‹, und das ist genau derselbe Gedanke wie der Salomos.«

Es braucht mindestens eine ganze Minute, in der Mischa zusammenhangloses Zeug brabbelt –

»aber wie geht das? – na, Donnerwetter! – und ich dachte . . ja, wie kann denn? Das ist ja die reinste ›doppelte Prädestination,‹ (womit Gottes Planung – notwendigerweise auch des Bösen – von manchen bezeichnet wird!)«

– bis er sich von seinem freudigen Schreck erholt hat und nun wieder artikulierter und mit mehr Planung sagt:

»Verzeih, du weißt auch im Neuen Testament so gut bescheid? Ich hatte bei dem Namen gedacht und was mir Nancy am Telefon von einer Synagoge erzählt hat . . .«

»Dass ich ein Jude sei? Ja, das bin ich auch! Samuel Rothman, Enkel von Siegfried Rothmann aus Rüdesheim am Rhein in Deutschland.

Unter der immer enger werdenden Judenverfolgung unter Hitler, als ihm sein Geschäft gesperrt wurde, hatte mein Großvater Siegfried die Geistesgegenwart, noch den Rest des Ersparten zusammenzukratzen und eine Überfahrt mit Frau und Kind nach New York zu buchen. Die Flucht ins Ausland, zunächst nach London, mit meinem achtjährigen Vater soll noch sehr abenteuerlich gewesen sein. Ich bin natürlich schon hier geboren. Vater hatte sich ins amerikanische Hinterland verzogen, weil ihm die Synagoge in New York nicht orthodox genug war, mehr aber wohl noch, weil man gegen die Deutschen zunächst zu lax war, das heißt, sie nicht leidenschaftlich genug hasste. Auch Vater, der ja gerade noch mit heiler Haut entschlüpft ist, hat sich nie verziehen, dass er nicht in Konzentrationslagern mitgelitten hat, wie der Rest der Familie, von der wir in Amerika den grausigsten Bescheid – oder eben mit einmal gar keinen Bescheid mehr – erhielten.«

»Aber wie weißt du dann so genau über Paulus bescheid, hast ja die Römerstelle ganz unvorbereitet fast wörtlich zitieren können?«

»Ja! Die habe ich nächtelang unter Tränen ausführlich studiert! Ich bin Christ – geworden! Habe mich hier bekehrt. Wie mein Vater litt ich unter den sprichwörtlichen jüdischen Schuldgefühlen, dachte aber, anders als er, man brauche sich des knappen Entschlüpfens oder dass man nicht in Auschwitz hingerichtet wurde, nicht zu schämen, besonders ich, der doch erst geboren wurde, als alles längst vorbei war. Aber dann waren wir in dem kleinen Städtchen die einzigen Juden, zumindest orthodoxe (die anderen zählen für meinen Vater überhaupt nicht) und mussten am Schabbes drei Stunden immer in die nächste Stadt mit einer Synagoge fahren. Ich wuchs in ganzer Abgeschiedenheit auf. Die Christen, mit denen ich doch die Schule teilte, existierten gar nicht für uns. Aber dann fragte ich mich doch, warum wir so anders waren und warum uns Gott denn so hasste, denn wir Juden werden doch immer und überall verfolgt. Seit Jahrhunderten in ganz Europa und damals auch Amerika. Und nun, selbst nach dem Holocaust, schrieb uns Onkel Moische aus Israel von den stetig schwelenden Kriegen und dauernden Attentaten von den arabischen Nachbarn.

Mädchen waren nur ›Schicksen‹ und ganz tabu für mich Heranwachsenden mit der ewigen Chamulka, dem Judenkäppi. Kurz, ich biss mich mit etwa siebzehn an der Idee fest, unsere unüberwindbare Erbschuld sei, Jeschua ans Kreuz geschlagen zu haben! Gott hatte doch was mit diesem Menschen vor. Ich beschuldigte ja auch die Deutschen nicht, dass sie unseren Glauben nicht teilten oder uns nicht liebten, aber sehr, dass sie uns einfach ausrotteten! Also, was immer Er war, Den wir bis heute in meiner Familie so hartnäckig totschweigen, Er starb unschuldig, diesmal durch uns! Denn wir, nämlich ›das ganze jüdische Volk‹, von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, riefen: ›Kreuzige! Kreuzige!‹ und dann auch: ›Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‹ Und ich war schon dabei! Denn, selbst mal abgesehen von den Gameten in meinen Voreltern, hätte ich da gelebt, wäre ich auch in diese jüdische Tradition mit hineingewachsen, und da ich von Natur aus ein Sünder bin, umso mehr! Ich konnte damals bei meiner Bekehrung noch nicht sagen, wie eben, auch das habe Gott ›zu Seinem Zweck‹ so gefügt. Das führt mich aber nicht zu Fatalismus, sondern im Gegenteil, nur der sieht es, der von Gott einen Hauch des Verständnisses von Gottes Schuldvergebung erhalten hat, nämlich dass der so dringend gewünschte Ausweg nicht im schulterzuckenden Annehmen des von Gott verhängten Schicksals liege, . . und dazu muss Gott den Kessel offenbar erstmal unter Dampf und die Seele unter quälenden Druck setzen.«

Die Tür öffnet sich einen Spalt, Nancy steckt den Kopf herein und fragt:

»Seid ihr immernoch hier? Wie lange wird das dauern? Ich will nämlich das Büro abschließen.«

==========4==========

Die beiden schließen also das Prophetenbuch und verlassen das Altspracheninstitut, sind aber mit ihrem Gedankenaustausch noch lange nicht fertig. Sie laufen durch die ländlichen Straßen, wo sich die Bäume herbstlich verfärben, und Sam erzählt von seiner Bekehrung nach sehr aufmerksamem Lesen zuerst des Matthäus-Evangeliums, und dann mit immer wachsendem Interesse, den Rest des Neuen Testamentes.

»Da geschah es dann, dass ich eines Tages das Buch zuklappte und die Vergebung ausschließlich von Gott und ausdrücklich unter Berufung auf Gottes gelesenes Wort für mich in Anspruch nahm. Ich hatte im Johannes-Evangelium gerade gelesen ›Wer den Sohn hat, hat das Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.‹ Erst nachher wurde mir mit Erschrecken bewusst, dass mich das ja nun ausdrücklich zu einem Christen machte, denn ich nahm Gottes Vergebung an unter Jeschuas Voraussetzung ›Niemand kommt zum Vater denn durch Mich!‹ Aber sei’s drum! Hier war das höchste Gut, das je ein Mensch ererben kann, der unendliche Friede mit Gott! Sollt’ ich das wegen vorauszusehenden Familienhaders drangeben? Und die besondere Zusicherung liegt ja gerade in der Tatsache, dass es genau Derselbe ist, Der uns vergibt, wie Der, an Dem wir so gesündigt haben. Es muss Gott vergeben und derjenige, an dem man gesündigt hat! Hier alles ein und dieselbe Person! Sieht das Ganze nicht aus, als habe Gott Seinen Sohn gerade nur für uns Juden eingesetzt?«

»Wie hat das denn deine jüdische Familie aufgenommen?«

»Ich fürchte schlecht – sehr schlecht! Aber begreifst du, was mir da passierte? So viele Christen, die ich sehe, wachsen in ihre christliche Tradition einfach hinein, wie ich in meine jüdische, und machen sich vielleicht nie klar, was das für eine Neue-Welt-Entdeckung ist! Ich hatte nämlich auch prompt eine fast körperlich spürbare Erleichterung über die alte Schuldfrage, ich blühte zunächst richtig auf! Klar, da war eine Schuld meines ganzen Volkes vor Gott, und das ist der Grund für unsere Hoffnungslosigkeit durch die Geschichte. ›Sein Blut komme über uns und unsere Kinder, wenn Er hier unschuldig hingerichtet wird!‹ Und genau so kam es! War nicht vielleicht Hitlers Judenverfolgung ein Fingerzeig Gottes an Sein Volk, dass ein Sünder ein Sünder ist, der bockig gegen Gott, nur seinen eigenen Weg gehen will, bis in alle grausame Konsequenz, und dass wir solche Sünder sind! Aber nun hier – Gottes freie Vergebung, die es nur aus Jeschua gibt, jawohl, desselben Gottes, genau zugeschnitten für Sein Volk, und so angekündigt durch die Propheten, und nun unleugbar meine! Denn welch eine Macht im ganzen Universum könnte noch gegen mich sein, wenn dessen höchster Chef mich so unbezweifelbar liebt und fördert?

Ich war in diesem Sinne auf einmal gar kein Jude mehr, und doch der vervollkommneteste Jude, den man sich denken kann! Hinweg mit dem Fremdsein, der elenden Fremdlings-Chamulka, hinweg mit dem Verstecken in Amerikas Hinterwäldern! Hinweg mit dem familienalten Hass auf die Deutschen! War mir so voll vergeben, so sei es ihnen auch! Buße haben sie ja offiziell und im einzelnen deutlich getan. Da muss man ihnen doch ›sieben mal siebzigmal‹ vergeben. Und war ich in diesem Sinne kein Jude mehr, so war ich selber wieder ein Deutscher! Vielleicht gerade auch deshalb, weil das zu Hause das andere große Tabu war. Auch die Eltern bekamen ein klares Zeugnis in diesem Sinne. Den eigentlichen Krach zu Hause gab es aber erst, nachdem die Familie einer Mitschülerin, wohin ich mehrmals eingeladen worden war, nichtsahnend meinen Eltern über meine Bekehrung vorgeschwärmt hatte.«

Mischa sagt lachend und auf Deutsch: »Ich bin ein Russe, aber genauso ein Deutscher durch meine Vorfahren

Und Sam, der seit dann etwas Deutsch studiert hat, versteht es!

»Eines hat mich allerdings verwirrt und zum Verstehen mehr als ein Jahr gebraucht.« fährt nun Sam in seiner Erzählung, und auf englisch fort,

»Das war das vollkommene Nichtverstehen und Fremdsein der Goyim in ihrem eigenen Neuen Testament! Besonders was Gottes Vergebung der Sünden angeht. Ich dachte immer, ich muss da was falsch verstanden haben, in meinem Eifer über das Ziel hinausgeschossen sein. Anfangs behandelten mich ja fast alle Kirchen, in denen ich mit meiner Vergangenheit aufkreuzte, wie den verlorenen Sohn. Das wurde mir darum bis heute sehr peinlich, und ich tue es nicht mehr, denn ich musste lernen, dass wir ganz verschieden dachten. Was habe ich die Bibel nächtelang in meiner Einsamkeit gewälzt und um Wahrheit und Verständnis gefleht! Das ist so eine Bitte an Gott, die so gut wie eine Garantie für ihre Erfüllung bei sich trägt! Denn es war ja nun für mich mit den Kirchen wie ein zweiter Rauswurf. Und verfehlte ich nun auch diese zweite Heimat, so hätte ich buchstäblich gar nichts mehr gehabt . . . Und dann hätte ich . . .«

Diesen Gedanken führt Sam aus Scham nicht zu Ende.

»So meinte ich jedenfalls damals! Aber dann wurde das Unfassliche klar: Ich, der Außenseiter und das schwarze Schaf, wusste nach ein paar Wochen Neuen Testamentes besser darin bescheid als sie mit ihren Jahrzehnten! Ich hatte geprüft und geprüft, bis ich wirklich dachte, ich sei verrückt geworden und halluziniere etwas in die Bibel hinein, was meinem eigenen Sehnen entspricht, nicht Gottes Wahrheit. Aber ich hatte recht, wie sich später unbezweifelbar deutlich herausstellte. Warum verstehen sie es nicht, wenn es da so schwarz auf weiß unverrückbar steht?«

»Weil es nur der erhält, der dürstend bei Tag und Nacht danach sucht.« bemerkt bescheiden Mischa.

Über den Rest seiner aufregenden Lebensgeschichte ist aber Sam zu bescheiden, so ausführlich weiterzuberichten. Auch weiß Mischa zunächst nichts über die Verbindung zu Dale Noomey, ebensowenig wie andersherum Sam. Aber das wird sich ändern.

Sie trennen sich in bester Freundschaft, einer Freundschaft, die für beide einen großen Gewinn bedeutet, und also wird es nur eine Frage der Zeit, bis Sam in den Webbhaus-Kreis eingeführt wird.

============5============

Dale Noomey kommt ein paar Tage später am frühen Abend in seinem teuren, eleganten Wagen direkt aus seinem Studentenhaus in sein privates Landhaus, ein Funksignal öffnet ihm die sich lautlos bewegende große verzierte Schiebetür am Gatter, und dann nach 200m gewundenem aufwärts verlaufenden Fahrweg, ein anderes auch die Garage.

Er findet Sam Rothman in dem einen kleinen Wohnzimmer auf dem Sofa liegend. Die Rollos sind heruntergelassen, wenn auch das Zimmer noch hell genug bleibt, Gegenstände auszumachen. Die Wirtschafterin hat ihn eingelassen, daran ist nichts Außergewöhnliches mehr.

Sam geht es nicht gut, das sieht der Pastor gleich, aber ist dennoch lebhaft erregt, antwortet auch auf des Pastors fürsorgliche Frage sofort:

»Oh nein, es geht mir sogar sehr gut!«

Dale fragt, ob er etwas zu essen wünsche, aber die Haushälterin hat ihm schon ein Abendessen gemacht, auch schon nicht mehr ungewöhnlich in den Beziehungen in diesem Haus. Auch Dale selber verspürt keinen Hunger, und so füllt er sich nur ein Glas teuren französischen Rotweins ein – der Leser beginnt die Abgeschlossenheit und Verschwiegenheit des Hauses für den Baptistenpfarrer zu verstehen! Aber dafür sind noch ganz andere Gründe in Betracht zu ziehen, wie wir sehen werden.

Das wollen wir aber keineswegs dem Pastor in Schadenfreude ankreiden! Wir wären ja in seinen Schuhen genauso. (Wie eben von Sam beschrieben.)

Wer aus eigener Kraft, auf Grund seiner Erziehung, Kirche und dergleichen, also in seinem Substrat so dressiert ist, dass er gut sein will, muss scheitern! Es ist als Gnade von Gott zu begreifen, wenn jemand gewahr wird, dass er nicht sein eigenes Sittengesetz halten kann, und das kann niemand! – Wenn’s scheinbar einmal doch gelingt, dann dankt nämlich ein solcher »Christ« seinem Herrgott für seine eigene menschliche Disziplin und Stärke und saust nur tiefer in seine Sünde! So haben es in unserer Mission Lucia und ich, Herm, bei manchen Mitchristen mehrmals beobachten können.Würde jemand Dale ertappen und zur Rede stellen, würde der mit seiner höheren Reife kommen, die ihm das erlaube, während er aus »Verantwortung« gegen seine Schäflein denen ein Trinken alkoholischer Getränke und auch nur eine Zeugenschaft von dergleichen bei ihm nicht gestatten dürfe. Gut, dass ihn keiner so zur Rede stellt! Denn das wäre ja katastrophal wegen seiner Gleichheit aller Menschen untereinander, an die er »glaubt« und dem Vorbild und der »Verantwortung«, von der er nicht einmal seine eigene tragen kann, wie er sogar noch selber zugeben wird. Und dass er da gegen die Gesetze seiner Kirche verstößt und sündigt, ist doch auch ihm gar keine Frage! Wieder sage ich das im Mitleid, fern von Schadenfreude. Aber Dale wäre auch gar nicht aufrichtig. Hier liegt seine Schwäche. Wie wir alle braucht er mal einen Menschen, bei dem er klein und hilfesuchend Schutz finden könnte, aber meint, vor allen immer eine Rolle des darüberstehenden Pastors und Seelsorgers spielen zu müssen, der er aber wiederum im Innern gar nicht gewachsen ist. So jedenfalls meinte ich bis zu diesem Zeitpunkt.

Das Weinhaus hat die Flaschen mit der höchsten Diskretion geschickt. Sam trinkt nicht oder nur ganz selten Alkohol und wüsste nichts gegen den Wein Dales einzuwenden. Es bleibt fraglich, ob ihm die – äußerlich – absolut negative Haltung der Baptisten zu Alkohol überhaupt bekannt ist.

Dale setzt sich bequem in den gepolsterten Lederstuhl am Schreibtisch dem Sofa gegenüber.

Sie schweigen, nur Sam wirft sich unruhig auf seiner Liege hin und her, bis es im Zimmer fast ganz dunkel geworden ist. Dale fragt, ob er ihm nicht eine Lampe anzünden darf, aber Sam sagt, bitte nicht, das verschlimmere nur seine Kopfschmerzen. Nach ein paar Minuten weiteren Schweigens spricht Sam mit veränderter, feierlicher aber doch zaghaft klingender Stimme, beinahe tonlos, mit starren Augen gegen die Decke:

»Die große Statue in Menschengestalt hat schon ihre beiden Füße mitten unter uns!«

Dale erstarrt, er nimmt an, dass Sam in einer Art Trance redet. Er wagt nicht, sich zu rühren. Seine Gedanken rasen, einmal will er den Kranken nicht erschrecken oder aufwecken, zum anderen erwartet er aber einen möglichen Nutzen und geistliche Anregung aus diesem ›Medium‹, vielleicht eine Offenbarung Gottes.

»Unsere Kultur oder Unkultur hat schon diese letzte Stufe erreicht, aber das Ende kommt noch nicht. Es ist ja im selben Buch angedeutet, dass erst noch vier fürchterliche Supermächte kommen müssen!«

Dale begreift schlagartig, dass er ein Gesicht über das geheimnisvolle Buch Daniel der Bibel habe, und seine innere Gespanntheit wächst sprunghaft an. Das Glas Wein hat er vergessen. Stocksteif sitzt er da, nun mit einigem Grund zu der Annahme, dass Gott hier durch ein Medium rede.

» . . . der Löwe mit den Adlerflügeln!« fährt Sam in seiner betonungslosen langsamen und leisen Stimme fort,

»Dem werden die Flügel genommen, er wird aufgestellt auf seine Füße wie ein Mensch, wird ihm sogar ein menschliches Herz gegeben. Aufstellen wie die ersten Menschen, ist ein Zeichen des eigenen Großmachens, mächtig Werdens und zum Imponieren mit der hohen Gestalt, erst nur gegen die Tiere, aber ebenso auch, dass nun der Ernst des Menschenlebens angebrochen ist, zur Arbeit! Wozu man ja gerade die Hände frei haben muss. Dieser Löwe ist noch der zarteste der Vier. Oder ist auch das menschliche Herz andersherum ein Hinweis auf den sündigen Humanismus, während ihm ja die Flügel des Fluges oder der Engel, also symbolisch der Gottesnähe, genommen werden?

Aber der Bär ist nur auf einer Seite aufgerichtet und hat in seinem fürchterlichen Maul zwischen den Zähnen drei Rippen. Der ist noch tierisch, wirklich mächtiger und nur halb menschlich aufgerichtet. Ihm wird noch befohlen: ›Steh auf und friss viel Fleisch!‹ Eine Rippe, aus allen drei Keimblättern gemacht, ist ein Symbol des ganzen Menschen, so wie Urmutter Eva aus einer Rippe erschaffen wurde. Also frisst der Bär viel Menschenfleisch. Ihm wird nur mehr befohlen, mit dem Löwen verfuhr man direkter und stellte ihn selber auf. Bezieht sich beides auf das ja zuerst christliche Europa? Dann ist der erste, der Löwe, der Westen mit seiner humanistischen Zivilisation, und der andere der noch wilde Osten, der nicht von den Römern als Kolonie aufgerichtet wird, sondern selbst, aber nur halb, zivilisiert wird.

Der nächste ist ein Panther mit vier Vogelflügeln auf seinem Rücken, hat vier Köpfe und große Macht.

Am schlimmsten ist der letzte. Der ist ›ganz anders‹, sehr schrecklich und stark, hat eiserne Zähne, das Eisen deutet wieder auf die sündige, babylonische Herkunft und auf die Endzeit, und noch manches spricht dafür, dass er erst noch kommen wird – weil es doch solche gibt, die behaupten, diese vier Supermächte seien schon gewesen. Der letzte also zerstört alles. Er hat zehn Hörner, auch wieder ein Zeichen seines sündigen Ursprungs; eines davon bricht hervor wie das Alexanders, zerbricht (wieder:) drei der anderen und redet große Dinge, aber im bösen, im zerstörerischen Sinn. Er vernichtet die Heiligen und lästert den Höchsten.

Das muss ja alles erst noch kommen und wird doch wohl mehrere hundert Jahre dauern müssen. Es sei denn, der beschriebene Löwe ist der von Juda, das Volk der Israeliten! Dennoch kann Jeschua, der Gottessohn, noch nicht so bald wiederkommen, wie behauptet wird, als der Eckstein, der die ganze fürchterliche und lästige Statue zu Staub zerschmettert. Denn der Letzte, der übertechnisierte mit den Eisenzähnen, etwa aus der sündigen Demokratie einer Zehnerunion, aus der er Gott lästert, der ist doch wohl noch nicht da?«

Ganz kurz nur geht ein erleuchtender Blitz durch Dales Gehirn, als Sam die Demokratie ohne weiteres als sündig einstuft, ob nicht sein Sam, der also auf einmal so anti-amerikanisch denkt, etwa plötzlich eine Gesinnungsänderung durchgemacht habe? Woher gleich hat er solche Gedanken kürzlich schon gehört? Aber er kommt nicht zum Weiter-Nachgraben. Während des weiteren Monologs Sams beruhigt er sich sogar fälschlich etwas, Sam meine die Demokratie nur allegorisch, besonders wie er dann über die Hure Babylon in dieser Gestalt spricht. Sam hat seine Rede so weitergeführt:

»Wo stehen wir denn? In einer ausweglosen Sackgasse, der babylonischen Gefangenschaft des Geistes und der Sittlichkeit jetzt zum Übergang ins einundzwanzigste Jahrhundert. Die Demokratie hat uns so gefangengesetzt, denn sie gibt scheinbar jedem selber die Verantwortung für kommendes Dilemma, so dass sie sich immer, wie über Hitler, wird herausreden können. Diese Sackgasse ist eine Erfüllung der Voraussagen über die große Statue:

Der Kopf ist von Gold. ›Das bist du, Nebukadnezar, der mächtige König von Babylon!‹

Pfui! Lügt hier wohl der Prophet in schamloser Schmeichelei? Weiß er denn nichts von Salomo, dem weisesten und herrlichsten der Könige schon ein paar hundert Jahre früher – und nichts von Jeschua, dem eigentlichen ›König aller Könige‹, der erst noch kommen soll?

Nun, die Antwort liegt in den zwei Linien, die sauber getrennt werden müssen! Babylon ist die eine, die menschliche und sündige, die zum Verderben führt. Sie behält auch ihren Namen durch all die Jahrtausende, obgleich die Stadt nach Gottes Wort doch bis heute eine nie wieder zu bewohnende Wüstenruine ist, als ›Große Hure Babylon‹ bis zu ihrer eigentlichen Vernichtung im letzten Buch, die noch aussteht. Der Anfang sah blendend gut aus, ›wie Gold‹, wird aber im Laufe der langen Geschichte zu immer wertloseren Metallen.

Diese sündige Linie hat nichts mit Davids Stamm, der anderen Linie, zu tun, das sündige Babylon nichts mit dem himmlischen Jerusalem, aus dem der endliche Stein kommt, Jeschua, der all das andere, die sündige Linie, zu Staub zermalmt. Nein, Daniel lügt nicht, von der irdischen Linie ist Nebukadnezar der erste und prächtigste der Herrscher.

Vom Altertum, durchs Mittelalter, bis in unsere Zeit, haben die Menschen ihrem Monarchen immer eine fast übernatürliche Verehrung gezollt. Das Haupt war oben und kam gleich nach Gott. Aber dann sind wir mit der Zeit herabgestiegen an der Statue, dieser Koordinate der Zeit selber, immer nach unten! Von Babylon über Persien/Medien, Alexanders Griechenland mit seiner Zweiteilung Ost und West in beide Arme, bis Rom, das nie ganz aufhört, weil es sich unter Constantin auf die Wege des Allerhöchsten eingelassen hat, Christentum, eigentlich die Religion der Juden, aber nun mit dem Kulturbereich der Statue vermischt, oder eigentlich nicht vermischt, denn die beiden Linien, Ton und Eisen, mischen sich nicht! Das ist nun unsere Teilung in die zwei Beine, ursprünglich Byzanz, Ostrom, und unsere ›westliche‹ Kultur, aber beide mit Christentum, dem Ton, und dem Kriegseisen vermischt, und hier wie da lässt sich’s nicht verbinden oder verheiraten! Entweder wir gehen mit Gott und Seinem König, den Er längst eingesetzt hat, oder mit der ›Renaissance‹, das ist die Religion der Heiden mit den falschen Göttern und ihren Idealen mit den Revolutionen und mit der Demokratie. Die Zweiteilung erst der Arme, Griechenland, der eigentlichen Götter, und dann wiederum uns jetzt, die Zweiteilung in die zwei Beine, als Renaissance derselben falschen Götter, sprechen dafür.

Aber zwei Herren, Eisen und Ton, zwei Armen, zwei Beinen, klassischem Griechen- und gleichzeitig Christentum, Humanismus und Gott, können wir auch als Weltkultur nicht dienen!

Und was ist es eigentlich, was immer so herabsteigt? Der Wert der Metalle, also was wir so verehren, was unsere Kultur ausmacht. Sie geht am Bilde des Menschen also stetig herunter, nicht als ein Gleichnis, eine Koordinate der Zeit, sondern, weil von Gott selbst gesetzt, die Zeit selber. Das ›Haupt‹ ist zweifellos das edelste Organ, die Füße das niedrigste. Schwebt jenes in den Wolken, so stehen diese als Verbindung zur unbelebten Welt auf der Erde, in Schlamm und Schmutz. Das Haupt war über uns, der Masse, als zu verehrende Verbindung zu Gott, aber diese Ebene senkt sich stetig an uns herab. Vom König, als einem Autoritäts-, ja Gottessymbol heruntergekommen auf uns alle, den Kleinen Mann, die Demokratie! In der Mitte, dem Schwerpunkt der Statue, liegen die Geschlechtsorgane. Da liegt nun unsere Anbetung, Verehrung und Faszination, weg vom edlen Haupt, zum Animalischen, zu seinem Vegetativum, zum Tierischen im Menschen! Die Zukunft ist abzusehen. Haben wir erst Gott verehrt – vor der Einsetzung Sauls als König Israels schrien die Juden, sie wollten auch einen König wie alle ihre Nachbarn, und Gott sagt zu Samuel: Sie schmähen Mich damit, nicht dich. – da verehrten wir also den herrlichen Herrscher in Seinem Bilde, so sind es nun, ein paar Jahrtausende später und tiefer in der Statue, ›wir alle‹ in der Demokratie unsere Anbetungsobjekte. Jetzt schrien sie ›Weg mit den Königen!‹ aus demselben Grunde wie damals: ›her mit ihnen!‹ Eigentlich aber schreien sie immer nur ›Weg von Gott!‹ Ebenso bald wird unsere Verehrung das Untermenschliche sein, ja das rein Tierische, das große Tier, die Schlange, von der die Offenbarung spricht!«

==========6==========

Es ist ganz dunkel geworden. Aber Dales nun angepasste Augen können noch schemenhaft den Studenten ausmachen, wenn nicht genau erkennen. Sein Haus ist besonders ruhig gelegen, man hört kaum mal einen fernen Lastwagen, aber noch die Grillen im Garten, die erst der Frost vertreiben wird.

»Beide Beine, Ostrom und der Westen,« fährt Sam nun fort, »haben eines gemeinsam. Die Zehen, an jedem fünf, bestehen aus Ton und Eisen, dem Metall der sündigen Menschenlinie, nun dem wertlosesten wiewohl aber härtesten, durch Kunst und allerlei Tricks nun so veredelt, dass es rostfrei ist und sich schon ganz wie eines der alten Edelmetalle benimmt. Aber es ist das auch das grausamste, das kriegerischste aller Materialien. Seit frühester Zivilisation, gleich nach dem Bronzealter, haben die Menschen diesen Stoff benutzt, sich gegenseitig zu schaden, von der Pfeilspitze über Speer und Schwert bis hin zu Kanone und Panzer ist es immer das Eisen gewesen, was uns zu Kriegen diente, selbst die Geschosse selber, ehedem noch aus Blei. Bismarck einigt das deutsche Reich mit ›Blut und Eisen‹, und zwar immer dem aggressiven Teil, kaum je nur zum Schutz. Das ist nun in beiden Teilkulturen mit Ton vermischt! Aber was ist Ton? Gar kein Metall mehr, und zum Gewichttragen da ganz unten an der tonnenschweren Statue viel zu bröckelig. Und der Prophet sagt selber, man wird immer versuchen, beide zu ›verheiraten‹, aber es wird nicht halten.

Und warum ist die große Hure Demokratie uns eine Sackgasse geworden? Weil sie doch ein genaues Kind Spartas, Griechenlands, also der alten sündigen Babylonreihe ist, der Großen Hure Babylon. Warum beide Male ›Hure‹? Wegen der Abgötterei! Wir treiben Hurerei statt normaler Ehe. Das heißt, wir suchen uns fremde Götter. Diese Hure hat der Teufel in der Renaissance wiedererweckt, weil ihm das mittelalterliche Europa zu christlich geworden war, natürlich auch nicht etwa gut und sündlos. Aber dessen Fehler und Sünden, die waren Kleinarbeit, auch wenn menschlich unerhört grausam, leider immer dennoch auf Gott bezogen, wohl in der Summe doch für den Teufel recht erfolgreich. Aber hier, die Renaissance, das war der große Durchbruch, der Geniestreich Satans! Und keiner der Mönche und Päpste merkt etwas, eben dass es aus der sündigen Reihe stamme, ja, noch viel offensichtlicher, eine Rückkehr, Renaissance, darstellte in das gerade als sündig überwundene Heidentum mit den falschen Göttern und deren Idealen.

Und Hure, weil wir bis heute und besonders in diesem Lande unsere Lust dareinsetzen! Sollte einerseits jemand nun auf die bisher vom Teufel so ängstlich gehütete Tatsache kommen, dass die Revolutionen Europas in den letzten zwei Jahrhunderten und daher auch unsere amerikanische hier, sein Meisterstück waren, wie könnte der sich wohl Gehör verschaffen? Andererseits hat es aber nun der Teufel selber nicht mehr nötig, gerade das geheimzuhalten! Wir können’s alle wissen, denn er hat den möglichen Rückweg verbaut. Wir können nicht mehr hinaus: Das ist die Sackgasse! Eine solche Falle ist unsere ›Große demokratische Freiheit‹«.

»Nein,« denkt nun Dale, »kein Zweifel mehr! Sam hat sich einer bösen ausländischen Überzeugung angeschlossen, die die ganze Demokratie verketzert! – hm! ausländisch?« Auf einmal kommt ihm ein sehr erschreckender Einfall!

»Wollte sich ein gottergebener Mensch Gehör verschaffen,« fährt Sam fort,

»so muss er nämlich nunmehr in allen bedeutenden Ländern der Erde vom Volk gewählt werden, sich dazu eine Partei verschaffen! Wie lächerlich! Er will die Falsche-Götter-Demokratie mit der Viel-Parteien-Streiterei abschaffen und muss dazu mit seiner Partei zur Wahl antreten! Stimmen sammeln zur Abschaffung der Volksabstimmung! Wir sehen, wo unsere Unfreiheit herkommt, aus einer viel früheren Leitung, so dass wir dann den Hauptbrunnen, aus dem alle trinken müssen, in Ruhe vergiftet sein lassen können! Das Wasser mischt sich darein von unserer Zauberquelle von selber; es hülfe uns „Verbrauchern" jetzt nicht mehr, sie dem Volke abzusperren, selbst wenn wir das könnten. Oder er macht, wenigstens ehrlicher, einen Staatsstreich, aber das wäre ja noch ungerechter, wieder eine Revolution. Und in diesem Lande, zum Beispiel, selbst wenn er auf bisherige Weise zu Macht und politischer Bedeutung käme, wird er dann zur Inauguration auf die alten unrechten Revolutionsideale der Gründerväter eingeschworen! Es gibt keinen anderen gerechten Weg für ihn. Wir, in all unserer ›Freiheit‹, sind nun im Humanismus als einer Sackgasse gefangen. Oder wird sich das unwissende Volk freiwillig seine vermeintliche Macht, die ihm doch gar nicht gehört (Korach), sondern nach Gott ausdrücklich der eingesetzten Obrigkeit (Mose), wieder nehmen lassen? Wenn sie von Kindesbeinen an gedrillt werden, wie die ersten ›Patrioten‹ 1776, dafür zu kämpfen?

Unsere Nation als eine von vielen, ist eine Mischung aus Christentum und griechischem Humanismus. Aber Ton und Eisen lassen sich nicht mischen! Eisen ist das unterste der Metalllinie von Babylon her, aber der billige, nichts haltende und scheinbar nichts taugende Ton, der ist das Symbol Gottes! Der kommt von Jerusalem. Und unsere Kultur, gemischt aus Gottes Wegen und Weisheit mit dem heidnischen, so veredelt und gut aussehenden Babylon, die kann nicht halten, Gott duldet keinen anderen ›Gott‹ neben sich, der doch tot ist und gar nicht existiert!«

Sam hat lauter geredet, er kommt in eine krankhafte Erregung. Er hat sich aufgesetzt, und seine groß aufgerissenen Augen starren den Pastor an. Der sieht in der Dunkelheit allerdings nur ihre Höhlen in dem schmächtigen Gesicht. Er hat den Eindruck, ein Totenkopf spreche da zu ihm.

»Er selbst, das ist die Knechtsgestalt, Armut und Schwachheit, wie bröckeliger Ton! Wir finden keine Größe und Schönheit an Ihm. So sind Gottes Wege. Was ist schon Ton? Der Stein, den die Bauleute verwerfen, der wird zum Eckstein an dem ganzen Gebäude. Und zum Stein, der die ganze Menschenstatue zerschlägt. Chemisch ist er in dem fast überall gegenwärtigen Gestein, ist Siliziumdioxid, was hier Ton genannt wird.

Träumen sie nicht bis heute, die beiden gemeinsam einzuspannen, zu ›verheiraten‹? Ton gebrannt ist schon ein ander Ding und Material. Am Ende wird er besser und härter als Stahl, – Quarz! Der Automotor der Zukunft soll nicht mehr zu kühlen sein, denn damit verpuffen wir über neunzig Prozent der immer teurer werdenden Energie als Wärme, die noch obendrein unsere Biosphäre überwärmt. Also soll er sich heißlaufen, so heiß, dass kein Stahl mehr als rasch hin und herlaufender Kolben halten kann und auch keine Schmierung. Statt Kraftstoff-Luft-Gemisch in einem der vier Kolbenstöße, kommt nun also vielleicht nur in elf von zwölfen, nur noch Außenluft herein. Die erhitzt sich schlagartig in dem superheißen Motor, dass ihre Ausdehnung nun den Motor treibt. Sie zieht ihm aber nur geringe Wärmemengen ab, so dass der Computer erst nach elf Takten oder vielleicht erst neununddreißig, wieder mit Benzin kommen muss. Ja, und nun,«

– brüllt der inzwischen stehende Student –

»soll nun Quarz her als Kolben und Zylinder, hart und hitzefest genug, solch gesparte und angehäufte Hitze auszuhalten. Verstehst du? Der Fehler liegt in der Annahme, man könne Gott wie ein Material zu menschlichen Zwecken einspannen. Wir bleiben nämlich dabei immer die Herren, die (demokratischen) Götter! Der Rest des Motors und ganzen Autos kann ja noch Stahl sein, da macht’s ja nichts. Eine enge Verheiratung! Verstehst du?!«

Dale ist aufgesprungen, knipst das Licht an. Knallhell geblendet steht der Student da. Er hat schlagartig vergessen, wie wenn man aus einem Traum herausgerissen wird und in einem Sekundenbruchteil vergisst, woran man eben noch war. Der Pastor ist auf ihn zu getreten, kühlt ihm das Gesicht, das rot und heiß ist, streichelt ihn, redet ihm beruhigend zu.

»Dale?« fragt ungläubig der Student, als suche er sich zu besinnen. Dale hat die Haushälterin per Intercom gerufen, von der er nicht einmal wusste, ob sie noch im Hause ist. Er hat Glück, sie kommt ins Zimmer gestürzt, sieht den verstörten Jungen und kommt gleich von selber mit des Pastors Hausapotheke zurück. Nun wird Sam verarztet, bekommt ein Beruhigungsmittel und wird zu Bette gebracht. Es steht schon immer eines für ihn in des Pastors Haus, weil er dort gelegentlich übernachtet.

Dale versucht, nebenan zu schlafen, kommt aber nicht dazu. Der unruhige Junge wälzt sich hörbar herum, scheint zu phantasieren. Dale meint mehrmals Worte wie »Gottes Stein«, »Babylon«, »Renaissance«, gar »Schibbolet« zu vernehmen. Schibbolet? wundert er sich, das ist Hebräisch und wurde in der Aussprache ein Zeugnis für die Gileaditer, ob ein flüchtender Mann vielleicht ein um diese Zeit feindlicher Ephraimiter sei, der nur »Sibbolet« sagen kann. In dem Fall wurde er auf der Stelle getötet! Es bedeutet Ähre oder auch Große Flut?

Der Pastor geht in den Raum des vermeintlich Fiebernden. Der ist aufgestanden und geht wie schlafwandlerisch im dunklen Zimmer auf und ab.

»Komm, mein Junge, wir legen uns jetzt zusammen hin. Ich will dich wie ein Kind in den Arm nehmen.«

Da erschrickt Sam, ist wieder ganz verständig und nun seinerseits der Erwachsene und Vernünftige, rät dem Pastor ab:

»Nein, Dale, das wäre doch nun ganz ungebührlich!«

»Mein Junge, ich will dir doch nur helfen!«

Am nächsten Tag geht es Sam nicht besser, er verbringt die meiste Zeit im Bett in Dales Haus.

Gegen 22.30 steht der Pastor endlich doch geräuschlos auf und geht zum Telefon in die entfernte Halle hinunter. Dann kommt er zurück und sagt Sam, er solle sich anziehen und fertigmachen. Der Gestörte ist wieder ganz willig wie ein Kind. Pastor Dale Noomey bringt ihn noch in der Nacht 70 Meilen in den Nachbarstaat, in eine Nervenklinik.