Siebentes Kapitel

Ist der Teufel ein anderer Gott?

Man sitzt beim Webbhaus im Garten in der schönen warmen Herbstsonne, fast muss man bereuen, den Swimmingpool ausgetrocknet und schon ordentlich eingepackt und für den Winter vorbereitet zu haben, denn es ist noch so sommerlich, dass sich Diane in ihrem knappen Badeanzug auf einen der Liegestühle zu den anderen gelegt hat. Sogar Rudi überlässt sich mal der Muße, statt für irgendwelche Examina und Zwischenprüfungen zu studieren oder wenigstens seinem Hobby, der Autobastelei, in Öl und Dreck zu frönen.

»Mir ist was eingefallen zu unserem Problem mit dem freien Willen und, oder trotz, der Allmacht Gottes«, leitet Bob ein Gespräch ein. Diane, die man schlafend gewähnt, straft diese Meinung Lügen, indem sie die Stirn runzelt und die Augen auftut. Nach einer Weile gar geht sie etwas auffällig in dem kurzen Badeanzug ins Haus. Das wird aber vom Rest kaum beachtet, weil man Bob zuhört und Dianes Verhaltensweisen auch schon genügend kennt.

»Also worauf alles hinausläuft,« – er sagt auf Englisch so etwas wie, worauf alles »herunterkocht« – »ist dies. Die einzig mögliche Lösung aus unserem Dilemma ist, Gott wirklich alle Hoheit, Macht und Herrlichkeit einzuräumen. Ist das nicht überhaupt, worauf die ganze Bibel hinzielt? Ja, Er hat alle Macht, ja, Er weiß hundertprozentig bis ins kleinste Detail alle Zukunft, so wie Er sagt, Er habe die Haare auf dem Kopf eines jeden gezählt oder sei überall im Universum, und niemand könne sich verstecken. Er kennt die unausgesprochenen Gedanken eines jeden Menschen. Wir alle wissen und glauben, dass Er einen bestimmten Plan mit unserer Erde und Kultur vorhat, so wie wir jetzt die Herbstblätter sich verfärben sehen, so sollen wir der Endzeit gewahr werden, für die Er wieder bis ins Detail Pläne für uns hat, wenn dann Jesus wiederkommt. Wenn nun nur irgendein Mensch wirklich freien Willen hätte, und es gibt einen solchen nur, wenn auch Gott absolut nicht wüsste, was ein solcher Mensch vorhätte, dann wüsste doch auch Gott nicht, wohin unsere Kultur läuft. Da hatten wir also die ›Aufklärung‹ vor zweihundert Jahren, einen Sündenpfuhl bis hin zu Revolution und Demokratie mit Liberté erkämpfen, Nazi und Kommunismus nur Abzweigungen vom selben Stamm, wo es wie ein Fieber über uns kam, ›wie Gott‹ sein zu wollen, dessen Führung und Leitung der nun emanzipierte Mensch nicht mehr brauche . . .«

Es spricht für den Geist des Webbhauses, dass sie inzwischen solche »konterrevolutionären« Ergüsse widerspruchslos hinnehmen, nachdem sich Mischa so klar in dieser Richtung ausgesprochen hat – oder sind sie noch zu schläfrig? Es wird gleich aufregender werden! Wie einlenkend fügt Bob selbst hinzu:

»Und jede Revolution ist gegen Gott und Seinen Befehl, der menschlichen Obrigkeit untertan zu sein. Und Sündenpfuhl, weil die ganze ›Aufklärung‹ bis heute im Grunde immer nur die Abschaffung Gottes zum Ziel hat.

Also, wenn wir alles gemacht hätten, wie wäre in all dem irgendeine Prophezeiung Gottes möglich? Hätte nur ein Mensch Gedanken unabhängig von Gott, so könnte er doch wieder eine Revolution ausrufen und Millionen verführen, ohne dass Gott es will oder nur weiß. Von da an ginge die ganze Menschheitsgeschichte andere Wege, und Gott müsste sich wieder ›am Kopf kratzen.‹ Denkt doch mal an Jesu Rock, von dem Er schreiben ließ, er würde nicht zerteilt. Und wie genau das passiert! Schön, wir sind immer Ursache-und-Wirkung-Lebewesen. Aber Gott leitet unsere Ursachen. Sie zerteilten den Rock deswegen nicht, weil er für sie ein wertvolles Stück war, durchgewebt statt genäht. Zerrisse man den, müsste man nachher wieder nähen, und er wäre von ebenso geringerem Wert wie jeder andere. Für uns macht ihr Benehmen immer einfachen, physischen Sinn. Vielleicht sind wir innerhalb von solchen Ursache-und-Wirkung-Komplexen allein ›frei‹? Wir sehen nur das Naheliegende und tun, was uns danach sinnvoll, oder sonstwie begehrenswert oder vorteilhaft vorkommt. Aber Gott leitet dies für uns Logische und Begehrenswerte schon von vornherein in Seine Bahn, dass selbst unsere bösen Gelüste Seinen Plan vollenden. Demnach hat Er doch zum Beispiel den durchgewebten Rock aus diesem Grunde Seinem Sohn vorher zukommen lassen, wohl ein Geschenk, denn Jesus war ja arm, lange bevor jemand den Zusammenhang ahnen konnte oder an das Prophetenwort dachte.

Wie wirkt Gottes Geist auf einen Menschen, auf den Sünder, bis er nicht mehr anders kann, als vor Gott niederfallen und sich bekehren? Ich denke an Josef in Ägypten dabei. Haben wir Entscheidungsfreiheit? Entscheidung ja, aber ›Freiheit‹ nicht! Denn auch jeder Computer, den wohl erst gar kein Mensch frei in diesem Sinne zu nennen auf die Idee kommt, macht heute Entscheidungen, wie er muss, und wie im Grunde jeder Mensch. Und für uns sind die Computerergebnisse ebenso mathematisch voraussehbar wie unsere für Gott. Wenn nämlich der Computer ein anderes Ergebnis entscheiden sollte als mathematisch vorherbestimmbar oder als ein anderer Computer unter haargenau denselben Bedingungen, dann ist das ›falsch‹ und muss wiederum auch Ursachen gehabt haben, einen physikalischen Defekt oder ein Computervirus oder dergleichen. Wäre das ein Mensch, hätte er auch schon etwa solch ein Zerstörvirus in sich, in seinem Denken, etwa die Zarenfamilie in Säcke gebunden zu Tode zu prügeln. Denn ohne dem würde er ja nicht so handeln. Stellt euch nur mal diese Ursünde lebhaft vor! Die herrliche Revolution hat gesiegt, hurra wir sind nun endlich ganz frei! Hinweg mit den Spuren des alten Übels: In die Säcke gestopft und in Exaltation losgeprügelt! Das ist unsere Ursünde, zu sein wie Gott! Fürchterlich, widerlich, Den Einzigen von Gott eingesetzten zu vernichten! Immer ein Abbild von schon da Gewesenem! Kreuzige, kreuzige!

Frei ist auch der Computer nicht. Nihil fit sine causa. – Ohne Ursache passiert nichts und kann nichts passieren, ob nun Mensch oder Computer. Aber Gott kennt jede solcher möglichen Ursachen.«

»Aber wir sind doch mehr als ein Computer?!« wirft nun doch Jim ein.

»Mehr vielleicht, aber vor Gott auch nicht frei und etwa fähig, Ihn über Bord zu werfen und nun das Weltall allein zu regieren! – und was ist der Zarenmord symbolisch anderes?

Also erinnert euch mal an folgendes. Josef sitzt im Gefängnis, weil ihn Potifars Frau angeschuldigt hat, er habe sie vergewaltigen wollen. Da nun begibt sich, dass zwei seiner Mitgefangenen, über die sich der Pharao geärgert hat, in derselben Nacht je einen sie bekümmernden Traum haben. Josef legt dem Bäcker seinen Traum dahingehend aus, er werde in Ungnade hingerichtet werden, und dem Mundschenk dagegen, er werde Gnade finden und wieder in seinen Dienst eingesetzt werden. Diese Träume und Josefs Deutung kamen von Gott, Der ja, wie eben gestreift, alle Zukunft kennt und durch nichts überrascht werden kann, weil eben im ganzen Universum sonst nichts so frei ist. Josef wird zum Propheten, der richtig Gottes Zukunft voraussagt. Also Gott kennt die Zukunft, eingeschlossen doch den ›freien‹ Willen des Königs, der also gar nicht so frei ist, und wie Er ihre Schicksale entscheiden wird. ›Denk an mich, wenn du wieder beim König bist!‹, sagt Josef noch dem Mundschenk.

Und nun, höchstmoderne Psychologie! Der Mundschenk findet Gnade und ist, wie vorausgesehen, bald wieder in seinem alten Job. Da tut er, was wir alle tun würden, er verdrängt! Die hässliche Geschichte mit dem Gefängnis und dem Bäcker war eine widerliche Episode – sie wird als unwahr unbewusst abgetan. Er erinnert also weder sich noch den König an Josef und schiebt das Ganze beiseite. Und als ihn Gott nun wieder mit folgendem daran erinnert, hat er auch wieder keinen verständlichen Grund, nun immernoch anders zu entscheiden, als wir dann alle würden.

Denn da hat nun sein geliebter König, dem er doch gerne dient, einen Traum und schimpft: Hab ich denn in meinem ganzen Reich von Eseln keinen verständigen Menschen, der mir sagen kann, was das bedeute? Darauf hin fällt dem Mundschenk endlich der Groschen. Ach ja! – Dieser komische Vogel da im Gefängnis, der doch schon mal so erstaunlich richtig voraussagen konnte!

Hätte der Mundschenk – ›aus irgendeinem Grunde‹, will ich sagen, damit verrate ich mich schon! – also anders gehandelt, dann wäre das nur möglich gewesen, eben aus irgendeinem weiteren Grunde, vielleicht den König ins Verderben zu schicken, oder zu verhindern, dass der ›komische Vogel‹ von Wahrsager heraus aus dem Kittchen und zu hohen Ehren komme, oder gar Zweifel an dessen Wahrsagekunst, durch die er selber in schlechtes Licht käme, weil er ihn doch empfohlen hat. Aber ohne so ein zusätzliches ›Substrat‹, genau so wie erstmal des Königs Verzweiflung und Hunger nach Rat, passiert eben nichts in Gottes belebter und unbelebter Natur, auch nicht unter uns Menschen oder in unseren Gedanken! Durch das Substrat veranlasst, andererseits, muss der Mundschenk sich erinnern und muss ebenso den Pharao unterrichten. ›Muss‹ weil er will, denn es gibt ja nun keinen anderen Faktor mehr in Gottes Rechnung, wie etwa einen unvorhersehbaren Willen. Wille ist jeweils nur ein abhängiges Endresultat. Dann wird auch der kleinste Anlass, weil nun unbehindert, ›durchkommen‹.

Denkt einmal probehalber so: Gott ist Geist, Der alles erschaffen hat, sonst ist das Universum nur Chaos. Also ist Gott auch der einzige wirkliche Geist, sonst könnte Er ja nicht alles erschaffen haben, was erschaffbar war, wie Sein Wort auch im ersten Gebot sagt, und jeder andere Geist muss entweder Er selber (Jesus) oder von Ihm erschaffen worden sein, und damit Ihm voll untertan, also jeder Mensch, die Engel oder auch die Teufel als einmal erschaffene Engel, deren Gedanken und Pläne Gott also genau durchschaut. Als Er den Teufel erschuf, wusste Er in Seiner Allwissenheit, welch ›böses‹ Ende es mit ihm einmal nähme, was demnach also von Gott geplant und gar nicht so böse wie uns immer scheint, sein musste. Sonst, ohne diese Abhängigkeit von Gott, wäre er ja ein anderer Gott oder auch nur gleichberechtigter Spielpartner! Und Dales Glaube von der fairen Wette, also gleichwertigen Partnern, ist sehr gefährlich, ja, sündig und vermessen. Es gibt keinen anderen Gott! Es kann auch nichts für Gott Unvorhergesehenes in jedem der Quintillionen Atome, aller Intelligenz und im ganzen Universum geben! Bei uns Menschen hat Gott einen scheinbar freien Willen einprogrammiert, sich auch zum Bösen zu entscheiden, aber selbst das geht auch nie ohne Seine Leitung und Wissen – und ich wag’s zu sagen – Sein Wollen.

Wenn jemand etwas ganz Unerwartetes tut, dann sagen wir aus guter Tradition und mit vollem Recht: Warum hast du das getan? Das funktioniert auch vortrefflich etwa hier bei uns in USA, wo alle ›freien Willen‹ haben sollen. Aber es ist ja dann ein Widerspruch in sich selbst, denn es postuliert ja immer mit der Frage WARUM, noch aus früheren, gottesfürchtigeren Zeiten, einen Grund zu jeder Handlungsweise, die Causa, ohne die nichts fit, also ein geschlossenes System von Ursache und Wirkung im ganzen All, einschließlich jedes Menschen, ohne Raum für wirklich freien Willen. Nur Gott ist wirklich frei. Den kann man nicht fragen: ›Warum hast Du das gemacht?‹, schon weil wir eine Antwort darauf nicht verstehen könnten.«

==========2==========

 

»Mensch! Einen Moment mal!«

unterbricht nun Rudi. Alles ist sofort hellwach, denn man spürt am Ton, dass er einen Geistesblitz hat.

»Angeregt durch Bobs Ausführungen denke ich da gerade ans Matthäusevangelium, Kapitel 12. Da schließt Jesus einen Gedanken ab mit dem Hinweis, dass Beleidigung des Geistes Gottes eine Sünde ist, die nicht vergeben wird. Was ist aber die Beleidigung des Heiligen Geistes? Im Zusammenhang weist Jesus die Zumutung der Pharisäer zurück, Er treibe böse Geister durch den Obersten der Teufel aus.

›Ein Staat geht doch zugrunde, wenn seine Machthaber einander befehden,‹ sagt Er darauf. Das ist nun nicht nur der Staat der Hölle, sondern besonders unsere antiken ›Götter‹, die, obgleich nur Phantasie, sich ewig bekriegten! Es ist zuerst auch Himmel und Hölle gegen- oder miteinander, die nicht im Krieg gegeneinander leben können. Dsa ist logisch unmöglich! Ebenso für uns, kann eine Familie nicht ständig im Streit miteinander liegen, sonst zerfällt sie. Das ist auch, nebenbei bemerkt, enorm wichtig für unsere Frage der Demokratie und ihrer immer auf Parteien und Kontroversen gezüchteten Regierungen, denn unsere Demokratie zielt ab und hat zum Vorbild den Viele-Götter-Staat der alten Griechen! Wir sind ja seit der Aufklärung alle kleine Götter geworden, und unsere Benehmensmuster werden zwangsläufig Zeus, Prometheus, Artemis, Hephaistos, Aphrodite, Mars und auch besonders Herkules, eben weil er zeigt, welche Macht sogar noch ein ›Halbgott‹ habe. Ebenso sind wir nun im Privaten geworden, zum Beispiel die nach amerikanischem Demokratiemuster überall in der Welt stets zunehmenden Ehescheidungen – immer nur das Resultat einer postulierten Freiheit für jeden Menschen, der nun ehebrecherisch nach neuen Weibern sucht, wir als kleine Götter gegen den wirklichen Gott, Der dagegen sagt: Brich keine Ehe! Außerdem gilt das Gesagte offenbar universell, jawohl, fürs Universum! Es kann keine echte Feindschaft der Hölle zum Himmelreich geben, sonst hätte ja Gott wieder nicht ALLE Macht. Und wir dachten immer, nur abgrundtiefe Verbrecher könnten so eine unvergebbare Sünde begehen, den Teufel als anderen Gott anzuerkennen, von der wir doch, Preis dem Herrn, ganz entfernt seien! Nein, so ein Sünder ist sehr ›fromm‹! Er betrifft mehr ›Christen‹ als solche, die frei von dieser Sünde wären!

Und unmittelbar auf diesen erschütternden Gedanken sagt Jesus nun:

›Jede Sünde kann den Menschen vergeben werden, Schmähung des Menschen Jesus, auch eine Gotteslästerung. Aber wer den Heiligen Geist beleidigt, für den gibt es keine Vergebung, er ist auf ewig schuldig geworden.‹

Das ist auffällig in der ganzen sonst so vergebenden Bibel, besonders im Neuen Testament. Die einzige unvergebbare Sünde! Davor aber sagt Er noch:

›Wer in das Haus eines starken Mannes einbrechen und etwas stehlen will, muss zuerst den starken Mann fesseln, dann erst kann er das Haus ausrauben.‹

Wer ist hier der Einbrecher? Jesus selber! im Bund mit dem Heiligen Geist, das ist mit Gott. Er liebt solche für uns haarsträubenden Bilder über Sich selber oder die Seinen, denkt etwa an den ungerechten Haushalter, einen betrügerischen Angestellten, an dem wir uns gar ein Beispiel nehmen sollen, denkt an den Mietling, der den gefundenen Schatz im fremden Acker schleunigst wieder eingräbt, um sich unter Verschweigung des Fundes, der doch dem Eigentümer gehört, den ganzen Acker dann selbst anzueignen, oder an den Herrn, der an seine Knechte Geld zum Wuchern in seiner Abwesenheit verteilt. Und der ist ein Gottessymbol! Er bestätigt nach der Rückkehr, jawohl, Er sei ein grausamer Herr, Der erntet, wo Er nicht gesät habe. Die Deutschen haben so ein Sprichwort »ein Kerl wie zum Pferdestehlen.« Das könnte glatt Gott gesagt haben. Die Nichtachtung, dass es doch jeweils um eine Sünde geht! Aber die Umstände, das Zeug dazu, das lobt Gott! In Lukas 18 steht die berühmte Stelle von einer Witwe, die dem ungerechten Richter, der weder auf Gott noch Menschen achtet, mit einer Rechtssache so auf die Nerven geht, dass er ihr endlich doch zum Recht verhilft. Jeschua schließt: Wieviel mehr wird nun Gott Seinen Erwählten, die ihn Tag und Nacht anflehen, zu Hilfe kommen?«

Ach, wie ist dies Wort eine Hilfe! Wer Gott je so ausprobiert hat, wird mir recht geben, und sein Glaube wächst wie der Senfsamen! Denkt doch an Deutschland und betet mit mir! Ihnen ist politisch großes Unrecht angetan worden. Nur vor Gott war ihre harte Strafe gerechtfertigt. Nun betet, ihr neue Generation, »Tag und Nacht«, denn Gott hat versprochen, dass nicht mehr die Familie und Nachkommen für Sünden der Älteren mitbestraft werden sollen, und an anderer Stelle, wenn sich aber die sündig gewordenen Israeliten wieder zu Gott wenden, wird Er sich baldigst auch wieder erbarmen. Betet um Deutschlands alte Ehrenstellung vor den Völkern, die so vor Kriegen schützt (siehe Schweiz oder Schweden) und um Wiedererlangung der so ungerecht geraubten Ostprovinzen.

»Hier nun bricht Jesus also selber in die Welt ein, über die der Teufel Herr ist, und raubt ihm die Besessenen, die später gläubig werden sollen, die der Vater Ihm gegeben hat, und die schon im Buch des Lebens stehen. Und der starke Mann, Herr des Hauses und also der Welt, der erst vor dem Raubzug gefesselt werden muss, ist Satan selber! Und die Sünde gegen den Heiligen Geist ist, wie die Pharisäer, Jesus nicht zuzutrauen, den Teufel vorher gefesselt zu haben – das ist nichts anderes als unseren ›freien Willen‹, nämlich den des Menschen oder gar den des Teufels vorher ›gefesselt‹, das heißt gründlich in unserem Denken abgeschafft und unter Gottes allmächtige Herrschaft gestellt zu haben! Solch eine widergöttliche ›Freiheit‹ würde damit, wenn nicht gefesselt, nämlich wieder selber ein Gott, wenn er vom richtigen Gott frei und unabhängig entscheiden könnte! Und das ist nicht nur eine Verletzung des ersten und wichtigsten Seiner zehn Gebote, sondern eben – und das ist der Grund, hier treffen sich beide Aussagen – eine nicht zu vergebende Beleidigung! Denn hier wird der Kern einer jeglichen Aussage Gottes an die Menschen berührt, nämlich diese Hauptsünde, dass der Heilige Geist keine absolute Macht über Seine eigene Schöpfung habe! Der Teufel hätte demnach nämlich noch Geistesmacht über Gott, könnte Ihn noch bekriegen oder überlisten. Zu jedem Krieg, bei beiden Kontrahenten, gehören Hass und auch Angst vor dem Gegner. Gott aber ist die Liebe! Wen könnte Er noch fürchten? Wen wirklich hassen, und warum? Er hat doch alle Macht in Seiner Hand? Kann also den Kontrahenten auch ummodeln, wie Er will. Wir alle haben seit Jahrhunderten wohl wirklich die falsche Einstellung über Gott!

Rausschmiss Satans aus dem Himmel, Strafe an dem Drachen, der das zu gebärende Kind verschlingen will, Sieg am Auferstehungssonntag – alles Metaphore zu unserem Verständnis. Tausend Jahre, die Satan gefangen bleibt? Genauso. Methusalem mit dem höchsten Alter, das je ein Mensch erreicht hat, etwa 968 Jahre, also gerade unter tausend, ein Metaphor des längsten Menschenlebens je gesehen, also für uns »immer«. Also ist der Teufel für den Christen in jedem Falle länger als ein Menschenleben, und das heißt für diesen Menschen, für immer, machtlos.

Gott hasst den Polytheismus. Tatsache aber ist, dass der Starke schon lange und von aller Zeit an nur gebunden und ein absolut abhängiges Werkzeug Gottes ist!« Damit wird auch die Frage nach Prä- oder Postmillenialismus eine ganz andere. Wahrscheinlich sind die tausend Jahre rein allegorisch gemeint, bedeuten keine auch sehr lange Zeit mehr sondern eben ›immer‹. Und ›der Sieg Jesu über den Teufel‹ am Auferstehungsmorgen ist ein Metaphor und bedeutet, uns wurden die Augen aufgetan über diese heilige göttliche Wahrheit, die jetzt wahr und brauchbar für uns wird, aber schon immer bestanden hat. Wir wissen es jetzt und können herrlich frei und furchtlos darin leben: Für einen Christen ist der Teufel immer gebunden, der erste Johannesbrief, der uns ja offenbart, dass ›der Teufel den aus Gott Gezeugten nicht mehr berührt‹, wird, ganz gegen Ende, bedeutungsvoll beschlossen: ›Kindlein, hütet euch vor den Abgöttern.

Mensch, das geht mir erst in diesem Moment auf! Gestern noch erschien mir der Satz von den Abgöttern wie ein Gedankensprung. Johannes fängt den letzten Absatz seines ersten Briefes mit der ›Sünde zum Tode‹ an, das ist unsere unvergebbare Sünde hier, dann über den Schutz eines Christen vor dem Teufel, also des Teufels Gebundenheit, dann, dass die ganze Welt im Argen liege, also dem Teufel gehöre, wir Gotteserben aber nicht, und schließt mit den Abgöttern in diesem Zusammenhang! Also redet er haargenau über diese Rede in Matthäus 12. Damit wird Johannes der beste Interpret der Worte seines Heilandes, ich meine: überhaupt. Wie packt die Bibel hier auf einmal soviel knallharte Weisheit in die paar Zeilen! Und wir, ohne einen Lehrer – denn all das weiß doch bis dato wohl keiner – knacken ein ganzes Leben daran!

Und wenn der Teufel schon gebunden ist und keinen freien Willen hat und etwa die Zukunft nicht weiß – sonst wäre er ein anderer Gott – wieviel weniger dann hat jeder Mensch einen freien Willen! Jeder Geist im Universum, der für uns ›frei‹ wird und nicht mehr Gott voll untersteht, wird zwangsweise ein Abgott, ob wir ihn hassen oder anbeten. Und jeder Mensch kann sogar sich selbst zum Abgott werden. Also, sagt er, ›Kindlein, hütet euch vor den Abgöttern!‹«

Nach einer andächtigen Pause sagt Sonya langsam und leise:

»Du sagst da abenteuerliche Dinge! Denn diese Sünde begehen wir dann doch alle. Die katholische Kirche …«

»Ja, und auch alle unsere reformatorischen Denominationen mit ihrem ›heiligen‹ menschlichen ›Freien Willen‹ ebenso! Wir dürfen nicht richten!« unterbricht sie Bob.

»Ja aber, ich wollte sagen, nicht zu vergeben auf alle Zeiten! und ›weder in dieser Welt noch in der zukünftigen‹! Alle Kirchen falsch? Leben durchweg in Sünde, einer, die allein sich gewaschen hat, der einzig unvergebbaren, der Sünde ›zum Tode‹! Schon in der eigentlichen Grundrichtung, im Kern, so falsch, dass keine anderen guten Ideen oder Taten dagegen aufkommen, will sagen, dass es hier kein Tuch in Himmel oder Erde gibt, diese Sünde zuzudecken! Um wieder auf die Katholiken zu kommen: In freiem Sex zu leben, wonach die alles messen, ist gar nichts dagegen! Nämlich hier dem ersten und wichtigsten Gebot Gottes zuwider. Mir wird wirklich schwindlig!«

Wieder Schweigen. – Bob als der Situations-Diskussionsleiter fasst endlich zusammen, ehe er wieder auf sein altes Thema einschwenken kann:

»Wir wollen darüber nachdenken! Aber vielleicht dämmert uns, wie zentral die Frage über den freien Willen Satans oder auch nur – oder sogar! – des Menschen ist! Ich habe ja selber anfangs angedeutet, dass die zentrale Frage des Christseins die völlige Hingabe an Gott sein muss, also die ganze Erfüllung Seines ersten Gebotes, absolute Anerkennung Seiner alleinigen Allmacht! Alles andere wird zum Herr, Herr-Geschrei – und wie wir nun sehen – gar zur unvergebbaren Sünde! Das ist mir selber noch unfasslich! Vieles haben wir uns im Webbhaus erarbeitet, wovon man nie hat predigen hören! Das weiß so keiner! – Unglaublich!«

Endlich kommt er zur Fortsetzung seines vorhergehenden Fadens:

==========3==========

»Der Sanhedrin zu Jesu Zeiten war damals wohl das höchstentwickelte Gericht auf Erden. Da waren schon Sicherungen gegen Fehlurteile eingebaut, wie, dass mindestens zwei Zeugen angehört werden müssten, oder, keinen Menschen als schuldig zu verurteilen, ehe man seine eigene Verteidigung gehört habe. Es ist nun menschlich schwer, da etwa ihre Urteile vorherzubestimmen, denn es hängt ja schwere Arbeit sehr kluger und gewissenhafter Männer daran. Noch unwahrscheinlicher aber wird eine Vorhersage eines einstimmigen Fehlurteils. Jesus sagt: Des Menschen Sohn wird in die Hände der Übeltäter überantwortet und hingerichtet werden! Alles sagt ehrlich zu diesem Zeitpunkt: Du spinnst wohl, wer will Dir an den Kragen? Aber das ›Substrat‹ der Pharisäer, nämlich, dass ›ein Mensch müsste umgebracht werden für das Volk‹ war da und machte alle andere Vernunft zunichte. Und, natürlich, Gott wusste das und hat es so eingesetzt. Dazu erlaubt Er sich noch den Hohn, dass der Heide Pontius Pilatus sagt: Ich finde keine Schuld an Ihm! Er, der doch als Heide und Römer keine Ahnung von den jüdischen Schriften und Propheten und den bis ins Kleinste gehenden Vorhersagen über eben die Geschehnisse hatte, deren er nun nicht nur Zeuge sondern Mitspieler wird. Wo es den Juden doch längst hätte dämmern müssen, urteilt gerade nun dieser Weltmensch als Einziger noch gerecht, haargenau nach Gottes Plan. Wieso? Er liebt es, uns Augen zu geben, die nicht sehen und Ohren, die nicht hören!

Ebenso macht jede auch zunächst absurd erscheinende Entscheidung auf Erden einen Sinn, wenn man das Substrat der betreffenden Akteure kennt. Das macht bis heute den Reiz der alten griechischen Tragödien aus, es gibt keinen Ausweg! Alle handeln folgerichtig und konsequent zu sich selber. Für Hitler auf Grund seines Substrats im Vielvölker-Wien der Jahrhundertwende machte es eben Sinn, die Juden auszurotten, wie für Grey und Churchill, die Weltkriege anzufangen.«

Hier erhebt sich denn doch ein sanfter Sturm, wir wissen wegen ihres »Substrates« als Amerikaner über diese Kriegszeit, der allgemeinen Kultur und einseitig-verzerrten Geschichtsüberlieferung, auch gleich, welcher Art. Es lässt sich zusammenfassen als, Hitler selber habe den Zweiten Weltkrieg angefangen.

Erstaunlicher Weise hakt Rudi hier wieder ein:

»Über dieses Thema habe ich angeregt durch Mischa und einige der neueren Geschichtswerke, die zum erstenmal wieder die Wahrheit ans Licht bringen, mal etwas gründlicher nachdenken müssen. Es scheint, wir kriegen erst wieder wirklichen Frieden auf der Welt. wenn wir eben diese Geschichtsverzerrung ausgebeult haben, wenn nämlich die wirkliche Schuld aufgedeckt ist und wir den Übeltätern endlich vergeben könnten. Eben dieselben Deutschen müssen ja so einmal wieder aus ihrem Glaskäfig ausbrechen, denn sie können nicht ewig in Ungerechtigkeit gefangen bleiben, und wehe dann uns Pseudogerechten! Bis dahin müsste sich die deutsche Wut und Aggression verständlicher Weise ja wieder über die Mitte des Pendels hinaus, das heißt, zugespitzt haben. Gerade das müssen wir vermeiden, wenn wir beileibe keinen neuen Krieg wollen, aber dazu muss die Vergangenheit verdaut und in Wahrheit erledigt werden.

Also Hitler hat den Krieg gegen Polen »angefangen«, um sich die zu Unrecht abgeschnittenen deutschen Ostgebiete zurückzuholen. Aber das war doch ganz zu erwarten, das hätte man ja von jedem Herrscher erwartet, sobald sich das Land einigermaßen erholt hätte, war auch überall in der Welt gang und gäbe.

Ach, das war zu Unrecht, meint ihr? Nach dem deutschen Sieg im ersten Weltkrieg an der Ostfront hat man im Vertrag zu Bresk-Litowsk die Grenzen neu gezogen. Zu einigem Unrecht gegen Polen? Meinetwegen. Aber dann verloren die Deutschen gegen die vereinigten Westmächte, als sich USA so unrecht einmischten mit Lug und Trug gegen die eigene Demokratie, aufgehetzt durch besonders Frankreich, aber auch England, weil es so bequem der gleichen Sprache wegen die ganze Kriegsberichterstattung für Amerika übernommen hatte, welches nebenbei schon längst in Bruch seiner Neutralität kräftig mitgekämpft hatte.

War es noch derselbe Erste Weltkrieg? Dann doch keine Frage über Hitlers Rückschlag! War es ein neuer Krieg? Ja dann, umso schlimmer! Was hatten dann die sowieso schon ungerechten Aggressoren da neu zu suchen?

Die Ostgrenze war gezogen, aber, April, April, die ›Westmächte‹ revidieren sie nun sehr zu Unrecht zum Schaden Deutschlands. Was in aller Welt hatten die sich da einzumischen? Die neue Grenze war von den beiden beteiligten Kämpfern in Einigkeit gezogen. Warum mischten sich nicht Island oder Argentinien ein!? Was war die westliche Triebkraft? Die Aggressoren Frankreich und besonders England, weiter nichts! USA wurde zu dieser Zeit noch für eine ausgleichende mildernde Macht gehalten.

Was nun in aller Welt hatte sich dann ebenso wieder England 1939 einzumischen? Es war doch nicht mehr im Krieg gegen Deutschland, oder wenn doch, war’s eine Fortsetzung des dann also noch nicht entschiedenen ersten, in dem Unrecht geschehen war, und Hitler hatte alles Recht, den von den Aliierten so unrecht angefangenen weiterzukämpfen. Hatte England eine Schutzrolle gegen Gewalt und Unrecht in Europa übernommen? Das hieße den Bock zum Gärtner machen!

Kam es zum zweiten Weltkrieg als einem neuen, hat England auch den durch das dann ja ganz unberechtigte Ultimatum ebenso selber angefangen. Nun sagt ihr, mit dem Krieg auf Polen griff er ihre eigene Grenzziehung als der Siegermächte an. Demnach wäre also der Zweite Krieg die Fortsetzung des Ersten gewesen. Gut, aber wer hat auch den angefangen und den dann zweiten, und so unrechten ›Frieden‹ erzwungen?! Die Österreicher hatten ein legitimes Recht, die Ursachen zur Ermordung ihres Kronprinzen zu erforschen. Was würde USA heute tun, wenn eine heimtückische Macht ein geheim gehaltenes Gewaltverbrechen gegen Grundfesten dieser selben USA unternähme? Strafen? Ja, und dazu erst den oder die Täter finden, also wie Österreich damals, danach suchen!«

»Ja, der Angriff auf Polen war noch kein Weltkrieg!« stimmt Bob zu. »Kriege gab’s immer, und kaum einer ist je wohl von beiden Seiten immer absolut gerecht gewesen. Und das war eben der doch ein- und vorhersehbare Sinn, dass sich jeder Regent in jedem Land die so zu Unrecht abgeschnittenen Provinzen zurückholen würde, wie Hitler die ostdeutschen Territorien von Polen, freilich nun unter großzügiger Eckenabrundung zum eigenen Vorteil! Aber das wusste ja England noch nicht Anfang September. Ein Weltkrieg wurde es erst durch Englands und Frankreichs wiederholtes Eingreifen, weltrichterliches Hegemoniegehabe und wiederholte und sonst ganz unmotivierte Kriegserklärungen, nämlich zunächst mit dem fatalistischen 24-Stunden-Ultimatum vom 2. September 1939. Liegt es nicht ganz allgemein für die deutsche Seite, also für alle Nationen in dieser Situation, nahe, nun das nächstemal besser vorbereitet, etwa mit den befreundeten Russen hinter sich und anderen nützlichen Bundesverträgen, dies begangene Unrecht wieder kriegerisch auszugleichen? Das wissen die Westmächte selber ganz genau und verketzern es schon lange vor deutschem Daran-Denken, als Revanchismus, eben, weil sie selber so fühlen. Das Wort Revanchismus – also Rache, wofür? Für eine begangene Missetat – also der Westaliierten gegen Deutschland! Und das war ein ganzes Bündel Missetaten! – deutet das schon an. Der englische König soll nach dem 2. September einen öffentlichen Bußgottesdienst für England abgehalten haben. Nun wohl, Ehre ihm für so ein Zugeständnis! Aber ganz wird man die Idee des Ablasshandels, die den Reformator Luther so aufbrachte, nicht los, also Geld zu bezahlen für eine Sünde, die man erst noch begehen will!«

Ich erfahre inzwischen, dass der englische König, ein Deutscher, nach den Regeln der Monarchie nun Erbe des englischen Thrones geworden war, der mit den Seinen auch noch deutsch sprach! Na, umso schlimmer! So hatte Albion auch nicht nur einen Gerechten mehr im eigenen Hause!

»Nehmen wir mal folgendes als Gedankenexperiment: England hat ja nun Irland schändlich misshandelt über die Jahrhunderte bis heute! Im besetzten Nordirland ist es immernoch untersagt, Gälisch, die eigene Muttersprache, überhaupt nur zu erlernen! Also, sagen wir einmal, Deutschland hätte sich noch im vorigen Jahrhundert eingemischt und den Engländern ein Ultimatum zum bedingungslosen Verlassen Irlands in 24 Stunden gestellt! Sie hätten das unter Abschätzung von Deutschlands Wehrkapazität ignoriert. Deutschland hätte unbefugt eingegriffen und durch von England unvermutete Aliierte mit Deutschland wäre es schon da zum Weltkrieg gekommen. Da hätte doch wohl die Welt, und zu Recht, geschrien: Was geht das Deutschland an? Wer wäre da der Aggressor? Da würde jeder sagen: das Deutsche Reich! So herum fällt uns allen das zu sagen leicht! Deutschland ist ja immer schuld, da braucht’s gar kein Nachdenken. Beweis: Es ist da nicht zum Weltkrieg gekommen, weil weder Deutschland noch irgendeine andere Macht so weltherrschsüchtig wie England war (und auch niemand etwa Amerika hinter sich hatte)! Aber die Schuld dazu wäre dann doch dagewesen. Aber so wurde nun Irland lustig und ungehindert weitervergewaltigt – bis einschließlich heute.

Nun erinnere ich an den ›Ausbruch‹ des Zweiten Weltkrieges. Dass Hitler Polen die deutschen Ostprovinzen wieder abnehmen würde, hat er schon im Winter davor klargemacht. Es war auch weit weniger hegemonial, die eigenen Ostprovinzen wiederzuerlangen – Ostpreußen, genannt Pruzzen, war mit einem germanischen Volk besiedelt und hat nicht zu Polen gehört – als sich überall einzumischen und ausländische Eroberungen zu machen wie England. Nämlich, was hatte England gerade da, weit außerhalb seiner Sphäre, überhaupt so ungerechte und einseitige Grenzen zu ziehen?

Hitler schob den Kriegsanfang nur immer weiter vom Frühsommer hinaus. Am 3. September fing er an, um nicht als zu lächerlich dazustehen. Am 2. September, einen Abend davor, erhielt er die diplomatische Note mit dem Ultimatum Englands!

Nun, wer hat auch den Zweiten Weltkrieg angefangen?!

Da wird man nun erwidern, England musste endlich eingreifen, denn nach der noch glorreichen Übernahme Österreichs und der immerhin noch blutlosen Übernahme Böhmens würde Hitler so weitermachen, diesmal mit kriegerischen Machtmitteln.

Natürlich! Alles war ja ehemaliges deutsches Land! Daraus hat er doch viel weniger ein Hehl gemacht als England mit seinen Gelüsten auf Irland, in Sprache, Abstammung, Sitten und fehlender Sympathie für Albion – klares Ausland. Wer hat denn bei England eingreifen ›müssen‹, und wiederholt so, in den letzten vierhundert Jahren? Nach englischer Denkweise (falls sie so weit denken!) also:

Wir alle! Oder sind nur die Herren Albion selber die Weltrichter? Sie haben sich ja nie bekehrt! Jugoslawien angreifen 1998! Wer hat sie denn dazu gerufen?

Macht die Länge der Zeit das Verbrechen kleiner? Sie macht es im Gegenteil noch größer! Amerikanische Indianer, Opiumkrieg gegen China, Betrug und Drangsalierung von Gandhis Indien und viele andere Kriegsverbrechen über die lange Zeit! Alles wird man England vergeben können, siehe oben, wenn es einmal seine Geschichtsverfälschung – als Teil seiner Schuld – zugeben wird und selber wieder für Gerechtigkeit aufkommen und in den Zirkel der gesitteten Nationen wiedereintreten wird, aber vor allem anderen, einmal selber bescheiden wird und seine sprichwörtliche Arroganz aufgibt!

Übrigens sind sich Polen und Irland sehr ähnlich! Solange man denken kann, ein Reiz zum Verschlingen für ihre mächtigeren Nachbarn! Der fanatische Katholizismus, ähnlich wie im Judentum, ist nur ein Versuch, die eigene nationale Integrität, gerade gegen die andersgläubigen Nachbarn, zu wahren. Wenn nun die Politiker auch wegen ihrer Nationaltaten umso mehr vor Gott stehen werden, dann wehe ihnen! Es wird bei Gott auf kaum etwas anderes ankommen, als auf die Verbreitung des Evangeliums zum Leben, auch für andere. Dann werden diese unterdrückten Völker als Co-Ankläger anführen, dass sie aus Drangsal durch ihre Nachbarn in diese Sekte gezwungen worden seien.

Mit den Kriegen aber wird’s alle Zeiten so bleiben! Kriege sind ja längst moralisch verworfen, es sollte unter ›emanzipierten‹ Menschen andere Einigungsmittel geben. Sie werden aber trotz Aufklärung und Humanismus und dem ›Krieg der alle Kriege beendete‹ immer weitergehen. Bis zur Jahrhundertwende gab es in unserem Kulturkreis noch persönliche Duelle. Sie sind als solche abgeschafft, aus der Mode gekommen. Gibt es deswegen vielleicht weniger persönlichen Zwist, einschließlich brutaler Gewalt, Unrecht und Körperverletzungen? Man muss geradezu die alte Art dagegen zivilisiert nennen.

Psalm Zwei sagt, Gott lacht über die Gerichte und das Aufbegehren der Menschen. Gilt das etwa nicht auch für unsere jetzige Zeit und Zukunft? Wenn aber ja, heißt es wieder, Gott kennt alle Bewegungen schon, ehe sie überhaupt ausgedacht sind. Wir regen uns über freie Abtreibungen auf, undenkbar zu Washingtons Zeiten und keineswegs in die ganze Denkrichtung der Konstitution und ihren ganzen Zeitgeist passend, die wir angeblich so hochhalten. Wir legten uns fest auf unsere eigene fehlerhafte ›constitution‹ – und brechen sie dennoch, wenn immer es uns passt. Und Gott weiß das vorher und lacht über uns! Damit will ich natürlich nicht gesagt haben, dass ich etwa Abtreibungen billige.

Wer kann heute sagen, womit sich nur unsere Enkel werden herumzuschlagen haben – wenn’s solche überhaupt noch geben wird! Wenn Gott also über unsere Pläne lacht, dann kann keinem Menschen auch nur ein Quentchen Recht oder Trotz gegen Gott bleiben. Wer davon nur eine Ahnung hat, von solcher Größe Gottes, der fällt auf sein Angesicht in den Staub und sagt: ›Mein Herr und mein Gott, wie konnte ich so blind sein? Ich wusste ja nicht, welche Macht Du hast und wie vollkommen Dir das Universum untertan ist!‹ Und ist nicht Sich-Bekehren, wie angedeutet, genau das?

Hitler verlangte volle Unterwerfung unter sich selber! Nachdem er das demokratische Prinzip so voll ausgebeutet hatte, ließ er es schleunigst verschwinden! Und die Deutschen warteten geradezu sehnsüchtig genau darauf! Sie nahmen’s nicht nur ohne Widerspruch, sondern mit lautem Jubel auf. In diesem Moment wurde es ja doch wieder zur Demokratie, einer besseren als in Frankreich oder USA, nämlich nach dem genauen Willen des Volkes! In jedem Volk, das Gott verlassen hat, rumort Gottes Prinzip der Ergebung unter die Obrigkeit weiterhin, und wird dann, falsch angewendet, zu umso größerem Schaden.

Bei bestimmten Vögeln, ebenso wie bei Hunden und Wölfen, gibt es zum Schutz der Art den Mechanismus der Ergebenheitsgeste, mit der das verlierende Tier in einem Zweikampf seine volle Niederlage und den Sieg des Gegners signalisiert. Darauf hin kann der Siegende der gleichen Spezies ihm nicht weiter schaden. Aber nun kommt es manchmal zu Zweikämpfen von Vögeln etwas verschiedener Spezies, etwa Truthahn (aus Amerika) und Pfau (aus Indien). Beide sind sich ähnlich und stammesverwandt. Aber der Truthahn kennt eine ›Gebärde der Ergebung,‹ die der Pfau nicht kennt, und der martert und mordet den an sich kräftigeren Truter, der sich immer steifer in seine Ergebenheit verkriecht, erbarmungslos zu Tode. Ohne Ergebenheit natürlich siegt der Stärkere sowieso bis zum Tode. Was will ich damit sagen? Wer sich öffentlich auspeitscht mit Demut vor einem Hitler, der wie der Pfau diese edele Kampfeshemmung nicht kennt, um eigentlich vor Gott etwas zu erringen, der peitscht sich selbst zu Tode.

Da steht so ein Baptist oder anderer Weihnachtschrist vor Gott und will Ihm aus eigener Macht und Güte imponieren. ›Ich hatte die freie Wahl und habe mich am so-und-sovielten neunzehnhundert-dann-und-dann bekehrt! Nun belohne meine heroische Entscheidung entsprechend!‹ Wir wissen es hier schon, nach Seinem eigenen Wort kann die Antwort nur heißen:

›Weiche von Mir, du Übeltäter, ich habe dich nie gekannt!‹

Denn Gott ›kennen‹ und von Ihm gekannt werden, heißt, Seine Wege kennen und den einzigen Weg zu Ihm über das Opfer des Lammes einschlagen, wie Er ihn nicht nur eingesetzt, sondern auch schon selbst vollbracht hat. Und wenn wir diesen Menschen hier nicht gewarnt haben, auch über und besonders den fälschlich postulierten freien Willen, was wird ihm damit für eine ganze Welt zusammenbrechen! Ja, wir sind nicht nur für die verantwortlich, die nie von Jesus gehört haben, sondern noch viel mehr für unsere ›Brüder‹ hier, ein paar Meter entfernt in der Nachbarkirche und doch wie weit, die ›schon alles wissen‹ und doch nicht von neuem geboren sind, obgleich sie selbst diese Phrase so oft im Munde führen! Oh, wie schwer sind solche Stolzen zu erreichen! Ich sage, ehe wir hinausgehen zu den Buschnegern ans Ende der Welt, sollten wir hier erst bei uns selbst Ordnung machen! Heißt es nicht, erst Jerusalem, dann Judäa und Samaria und drittens bis ans Ende der Welt? Auf uns bezogen, die wir jetzt die Kirche sind, also in den Schuhen der alten Juden stecken, was heißt das wohl? Und noch ein Gedanke. Warum sagt Gott nicht, wie wir in der Situation erwarten würden: Du hast Mich nie gekannt? Denkt an das Buch mit der Christen Namen schon vor aller Zeit darin! Bekehrung geht von Gott aus!«

»›Und ihr werdet nicht fertig werden‹, heißt es weiter, wohl wegen dem Trotz dieser nächsten Nachbarn?« bemerkt Sonya.

Was mir so an meinen Mietern am meisten gefällt ist, dass so ein Einwurf Sonyas als vollgültiger Einschub wie vom Redner selber angenommen wird, auch ohne dass der darauf besonders eingeht. So war es doch auch eben mit Rudis wirklich erbaulicher Extrarede über die unvergebliche Sünde!

»Was hatten gleich die Weihnachtschristen vorher zu Gott gesagt?« fährt Bob fort,

»›Haben wir nicht in Deinem Namen geweissagt, Teufel ausgetrieben und was nicht immer Gutes getan?‹ Beten nicht heute sämtliche Kirchen mit der toten Formel am Ende: › . . for we ask it in Jesus’ name!‹? Damit ist doch gar nichts getan, mit einer Formel Geister zu beschwören! Und das ›For‹ – ›Denn‹ – soll noch andeuten – ganz ›dabei‹ und bei Bewusstsein – wie recht sie in ihrer Annahme haben! Ist das nun nicht schlimmer als mal aus Angewohnheit ›Ogottogott!‹ zu sagen? Seid mir bloß ja vorsichtig mit dem heiligsten Namen des Höchsten!

An anderer Stelle spricht Gott ganz menschlich von einem Gläubiger, der den Schuldner vor Gericht zerrt, als wenn Gott sagen will: ›Wenn du nichts von Meinem Gnadenweg begriffen hast und nun mit deiner eigenen ›Entscheidung‹, also deinem Ich und deinem ›freien‹ Willen noch ganz intakt, kommen willst, dann wollen Wir dich gerechterweise auch so behandeln! Ein Gericht nach des Angeklagten eigenen Gesetzen! So hätte man die Stasileute und Honecker behandeln müssen – oder die Nazis in Nürnberg! – als wenn ihre DDR oder ihr Reich mit all ihren Gesetzen wirklich ein rechtmäßiges Vaterland gewesen wäre. (Nach der Richter eigenen Überzeugungen war es ja so: Die überwiegende Mehrheit für Hitler! Aber auch das macht ja keine gerechte Regierung oder deren Beschaffung aus!) Denn so hatten die Schuldigen selber geglaubt oder, wie unser Pharisäer hier, vorgegeben zu glauben. Es bleibt ja auch so jeweils genug Schuld, denn niemand kann nach Menschenreligionen gerecht leben. Ich denke etwa an Honeckers privates Schweizer Bankkonto – trotz des herrlichen und gerechten Sozialismus, der auch in hundert Jahren nicht vergehen sollte!

›Dann musst du Mir in Allem gehorsam gewesen sein, musst das ganze Gesetz getreulich erfüllt haben und dir den Himmel verdient haben.‹ So hackt dann Gott auf dem nun Wehrlosen herum! Denn die Ergebenheitsgeste gilt nur hier auf Erden, und nur durch sie, durch die vorbehaltlose Ergebenheit, gewinnst du bei Gott. Der Gläubiger, dem der andere ja niemals bezahlen kann, ist nämlich kein anderer als Jesus selber. ›Also mach’ deinen Frieden noch auf dem Wege, sonst wirst du gerechterweise ja vom Richter ins Gefängnis geworfen und kommst nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast,‹ also hackt dich der Pfau zu Tode. Und an dem Ort, auf den Er anspielt, da kann nun schon gar keiner mehr was ›verdienen‹ oder abarbeiten, wenn er’s schon auf Erden nicht konnte. Kann wohl ein Mensch mit eigener ›Herrlichkeit‹ intakt, also seinem Ego und freien Willen, den Himmel selber verdienen? Oder soll er sich nicht lieber, solange er noch auf Erden ist, das heißt in diesem Bilde, ›noch auf dem Wege zum Gericht‹, bekehren und erniedrigen, also seinem Gläubiger zu Füßen fallen und sagen: ›Habe Erbarmen mit mir, ich kann es ja nie selber bezahlen!‹ Also seine tatsächlich vorhandene Ohnmacht eingestehen und sein Ego für tot ansehen, statt in seiner Mannesherrlichkeit, sprich Verantwortung und ›freier Wahl‹ und dem ganzen faulen Baptistenzopf vom Selber-Gott-Sein, weil ›in Seinem Bilde erschaffen‹, sich zu behaupten? Wir wissen schon hier ganz sicher, es geht nur auf diesem Gnadenwege, ›niemand kommt zum Vater denn durch Mich‹, also dem einzig gültigen Lammesopfer vor Gott.«

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»Da machen sie so ein Geschrei um das Aufs-Neue-geboren-Sein. Aber sie vergessen, dass wer nicht vorher gestorben ist, der kann auch nicht mit Ihm aus dem Grab, dem Taufbad, das sie so feiern, zu neuem Leben auferstehen. Und was ist biblisches Sterben anders, was der ›Tod‹ anderes als seiner eigenen Herrlichkeit ganz absterben, ein Sklave, eine Null, werden? Im Grunde also, wissen oder anerkennen, dass Gott der einzige wirkliche Geist ist, wie vorhin erörtert. Die Bibel gibt wohl keine ganz klare Antwort über den freien Willen, das ist so wie bei unseren Gründervätern in USA über die Frage der Abtreibung – sie kam ihnen einfach nicht, weil selbstverständlich. – Aber Jesus sagt zum Vater: Nicht Mein Wille, sondern Deiner geschehe! Also in anderen Worten, selbst angenommen, es gebe freien Willen, muss ein Christ wie Jesus selbst, diesen Willen aufgeben und alles dem Vater überantworten.«

»Dann sind wir also alle nicht frei, alle Sklaven?« fasst Rudi zusammen,

»Die Unbekehrten wissen’s nicht, sind aber genauso unfrei wie wir, wenn wir’s wissen?«

»Und wo bleibt die berühmte demokratische Freiheit aller Menschen?« fragt der noch immer ahnungslose Jim, und dann Sonya:

»Und was ist mit der Gerechtigkeit Gottes? Niemand kann wählen. Wer endlich in die Hölle kommt, war ebenso von Ihm dazu erwählt, wie die Geretteten zum Himmel?«

»Na ja,« sagt Bob, schon wesentlich kleinlauter,

»Das ganze Universum besteht zu dem Zweck, Gott zu verherrlichen! Der Mensch hat gerade soviel Verstand, das begreifen zu können! Und jawohl, wir sind alle Sklaven! Sklaven Gottes. Niemand ist frei und sein eigener Herr! Aber die Impertinenz, es noch nach allem lebenslangen Bibelstudium abzustreiten! Da muss doch mal ein solcher Mensch zwangshaft ernüchtert werden, und Gott sagt: ›Ich habe dich nie gekannt!‹«

Darauf entgegnet Sonya:

»Ja, Mensch, das wäre doch dann wieder eine Wahl aus freiem Willen! Und die andere Möglichkeit ist nur: Ohne Gott kann er’s nicht, mit Gott aber muss er’s einsehen?! Warum quält Er dann Israel so viele Jahrhunderte, wenn sie doch ohne Ihn nicht einsehen können, dass Jesus ihr Messias ist? Wo ist nun Wahrheit?!«

Ganz kläglich beantwortet Bob Sonyas Vorwurf nach einer Weile:

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich als Mensch erniedrigen muss, soll ich je erhöht werden, und was ist der Himmel anderes? Ich muss ein Nichts werden und Gott mir alles! Ich brauche ja auch nichts zu sein, der Globus läuft ganz ebenso gut ohne mich, und tut es eines Tages auch sowieso, ob ich nun will oder nicht. Dieser Gedanke an sich ist ja allein schon wie geistlicher Tod.

Dazu kommt mir noch ein Gedanke. Warum straft denn Gott Nebukadnezar, weil er Sein heiliges Volk geschlagen hat, der doch gerade darin genau Sein Werkzeug war und Israel strafen musste?! Vielleicht sollten wir uns auf den Begriff Verantwortung, über den wir vielleicht alle ein schiefes Bild haben, mehr konzentrieren.

Große Taten zu tun sind nichts anderes, als nur der Arm, ein Werkzeug Gottes zu werden, nicht irgendetwas Heldenhaftes aus mir selbst. Der Hammer wird ergriffen, wann und ob er will oder nicht, und mit ihm der Nagel eingetrieben, und so ist des Menschen größtes ›Heldentum‹. Und irgendetwas zu meiner eigenen Errettung tun, außer an die Werke Gottes zu glauben, Der ja alles schon besorgt hat, das hieße, an Seinem Wort zweifeln. Dabei ist ›Glauben‹ ja auch nicht etwas, was etwa ich leisten könnte, sondern kommt auch von Gott allein.

Einmal sagt Jesus doch: ›Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber folge Mir nach.‹ Das bringt mich auf die Idee, vielleicht ist die Erde voll von Robotern, also solchen ›Toten‹, von Gott als solche erschaffen – wie der Ton zu unreinen Absichten in einem anderen Bild – zu keinem anderen Zweck als, wie Pharao, Wilson, Churchill, Roosevelt, Nebukadnezar oder Hitler und meinetwegen Al Capone, das von Gott für Seine Zwecke eingeplante Böse zu tun. Wie Er mit ihnen fertig wird, wissen wir nicht, aber es wird gerecht sein. Auch ein menschlicher Schriftsteller, etwa ein Romanschreiber, erfindet, also ›erschafft‹ sich ja auch seine Bösewichte schon von Anfang an, ›vor Erschaffung der Welt‹, das ist, ehe oder während er den Roman plant. Ohne solche geht es interessanter Weise auch bei uns nicht, auch wenn wir noch so ›gut‹ sein wollen. Denn der Schreiber kann das Gute, was er sagen will, auch nicht anders als gegen solchen Hintergrund herauskristallisieren.«

»Da haben wir wohl endlich auch eine christliche Version, nach all den anderen, von ›Brave New World‹, was?« sagt Sonya.

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Rudis besonderes Hobby ist schon immer sein gebrauchtes kleines Auto gewesen. Daran bastelt er, wenn er mal nicht seine Nase in seine medizinischen Lehrbücher zu vergraben hat. Er freut sich besonders, wenn er mal irgendeine Verbesserung wirklich selber macht und erfolgreich zu Ende bringt. Das ist gar nicht immer einfach, oft endet es in Enttäuschung und schmerzlichen zusätzlichen Geldausgaben, um nur »die alte Mühle« wieder in gebrauchsfähigen Zustand zu versetzen. Aber er behauptet, das Basteln mache wohl ölverdreckte Hände, aber schon in sich selber Spaß und sei für ihn eine Vorbereitung auf die Chirurgie. Er lerne aber auch allgemein eine Menge, denn die Welt sei völlig und ausschließlich auf das Prinzip Ursache und Wirkung gebaut. Daher habe jedes Hebelchen einen Zweck, oder andersherum, jede Eigenschaft im Benehmen des Autos muss ein entsprechendes und ermöglichendes Substrat haben. Er wolle auch in der dazu ja einladenden Medizin, nicht nur immer die Gedanken anderer nachzukauen haben, sondern selber wirklich dabei und am Erschaffen sein, und Frustrationen seien ein unentbehrlicher Wirklichkeitsfaktor.

»Wenn ich diesen Kolbenring nicht absolut richtig einsetze,« sagt er einmal, »dann funktioniert’s nach dem Zusammenbau nicht. Irgend eine andere Definition für ›richtig‹ ist hier undenkbar, denn das Material kennt keine ›Moral‹, und besonders nicht, was einer als richtig behauptet, etwa irgendein Rechtsverdreher! Wenn ich’s nicht mache, dann muss ein Klügerer über mein Auto gehen. Das wird dann ein teurer Spaß, und ich habe es nicht selbst gemacht und nichts dabei gelernt. Aber es ist wieder ›richtig‹. Die Funktion beweist es sofort und absolut unparteiisch.«

Ein paar Tage nach der Diskussion über das erste Gebot am zu früh eingewinterten Swimmingpool überrascht Rudi seine Hausgenossen mit ganz etwas anderem. Allerdings dreht es sich dennoch um seinen geliebten Toyota. Wirklich läuft auch alles vor die Tür und sieht sich die Überraschung selber an.

Da klebt ein neues, mit dem Computer gefertigtes Schild mit einer Aussage, die nun wirklich selbst gemacht und originell ist, und schon gar nicht als fertiger Bumpersticker wie so eine Hallmark-Karte etwa gekauft ist, oder in diesem Falle, in USA auch nur hätte gekauft werden können. Da steht also im unteren Viertel der Heckscheibe erst ein Satz in großen auffälligen Lettern, und darunter eine Ergänzung, viel kleiner, so dass man herantreten muss, um sie zu lesen:

Die Neger in diesem Lande haben

vergessen, dass sie Sklaven sind!

Das gilt ebenso für alle Weißen!

Das ist natürlich Rudis Niederschlag des kürzlich im Webbhaus geführten Gespräches über menschliche Freiheit ins Witzige und absichtlich Provokative verzerrt, Bobs Aussage, dass wir uns als Sklaven vor Gott zu demütigen haben, befruchtet durch Jims daran anschließenden Bezug auf die demokratische Freiheit..

Merkwürdig! Diese Gedanken sind mir selbst, Öhrlein, auch schon gekommen, denn ich hatte beobachtet in unseren amerikanischen christlichen Zirkeln, dass die Bestrebungen immer dahin liefen, den Selbstwert in jedem Christen groß zu machen. Ich denke da an den amerikanischen Missionar Francis Schaeffer in meiner Missionszeit in den späten Sechzigern, der seinen Wirkungskreis in die Schweiz verlegt hatte. Er arbeitete an den um seine Zeit so prävalenten Hippies. Da kamen denn oft zerlumpte langhaarige Individuen mit Frau, die nicht die ihre war und womöglich Kindern, wo dieselbe Frage offen stand, müde, zerquält und hoffnungslos, und verglichen sich in theologischen Gesprächen etwa mit einer Maschine. Das machte den alten Schaeffer christlich-beherrscht, wenn man’s nicht so direkt sagen will, fuchsteufelswild! Wir seien wertvoll im Angesicht Gottes, zeterte er, natürlich hauptsächlich deswegen, weil wir »in Seinem Bilde erschaffen« seien, und praktisch, um die verzweifelten Hippies zu gewinnen, denn die eigene Würde und Größe ist in USA ein so wichtiger Faktor, dass ich gar nicht nachzuforschen brauche, ob sie das Opfer auch wirklich schmeichele.

Das war die Zeit, wo mir Zweifel kamen, ob uns das nicht zu den vor Gott so ursündigen »kleinen Göttern« unserer Renaissance mache, und dass doch die wahre menschliche Haltung die Erniedrigung, eine Demut vor Gott und vor den Menschen sei, statt eigentlicher Heuchelei, eben weil wir in Wirklichkeit vor Gott da hingehörten und in letzter tiefster Wahrheit ein Nichts seien, also aus Gottes Sicht sehr wohl und noch satt gerechnet, eine Maschine.

Später, schon als Einwanderer, stieß ich in mehr weltlichem Millieu auf dieselbe Antwort auf dieses Problem. Die amerikanische Industrie um diese Zeit der ersten Ölkrise wurde schlampiger und unzuverlässiger, während die Japaner darum mehr und bessere und dennoch gleichzeitig billigere Ware nach USA exportierten. Dagegen wurde nun die Campagne gerichtet, dass der amerikanische Arbeiter stolz auf seine Arbeit werden müsse und also gewissenhafter arbeite. Aber ist nicht gerade Stolz eine Qualität, die Gott verabscheut?

Und doch versteht man, was sie meinen, und es hat wohl auch streckenweise Gutes getan. Ist es aber nicht so: Erniedrigung durch Gottes Fügung, die wirklich weh tut und jemanden zu tiefer Verzweiflung und an den Rand des Selbstmords bringt – die wird dann die Brücke zur Selbsterkenntnis, nicht durch die Rückkehr in den Stolz, sondern das Ich wird so wertlos, dass der Mensch sich selbst und diesem Kern der Sünde abstirbt und im Symbol der Taufe von dann an für Jeschua lebt? Das funktioniert auch erstaunlicherweise ohne bewusste Definition in Menschen, die vorgeben, nicht an Gott zu glauben, wenn sie so stark gedemütigt wurden. Sie können danach nur weiterleben, wenn sie ein Großteil ihres Ego aufgeben und also quasi »eine Maschine« werden.

Die Neger allerdings sind hier ganz besonders übel daran. Das sag’ ich nicht als hochnäsiger Weißer, sondern in Sympathie; denn ihr Zustand ist die Schuld der Weißen! Alle amerikanische Psychologie hat hier versagt. Die Mehrzahl der Neger sind nach wie vor arm, schlampig, unzuverlässig und jeweils die unterste sozioökonomische Kaste – mit einigen sehr löblichen Ausnahmen natürlich – weil sie so wenig von sich halten und durch das System der Integration dazu gezwungen wurden! Sie leben ohne einen Wir-Sinn in einer Welt, die den Weißen gehört. Eine Mission hier hörte ich besonders die Negerjugendlichen ermahnen, fälschlich wie ich finde, ihren »Selbstwert hochzuhalten.«

Es fehlt gerade den Negern etwas Eigenes, eigene Sprache, eigene Kultur, eigene Traditionen, das Verlangen danach ist ja überall spürbar. Weil wir anderen diese Religion so hassen, treiben wir unsere Neger geradezu in den Islam. Es ist und bleibt ein Muss für alle von uns Einwanderern, die alte Sprache und Kultur mit größter Vorsicht aufrecht zu erhalten, um nur nicht wo möglich noch darin stolz zu werden. Denn die zweite Bedingung nach dem Selbstabsterben ist das neue Leben in Gott, und der Welt. Das Ganze ein tiefes Problem… . Aber die Antwort kann doch niemals mehr Stolz und also noch mehr eingebildete menschliche Größe sein! Daran fehlt’s, weil das erste nicht stimmt. Unsere wirkliche Heimat und Kultur ist Gottes Himmel, wir sind nicht mehr von dieser Welt.

==========6==========

Nun stehen meine Webbhäusler also lachend und plaudernd um das Auto herum und versuchen herauszufinden, was nun wohl passieren wird, sollte sich Rudi damit wirklich aus der Webb Road in die Welt hinauswagen.

»Rudi, das hast du doch nicht wirklich vor?«

»Klar hab ich das! Wozu hab ich’s so mühevoll auf dem Uni-Computer entworfen? Noch herrscht bei uns volle Freiheit der Meinungsäußerung! Oder ist das auch nur noch auf dem Papier? Jetzt will ich doch wissen, ob meine Zeitgenossen Phantasie, Humor, ja überhaupt soviel Auffassungsgabe haben, also eigentlich: innere Freiheit genug, die ganze Aussage zu begreifen.«

»Das kann ich ganz genau beantworten – absolut nicht! Und gar nichts passiert!« sagt Bob,

»Und wenn was passiert, heißt das auch noch nicht, dass er’s begriffen hat! Er ärgert sich nur über ›Neger‹ und ›Sklaven‹, weil er so von klein auf dressiert ist«!

Sagt Jim:

»Rudi! Du weißt doch was von Psychologie! Am fahrenden Auto kann man etwa nur zwei Sekunden mit der Aufmerksamkeit verweilen. Da liest man gerade ›Neger‹ und ›Sklaven‹! Jedes für sich bei uns hier schon eine Revolution! Rudi, das gibt einen Skandal, Mord und Totschlag!«

»Wirklich, Rudi, mach das lieber nicht!« unterstützt Sonya,

»Wir sind in dieser Frage, wo das schlechte Gewissen ja noch in uns kocht, schon gar nicht auf gutmütig schmunzelnde Toleranz eingestellt, die zudem erst kommen kann, wenn man vorbeigefahren ist und sich klar gemacht hat, ach, der meint, dass wir vor Gott alle Sklaven sind.«

Sagt Rudi selber: »Aber das begreift er doch schon gar nicht! Wir halten uns doch hier für die ›Freiesten der Erde‹.«

»So viel Nachdenken ist schon gar nicht unsere Sache! Ich wette mit euch um zwei Mittags-Kochdienste, dass es einfach gar keiner bemerkt oder Notiz davon nimmt!« sagt Bob,

»Aber recht hast du schon, und das ist auch eine Art der Mission, jedenfalls mal was anderes als Tür zu Tür gehen, ›Kennst du schon Jesulein?!‹ Das müsste doch wenigstens eine kleine Minderheit zum Nachdenken über unsere ganze Kultur bringen? Denn wir können nicht auf fromm machen hier überall und diesen wichtigen Grundbestandteil der nötigen Demut vor Gott einfach gar nicht beachten und als Nation die ganze Welt beherrschen wollen! Denn wir alle spielen uns privat wie als Nation zu sehr als die Herren der Welt auf – britisches Erbe!

Mehr noch! Alle Sünde ist immer nur denkbar, wenn sich ein Mensch selbst erhöht, also sich im Eigentlichen selbst zu Gott macht. Das ist die Ursünde, geradezu die Bedingung für jede andere Sünde. Bringe ich dich jetzt um, so mache ich mich damit zu einem Gott über dein Leben. Breche ich eine Ehe, so mache ich mich selbst damit zum Herrn über diese von Gott gefügte Institution, und so weiter – bis hin, da wird’s leichter verständlich, zu Hitlers Massenvernichtungen. Er ist nun ›Gott‹ Europas und der Welt und kann bestimmen, wer leben darf, und wer zu ›minderwertig‹ dazu sei.

Die Hinrichtung des Messias war aus der sündigen Haltung seiner Richter eine Notwendigkeit, denn Er nahm ihnen ja mit Seiner Behauptung, Gottes Sohn zu sein, damit alle eigene Größe und Gottesgleichheit. Sie konnten mit dieser Haltung ja nichts anderes tun als nun beweisen, wer hier Boss sei, also wieder sekundär aus der primär sündigen Haltung, weiter zu sündigen.«

Diane, die dabeisteht und ja auch die Ursache zu Rudis Aussage an seinem Auto vorher im Garten nicht mitgekriegt hat, fühlt sich bei diesem Erguss wieder unbehaglich und beschließt gerade, sich heimlich ins Haus zu stehlen, als sie als erste Mischas Wagen um die ferne Ecke biegen sieht, auf das Webbhaus zu! Da wird ihre Stimmung allerdings schlagartig eine viel gehobenere und freudenvollere! Sie gibt sich ihre süßeste und mädchenhafteste Pose aber tut blitzschnell gleichzeitig, als habe sie Mischa noch nicht bemerkt.