Neuntes Kapitel

Verschiedene Weltbilder

»Was du uns da vorstellst, ist ein Ausblick in eine ganz neue Welt – und gleichzeitig in die alte!«

sagt Sonya nach einem Moment Besinnung,

»Das mit dem Abbild Gottes leuchtet ja nun im Hinblick auf Prometheus ein, ist also rein abgöttischer Renaissancenatur. So etwas habe ich aber noch nie gehört. Wir haben doch immer angenommen, dass wir ›im Bilde Gottes erschaffen‹ sind! Also wie Gott selber. – Hm! Andererseits . .Wo steht das eigentlich? Weiß schon, in der Genesis. Da steht doch: Er schuf den Menschen nach Seinem Bild, als Mann und Weib.«

»Womit die Sache auf die traditionelle Tour gedacht, wie du jetzt, ja schon fragwürdig wird!« erwidert Mischa,

»Denn Er betont ja: Mann und Frau. Hat Er ihm nun Geschlechtsorgane wie sich selbst gemacht? Dann ist Er ›er‹. Oder wie heute, aus demselben revolutionären Gleichheitsgedanken, behauptet wird, ›sie‹? Die ganze Idee ist doch Unsinn! Wir sind nicht Gott, und Er ist nicht Mensch, nur vorübergehend mal in der Gestalt Jesu. Er hat keine geschlechtliche Vermehrung, also keine Geschlechtsorgane, keinen Stoffwechsel, wohl gar keine ›Organe‹ überhaupt, ist ja Geist, keine Materie mit Sich herumzuschleppen. Also sind wir schon darin notwendig völlig anders, beide Geschlechter. Wo geht das weiter, wie hört es auf? Hat denn Gott Nase, Mund und Arme, Herz, Nieren, Magen? Oder nichts dergleichen, weil Er Geist ist? Schließlich sind wir bloß Organe, alles, auch etwa die Haut! Alles hat Zweck, da ist nichts zur Verzierung oder sonst wozu. Und sagst du Haar oder weibliche weichere Fettverteilung unter der Haut, kontere ich: hat sexuelle Zwecke! Wie die bunten Federn beim männlichen Vogel. Aber setze einfach mal dein Verständnis auf meine Version um und sieh, ob’s nicht Sinn macht, will noch gar nicht sagen, weit besseren Sinn macht.«

Darauf sagt wieder Sonya:

»Na ja. Ich habe aber so noch nie gedacht. Er macht also Mann und Weib nach Seinem Architektenpauspapier, macht sie genau, zweckmäßig und nur, wie Er sie haben will, und keiner kann dreinreden oder seinen Senf dazugeben, schon gar nicht das Baby Mensch selber! Also wird der bis ins kleinste ›nach Gottes Bild‹, nur ein lebendiges Zeugnis für Ihn, aber nie ebenso wie Gott, also in und aus sich selbst bleibt er ein Nichts!«

Verblüffend einfach, was? Wie unser Mischa sich Anhänger wirbt! Lässt einfach die Sonya, die »noch nie so gedacht« hat, ihm aber schon wohlgewogen ist, sich nur zehn Sekunden in seine Lage versetzen und seinen Hauptgedanken wiederholen!

»Richtig, und kann nicht etwa sagen, he, warum hast Du mich so gemacht und nicht anders!«

übernimmt wieder Mischa den Faden von Sonya,

»Und wir stehen in der Gefahr in dieser unserer Verirrung, das Geschöpfte statt dem Schöpfer anzubeten.

Töpfer und Ton, damit hast du gleich noch eine Bestätigung Seines Planens als dem ›Abbild‹. Dem Töpfer schwebt da ein Gefäß vor, zu seinem Zweck, aber nicht eine Statue Seiner selbst.

Warum sonst macht Er da diese Aussage? Na, denkt doch mal an unser Jahrhundert! Der Mensch und alle Schöpfung sei aus sich selbst, ›by chance‹ entstanden! Dagegen ruft uns diese Gottesaussage zurück in die Wahrheit: ›Mein genaues sorgfältig geplantes Geschöpf bist du!‹ Und wir kriegen ein ganz neues Verständnis der Abhängigkeit, denn wir sind ja absolut nur, was Er gemacht und gewollt hat. Und du nennst es ›ein Nichts‹! Ist nicht alles, was uns hilft, logisch und nüchtern das biblisch Richtige zu denken, von Gott? Wir können nur richtige Christen sein, wenn wir Gott alle Ehre geben. Wir können Ihm aber nur wirklich alle Ehre geben, wenn wir selbst nichts davon zurückbehalten. Und um Ehre und Macht scheint sich bei uns Menschen alles zu drehen.«

»Erst waren wir Sklaven, nun sind wir überhaupt nichts mehr! Ich muss wohl mein Autoschild noch mal umschreiben!«

»Und noch eins,« sagt Sonya,

»Was den Selbstwert des Menschen und seine geforderte Gottesgleichheit angeht, könnte doch jemand folgendermaßen argumentieren:

Gott war es zu langweilig, nur immer tote Sachen und ›Maschinen‹ zu erschaffen, deswegen gab Er dem zu erschaffenden Menschen eben doch soviel Freiheit und Gottesähnlichkeit, dass er doch eine relative Skala freier Entscheidung, eben auch gegen Gott, hätte. Nun kommt der Sündenfall – eine Enttäuschung für Gott! – kommt die Notwendigkeit zur Sündflut, Enttäuschung! Dabei hätte doch Gott, Der das voraussah, erst gar nichts zu erschaffen brauchen?! – Kommt der Turmbau zu Babel! Na sicher, der Mensch ist doch frei und gottesgleich, da kann und muss er doch geradezu ›sich einen Namen machen‹! Kommt sogar das viele Sündigen und Nicht-Demütigen vor Gott der Israeliten in der Wüste, bis Gott beschließt, Er werde sie nicht ins Gelobte Land führen. Und nun kommt’s: Der sündige Mensch Mose, ein Nichts vor Gott und sogar ein Mörder, kann in seiner Gottes-ähnlichkeit den Großen Gott umstimmen! Kommt sogar die freie Wahl Gottes zu Saul als erstem König - wieder Enttäuschung! Der gelobte König heißt am Ende David!«

Darauf Mischa:

»Gut, da hast du nun die ganze Argumentenkette für die menschliche Größe zusammengetragen. Aber bitte, sage doch selbst, wie passt denn Gottes doch unbestrittene Voraussicht zu allen diesen ›Enttäuschungen‹?«

»Eben als eine Maßfrage, kein Alles-oder-Nichts! Sondern ein ›Wieviel?‹,« erwidert sie,

». .die Gott uns als Gottesähnlichkeit sehr besonnen und genau zugemessen hat. Ich weiß ja auch und anerkenne, dass wir uns alle demütigen müssen, dass jede andere Denkweise zum starken Menschen unweigerlich zur Sünde aus Prinzip, aus Überzeugung, führen muss. Einigen wir uns auf der Mitte? Oder hast du noch ein paar Gedanken dazu?«

»Gut. Die Mitte ist, dass ich’s nicht weiß, wo nun genau die Grenze verläuft, und wohl niemand. Und zunächst habe ich keine Gedanken dazu. Aber lass uns alle darüber grübeln und darum beten!«

Es herrscht eine etwas betretene Stille, weil es selten in unserer menschlichen Gesellschaft ist, dass sich der Führer, von dem man Weisheit glaubt, einfach übernehmen zu können, selbst erniedrigt und sein Nichtwissen zugibt.

»Halt,« sagt endlich Bob, »ich habe zwei Zusätze zu machen!

Vielleicht wollte uns Gott haben, wie sonst kein Geschöpf, nämlich, dass wir Kriege machen können und darin Sklaven sind, die das längst als schändlich und unwürdig begriffen haben und doch immer weitermachen! Denn bei Gott und den höheren Mächten gibt’s keinen Krieg. Wenn Gott die Liebe ist, kann Er nicht mit Helm und Schwert etwa gegen Sein sündiges Volk antreten wie Mercur auf einer Bronzetafel bei den Griechen! Alles, damit wir lernen sollen, wie sündig und unwürdig wir seien.

Das Zweite ist eine wichtige Frage! Wenn wir nur nach dem Bauplan Gottes sind was wir sind, dann doch genauso alle Tiere, die Er ja auch erschaffen und also geplant hat wie sie sind?«

»Na und – richtig! Aber was spräche dagegen?«

»Na, hör’ mal! Der ganze Stolz, die Ehre und Größe des Menschen, haben wir immer gelernt, beruhe auf seinem Höherstehen als das Tier, weil er eben ›als Gottes Ebenbild‹ geschaffen worden sei, und das Tier nicht!«

»…Sagt Homo sapiens allein! Sagt Homo renaissancianus! Die Tiere wären wohl ganz anderer Meinung. Siehst du, wie schön mein Gedankenmodell uns ganz von selber wieder in die bessere Perspektive der Demut rückt!«

»Es bleibt ja auch so noch genug Ehre für Homo renaissancissimus übrig«, ergänzt Sonya,

»die Pyramide der Größe und Wichtigkeit, Mensch an der Spitze, bleibt ja bestehen. Auch Tier ist nicht gleich Tier! Ein Gorilla ist doch ›höher‹ als eine Laus oder eine Bakterie.«

»Wobei zu allem Überfluss die Bakterie nichtmal mehr ein Tier ist, sondern dem Pflanzenreich zugerechnet wird!«,

stellt Rudi richtig.

»Ist ja nur wieder unsere menschliche Renaissanceeinteilung!« sagt Sonya,

»Damit die schäbige Bakterie möglichst noch tiefer dastehe! Aber, zugegeben, nur der Mensch, soweit wir wissen, wird von Gott angesprochen und beauftragt, etwa das Evangelium in alle Welt zu tragen, selbst wenn durch seine Tragödie erst die ganze Kreatur so leidet. Kein Zweifel, er steht auch in Mischas Denkweise am höchsten da. Es würde ja auch wenig Sinn machen, den Tieren etwa über Gott zu predigen! Dazu sind sie nicht gemacht.«

Da noch keiner antworten will, fährt sie fort:

»So’n armer Prediger auf der Weide! Er würde dauernd die Kühe anpfeifen müssen: ›Zuhören sollt ihr und nicht dauernd Gras kauen während des Unterrichts!‹«

Rudi führt das gleich weiter:

»›Liese, wiederhole mal, was ich euch gerade über Jesus gelehrt habe!‹«

Dann, mit Quiekstimme, obgleich es doch eine Muh-Stimme sein müsste, antwortet er selber:

»›Dass wir kein Gras mehr fressen dürfen, Herr Evangelist!‹«

Es scheint, wir brauchen alle mal eine Auflockerung, einen Witz, eine Albernheit. Niemand kann sich lange nur auf die höchsten Gedanken konzentrieren. Aber dennoch bleibt auch hier bei ihnen eine Spannung bestehen, die sich gleich nach der anderen Seite Luft machen wird.

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Als alle ausgelacht haben, fährt nämlich Michail fort:

»Wenn ihr noch Zeit und Lust habt, will ich euch noch einige Gedanken über was ich mal die geistige Anatomie des Menschen nennen will, mitteilen.«

»Und was wird aus dem versprochenen Fatalismus?« will Sonya wissen.

»Hoffentlich doch nie was! Ha, ha! Wir sind uns ja jetzt schon in seiner Ablehnung einig!

Also dann ganz knapp meine ›Anatomie‹. Hm. Vielleicht will ich mal das Problem wieder als ein Rätsel aufrollen.«

»Was, noch eins? Du hast uns ja das erste noch nicht gelöst! Die ersten beiden

»Nein doch, ganz absichtlich nicht. Wenn ich’s euch nur vorkaue, lernt ihr doch nicht dem Problem nachspüren. Und die Frage, aber nur mit der Unrast dahinter, sie zu lösen, ist besser als die fertig verpackte Antwort, die ja obendrein auch falsch sein kann und oft ist. Wenn wir’s aber alle zusammen durchdenken, weil wir noch nicht die Scheinbefriedigung einer Antwort haben, ist die Chance zur Korrektheit größer.

Jeder liegt doch mal nachts wach. Da sollt ihr über Gottes Probleme nachdenken, denn [nur] wer sucht und bei Tag und Nacht und meditiert, der findet. Und wer noch nie ein Problem allein aus seinem Denken unter Gottes Geist gelöst hat – die Bibel vergleicht es mit Schuppen, die einem plötzlich von den Augen fallen. Fischschuppen lassen ja etwas Licht durch, aber man kann durch sie hindurch doch nichts klar erkennen. Also, wer mal so ein Erlebnis hatte – mit einemmal sieht er klar, nicht mehr durch die Schuppen – dem fällt die Lösung zum nächsten schon etwas leichter. Das Senfkorn Glauben, was dann wächst! Denkt daran, dass wir Christen der Sowjetunion oft ganz auf uns allein und auf Gott angewiesen waren, getrieben vom unstillbaren Verlangen, von Gott mehr zu wissen, während ihr hier in Amerika . . «

»Ja, ja, wir wissen schon, verpimpelt und verwöhnt alles im Überfluss mit der Muttermilch eingeflößt kriegten! Während der große Herr aus der Sowjetunion das richtige Denken, was uns so fehlt, ganz aus eigenem Genie erlernte!«

sagt Rudi ärgerlich, wohl über die Frustration, dass Mischa wieder nicht das Rätsel lösen will.

Nach einem Moment unangenehmen, gespannten Schweigens sagt Mischa tonlos und leise:

»Na gut. Ich verstehe schon. – Ja, dann werde ich mal aufbrechen.«

»Quatsch!« sagt Sonya laut, renkt wieder ein und bricht das Eis, »Pfui, Rudi! Also was mich angeht, höre und lerne ich liebend gerne von Mischa – « Dabei errötet sie etwas, es hat aber wegen der Spannung niemand bemerkt, und fährt fort, »ich meine, wer immer was zu sagen hat!«

»Also gut,« erholt sich der Russe, »erstmal will ich aber doch sagen auf deine Bemerkung, die ich aber gar nicht übel nehme: Gar nicht aus eigenem Genie! Sondern eben aus Ursache und Wirkung! Wir wurden ja durch die Umstände getrieben! Und ich preise Gott dafür, denn Er sagt, wen Er liebt, den züchtigt Er! Entschuldige meine unangebrachte Reaktion!«

Vielleicht hätte Mischa es für heute doch genug sein lassen sollen, als sie schon ins Alberne mit den Kühen auszuweichen begannen und unbewusst ihre eigene Klage den Kühen ins Maul legten. Er meint aber, die letzte Schlappe ausbügeln zu sollen und will auch so nicht auseinander gehen. Was er nun vorbringt, ist aber auch ein so faszinierender Gedanke, dass sie alle erst einmal wieder voll dabei sind.

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»Und nun stellt euch einen Zauberstab oder etwas Ähnliches vor, mit dem man jeden Gegenstand genau verdoppeln könnte! Er liefert einfach genau die gleichen Moleküle in gleicher Anzahl und in genau der gleichen Anordnung zueinander. Die Generation nach 1950, also hier natürlich entsprechend früher, war ganz schockiert über die nun massenweise produzierten Industrieerzeugnisse. Mir fällt dazu immer der deutsche Volkswagen, der ›Käfer‹ ein. Da verhielt sich einer wie der andere, hörte sich genauso an, aber schon wegen der ungewöhnlichen Luftkühlung ganz anders als andere Marken, war ebenso wind- und unfallgefährdet, verbrauchte ebenso wenig bei gleichen Bedingungen, und so weiter. Jemand soll einmal in seinen geparkten Volkswagen gestiegen und nach Hause gefahren sein. Erst da habe er gemerkt, dass der Wagen gleicher Farbe und Ausstattung nicht seiner war. Mit der Schlüsselspezifität waren sie offenbar auch noch nicht so weit.

Also mein Wunderstab wiederholt die Industrie, berührst du einen Regenschirm damit, Teekessel, Diamantring oder was immer, so sind die aufs Haar verdoppelt, und ihr Eigentümer schwört Stein und Bein, wenn er das Original nicht sieht, dieser und genau nur dieser, sei seiner, mit allen Kratzern oder Beulen. Das zweite ist auch nicht eine landesübliche ›Kopie‹, sondern auch für jeden Fachmann genau dasselbe.«

Darauf Diane:

»Aber doch nicht ein echter makelloser einkarätiger Diamantring, der doch gut und gerne seine zehntausend Dollar wert ist?«

Jim sagt: »Mir gefällt der ganze Zauberstab nicht! Wir haben doch als Christen nichts mit magischem Hokuspokus zu tun!

Beiden antwortet Mischa:

»Also in meinem Beispiel doch, genau der gleiche Wert, liebe Diane. Aber nun ist das ja nur ein Denkmodel, Jim, ein Märchen, ein Gedankenexperiment, an dem ich was erläutern möchte. Wir dürfen uns ja auch einen Mord ausdenken, um daran zu lernen.

Wenn wahr, glaubt mir, dann wäre keiner der beiden absolut gleichen Ringe, nur schon deswegen allein, mehr zehntausend Dollar wert. Denn solche ›Werte‹ und damit Preise sind rein künstlich wegen der Seltenheit der Objekte, die dann ja bald nicht mehr gegeben wäre, schon allein der Gedanke der einfachen Vermehrbarkeit!«

Das erinnert ein bisschen an unseren deutschen Klasiker Gotthold Ephraim Lessing, nicht wahr? In seinem Nathan der Weise« gibt es in einer Familie so einen Zauberring, den immer der beste Sohn vom Vater erbt. Einmal sind’s nun drei Söhne, die der Vater alle gleich liebt. Er lässt also zwei absolut gleiche Ringkopien anfertigen, gibt ohne das Wissen der jeweils zwei anderen jedem Sohn einen Ring als den echten – und stirbt. Nun erhebt sich großer Hader, ähnlich wie bei Esau und Jakob, als die Drei hinter den Schmu kommen, denn jeder will der Auserwählte sein und den richtigen Ring haben. Also, dies ist die »Weisheit« Nathans. Sein Schöpfer, Lessing, war ein Jude und tritt hier mit seiner »Weisheit« also öffentlich gegen die Festungen Christentum und Islam an! Lieber Gotthold, da braucht es Tieferes und vor allem keinen Betrug! Jeder der drei Brüder rackert sich nun bei Lessing dem Weisen, nämlich ab, in Güte, Fleiß und Allmacht seinen Ring als den rechten zu bestätigen! Pfui, Ephy, sagte ich, Herm Öhrlein, da schon als sechzehnjähriger Gymnasiast: Das ist ja die verfemte Hintertür, durch die wir die geforderte Sündlosigkeit dann doch uns wieder selber abquälen müssen! Da können unsere beiden Brüder, Muslims und Juden, es also offenbar nicht lassen, Gottes Kraft, Der doch selber am Kreuz unsere Güte aufbringen will, von uns möglichst wegzulügen!

Heißa! hätte ich als einer der Drei da gerufen, jetzt werde ich sogar mal noch fauler und wurstiger werden, denn nur wenn ich den wirklich echten Ring habe, ist es ja gerade der es, der meine Tugend dennoch unbeeinträchtigt besorgt, und wo nicht, komme ich bei aller Anstrengung doch nicht an die Leistung des echten Ringes meines Bruders, heran. Ich war damals noch kein Christ, glaube aber bis heute, das ist die einzige Antwort an unsere beiden Unglaubensbrüder. Denn so glauben wir an die Kraft des Ringes, also hier im Bild eigentlich Gottes, nicht an die eigene Kraft. Und das ist unsere ganze Überlegenheit!

»Schön,« fährt Mischa mit seinem fiktiven Zauberstab fort, »wir spielen in Gedanken ein bisschen mit unserem Stab! Was liegt hier? Eine Bibel. Schwupp, damit berührt, liegt sie genauso zweimal da, komplett mit allen Elselsohren. Du kannst aufschlagen, wo du willst, alle Verse stimmen. Und weil Sonya hier ihre Bemerkungen hineingeschrieben hat, erscheinen auch die in ihrer Handschrift, Kugelschreiber oder Bleistift.«

»Aber nun radier’ ich etwas von ihrer Bleischrift aus!« lenkt Rudi seine unangebrachte Bemerkung von vorhin möglichst wieder ein,

»entweder im Original oder in der neuen Kopie. Dann ist die Stelle auch in der anderen der beiden Bibeln weg?«

»Keineswegs! Sie benehmen sich von da an wie zwei völlig immer getrennte Exemplare!

Schön, nun hat ein Experimentierfreund die Idee, sagen wir, eine lebendige Maus damit zu berühren.«

»Bloß nicht!« sagt die ermunterte Diane, »Die vermehren sich doch schon von allein wie verrückt!«

»Aha, aber lebt die zweite denn überhaupt?«

»Na, nach deinen Bedingungen,« sagt Bob, »sehe ich keinen Grund, warum nicht. Alle Moleküle in genau derselben Anordnung…«

»Na prima, da wären wir ein großes Stück vorwärts gekommen. Denkt doch, das ist jetzt mal Leben! Keiner weiß, was das eigentlich ist. Es ist von Gott eingehaucht. Und wir verdoppeln das mechanisch?«

»In der Medizin hat sich über die Jahrhunderte oder besser, letzten Jahrzehnte, herausgestellt,« ergänzt Rudi,

»dass die Natur auch keinen Unterschied macht zwischen organisch Gewachsenem und von uns Eingeschmuggeltem. Ist eine Substanz, die wir bisher nicht herstellen konnten, da, dann weiß und kümmert sich auch kein Organismus darum, woher sie käme. Das Erkennungszeichen liegt allein im Molekularaufbau, etwa, ob artfremd, so dass der neue Organismus darauf mit Allergie reagierte. Insulin, zum Beispiel, das wir jetzt aus Bakterien, mit den entsprechenden Genen in der richtigen Aminosäuren-Sequenz völlig artfremd synthetisieren können, heilt temporär jeden Diabetes Mellitus genauso schön wie das echte, im Menschenorganismus gemachte und ist reiner als das davor noch verwendete Schweineinsulin.«

»Umso besser, wenn ihr darüber nicht stolpern wollt! Wer kann sich denken, was der erwähnte Experimentierfreund als Nächstes machen wird?«

»Ich. - Er versucht Pflanzen und immer höhere Tiere.« sagt Bob.

»Gut, und was dann?«

==========4==========

»Dann natürlich eines Tages einen Menschen!« stellt Sonya fest, » Sagen wir, er ist verliebt aber zu scheu, sich heranzutrauen. Da berührt er die Geliebte mit dem Zauberstab, wenn sie’s nicht merkt! – Na, und nun hat er seinen eigenen Vorrat zum Experimentieren, und Moral ist ja dann bei dem Modell auch nicht nötig . . . «

Hierauf erheben sich natürlich Gelächter und schnodderige Bemerkungen an Sonya. Sie fährt aber uneingeschüchtert fort:

»Und verpatzt er’s mit ihr, kann er’s ja dann bei der richtigen, die gar nichts von ihrer Doppelgängerin ahnt, noch einmal besser machen!«

Sonya ist a) eine Frau und b) Amerikanerin! Ist jemandem aufgefallen, dass sie Verliebtheit und Sex wahllos in dieselbe Tüte wirft? Dabei müsste sie als Frau doch schon gefühlsmäßig einen großen Unterschied darin wahrnehmen. Aber nein! Hier, meine ich, liegt eine Quelle der jetzt so verbreiteten Promiskuität. Sie definieren auch nicht einmal präzise. »erotical« heißt bei ihnen alles egal weg: Zarteste Verliebtheit und gröbster tierischer Sexualverkehr! An anderer Stelle schrieb ich, gerade an diese US-Fehlmeinung gewandt, über meine Skala solcher Gefühle, sauber von links nach rechts aufgegliedert.

Mischa, nicht aus dem Konzept gebracht, wenn er auch hat lachen müssen, fährt noch grinsend fort:

»Also, das mit der Moral spielt für meine Betrachtungen keine Rolle; da aber alles gleich in den beiden, müssten wir sie doch in Betracht ziehen. – Gut, also einen Menschen! Lebt der (oder die!)?«

Eben noch so überschäumend, schweigen sie nun etwas ratlos.

»Na, come on! Schlägt sein Herz? Atmet er? Kann er gehen? Funktionieren alle seine Systeme, Verdauung, Urinproduktion und was weiß ich? Kann er denken, kann er sehen, kann er reden? He, Sonya, funktionieren bei der Modellfrau gewisse Reflexe? Er will doch experimentieren, denk’ ich?!«

Sie lachen diesmal nicht. Diane sagt vorwurfsvoll: »Michail!«

Siehe oben! Andererseits nämlich können sie in diesem Land der Gesetzlichkeit ganz unerwartet plötzlich stockprüde sein!

»Also schön, verzeiht!« sagt der Angeschuldigte.

Endlich sagt Rudi: »Also nach deinen Bedingungen – ich sag’ ja zu allen den Fragen!«

»Aber denken und vernünftig reden kann er nicht! Er hat schließlich keine Seele!« hakt endlich doch Jim ein.

»Damit kommen wir zu meinem beabsichtigten Zweck! Warum nicht? Oder anders gefragt, was ist dann eine Seele?

Ich sage ja, alles ist haargenau dasselbe und funktioniert daher in der ›Kopie‹ wie beim Original! Denn schließlich sind wir nur Materie, auch das Gehirn. Da sind nun die zwei, enger zueinander als monozygote Zwillinge. Denn was wir sind, sind erstens unsere Gene, und zweitens, unsere Umwelteinflüsse von frühester Jugend an. Bei monozygoten Zwillingen sind nur die Gene gleich. Hier nun alles genau dasselbe, auch die bisherigen Umwelteinflüsse. Und nichts spricht dafür, dass die ›Kopie‹ nicht genauso denken, fühlen und handeln könnte. Sie tun genau dasselbe, sprechen das genau gleiche – im Chor! Denn auch ihr Sinn, wann und wie etwas zu sagen sei, ist ja genau gleich. Sie stehen zusammen auf und gehen zur Tür. Hier, nur ein paar Minuten seit ihrer Zweisamkeit, passiert das erste Merkwürdige. Sie haben angefangen, sich als unterschiedliche Wesen wahrzunehmen. Ihre ›Umwelt‹ hat angefangen, anders zu werden. Sie wollen zusammen durch die Tür, weil sie etwa, wieder genauso, zur Toilette müssen. Da passt nur einer auf einmal hindurch. Also stehen sie höflich zurück und warten auf den anderen, beide noch genau gleich lange. Dann, da nichts passiert, wagen sie’s wieder, zusammen – und stoßen mit den Köpfen zusammen! Ja, und dann kommt’s. Sie lernen, einer nach dem anderen hindurchzugehen als was Neues, aber doch anders als andere Menschen, quasi in Verabredung miteinander, schön, diesmal gehst du zuerst! Dazu brauchen sie gar keine Sprache. Im Laufe der Wochen und Jahre lernen sie dann, verschiedener zu werden, bleiben aber immer so, dass sie kaum Sprache miteinander brauchen, weil’s noch in beiden Gehirnen so gleich aussieht.

Der Zweck dieses Gedankenexperimentes ist, eine klarere Definition zu kriegen von Dingen, die wir dauernd erwähnen und ebenso oft durcheinander bringen, die doch im christlichen Leben unerhört wichtig sind. Ich stelle eine uns zunächst ungewöhnliche Behauptung auf, nämlich, dass der Mensch nur aus Materie besteht, wie die Bibel sagt. Die Masse, die Moleküle sind Dreck, genau dasselbe wie außerhalb der lebenden Organismen. Das Wunder Gottes liegt wie überall in der Biologie nur in ihrer molekularen Anordnung. Ich glaube, das schwächt Gott nicht ab, sondern macht Ihn, im Gegenteil, noch größer, dass Er nämlich aus Dreck (aus nichts!) seine wunderbare Schöpfung erstellt.

Stellt euch meinetwegen dazu ein Großes Kunstwerk, ein Musikwerk, ein Schriftstück vor, sagen wir die Bibel! Und nun behauptet jemand, die sei nur verarbeitete Zellulose mit schwarzem Dreck darauf. Da hat er recht, aber das berührt nicht die göttliche Größe des Inhalts.

Und noch was. Ich glaube, Gott redet in der Bibel ja für uns, also die für Ihn äußerst primitive Menschensprache. Wenn Er also ein Wort, das uns geläufig ist, darin verwendet, ist es doch nicht verkehrt, das erstmal auch menschlich aufzufassen. Generell kann gelten, so primitiv wie’s geht. Wenn es alles erklärt, desto besser.«

»Das erinnert an Nikodemus. Der blamiert sich doch mit seiner Naivität: Soll er noch einmal in seiner Mutter Schoß, um von neuem geboren zu werden.« sagt Rudi.

»Gutes Beispiel! Wegen solcher ›Naivität‹ ist es doch für uns aufgeschrieben, damit – und das tut Er sofort – unser Herr es genauer erklären kann. Ich sage, wir fangen einfach und ›naiv‹ an, bis wir auf Widerstände stoßen, dann müssen wir entsprechend ausbauen. Das zeigt uns dann unser Herr, wenn wir nur immer ganz aufrichtig sind und auch keine Angst haben, uns zu blamieren. Genau so geht’s ja in jeder Wissenschaft zu.

Also mal ein Beispiel. Da heißt es ›Geist‹, und in unserem Sprachgebrauch, ganz ohne ›fromm‹ zu sein, verstehen wir darunter eine gewisse Denkweise oder Ordnung mit ihren Axiomen. In einer sowjetischen Versammlung herrscht also kommunistischer ›Geist‹, das sind bestimmte Grundannahmen und deren Folgerungen, die eben woanders nicht herrschen. Ein Computer hat Anfänge solchen Geistes, das ist die Software. Ich speise also Französisch ein, eine Anzahl von Axiomen, Vokabular, Syntax und andere Grammatik, Worttrennung und anderes. Das ist der ›Geist‹, in dem ich mit ihm dann kommuniziere.«

»Aber der Geist Gottes ist doch wohl nicht mit französischer Grammatik zu vergleichen!«

»Als ein primitives Beispiel nur, warum denn nicht? Auf den Geist will ich ja gerade hinaus. Computergrammatik ist die einfachste Anwendung. Aber es geht ebenso mit Gott. Wenn dies und jenes so und so ist, dann sind eben gewisse Konsequenzen demnach so und so. Wir müssen lernen, die ›heilige‹ Tradition in unseren Kreisen auch kritisch neu zu überdenken.

Ein Beispiel. Jesus argumentiert mit den Pharisäern, zum Zweck, dass es denkbar sein muss, dass ein hergelaufener Prediger der Messias sein könnte, und damit ›größer‹ als Sein Vorvater Abraham oder David. Wo doch in ihrem Denken immer der Vorfahr, besonders wenn so ein ›Founding Father‹ wie bei euch hier, der Größere sein muss. Er sagt also: David sagt doch über Ihn im Psalm: ›Der Herr sprach zu meinem Herrn, setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zu deinem Fußschemel mache.‹ Da nennt David also seinen ›kleineren‹ späteren Sohn ›Herr‹! Und damit lernt unser Geist, im Prinzip doch nicht anders als Französisch, über die weltbewegende tiefe Frage der zwei ›Herren‹ mit- und zueinander, nämlich Gott als Mensch zum ›vornehmen‹ David und ebenso als Sohn zum Vater, was im Denken der Juden bisher unmöglich war und etwa Jesus zu Gott Vater problematisch bleibt. Und Er argumentiert mit ganz menschlichen, logischen Begriffen dabei, sagt also nicht etwa: Hier ist ganz anderes Denken erfordert, da könnt ihr nicht mit, wie die Katholiken mit ihrer Dreieinigkeit.

Apropos, was den heiligen Geist angeht, gewöhnt euch ab, bei ›Geist‹ an so etwas wie ein halb durchsichtiges Nachtgespenst zu denken.«

»Zurück zu unserer ›Seele‹. Was ist die denn nun auf einfachstem, noch alles erklärenden Nenner?« fragt Bob.

»Brutal geantwortet: Unsere ›Software‹! Alles, was gedanklich und emotionell in uns vorgeht, alles, was einmal eingespeist wurde und alles was wir je denken und fühlen, als Ausdruck der ›Hardware‹, das wiederum sind unsere Billion oder so, Gehirnzellen.«

»Aber so einfach kann man doch einen so hohen Begriff wie ›Seele‹ nicht erfassen und beschreiben!«

»Ja bitte, was fehlt denn? Wir müssen doch zu einer einheitlichen Definition kommen, fangen ganz einfach an und bauen nur aus, wo nötig. Das heißt, wir können von da an unsere Annahme der Notwendigkeit nach erweitern oder modifizieren.«

»Also, Seele reine Gehirnfunktion, Geist nichts als übereingekommene Denkaxiome! Man merkt den materialistischen Sowjetmenschen! Der heilige Geist ist doch eine Person, Mensch!«

»Siehst du, Jim, das ist so eine sinnlose Konversation, die zu nichts führt, weil wir noch nicht mal die Anfänge, auf denen wir diskutieren wollen, abgesteckt haben. Jeder wirft mit ›heiligen‹, nicht näher definierten und definierbaren Begriffen seiner betreffenden Tradition umher, die aber beim anderen in gleich undefinierter aber ganz anderer Tradition leider eine ganz andere Wirkung haben, oder eben einfach gar keine.

Ja, ad eins, ich fühle mich als Christ den Sowjetmenschen sehr verpflichtet, aus großem Mitleid. Ihnen fehlt nämlich Gott so schmerzlich, und sie wissen absolut nicht, wie dem zu begegnen, sind ganz verloren und verzweifelt in ihrer Sackgasse, weil sie doch ein- für allemal Gott und ›Religion‹ für Mumpitz erklärt haben. Das große Wunder der ›Wende‹ ist nun von Gott geschehen, und auf einen Schlag sind wir Christen nicht nur für sie wieder menschenwürdig, sondern tief drinnen, beneidet. So ist es immer mit Christen unter den Weltmenschen gewesen. Da müssen wir eine Sprache finden, die wohl ganz genau die Wahrheit ist, aber eben in ihr Denkvokabular passt. So macht es doch Gott mit uns in der Bibel! Bibelübersetzer kamen zu den Eskimos. Was ist nun das ›Lamm Gottes‹? Schafe gab es bei denen nicht; sie konnten nicht verstehen, was Gott damit meinte. Kamen die Übersetzer auf eine gute Idee: Wer ist hier überall verfolgt und wehrt sich nicht? Voilà, der ›Seehund Gottes‹! Das war doch statthaft? Dabei ist das Lamm selber auch schon nur so ein Vergleich. Gott ist doch nicht so ein dummes Bäh-Tier!

Und ad zwei, was ist eine ›Person‹, bitteschön, wenn der heilige Geist eine sein soll? Sieh mal, ohne so eine freundliche und friedliche Definition kommen wir doch zu gar nichts.

Was stellen sich, sagen wir, tausend Menschen unter einer ›Person‹ vor? Ich will’s dir sagen, in diesem Fall ist’s einfach. Wir beziehen das Wort vom Menschenbegriff her, wie wir ja auf Englisch auch Person sagen, wenn wir nicht sexist sein wollen und uns nicht aufs Geschlecht festlegen, etwa ›Business-person‹. Also da sehen wir im Nebel etwas, ist es ein Baum oder eine Person, das heißt, ein Mensch, nichts weiter.

Was wissen wir vom heiligen Geist? Niemand hat ihn gesehen. Wir haben zum Behauptungen-Aufstellen wirklich viel zu wenig Aussagen. Nur eines wissen wir in Bezug auf die Frage ›Person?‹ ganz genau: Eine Person, also ein Mensch, ist er nun gerade absolut nicht

»Ich meine, Er kommuniziert mit uns auf persönlicher Basis, kennt mich genau, ist keine kalte Maschine!«

»So? Was sagt er denn, wenn er mit dir kommuniziert? Du weißt doch, da gibt es die christliche Richtung, die jede Offenbarung anders als die Bibel allein, leugnet. Denn die Pfingstler haben andererseits zuviel Wirbel gemacht, die ihn ja nun ganz ›persönlich‹ kennen wollen. Ich selbst habe aber auch nicht eine stichhaltige Vorhersage oder Behauptung gehört, die ihnen der Geist persönlich gesagt haben soll, anders als etwa selbstverständliche, wie: morgen wird die Sonne aufgehen! Wo sie sich wirklich festlegten, war’s immer falsch. Und es gab keine stichhaltige Krankenheilung, wo’s nicht a) reine Einbildung und gar keine Krankheit von vornherein war b) auch ohne das geheilt wäre, oder c) keinen Rückfall etwa des ›weggebeteten‹ Krebses, gegeben habe, über den sie dann natürlich überhaupt kein Geschrei mehr gemacht haben, sondern den Fall clam heimlich unter den Tisch fallen ließen! Und wenn wir alle mit Wundern Krankheiten zu heilen anfingen, pfuschten wir ja in Gottes Plan, dass alle Menschen sterben müssen! Da ist doch wieder das Renaissancebild dahinter, dass wir guten Menschen das Böse bekämpfen müssten, und kein Platz für Gottes doch so viel weiseren Gesamtplan auch dessen, was uns nicht passt!

Jesus treibt eine ›Legion‹ böser Geister aus einem Besessenen, der so wild war, dass ihn keine Ketten binden konnten, denn er konnte sie alle zerreißen. Er weiß auch, was andere nicht wissen, denn er spricht Jesus gleich so an: ›Was willst du von uns, Jesus, Sohn Gottes des Allerhöchsten?‹ Damit tut er unerhörte Taten, die ein Unbesessener nicht tun könnte. Dennoch ist alles aus so einer – hier aus übler Quelle stammenden – Computereinspeisung zu deuten. Was hätten wohl unsere Steinzeit-Vorfahren gesagt, wenn sie einen von uns heute im Hubschrauber auf ihrem Felsen hätten landen und aussteigen sehen? (wie Hesekiels Schau). Und doch ist beides aus Geist zu verstehen, Geschichte, Entwicklung und schließlich Bau dieser Wundermaschine, einer Kette von Axiomen, wie eingespeiste französische Grammatik!

Und was deine ›kalte Maschine‹ angeht, will ich mal so kontern. Ein Arzt soll dich auch persönlich kennen und behandeln. Das könne keine Maschine, heißt es. Ich sage, das ist nur eine Frage der Gigabytes, also der Weiterentwicklung schon in sehr naher Zukunft. Ein solcher Diagnose-Computer wird dann nämlich mehr wissen, als es ein Arzt kann und unbestechlicher sein. Die ›kalte Maschine‹ wird dich dann schneller und billiger, ohne Müdigkeit auch morgens um zwei, ohne je schlechte Laune und uns wesentlich besser ›verstehen‹, diagnostizieren und behandeln als deine ›Person‹ des alten Arztes. Deine Vorstellung von ›kalter Maschine‹ stammt noch aus einer Zeit, wo solche Maschinen über den Kamm scheren mussten, weil sie nicht genug wussten, übrigens junge oder werdende Ärzte genauso. Wenn der heilige Geist keine ›Person‹ sein soll, sondern nehmen wir mal an, eine ›Maschine‹, dann ist doch selbst da schon vorstellbar, dass er doch wohl über Information genug über jeden Menschen verfügen könnte. Das vorzustellen, haben wir doch keine Schwierigkeiten mehr in unserem Zeitalter, also käme er dir so schon viel ›persönlicher‹ vor.«

»Na schön, aber wir glauben an den Heiligen Geist als die dritte Person des dreieinigen Gottes!« sagt wieder Jim.

»Wie habt ihr mich neulich verkohlt? ›It ain’t necessarily so! Da gab es doch die Reformation. Die versuchte, mit all solchen unbewiesenen Zöpfen der römischen Kirche aufzuräumen, und sich nur auf das unfehlbare Wort Gottes allein, die Bibel, zu verlassen.

So, und wo steht nun das Wort ›Dreieinigkeit‹ in der Bibel? Du kannst es nicht finden! Es gibt die Zwei, Vater und Sohn, auch wenn ›Drei‹ eine noch so ›heilige‹ Zahl sein soll! Wo immer von Geist gesprochen wird, ist immer der Vater gemeint oder Seine Wirkung an uns, Der ja selbst schon Geist ist, wir brauchen es doch nicht zweimal, wenn der eine schon perfekt ist. Einen Anklang könnte man allein aus Matthäi am letzten herleiten, wo Jesus uns befiehlt, sie alle zu taufen ›im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes‹. Aber daraus lässt sich kein ›dreieiniger‹ Gott herleiten. Vielleicht meint er den Sohn und den Geist, den Vater, Der zu uns manchmal auch in direkter Geistesgestalt einwirkt, wie zu Pfingsten.

Ich sage dir was: ebenso sind es vier, und gerade der Vierte, den wir gar nicht Gott nennen, wird im Evangelium ausdrücklich als solcher bezeichnet: Das Wort! Da heißt es am Anfang des Johannesevangeliums: ›Gott war das Wort.‹ Voilà, der viereinige Gott! Sofort müssen wir Gott dem Worte auch noch einen Altar bauen! Was ich damit sagen will? Ebenso ist der ›heilige Geist‹ aus dem Zusammenhang zu verstehen, nämlich als Gott Vater einmal von anderer Perspektive aus gesehen.

Die Antwort ist klar, wenn man den Sinn versteht, nicht den ›tötenden Buchstaben‹. Klar, Gott ist Prinzip, ist erschaffende Kraft, ist was auf Griechisch ›Logos‹ heißt, alles, ohne eine weitere ›Person‹ zu sein, die Er ja schon im Singular in diesem Sinn also nicht ist.«

»Du glaubst also nicht an die Dreieinigkeit?«

»Nein. Und auch nicht an Maria zum Anbeten oder all die anderen ›Heiligen‹ – das ist abscheulichste Abgötterei! Die göttliche Mutterfigur mit dem Kind im Arm soll ursprünglich aus Babylon stammen; das wird noch sündiger als unsere alte Germanen- und Griechen-Abgötterei! Daher kommt die mittelalterliche Idee mit der göttlichen Familie der Blutverwandten, die Jesus deutlich zurückweist. Ich glaube nicht an ›Sakramente‹, die auch nicht in der Bibel stehen, Weihnachten als Christi Geburt, oder gar sich Gnade erkaufen durch eigene ›Gute Werke‹! Nicht an Gott sei gegenwärtig in einem Stück Brot, anders als sonst in der Welt, Wiederholung des Opfers am Kreuz in jeder ›Messe‹, Priesterweihe durch Menschen, Teufel als Gottes gleichberechtigten Gegner, Taufen jedes Geburtsproduktes und was all des katholischen widerbiblischen Schnickschnacks noch sei, oder auch nur ›war‹; denn fairerweise müssen wir anerkennen, dass sie sich schon in Vielem gebessert haben.

Ich weiß nicht, warum die römische Sekte so an dieser ›Dreieinigkeit‹ festhält. Sie haben sich schon bei den zehn Geboten so blamiert, wo sie das zweite gestrichen haben, weil es Bildnisse von Göttlichem zum Anbeten verbietet. Es macht ihnen nichts, wie der letzte Gedanke der Offenbarung verbietet, von Gottes Wort nach Belieben wegzustreichen, aber auch hinzuzufügen, wie ich in diesem Zusammenhang zeigen will.

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Jemand, nichtmal ein Katholik, predigte über die ›Dreieinigkeit‹, da ging ich dem nach, das öffnete mir die Augen. Er zitierte gerade den, wie er meinte, ersten Johannesbrief, den ich so liebe, Kapitel fünf. Da steht:

6. Dieser ist’s, Der da gekommen ist mit Wasser und Blut, Jesus Christus; nicht mit Wasser allein, sondern mit Wasser und Blut; und der Geist ist’s, der da Zeugnis gibt, denn der Geist ist die Wahrheit.

    1. Denn drei sind’s, die da Zeugnis geben: der Geist und das Wasser und das Blut;
    2. und die drei stimmen überein.
    3. Wenn wir der Menschen Zeugnis annehmen, so ist Gottes Zeugnis größer; denn das ist Gottes Zeugnis, dass Er Zeugnis gegeben hat von Seinem Sohn.

Nun zitierte er also dagegen als 1. Joh. 5, Vers 7 und 8 das folgende«

Hier vergeht wieder einige Zeit, weil sich Mischa wieder die andere Bibel sucht, die in USA immernoch beliebte King-James-Übersetzung, nur da heißt es so, nicht einmal bei Luther, der doch früher kam. Endlich liest er vor:

    1. Drei sind’s, die Zeugnis geben im Himmel, der Vater, das Wort und der Heilige Geist; und diese drei sind eines.
    2. Und es sind drei, die Zeugnis geben auf Erden, der Geist, das Wasser und das Blut, und diese drei stimmen überein.

»Der Rest ist wieder gleich. Wie beim Weglassen des zweiten Gebotes haben sie’s wieder verstanden, doch ›zehn Gebote‹ daraus zu machen, indem sie dann das zehnte in zwei teilten. Und hier ist es auch ab Vers 9 wieder gleich, auch mit der Versnummerierung, weil sie die ›Übereinstimmung‹ von Vers 8 noch zu Vers sieben geschlagen haben. Da erhielten sie einen ganzen neuen Vers 8, ihr falsches Evangelium unmerklich einzufügen.. Aber versteht ihr den Renaissancegeist? Eine andere göttliche Zusammensetzung im Himmel als die auf Erden! Zeus, Obergott im Himmel, und Prometheus, der Gott der Erde! Und dass ›Wasser‹ ebenso wie ›Blut‹ nur auf Jesus deuten, sagt er ja selbst im gleichlautenden Vers 6. Bleiben Jesus und Geist, Zwei in drei Zeugnissen.

Ein Freund schlug mir über seinen Computer im ›Internet‹ mehrere Übersetzungen auf, unter anderem das griechische Original. Alle stimmten mit der ursprünglichen Fassung überein, nur nicht King James. Aber es gab dort eine Fußnote, dieser Zusatz sei im frühen sechzehnten Jahrhundert hinzugefügt. – Nanu? Das war doch gerade nach der oder um die Reformation!

Also Johannes’ originaler Brief sagt, Wasser und Blut, beide Symbol für Jesus Christus, die Taufe und Sein Tod, das und ›der Geist‹ gebe Zeugnis. Also da sind’s zwei, und weil Gott Geist ist, wird klar, dass damit Gott Vater gemeint ist. Keine ›dritte Person‹ als Geist erwähnt! Oder Gott Vater draußen gelassen! Also gemeint sind die Propheten, die es von Gott her ankündigen, ebenso etwa die Stimme bei Jesu Taufe, »Dies ist mein lieber Sohn, an dem Ich Wohlgefallen habe«, dann die Wassertaufe und Jesu Tod sagen für uns alle dasselbe aus. Gott der Vater ist Geist und wirkt auch als solcher. Bei Jesu Taufe erscheint Gott Vater, der Geist, mittelbar: Er ist nicht die Taube, die sich niederlässt, ebenso wenig das Brot bei jeder Messe, ebenso nicht die Stimme, schon gar nicht eine ›andere Person‹. »Dies ist Mein lieber Sohn,« sagt die Stimme? Also wer spricht? (Und den heiligen Geist als Person bezeichnen ja auch die Katholiken nicht als Vater Jesu.) Er spricht indirekt als Geist. Und dieser »Geist« nennt Jesus Seinen Sohn! Da bleibt ja keine Rolle für Gott den Vater1 Eine Stimme im Telefon ist nicht der Mensch selber gegenwärtig, der sitzt an seinem Telefon, etwa in Europa! Aber was wir da hören, ist verlässlich er, seine Stimme, sein Logos, sein Geist. Also in meinem Bild: Gott als Anrufer in Europa, Stimme im amerikanischen Kopfhörer ist der von Ihm zeugende Geist. Das wird auch klar bei Jesu Taufe, und daher kam mir das Bild, als

›der heilige Geist wie eine Taube herabkommt, und eine Stimme von oben verkündet: Dies ist mein lieber Sohn. . .‹

Aber unser Schmierfink, der da einfach in Gottes Wort pfuscht, zwingt sie in den Widerspruch zu Johannes und Gott, auf Drei: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, damit partout Vater und Geist in verschiedene ›Personen‹ getrennt seien! Aber wenigstens lässt er’s auf Erden noch bei Gottes Wort – und die Zusätze ›im Himmel‹ und ›auf Erden‹ sind ebenso reine hinzugefügte Phantasie. Wie nun diese Lügerei in die doch schon protestantische King-James Bibel geraten ist, bleibt mir verborgen.

Und mein Baptistenprediger ›beweist‹ nun einen heiligen Geist als dritte Person dieserart ›aus der Bibel‹!

Im Johannesevangelium Kapitel acht, ich denke Vers – äh – achtzehn,« und er blättert wieder, ebenso wie die anderen.

»Ja. Da steht erstmal vorher:

17. Auch steht in eurem Gesetz geschrieben, dass zweier Menschen Zeugnis wahr sei.

18. Ich bin’s, Der Ich von Mir selbst zeuge, und der Vater, Der Mich gesandt hat, zeugt auch von Mir.

Abgesehen davon, dass es zwei Menschen sein sollen, wo bleibt da die dritte ›Person‹? Wenn’s eine gäbe, müsste sie geradezu hier Erwähnung finden! Dazu brauchte Er dann auch sich Selbst nicht zu nennen, denn der ›Angeklagte‹ zeugt ja wohl immer für sich selbst..

Dazu noch ein Witzchen, was aber Pep hat!

Wer ist der Vater Jesu? Klar, wie der Name sagt, Gott der Vater!

Falsch! Es kam nämlich der ›heilige Geist‹ zu Maria als der göttliche Erzeuger! Das wird absolut absurd und gotteslästerlich, wenn man da von zwei verschiedenen ›Personen‹ spricht! Also die ganze ›göttliche Familie‹ entpuppt sich als großer Schwindel, importiert aus Babylon und dann Hellas! Gott ist immer nur Einer.«

»Ich habe noch eine Frage über Seele und Geist,« sagt Bob, »Was ist deine Definition von Willen?«

»Wieder der ›freien‹, was?« sagt Sonya. Darauf Mischa:

»Den leugne ich überhaupt! Aber ›Willen‹ natürlich muss es geben, etwa wenn es heißt, ›nicht aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren‹.

Der ist auch eine reine Funktion der Seele, also die Leistung der Gehirnzellen, also Gedanken, die Gott genau kennt. Er ist, was ein Individuum sich vorgenommen hat zu tun, nichtmal notwendig ein Mensch. Auch ein Tier oder ein Computer hat so etwas, wenn ihr wollt, zum Beispiel, wenn ich irgendeine Aufgabe einprogrammiert habe, oder ein spielerischer Hund, wenn ich einen Stecken werfe. Nun haben beide den Willen und gehen an die Lösung. Die einfachen Sprachen haben als ›Willen‹ einfach die Zukunftsform, wie wir mit unserem Englisch. Deutsch hat ›will‹ als Willen und ›werde‹ als reine Zukunftsform, dazu noch Sollen als strikten Auftrag. Das hat eine Bedeutung etwa für die zehn Gebote. Wir sagen auf Englisch ›thou shallst not‹, aber shall ist ja auch eine unserer Zukunftsformen. Deutsch übersetzt die Gebote mit diesem Sollen. Plattdeutsch benutzt das Schäll, soviel ich weiß, als reines Sollen.

Aber das kann falsch sein. Hebräisch war zu Moses Zeiten so primitiv, dass es wie Englisch keinen Unterschied machte. Also heißt, ›du sollst nicht töten‹ sowohl der Befehl als auch eine Zukunft, du wirst nicht mehr töten, wenn ich nämlich der Herr dein Gott geworden bin! Die zehn oder auch nur die neun Gebote werden eine Konditionalaussage, wenn nämlich das erste dieser Gebote die Bedingung ist. Wenn Ich der Herr, Dein Gott bin, dann wirst du keine Veranlassung mehr haben, zu anderen Göttern fremdzugehen, Meinen Namen zu missbrauchen, meinen Sabbath nicht zu halten, denn du liebst Mich und wirst aus Freude tun, was Ich von dir will, wirst deinen Nächsten lieben und nicht im einzelnen gegen ihn sündigen. Und das mag eine wunderbare Prophezeihung auf das Neue Testament sein, über das die alten Propheten weissagten:

›Ich will euer Herz aus Stein entfernen und euch eines aus Fleisch geben, und ihr werdet Meine Gebote von innen heraus tun.‹

Wir werden in Gott keine Veranlassung mehr haben zu sündigen. Aus dem strikten deutschen ›Du sollst nicht‹ wird eine herrliche sündlose Freiheit in Gott, Der ja, aus Peinlichkeit in diesem Punkt oft einfach totgeschwiegen, tatsächlich nicht nur die Macht, Wunder zu wirken, sondern auch Sündlosigkeit für Seine Auserwählten schon hier auf Erden verspricht!«

Sie trennen sich später heute als beabsichtigt. Dabei war Mischas Besuch nur eine Stipp- und Stehgreifvisite.

»Dabei fällt mir zum Glück noch rechtzeitig ein – « sagt er zum Abschied,

»Sonya, du hast da diese interessante neue Bibelübersetzung, da bin ich am was Zusammenstellen. Kann ich wohl deine Bibel ein paar Tage ausleihen? – Bis Sonntag, wenn ich mich beeile, bring ich sie noch vor der Kirche wieder, oder wenigstens am Vormittag.«

»Da brauch’ ich diese dicke nicht. Du kannst sie später wiederbringen.«

»Zaubere dir doch eine originale Kopie mit deinem Verdopplungsstab!« neckt Diane. Worauf sie mit dem »Verdoppelungsstab«, sich selbst noch unbewusst, symbolisch nach Freud, anspielt, wird sich am nächsten, dem erwähnten, Sonntag herausstellen!

Dann trennen sie sich.

Aber den Fatalismus haben sie immernoch nicht behandelt!